Psychologie und Sport

Texte, die sich vor allem mit Sportpsychologie oder Psychologie und (Fußball-)Sport beschäftigen.

Auf der Suche nach dem Schuldigen

Der Hamburger SV hat gestern sein Auswärtsspiel gegen die Arminia aus Bielefeld mit 2:0 (2:0) verloren. Er bot dabei mindestens in der ersten Halbzeit eine über weite Strecken enttäuschende Leistung. Eine Steigerung war nach der Pause zwar erkennbar, jedoch reichte die bei Weitem nicht, um eigene Torerfolge zu erzwingen und dadurch die sich anbahnende Niederlage abzuwenden.

Zur Geschichte der Partie gehört, dass die Hamburger bereits nach 12 Minuten in Unterzahl gerieten, nachdem Schiedsrichter Siebert dem als letzten Mann nach hinten eilenden Gotoku Sakai nach einem Foul wegen einer Notbremse völlig zurecht des Feldes verwies.

Man könnte es sich bereits an dieser Stelle sehr einfach machen, und die Schuld an der Niederlage Sakai zuschieben. Schließlich hätte er unschwer „weg bleiben“ und damit die fällige Rote Karte vermeiden können.

Dafür spräche, dass der HSV höchstwahrscheinlich früh in Rückstand geraten wäre, aber noch viel Zeit zur Verfügung gehabt hätte, das Ergebnis in voller personeller Besetzung mindestens zu egalisieren. Nur wird dabei ein wenig übersehen, dass das Tore verhindern in der fußballerischen DNA eines Abwehrspielers als vordringlichste Aufgabe fest verankert ist. Notfalls auf Kosten der eigenen Gesundheit oder persönlicher Strafen durch den Schiedsrichter. Sakai hätte also eine unbestreitbar bessere Handlungsalternative gehabt, dafür jedoch in Sekundenbruchteilen und im Adrenalinrausch nüchtern abwägen und sich von einem fest verankerten Handlungs- und Entscheidungsmuster lösen müssen. Man kann von einem erfahrenen Profi derartige Übersicht einfordern, sein Verhalten bleibt dennoch verständlich, da nur all zu menschlich.

Der Notbremse ging ein Ballverlust des weit nach vorne aufgerückten Gideon Jung (laut HA) voraus. Wenn es denn Jung gewesen sein sollte (ich konnte dies nicht verifizieren), dann träfe ihn die Hauptverantwortung. Nur sollte man sich erinnern, dass es Jung aufgrund seiner langwierigen Verletzungspause an Wettkamfpraxis mangelt.

Ein weiterer angeblich Schuldiger am enttäuschenden Spielausgang aus hamburger Sicht war mit dem Schiedsricher, Daniel Siebert (Berlin), schnell ausgemacht. Denn tatsächlich hätte der Führungstreffer zum 1:0 durch Vogelsammer nicht zählen dürfen, da dieser mit gestrecktem Bein in Kopfhöhe eines Gegenspielers, in diesem Fall Mangala, den Ball über die Torlinie bugsierte, dabei Mangala aber sogar im Bereich von Schulter/Hals ebenfalls traf. „Gefährliches Spiel“, Aberkennung des Treffers und Freistoß für den HSV wäre hier eindeutig die korrekte Entscheidung gewesen. Und zwar unabhängig davon, ob es zum Kontakt mit dem Gegner gekommen ist. Denn diese Regel soll bereits die reine Gefährdung der Gesundheit verhindern. Siebert war sich wohl selbst seiner eigenen Wahrnehmung nicht sicher, denn er soll den Torschützen sogar gefragt haben, ob er Mangala berührt habe. Ärgerlich, da m.E. damit gleich mehrfach falsch. Von einem Torschützen vor heimischen Publikum zu verlangen, dass er ggf. durch seine Antwort die Aberkennung des Tores riskiert, ist naiv und völlig wirklichkeitsfremd. Auf eine derartige Antwort darf man seine eigene Verantwortung als Schiedsrichter niemals stützen oder abwälzen.

Und doch ist der unglücklich agierende Schiedsrichter, den manche während des Spiels bereits mit seinem berühmt-berüchtigten Kollegen Hoyzer verglichen, in meinen Augen keineswegs schuld an der Niederlage. Denn mögen seine Entscheidungen mehrheitlich wahrlich nicht zugunsten des HSV gewesen sein – besseres Fußballspielen hat er dem HSV weder verboten noch hat er dies grundsätzlich verhindert.

Bliebe also noch ein weiterer, in Misserfolgsfällen immer gern genommener Sündenbock, der Trainer. Hannes Wolf habe, so las ich, dieses Spiel durch falsche Entscheidungen vercoacht.

Festhalten möchte ich zunächst, dass die ursprünglich von ihm gewählte taktische Formation (Jatta in der Spitze und Vagnoman als dessen Ersatz im LOM) angesichts der personellen Ausfälle von Hunt, Lasogga und Hwang zwar ungewohnt aber für ein Auswärtsspiel keinswegs absurd erschien. Vielmehr kam der HSV in meinen Augen bis zu jenem verhängnisvollen Ballverlust in der Vorwärtsbewegung gut in das Spiel. Danach, also nach dem Platzverweis, ließ die Mannschaft jedoch jede Souveränität vermissen, verlor Zweikämpfe in Serie, lief „der Musike“ stets hinterher und verschenkte eigene Ballgewinne leichtfertigst. Das 2:0 für die Gastgeber war dann nur die verdiente Konsequenz.

Zur Pause musste dann mit Gideon Jung ein weiterer, relativ erfahrener Spieler aufgrund muskulärer Probleme ersetzt werden. Und hier scheiden sich offenbar die Geister, denn Wolf hatte nach dem Platzverweis Sakais Vagnoman aus dem LOM abgezogen und fortan als Rechtsverteidiger spielen lassen. Dies war zunächst eine absolut nachvollziehbare, ja sogar die sich förmlich aufdrängende Reaktion auf die personelle Unterzahl: einen Platz im offensiven Mittelfeld zugunsten einer personell vollständigen Defensive opfern. Ein Fehler? Mitnichten.

Ich las, die Einwechselung von Bates zur Pause sei ein Trainer-Fehler. Mit anderen Worten: einen verletzten Innenverteidiger 1:1 durch einen Innenverteidiger zu ersetzen, sei falsch! Als Begründung dieser Behauptung wurde angeführt, bei einem Rückstand von zwei Toren, müsse ein Trainer „offensiv“ wechseln. Das kann man meinen, man müsste dann aber konsequenterweise all jenen Trainern komplette Ahnungslosigkeit und Unfähigkeit unterstellen, die kurz vor Spielende bei Rückstand durch die Einwechselung eines Innverteidigers vermeintlich die Defensive stärken, wo doch augenscheinlich totale Offensive benötigt wird. Nur ein Beispiel von Unzähligen dazu: ohne die last-minute Kopfballtore ihres einstigen Innenverteidigers, Naldo, hätte Schalke 04 so manche Partie unbestreitbar verloren.

Trotz des Rückstandes Gideon Jung durch Bates zu ersetzen, kann schon deswegen kein nachweisbarer Fehler gewesen sein, da die Mannschaft trotz der unverzüglich durch Wolf erfolgten und oben bereits angesprochenen taktischen Umstellung augenscheinlich vollkommen den Faden verloren hatte, vor allem defensiv (Stichwort: Zweikampfverhalten) vogelwild agierte und sogar Gefahr lief, noch weit mehr Gegentore zu kassieren!

In der 61. Minute wechselte Wolf dann gezwungenermaßen offensiv(er). Er brachte Neuzugang Öczan für Vagnoman, der keineswegs enttäuscht hat. Wirklich torgefährlicher wurde der HSV dadurch aber nicht.

Diskutabel bleibt, warum Wolf sehr lange an Ito festhielt, dem es u.a. an Durchsetzungsvermögen mangelte. Seine Begründung, so vermute ich, dürfte sein, dass er gehofft hat, dessen Fähigkeiten im Dribbling könnten zu einem Torerfolg führen. Wer aber das Theater verlassen hat, hat das Stück gewöhnlich bereits gesehen. Diese Rechnung ging zwar nicht auf, aber nachvollziehbar bleibt sie dennoch. Und daher ist sie m.E. ebenfalls nicht „falsch“.

Verwundert war auch ich, dass Arp sich nach seiner Einwechselung vermehrt als Linksaußen versuchte. Im offensiven Zentrum fehlte dadurch ein Vollstrecker. In diesem Zusammenhang sei aber bemerkt, dass der durch ihn ersetzte Jatta zuvor auch bereits auffällig häufig auf den Flügel ausgewichen war. Diese Beobachtung könnte man daher auch als Folge des am gestrigen Tage guten Defensivspiels der Arminia und eben nicht als falsche Taktik Wolfs plausibel erklären.

Der Mensch neigt grundsätzlich dazu, unverzüglich Antworten/Gründe für das ihm Unerklärliche zu suchen. Dann hat der HSV verloren, weil angeblich der Schiedsrichter ein „Schieber“ war, Sakai schon immer ein „Blinder“, die Mannschaft ohnehin nicht gut genug ist und sollte sie aufsteigen, keine Chance auf den Klassenerhalt in der 1. Bundesliga besäße, Arp und andere Nachwuchsgewächse nicht genügend Vertrauen bekommen, Jatta ein „Leichathlet“ und kein Fußballspieler ist, die Niederlage auf die Kappe des Trainers geht, der sich total vercoacht hat usw. usf.

All diesen Begründungsmustern ist gemeinsam, dass es sich um legitime Meinungen handelt. Um Behauptungen, die den Vorteil besitzen, dass sie nie zu falszifizieren sind, denn der Nachweis kann praktisch nicht erbracht werden. Oder wie will jemand tatsächlich beweisen, dass der HSV, um nur bei diesem Beispiel zu bleiben, das Spiel gestern erfolgreicher bestritten hätte, hätte Wolf Jung durch einen anderen Spieler ersetzt?

Mein Fazit: Der HSV hat nach dem Platzverweis völlig den Faden verloren und über weite Strecken schlicht zu schlecht Fußball gespielt. Und er hatte es am gestrigen Tag bei der Arminia mit einem Gegner zu tun, der seine Möglichkeiten an diesem Tag deutlich besser ausgeschöpft hat. Dass Siebert mindestens beim 1:0 falsch lag, ist korrekt, war aber nur eine Variable. Und die Korrelation von Variablen, man kann es nicht oft genug besingen, besagt nichts über Kausalität! Einfacher ausgedrückt: Der Schiri war nicht schuld!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Videobeweis und Menschmaschine

oder auch: Technik wird es richten.
Also sprach Bill Gates vor Jahren: Seht! Ich verkündige Euch die goldene Zukunft des papierlosen Büros. Dank des massenhaften Einsatzes von Computern.  – Die Realität ist: Der Papierverbrauch steigt unverändert konstant. Allein für 2015 wurde eine Zunahme des weltweiten Verbrauchs von 330 Millionen Tonnen auf 440 Millionen Tonnen erwartet.

Es vergeht derzeit kein Wochenende, kein Spieltag der Bundesliga an dem nicht nachfolgend über Sinn oder Unsinn des Videobeweises gestritten wird.

Er mache das Spiel gerechter, so das gängige Argument der Befürworter. Und in der Tat, die irrtümliche und höchst ärgerliche Anerkennung von Phantomtoren durch den Schiedsrichter (1994, Helmer; 2013 Kießling) lässt sich durch den Videobeweis korrigieren. Möglicherweise würde auch dem berühmt-berüchtigten Wembley-Tor von 1966 heutzutage dank Torlinientechnologie und Videobeweis die Anerkennung verweigert.

Schöne neue Welt. Endlich „Gerechtigkeit“, endlich weniger Frustration – was könnte dagegen sprechen? Eine ganze Menge, wie ich finde. Doch dafür muss ich zunächst ein wenig ausholen.

Die moderne, wissenschaftliche Psychologie fußt historisch auf zwei Säulen: Säule eins bildet die von Siegmund Freud (und anderen) aus der Philosophie und Medizin entwickelte, allseits bekannte Psychoanalyse. Bis heute Ausgangspunkt eines inzwischen industriellen, therapeutischen Massengeschäfts.
Säule zwei ist die s.g. Psychotechnik, entwickelt an der TU Charlottenburg in Berlin. Hier waren nicht Mediziner sondern Ingenieure am Werk. Hintergrund ihrer Bemühungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Annahme, dass die Handhabung der technischen Produkte des Industriezeitalters spezielle Menschen erfordere.
Ein brandgefährlich erscheinendes Gefährt wie etwa die neu aufkommende Straßenbahn im öffentlichen Verkehr, sollte von besonders qualifiziertem Personal bedient werden. Also testete man erstmals systematisch etwaige Bewerber im Hinblick auf Sehschärfe, räumliches Sehvermögen, Reaktionsgeschwindigkeit und was der verantwortungsvolle Zugführer eben so braucht. Heute nennt sich dieser Zweig der Psychologie „Arbeits – und Organisationspsychologie“. Und seine Erkenntnisse hielten längst Einzug u.a. in Formen des Personal Assassments der Personaler.

Ich stelle dies meinen Überlegungen zum Videobeweis voran, um wenigstens anzudeuten, wie weit verbreitet und tief verwurzelt der Glaube an die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Psychologie und wie unbeirrt unser Glaube an die Segnungen des technischen Fortschritts in unserer Gesellschaft inzwischen ist. Empfehlenswerte und weiterführende Lektüre in diesem Zusammenhang: Jens Bergmann, „der Tanz ums Ich“, Pantheon-Verlag.

Kein vernünftiger Mensch wird bestreiten, es sei denn er/sie ist fundamentalistisch religiös eingestellt, dass Technik Fortschritt zur Folge hat, der uns das Leben an vielen Stellen dankenswerterweise erleichtert. Wäre es anders, wir lauschten Fußballreportagen, die noch per Buschtrommel oder Rauchzeichen verbreitet würden. Und wer wollte das?

Interessant wird es aber aus meiner Sicht, wenn Heilsversprechungen durch eine Technik (s.o. Bill Gates) gemacht werden. Gerade dann sollte man innehalten und kritisch hinterfragen, finde ich.

These 1: Videobeweis macht den Fußball gerechter

Stimmt, zumindest mit Einschränkungen. „Den Fußball“ macht der Videobeweis natürlich nicht gerechter, denn er kommt nur in obersten Profi-Spielklassen zum Einsatz. Und der damit verbundene technische Aufwand dürfte auch nur von entwickelten Industrieländern mühelos zu stemmen und zu bezahlen sein. Aber immerhin. Grobe Fehleinschätzungen des Schiedsrichters können fortan im Profifußball korrigiert werden. Bliebe da nicht das Ärgernis, dass am Ende der Technik unverändert Menschen bewerten. Und Menschen bewerten viel subjektiver als sie gemeinhin glauben – lehrt uns die Psychologie. Zu glauben, man könnte dieses Grundproblem  durch eindeutiger formuliertes Regelwerk in den Griff bekommen, entbehrt angesichts der fortwährenden Debatte, ab wann ein strafbares Handspiel anzunehmen sei, nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik. Aber nehmen wir ruhig zugunsten des Beweises an, dass sich die Zahl eklatanter Fehler deutlich reduzieren ließe. Ignorieren wir auch bis auf Weiteres die Beobachtung, dass der für den Fußball so wesentliche Spielfluss durch den Einsatz dieser Technik regelmäßig unterbrochen wird. Auch für die mangelnde Transparenz der Entscheidungsfindung mag es Lösungen geben.

Am Ende bleibt der Videobeweis jedoch selektiv (da nicht überall verfügbar) und täuscht bisweilen Objektivität vor, wo am Ende doch Menschen subjektiv bewerten. Aber immerhin, wir werden durch Fehler weniger frustriert.

Und wenn schon „gerechter“ – warum eigentlich nicht 2 Hauptschiedsrichter wie in anderen Sportarten oder Torlinienrichter, die nicht ohne weitere Befugnisse herumlungern? Das könnten auch ärmere Länder leisten, das könnte man ggf. auch in unteren Spielklassen einführen. So bliebe die Einheit des Spiels gewahrt, und der Profisport würde sich nicht noch weiter von der Basis entkoppeln.

These 2: Alles nur eine Frage der Handhabung und Kommunikation

Die derzeitige Debatte um den Videobeweis ist sicher auch den Mängeln in seiner organisatorischen Umsetzung geschuldet. So bleibt bis auf Weiteres abzuwarten, ab wann und unter welchen Umständen der Videobeweis herangezogen wird. Eine klare Linie des DFB, dies dürfte unstrittig sein, war bisher jedenfalls nicht zu erkennen. Das wird man sicher optimieren können, daran zweifle ich nicht.

Aber hat eigentlich jemand einmal darüber nachgedacht, was es mit einer Gesellschaft macht, die immer weniger in der Lage ist Frustration auszuhalten, die menschliche Fehler nicht zu akzeptieren bereit ist? Die sich in selektive Wahrnehmungsnischen der Spartensender vereinzelt? Der der soziale Kitt der montäglichen Konversation über das gemeinsam am Wochenende via TV Erlebte fehlt? Die sich im permanentem Regulierungs- und Selbstoptimierungswahn befindet?

Unser Fortschrittsglaube legt nahe, und hier schließt sich der Kreis zur Psychologie, dass man Mensch und Maschine verschmilzt. Beständige Optimierung ist hier der Grundgedanke, die Menschmaschine das Ziel. Kein Witz! Daran wird nicht nur längst geforscht, die ersten Zwischenprodukte sind bereits seit einiger Zeit verfügbar. Etwa (noch relativ simple) Funktionsjacken, die mittels allerlei technischem Schnickschnack die Fähigkeiten ihres Käufers erweitern. Kein Handy mehr mitnehmen, denn das ist schon in die Jacke integriert. Der Hausarzt quasi auch, dank permanenter Kontrolle der biologischen Parameter. Ist doch super! Und man kann die ganzen Daten dann online gleich weiterverarbeiten lassen. Wie praktisch!

Oder wir schaffen den Menschen am besten gleich ganz ab. Auch als Schiedsrichter. Autonome Spielleitung ist das Stichwort, mein Ingomann! Lehnen Sie sich zurück und genießen Sie die Show. Dumm nur, wenn am Ende die Technik entscheiden sollte, dass wir, ihre Erfinder, die nachweisbar größte Fehlerquelle des Planeten sind. Autsch.

Aber so weit sind wir ja noch nicht.

Also bleiben wir vorerst bei der Frage, ob es nicht immer weniger und immer größere Global Player sind, die Zugriff auf unsere Daten haben? Wer kontrolliert die? Wer kann das nachprüfbar noch leisten? Schon mal darüber nachgedacht? Und was geschieht mit uns, wenn das System unsere individuellen Bedürfnisse endgültig dechiffriert und abgespeichert hat? Wenn der Reader in Echtzeit eine auf unser individuelles Bedürfniss zugeschnittene Geschichte produziert? Das Belohnungszentrum unseres Gehirns feuerte garantiert aus allen Rohren. So etwas fühlt sich gut an, ist aber u.a. der Einstieg in Sucht und Manipulation. Aber wer fragt schon nach etwaigen Kollateralschäden.

Und bevor uns die Maschinen verdientermaßen kaltstellen – was passiert mit der Menschmaschine, ihren Daten, wenn sich die politischen Verhältnisse jemals ändern sollten? Das wird schon nicht passieren?  – Ernsthaft? Also bitte!

Back to Basics

In meinen Augen lebt der Fußball von seiner Einfachheit. Wo auch immer man auf diesem Planeten hinreist, am Ende genügen einige Spieler, ein Ball und zwei provisorische Tore. Es ist der hoch kommerzialisierte Profisport, der sich beständig von seiner Basis entfernt, dessen Diktaten wir uns als Konsumenten unterwerfen und der ein letztlich zutiefst inhumanes Bild in unsere Köpfe transportiert, behaupte ich. Daneben wirken dann alle Appelle des DFB für mehr Fairness und Menschlichkeit in meinen Augen vergleichsweise albern und verlogen.

Menschen machen Fehler. Schiedsrichter sind Menschen. Also machen Schiedsrichter Fehler. Was ist daran inzwischen eigentlich so unerträglich? Was ist das Problem?

Es ist unsere abnehmende Fähigkeit, mit Fehlern umzugehen. Es sind unsere längst medial auf schnellste Bedürfnisbefriedigung trainierten Gehirne. Und Problem ist auch das viele Geld, um das es dabei geht, nicht die gelegentlich fehlende Gerechtigkeit. Die dient hier doch nur als Ablenkung, als moralisches Feigenblatt.

Es geht mir bei meiner Ablehnung des Videobeweise nicht um blindes Technik-Bashing. Es geht für mich um die grundsätzliche Frage, wie wir mit Technik und Kommerz umgehen, in was für einer Welt wir zukünftig leben wollen.

Und hier behaupte ich: Weniger ist manchmal mehr.