Monat: Dezember 2016

Aus Hamburg geht man niemals ganz

Nun ist er also weg. Gestern gab die Fußball-AG des HSV bekannt, dass Dietmar Beiersdorfer als Vorstandsvorsitzender der AG abgelöst und zeitnah durch Heribert Bruchhagen ersetzt wird. Zugleich wird Beiersdorfer auch das zuletzt von ihm ebenfalls übernommene Amt des Sportdirektors abgeben, denn Bruchhagen soll dem Vernehmen nach auch einen neuen Sportdirektor mitbringen.

In meinen Augen ist die Freistellung Beiersdorfer unzweifelhaft richtig, kommt jedoch zum falschen Zeitpunkt, da viel zu spät. Spätestens nachdem der Vorsitzende des Aufsichtsrates der Hamburger Fußball-AG und Kühne-Intimus, Karl Gernandt, Beiersdorfer öffentlich in einer Weise angezählt hatte, wie man es selten erlebt, war klar, dass Beiersdorfer Tage als leitender Angestellter der AG gezählt waren.

Der Aufsichtsrat, so Gernandt seinerzeit sinngemäß, berate den Vorstand intensivst dabei, die Verpflichtung des vom Vorstand zu suchenden neuen Sportdirektors professioneller zu gestalten. Wer sich die Aussage Gernandts  auf der Zunge zergehen ließ, der schmeckte vermutlich sofort das hier öffentlich verspritzte Gift. Denn hinter der hier vorgeblichen Hilfestellung durch den AR verbarg sich nichts anders als eine vernichtende Wertung. Dem hochbezahlten Profi Beiersdorfer wurde hier nämlich im Subtext öffentlich zweierlei attestiert:

  1. dass man ihm alleine nicht länger vertraute und daher „Beratungsbedarf“ sah;
  2. dass er (mindestens) bei der Bewältigung einer seiner Kernaufgaben nach Ansicht des Aufsichtsrates eben nicht mit der gebotenen Professionalität vorgegangen ist.

In der Tat wirkte die von Beiersdorfer zu verantwortende Suche des HSV nach einem neuen Sportdirektor zunehmend grotesk und peinlich. Gefühlt ein halbes Dutzend Kandidaten wurde letztlich ergebnislos kontaktiert, auch wenn Beiersdorfer fast schon trotzig betonte, es habe nur in einem Fall, nämlich mit Christian Hochstätter und dem VfL Bochum, tatsächlich konkrete Verhandlungen gegeben, die letztlich an der Höhe der Ablöseforderung Bochums gescheitert seien. Das mag so stimmen, dennoch war der öffentliche Eindruck, den Beiersdorfers (nennen wir es) „Sondierungen“ hinterließen, verheerend. Praktisch jeder kontaktierte Kandidat behauptete nachträglich öffentlich, er habe den Hamburgern abgesagt, während Beiersdorfer Mal um Mal ebenfalls öffentlich dementierte und seinerseits wahlweise behauptete, man habe lediglich gesprochen aber nie konkret verhandelt, oder es sei der HSV gewesen, der seinerseits dem Kandidaten abgesagt habe.

Wie es sich tatsächlich verhalten hat, dies wissen nur die jeweils Beteiligten. Aber nicht nur hier wurde eine große Schwäche Beiersdorfers zum wiederholten Male augenfällig:

Kommunikation gehört nun einmal nicht zu seinen ausgewiesenen Stärken. In Einzel- oder Kleingruppengesprächen wirkt seine etwas unbeholfene, linkische Art durchaus sympathisch und gewinnend, als Vorstandsvorsitzender eines Bundesligaunternehmens, das sich Woche für Woche im grellen Licht medialer Dauerbeobachtung behaupten muss, wirkte er schon kurz nach seinem von vielen Vorschusslorbeeren begleiteten Amtsantritt aus der Zeit gefallen und deplatziert.

Man mag ihm wie jedem anderen Menschen auch zubilligen, dass es bei Gesprächen auch zu Missverständnissen kommen kann. Wenn sich aber nach praktisch jeder Kontaktaufnahme der kontaktierte Kandidat irritiert zeigt, wenn jedes Mal am Ende öffentlich Aussage gegen Aussage steht, dann spricht vieles dafür, dass es erhebliche kommunikative Defizite auf Seiten des (einen) Senders und eben nicht auf den Seiten der Empfänger gibt.

Bereits zu seinem Amtsantritt, nach dem damaligen Votum der Mitglieder für die Ausgliederung und für die Ziele der Initiative HSVPlus, irritierte der Vorstandsvorsitzende, indem er öffentlich kundtat, er sei „wohl zu naiv“ gewesen, um sich vorstellen zu können, dass ein Treffen der neu gewählten Funktionsträger ausgerechnet im Hamburger Firmensitz von Kühne & Nagel derartiges Aufsehen erregen könnte. Bereits damals fragte ich mich, auf welchem offenbar weit entfernten Planeten er seinen Urlaub verbracht haben mochte, denn auch wenn letztlich die überwältigende Mehrheit der Mitgliederschaft auch für Anteilsverkäufe votiert hatte, so hätte ihm klar sein müssen, welch fatales Signal hier mindestens an jenen Teil der Mitglieder gesendet wurde, der sich ernsthaft um die Selbstbestimmung des HSV mit Blick auf den unterstellten Einfluss insbesondere Klaus-Michael Kühnes sorgte. Zwar wurde Beiersdorfer seinerzeit nicht müde zu wiederholen, dass auch zukünftig alle Entscheidungen ausschließlich  und allein vom HSV und durch ihn getroffen würden, aber den Vorwurf, ohne jede Not ohnehin vorhandene Ängste der Mitglieder aufgrund mangelnder Umsicht befeuert zu haben, den musste er sich bereits damals gefallen lassen.

Als nach längerer Vorlaufzeit Peter Knäbel auf einer PK des HSV als dessen neuer Sportdirektor vorgestellt wurde, antworte Beiersdorfer auf die Frage, warum sich diese Verpflichtung verzögert habe, Knäbel sei eben noch mit der Erstellung einer  s.g. Weltstandsanalyse zum Fußball für den Schweizer Verband beschäftigt gewesen, die er erst habe abschließen wollen. Und dann offenbarte er erstaunliches: er persönlich, so Beiersdorfer, habe gar nicht gewusst, dass es so etwas gäbe und dass man derartiges machen könne. Man mag diese Offenheit und Ehrlichkeit schätzen, zugleich aber waren spätestens ab diesem Zeitpunkt auch Zweifel an seiner sportlichen Expertise angebracht. Im Klartext: die Möglichkeit einer methodisch-systematischen Analyse dessen, was sich in dem von ihm zu verantwortenden Kerngeschäft, dem Fußball, in der Welt entwickelt, war ihm vorher unbekannt. Derartige Wissenslücken darf man vermutlich nur im Fußball offenbaren. In jeder anderen leistungsorientierten Sportart dürfte dies bei Bewerbungsgesprächen für leitende Funktionen den sofortigen Abbruch der Gespräche zur Folge haben.

Vor diesem Hintergrund kann es kaum noch verwundern, dass er als Nachfolger des für dominanten und ballbesitzorientierten Fußball stehenden Trainers Fink (Cardoso und van Marwijk sind hier aus diversen Gründen zu vernachlässigen) mit Slomka einen Trainer holte, der als ausgewiesener Anhänger eines ganz anderen Ansatzes nämlich des Konterfußballs galt. Diesem wiederum folgte mit dem relativ unerfahrenen  Joe Zinnbauer ein Trainer, der wieder mehr zur offensiv-dominanten Spielweise tendierte. Schon damals schien mir die Frage berechtigt, ob der HSV unter Leitung Beiersdorfers je eine schlüssige Vorstellung von dem Fußball würde entwickeln können, den man perspektivisch in Hamburg spielen lassen wollte.

Zu diesen fachlich-inhaltlichen Schwächen gesellte sich Beiersdorfers fatale Neigung zum zögern und zaudern. Zur Kernaufgabe von Vorständen, von CEOs, gehört es nun einmal, Entscheidungen zu treffen. Auch und gerade unter Druck. Aber Beiersdorfer verpasste sowohl bei Slomka als auch bei Labbadia jeweils den richtigen Zeitpunkt, um sich von einem Trainer zu trennen, in dessen Arbeit er offensichtlich längst das Vertrauen verloren hatte. Stattdessen nahm er billigend in Kauf, dass der jeweilige Nachfolger ohne gemeinsame Vorbereitung mit der Mannschaft ins Rennen geschickt wurde.

Dass er es vor der Saison und offenbar trotz ausdrücklich durch Labbadia angemeldetem Bedarf versäumt hat, den Kader im äußerst dünn besetzten Defensivbereich zu verstärken, ist ebenfalls ihm anzulasten. Dies wirkt auf mich besonders ärgerlich, denn u.a. das Beispiel VfB Stuttgart hätte ausreichen müssen, um vor einer Überbetonung des Offensivpersonals zulasten der Verpflichtung defensiver Spielern ausreichend gewarnt zu sein.Verletzungen und Sperren sind im Laufe einer Saison nicht zu vermeiden. Dies ist bei einer Kaderzusammenstellung im Vorfeld auch immer zu berücksichtigen. Auch daran lässt sich umsichtige Planung erkennen. Dass bereits der Ausfall von zwei, drei Spielern Trainer Markus Gisdol zu personellen Experimenten mit ungewissem Ausgang förmlich nötigte, legt die eklatanten konzeptionellen Versäumnisse Beiersdorfers  vor der aktuellen Saison ebenfalls schonungslos offen.

Es gibt daher eine Vielzahl an Gründen, welche die nun erfolgte Abberufung Beiersdorfers  geboten erscheinen lassen.

Und dennoch.

Beiersdorfers Name wird untrennbar mit der erfolgreichsten Periode der jüngeren HSV-Historie verbunden bleiben. Seinerzeit im Gespann mit Bernd Hoffmann und Katja Kraus arbeitend hat er überwiegend gute, z.T sehr gute Transfers getätigt, auch wenn bereits auch damals nicht alles Gold war, was zu glänzen schien.

Das Scheitern Beiersdorfers als Vorstandsvorsitzender habe ich von Anfang an erwartet. Genugtuung oder gar Freude über seine Ablösung vermag ich jedoch nicht zu empfinden. Die Trennung erscheint mir schmerzlich, da ich ihm das Herzblut abnehme, mit dem er sich stets zum HSV bekannt hat. Sie erscheint mit zugleich aber auch als eine notwendige Korrektur im Dienste des HSV. Hätte sich Beiersdorfer allein und mit ganzer Kraft auf das Amt des Sportdirektors konzentrieren und beschränken können und wollen – wer weiß, ob die Geschichte nicht einen anderen Ausgang gehabt hätte. So bleibt mir nur an dieser Stelle zu schreiben: Danke für alles, Herr Beiersdorfer!

Dem Aufsichtsrat der AG  ist in diesem Zusammenhang anzulasten, dass man einen verdienten und loyalen Mitarbeiter über Wochen in einem unerträglichen Schwebezustand hängen ließ, nachdem man ihn bereits öffentlich (s.o.) längst demontiert hatte. Ganz nebenbei hat man zum wiederholten Male zugelassen, dass dem HSV praktisch das Heft des Handelns aus der Hand genommen wurde, da sich wichtige Personalentscheidungen gerade in dieser stark medial beachteten Branche niemals über Wochen unter Verschluss halten lassen.

Abschließend einige Sätze zum bevorstehenden Amtsantritt Heribert Bruchhagens.

Ich habe Verständnis für die verbreitete Skepsis, die diese Personalie begleitet. Er stünde für eine der schlimmsten Perioden der HSV-Geschichte, las ich. Übersehen wird hier m.E., dass er ’92-’95 als Manager mit operativ-sportlichen Aufgaben und bei schon damals knappen Kassen beim HSV arbeitete und eben nicht als Vorstandsvorsitzender.

Seine Erfahrung und seine gute Vernetzung in Richtung DFL könnten zu einem Gewinn für den HSV werden. Im finanziellen Bereich dürfte seine bereits in Hamburg und nachfolgend jahrelang in Frankfurt nachgewiesene Solidität dafür bürgen, dass zukünftig sparsamer beim HSV gewirtschaftet werden wird, was ich nur begrüßen könnte.

Auch wenn ihm manche die vier Abstiege der Eintracht während seiner Frankfurter Zeit anlasten wollen, so lässt sich m.E. nicht bestreiten, dass er aus dem einstigen Skandal-Verein, der launischen Diva vom Main, einen seriösen Club geformt hat. Und der HSV ist leider bis auf Weiteres, wenn wir vielleicht von den Münchener Löwen absehen, der Club mit dem unverändert höchsten Skandal-Potenzial der Liga.

Niemals geht man so ganz, sagt man in Hamburg. Das galt (und gilt?) für Beiersdorfer, das gilt eben jetzt für Bruchhagen.

Nachsatz: ich habe den Einstieg dieses Blogs nachträglich korrigiert, da der Eindruck entstehen konnte, der personelle Wechsel sei noch nicht fix.

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Weiter auf dem Weg der Besserung. HSV – FC Augsburg 1:0 (0:0)

Im Anschluss an meinen letzten Blogeintrag führte ich via Twitter eine kontroverse Diskussion mit der von mir geschätzten MrsCgn*, die mich kritisch fragte, ob ich die jüngsten Leistungen des HSV  tatsächlich als „erstligareif“ bewerten wolle. Und ich bleibe dabei: Ja, ich will.

Blickt man zurück, so war dem HSV der späten Labbadia- und frühen Gisdol-Ära fast vollständig jede Wettbewerbsfähigkeit abhanden gekommen. In der Abwehr äußerst anfällig und nach vorne ausweislich der damaligen Unfähigkeit auch nur ein eigenes Tor zu erzielen erschreckend harmlos. Dazu gesellte sich die fast durchgängige Abwesenheit jeder Spielkultur. Fruchtloses Ballgeschiebe bis zum unweigerlichen Fehlpass, hoch-und-weit-Gepöhle, wie man es in der Regel nicht einmal in der 2. Liga zu Gesicht bekommt, taktische und andere Undiszipliniertheiten, eine besorgniserregende mentale Anfälligkeit nach Gegentoren – der HSV lag unstrittig sportlich auf der Intensivstation und sein Ableben am Ende dieser Saison als Erstligist schien unausweichlich. Doch mittlerweile sind deutliche Anzeichen für eine fortschreitende Genesung des moribunden Patienten mehr als augenfällig, meine ich.

Dass der HSV in seiner gegenwärtigen Verfassung von dem, was man als Benchmark für aktuellen Spitzenfußball (Stichwort: „Europapokal!“) anzusehen hat, auch weiterhin so weit entfernt bleibt wie eine Kuh vom Fliegen – geschenkt. Dies darf m.E. weder aktuell noch mindestens mittelfristig der Maßstab sein.

Die Erwartungshaltung beeinflusse maßgeblich die (eigene) Wahrnehmung, schrieb ich der MrsCgn im Laufe unserer Diskussion. Und damit wäre ich aus meiner Sicht bei einem schon traditionell zu nennenden Kernproblem des HSV und seines Anhangs.

Nach Platz 10 am Ende der vorangegangenen Saison sollte es auch angesichts erneut erheblicher Investitionen in den Kader dieses Jahr bitteschön tabellarisch weiter nach oben gehen, so war doch die weit verbreitete Stimmungslage. Und der Boulevard nährte diese verständliche Erwartung, denn es wurde u.a. mit Halilovic angeblich sogar ein „Balkan-Messi“ vom großen FC Barcelona verpflichtet. Das klang nach Glanz, das klang nach Glamour. Dass der zweifelsohne hochtalentierte Spieler dort „nur“ der zweiten Mannschaft angehörte (von dort zwischenzeitlich an Gijon ausgeliehen), dass er sich an den körperlich robusteren Stil der Bundesliga erst gewöhnen muss(te), dass er in Hamburg auf ein äußerst unruhiges Umfeld traf, kurz: dass man diesem jungen Spieler mit dieser übergroßen Etikettierung einen Bärendienst erwies, wurde meist vollkommen ignoriert. Das gipfelte in der in meinen Augen vollkommen abstrusen Forderung in gewissen Foren, der erst nach desaströsem Saisonbeginn verpflichtete neue Trainer solle ebenfalls abgelöst werden, da er den vermeintlichen Erlöser Halilovic nicht umgehend zum Stammspieler beförderte.

Ein neuer Spieler funktioniert nicht sofort nach seiner Verpflichtung? Weg mit ihm!, ein Spieler ist mehrfach verletzt? Weg mit ihm!; aus dem Nachwuchs sprudeln 2 1/2 nach seiner Anstellung keine Nachwuchsstars im Dutzend? Peters raus!, ein neuer Trainer startet ohne gemeinsame Vorbereitung mit seiner neuen Mannschaft, die zudem erkennbar vollkommen verunsichert und ohne jedes Selbstvertrauen agiert und ist nicht sofort erfolgreich? Entlassen, aber sofort! – Das ist das Genom dessen, was als angebliches Elbe- oder HSV-Virus fälschlicherweise landauf landab beschrieben wird. Um gleich wieder etwaige Missverständnisse auszuräumen: Es geht mir eben nicht um Geduld um ihrer selbst Willen und/oder bis zum Sanktnimmerleinstag, es geht vielmehr um die unverändert längst gebotene Abkehr von überhöhten Ansprüchen und unrealistischen Erwartungen.

Selbstverständlich darf man von einem Club, der seit Jahren deutlich mehr Geld in seine Mannschaft investiert als so mancher Mitbewerber (Dank Kühne, Otto und anderen. Und ohne es aus eigener Kraft erwirtschaftet zu haben…), besseren Fußball erwarten als schematisch hilfloses Ballgeschiebe (statt zeitgemäßem Spielaufbau), Fehlpässe en gros, unabgestimmte Laufwege, technische Stockfehler in Serie, Umschaltspiel im Zeitlupentempo und sofortige kollektive mentale Zusammenbrüche und Auflösungserscheinungen nach Rückständen. Aber spektakulärer, flüssiger one-touch-Fußball, wie man ihn etwa beim jüngsten Auftritt des BvB bei Real Madrid sehen konnte, verwöhnt nicht nur den Betrachter sondern ist geeignet, die Maßstäbe unmerklich zu verzerren. Widmen wir uns also dem Spiel gegen den FC Augsburg, um die Frage nach der von mir unterstellten Erstligareife am konkreten Beispiel zu beleuchten.

Markus Gisdol schickte zum vierten Mal in Folge zu Spielbeginn die gleiche Mannschaft auf das Feld:

Mathenia – Douglas Santos, Jung, Djourou, Diekmeier – Ostrzolek, Sakai – Kostic (85. Ekdal), Holtby, N. Müller (89. Spahic) – Gregoritsch (67. Wood)

Gleichfalls unverändert blieb die taktische Grundformation (4-2-3-1), wenn auch gewisse Anpassungen an den Gegner erkennbar wurden. So versuchte man, sich der stark mannorientierten Verteidigung der Augsburger durch das Schaffen von Anspieloptionen („Dreiecke“) und eine möglichst schnelle Ballzirkulation zu entziehen. Insbesondere in der ersten Halbzeit stand die Abwehr des HSV hoch. Sofern möglich presste man offensiv und war erkennbar bemüht, möglichst schnell umzuschalten. Dies gelang über weite Strecken gut, auch wenn, das soll hier keineswegs mit Blick auf die oben angesprochene Ausgangsfrage verschwiegen werden, der Ball sich gemessen an höheren Qualitätsansprüchen noch viel zu oft unkontrolliert in der Luft befindet und sich eigene Angriffe daher immer wieder unbestritten auch aus Zufälligkeiten statt sicherem und kontrolliertem Passspiel am Boden entwickeln. One-Touch-Fußball ist das (s.o.) nicht, aber es ist eben auch kein „stoppen, schauen, (zurück)passen“ mehr in dem sattsam bekannten Maße. Die Mannschaft wirkt nun eingespielter und demzufolge beginnen Automatismen sichtbar zu werden (das Schauen nach dem Mitspieler wird weniger). Daher möchte ich es mal so formulieren: Die Mannschaft des HSV entwickelt sich und ihr Spiel vom angesprochenen, sträflich das Tempo verschleppenden Dreischritt zu einem Zwei-Kontakt-Fußball. Und das war höchste Zeit (angesichts der tabellarischen Situation) und überfällig (angesichts der grundsätzlichen Beschleunigung des Sports an sich).

Das Spiel war wie schon gegen den SV Darmstadt 98 hart umkämpft und geprägt von zahlreichen Nickeligkeiten. Die Mannschaft des neuen Augsburger Trainers, Dirk Schuster, kämpfte mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln. Besonders negativ auffällig wurde hier für mich Kohr, der schon früh in der Partie Kostic auf den Schenkel trat und bereits zu diesem Zeitpunkt hätte verwarnt werden müssen. So kam fast, was aus Sicht des HSV zu befürchten war: die Hamburger Mannschaft war sehr ordentlich im Spiel, zeigte eine erneut lobenswerte, da engagiert und geschlossen wirkende Mannschaftsleistung und drohte am Ende dennoch mit leeren Händen dazustehen. Denn  wieder war es Kohr, der erst Holtby bei einem Gegenstoß des HSV klar festhielt, dann mit einem Klammer-/Würgegriff zu Boden brachte und am Ende, nach einem Ellbogenschlag des Hamburgers (beim Versuch, sich aus dem  Würgegriff zu befreien) theatralisch das Gesicht hielt. Schiedsrichter Siebert hat die Aktion, die sich in seinem Rücken abspielte, nicht selbst gesehen, zog aber auf Hinweis seines Linienrichters die Rote für Holtby, während derjenige, der in meinen Augen in dieser Situation mindestens ein klares taktisches Foul begangen hatte, erneut straflos blieb. Dennoch lässt sich über die erste Hälfte bilanzieren, dass allein Gregoritsch (aber keineswegs nur er) die ein oder andere Chance hatte, während die Augsburger offensiv kaum konkret werden konnten.

In der Pause diskutierte ich mit meiner Sitznachbarin, was angesichts der personellen Unterzahl nun taktisch zu unternehmen sei. Wir tendierten beide zu einer defensiveren Spielweise und deswegen zu einer Einwechslung des uns für ein Konterspiel besser geeignet erscheinenden Wood (für Gregoritsch). Aber Gisdol ließ zu meiner Überraschung auch in Unterzahl in der gleichen personellen Besetzung beginnen. Natürlich spielte der HSV nun zunächst ein wenig abwartender, stellte sich aber keineswegs nur hinten rein sondern war weiterhin bemüht, nach vorne zu rücken sofern sich dazu die Gelegenheit bot. Einmal wäre dies dann doch beinahe schief gegangen. Plötzlich fand sich Douglas Santos in einem 1-2-Duell gegen Schmid auf der Außenbahn, während der mitgelaufene Altintop völlig frei war. Aber zum Glück für die Gastgeber geriet letzterer in Rücklage und jagte den Ball völlig frei vor Mathenia stehend über die Querlatte (52.). Für mich die größte und klarste Chance der wenigen echten Torchancen der Gäste.

In der 66. Minute verhängte der Schiedsrichter gegen den bereits zuvor nach einem Foul an Gregoritsch (57.) verwarnten Kohr nach einem weiteren taktischen Foul an Sakai die Ampelkarte. Die Wiederherstellung der personellen Gleichzahl führte postwendend zur Verstärkung der Hamburger Angriffsbemühungen. In diesem Zusammenhang erscheinen mir gleich zwei Kritikpunkte in Richtung der Gäste angebracht:

Kohr wandelte mit seinem Spiel erkennbar auf dünnstem Eis und hätte nach der ersten gelben Karte von Schuster ausgewechselt werden müssen; Für mich unverständlich spielte man trotz zwischenzeitlicher Überzahl unbeirrt zu viele, überhastete, lange Bälle anstatt Ball und dezimierten Gegner laufen zu lassen.

Zwei Minuten nachdem Gregoritsch wie erwartet für Wood Platz machen musste und drei Minuten nach Kohrs Platzverweis war es Nicolai Müller auf Seiten der Hamburger, der sich im Mittelfeld durchsetzten konnte und mit Tempo auf die Abwehr der Gäste zulief. Zwar hatte er noch etwas Pech mit seinem Abschluss und scheiterte am Pfosten, aber Kostic konnte den zurückprallenden Ball schließlich zum 1:0 abstauben (69.).

Auf Seiten der Gastgeber wurden weitere, im Ansatz zum Teil viel versprechende Möglichkeiten etwas leichtfertig vergeben, da z.B. Ostrzolek es versäumte, den Ball rechtzeitig zum mitgelaufenen Mitspieler abzuspielen.

Positiv aufgefallen ist mir u.a. auch Jung, der beispielsweise in der 74. Minute den Gegner ablief und seinen Körper angemessen einzusetzen wusste, was seinen Gegenspieler zu einer weiteren theatralischen Einlage animierte. Aber bei aller angebrachten Kritik an diesen und anderen Versuchen zum winning ugly der Gäste – auch das ist Bundesliga. Und die ist nun mal kein Ponyhof. Halten wir uns also nicht länger als notwendig damit auf sondern genießen für den Augenblick, was noch vor einem Monat fast unvorstellbar schien:

Es steht eine Hamburger Mannschaft auf dem Platz, die diese Bezeichnung tatsächlich verdient. Vier Spiele ungeschlagen, zwei Siege in Serie, es werden wieder Tore geschossen und auch mental scheint diese Mannschaft inzwischen deutlich gereifter.

Fazit: Der HSV gewinnt verdient. Sein Aufwärtstrend dürfte inzwischen nicht mehr zu bestreiten sein. Die Grundlagen für tatsächliche Wettbewerbsfähigkeit, und dies bezeichne ich eben als „erstligareif“, sind endlich wieder erkennbar. Dazu gehört für mich vor allem, dass es der Mannschaft unter Gisdol endlich gelingt, ihr eigenes Spiel in einer Geschwindigkeit zu entwickeln, die im Gegensatz zur Vergangenheit dem jeweiligen Gegner nicht länger alle Zeit der Welt gewährt, sich in Ruhe zu formieren. Maximal 14 Sekunden von der Balleroberung bis zum Abschluss, danach sinkt signifikant die Wahrscheinlichkeit des Torerfolgs – auch das ist eine im Prinzip längst bekannte Benchmark. Natürlich bleibt weiterhin viel, viel Luft nach oben und Raum für berechtigte Kritik. Spitzenfußball ist das noch bei Weitem nicht. Noch arbeitet der HSV zu viel Fußball anstatt ihn zu spielen. Aber dass der Verbleib in der Bundesliga nach (viel zu) langer Zeit wieder absolut realistisch erscheint, das sollte m.E. allen, die es mit den Hamburgern halten, zur Mahnung gereichen. Der HSV muss weg von der jahrelang kultivierten Nibelungentreue für (ehemals) verdiente Spieler, hin zu permanenten Überprüfung, ob die jeweiligen Spieler auch tatsächlich den sich stetig ändernden Anforderungen der Liga in angemessener Zeit (noch) gerecht werden. Daher wäre aktuell auch zu wünschen, dass man zukünftig besonderes Augenmerk auf die Fähigkeit zum Spielaufbau auch und vor allem durch die Innenverteidigung legt. Die Basis sowohl für den Klassenverbleib als auch für Torerfolge wird in der Abwehr gelegt. Wer permanent den Architekten wechselt und damit die Planungen umstößt, wer das Dach eines Hauses zu decken versucht, bevor das Fundament trägt, der bekommt nicht nur statische Probleme.

Schiedsrichter: Siebert (Berlin). Die rote Karte für Holtby war letztlich vertretbar, auch wenn ich diesem abnehme, dass er sich lediglich aus dem Würgegriff befreien wollte. Hätte allerdings Kohr deutlich früher verwarnen müssen (s.o.). Auch dass er für das Foul an Holtby nicht einmal eine Verwarnung aussprach, halte ich für falsch.

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