HSV

Über Sinn und Unsinn des Befangenheitsantrages in Sachen Ausgliederung beim HSV

Heute früh erreichte mich die Meldung, der ehemalige Volleyballspieler beim HSV, Klaus Meetz, habe einen Befangenheitsantrag gegen den Richter gestellt, der dienstlich mit der Eintragung der HSV-AG in das Handelsregister betraut ist. Durch diesen Antrag, der natürlich erst geprüft werden muss, verzögert sich der ganze Vorgang um ca. zwei Wochen. Mit anderen Worten: Beiersdorfer & Co können nicht wie geplant ab dem 1. Juli die Geschäfte führen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Ich wurde gebeten, zu erklären, wie so etwas zustande kommt, was Menschen antreibt, die so (wie Herr Meetz) agieren. Dies will ich gerne versuchen. Zu beachten ist allerdings, dass ich den Antragsteller weder persönlich kenne, noch mit ihm über seine Motive gesprochen habe. Was ich hier also schreibe, ist meine subjektive, eher grundsätzliche Sicht auf derartige Vorgänge.

Zunächst einmal, dies für die Nichtjuristen, kann/darf jeder Berechtigte in einem juristischen Verfahren einen oder mehrere Richter aufgrund der Besorgnis der Befangenheit ablehnen. Dabei ist, so habe ich es einst gelernt, nicht entscheidend, ob der/die Richter tatsächlich befangen ist/sind. Es reicht aus, wenn aus Sicht des Antragsstellers begründete Zweifel an dessen/deren Unbefangenheit bestehen (könnten). Es ist also grundsätzlich festzuhalten, dass ein unvoreingenommener Richter als ein Kernelement unserer Rechtsprechung anzusehen ist. Bestehen daran Zweifel, darf man den Richter ablehnen (muss dies aber schriftlich begründen). So gesehen nimmt Herr Meetz mit seinem Befangenheitsantrag (s)ein gutes Recht wahr.

Die Frage ist natürlich zunächst, was ein solcher Antrag überhaupt bringen soll. Schließlich wird sich dadurch die Ausgliederung allenfalls verzögern, aber nicht verhindern lassen. Denn alle mit der Ausgliederung im Zusammenhang stehenden Dokumente, z.B. Satzungsentwürfe etc. sind bereits im Vorfeld der Abstimmung am 25. Mai mehrfach juristisch (auch richterlich) geprüft und akzeptiert worden. Und das  Votum der Mitglieder des Vereins war mehr als eindeutig und spricht für sich. Ich neige zu der Auffassung, dass dieser Antrag Herren Meetz dennoch etwas bringt. Allerdings ist der Nutzen in „weichen“ Zugewinnen zu suchen.

Trotz großer Geschlossenheit der Mitgliederschaft, mehr als 86% Zustimmung ist ja bei demokratischen Wahlen/Abstimmungen durchaus ungewöhnlich, gab es aber natürlich auch (erbitterte) Gegner der Ausgliederung. Offenbar, anders macht sein jetziger Antrag für mich keinen Sinn, gehört Herr Meetz dazu.

Es stand ohnehin zu befürchten, dass der eine oder andere Ausgliederungsgegner versucht sein könnte, auf juristischem Wege die Umsetzung des Mehrheitswillens zu torpedieren. Erinnere ich mich doch nur zu gut an die  Drohung eines Herrn Gottschalks auf der Versammlung, er könne ja auch alle Beschlüsse der Versammlung nachträglich anfechten, sollten er und andere weiterhin mit Buh-Rufen bedacht werden.

Die Abstimmung pro oder contra Ausgliederung glich aus meiner Sicht einer Glaubensfrage. Teilweise, so empfand ich es, hatte das Ganze schon semi-religiöse Züge. Die Mehrheit war überzeugt davon, dass der HSV ohne Ausgliederung weder sportlich noch finanziell zu retten sei. Mit anderen Worten: Ein emotionales Motiv für ihre Wahlentscheidung dürfte Angst (mehr oder minder ausgeprägt) gewesen sein. Aber auch die Ausgliederungsgegner dürfte zu einem erheblichen Teil Angst motiviert haben. Angst vor dem (angeblichen) Ausverkauf, Angst vor dem Verlust von Mitbestimmungsrechten, Angst vor der Abhängigkeit und Einflussnahme von bspw. Herrn Kühne. Halten wir an dieser Stelle fest: Das Gefühl der Angst ist ein mächtiger Motivator, der m.E. auf beiden Seiten eine gewichtige Rolle gespielt hat und weiterhin spielt.

Der Hamburger Sportverein vereint, ich wies darauf bereits mehrfach hin, im Grunde das ganze gesellschaftliche Spektrum der Hamburger Fußballfans. Vom Logenbesitzer und (Multi-)Millionär bis zum Hartz4-Empfänger, vom Hochschulprofessor bis zum Bildungsprekariat, vom Allesfahrer zum Gelegenheitszuschauer, vom Ultra bis zum Besucher des Familienblocks usw.  Normalerweise bewegen sich Menschen in dem ihnen entsprechenden sozialen Milieu Die Berührungspunkte eines Millionärs oder Professors etwa mit z.B. einem Taxifahrer oder Gärtner bestehen in der Regel ausschließlich in einem temporären Dienstleistungsverhältnis. Der eine beschäftigt den anderen. Privat bleibt man jedoch meist in seinen Kreisen und unter seinesgleichen. Nicht so beim Fußball, hier am Beispiel des HSVs. Die Raute bringt die unterschiedlichsten Menschen zusammen. Alle reden vermeintlich über dieselbe Sache, nämlich das gemeinsame Haus HSV. Was aber der HSV ist (oder sein soll), das bleibt am Ende doch eine höchst individuell aufgeladene Vorstellung des Einzelnen.

Die langjährigen Mitglieder des Vereins, die Seelers, Gottschalks und Co (hier muss man wohl auch Herrn Meetz zurechnen), haben, so mein Eindruck, oft nur unzureichend verstanden, dass es in einem e.V. bei demokratischen Prozessen  keine Mitglieder erster und zweiter Klasse geben kann. Es spielt keine Rolle, ob ich jahrzehntelang eine Sportart in dem Verein ausgeübt habe, ob ich mich ehrenamtlich engagiert habe, oder ob ich, wie die große Mehrheit der heutigen Mitgliederschaft, allein aus Gründen der Identifikation mit der Fußball-Profimannschaft Mitglied und demzufolge stimmberechtigt geworden bin. Es würde mich daher nicht wundern, wenn man als langjähriges, engagiertes Mitglied den ganzen Ausgliederungsprozess z.T. tatsächlich als  eine Form der „Enteignung“ erlebt (hat).

Das Bisherige zusammengefasst: Es geht wohl auch um die Angst vor dem Verlust (von was auch immer).

Bemerkenswert finde ich, dass Herr Meetz 2007 rechtskräftig zu einer 2 1/2 jährigen Freiheitsstrafe wegen Betruges verurteilt worden ist. Diese Strafe hat er offenbar abgesessen. Er hat also für das von ihm zu verantwortende Unrecht gebüßt. Damit ist dieser (einstige) Fall im Grunde erledigt. Pikant bleibt es dennoch, dass jemand, dem man richterlich bescheinigte, dass er – salopp formuliert  – andere Menschen strafrechtlich relevant über ’s Ohr gehauen hat, nun Zweifel an der Redlichkeit und Objektivität eines Richters anmeldet, der mit einem im Wesentlichen rein formalen Vorgang, nämlich der Eintragung der AG in das Handelsregister, betraut ist. Dazu fielen mir gleich eine Reihe von Sprichwörtern und Redewendungen ein. Das vom Glashaus beispielsweise, oder das vom Dorn im Auge des Gegenübers (und dem Balken vor den eigenen Augen). Die Sprache ist voll davon. Daraus könnte man schlussfolgern, dass es sich hier um ein bekanntes menschliches Phänomen handelt. Der Mensch projiziert eben leicht und nur zu gerne seine eigenen, dunklen Seiten auf Dritte.

Hinzu tritt ein weiteres Phänomen, das man regelmäßig in kleinen und größeren Organisationseinheiten beobachten kann: Jeder will mitreden, und jeder redet mit. Das dürfte hauptsächlich der Tatsache geschuldet sein, dass der Mensch als soziales Wesen fortwährend das Bedürfnis hat, sich seiner selbst, seiner Stellung und Einstellung zu vergewissern. Durch die Äußerung meiner Meinung erhalte ich ein Feedback der Anderen und bringe nebenbei (Selbstoffenbarungsaspekt jeder Kommunikation) mich selbst zum Ausdruck. Bspw. meine Ideen, Erfahrungen, Wünsche und Bedürfnisse.

In aller Regel wird aber nicht nur miteinander sondern oft übereinander geredet. Da vermischen sich dann schnell Fiktion und Wirklichkeit. Auf Differenzierung und Relativierung oder gar Überprüfung der eigenen Sicht wird zugunsten einer geschlossenen, von der Gruppe geteilten Meinung, weitestgehend verzichtet. Was da nicht  hineinpasst, wird oft umgehend passend gemacht. Das führt, so meine Erfahrung, regelmäßig sogar bis zur Wahrheitsbeugung. Ganz allgemein neigen wir Menschen dazu, für das, was wir nicht verstehen, umgehend nach Antworten zu suchen. Vor Verkehrsgerichten kennt man das Phänomen des „Knallzeugen“. Der hat zwar nur den Aufprall gehört(sic!), meint aber zu wissen, wie sich der Unfall abgespielt hat. Warum ist das so? Weil unsere Gehirn für das, was ihm unerklärbar erscheint, umgehend nach einer befriedigenden Antwort sucht. Das ist grundsätzlich von Vorteil, da man es aus evolutionärer Sicht als eine Grundlage für das sehen kann, was wir „Lernen“ nennen.

Die deutliche Minderheit der Menschen, das ist meine Erfahrung, ist in der Lage, einen offenen, konstruktiven Dialog mit einem Meinungsgegner zu führen. Zu beobachten ist vielmehr, dass man sich (in seinem Milieu bleibend) nur zu gerne und leicht in seiner Auffassung bestätigen lässt. Der Menschen als soziales Wesen braucht soziale Anerkennung und Bestätigung. Er interagiert daher gerne in Gruppen Gleichgesinnter. Die psychologischen Untersuchungen zur Konformität legen nahe, dass ca. 70 Prozent der Menschen (interkulturell, also weltweit) einer objektiv falschen Behauptung zuzustimmen bereit sind, wenn die Mehrheit der Gruppe exakt dieses objektiv Falsche (auf Anweisung des Versuchsleiters) mit Nachdruck behauptet. Dass bedeutet: Die Mehrheit der Menschen beugt sich dem Gruppendruck. Ob sie tatsächlich unter dem Einfluss der Gruppe von der tatsächlichen Richtigkeit der falschen Aussage überzeugt worden sind, oder ob sie nur zustimmen, damit sie einen Konflikt mit der (vorgeblichen) Mehrheitsmeinung vermeiden, kann hier offen bleiben. Die Gruppe beeinflusst bei der deutlichen Mehrzahl der Versuchspersonen ganz erheblich die eigene Auffassung. Wer also die Ausgliederung als Teufelswerk ansieht, bewegt sich wahrscheinlich überwiegend in Kreisen, die dies ähnlich sehen (das ist selbstverständlich auch anders herum anzunehmen!).

Wenn man über Gruppen redet, liegt es nahe, diese auch unter systemtheoretischen Gesichtspunkten zu betrachten. Vereinfachen wir die Situation beim HSV auf zwei Gruppen, die jeweils als Systeme zu betrachten sind: Die eine war und ist für die Ausgliederung. Die andere, die deutlich kleinere Gruppe, verband mit einer Ausgliederung schlimmste Erwartungen. Der Konflikt spitzte sich zu einem Geschehen zu, welches als krisenhaft beschrieben werden kann. In Zeiten der Krise aber neigen Systeme dazu, sich nach innen zu stabilisieren, indem sie (vermeintliche) Störenfriede ausgrenzen (Im Extremfall führt dies zum Mobbing). Der von der Mehrheit ausgeguckte Buhmann wird einfach sozial isoliert. Dieses im Grunde unsoziale Verhalten hat aber auch eine soziale Funktion. Für die verbleibende Mehrheit. Man bestätigt sich wechselseitig, dass der Grund für die Krise außerhalb der Gruppe zu suchen ist. Frei nach dem Motto: wir sind unschuldig, bei uns ist alles in Ordnung, schuld ist ja nur der oder die. Das entlastet. Es entlastet nämlich davon, sich selbst kritisch zu hinterfragen. Womit wir wieder bei den eigenen, dunklen Seiten wären.

Wenn das System Gruppe sich oft genug seiner gemeinsam geteilten Sicht versichert hat, findet sich oft genug jemand, der meint, er müsse (wie auch immer) aktiv werden. In der Grundschule (dies meine ich ausdrücklich nicht auf Herrn Meetz bezogen)  ruft er dann vielleicht dazu auf, dem  Störenfried die angeblich verdiente, fällige Abreibung zu verpassen. Als Erwachsener bemüht er u.U. die Gerichte. Jeder Jurist kennt eine Vielzahl von Konflikten, die gesunden Menschenverstand und guten Willen vorausgesetzt, im Prinzip mühelos außergerichtlich beizulegen wären. Das ist (viel zu oft) nicht gelingt, auch davon leben Juristen. Der Weg vor die Gerichte wird oft benutzt, um (gesellschaftliche) Konflikte zu bereinigen, wenn andere Lösungsmöglichkeiten bereits gescheitert sind (- dass am Ende eines Verfahrens nicht Gerechtigkeit sondern lediglich ein Urteil steht, begreifen Laien oft nur unzureichend. Ebenso wenig wird verstanden, dass Gerichte die Ursachen gesellschaftlicher Missstände per Urteil oft nicht beheben können).

Eingangs stellte ich die Frage, was der Antrag auf Befangenheit hier eigentlich bringen soll. Denn in der Sache, selbst wenn dieser Antrag durchgehen sollte, führt er nur zu einer Verzögerung. Dass die Ausgliederung dennoch vorgenommen werden wird, daran dürften keine Zweifel bestehen. Dann nimmt eben in ein Paar Wochen ein anderer Richter die Eintragung ins Handelsregister vor. Und doch hat Herr Meetz (und seine in der Sache Sympathisierenden) vermutlich etwas davon. Man hat (vermeintlich) Stärke gezeigt, man hat sich und seiner Gruppe ggf. richterlich bescheinigen lassen, dass man „im Recht“ gewesen sei. Das ist gut für das eigene Wohlbefinden. (Vergleichen könnte man dies vielleicht mit dem „weichen“ Gewinn eines Ehrenamtlers. Der erhält in aller Regel kein (oder sehr wenig) Geld für seine Tätigkeit, er hat aber dennoch etwas davon: Die „Macht“, gestalten zu können; das Gefühl, tatsächlich dabei zu sein und dazuzugehören; eine herausgehobene Position im Verein etc.).

Dass durch die Verzögerung die zukünftig handelnden Personen an der Geschäftsführung gehindert werden, dass dem HSV dadurch ggf. ein Schaden entsteht, dies wird geflissentlich übersehen. Dafür müsste man (s.o.) sich selbst und sein Anliegen kritisch hinterfragen. Das aber machen die Wenigsten. Denn die Begegnung mit der eigenen Schattenseite ist unangenehm, da schambesetzt. Schließlich könnte das Wunschbild vom eigenen perfekten Ich am Ende noch Schaden nehmen…

Profifußball ist kein Ponyhof: Die Causa Hakan Calhanoglu

Hakan Calhanoglu möchte zu Bayer 04 Leverkusen wechseln. Seinen Wunsch hat er laut SPORTBILD der Vereinsführung des Hamburger Sportvereins mitgeteilt. Im Grunde ein ganz normaler Vorgang. Denn seien wir ehrlich, wer, der auch nur halbwegs aufmerksam die Vorgänge in den letzten Jahren rund um den Verein beobachtet hat, wer vor allem die letzte Saison mit drei verschiedenen Trainern mitgemacht hat, möchte sich freiwillig den Chaosverein HSV noch antun? Wenn man andere, besser dotierte Angebote hat, die zudem nach menschlichem Ermessen eine sportlich sorgenfreie(re) Zukunft versprechen? Wer kein grundsätzliches Verständnis für den Wechselwunsch des Spielers aufbringt, dessen Stirn muss mit einem dicken Rautenbrett vernagelt sein.

Der mit Vehemenz vorgetragene Wechselwunsch ansich, das ist in meinen Augen die schlechte Nachricht für alle Hamburger, ist ein Indiz, wie kräftezehrend „inside HSV“ die Saison verlaufen ist. Permanente Diskussionen, Indiskretionen, Klagedrohungen, Personalwechsel und ein gruseliger Saisonverlauf, bei dem den „Söldnern“ nicht weniger als die Last und Verantwortung auferlegt war, das Aussterben des Dinos und damit hunderte, wenn nicht gar tausende Arbeitsplätze in und rund um die Imtech-Arena zu retten. Westermann sprach nach dem entscheidenden Spiel in Fürth davon, dass er im Wiederholungsfall suizidgefährdet sei. Und wer die Bilder nach dem Spiel aus der Kabine gesehen hat, der dürfte vor allem eins bemerkt haben: Erleichterung pur. Selbst Kreuzer, der als ehemaliger Profikicker in seiner Karriere gewiss schon einiges mitgemacht hat, standen die Tränen der Erleichterung in den Augen. Es waren keine Steine mehr, die allen Hamburgern von den Schultern fielen, es waren ganze Gebirgszüge.

Dann schaut man in die Zukunft und versucht zu erfassen, wie es wohl mit dem Dino weitergeht. Bekanntlich steht am 25. Mai die finale Abstimmung über die Ausgliederung der Profiabteilung an. Klammern wir einmal  aus, dass HSVPlus scheitern könnte, oder dessen unverzügliche Umsetzung im Nachfeld der Abstimmung durch juristische Scharmützel aufgehalten werden könnte. Gehen wir also einmal davon aus, dass die Verhältnisse ab dem 26. Mai zugunsten von HSVPlus eindeutig geklärt sind. Und dann? Wer glaubt, dass es nur HSVPlus bedürfe, damit der HSV nächstes oder spätestens übernächstes Jahr das internationale Geschäft erreicht, der irrt. Das Konzept führt zunächst zur Abwendung des finanziellen Super-GAUs, verschafft dem Verein zudem eine derzeit praktisch nicht vorhandene, bescheidene finanzielle Handlungsfreiheit und setzt vor allem auf eine nachhaltige Entwicklung. Nachhaltigkeit bedeutet, dass man endlich gewillt ist, ein Fundament einzuziehen, auf dem das große Haus namens HSV solide stehen kann. Nachhaltigkeit bedeutet, dass Geld in die dringend erforderliche Verbesserung der Nachwuchsarbeit fließt. Zwar beginnt der HSV hier nicht bei null, aber bis hier ein „Return of Invest“ in Gestalt  mehrerer Nachwuchsspieler zu erwarten ist, die die Profimannschaft tatsächlich verstärken können, das dürfte dauern. Die Verpflichtung wirklicher Stars auf dem Transfermarkt, die die Mannschaft umgehend auf ein gänzlich anderes Niveau heben, ist nicht zu erwarten. Kleine Brötchen backen, sich in Bescheidenheit üben, planvoll, strukturiert und systematisch hart arbeiten – das ist die Zukunft. Natürlich, gänzlich ausgeschlossen ist es nicht, dass der HSV in zwei Jahren an den Rängen kratzt, die zur Teilnahme an der Europa League berechtigen. Erwarten sollte man das aber nicht.

Ein professioneller Fußballspieler gleicht in meinen Augen einem dreigeteilten Wesen. Da ist zunächst der Mensch. Dann ist da der Sportler und last but not least die (zu) hoch bezahlte „Ich-AG“. Betrachten wir also Hakans Wechselwunsch unter diesen Gesichtspunkten:

Für den Menschen Calhanoglu stelle ich zunächst fest, dass er mit 20 Jahren noch sehr jung ist. Von der Natur mit einem außergewöhnlichen Talent gesegnet, verschlug es ihn binnen eines Jahres aus dem beschaulichen Karlsruhe in die Metropolregion Hamburg, vom Zweitligaaufsteiger KSC zum ungleich namhafteren Hamburger Sportverein. Aus der Ferne betrachtet mag der HSV immer noch eine gewisse Strahlkraft entfalten, wer sich dem Dino aber nähert, der wird schnell ernüchtert. Chaos, Indiskretionen, Gezänk und der Pleitegeier schweben über dessen Heimstadt. Hand auf ’s Herz! Wer möchte für einen solchen Arbeitgeber spielen? Wenn mir doch ein ungleich erfolgreicherer Verein ein lukrativeres Angebot unterbreitet?

Mit 20 Jahren ist man dem Gesetz nach volljährig. Aus psychologischer Sicht jedoch dauert die Adoleszenz bis zum 25 Lebensjahr. Erst danach kann man in der Regel von einer abgeschlossenen Reifung sprechen. Calhanoglu ist, so hat er es der SPORTBILD erzählt, in eine laufende Sitzung seiner Vorgesetzten gestürmt, hat das draußen an der Tür hängende Schild „Bitte nicht stören!“ ignoriert und hat Jarchow und Kreuzer mit seinem Anliegen konfrontiert. Das muss man erst einmal bringen. So etwas macht man nur, wenn man noch nicht trocken hinter den Ohren ist. Dass er  es nachträglich als „respektlos“ bezeichnet, dass Jarchow eine Wette zu seinem Verbleib beim HSV auch im Abstiegsfall angeboten habe, das passt ins Bild. Wie bitte?! Respektlos? War es nicht Hakan selbst, der via Presse und auch in persönlichen Gesprächen mit Fans des Vereins treuherzig versichert hat, dass er in jedem Fall bliebe? War es nicht Hakan selbst, der seinen Vertrag noch vor wenigen Monaten bis 2018 verlängert hat? Hat er die Vertragslaufzeit nicht gelesen? Jetzt spricht er davon, er hoffe, der Verein würde keine „Mauer“ um seine Karriere bauen. Es wird Zeit, dass die zwanzigjährige Ich-AG Calhanoglu eins begreift: Als vor dem Gesetz Volljähriger trägt man grundsätzlich die Konsequenzen seiner Entscheidungen, mögen sie einem nachträglich auch unbedacht und falsch erscheinen. Wer einen Vertrag unterschreibt, der kann diesen im Regelfall nicht einseitig kündigen. Ausnahme: vorsätzlicher Betrug oder nicht eingehaltene Leistungsversprechungen der Gegenseite. Beides kann hier ausgeschlossen werden. Die sportliche und finanzielle Situation des Hamburger Sportvereins müssen dem Vertragspartner Calhanoglu bei Vertragsunterzeichnung grundsätzlich bekannt gewesen sein. Von nicht eingegangenen Gehältern bei den Spielern des Vereins ist trotz angespannter Kassenlage nichts bekannt. Es ist daher evident, dass eine Vertragsauflösung nur im beiderseitigen Einvernehmen möglich ist. Will der Verein, gleich aus welchen Gründen, dies nicht, so hat dessen Vorstandsvorsitzender jedes Recht der Welt, seine Auffassung zu unterstreichen, dass der Spieler beim HSV bleibt und nicht transferiert wird. Punkt. Respektlos, Hakan Calhanoglu, ist, seinen Vertragspartner öffentlich unter Druck zu setzen. Respektlos ist, Unfug zu erzählen, sich nicht mehr an seine eigenen Worte erinnern zu wollen. Respektlos ist, ausgerechnet van der Vaarts Valencia-Nummer als Rechtfertigung zu bemühen. Das gleicht der Argumentation: Ich darf doch stehlen, der hat es doch schließlich auch gemacht.

Als Sportler hat man nur eine begrenzte Zeit, um seine sportlichen Ziele zu erreichen. Und natürlich lauern auf diesem Weg erhebliche Gefahren. Es dürfte zehntausende großer Talente gegeben haben, die allemal das Zeug zum Profi gehabt hätten, und die es nie an die großen Fleischtöpfe geschafft haben, weil ihr Körper sie vorher im Stich ließ. Oder sie setzten sich durch, erlitten dann aber schwere Verletzungen, die bei ihren sportlichen Zielen einen dicken Strich durch die Rechnung erforderten. Man frage nur nach bei Holger Badstuber, der ohne seine schwere Verletzung höchstwahrscheinlich mit zur WM nach Brasilien gefahren wäre. Aus der Traum. Insofern habe ich durchaus Verständnis dafür, dass auch ein Hakan Calhanoglu von Titeln träumt, oder eine EM-Teilnahme mit der Türkei 2016 im Blick hat. Dass seine Chancen hier als Spieler von Bayer 04 Leverkusen ungleich besser stünden – wer wollte das bestreiten (s.o.)? Aber wer, wie Calhanoglu, jetzt das permanente Verletzungsrisiko anführt, der sollte vielleicht gleich mehrere Dinge bedenken:

1. Der Hochrisikosport Profifußball wird ganz ordentlich vergütet. Selbst ein Calhanoglu, der hoffentlich noch am Anfang einer großen Karriere steht, dürfte bereits jetzt mehr verdient haben, als so mancher in dieser Gesellschaft in der Lage ist, in seinem gesamten Berufsleben zu verdienen;

2. Gestern noch mit dem KSC aus der der 3. in die 2. Liga aufgestiegen, hat ihm der HSV heuer die Bühne geboten, um sich Erstligaspieler nennen zu dürfen. Wenn Calhanoglu auf seine 11 Tore verweist, die er zum Klassenerhalt beigetragen habe, so ist das schließlich einer der Gründe, die den HSV seinerzeit veranlassten, seinem Offensivspieler einen nicht nur verlängerten, sondern mutmaßlich auch besser dotierten Vertrag anzubieten. Diesen hat der Spieler freiwillig unterzeichnet. Quit pro quo. Calhanoglus Argumentation läuft ins Leere. Oder sollen sich demnächst die Abwehrspieler dafür ausdrücklich abfeiern lassen, dass sie das gemacht haben, wofür auch sie ganz ordentlich bezahlt werden, nämlich Tore des Gegners zu verhindern?;

3. Es war auch Calhanoglus Leistung der ersten Halbserie, auch er war Teil der Mannschaft, die tabellarisch immer weiter abgerutscht ist, bis ein Stück weit das Schicksal des ganzen Vereins vom Ausgang der Relegation abhing. Calhanoglu wäre gut beraten, nicht nur stolzgeschwellt auf seine 11 Tore zu verweisen, – die sind aller Ehren wert! – sondern auch selbstkritisch den eigenen Anteil daran zu reflektieren, dass es überhaupt zu dieser Horrorsaison gekommen ist. Mit zwanzig und gerade einmal einer guten zweiten Halbserie als wirklicher Erstligaspieler im Rücken stehen einem grundsätzlich noch alle Türen offen. Wenn man vernünftig bleibt. Die Geschichte des Profifußballs ist voll von Spielern, die die falschen Entscheidungen getroffen haben. Man frage mal bei der gefühlten Legion an Spielern nach, die mit großen Ambitionen zum FC Bayern München gewechselt sind und dort dann auf der Bank versauerten;

4. Die kluge Karriereplanung eines hochtalentierten Spielers, und dies ist Calhanoglu unbestreitbar, kann aktuell den HSV nur als Durchgangsstation sehen. Kaum jemand, der sich wirklich auskennt, dürfte tatsächlich geglaubt haben, dass Calhanoglu seinen Vertrag bis 2018 beim HSV erfüllt. Aber Calhanoglu, den ich hier für außerordentlich schlecht beraten halte, hätte gut daran getan, sich mindestens auf ein weiteres Jahr beim HSV einzustellen. Zum einen hätte er dem Verein und seinen Fans eine ganze Saison als vollwertiger Erstligaspieler für das ihm bei seiner Verpflichtung entgegengebrachte Vertrauen „zurückzahlen“ können, zum anderen hätte er dann als tatsächlich etablierter Spieler mit deutlich mehr Erfahrung den ungleich härteren Konkurrenzkampf wo auch immer aufnehmen können;

5. Wer seinen derzeitigen Arbeitgeber öffentlich(!) unter Druck zu setzen versucht, der mag nichtsdestotrotz andernorts angesichts seines Talents noch Begehrlichkeiten wecken. Aber wer wie Calhanoglu schon von Messi spricht, dem er nacheifern wolle, der signalisiert gerade einem Verein, der sich nicht umsonst die Bezeichnung „Vizekusen“ einst schützen ließ, dass er auch den nur als weitere Durchgangsstation sieht. Dafür dürften sie in Leverkusen zwar grundsätzliches Verständnis haben, das dürfte man dort sogar einkalkulieren, aber man dürfte sich eben bereits jetzt auch den einen oder anderen Gedanken über den Charakter dieses (möglichen) zukünftigen Spielers machen. Zwar kennt jeder die Usancen des Geschäfts, insofern ist der Verweis Calhanoglus auf van der Vaarts damaliges Verhalten beim HSV durchaus nachvollziehbar, aber wer nur drei Monate nach Vertragsunterschrift ein derartiges, öffentliches Theater inszeniert, der signalisiert nicht nur grundsätzliche Unreife, sondern auch, dass man sich als Arbeitgeber einen Spieler in den Kader holt, der grundsätzlich seine ureigensten Interessen über den Verein stellt. Bei dem rechne ich als Arbeitgeber auch damit, dass dieser Spieler öffentlich Theater macht, sollte ihn mein Trainer auf die Bank oder gar Tribüne setzen. Eine Fußballmannschaft ist aber ein fragiles Gebilde, denn sie besteht überwiegend, mindestens zu einem gewissen Teil, aus Egoisten, die im Dienst der gemeinsamen Sache erfolgreich kooperieren sollen. Egomanen braucht da keiner.

Der HSV hat das Heft des Handelns in der Hand. Natürlich, das weiß inzwischen jeder, kann sich der HSV finanziell nicht leisten, Calhanoglu, der durch die Blume auch schon Leistungsverweigerung androhte, aus Gründen der Abschreckung auf Dauer auf der Tribüne versauern zu lassen. Aber der HSV darf es sich eben auch nicht mehr (sic!) leisten, dass seine Spieler, heißen sie  van der Vaart oder Hakan Calhanoglu, via Öffentlichkeit Politik in eigener Sache betreiben. Wer sich einmal erpressen lässt, der braucht sich über den Eingang zukünftiger, weiterer Forderungen Dritter nicht wundern. Findet der HSV keine adäquaten Ersatz und(!) entspricht die ggf. anzubietende Ablöse nicht den Erwartungen des Vereins, so muss der Verein aus diesem übergeordneten Gesichtspunkt (Abwehr weiterer Forderungen) auf die Erfüllung  des Vertrages bestehen.

Profifußball ist kein Ponyhof. Dem jungen Menschen, Hakan Calhanoglu, nehme ich sein Verhalten nicht übel. Bei aller menschlichen Enttäuschung ist hier ein kühler Kopf gefragt. In meinen Augen wäre es Aufgabe seines Beraters gewesen, ihn zur Zurückhaltung zu mahnen, anstatt die offensichtlichen Flausen in seinem Kopf  offenbar noch zu verstärken. In jedem Fall dürfte er seinem Image in der Öffentlichkeit, gleich ob in Hamburg, Leverkusen oder andernorts, im Grunde ohne jede Not schwere Kratzer zugefügt haben. Auch das, ein sauberes Image, ist, wenn man aus der Perspektive einer Ich-AG denkt, Geld wert… Insofern sollten alle HSV-Anhänger, die jetzt über diesen jungen Menschen herfallen, auch bedenken, dass sich hier letztlich einer selbst geschädigt hat. Nur hat er es noch nicht bemerkt.