Wider Resignation, Abstiegsangst und Defätismus!

Es fällt schwer, in diesen Tagen in Sachen HSV nicht den Mut zu verlieren. Jeder kann die Tabelle lesen und die verbleibenden Spieltage zählen. Nicht nur die sportliche Lage ist ernst, sehr ernst, zweifellos. Und doch gilt es, gerade jetzt das Kreuz durchzudrücken und die Schultern zu straffen.

Die Körpersprache, so sagt man, verrät den Gemütszustand. Wer alle Hoffnungen fahren lässt, wer durchhängt, dem ist dies gewöhnlich anzusehen. Dabei gibt es auch den umgekehrten Zusammenhang. Längst hat die psychologische Forschung nachgewiesen, dass sich die Stimmung der Probanten aufhellte, die sich z.B. bewusst zu einem Lächeln zwangen. Es gilt also beides: weil ich  resigniere, darum sacke ich zusammen. Richtig ist aber auch, dass eine bewusste Kontrolle meiner Körpersprache, meiner Mimik meine innere Verfassung positiv beeinflusst.

Wie können wir, die Mitglieder und Fans, von unserer Mannschaft einen Kampf  bis zur letzten Minute fordern, wenn wir in unseren Köpfen längst resigniert haben und die nächste Klatsche bereits als unabwendbar vorausnehmen?!

„Die sind so grottenschlecht!“, hörte ich unlängst. „Das war ’s (nach dem Spiel gegen Braunschweig), die gehen runter!“ Nein!, sage ich, das war es es nur dann (oder wird es nach dem nächsten Spiel sein), wenn man aufgibt. Wer resigniert, der hat bereits verloren. Wer nicht mehr glauben kann, an die kleinste Chance, der ist schon abgestiegen – im Kopf. „Guck Dir das Elend doch an!“, wird jetzt mancher einwenden. Ein Vorschlag als Erwiderung: sollen wir heute noch ein Fax nach Frankfurt senden und den HSV vom Spielbetrieb der Ersten Liga abmelden? Nein? Dann sind auch wir gefordert. Gefordert, gegen die negativen Stimmen in unseren Köpfen anzugehen.

Unsere Spieler sind Profis. Das sind Menschen, die nicht nur ihr Geld mit Fußball verdienen. Es sind eben auch Menschen, die es in ihrem Sport bereits geschafft haben, sich gegen hunderttausende Konkurrenten, gegen talentierte Amateure, in Nachwuchsleistungszentren oder in anderen Profi-Mannschaften durchzusetzen. Zehntausend Wiederholungen braucht es, so sagt man, damit man eine bestimmte Fähigkeit gut beherrsche. Man darf also getrost schätzen, dass auch ein aktueller Profi beim HSV im Laufe seiner Ausbildung und Karriere mehrere hunderttausend Mal einen Ball gepasst hat. Daraus folgt, dass man vermutlich sogar den technisch Unbegabtesten in unserer Mannschaft unter normalen Umständen nachts um drei aus dem Tiefschlaf holen kann. Er wird die meisten von uns auf dem Bierdeckel schwindelig spielen. Und selbstverständlich wird er uns mühelos einen Ball über vier, fünf Meter zupassen können. Normalerweise. Aber die Lage beim Dino ist derzeit alles andere als normal, oder etwa nicht?

Erinnert sich jemand an die zweite Halbzeit gegen Hoffenheim? War es nicht bestürzend, ja grotesk, wie unseren Spielern serienweise die einfachsten Bälle versprangen? Wie selbst Kurzpässe ihr Ziel, den Kollegen, verfehlten? Das sollen Profis sein?! Ja, sage ich, das sind Profis! Menschen, und auch Profis bleiben unbetreitbar Menschen, reagieren unterschiedlich. Was den einen bspw. motiviert demotiviert den anderen völlig. Wer also Magath unter anderem deswegen favorisiert hatte, weil der den Spielern mutmaßlich ordenlich in den Allerwertesten getreten hätte, der ignoriert deren Individualität. Die pauschale Annahme, man könne über Angst und Strenge jeden Menschen dauerhaft zu einer Leistungssteigerung bewegen, ist eindeutig und nachweisbar falsch. Wenn man im Tierversuch z.B. eine Ratte negativen Stress aussetzt, indem man den Käfigboden unter Strom setzt, dann wird sie mit Flucht, bzw. mit dem Versuch reagieren, mittels eines Schalters im Käfig den Stromfluss zu beenden. Gelingt dies, so beruhigt sich das Tier und lernt nebenbei, wie es den störenden Reiz ggf. schnell vermeiden kann. Versperrt man jedoch den Ausweg aus dem Käfig, bzw. bleibt das Betätigen des Schalters folgenlos, so wird das Tier trotz anhaltendem Stromflusses irgendwann regungslos in einer Ecke des Käfigs sitzen bleiben. Kein Aufbegehren mehr, denn sie hat gelernt, dass es kein Entkommen gibt. Nun mag man einwenden, dass ja aber die Angst das Tier zunächst angetrieben hat. So, wie es auch viele von uns aus unserem Leben kennen: Ich will nicht, dass eine übergeordnete Autorität (Eltern, Lehrer, mein Vorgesetzter im Betrieb, Trainer) mit Strafe reagiert, also reiße ich mich zusammen und strenge mich an. Andernfalls drohen Taschengeldentzug, schlechtes Zeugnis, Abmahnung oder Aussortierung. Wer nun allein deswegen Leistung bringt, wer meint, nur deswegen Leistung bringen zu können, der offenbart seine persönliche Motivationslage. Der übeträgt seine  individuelle Einstellung, seine Lern- und Lebenserfahrungen auf andere. Allgemeingültig daran ist wenig, denn andere Menschen haben andere Erfahrungen und reagieren anders.

Hand auf ’s Herz! Macht es nicht mehr Spaß, etwas aus Begeisterung statt aus Angst zu machen?  Vergeht die Zeit nicht deutlich schneller, wenn ich in die Aufgabe versinken kann statt mich permanent vor der Kritik meiner Vorgesetzen zu fürchten? Ist es nicht schöner, im Flow zu sein, statt das Scheitern zu fürchten? „Es hat sich fast von allein erledigt“, „es ging mir leicht von der Hand“, sagt man und meint eben diese Selbstverständlichkeit, diese Selbstvergessenheit, die oft sogar mit überragenden Leistungen einhergeht. Der Zugang zu diesem Zustand des „ES spielt“ kann bei anderen Menschen geradezu blockiert werden, wenn man sie allein mit Angst zu motivieren versucht. Denn deren Selbst fürchtet gerade die negative Reaktion ihres Umfelds. „Was passiert mit mir, sollte ich heute wieder den entscheidenden Fehler begehen?“, ist da nur einer der naheliegenden Gedanken. Und eine Folge kann sein, dass man der Situation am liebsten entkommen möchte. Nur raus aus dem Betrieb, raus aus dem  Stadion.

Die besten Leistungen bringen Sportler im Rausch des Flows. Der hunderttausende Male geübte Pass findet selbstverständlich den richtigen Adressaten. Und er findet ihn nicht nur, sondern er wird ihm mit größter Sicherheit und Selbstverständlichkeit passend in den Lauf oder in den Fuß gespielt. Wenn ich aber den Fokus auf das Wesentliche verliere, nämlich den Mitspieler zu sehen und einfach anzuspielen, wenn ich bei der Ballannahme schon ein spöttisches Raunen und bei der folgenden Ballverarbeitung Pfiffe höre, dann kann urplötzlich ein gedanklicher Konflikt entstehen: Ich „denke“, wie ich den Ball spielen soll, und gleichzeitig(!) beschäftigt mich die Reaktion darauf. Ein solches „nicht fertig denken“ kann regelmäßg zu grotesken Fehlleistung führen. Kann dazu führen, dass mir etwas, was ich grundsätzlich und normalerweise im Schlaf beherrsche, total misslingt. Das Misslingen beweist also keineswegs und in jedem Fall, dass die beabsichtigte Handlung nicht beherrscht wird. Richtig wäre in diesem Fall, grundätzlich für eine leistungsfördernde Ordnung der eigenen Gefühle und Gedanken zu sorgen. Aus Zeitmangel müssten Fußballspieler dies hauptsächlich vor dem Spiel bereits erledigen. Wir Zuschauer aber können dies im Prinzip jederzeit.

Fragen, die in diesem Zusammenhang zu stellen wären, könnten sein:
Welche Gefühle nehme ich in mir wahr, wenn ich z.B. an das nächste Spiel und dessen Ausgang denke?; Was erwarte ich als Reaktion (von wem auch immer)?; Fühle ich mich wohl und der Situation gewachsen? Sehe ich mich gefordert oder überfordert? Wie entwickelt sich meine Atmung, wenn ich an den Wettkampf mit all seinen Facetten denke? Wie fühlt sich meine Muskulatur dabei an?
Dieser Fragenkatalog ist keineswegs abschließend gemeint. Je nach Mensch/Sportler muss individuell gefragt werden. Danach kann man an der individuell passenden Lösung, den ggf. zu treffenden Gegenmaßnahmen mental arbeiten. Wer beispielsweise einsetzende Verkrampfung (Muskeltonus) oder Panikanflüge wahrnimmt, der kann gezielt dagegen vorgehen (Progressive Muskelrelaxion; bewusste Atemkontrolle). Wer die Situation als unangenehm empfindet und ihr entfliehen möchte, der kann z.B. im Rahmen eines Autogenen Trainings versuchen, die Wettkampfsituation positiv aufzuladen, in dem man an etwas Schönes, Positives denkt. Wer gedankliche Versagensängste wahrnimmt, der sollte seinen inneren Monolog so lange fortführen, bis er sich seiner selbst sicher ist. Aus „Himmel! Was passiert, wenn ich verschieße?!“ muss „Ich freue mich auf diese Herausforderung! Ich werde treffen!“ werden. Dabei ist stets zu beachten, dass unsere Unbewusstes keine Negation kennt. Um der Aufforderung, „stell Dir keinen weißen Elefanten vor!“ nachkommen zu können, muss ich zunächst das Bild eines weißen Elefanten in mir aufsteigen lassen. Es sollten daher grundsätzlich Verneinungen vermieden werden. Nicht „Spiel den Ball ja nicht zu kurz!“ ist richtig, denn das führt mit hoher Wahrscheinlichkeit zu eben dem zu kurzen Ball, den ich doch vermeiden sollte (und wollte). „Spiel lang!“ oder „spiel mutig!“ wäre daher zielführend. Positives Denken und Reden helfen tatsächlich. Das hat mit Esoterik oder Aberglauben rein gar nichts zu tun.

Wer den Abstieg vermeiden will, der muss fest und unbeirrt an die Chance glauben. Das gilt für die Spieler, da gilt aber auch für uns Zuschauer. Angstverstärkungen, im Extremfall durch wutverzerrte Gesichter nach dem Spiel, durch Angriffe auf Spieler oder deren Eigentum, dienen tatsächlich nur einem Zweck: Der Abfuhr eigener Frustration und Aggression. Für das eigentliche Ziel, zu stützen und zu unterstützen, ein mehr an Leistung zu ermöglichen, den Klassenerhalt, sind sie in aller Regel kontraproduktiv oder sogar ausgesprochen schädlich.

Uns Anhänger des Vereins treibt die Angst vor dem leider denkbaren Abstieg um, der wohl für die meisten einem regelrechten Horror gleichkäme. Wer aber glaubt, gut verdienenden Profis sei das alles völlig egal, da sie wohl andernorts unterkommen würden, der irrt in meinen Augen. Frage: Möchtet Ihr in eurem Lebenslauf vermerkt haben, dass Ihr Bestandteil einer Mannschaft gewesen seid, die nicht die Klasse halten konnte, ein Absteiger? Möchtet Ihr zukünftig mit der Schande leben müssen, dass Ihr es gewesen seid, der als Teammitglied maßgeblich dazu beigetragen hat, dass der Dino ausgestorben ist? Wohl kaum, oder?

Bekämpfen wir also die Resignationsanflüge in unseren Köpfen! Erleichtern wir dem Trainer das Lösen der Blockade, die nach einer Niederlagenserie schleichend entsteht. Leben wir Zuversicht vor, statt das Negative noch herbeizureden. Dann, aber nur dann!, haben wir tatsächlich eine Chance. Auch wenn sogar weitere Spiele verloren gehen sollten. Jetzt gilt es! Jeder und jede ist gefordert! Ausgliederungsbefürworter oder Traditionalisten – völlig egal. Wir alle, Team und Anhänger, müssen uns fokussieren. Eine unerschütterliche Wand muss bis zum letzten Augenblick hinter unserer Mannschaft stehen. Alleine werden sie es nicht schaffen, alleine steigen sie ab. Das scheint mir sicher. Ich weiß, es ist schwer, aber lasst uns das Kreuz durchdrücken. Bemühen wir uns jeden Tag trotz allem um ein Lächeln, auch wenn uns derzeit wahrlich nicht danach zu Mute ist. Fangen wir an! Jetzt! Jeder bei sich und sofort!

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7 Kommentare

  1. In diesem Zusammenhang bewegt mich folgendes:
    Marcell Jansen hat in der PK wohl eben alle kommenden Spiele als „Endspiel“ bezeichnet. Wenn ich so etwas lese, frage ich mich, ob er (man) denn nicht aus der Vergangenheit gelernt hat. „Endspiel“, das sagt ja schon der Name, ist ein Spiel, das etwas beendet, in der Regel einen Wettbewerb – und davon kann es nur eines geben. In der Tat haben wir aber noch 13 Spiele vor uns, wovon genau eines ein Endspiel ist, nämlich das, welches das Endergebnis manifestiert (in diesem Fall auch noch in Abhängigkeit der Ergebnisse anderer).
    Nun könnte man sagen: Jetzt sei mal nicht so pingelig. Aber: Was macht es mit einem, wenn man sich immer wieder sagt: Wir haben jetzt noch 13, 12, 11 … Endspiele vor uns? Und vor allem: Was macht es mit einem, wenn eines oder mehrere dieser 13 „Endspiele“ verloren geht, was ja möglich und gegen den ein oder anderen Gegner sehr realistisch ist?

    Will sagen: Ich halte es für gefährlich und falsch, sich so einen Druck zu machen. Stattdessen hielte ich ein „Besinnen auf die einfachen Dinge“ für viel besser. Sein Zeug machen. Einfach so. Man hat das neulich bei den Skispringern gesehen: Severin Freund musste als letzter springen, es ging um das Mannschaftsgold. Er hatte einen kleinen Vorsprung, konnte sich also einen etwa 2m kürzeren Sprung als sein schärfster Gegner (Österreich) erlauben. Statt einen Zaubersprung zu setzen (trying too hard), besann er sich auf die einfachen Dinge: sauberer (sprich: eher zeitiger) Absprung an der Schanze, wenig Bewegung in der Luft, saubere Landung (kein Überziehen). Und: Es hat gereicht.

    Es geht aus meiner Sicht darum, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu schaffen. Und das dürfte schwerlich gelingen, wenn ich meinem Körper signalisiere: Entweder Du packst es jetzt, oder alles ist vorbei (denn das ist es eben nicht!).

    Abgesehen davon: Ich kann Fans verstehen, die resigniert haben. Ich zähle mich selbst dazu. Nichtsdestotrotz werde ich nach Bremen und Hannover fahren, um die Mannschaft anzufeuern.

    1. Wie sooft, kluge Worte einer offenbar klugen Frau.
      Eine Bemerkung möchte ich noch machen. Ich habe keine Abstiegsangst, Fußball ist ein Spiel und der HSV ein Verein. Nicht mehr und nicht weniger. Es würde mich ärgern und auch traurig machen wenn mein Verein absteigt. Was würde mir oder meiner Familie dadurch passieren? Nichts persönlich.
      Angst hätte ich, wenn ich in Kiev undter den Demonstranten stehen würde und wüsste, dass Scharfschützen um mich herum sich ihre Opfer aussuchen und u.a. ich eines der nächsten sein könnte.

    2. @MrsCgn
      Unter dem Gesichtspunkt mentaler Wettkampfführung stimme ich deinen Ausführungen bzg. Jansens Äußerungen vollkommen zu. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass es ihm hier um die Außenwirkung ging. Frei nach dem Motto: wir haben ’s begriffen, wie ernst die Lage ist.

      Was das Resignieren angeht, so ist das mehr als verständlich. Die letzten Wochen und Monate waren gewiss nicht dazu geeignet, dass man Zuversicht gewinnen konnte. Im Gegenteil! Man fühlt sich ohnmächtig. Mir ging es hier darum, Wege aufzuzeigen, wie alle, Spieler und Zuschauer, ihren Ohnmachtsgefühlen durch eine aktive „Handlung“ (bewusst verändertes Denken) begegnen können. Dadurch kann der Einzelne endlich etwas unternehmen und bleibt nicht abhängig. Und das Schönste ist: it works!

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