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Videobeweis und Menschmaschine

oder auch: Technik wird es richten.
Also sprach Bill Gates vor Jahren: Seht! Ich verkündige Euch die goldene Zukunft des papierlosen Büros. Dank des massenhaften Einsatzes von Computern.  – Die Realität ist: Der Papierverbrauch steigt unverändert konstant. Allein für 2015 wurde eine Zunahme des weltweiten Verbrauchs von 330 Millionen Tonnen auf 440 Millionen Tonnen erwartet.

Es vergeht derzeit kein Wochenende, kein Spieltag der Bundesliga an dem nicht nachfolgend über Sinn oder Unsinn des Videobeweises gestritten wird.

Er mache das Spiel gerechter, so das gängige Argument der Befürworter. Und in der Tat, die irrtümliche und höchst ärgerliche Anerkennung von Phantomtoren durch den Schiedsrichter (1994, Helmer; 2013 Kießling) lässt sich durch den Videobeweis korrigieren. Möglicherweise würde auch dem berühmt-berüchtigten Wembley-Tor von 1966 heutzutage dank Torlinientechnologie und Videobeweis die Anerkennung verweigert.

Schöne neue Welt. Endlich „Gerechtigkeit“, endlich weniger Frustration – was könnte dagegen sprechen? Eine ganze Menge, wie ich finde. Doch dafür muss ich zunächst ein wenig ausholen.

Die moderne, wissenschaftliche Psychologie fußt historisch auf zwei Säulen: Säule eins bildet die von Siegmund Freud (und anderen) aus der Philosophie und Medizin entwickelte, allseits bekannte Psychoanalyse. Bis heute Ausgangspunkt eines inzwischen industriellen, therapeutischen Massengeschäfts.
Säule zwei ist die s.g. Psychotechnik, entwickelt an der TU Charlottenburg in Berlin. Hier waren nicht Mediziner sondern Ingenieure am Werk. Hintergrund ihrer Bemühungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Annahme, dass die Handhabung der technischen Produkte des Industriezeitalters spezielle Menschen erfordere.
Ein brandgefährlich erscheinendes Gefährt wie etwa die neu aufkommende Straßenbahn im öffentlichen Verkehr, sollte von besonders qualifiziertem Personal bedient werden. Also testete man erstmals systematisch etwaige Bewerber im Hinblick auf Sehschärfe, räumliches Sehvermögen, Reaktionsgeschwindigkeit und was der verantwortungsvolle Zugführer eben so braucht. Heute nennt sich dieser Zweig der Psychologie „Arbeits – und Organisationspsychologie“. Und seine Erkenntnisse hielten längst Einzug u.a. in Formen des Personal Assassments der Personaler.

Ich stelle dies meinen Überlegungen zum Videobeweis voran, um wenigstens anzudeuten, wie weit verbreitet und tief verwurzelt der Glaube an die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Psychologie und wie unbeirrt unser Glaube an die Segnungen des technischen Fortschritts in unserer Gesellschaft inzwischen ist. Empfehlenswerte und weiterführende Lektüre in diesem Zusammenhang: Jens Bergmann, „der Tanz ums Ich“, Pantheon-Verlag.

Kein vernünftiger Mensch wird bestreiten, es sei denn er/sie ist fundamentalistisch religiös eingestellt, dass Technik Fortschritt zur Folge hat, der uns das Leben an vielen Stellen dankenswerterweise erleichtert. Wäre es anders, wir lauschten Fußballreportagen, die noch per Buschtrommel oder Rauchzeichen verbreitet würden. Und wer wollte das?

Interessant wird es aber aus meiner Sicht, wenn Heilsversprechungen durch eine Technik (s.o. Bill Gates) gemacht werden. Gerade dann sollte man innehalten und kritisch hinterfragen, finde ich.

These 1: Videobeweis macht den Fußball gerechter

Stimmt, zumindest mit Einschränkungen. „Den Fußball“ macht der Videobeweis natürlich nicht gerechter, denn er kommt nur in obersten Profi-Spielklassen zum Einsatz. Und der damit verbundene technische Aufwand dürfte auch nur von entwickelten Industrieländern mühelos zu stemmen und zu bezahlen sein. Aber immerhin. Grobe Fehleinschätzungen des Schiedsrichters können fortan im Profifußball korrigiert werden. Bliebe da nicht das Ärgernis, dass am Ende der Technik unverändert Menschen bewerten. Und Menschen bewerten viel subjektiver als sie gemeinhin glauben – lehrt uns die Psychologie. Zu glauben, man könnte dieses Grundproblem  durch eindeutiger formuliertes Regelwerk in den Griff bekommen, entbehrt angesichts der fortwährenden Debatte, ab wann ein strafbares Handspiel anzunehmen sei, nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik. Aber nehmen wir ruhig zugunsten des Beweises an, dass sich die Zahl eklatanter Fehler deutlich reduzieren ließe. Ignorieren wir auch bis auf Weiteres die Beobachtung, dass der für den Fußball so wesentliche Spielfluss durch den Einsatz dieser Technik regelmäßig unterbrochen wird. Auch für die mangelnde Transparenz der Entscheidungsfindung mag es Lösungen geben.

Am Ende bleibt der Videobeweis jedoch selektiv (da nicht überall verfügbar) und täuscht bisweilen Objektivität vor, wo am Ende doch Menschen subjektiv bewerten. Aber immerhin, wir werden durch Fehler weniger frustriert.

Und wenn schon „gerechter“ – warum eigentlich nicht 2 Hauptschiedsrichter wie in anderen Sportarten oder Torlinienrichter, die nicht ohne weitere Befugnisse herumlungern? Das könnten auch ärmere Länder leisten, das könnte man ggf. auch in unteren Spielklassen einführen. So bliebe die Einheit des Spiels gewahrt, und der Profisport würde sich nicht noch weiter von der Basis entkoppeln.

These 2: Alles nur eine Frage der Handhabung und Kommunikation

Die derzeitige Debatte um den Videobeweis ist sicher auch den Mängeln in seiner organisatorischen Umsetzung geschuldet. So bleibt bis auf Weiteres abzuwarten, ab wann und unter welchen Umständen der Videobeweis herangezogen wird. Eine klare Linie des DFB, dies dürfte unstrittig sein, war bisher jedenfalls nicht zu erkennen. Das wird man sicher optimieren können, daran zweifle ich nicht.

Aber hat eigentlich jemand einmal darüber nachgedacht, was es mit einer Gesellschaft macht, die immer weniger in der Lage ist Frustration auszuhalten, die menschliche Fehler nicht zu akzeptieren bereit ist? Die sich in selektive Wahrnehmungsnischen der Spartensender vereinzelt? Der der soziale Kitt der montäglichen Konversation über das gemeinsam am Wochenende via TV Erlebte fehlt? Die sich im permanentem Regulierungs- und Selbstoptimierungswahn befindet?

Unser Fortschrittsglaube legt nahe, und hier schließt sich der Kreis zur Psychologie, dass man Mensch und Maschine verschmilzt. Beständige Optimierung ist hier der Grundgedanke, die Menschmaschine das Ziel. Kein Witz! Daran wird nicht nur längst geforscht, die ersten Zwischenprodukte sind bereits seit einiger Zeit verfügbar. Etwa (noch relativ simple) Funktionsjacken, die mittels allerlei technischem Schnickschnack die Fähigkeiten ihres Käufers erweitern. Kein Handy mehr mitnehmen, denn das ist schon in die Jacke integriert. Der Hausarzt quasi auch, dank permanenter Kontrolle der biologischen Parameter. Ist doch super! Und man kann die ganzen Daten dann online gleich weiterverarbeiten lassen. Wie praktisch!

Oder wir schaffen den Menschen am besten gleich ganz ab. Auch als Schiedsrichter. Autonome Spielleitung ist das Stichwort, mein Ingomann! Lehnen Sie sich zurück und genießen Sie die Show. Dumm nur, wenn am Ende die Technik entscheiden sollte, dass wir, ihre Erfinder, die nachweisbar größte Fehlerquelle des Planeten sind. Autsch.

Aber so weit sind wir ja noch nicht.

Also bleiben wir vorerst bei der Frage, ob es nicht immer weniger und immer größere Global Player sind, die Zugriff auf unsere Daten haben? Wer kontrolliert die? Wer kann das nachprüfbar noch leisten? Schon mal darüber nachgedacht? Und was geschieht mit uns, wenn das System unsere individuellen Bedürfnisse endgültig dechiffriert und abgespeichert hat? Wenn der Reader in Echtzeit eine auf unser individuelles Bedürfniss zugeschnittene Geschichte produziert? Das Belohnungszentrum unseres Gehirns feuerte garantiert aus allen Rohren. So etwas fühlt sich gut an, ist aber u.a. der Einstieg in Sucht und Manipulation. Aber wer fragt schon nach etwaigen Kollateralschäden.

Und bevor uns die Maschinen verdientermaßen kaltstellen – was passiert mit der Menschmaschine, ihren Daten, wenn sich die politischen Verhältnisse jemals ändern sollten? Das wird schon nicht passieren?  – Ernsthaft? Also bitte!

Back to Basics

In meinen Augen lebt der Fußball von seiner Einfachheit. Wo auch immer man auf diesem Planeten hinreist, am Ende genügen einige Spieler, ein Ball und zwei provisorische Tore. Es ist der hoch kommerzialisierte Profisport, der sich beständig von seiner Basis entfernt, dessen Diktaten wir uns als Konsumenten unterwerfen und der ein letztlich zutiefst inhumanes Bild in unsere Köpfe transportiert, behaupte ich. Daneben wirken dann alle Appelle des DFB für mehr Fairness und Menschlichkeit in meinen Augen vergleichsweise albern und verlogen.

Menschen machen Fehler. Schiedsrichter sind Menschen. Also machen Schiedsrichter Fehler. Was ist daran inzwischen eigentlich so unerträglich? Was ist das Problem?

Es ist unsere abnehmende Fähigkeit, mit Fehlern umzugehen. Es sind unsere längst medial auf schnellste Bedürfnisbefriedigung trainierten Gehirne. Und Problem ist auch das viele Geld, um das es dabei geht, nicht die gelegentlich fehlende Gerechtigkeit. Die dient hier doch nur als Ablenkung, als moralisches Feigenblatt.

Es geht mir bei meiner Ablehnung des Videobeweise nicht um blindes Technik-Bashing. Es geht für mich um die grundsätzliche Frage, wie wir mit Technik und Kommerz umgehen, in was für einer Welt wir zukünftig leben wollen.

Und hier behaupte ich: Weniger ist manchmal mehr.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Diekmeier in den Aufsichtsrat!

Ein Gespenst geht um in Hamburg – das Gespenst des Aufsichtsrats.

Alle Jahre wieder wird über die Besetzung dieses Gremiums debattiert, werden die angeblichen Vorzüge möglicher Kandidaten angepriesen, werden neue alte Hoffnungen wiederbelebt. Denn von nun an wird alles besser werden. Ganz bestimmt. Man muss nur fest genug daran glauben.

Aktuell werden im Vorfeld der Neuwahl gleich mehrere Kandidaten durch den Wolf medialer Aufmerksamkeit gedreht. Und schon endete der erste als kleinteiliges Gekröse. Einer der Auserkorenen, der Kandidat Karl J. Pojer, Geschäftsführer von Hapag-Lloyd, ging bereits von Bord bevor das Schiff auch nur ablegte. Wer will es ihm verdenken?! Da weht `ne steife Brise, das muss man sich nicht unbedingt geben.

Dabei schien es doch so schön zu passen: HSV, Hamburg, Hafen, Pfeffersäcke. Da riecht man doch das Me(h)er, da winken schöne Strände in weiter Ferne, eine goldene Zukunft. La Paloma, olé!

Aus der Traum.

Ein Kandidat bleibt aber unverändert Marcell Jansen, seines Zeichens Ex-Spieler des HSV. Hat vor einigen Jahren eine Firma gegründet und sich im Hamburger Weg engagiert. Mehr ist mir über seinen beruflichen Werdegang nach seinem Karriereende als Kicker derzeit nicht bekannt. (Damit wir uns an dieser Stelle nicht missverstehen: Das erscheint mir durchaus respektabel und ist aller Ehren wert.) Wobei…doch, die eine oder andere seiner Wortmeldungen in den letzten Jahren zum HSV habe ich zur Kenntnis genommen. Und ja, es gab schon gröberen Unfug zu lesen und zu hören von ehemaligen Spielern. Da muss man gar nichts erst bis nach Aserbaidschan reisen.

Allein es sei die Frage gestattet: Reicht das bereits, um sich als Aufsichtsrat der Fußball-AG des Hamburger Sportvereins zu qualifizieren? Reicht es, wenn man aus Spielerperspektive Profifußball erlebt hat, wenn als eines der augenfälligsten Merkmale die Tatsache erscheint, dass man „Cello“ gerufen wurde? Es soll Vereine geben, etwa diesen notorisch erfolgreichen Verein im Süden der Republik, die hier als Vorbild taugen könnten. Dort, im Süden, legt man denkbaren Kandidaten für etwaige Ämter nahe, dass sie sich nach Karriereende nachweisbar einschlägig qualifizieren. Studium, Hospitanzen, Praktika. Je einschlägiger und fundierter desto besser. Ein „Brazzo“ zu sein, schadet dort nicht, allein reicht das aber bei dem Verein nie und nimmer.

Nur zur Erinnerung: Hamburg sei das Tor zur Welt, so will es der Hamburger bekanntlich wissen. Aber wer seine Nase immer nur am Tor platt drückt, der bleibt Zuschauer, der verpasst die Welt, denn die beginnt hinter dem Tor.

Ich möchte einen anderen Kandidaten vorschlagen: Dennis Diekmeier. Hammer, oder? Ein Name wie ein Donnerschlag in den Ohren jedes HSVers!

„Dieki“ ist so richtig HSV. Einst mit großen Erwartungen aus Nürnberg gekommen, m.E. damals(!) durchaus mit dem Potenzial Nationalspieler zu werden, macht er seit Jahren seinen Job. Nach hinten hui, nach vorne…äh, da schweigt des Sängers Höflichkeit. Der gute Dennis (ich mag ihn!) erinnert mich immer an meine eigene kurze Karriere im Fußball. Schnell, robust aber technisch dann doch limitiert.  Wirklich guter Fußball und wir, das ist wie: auf den Sprungturm in 10 Metern Höhe steigen, ordentlich posen und dann kleinlaut wieder die Leiter hinunter klettern, das ist wie eine Flanke, die niemals ankommt, ein beständig nicht eingelöstes Versprechen. Das ist, schämen wir uns nicht und sprechen es ruhig aus: ein ewiger Coitus interruptus! Und dies inzwischen als Urgestein, als dienstältester Spieler. Also wenn das nicht zum HSV der letzten 30 Jahre passt, einem Verein, der es immer noch wagt Top-Zuschläge zu erheben statt seinen leidgeprüften Fans den redlich verdienten Pflaumen-Nachlass zu gewähren, dann weiß ich auch nicht.

Dennis – mach(t) ihn rein!