Psychologie und Sport

Texte, die sich vor allem mit Sportpsychologie oder Psychologie und (Fußball-)Sport beschäftigen.

Über Sinn und Unsinn des Befangenheitsantrages in Sachen Ausgliederung beim HSV

Heute früh erreichte mich die Meldung, der ehemalige Volleyballspieler beim HSV, Klaus Meetz, habe einen Befangenheitsantrag gegen den Richter gestellt, der dienstlich mit der Eintragung der HSV-AG in das Handelsregister betraut ist. Durch diesen Antrag, der natürlich erst geprüft werden muss, verzögert sich der ganze Vorgang um ca. zwei Wochen. Mit anderen Worten: Beiersdorfer & Co können nicht wie geplant ab dem 1. Juli die Geschäfte führen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Ich wurde gebeten, zu erklären, wie so etwas zustande kommt, was Menschen antreibt, die so (wie Herr Meetz) agieren. Dies will ich gerne versuchen. Zu beachten ist allerdings, dass ich den Antragsteller weder persönlich kenne, noch mit ihm über seine Motive gesprochen habe. Was ich hier also schreibe, ist meine subjektive, eher grundsätzliche Sicht auf derartige Vorgänge.

Zunächst einmal, dies für die Nichtjuristen, kann/darf jeder Berechtigte in einem juristischen Verfahren einen oder mehrere Richter aufgrund der Besorgnis der Befangenheit ablehnen. Dabei ist, so habe ich es einst gelernt, nicht entscheidend, ob der/die Richter tatsächlich befangen ist/sind. Es reicht aus, wenn aus Sicht des Antragsstellers begründete Zweifel an dessen/deren Unbefangenheit bestehen (könnten). Es ist also grundsätzlich festzuhalten, dass ein unvoreingenommener Richter als ein Kernelement unserer Rechtsprechung anzusehen ist. Bestehen daran Zweifel, darf man den Richter ablehnen (muss dies aber schriftlich begründen). So gesehen nimmt Herr Meetz mit seinem Befangenheitsantrag (s)ein gutes Recht wahr.

Die Frage ist natürlich zunächst, was ein solcher Antrag überhaupt bringen soll. Schließlich wird sich dadurch die Ausgliederung allenfalls verzögern, aber nicht verhindern lassen. Denn alle mit der Ausgliederung im Zusammenhang stehenden Dokumente, z.B. Satzungsentwürfe etc. sind bereits im Vorfeld der Abstimmung am 25. Mai mehrfach juristisch (auch richterlich) geprüft und akzeptiert worden. Und das  Votum der Mitglieder des Vereins war mehr als eindeutig und spricht für sich. Ich neige zu der Auffassung, dass dieser Antrag Herren Meetz dennoch etwas bringt. Allerdings ist der Nutzen in „weichen“ Zugewinnen zu suchen.

Trotz großer Geschlossenheit der Mitgliederschaft, mehr als 86% Zustimmung ist ja bei demokratischen Wahlen/Abstimmungen durchaus ungewöhnlich, gab es aber natürlich auch (erbitterte) Gegner der Ausgliederung. Offenbar, anders macht sein jetziger Antrag für mich keinen Sinn, gehört Herr Meetz dazu.

Es stand ohnehin zu befürchten, dass der eine oder andere Ausgliederungsgegner versucht sein könnte, auf juristischem Wege die Umsetzung des Mehrheitswillens zu torpedieren. Erinnere ich mich doch nur zu gut an die  Drohung eines Herrn Gottschalks auf der Versammlung, er könne ja auch alle Beschlüsse der Versammlung nachträglich anfechten, sollten er und andere weiterhin mit Buh-Rufen bedacht werden.

Die Abstimmung pro oder contra Ausgliederung glich aus meiner Sicht einer Glaubensfrage. Teilweise, so empfand ich es, hatte das Ganze schon semi-religiöse Züge. Die Mehrheit war überzeugt davon, dass der HSV ohne Ausgliederung weder sportlich noch finanziell zu retten sei. Mit anderen Worten: Ein emotionales Motiv für ihre Wahlentscheidung dürfte Angst (mehr oder minder ausgeprägt) gewesen sein. Aber auch die Ausgliederungsgegner dürfte zu einem erheblichen Teil Angst motiviert haben. Angst vor dem (angeblichen) Ausverkauf, Angst vor dem Verlust von Mitbestimmungsrechten, Angst vor der Abhängigkeit und Einflussnahme von bspw. Herrn Kühne. Halten wir an dieser Stelle fest: Das Gefühl der Angst ist ein mächtiger Motivator, der m.E. auf beiden Seiten eine gewichtige Rolle gespielt hat und weiterhin spielt.

Der Hamburger Sportverein vereint, ich wies darauf bereits mehrfach hin, im Grunde das ganze gesellschaftliche Spektrum der Hamburger Fußballfans. Vom Logenbesitzer und (Multi-)Millionär bis zum Hartz4-Empfänger, vom Hochschulprofessor bis zum Bildungsprekariat, vom Allesfahrer zum Gelegenheitszuschauer, vom Ultra bis zum Besucher des Familienblocks usw.  Normalerweise bewegen sich Menschen in dem ihnen entsprechenden sozialen Milieu Die Berührungspunkte eines Millionärs oder Professors etwa mit z.B. einem Taxifahrer oder Gärtner bestehen in der Regel ausschließlich in einem temporären Dienstleistungsverhältnis. Der eine beschäftigt den anderen. Privat bleibt man jedoch meist in seinen Kreisen und unter seinesgleichen. Nicht so beim Fußball, hier am Beispiel des HSVs. Die Raute bringt die unterschiedlichsten Menschen zusammen. Alle reden vermeintlich über dieselbe Sache, nämlich das gemeinsame Haus HSV. Was aber der HSV ist (oder sein soll), das bleibt am Ende doch eine höchst individuell aufgeladene Vorstellung des Einzelnen.

Die langjährigen Mitglieder des Vereins, die Seelers, Gottschalks und Co (hier muss man wohl auch Herrn Meetz zurechnen), haben, so mein Eindruck, oft nur unzureichend verstanden, dass es in einem e.V. bei demokratischen Prozessen  keine Mitglieder erster und zweiter Klasse geben kann. Es spielt keine Rolle, ob ich jahrzehntelang eine Sportart in dem Verein ausgeübt habe, ob ich mich ehrenamtlich engagiert habe, oder ob ich, wie die große Mehrheit der heutigen Mitgliederschaft, allein aus Gründen der Identifikation mit der Fußball-Profimannschaft Mitglied und demzufolge stimmberechtigt geworden bin. Es würde mich daher nicht wundern, wenn man als langjähriges, engagiertes Mitglied den ganzen Ausgliederungsprozess z.T. tatsächlich als  eine Form der „Enteignung“ erlebt (hat).

Das Bisherige zusammengefasst: Es geht wohl auch um die Angst vor dem Verlust (von was auch immer).

Bemerkenswert finde ich, dass Herr Meetz 2007 rechtskräftig zu einer 2 1/2 jährigen Freiheitsstrafe wegen Betruges verurteilt worden ist. Diese Strafe hat er offenbar abgesessen. Er hat also für das von ihm zu verantwortende Unrecht gebüßt. Damit ist dieser (einstige) Fall im Grunde erledigt. Pikant bleibt es dennoch, dass jemand, dem man richterlich bescheinigte, dass er – salopp formuliert  – andere Menschen strafrechtlich relevant über ’s Ohr gehauen hat, nun Zweifel an der Redlichkeit und Objektivität eines Richters anmeldet, der mit einem im Wesentlichen rein formalen Vorgang, nämlich der Eintragung der AG in das Handelsregister, betraut ist. Dazu fielen mir gleich eine Reihe von Sprichwörtern und Redewendungen ein. Das vom Glashaus beispielsweise, oder das vom Dorn im Auge des Gegenübers (und dem Balken vor den eigenen Augen). Die Sprache ist voll davon. Daraus könnte man schlussfolgern, dass es sich hier um ein bekanntes menschliches Phänomen handelt. Der Mensch projiziert eben leicht und nur zu gerne seine eigenen, dunklen Seiten auf Dritte.

Hinzu tritt ein weiteres Phänomen, das man regelmäßig in kleinen und größeren Organisationseinheiten beobachten kann: Jeder will mitreden, und jeder redet mit. Das dürfte hauptsächlich der Tatsache geschuldet sein, dass der Mensch als soziales Wesen fortwährend das Bedürfnis hat, sich seiner selbst, seiner Stellung und Einstellung zu vergewissern. Durch die Äußerung meiner Meinung erhalte ich ein Feedback der Anderen und bringe nebenbei (Selbstoffenbarungsaspekt jeder Kommunikation) mich selbst zum Ausdruck. Bspw. meine Ideen, Erfahrungen, Wünsche und Bedürfnisse.

In aller Regel wird aber nicht nur miteinander sondern oft übereinander geredet. Da vermischen sich dann schnell Fiktion und Wirklichkeit. Auf Differenzierung und Relativierung oder gar Überprüfung der eigenen Sicht wird zugunsten einer geschlossenen, von der Gruppe geteilten Meinung, weitestgehend verzichtet. Was da nicht  hineinpasst, wird oft umgehend passend gemacht. Das führt, so meine Erfahrung, regelmäßig sogar bis zur Wahrheitsbeugung. Ganz allgemein neigen wir Menschen dazu, für das, was wir nicht verstehen, umgehend nach Antworten zu suchen. Vor Verkehrsgerichten kennt man das Phänomen des „Knallzeugen“. Der hat zwar nur den Aufprall gehört(sic!), meint aber zu wissen, wie sich der Unfall abgespielt hat. Warum ist das so? Weil unsere Gehirn für das, was ihm unerklärbar erscheint, umgehend nach einer befriedigenden Antwort sucht. Das ist grundsätzlich von Vorteil, da man es aus evolutionärer Sicht als eine Grundlage für das sehen kann, was wir „Lernen“ nennen.

Die deutliche Minderheit der Menschen, das ist meine Erfahrung, ist in der Lage, einen offenen, konstruktiven Dialog mit einem Meinungsgegner zu führen. Zu beobachten ist vielmehr, dass man sich (in seinem Milieu bleibend) nur zu gerne und leicht in seiner Auffassung bestätigen lässt. Der Menschen als soziales Wesen braucht soziale Anerkennung und Bestätigung. Er interagiert daher gerne in Gruppen Gleichgesinnter. Die psychologischen Untersuchungen zur Konformität legen nahe, dass ca. 70 Prozent der Menschen (interkulturell, also weltweit) einer objektiv falschen Behauptung zuzustimmen bereit sind, wenn die Mehrheit der Gruppe exakt dieses objektiv Falsche (auf Anweisung des Versuchsleiters) mit Nachdruck behauptet. Dass bedeutet: Die Mehrheit der Menschen beugt sich dem Gruppendruck. Ob sie tatsächlich unter dem Einfluss der Gruppe von der tatsächlichen Richtigkeit der falschen Aussage überzeugt worden sind, oder ob sie nur zustimmen, damit sie einen Konflikt mit der (vorgeblichen) Mehrheitsmeinung vermeiden, kann hier offen bleiben. Die Gruppe beeinflusst bei der deutlichen Mehrzahl der Versuchspersonen ganz erheblich die eigene Auffassung. Wer also die Ausgliederung als Teufelswerk ansieht, bewegt sich wahrscheinlich überwiegend in Kreisen, die dies ähnlich sehen (das ist selbstverständlich auch anders herum anzunehmen!).

Wenn man über Gruppen redet, liegt es nahe, diese auch unter systemtheoretischen Gesichtspunkten zu betrachten. Vereinfachen wir die Situation beim HSV auf zwei Gruppen, die jeweils als Systeme zu betrachten sind: Die eine war und ist für die Ausgliederung. Die andere, die deutlich kleinere Gruppe, verband mit einer Ausgliederung schlimmste Erwartungen. Der Konflikt spitzte sich zu einem Geschehen zu, welches als krisenhaft beschrieben werden kann. In Zeiten der Krise aber neigen Systeme dazu, sich nach innen zu stabilisieren, indem sie (vermeintliche) Störenfriede ausgrenzen (Im Extremfall führt dies zum Mobbing). Der von der Mehrheit ausgeguckte Buhmann wird einfach sozial isoliert. Dieses im Grunde unsoziale Verhalten hat aber auch eine soziale Funktion. Für die verbleibende Mehrheit. Man bestätigt sich wechselseitig, dass der Grund für die Krise außerhalb der Gruppe zu suchen ist. Frei nach dem Motto: wir sind unschuldig, bei uns ist alles in Ordnung, schuld ist ja nur der oder die. Das entlastet. Es entlastet nämlich davon, sich selbst kritisch zu hinterfragen. Womit wir wieder bei den eigenen, dunklen Seiten wären.

Wenn das System Gruppe sich oft genug seiner gemeinsam geteilten Sicht versichert hat, findet sich oft genug jemand, der meint, er müsse (wie auch immer) aktiv werden. In der Grundschule (dies meine ich ausdrücklich nicht auf Herrn Meetz bezogen)  ruft er dann vielleicht dazu auf, dem  Störenfried die angeblich verdiente, fällige Abreibung zu verpassen. Als Erwachsener bemüht er u.U. die Gerichte. Jeder Jurist kennt eine Vielzahl von Konflikten, die gesunden Menschenverstand und guten Willen vorausgesetzt, im Prinzip mühelos außergerichtlich beizulegen wären. Das ist (viel zu oft) nicht gelingt, auch davon leben Juristen. Der Weg vor die Gerichte wird oft benutzt, um (gesellschaftliche) Konflikte zu bereinigen, wenn andere Lösungsmöglichkeiten bereits gescheitert sind (- dass am Ende eines Verfahrens nicht Gerechtigkeit sondern lediglich ein Urteil steht, begreifen Laien oft nur unzureichend. Ebenso wenig wird verstanden, dass Gerichte die Ursachen gesellschaftlicher Missstände per Urteil oft nicht beheben können).

Eingangs stellte ich die Frage, was der Antrag auf Befangenheit hier eigentlich bringen soll. Denn in der Sache, selbst wenn dieser Antrag durchgehen sollte, führt er nur zu einer Verzögerung. Dass die Ausgliederung dennoch vorgenommen werden wird, daran dürften keine Zweifel bestehen. Dann nimmt eben in ein Paar Wochen ein anderer Richter die Eintragung ins Handelsregister vor. Und doch hat Herr Meetz (und seine in der Sache Sympathisierenden) vermutlich etwas davon. Man hat (vermeintlich) Stärke gezeigt, man hat sich und seiner Gruppe ggf. richterlich bescheinigen lassen, dass man „im Recht“ gewesen sei. Das ist gut für das eigene Wohlbefinden. (Vergleichen könnte man dies vielleicht mit dem „weichen“ Gewinn eines Ehrenamtlers. Der erhält in aller Regel kein (oder sehr wenig) Geld für seine Tätigkeit, er hat aber dennoch etwas davon: Die „Macht“, gestalten zu können; das Gefühl, tatsächlich dabei zu sein und dazuzugehören; eine herausgehobene Position im Verein etc.).

Dass durch die Verzögerung die zukünftig handelnden Personen an der Geschäftsführung gehindert werden, dass dem HSV dadurch ggf. ein Schaden entsteht, dies wird geflissentlich übersehen. Dafür müsste man (s.o.) sich selbst und sein Anliegen kritisch hinterfragen. Das aber machen die Wenigsten. Denn die Begegnung mit der eigenen Schattenseite ist unangenehm, da schambesetzt. Schließlich könnte das Wunschbild vom eigenen perfekten Ich am Ende noch Schaden nehmen…

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Schlechte (und gute) Nachrichten

Was macht man dieser Tage als HSV-Anhänger? Man blickt wohl mit Bangem dem jeweils nächsten Spieltag entgegen. Immer wieder fällt der Blick auf das Restprogramm, und nach jedem Spiel sofort auf die Tabelle. Punkteabstände und Tordifferenzen werden begutachtet, Szenarien durchgespielt und wieder verworfen. Nach jedem Sieg (Leverkusen) steigt die Hoffnung, nur damit sie nach jeder Niederlage, besonders wenn sie so ernüchternd daherkommt wie gegen Hannover, wie ein Kartenhaus zusammenfällt. Nur gut, dass auch die Konkurrenten regelmäßig Federn lassen. So gibt es unverändert eine Chance auf den Klassenerhalt, wenn auch der Druck auf alle Beteiligten stetig steigt.

Ich hatte jüngst gemutmaßt, dass Lassoga dem HSV frühestens zum Saisonfinale wieder zur Verfügung stünde. Inzwischen heißt es, Lasogga könnte, wenn überhaupt, in den Relegationsspielen zum Einsatz kommen, sofern der HSV am Ende wenigstens Platz 16 belegt. Das sind wahrlich keine guten Nachrichten. Überhaupt mangelt es derzeit nicht an schlechten Nachrichten:

Westermann ist angeschlagen, will aber unbedingt im nächsten Spiel auflaufen. Ich bin hin und hergerissen, ob ich das gut finden soll. Einerseits finde ich es absolut lobenswert, dass er sich in dieser für den HSV inzwischen fast beispiellos prekären sportlichen Lage zur Verfügung stellen will, andererseits brauchen wir fitte Spieler, um im Restprogramm bestehen zu können. Und nicht ausgeheilte, kleinere Verletzungen bergen ja immer die Gefahr, dass sich daraus etwas Schlimmeres entwickelt. Jansen steht aber noch nicht wieder zur Verfügung, Lam fällt bis zum Saisonende definitiv aus, so bliebe links außen in der Abwehrkette eben nur Jiracek als Alternative. Davor, also links offensiv, steht gerade wieder Ilicevic zur Verfügung, der aber ebenfalls unverändert angeschlagen ist, und bei dem aufgrund seiner Verletzungshistorie zumindest bezweifelt werden kann, ob er den Rest der Saison durchhält.
Badeljs Muskelfaserriss scheint ebenfalls nicht komplett ausgeheilt zu sein. Auch wenn hier wohl eine gewisse Hoffnung besteht, dass er gegen den VfL Wolfsburg eventuell spielen könnte – aus einem Faserriss entwickelt sich u.U. ein Muskelbündelriss, der dann ebenfalls das Saisonaus für Milan bedeuten würden. Wenn auch das Spiel gegen „96“ erneut aufgezeigt hat, dass das Duo Rincon/Arslan suboptimal funktioniert und nach Veränderung schreit, bin ich der Meinung, dass Badelj  derart wichtig für das Spiel des Hamburger Sportvereins ist, dass man einen längeren Ausfall mit Blick auf die verbleibenden Spiele nicht riskieren sollte. Aber zum Glück muss ich diese Entscheidung ja nicht fällen.
Nach Lage der Dinge ausgeschlossen soll ein Einsatz von van der Vaart im nächsten Spiel sein. Der Niederländer soll sich ebenfalls mit muskulären Problemen herumschlagen.

Es liegt in der Natur der Sache. Abstiegskampf bedeutet Existenzkampf, also Stress ohne Ende. Das trifft nicht nur die Spieler und Verantwortlichen im Verein, sondern auch die Anhängerschaft. Und so kann es nicht verwundern, dass längst Stimmen laut wurden, die den HSV bereits abgestiegen sehen. Generell gilt, dass Menschen unterschiedlich mit Stress umgehen. Dabei ist zu beachten, dass Stress, auch wenn er in der deutschen Sprache gewöhnlich mit negativem Unterton versehen ist, ansich nichts Schlimmes ist. Im Gegenteil! Es kommt allein auf dessen Ausmaß, bzw. die eigenen Fähigkeiten (Ressourcen) des Einzelnen an, mit denen er/sie ihm begegnet. Fühle ich mich dem Stress absolut  gewachsen, so ist er sogar positiv, da er leistungsfördernd wirkt. Nur wenn die stressende Situation als ausweglos und übermächtig empfunden wird, spricht man von Negativem Stress. Letzteres ist regelmäßig gemeint, wenn psychologische Laien über Stress klagen. Und in der Tat macht dieser Stress auf Dauer krank. Eine entscheidende Rolle spielt also die eigene Einstellung.

Es gibt viele Menschen, die eine spezielle Strategie im Umgang mit unangenehmen und ggf. angstauslösenden Dingen in ihrem Leben entwickelt haben. Sie tendieren dazu, jeweils den „worst case“ vorwegzunehmen, also das denkbar schlimmste Szenario. Auf den HSV übertragen hieße dies, ich erkläre den Verein als bereits abgestiegen, obwohl das unbestreitbar objektiv nicht zutrifft!, damit mich ein realer Abstieg emotional nicht mehr so trifft. Im Grunde handelt es sich hier also um so genanntes „Coping“. Ein Vorteil dieser Bewältigungsstrategie könnte sein, dass der Betreffende auch im Falle des realen Abstiegs handlungsfähig bleibt, da er sich ja schon seit Wochen mit diesem Szenario auseinandergesetzt und es als unvermeidlich akzeptiert hat. Diese Coping-Strategie hat aber auch diverse Nachteile:

1.) ich suche nicht länger nach Alternativen, um das Schlimmste zu vermeiden, da ich dessen Eintritt ja bereits im Kopf als vermeintlich alternativlos akzeptiert habe;
2.) ich mobiliere auch nicht mehr alle meine Kräfte, um mich gegen dieses fiktive(!) Szenario zu stemmen, denn ich meine ja zu wissen, dass es so kommen muss und wird, egal was ich noch versuche;
3.) weil ich das Negative im Kopf bereits vorwegnehme, steigt dessen Eintritts-Wahrscheinlichkeit (Teufelskreis). ERGÄNZUNG: Das hat dann ggf. den Vorteil, dass ich mich in meiner negativen „Expertise“ bestätigt sehe.

Grob gesagt kann man ganz allgemein Menschen in zwei Gruppen unterteilen: in s.g. „lageorientierte“ und „handlungsorientierte“ Menschen. Während die Lageorientierten angesichts einer Problemstellung zum Nachdenken bis zum Grübeln neigen, agieren die Handlungsorientierten, d.h. sie gehen das Problem unverzüglich an. Beides hat Vor- und Nachteile. Der Lageorientierte prüft sorgfältig alle erdenklichen Lösungsalternativen, vergisst dabei aber unter Umständen, dass das Nachdenken allein ohne konkrete Handlungsschritte das Problem nicht löst. Der Handlungsorientierte hingegen ist auf dem Weg zur Problemlösung zunächst erfolgreicher, da er unmittelbar etwas unternimmt, läuft aber ggf. Gefahr, die bessere Alternative zu seinem spontanen Lösungsansatz zu übersehen.

Fußball ist als schnelle Mannschaftssportart für lageorientierte Menschen eher ungeeignet. Wer zu lange abwägt, ob er diesen oder jenen Mitspieler anspielen, ob er den Torwart umspielen oder überlupfen soll, dem geht der Ball verloren, bzw. der versiebt mit größter Wahrscheinlichkeit die Torchance. Das Spiel selbst erfordert, dass man sofort und  intuitiv die richtige Lösung wählt. Diesem unmittelbaren Handlungsdruck sind wir Betrachter jedoch nicht ausgesetzt. Also bewerten wir gewöhnlich das Spiel und nachfolgend die sich daraus ergebende sportliche Situation entsprechend unseren generellen Orientierung (Handlung vs. Lage), bzw. auch in Abhängigkeit von unseren vorhandenen oder nicht vorhandenen Erfahrungen mit Wettkampfsport, also ggf. vorhandenem Hintergrundwissen.

Ich denke, ich gehe nicht zu weit wenn ich unterstelle, dass die Mehrzahl der Zuschauer kaum je in ihrem Leben sportliche Wettkämpfe auf höherem Niveau bestritten haben. Es fehlt also grundsätzlich an eigener unmittelbarer Erfahrung. Dazu gesellt sich, dass man gewöhnlich auf die mediale Berichterstattung angewiesen ist und sich kaum ein eigenes Bild jenseits der Beobachtung der Spiele verschaffen kann. Jede Einschätzung der Situation bleibt also mit vielen, vielen Unsicherheiten behaftet. Unsicherheit oder offene Fragen führen jedoch schnell zu der Empfindung, etwas sei chaotisch. Das menschliche Gehirn aber, das ist evolutionär bedingt, versucht permanent Chaos zu vermeiden, indem es Antworten/Gründe sucht. Dabei erscheint es sogar völlig unbedeutend, ob die Antwort tatsächlich sinnhaft ist. Um ein jüngst andernorts zitiertes Beispiel aufzugreifen:

Schon die Aufforderung „Lassen Sie mich bitte vor, weil ich etwas kopieren muss!“ führt, obwohl sie ansich völlig unverschämt und weitestgehend sinnfrei ist (der andere will ja auch kopieren) dazu, dass man meist den Vortritt erhält. Warum? Weil unser Gehirn unbedingt  Antworten „will“. Die Prüfung, ob eine Antwort tatsächliche Substanz enthält, findet oft gar nicht statt.

Um zur medialen Berichterstattung zurückzukehren, auf die die meisten von uns angewiesen sind: Der SPIEGEL nahm jüngst das angebliche Gehalt von Ilicevic und dessen relativ wenige Einsätze für den HSV zum Anlass, um den Tenor seiner HSV-Geschichte zu würzen: Seht her, für so einen, der so wenig spielt, bezahlen die Idioten in dem Verein so viel Gehalt! Kein Wort darüber, dass der Spieler nicht leistungsbedingt sondern aufgrund diverser Verletzungen auf diese Einsatzzahlen kam. Kein Wort darüber, dass noch kurz vor der damaligen Vertragsunterschrift namhafte Mitkonkurrenten ebenfalls um den Spieler buhlten. Warum auch?! – das hätte doch nur die vermeintliche Schlüssigkeit des Artikels in Frage gestellt. Denn selbst wenn man im Nachhinein zu der Feststellung käme, dass sich das Investment des Vereins nicht gerechnet habe, so ist dies eben eine stets wohlfeile ex-post Analyse. Maßgeblich für die Sinnhaftigkeit oder Unsinnigkeit dieses Vertrages können nur die Bedingungen zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses sein. Und zu jenem Zeitpunkt dürften wohl nicht einmal die sich stets allwissend generierenden Damen und Herren des SPIEGELS gewusst haben, dass der Spieler immer wieder verletzt sein würde. Wetten, dass?! Aber so wird eben Meinung gemacht, bzw. zur Meinungsbildung beigetragen. Auch das beeinflusst uns (notgedrungen), wenn wir die Situation des HSVs einschätzen.

Andere Medienschaffende plärren seit Monaten, dass der HSV zu wenig trainiere. Denn so meint es so mancher Laie zu wissen: Viel hilft immer viel. Diese Behauptung ist zwar in dieser Pauschalität gröbster trainingsmethodischer Unfug, aber darauf kommt es gar nicht an. Worauf es ankommt, ist, dass man genügend „Käufer“ für die These findet. Und diese Behauptung hat einen Vorteil: Sie knüpft an vermeintlich sicheres Alltagswissen der Konsumenten an. Das ersetzt zwar nicht deren fehlende sport-fachliche Qualifikation, liefert aber was? Die so dringend herbeigesehnte Antwort (s.o.). Und dann ist es nicht mehr weit zu folgender Sichtweise:

„Der HSV verliert und steigt ab, weil das alles Söldner sind, denen das Schicksal des Vereins völlig gleichgültig ist, was man u.a. daran sieht, dass die so wenig laufen. Und (ein wenig will der schwelende Sozialneid ja auch mal raus) dafür werden die auch noch so hoch bezahlt?!“

Ach, wenn es doch so einfach wäre! Ähnlich verhält es sich in meinen Augen mit der gegenläufigen These, dass Slomkas Training ursächlich für die inzwischen sich häufenden Verletzungen sei. Zwar ist die Häufung der muskulären Verletzungen in der Tat bemerkenswert, jedoch könnte es dafür andere, ebenfalls plausible Gründe geben. Interessiert aber offenbar nicht. Denn dann könnte man nicht über den Umweg einer fachlichen Dikreditierung des Trainers diejenigen angreifen, die man tatsächlich treffen möchte. Nämlich die Urheber der „Fink und van Marwijk haben die Söldner durch zu lasches Training falsch trainiert“-These.

Wie man es auch dreht und wendet – alle diese Argumentationsmuster haben vor allem einen Vorteil: Tatsächliche Wissenslücken werden unverzüglich überbrückt und sollen die vermeintliche Schlüssigkeit der eigenen Sichtweise untermauern.

Objektiv ist der HSV keinesfalls bereits abgestiegen. Objektiv machen die diversen verletzungsbedingten Ausfälle die unverändert anstehende Aufgabe, den Abstieg zu vermeiden, nicht einfacher. Aber möglich ist dies unverändert. Ob es am Ende gelingen wird, das weiß ich auch nicht. Was ich aber weiß, ist, dass wir mit Sicherheit absteigen werden, wenn wir vorzeitig die Flinte ins Korn werfen, oder uns jetzt auf die Jagd nach den Schuldigen machen, anstatt uns auf diese zweifellos schwierige Aufgabe zu fokussieren. Für den Verein mag es sogar von Vorteil sein, wenn es uns erst im allerletzten Moment, im Rückspiel der Relegation, z.B. durch einen Treffer von Lasogga, gelänge, dieses Ziel zu erreichen. Denn dann dürften wohl selbst die größten Träumer begriffen haben, dass es so mit dem Verein nicht weiter gehen darf. Auch wenn ich mir mitunter wie ein einsamer Rufer in der Wüste vorkomme: Die Hoffnung und der Glaube dürfen erst dann aufgegeben werden, wenn der Klassenerhalt objektiv, d.h. rechnerisch nicht mehr möglich ist. Es bleibt menschlich, wenn man dazu nicht in der Lage ist. Da sagt allerdings dann mehr über den eigenen Umgang mit der Realität als über die Realität ansich aus.