Monat: Oktober 2014

Eine zu erwartende Niederlage des HSV, die zu neuen und alten Erkenntnissen führt.

Das musste ja so kommen. Kaum zeigt die Mannschaft des HSV in Berlin unter Zinnbauer zum ersten Mal eine tatsächlich schwache Leistung, schon wird vieles, was gestern noch mehrheitlich positiv notiert wurde, in Frage gestellt.

Zur sportlichen Lage und seinen Einflussmöglichkeiten als Trainer befragt, rechnete Zinnbauer neulich auf einer PK vor, dass er grundsätzlich in jeder Trainingswoche an zwei Tagen kaum inhaltlich didaktisch mit seiner Mannschaft arbeiten kann, da dann regenerative (Auslaufen) oder motivationale (Abschlusstraining) Aspekte im Vordergrund stünden. Dazu gesellte sich die Länderspielpause mit der zwangsläufigen Abwesenheit von Stammpersonal (Djourou, Behrami), oder eben eine englische Woche wie diese, in der es im Pokal gegen die Bayern ging. Wenn man dazu noch berücksichtigt, dass der Großteil der Mannschaft die Saisonvorbereitung noch unter seinem Vorgänger, Mirko Slomka, absolvierte und zudem beachtet, dass wichtige Spieler erst nach Saisonbeginn (Holtby) oder aber verletzt verpflichtet wurden (Müller), bzw. wochenlang verletzt ausfielen (Lasogga, van der Vaart), dann erklären sich für mich zum Teil die bisher schwankenden Leistungen der Mannschaft.

Wer aus einem einzigen, unbestreitbar schwachen Spiel des HSV gegen Hertha ableiten will, dies sei eben typisch für die Selbstzufriedenheit der HSV-Profis, der verirrt sich in meinen Augen im metaphysischen Humbug. Zinnbauer steht tatsächlich vor der Aufgabe, eine Vielzahl neuer Spieler  im laufenden Betrieb in eine Mannschaft zu integrieren, der die desaströse vorherige Saison unverändert in Köpfen und Gliedern steckt.

Zu einem Problem für Zinnbauer entwickelt sich aus meiner Sicht van der Vaart. Einerseits, da bin ich ganz beim Trainer, kann ein fitter van der Vaart immer noch ganz wichtig für diese Mannschaft sein. Andererseits, dies fiel mir nicht erst beim Gastspiel in Berlin auf, wirkt die Mannschaft mit ihm derzeit deutlich weniger kompakt und griffig in den Zweikämpfen. Lasogga und er laufen zwar die gegnerischen Torhüter oder Innenverteidiger an, jedoch wirkt es, als wolle man sich allein auf die Lenkung des gegnerischen Spielaufbaus beschränken. Ein kollektives, entschlossenes Gegenpressing, wie es der HSV ohne van der Vaart beispielsweise auswärts beim überraschenden Sieg gegen den BvB bereits zeigte, findet dann kaum noch statt. Wenn man aber offensiv-dominant zu spielen versucht, wenn man so hoch aufrückt, wie es der HSV gegen Hoffenheim und auch gegen die Hertha praktizierte, dann muss man m.E. entweder konsequent geschlossen bei Ballverlust ins Gegenpressing gehen, oder man muss läuferisch in der Lage sein, mehrheitlich schnell genug hinter den Ball zu kommen. Beides scheint mir mit einem van der Vaart in der zuletzt gezeigten Verfassung nicht zu funktionieren.

Um nicht missverstanden zu werden: es geht mir hier nicht darum, van der Vaart als Sündenbock auszugucken, denn der war bekanntlich verletzt. Es geht mir vielmehr um die Frage, wie mit dieser Personalie zu verfahren ist, solange van der Vaart nur dem Namen nach als eine Verstärkung erscheint. Um darauf eine klare Antwort zu liefern: ich, der ich das zum Glück nicht entscheiden muss!, würde ihn derzeit nicht mehr von Anfang an bringen. Ich würde es lieber sehen, wenn Zinnbauer ihn über Kurzeinsätze an die Mannschaft wieder heranführen würde.

Aus meiner Sicht war die Aufgabenstellung für das gestrige Pokalspiel gegen den Rivalen aus dem Süden klar: sich mit Anstand aus der Affäre ziehen, um nicht mit der Hypothek einer desaströsen Niederlage vor eigenem Publikum in die nächsten, gewiss nicht einfachen Wochen gehen zu können. Denn erst die nächsten Wochen werden aus meiner Sicht unzweifelhaft zeigen, ob es sich bei dem Auftritt gegen die Hertha um einen negativen Ausrutscher handelte, bzw. ob notfalls im Winter personell nachgerüstet werden muss.

Der Wettbewerb um den DFB-Pokal bezieht seinen Reiz auch aus dem Aufeinandertreffen von Favoriten und Außenseitern. Da bekanntlich ein einziges Spiel entscheidet, kommt es dabei immer wieder zu Überraschungen. Dennoch hoffte ich vor dem Spiel, dass Zinnbauer dem angeschlagenen Behrami eine Pause gönnen würde, auch wenn sich dadurch das ohnehin ungleiche Kräfteverhältnis unzweifelhaft noch weiter zugunsten der Bayern verschieben sollte. Der Schweizer erscheint mir schon jetzt derart unverzichtbar, dass ich ungern das Risiko eines längeren Ausfalls für die Liga in Kauf genommen hätte.  Am Ende bleibt die Bundesliga das Kerngeschäft.

Zinnbauer verzichtete tatsächlich gänzlich auf Behrami und vertraute zu Spielbeginn der folgenden Aufstellung:
Drobny – Götz, Djourou (69. van der Vaart), Westermann, Ostrzolek – Arslan (61. Kacar), Jiracek (18. Steinmann), N.Müller, Holtby, Stieber – Lasogga

Das Spiel:  Gelegentlich habe ich beim Betrachten der Spiele des HSV das Gefühl, ich sei im falschen Film. Wenn der Gegner nicht die Tore schießt, dann sorgt man selbst durch krasse individuelle Fehler dafür, dass man in Rückstand gerät. Die ohnehin auf dem Papier geschwächte Hamburger Elf (ohne Behrami und mit dem unerfahrenen Götz für Diekmeier) begann das Spiel sowohl läuferisch als auch kämpferisch durchaus engagiert, doch leider wurde die ohnehin kleine Chance auf ein Weiterkommen bereits in der 7. Spielminute praktisch zerstört. Die Bayern spielten einen Ball entlang der rechten Außenlinie. Westermann trabte zunächst gemächlich dem Ball Richtung Eckfahne hinterher, bis er plötzlich bemerkte, dass Thomas Müller ebenfalls dem Spielgerät hinterhersetzte. Unerwartet von Müller unter Druck gesetzt, wollte Westermann zu Drobny passen, traf aber den Ball derart schlecht, dass er zur unfreiwilligen Vorlage für Müller mutierte. Müller passte zu Lewandowski, dessen ersten Torschuss Djourou noch mit letztem Einsatz auf der Linie klären konnte. Gegen den Nachschuss des polnischen Ausnahmestürmers war dann aber keine Rettungstat mehr möglich. Derart früh 0:1 hinten gegen die Bayern mit einer Mannschaft, deren größtes Schwäche bislang in der mangelnden Durchschlagskraft im Offensivspiel zu sehen ist – es ist zum Haare raufen!

In der 18. Minute musste Zinnbauer dann auch noch den durchaus erfahrenen, jedoch kurz zuvor verletzten Behrami-Ersatz, Jiracek, vom Feld nehmen (Gute Besserung!), den ich gerne einmal länger im defensiven Mittelfeld gesehen hätte. Bemerkenswerterweise wählte Zinnbauer als Ersatz des Ersatzes nicht die vermeintlich sicherere Option Kacar, sondern warf mit Steinmann einen weiteren Nachwuchsspieler ins eiskalte Wasser gegen den Branchenprimus. Um dies vorwegzunehmen: Steinmann lieferte wie Götz eine respektable Leistung. Beide benötigen jedoch verständlicherweise weitere Wettkampferfahrung, um sich an das ungleich höhere Niveau anzupassen. Da auch in Bestbesetzung alles andere als ein Ausscheiden gegen die Bayern eine faustdicke Überraschung gewesen wäre, fand ich es gut, dass sich Zinnbauer für diese mutige Lösung entschied. Training bleibt Training, egal wie wettkampfnah es gestaltet wird. Insofern glaube ich, dass beide Spieler gestern wichtige Erfahrungen sammeln konnten, die sich hoffentlich bei ihrer weiteren Entwicklung auszahlen werden.

In der 21. Minute passte Lewandowski vermeintlich direkt auf Thomas Müller, der dann keine Mühe hatte, den Ball im Tor des HSV unterzubringen. Zum Glück für die Hamburger funktionierte hier die Zusammenarbeit im Schiedsrichtergespann. Denn der Ball war, was im ersten Moment durchaus schwer zu erkennen war, zuvor noch einmal durch Alaba berührt worden, was dann zur Abseitsstellung Müllers führte. Der Treffer fand daher richtigerweise keine Anerkennung.

Die Bayern dominierten wie erwartet das Spiel. Der HSV bot  jedoch m.E. ohne van der Vaart (s.o.) läuferisch, kämpferisch und taktisch eine grundsätzlich ordentliche Leistung, die Mehmet Scholl später in der Halbzeitanalyse der ARD zurecht lobte. Dies belegt auch die Tatsache, dass Drobny erst in der 43. Minute die nächste Großchance vereiteln musste, einen Schuss von Lahm aus kürzester Distanz.

Leider war die ansonsten großartig spielenden Nummer eins im Tor des HSV nur eine Minute später nicht ganz schuldlos am vorentscheidenden 0:2. Der flatternde Fernschuss Alabas aus 25 Metern erschien mir nicht gänzlich unhaltbar (44.).

In den ersten Minuten nach der Halbzeitpause entwickelte sich ein ähnliches Spiel. Die Bayern waren weiter eindeutig spielbestimmend, der HSV ließ aber weniger zu, als ich befürchtet hatte. Dass für den HSV nach vorne wenig ging, fand ich angesichts der Ausgangskonstellation nicht überraschend. So dauerte es bis zur 55. Minute, in welcher Ribery einmal mehr von der linken Außenbahn in Höhe Strafraumgrenze nach innen zog. Sein Torschuss wurde unglücklicherweise von Djourou abgefälscht, sodass Drobny keine Abwehrchance blieb. Mit dem 0:3 war das Spiel endgültig entschieden.

Bayern-Trainer Guardiola nutzte nun den Spielstand, um Leistungsträger zu schonen, bzw. Spielern wie Hjöbjerg und Rode noch zu einigen Einsatzminuten zu verhelfen. Auch Zinnbauer wechselte mit Blick auf die in der Liga wartenden, schweren Aufgaben. So kam Kacar zunächst für Arslan als zweiter Sechser neben Steinmann. Später rückte Kacar in die Innenverteidigung neben Westermann, denn Zinnbauer brachte van der Vaart ins Spiel, was zur Folge hatte, dass Holtby von der zentral offensiven Position  nach hinten, neben Steinmann rückte.

Die Wechsel waren meiner Meinung nach aus Sicht beider Trainer vollkommen nachvollziehbar. Eine grundlegende Wende war nicht mehr zu erwarten. Zinnbauer konnte sich so einen Eindruck von Kacar unter Wettkampfbedingungen auf gleich zwei Positionen verschaffen. Und zu van der Vaart habe ich ja bereits weiter oben Stellung genommen.

Warum man auf den Niederländer keineswegs vollkommen verzichten kann, zeigte er kurz vor Schluss der Partie. In der 86. Minute erlief er zunächst einen Ball rechts  im Strafraum der Bayern, den er dann wunderbar genau und gefühlvoll an den langen Pfosten lupfte, wo Lasogga dann nur noch zum 1:3 einnicken musste.

Nicht verschweigen will ich, dass sich den Gästen aus Bayern nach dem 0:3 zahlreiche Großchancen boten (58. T. Müller; 73. Ribery; 88. Ribery ; 91. T. Müller), die Drobny großartig vereitelte.

Schiedsrichter: Fritz (Korb). Sehr gute Kommunikation innerhalb des Gespanns, die in der 21. Minute erst die korrekte Entscheidung auf abseits beim vermeintlichen 0:2 durch Müller ermöglichte.

Fazit: Der HSV unterliegt dem FC Bayern mit 1:3 (0:2). Der Endstand ist nach dem Spielverlauf zwar als ein schmeichelhaftes Resultat für den HSV zu bewerten, dies finde ich jedoch nicht beunruhigend. Der FCB kann und darf derzeit nicht der Maßstab für den HSV sein.

Erfreulich finde ich die Reaktion der Mannschaft auf die größtenteils schwache Leistung gegen Hertha. Dass man sich dem übermächtigen Gegner keineswegs kampflos ergeben wollte, war durchaus zu erkennen.

Aus meiner Sicht hat Zinnbauer alles richtig gemacht. Im Hinblick auf die kommenden, ungleich wichtiger erscheinenden Liga-Spiele dürfte Behrami zurückkehren. Ob auf der linken offensiven Außenbahn Stieber oder Jansen aufläuft, dies dürfte nicht nur von Trainingseindrücken, sondern auch von der Frage der jeweiligen Gegenspieler abhängen. Auch die Rückkehr Diekmeiers ist zu erwarten und wird von mir als Verstärkung bewertet. Das ist aber nicht als Vorwurf gegen Götz gemeint. Beide Talente, Götz und Steinmann, haben sich für weitere Bewährungsproben empfehlen können, aber man sollte sie m.E. weiterhin behutsam aufbauen.

Sorgen bereitet unverändert die mangelnde Durchschlagskraft im Offensivspiel. Warum Rudnevs derzeit gar keine Rolle mehr spielt, vermag ich aus der Distanz nicht zu beurteilen. Ich würde mich nicht wundern, wenn die sportliche Leitung in der Wintertransferperiode nachzubessern versucht. Vergessen sollten wir jedoch nicht, dass zur Rückrunde hoffentlich mit Maxi Beister ein weiterer, schneller und beweglicher Offensivspieler zurückkehrt, der seine Torgefährlichkeit bereits nachgewiesen hat.

Advertisements

Der HSV unterliegt auswärts bei Hertha BSC verdient mit 3:0 (0:0)

Es hätte ja auch zu schön werden können. Am Freitagabend, so wurde mir via Twitter zugeraunt, trafen sich bereits die angereisten auswärtigen Mitglieder des HSV-Fanclubs, der Sitzkissenfraktion Auswärts, in Friedrichshain, was ich als Charlottenburger, einem seltenen Moment geistiger Klarheit folgend, ignorierte. Ich nahm also abends nicht die transsibirische U-Bahn in den Osten der Stadt, sondern blieb stattdessen brav zu Hause. Schließlich stand bereits am nächsten Morgen ein gemeinsamer Brunch auf dem Plan (Danke für die Einladung!). Am nächsten Morgen bestieg ich daher ausgeruht den Polarexpress, der mich wider Erwarten pünktlich – Berliner kennen ihre S-Bahn und wissen, was ich meine –  in Richtung Prenzlauer Berg beförderte. Der Veranstaltungsort, Treff25, war nicht schwer zu finden, liegt er doch genau gegenüber der Berliner HSV-Fan-Kneipe, dem Dubliner. Vor Ort gab es ein überaus reichhaltiges Büffet, allerdings, so schien es mir, laborierte der eine oder andere zu dieser unchristlich frühen Stunde (11 Uhr) noch an den Nachwirkungen seiner vorangegangenen nächtlichen Streifzüge… Aber die Sitzkissenfraktionäre können eben feiern. Und so soll es ja auch sein.

Gut gestärkt ging es nach dem Brunch für mich geschwind zurück gen Heimat, wo bereits die unerbrittliche MrsCgn nebst Gatten, K1 und zwei weiteren Kindern wartete. Gemeinsam fuhren wir dann optimistisch und gut gelaunt zum Olympiastadion. Der Zugang ins Innere verlief äußerst zügig und reibungslos, allerdings stolperten wir gleich hinter der Eingangskontrolle fast in eine handfeste Auseinandersetzung zweier Herren, die unter Ernährung offensichtlich den übermäßigen Konsum von Gerstensaft verstanden hatten. Ich erwähne dies nur, weil es zu den unschönen Begleitumständen eines Stadionbesuchs zählen kann, gerade wenn man sich in Begleitung von Kindern befindet. Aber dank Ordnungsdienst und Polizei wurde die Rauferei sofort unterbunden. Das darf man bei aller sicher oft angebrachten Kritik im Zusammenhang mit der Thematik Sicherheit in und um die Stadien auch einmal lobend erwähnen, finde ich.

Im Stadion nahmen wir unsere Plätze auf der Tribüne unweit des prall gefüllten Gästeblockes ein. Auch um uns herum saßen weitere „HSVer“, die uns mit versierten Kommentaren erheiterten:

„Wer ist denn die 7 bei uns?“
„Das ist Jansen.“
„Das hätte ich jetzt auch gesagt“.

Es geht doch nichts über profunde Kenntnisse des aktuellen Kaders der eigenen Mannschaft.

HSV-Trainer Zinnbauer überraschte einmal mehr und ließ Holtby zu Beginn auf der Bank. Für ihn spielte eben jene Nummer Sieben. Die Aufstellung las sich daher wie folgt:

Drobny – Götz, Djourou, Westermann, Ostrzolek – Arslan (46. Holtby), Behrami, N. Müller, van der Vaart (66. Green), Jansen – Lasogga (74. Nafiu)

Der HSV kam zunächst gut ins Spiel. Die ersten 15 Minuten gehörten eindeutig der Auswärtsmannschaft. Leider war es dann bereits vorbei mit jeder Herrlichkeit aus Sicht des HSV-Anhangs. Zunehmend übernahm Hertha die Spielkontrolle, bei der bereits in der ersten, noch torlosen Halbzeit der auch in Hamburg bekannte Änis Ben-Hatira zu gefallen wusste.

Die Berliner variierten geschickt zwischen Mittelfeld- und Offensivpressing und kamen zu zahlreichen Balleroberungen. Vor allem in der ersten Halbzeit meinte ich zu sehen, dass sie ihr Spiel meist über ihre rechte Seite entwickelten, wo Ostrzolek des Öfteren seine liebe Müh‘ und Not zu haben schien, um die Berliner Angriffe über seine Seite zu stoppen. Ich hatte allerdings den Eindruck, dass er auch durch seine Kollegen (hier vor allem Jansen und Arslan) nur unzureichend unterstützt und abgesichert wurde.

Der HSV seinerseits verfiel bei eigenem Ballbesitz in ein leider bekanntes Muster: Die Angreifer bewegten sich vorne zu wenig und verharrten viel zu häufig im Deckungsschatten der Berliner Defensive. Die Folgen waren:

1. abgefangene Pässe in der Vorwärtsbewegung, die schnelle Gegenstöße des Gegners ermöglichten;
2. Zunehmende Unruhe, Unsicherheit und Ideenlosigkeit spätestens im Übergang ins s.g. letzte Drittel, die sich dann in der zweiten Halbzeit schon auf den Übergang zwischen erstem und zweiten Drittel, also zunehmend in Richtung jener Spielfeldzone ausdehnte, in welcher der Spielaufbau erfolgt;
3. Stetig zunehmender Anteil langer, hoher Bälle von Drobny.

Lasogga konnte kaum hohe Bälle festmachen. Der prinzipiell gefährliche Nicolai Müller wurde durch die taktisch von Luhukay bestens eingestellten Herthaner erfolgreich neutralisiert und trat kaum in Erscheinung. Bei van der Vaart waren in einem Laufduell mit Skjelbred deutliche läuferische Defizite zu bemerken. Auch er wurde von den Herthanern praktisch abgemeldet. Da der HSV meiner Erinnerung nach auch im gesamten Spiel nicht zu einer einzigen, nennenswerten Freistoßchance kam, deren Nutzung ja grundsätzlich als eine Stärke van der Vaarts anzunehmen ist, fehlten für mich angesichts dieser schwachen Leistung van der Vaarts wesentliche Gründe, die seinen Einsatz rechtfertigten. Aber wenn man aus dem Rathaus kommt…

Bereits in der ersten Halbzeit sah man diverse Kopfballstafetten zwischen beiden Mannschaften im Mittelfeld, die am Ende mehrheitlich zugunsten der Hausherren verliefen. Mit anderen Worten: Der HSV spielte zu wenig Fußball. In der zweiten Halbzeit sollte sich dieser negative Trend fortsetzen. Auch der Halbzeitwechsel Zinnbauers von Arslan zu Holtby, eine moderat offensivere Ausrichtung der Mannschaft, sollte daran nichts ändern.

In der 58. Minute prüfte Ndjeng mit einen Distanzschuss die Bruchsicherheit der Querlatte des HSV-Tores. Eine Minute später hatte Jansen aus ca. 10 Metern und halblinker Position die große Chance, den Führungstreffer zu erzielen. Warum ihm dies letztlich misslang, bzw. warum Kraft im Tor der Berliner diese Chance vereiteln konnte, ließ sich aufgrund meiner Entfernung zum Ort des Geschehens (andere Stadionseite) nicht beurteilen. Fast im direkten Gegenzug  wurde der HSV von den Gastgebern klassisch ausgekontert. Nach einer sehenswerten Kombination landete der Ball am Ende beim starken Ben-Hatira, der Drobny keine Abwehrchance ließ. Das 1:0 in der 59. Minute.

Anders noch als zuvor gegen die TSG Hoffenheim fand der HSV dieses Mal keine Mittel, um die Wende herbeizuführen. Zunehmend wirkte das Spiel der Mannschaft auf mich in einer Weise hilflos, wie man es unter Zinnbauer bisher nicht sah. Man bekam keinen Zugriff in den Zweikämpfen, verlor die zweiten Bälle und konnte, wie bereits erwähnt, auch keine Freistoßchancen in Strafraumnähe herausarbeiten. Letzteres belegt ebenfalls die defensiv erstklassige Leistung der Gastgeber.

Die HSV-Abwehr stand hoch, aber da man den Ball in der gegnerischen Hälfte kaum  behaupten konnte, lief man regelmäßig den schnellen Gegenstößen der Hertha hinterher. Nun zeigte sich meines Erachtens auch, warum Zinnbauer vor der Partie dem Hype des Hamburger Boulevards um Götz mit der Bemerkung begegnete, dass für ihn im Normalfall Diekmeier klar vor dem jungen Rechtsverteidiger-Talent stünde. Es wäre gewiss verfehlt, Ashton Götz die Schuld für die Niederlage zu geben, aber man sah doch in einigen Situationen, dass er noch einige Zeit benötigt, um in der ersten Bundesliga vollends anzukommen.

Als Zinnbauer gerade den schwachen van der Vaart für Green auswechseln wollte, drückte Heitinga nach einem konfusen Defensivverhalten der Hamburger Abwehr den Ball zum 2:0 über die Linie (66.). Im Grunde war das Spiel zu diesem Zeitpunkt bereits entschieden, denn dem HSV fehlte weiterhin jegliche Mittel.

Ins Bild passte, dass Zinnbauer Lasogga ausgerechnet in Berlin vorzeitig vom Feld holte, ohne dass eine Verletzung dies erzwang. Für Hamburgs Wandstürmer kam der junge Nafiu zu seinem Bundesligadebüt. Ich interpretiere dies als Versuchs Zinnbauers, dem schnellen Nicolai Müller zwei weitere, schnelle und  bewegliche Leute an die Seite zu stellen, um so die sicher wirkende Abwehr der Herthaner vielleicht doch noch zu überlisten. Ich gestehe, wäre ich an Zinnbauers Stelle gewesen, ich hätte stattdessen mit Nafiu gegen Müller eins zu eins gewechselt, denn von Müller war außer der Anfangsphase praktisch nichts zu sehen. Aber damit will ich keineswegs Zinnbauers Entscheidung kritisieren, sondern nur meine andere Bewertung zum Ausdruck bringen.

Der Treffer zum 3:0 (erneut durch Ben-Hatira) in der 85. Minute ist aufgrund der taktischen Ausgangslage, bzw. der geringen verbleibenden Restspielzeit nur noch ein Fall für die Statistik.

Fazit: Am Ende verlor der HSV auch in der Höhe mehr als verdient. Aus meiner Sicht war das der erste, eindeutige Rückschritt unter Leitung des neuen Cheftrainers. Das muss man nicht dramatisieren, ist gleichwohl aber eben exakt so zu benennen.

Schiedsrichter: Kinhöfer (Herne). Hatte einige enge Entscheidungen zu treffen. Aufgrund meiner meist (zu) großen Entfernung zum Ort des Geschehens werde ich mich jedoch hüten, ihm Fehlentscheidungen zu unterstellen, zumal ich bisher keine Fernsehbilder der Partie sehen konnte. An der Niederlage war er gewiss nicht schuld.

Nach dem Spiel fuhr ich gemeinsam mit meiner Begleitung zurück nach Hause, wo sich dann unsere Wege trennten. Ich machte mich dann erneut auf den Weg, um gemeinsam mit den Sitzkissenfraktionären die Wunden zu lecken. Denn in diesem Fall galt tatsächlich: geteiltes Leid, ist halbes Leid. Am Ende wurde die Nacht lang, feucht und sogar ein wenig fröhlich. Der Tag nahm also ein versöhnliches Ende, auch wenn das Fernbleiben des Sitzkissenfraktionärs und Quoten-Krefelders unter den Lesern dieses Blogs,  Cosmo aka GroteRuetze (Twitter), schärfstens zu missbilligen bleibt.