Spielbericht: FC St. Pauli – FC Union Berlin 2:1

Aufstellung: Tschauner – Schachten, Mohr, Thorandt, Halstenberg – Ziereis (74. Nehring) – Trybull, Rzatkowski,  – Kringe (56. Bartels) – Thy (82. Maier), Verhoek; Trainer: Vrabec
Schiedsrichter: R. Kempter
Vorbemerkung: Ich nehme einen (kleinen) Classico der 2. Liga zum Anlass, um hier zum ersten Mal über ein Spiel des FC St. Pauli zu berichten. Union habe ich in dieser Saison bisher zweimal zu Hause in der Alten Försterei beobachten können. Beide Vereine sind ja bekanntermaßen befreundet. Beide Vereine hatten noch vor wenigen Jahren marode Stadien und gingen zudem finanziell auf dem Zahnfleisch. Beide Vereine haben dank unterschiedlicher, intelligenter Strategien inzwischen neue Stadien, wirtschaften allem Anschein nach seriös, haben ein treues, überaus loyales Publikum und werden von ihren Fans kritisch-konstruktiv begleitet. Beste Voraussetzungen also für ein Fußball-Fest.
Spielverlauf: Den besseren Start in die Partie erwischten eindeutig die Eisernen von Union. Trainer Neuhaus hatte offensichtlich die Devise ausgegeben, den jeweils ballführenden Paulianer schon beim Spielaufbau aggressiv anzulaufen, was dazu führte, dass Pauli zunächst kaum spielerische Mittel fand, sondern überwiegend mit langen Bällen aus der eigenen Hälfte operieren musste. Diese langen Bälle waren dann für die groß gewachsenen Köpenicker relativ leicht zu verteidigen. Konnten sich die Boys in Brown einmal kontrolliert bis in die Unioner Hälfte vorspielen, so ließen sich die Berliner schnell und diszipliniert tief in die eigene Hälfte zurückfallen. Der dann entstehende engmaschige Abwehrriegel vor dem Strafraum bot den Hausherren lange Zeit kaum Lücken, um zum Abschluss zu kommen. In der erste Halbzeit wirkte Union reifer in der Spielanlage. Nach ca. 25 Minuten begann Pauli ebenfalls damit, die ballführenden Gästespieler aggressiver zu attackieren. So konnten durch personelle Überzahl Bälle in der Vorwärtsbewegung des Gegners erobert und sich bietende Lücken in dessen Abwehrverbund gezielt(er) bespielt werden. Dennoch blieb es beim torlosen Remis zur Halbzeit, was Pauli vor allem seinem glänzend aufgelegten Torhüter Tschauner zu verdanken hatte. Dieser vereitelte auch die besten Torchancen des Gegners. So zum Beispiel in der 24. Minute, als er eine Doppelchance der Unioner aus kürzester Distanz überragend zu nichte machte. Etwas Glück hatten die Hausherren kurz vor der Pause (44.), als bei einem Flankenversuch eines Unioners rechts im Strafraum an der Grundlinie einem abwehrenden Paulianer eindeutig der Ball an den Unterarm prallte. Für so etwas hat es auch schon Handelfmeter gegeben, gab es aber hier nicht.
Auch die zweite Hälfte sah zunächst eine bessere Berliner Mannschaft. Ihr Konzept, u.a. ihren robusten Zielstürmer Terodde (später Nemec) anzuspielen und dann schnell nachzurücken, funktionierte immer wieder. Überhaupt wirkten die Eisernen auf mich lange Zeit körperlich überlegen. In der 58. Spielminute segelte eine Ecke in Paulis Strafraum. In dem folgenden Durcheinander schaltete Terodde am schnellsten und vollstreckte aus kürzester Distanz. 0:1 – keineswegs unverdient. Bei Pauli hatte kurz zuvor Bartels Kringe hinter den beiden Spitzen abgelöst, sodass das eigene Offensivspiel nun etwas fluider und präziser wirkte. Zum Glück für die Hausherren konnte der unermüdliche Schachten bereits in der 61. Minute egalisieren. Einen Meter zentral vor dem gegnerischen Strafraum kam er zum Schuss und vollstreckte sehenswert aus der Drehung ins linke Eck. Weniger herausgespielt als ein Resultat des Willens. 1:1, der Ausgleich.
Die letzte halbe Stunde entwickelte sich ein offener Schlagabtausch mit Chancen hüben wie drüben. Wobei man fairerweise zugestehen muss, dass die Mehrzahl  und qualitativ besseren Chancen den Berlinern zufielen. Nur „Tschauni“ blieb unbezwingbar. Als man sich als Zuschauer bereits langsam auf eine Punkteteilung einrichtete, da flankte Paulis Halstenberg in den Strafraum der Gäste und Bartels konnte den Ball in einer Mischung aus Fallen und Rutschen im gegenerischen Gehäuse unterbringen. Das 2:1 in der 88. Spielminute. In der 90. Minute wurde noch ein weiterer Schuss von Bartels auf der Linie geklärt, aber ein 3:1 hätte dem Spielverlauf auch überhaupt nicht mehr entsprochen.
Fazit: Wie so oft bei Pauli am Millerntor – man ist keineswegs die klar bessere Mannschaft, dreht aber die Partie dank bedingungslosen Kampfes kurz vor Schluss. Überragend einmal mehr das Publikum. Fast unvorstellbar, dass dort Massen vor Spielende abwandern oder gar die eigene Mannschaft ausgepfiffen wird. Bester Mann auf dem Platz war eindeutig Paulis Torwart, Tschauner. Ihm, dem Kampf der gesamten Mannschaft und dem Publikum ist zu verdanken, dass dieses Spiel am Ende gewonnen werden konnte. Union muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass man trotz körperlicher und über weite Strecken auch spielerischer Überlegenheit verschwenderisch mit einer Vielzahl an erstklassigen Tor-Chancen umgegangen ist. Insgesamt eine rassige Zweitliga-Begegnung. Hart umkämpft und dennoch jederzeit fair geführt – weniger etwas für Fußball-Ästheten. Und aus Trainersicht höchstens als Anschauungsmaterial geeignet, wie man es nicht (Abwehrfehler) machen sollte.  Auch wenn die Kiez-Kicker mit diesem insgesamt glücklichen Sieg erfreulicherweise erneut Kontakt zu den Aufstiegsrängen herstellen – erstligareif ist wie gewohnt und Stand jetzt nur das großartige Publikum am Millerntor. Trainer Vrabec bleibt noch einiges zu tun. Die Mannschaft scheint aber auf einem gute Weg.
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5 Kommentare

  1. Immer wenn ich über St. Pauli und seine Spiele nachdenke fällt mir ein Relegationsspiel ein.
    Ich glaube, es war gegen Offenbach. bin aber nicht ganz sicher. Das Stadion war brechend voll und, wie dort üblich, wurde die Heimmannschaft durch die Zuschauer angefeuert. Bis zum Schluß. Dann kam der Schlußpfiff. St. Pauli hatte verloren.
    Einen kleinen Moment war es totenstill im Stadion. Man hätte wirklich die berühmte Stecknadel auf dem Boden aufschlagen gehört.
    Dann kamen sie wieder, die Anfeuerungs- und Aufmunterungsrufe: „St. Pauli, St. Pauli“. War schon toll.
    So etwas hat der HSV – wenn berhaupt – nur in Auswärtsspielen.

  2. schönes Ding, ein kleiner Verweis auf den geringen Punkteabstand zum Classico de Luxe, die Relegationsspiele zwischen den beiden sich nicht liebenden Hamburger Clubs, von denen der FC St.Pauli schon seit Jahren, die bessere Figur abgibt. Vielleicht erleben wir ja den Wachwechsel noch, wahrscheinlich wäre er eher möglich, als das der HSV einen Titel holt.

  3. zu Paulis legendären Spielen fällt mir noch die B – Serie im DFB Pokal ein, mit dem absoluten Highlight FC St.Pauli – Werder Bremen(in CL Form) auf schneebedeckten Millerntorplatz, ein Wahnsinn und, und und und…

  4. Na, da kann ich auch noch einen draufsetzen 😉

    Bochum – St. Pauli 1997, ging damals 6:0 aus für Bochum und anschließend wurde trotzdem noch von den Pauli Fans ausgelassen im Bermuda-Dreieck gefeiert. Kein Stress nichts, wäre es andersherum ausgegangen, dann wäre der Tag wohl nicht so ausgeklungen 😉

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