Die HSV-Reform – ein zukunftsweisender Weg?

Mitte November 2013 trat der Vorsitzende des Aufsichtsrates des HSV, Manfred Ertel, beim lokalen Fernsehsender Hamburg1 auf und warb dort vehement, angeblich dort nur als „Privatmann und einfaches Vereinsmitglied“ sitzend, für das von ihm offen unterstützte Reform-Modell. Ich nehme dies zum Anlass, um seine Aussagen im Folgenden näher zu beleuchten. Es geht mir dabei nicht in erster Linie um die Person Ertels, sehr wohl aber um die Stichhaltigkeit seiner Aussagen, da ich denke, dass sie stellvertretend für die Denke der Unterstützer des Reformkonzepts stehen.

1. Behauptung: Der HSV e.V. als angeblich wahnsinnig hoch angesehenes Modell und Vorbild

Erneut wurde Ertel nicht müde, dies zu behaupten, ohne dass er je Ross und Reiter nannte, also Belege lieferte. Es stellen sich daher gleich mehrere Fragen:

a.) Wenn es überhaupt jemanden gibt, der den HSV um seine gegenwärtigen Strukturen beneidet, wer soll das sein, und wäre deren Meinung maßgeblich? Tatsache ist: Aus den Führungsetagen der Bundesliga oder einer ausländischen Top-Liga ist mir nicht eine einzige Stimme bekannt, die die gegenwärtige Struktur des Vereins befürwortet. Im Gegenteil! Es lassen sich mit Leichtigkeit dutzende entsprechender Stimmen finden, die die Probleme des Vereins u.a. in seiner Struktur verorten. Die Reformer ignorieren hier stets, und man muss wohl annehmen bewusst!, dass sich in der Vergangenheit nicht zuletzt viele Ex-Profis des Vereins auch ausgesprochen kritisch zur Struktur äußerten. Es hat sich unter den angeblich vorbildlichen Bedingungen (außer Barbarez) kaum jemand jemals zur Mitarbeit finden lassen. Wie erklären die Reformer aber, dass sich inzwischen doch einige dieser Profis explizit für das Konzept HSV+ engagieren? Es verwundert nicht, dass auch Ertel nebulös von klugen und angesehenen Persönlichkeiten spricht, die das Reformkonzept erarbeitet haben und unterstützen. Denn es gibt bisher offenbar praktisch keinen wirklichen (ehemaligen) Brancheninsider, der ihre Sicht der Dinge teilt.

b.) Was es aber als Bewunderer der gegenwärtigen HSV-Struktur u.a. zu geben scheint, sind Fanclubs, insbesondere aus dem In-und Ausland. Letztere sind dort mutmaßlich mit der kompletten Übernahme ihres Heimatvereins durch Investoren konfrontiert worden. Es darf also gefragt werden, ob diesen Menschen tatsächlich die Struktur des Vereins, ihre (steuer-)rechtlichen Konsequenzen und z.B. die in Deutschland unverändert geltende 50+1-Regelung bekannt ist. Um es hier kurz zu halten: Meiner Meinung nach sind diese Stimmen irrelevant. Ich bin darauf hier schon anderweitig eingegangen und erspare mir daher eine weitere Begründung.

c.) Wenn der HSV e.V. als unverzichtbares Vorbild dienen soll, wie wollen die Reformer dann erklären, dass der HSV in Deutschland einer der letzten Vereine ist, der seine Profifußball-Abteilung bisher nicht ausgegliedert hat? Oder anders gefragt: Wie wollen sie erklären, dass die weit überwiegende Mehrheit der anderen Bundesligisten ganz offensichtlich einen anderen Weg gewählt hat, ihnen also ein Fortbestehen in einer Struktur als e.V. keineswegs als Vorbild geeignet erschien? Sind die alle auf dem Holzweg?

2. Behauptung: der HSV hat bisher gute Erfahrungen mit dem Mitspracherecht seiner Mitglieder gemacht

Es lohnt, in die Historie des Vereins zurückzublicken: Festzuhalten ist zunächst, dass die Profiabteilung des HSV e.V. spätestens seit 1987 (Gewinn des DFB-Pokals) notorisch nicht erfolgreich war, wenn man sie an den eigenen Ansprüchen als potenzieller Meisterschaftsaspirant und Titelgewinner misst. Zwischenzeitlich war die damalige Mannschaft qualitativ derart abgewirtschaftet, dass schon die kurzzeitige Karriere des damaligen Innenverteidigers, Ingo Hertzsch, in der Nationalmannschaft bejubelt werden konnte musste. Aus Sicht der Profiabteilung können die Jahre zwischen 1987und 2002/2003 (Amtsantritte von Beiersdorfer/Hoffmann) getrost als graues Mittelmaß zusammengefasst werden. Man bemerke: Das waren je nach Sichtweise immerhin 15 oder 16 Jahre!

Erst durch die Verpflichtungen von Dietmar Beiersdorfer und nachfolgend Bernd Hoffmann/Katja Kraus kam die offenbar zuvor lange Zeit in den Ämtern schmerzlich vermisste Kompetenz in den Verein (Die Ära Bruchhagen klammere ich hier aus Platz-und Zeitgründen aus). Der HSV bediente sich ab diesem Zeitpunkt bei seinen Transfers vornehmlich in den Niederlanden, nahm für seine bis dahin bestehenden Verhältnisse relativ viel Geld in die Hand und verpflichtete hochtalentierte Spieler, die man nach wenigen Jahren mit erheblichen Erlösen weiterverkaufte. U.a. Boularouz, Matthijsen, van Buyten und van der Vaart kamen, erhöhten die sportliche Leistungsfähigkeit und Attraktivität, sorgten so auch für einen explosionsartigen Mitgliederzuwachs. Das bereits im Sommer 2000 fertiggestellte neue Stadion tat ein übriges, um die Massen wieder für den HSV zu begeistern.

Ab Juni 2009 (Demission Beiersdorfers) fehlte erneut entscheidende Kompetenz im sportlichen Bereich des Vereins. Der von den Mitgliedern(!) gewählte damalige Aufsichtsrat, u.a. auch besetzt durch die SC-Vertreter(!), versäumte es, dem allein verbliebenen Führungsduo einen neuen Sportdirektor an die Seite zu stellen. Ein schweres Versäumnis, dass letztlich erst im Mai 2011, mithin erst fast 2 Jahre später!, durch die Verpflichtung Frank Arnesens behoben werden konnte. So unterliefen Hoffmann in der Zwischenzeit folgenschwere, da erhebliches Kapital des Vereins vernichtende personelle Fehlentscheidungen, wie etwa bei dem noch von Hoffmann wohl gegen alle Widerstände verpflichteten Spieler Marcus Berg. Allein dieser eine Transfer dürfte ein Gesamtpaket von ca. 20 Millionen Euro gekostet haben, ohne dass der Verein nennenswert sportlich oder finanziell profitiert hätte.

Dies alles geschah unter den bisherigen, angeblich vorbildlichen Bedingungen. Dies alles geschah auch trotz – möglicherweise aber gerade auch aufgrund! – der Mitsprache der Mitglieder. Es waren letztlich die Mitglieder, die inkompetente und geschwätzige Aufsichtsräte wählten. Und es war auch der im Zuge des zwischenzeitlich explosionsartigen Mitgliederzuwachses installierte Supporters Club (SC), der mittelbar durch seine Vertreter im AR ins operative Geschäft eingriff, bzw. auch einen gewichtigen Anteil der Verantwortung dafür trägt, dass dies im Falle der Vakanz auf dem Sportdirektorenposten viel zu lange versäumt wurde. Tatsächlich verhinderten die Mitglieder durch ihr angeblich (laut Ertel) zu lobendes Mitspracherecht, dass etwa ausgewiesene Fachleute wie Olaf Kortmann in den Aufsichtsrat gewählt wurden. Es waren die Mitglieder, denen populistische Auftritte, wie das demonstrative Hervorzaubern eines HSV-Trikots bei der Kandidatenvorstellung, als Ausweis vermeintlicher Kompetenz ausreichten!

Ich behaupte daher, dass das weitläufige Mitspracherecht der Mitglieder dem HSV für dessen Kerngeschäft Profifußball mehr geschadet als genutzt hat. Es fehlt(e) an Kompetenz auf fast allen Ebenen. Die s.g. Schwarm-Intelligenz, auf die die Reformer unverändert zu setzen scheinen, hat sich längst als kontraproduktiv erwiesen. Wenn viele keine Ahnung von den tatsächlichen Erfordernissen des Profigeschäfts besitzen, besteht die unveränderte Gefahr, dass sich Mehrheiten bei ihren Wahlentscheidungen mangels eigener Kenntnisse und fachlich-sachlicher Kriterien nach Fehlinformationen oder populistisch gelungenen Spektakeln richten. Dies war in der Vergangenheit nachweisbar beim HSV der Fall.

3. Behauptung: der HSV hat kein Schuldenproblem, sondern wenn überhaupt ein Liquiditätsproblem

Ertel verharmlost die finanzielle Situation, in dem er suggeriert, letzteres sei weniger bedeutend. Ich mache es hier kurz und verweise stattdessen im Wesentlichen auf die inzwischen hoffentlich bekannte, da vorzügliche Analyse bei Spielverlagerung.de

4. Behauptung: es gibt in der Bundesliga kein Beispiel dafür, dass der Verkauf von Anteilen nachhaltig zum Erfolg führt.

Die Reformer spielen bei dieser Thematik zwischen den Zeilen mit etwaigen Ängsten der Mitglieder vor Investoren, die etwa nach englischem oder französischem Vorbild einen Verein komplett übernehmen. Man könnte es sich leicht machen und entgegnen, dass gerade und nicht zuletzt der HSV in seinen derzeitigen Strukturen ein Paradebeispiel für mindestens 30 Jahre Misserfolg darstellt. Schließlich warten seine Mitglieder und Fans seit 1983(!) auf eine weiteren Meistertitel, während gleich mehrere Vereine in diesem Zeitraum u.a. Deutscher Meister wurden. Hier eine Übersicht über diese Vereine, die Anzahl der Meisterschaften in diesem Zeitraum und die Rechtsformen der Lizenzspielerabteilungen:

FC Bayern München, 16, AG

BvB Dortmund, 5, GmbH & Co KGaA (als einziger Verein an der Börse)

Werder Bremen, 3, GmbH & Co KGaA

VFB Stuttgart, 3, e.V.

FC Kaiserslautern, 2, e.V.

VfL Wolfsburg, 1, GmbH

Auf den ersten Blick zu erkennen ist, dass hier nur noch zwei Vereine als e.V. geführt werden, von denen einer gleich mehrfach in die 2. Liga abgerutscht ist (K’lautern), wo er auch derzeit spielt. Von 30 vergebenen Titeln entfallen lediglich 5 auf Vereine, die unverändert als e.V. geführt werden. Angesichts derartiger, eindeutiger Zahlen darf man die obige Behauptung also mindestens bezweifeln. Die Titel fehlen, sogar das Abrutschen in die 2. Liga lauert, die Gefahr einer Insolvenz des Gesamtvereins droht dort, wo man an der Struktur eines e.V.s festgehalten hat. Das erwähnt nicht nur Herr Ertel nicht. Verschweigen will ich aber nicht, da stimme ich Herrn Ertel grundsätzlich zu, dass Ausgliederung und Anteilsverkauf, also viel Geld, nicht automatisch Stabilität und Erfolg garantiert, wie das Beispiel Dortmund nach dem Börsengang zeigte (Das behauptet übrigens auch keiner von HSVplus.). Eine gewichtige Rolle, möglicherweise die entscheidende, spielen verantwortungsbewusster Umgang mit dem Geld, letztlich also tatsächliche Sachkompetenz im Geschäft Profifußball. Genau daran scheint es aber dem HSV gerade in den bestehenden Strukturen zu fehlen.

5. Behauptung: die Vergangenheit hat gezeigt, dass man Geld generieren und Erlöse steigern kann, ohne Anteile zu verkaufen.

Das kann man zweifellos, sofern tatsächlich ausreichend Sachkompetenz und eine vernünftige Strategie vorhanden ist, wie sie der HSV zwischen 03 und 09 besaß (s.o). Der Nachweis, dass dies auch für den derzeitigen Vorstand des HSV zu unterstellen ist, wurde m.E. bisher nicht erbracht.

6. Behauptung: es besteht keine Notwendigkeit zur Ausgliederung, da der HSV in seinen gegenwärtigen Strukturen hoch attraktive Möglichkeiten für potenzielle Geldgeber bietet. Stichwort: Stadionverkauf, Verkauf des Stadionnamens oder später des Campus

Hier werden letztlich nur vage Hoffnungen gestreut, deren Substanz und Realitätsgehalt man derzeit heftig bezweifeln muss. Was sollte einen Mäzen und/oder Finanzier reizen, das Stadion (oder anderes) zu kaufen? Und wenn das angeblich so hoch attraktiv ist, wie Herr Ertel unverdrossen behauptet, warum ist das bisher denn nicht gelungen? Und selbst wenn das gelingen sollte – der HSV ist doch bereits Spitzenreiter der Liga im Verscherbeln seines Stadionnamens. Wo also läge der finanzielle Mehrerlös? Kaufte bspw. Mister „X“ das (gesamte) Stadion – was soll er damit anfangen? Ein Stadion muss bespielt werden, damit es sich der Kauf tatsächlich lohnt. Dafür reichen keine zwei Heimspiele im Monat. Dafür bräuchte man ein klares Nutzungskonzept. Andernfalls wäre es reine Geldverbrennung. Und Herr Kühne bspw. mag zwar ein großer Fan des Vereins sein – sein Geld hat er sicher nicht durch einen übermäßigen Hang zur Sentimentalität erwirtschaftet. Realistisch erschiene hier schon eher der Erwerb des Stadionnamens, um es von andauernden Umbenennungen zu befreien. Aber außer, dass man in diesem Fall eine erhebliche Einmalzahlung (statt mehrerer einzelner) erhielte, würde sich prinzipiell zunächst wenig ändern. Und hier fiele dann Ertels Argumentation auf sich selbst zurück. Auch mit dieser Einmalzahlung müsste schließlich kompetent und verantwortungsbewusst umgegangen werden. Damit wäre ich wieder bei der von mir unterstellten fehlenden Sachkunde der derzeitig Verantwortlichen im Verein. Dass da in den bestehenden Strukturen so kluge Leute am Ruder sind, das muss man nach 30 Jahren Misserfolg, permanenten Personal- und Konzeptwechseln (sofern Konzepte überhaupt vorhanden!) ausdrücklich bezweifeln.

7. Behauptung: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen sportlichem Erfolg und der Struktur des Vereins, wie angeblich das Beispiel Werder Bremen belegt. Man muss doch nur die richtigen Ideen haben und klug wirtschaften.

Nein, belegt es eben nicht! Werder hat in den vergangenen dreißig Jahren diverse Titel gewonnen, auch, weil dort Fachleute kontinuierlich arbeiten konnten. Beim HSV herrscht stattdessen permanenter Wahlkampf, massive Grabenkämpfe, Indiskretionen und eine traditionalistische Fundamentalopposition (u.a. gewisse SC-Anhänger), die glaubt, man habe „Ahnung vom Fußball“. Richtig ist allein, dass Ausgliederung allein kein Allheilmittel wäre. Teure Fehlentscheidungen können in jeder Struktur fallen. Man kann jedoch begründet annehmen, dass die Wahrscheinlichkeit stiege, dass man zukünftig tatsächlich sachkundige Profis für die Mitarbeit gewinnen könnte. Noch einmal daher die Frage: Warum unterstützt von denen keiner das Reformkonzept? Warum war in den 30 (!) Jahren keiner trotz angeblich großartiger Struktur zu gewinnen? So ganz scheinen Ertel und die Reformer aber der eigenen Argumentation nicht zu trauen, wie man an der nachfolgenden Behauptung ersehen kann.

8. Behauptung: durch kooptierte Beiräte zu mehr Kompetenz, oder der nicht zumutbare Weg über die Mitgliederversammlung und seine Konsequenzen

Warum kann es Hamburger Persönlichkeiten „nicht zumutbar“ (Ertel wörtlich) sein, sich ggf. einer Mitgliederversammlung zu stellen? Er selbst behauptet doch, dass das Mitspracherecht der Mitglieder ein hohes Gut sei und stellt es als unverzichtbar hin!

Mitsprache ist also nur lange unverzichtbar, wie es die Reformer definieren?

Man muss sich das dann in der Praxis vorstellen. Laut Reformvorschlag hat der kooptierte Beirat kein Stimmrecht, also am Ende nichts zu sagen. Er würde aber, dessen darf man sich gewiss sein, sofort nach seiner Installation durch die Medien gezerrt und für alle Vorstandsentscheidungen mindestens von der großen Mehrheit der Fans und Mitglieder in Sippenhaft genommen werden. Wer sollte sich das antun? Auch hier noch einmal zur Erinnerung: Es fehlte in den vergangenen 30 Jahren an Kompetenz im Verein, immerhin wäre aber ein entsprechend Mitwirkender durch die Mitglieder legitimiert und mit vollem Stimmrecht ausgestattet worden. Dennoch (!) hat man niemanden gewinnen können. Mir erscheint auch bei dieser Idee nur „das Prinzip Hoffnung“ Pate gestanden zu haben.

9. Behauptung: Man kann die Schulden abbauen und gleichzeitig sportlich nachhaltig die Mannschaft entwickeln, wenn man kreativ ist.

Der ehemalige Geschäftsführer Bayer Leverkusens, Holzhäuser, drückte es so aus: „Profifußball heißt: Sport ist Maximum bei ausgeglichener Finanzstruktur“. Ein anderer Manager sagte einmal sinngemäß noch pointierter: Einen Bundesligaverein zu führen, bedeutet grundsätzlich, alles verfügbare Geld in die Mannschaft zu stecken, während jederzeit die Pleite lauert. Warum? Weil am Ende eben Geld doch Tore schießt. Dazu später mehr.

10. Behauptung: man braucht u.a. nur wieder etwas Glück bei Transfers (oder die Legende vom Glück und Pech)

Richtig ist, dass jeder Transfer ein gewisses Risiko beinhaltet. Aber dieses Risiko lässt sich durch sachkundiges Scouting (ich zähle hier der Einfachheit halber externe Dienstleister hinzu) und eine entsprechende Transferstrategie deutlich reduzieren. Ohne ins Detail zu gehen, und um es möglichst kurz auf den Punkt zu bringen:

Je weniger finanzielle Möglichkeiten ein Verein besitzt, desto abseitiger sind die Märkte, auf denen er für kleines Geld fündig wird. Je abseitiger die Märkte (man denke an die damaligen Georgier beim SC Freiburg), desto größer die Unsicherheit, ob ein Spieler, der in seiner heimatlichen Liga heraussticht und funktioniert, dies auch dann unter den realen Bedingungen der Bundesliga leisten würde. Dort aber spielt letztlich die alles entscheidende Musik! Das ist einer der Gründe, warum z.B. Bayern München in Ruhe abwarten kann, ob ein Spieler tatsächlich im Vergleich der Bundesligavereine als überdurchschnittlicher Leistungsträger und Spitzenspieler auffällt. Man kauft dort eben nicht (jedenfalls nicht in erster Linie), um die Konkurrenz zu schwächen, sondern weil das Risiko bspw. seinerzeit bei einem Dante überschaubar war, denn der hatte bei Gladbach seine Klasse längst über einen längeren Zeitraum konstant nachgewiesen. Der Faktor „Glück“ blieb also für die Bayern überschaubar. Je mehr Geld man zur Verfügung hat, desto kleiner wird die Abhängigkeit vom Glück. Natürlich tritt hier prinzipiell die Kompetenz der Scouts hinzu. Es ist also nicht grundsätzlich ausgeschlossen, dass auch die Scouts eines finanziell klammen Vereins (wie des derzeitigen HSVs) eine echte Perle entdecken. Aber Glück hat man oder eben nicht! Je mehr Geld ich habe, je mehr Kompetenz ich finanzieren kann, desto weniger werde ich als Verein allein vom Glück abhängig. Ganz zu schweigen davon, dass ich das Ringen um die Verpflichtung eines Talents wahrscheinlich verliere, sobald die Big Player mit dem größeren Scheckbuch und der Aussicht auf internationale Spiele locken. Das sind ebenfalls Gründe, warum ich den derzeitigen Kurs des HSV, der nur aus Einsparungen auf allen Ebenen zu bestehen scheint, sehr kritisch sehe. Prinzipiell müssen erhebliche, zusätzliche Gelder generiert werden, damit der HSV weniger vom Glück abhängig wird. Außerdem sollte man eins klar sehen: In den letzten Jahren ist auch der finanzielle Abstand zu den Branchenführern der Liga um dutzende, z.T. hunderte Millionen Euro gewachsen. Die ersten zwei, drei Tabellenplätze, die die CL und damit allein das große Geld garantieren, sind praktisch fest vergeben.

11. Behauptung: über „Europa“ zurück in die Erfolgsspur

Bruchhagen (bereits 2010 in 11Freunde): „1992 betrug der Unterschied zwischen den Etats von Bayern München und Eintracht Frankfurt 40 Prozent. Heute sind es 500 Prozent. Und es wird immer extremer. Ich will damit nichts schlecht reden. Aber nach 34 Spieltagen steht jeder Verein am Ende wieder da, wo er hingehört. Überraschungen und Ausschläge gibt es kaum…“ (Zitat). Daran sieht man m.E, wie weit inzwischen die Kräfteverhältnisse mit Macht auseinander driften. Das Erreichen der CL wird jedes Jahr ein Stück unrealistischer. Aber nur dort wären sportlich und finanziell die Rückstände, auch dann noch in letztlich kleineren Schritten, aufzuholen. Die Teilnahme an der EL kostet prinzipiell bis zum Viertelfinale Geld. Ein etwaiger Imagegewinn für den Verein mag die Vermarktung ein wenig erleichtern, aber auch das dürfte sich erst ab dem Erreichen der Viertelfinale auszahlen. Bis dahin bleibt es ein Risiko und ist gewiss kein solider Weg zu Verbesserung der Ertragsseite, wie einige irrtümlich anzunehmen scheinen. Der HSV bräuchte viel mehr Kompetenz auf fast jeder Position. Kompetenz, die eben nicht, das belegen 25 Jahre ohne Titel, im Verein vorhanden war – trotz angeblich vorbildhafter Struktur und allen Beteuerungen zum Trotz. Eine Strukturveränderung allein wird sie nicht bringen, sie erhöht aber die Wahrscheinlichkeit, dass tatsächliche Fachleute (und eben nicht selbsternannte Tribünen-Experten) für den Verein zu gewinnen wären. Auch ein Ausweis illusionärer Denke scheint mir die letzte These:

12. Behauptung: Wenn das Stadion abbezahlt und der S5-Vertrag ausgelaufen ist, dann wird alles besser!

Wenn mich nicht alles täuscht, dann hätte der HSV als erster Verein der Liga sein Stadion abbezahlt. Dies galt, bis die Führungsgremien des Vereins beschlossen, die Finanzierung zu strecken, um die Liquidität zu sichern. Ein unverändert bestehender, zeitlich befristeter Wettbewerbsvorteil darf also angezweifelt werden. Ohnehin bestünde er aber nur so lange, wie die Mitbewerber noch zur Abzahlung ihrer Stadien gezwungen sind. Danach ist kein klarer Vorteil mehr anzunehmen. Und es bleibt fraglich, ob allein diese frei werdenden 10-15 Millionen Euro, angesichts der bereits angesprochenen jährlichen Differenzen, den Schub bringen, den diejenigen suggerieren, die diese These aufstellen.

Auch die Chancen einer Eigenvermarktung (nach Auslaufen des S5-Vertrages) sind abhängig von dem sportlichen Erfolg und der Attraktivität der Mannschaft. Zudem erforderte sie umfangreiche Vorbereitungen und Investitionen (Infrastruktur, Technik, Personal etc.). Um es auf den Punkt zu bringen: Eine graue Maus interessiert niemanden! Wer aber nur auf Sparen setzt, der steigert nicht, sondern verringert sowohl die Attraktivität der Mannschaft als solcher, und der schwächt in aller Regel auch die sportliche Wettbewerbsfähigkeit. Wo also soll das Geld herkommen, das man für eine Eigenvermarktung investieren müsste?

Fazit: Ertel und die Reformer behaupten viel, nur: sie belegen ihre Behauptungen bisher nicht und bleiben Antworten schuldig. Allein auf das Prinzip Hoffnung, Glück bei Transfers, „Europa“ und ähnlichem zu setzen kommt einer Gleichung mit diversen Unbekannten gleich und stellt eben kein solides Konzept dar. Tatsächlich wird durch die von ihnen selbst aufgestellten Behauptungen ihre zentrale These, man habe nicht zuletzt durch sie Kompetenz im Verein, die sich in dem vorgelegten Reformvorschlägen widerspiegeln würde, eindrucksvoll widerlegt.

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