Jarchow

In Hamburg sagt man „tschüss“, HSV

Nach reiflicher Überlegung wird dies wohl mein letzter Blog-Eintrag zum HSV werden. Das Blog Viertermann.com wird noch bis Ende des Jahres online bleiben, dass es aber danach hier weiter geht, kann ich mir Stand heute nicht mehr vorstellen.

Seit Jahren, ja Jahrzehnten bin ich als Fan von meinem Verein, dem HSV, regelmäßig enttäuscht worden. Nun bin ich wahrlich kein Erfolgsfan und habe auch in schlechteren und ganz schlechten Zeiten immer zum Club gestanden. Aber in den letzten Monaten hat es den Anschein, als sei etwas in mir endgültig zerbrochen, nämlich die begründete Hoffnung, dass dieser einstmals ruhmreiche Club in absehbarer Zeit die richtigen Schlüsse aus dem seit mehr als vierzig Jahren währenden Niedergang ziehen wird.

Einst Nummer Zwei (2!) in Europa (hinter dem FC Liverpool) ist man inzwischen in den Niederungen der 2. Liga angekommen. Und auch hier wurde in der abgelaufenen Saison das sportliche Minimalziel, die sofortige Rückkehr in die 1. Bundesliga, notfalls über den Umweg „Relegation“, leichtfertig erneut verpasst. Ein Scheitern mit Ansage, wie ich finde. Da mochten die ehemals Verantwortlichen noch so sehr die angebliche Ausgeglichenheit der 2. Liga betonen, Tatsache ist, was die finanziellen Aufwendungen für den Kader betraf, so hatte der HSV nur einen ernsthaften Konkurrenten zu fürchten, den 1. FC Köln.

Geld schießt keine Tore, wird der eine oder andere an dieser Stelle einwenden und auf das Beispiel der jüngst aufgestiegenen Paderborner verweisen. Und doch bleibt festzustellen, dass finanzieller Aufwand und Ertrag beim HSV seit Jahren in einem ruinösen Missverhältnis stehen. Anders als bei anderen Vereinen. Auch wenn der Aufstieg der Paderborner einem kleinen sportlichen Wunder gleichkommt, so dürfte im Grunde jedem klar sein, dass diesem Verein, gerade weil er finanziell hoffnungslos unterlegen ist, vermutlich nur eine sehr kurze Stippvisite in der 1. Liga vergönnt sein wird. Merke: Geld allein schießt nicht die Tore, – gerade der HSV hat dies regelmäßig bewiesen! – aber unbestreitbar bleibt eben auch, dass Geld die unverzichtbare Voraussetzung ist, um die Chance des Zugriffs auf talentierte Spieler merklich zu erhöhen.

In der abgelaufenen Saison hatte nur ein Verein, der 1. FC Köln, finanziell gleiche, bzw. bessere Voraussetzungen. In der kommenden Spielzeit wird der HSV nun, sollte der VfB Stuttgart in der Relegation scheitern, mit gleich drei Bundesligisten (Hannover 96, 1. FC Nürnberg und eben dem VfB) konkurrieren müssen, die sicherlich mit aller Macht die sofortige Rückkehr in die 1. Liga anstreben dürften. Es werden also mehrere Mitkonkurrenten am Start sein, die über vergleichbare finanzielle Möglichkeiten verfügen. Dies spricht für die Annahme, dass sich der Wettbewerb, in dem der HSV in der abgelaufenen Saison gemessen an seinen Zielen total versagt hat, weiter verschärfen dürfte. Mit anderen Worten: Den Aufstieg in der kommenden Spielzeit zu erreichen dürfte weit schwieriger werden.

Wolf und Becker entlassen

Von Hannes Wolf als Trainer hat man sich bekanntlich allen Lippenbekenntnissen zu Durchhaltevermögen und Kontinuität anlässlich seiner damaligen Präsentation zum Trotz getrennt. Zur Begründung wurde auf „die unbefriedigende sportliche Entwicklung“ verwiesen. Nun kann man die Arbeit von Wolf sicher an einigen Punkten begründet kritisieren, jedoch sei auf zwei Punkte hingewiesen:

1.) Ihm war keine gemeinsame Sommervorbereitung mit der Mannschaft vergönnt;

2.) Der Kader, mit dem er arbeiten musste, wurde im Wesentlichen von anderen Personen geplant und zusammengestellt. Dass auch er sich hinsichtlich des Leistungsvermögens im Winter tiefgreifend verschätzt hat, hat er selbst eingeräumt.

Ich möchte es so formulieren: Wolf war als Trainer hauptverantwortlich für die Musikauswahl, das Orchester aber, mit dem diese gespielt werden musste, haben im Wesentlichen andere zu verantworten. Der Spielplan, das Ziel sofortiger Aufstieg, war ihm ohnehin von der Intendanz, Bernd Hoffmann, vorgegeben worden.

Am gestrigen Tag verkündete der HSV dann die sofortige Freistellung von Sportvorstand Ralf Becker und präsentierte als dessen Nachfolger Jonas Boldt. Auch Becker sind m.E. Fehler anzulasten, so zum Beispiel sein fragwürdiges Krisenmanagement oder sein naiver Umgang mit einer einschlägig beleumundeten Boulevard-Zeitung, der er (vielleicht) die Freistellung von Wolf nach Saisonende verriet. Aber auch Becker kam erst, nachdem der Kader im Wesentlichen bereits feststand. Und auch Becker arbeitete unter der Zielvorgabe Hoffmanns.

Der AR bewertet da formal zuständig, aber auf Grundlage welcher Qualifikation?

Die Bewertung der unbefriedigenden sportlichen Entwicklung habe den Aufsichtsrat zur Freistellung Beckers veranlasst, verkündete dessen Vorsitzender Köttgen auf der gestrigen PK. Da das von Hoffmann ausgegebene Ziel, sofortiger Aufstieg, verpasst wurde, scheint dies zunächst plausibel und nachvollziehbar. Denn der „Vorstand Sport“ trägt die Gesamtverantwortung für den sportlichen Bereich. Eben so begründet erscheint auch auf den ersten Blick, dass der Vorsitzende des Kontrollgremiums, das formal für die Berufung und Abberufung eines Vorstands zuständig ist, diese Entscheidung auch öffentlich vertritt und begründet. Mehr als fragwürdig ist aber, wer in diesem Gremium über die sportfachliche Qualifikation verfügt, um eine sportliche Entwicklung unter Berücksichtigung aller relevanten Gesichtspunkte sachgerecht zu beurteilen. Die bloße Feststellung, dass das gesetzte Ziel kläglich verfehlt wurde, bedarf im Grunde gar keiner Qualifikation, denn dies ist für jeden Laien mehr als offensichtlich. Anders verhält es sich aber bei der differenzierten Bewertung der dafür maßgeblichen Faktoren.

Traditionell verpasste Ziele

In Hamburg könne man nichts anderes als den sofortigen Wiederaufstieg verkaufen, meint Bernd Hoffmann. Und auch Becker sagte vor einiger Zeit, er könne nicht von Platz 5 (als Zielsetzung) reden. Allen im Detail durchaus unterschiedlichen Ansätzen ehemaliger und aktueller Führungskräfte zum Trotz zeigt sich hier eine bemerkenswert gleichförmige Tradition beim HSV. Es wurden und werden stets hohe und höchste Ziele ausgegeben und vor allem Fantasien verkauft. Eine keineswegs abschließende Auswahl:

  • Jarchows 5-Jahresplan bis zur CL
  • „Aufstellen für Europa“ (HSVPlus)
  • Das unter der Ägide von Beiersdorfer für viel Geld erarbeitete Leitbild spricht ebenfalls unverändert vom europäischen Wettbewerb
  • Beiersdorfer / Bruchhagen: in Hamburg müsse man unbedingt „Stars“ präsentieren
  • Sofortiger Aufstieg

Spöttisch formuliert zeigt sich Kontinuität beim HSV einzig im Primat des vollmundigen Marketings vor sachgerechter, sportfachlich qualifizierter, nachhaltiger Arbeit. Daraus abgeleitet ergeben sich fast zwangsläufig weitere, unrühmliche Kostante:

  • regelmäßiges Nichterreichen des gesetzten Saisonziels.;
  • beständiger Austausch von Entscheidungsträgern;
  • Umbruch als Dauerzustand

Ein fatales Missverständnis in Sachen Zielsetzung

Ziele müssten ambitioniert sein, da andernfalls Stagnation und sogar Rückentwicklung drohten. Mit dieser oberfächlich betrachtet zweifellos korrekten Aussage wird dieser Kurs beständig falscher Ankündigungen und Ziele regelmäßig vereins – und fanseitig gerechtfertigt.

Nüchtern festzustellen ist hier aber zunächst, dass der HSV seine Saisonziele in den letzten Jahrzehnten nur im absoluten Ausnahmefall erreichte. Dies lässt sich sogar für die heute rückblickend von Vielen verklärte Periode unter dem damaligen Duo Hoffmann, Beiersdorfer empirisch zweifelsfrei nachweisen. Ein „ambitioniertes“ sportliches Ziel ist aber grundsätzlich eines, dass im Optimalfall erreicht und gelegentlich sogar übertroffen werden kann. Wer aber derart beständig seine Ziele wie der HSV verfehlt, der muss sich fragen lassen, ob es nicht seine Ambitionen sind, die sich in unrealistischen Zielsetzungen manifestierten, was nebenbei die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns dann signifikant erhöht. Abgesehen davon bleibt es eine bisher absolut unbelegte Behauptung, dass man bei Fans, Sponsoren und Medien kein Verständnis für einen sachlicheren Kurs fände. Ich behaupte sogar, dass man durch die damit einhergehenden permanenten Enttäuschungen den Druck selbst verschuldet erhöht. Eben diesen Druck, den man beständig zirkelschlüssig als Begründung für seine kurzatmigen sportlichen und personellen Entscheidungen bemüht.

Keine Zielsetzung ohne Analyse!

Nun also soll es Jonas Boldt richten. Doch wie sieht der Ist-Zustand aus?

  • Boldt wird von Mutzel in den aktuellen Stand der Kaderplanung eingeweiht und sich zunächst einarbeiten müssen.
  • Die Wahl des zukünftigen Trainers steht unverändert aus. Dies ist schon deswegen problematisch, weil der neue Trainer in die Kaderzusammenstellung unbedingt eingebunden werden sollte.
  • Abgänge: Mangala, Hwang, Holtby, Lasogga, Lacroix und Arp sind weg. Douglas Santos soll und will gehen. Weitere Abgänge könnten sein: Ito, Sakai, Pollersbeck, Köhlert, Vagnoman und Papadopoulos u.v.m.
  • Zugänge bisher: Kinsombi, Gyamerah, Dudziak, Hinterseer

Alle anderen Kandidaten möchte ich nicht kommentieren. Ziel bei der Kaderzusammenstellung soll aber die Etablierung einer neuen Achse, einer neuen Strucktur bei den Führungsspielern sein, so hieß es. Dies ist aus meiner Sicht grundsätzlich richtig, notwendig und überfällig, wie ein Blick auf die alte Achse zeigt:

Eine neue Mannschaftsstruktur war auch sportlich unumgänglich

Holtby ist zweifellos ein technisch guter Spieler, der aber bei jedem Trainer der vergangenen Jahre als Stammspieler startete und im weiteren Verlauf zum Ergänzungsspieler mutierte. Der einzige Trainer, unter dem er tatsächlich konstant gute Leistung lieferte, war Christian Titz. Ein Führungsspieler muss aber durch Konstanz den Führungsanspruch untermauern, andernfalls fehlt die Akzeptanz. Dass Holtby in dieser Funktion nicht funktionierte, durfte nicht wirklich überraschen;

Papadopoulos hat eine längst allseits bekannte erhebliche Verletzungshistorie. Seinen langfristigen Ausfall „Pech“ zuzuschreiben, wäre mehr als törricht. Auch der kam praktisch mit Ansage;

Lasogga lieferte, wenn man nur auf Tore oder seine Quote fokussiert. Dabei wird jedoch übersehen, dass die Zeit der reinen Strafraumstürmer vor Jahren bereits abgelaufen war (Stichwort: B. Romeo). So wie ein Verteidiger heute selbstverständlich auch seinen Beitrag für die Offensive leisten muss, so muss ein Stürmer heute läuferisch auch stark zurückarbeiten. Lasoggas technische Defizite und seine klar erkennbare läuferische Unterlegenheit verunmöglichten ein schnelles Umschaltspiel durch das Zentrum und zwangen grundsätzlich zu einem Spiel über außen. Auch wenn das letzte Saisonspiel gegen Duisburg sportlich bedeutungslos war, so kam es nicht gänzlich von ungefähr, dass man mit schnelleren und technisch besseren Spielern wie Köhlert und Arp auch auf engerem Raum plötzlich Lösungen fand;

Dass Hunt in seinem Alter nicht robuster wird und daher mit Ausfallzeiten durchaus zu rechnen sein musste, hätte bei umsichtigerer Planung auch ins Kalkül gezogen werden können. Lediglich die Aneinanderreihung von gleich drei Muskelfaserrissen kann man hier als Pech bezeichnen.

Ableitung aus dem Ist-Zustand

Wie bereits oben erwähnt, stehen weitere erhebliche personelle Veränderungen im Kader bevor. Zu den derzeit noch ungeklärten Variablen gehört der neue Trainer, dessen Spielsystem und sein konkreter Umgang mit dem Kader. Von den feststehenden vier Neuzugängen einmal abgesehen ist weiterhin völlig offen, wie dieser Kader nicht nur rein fußballerisch zusammengestellt sein wird. Völlig offen und wohl am meisten unterschätzt ist die Frage, wie die unterschiedlichen Charaktäre und Persönlichkeiten dieses Kaders dann unter Druck miteinander umgehen werden. Es ist das eine, beispielweise einen Hinterseer als neuen Führungsspieler zu holen. Ob er die Akzeptanz seiner Kollegen tatsächlich finden wird, hängt jedoch nicht nur von seinem Verhalten im Mannschaftskreis sondern auch von seinen Leistungen auf dem Platz ab. Es sei in diesem Zusammenhang warnend daran erinnert, dass in der Vergangenheit viele neue Spieler des HSV die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen konnten. Eine funktionierende Hierarchie kann man nicht kaufen, deren Herausbildung benötigt Zeit. Hier lässt sich daher feststellen, dass der HSV bislang lediglich dabei ist, die Voraussetzungen für eine neue Struktur zu schaffen. Gleichwohl halte ich Skepsis und Zurückhaltung aus den genannten Gründen für angebracht. Die Kader der letzten Spielzeiten wiesen regelmäßig schwere Defizite auf, was die jeweils Verantwortlichen durch Nachverpflichtungen wie Spahic, Behrami und Mavraj jeweils kompensieren mussten und wollten. Der „Erfolg“ dürfte bekannt sein.

Der HSV hat also aktuell weder einen Trainer noch einen fixen Kader. Noch ist klar, ob und wie die Mannschaft zusammenwächst. Die so wichtige intakte Hierarchie kann und wird sich erst im Laufe der Saison entwickeln müssen. Nach einer desaströsen Rückrunde, die mindestens zu Saisonbeginn in den Köpfen der weiterhin beim HSV verbleibenden Spieler noch nachwirken wird, steht ein kompletter Neuaufbau unter erschwerten Konkurrenzbedingungen (s.o.) bevor. Ich bin völlig bei Hannes Wolf , dass unter diesen Bedingungen eine Konsolidierung im oberen Tabellenbereich sachlich begründet und angemessen wäre. Dies bedeutet eben nicht die grundsätzliche Preisgabe des Ziels Aufstieg und das Einrichten im grauen Mittelmaß der 2. Liga! Ein erneuter Platz 4 oder 5 mag zwar jene enttäuschen, die eine zügige Rückkehr in die Bundesliga sehnlichst erwarten, es wäre unter den Umständen jedoch ein erfolgreicher Zwischenschritt, den man als solchen auch erklären könnte. Damit würde man auch den nicht zuletzt selbstverschuldeten Druck etwas reduzieren. Denn eins ist auch unbestreitbar: Von Kontinuität wird vom HSV unverändert nur geredet. Die Fakten beweisen das exakte Gegenteil! Finanziell unterlegene Vereine, wie Paderborn oder Union sind aber auch nicht zu letzt deswegen erfolgreich, weil sie auch davon weniger reden sondern entsprechend konsequent handeln.

Konsequent unbelehrbar

Der HSV verkauft seit Jahren unbeirrbar und offenbar unbelehrbar Mogelpackungen. Gestern Europa, heute der Aufstieg. Die berühmt-berüchtigte Uhr, sie ist vor einem Jahr abgelaufen. Statt sie zu entsorgen, hat man sie mittels eines Taschenspielertricks einfach umgestellt. Als wäre im Grunde nichts geschehen. Bei „Hamburg, meine Perle“ werden unverändert in jeder Strophe Gegner verspottet, mit denen man in Wahrheit schon lange nicht mehr auf Augenhöhe ist. Die Realität, sie heißt Bochum, Bielefeld, Heidenheim, Aue oder Kiel, aber gesanglich zieht man ungerührt und offenbar unbelehrbar den Bayern die Lederhosen aus. Das, wie auch die ewig überhöhten Ankündigungen, beschreibt den Club leider treffender als alles, was die Verantwortlichen in den letzten Jahren angekündigt haben.

Da der HSV aus meiner Sicht reinem Marketing-Denken und effektheischenden statt sachlich-fachlich begründeten Zielen verhaftet bleibt, letztlich substanzlose Ankündigungen das Handeln seiner Entscheidungsträger bestimmen, vermag ich inzwischen nicht mehr an eine nachhaltige Besserung beim HSV zu glauben. Boldt, dem ich wie dem neuen Trainer selbstverständlich nur das Beste wünsche, bleibt für mich bis zum Beweis des Gegenteils nur ein weiterer auf der langen Liste der Hoffnungsträger. Und zwar ein weiterer auf Abruf.

Der HSV, ich schrieb es hier unlängst, geht einer höchst ungewissen Zukunft entgegen. Ich werde diese ab sofort nur noch aus der Ferne begleiten. In Hamburg sagt man „tschüss!“

Nachtrag: Ich möchte mich an dieser Stelle herzlichst bei Euch bedanken, dass Ihr mir über all die Jahre immer wieder einige Minuten eurer Zeit geschenkt habt, um meinen Gedanken zu folgen. Dafür und für die durchweg wertschätzenden Kommentare bin ich sehr dankbar!

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HSV-Campus, Fananleihe und Nebelkerzen

Die Winterpause der Bundesliga gibt mir die Gelegenheit, um hier einige Themen aufzugreifen, die ich aus Zeitmangel bislang ausgespart habe. Dazu gehören der Verbleib der 17,5 Millionen Euro aus der Fananleihe und die in diesem Zusammenhang stehenden Stellungnahmen der scheidenden Vorstandsmitglieder des HSV.

Erinnern wir uns: Noch zu Zeiten des inzwischen längst entlassenen ehemaligen Sportdirektors, Frank Arnesen, wurde die Idee geboren, die Anbindung des Nachwuchsbereichs an die Profimannschaft zu verbessern. Wer sich nicht mit den speziellen Bedingungen beim HSV auskennt: die Bundesligamannschaft trainiert auf einer Trainingsanlage, die sich unmittelbar neben der Arena im Hamburger Volkspark befindet; das Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) befindet sich jedoch noch im mehrere Kilometer entfernten Norderstedt. Da man seit Jahren beklagte, dass aus der kostspieligen Nachwuchsförderung des Clubs zu wenig Spieler hervorgingen, denen nachfolgend dann auch der Sprung in die Profiabteilung gelang, lag es nahe, beides, Profis und NLZ, auch örtlich zusammenzuführen. Man versprach sich davon deutliche Synergie-Effekte und nicht zuletzt eine klare Steigerung der Motivation des eigenen Nachwuchs. Das Projekt „HSV-Campus“ wurde somit geboren und sollte neben den zusätzlich erforderlichen Trainingsplätzen einen Neubau des NLZ und einen Gastro-Bereich für Angestellte, Spieler und Fans unmittelbar neben der Arena im Volkspark beinhalten.

Nun musste man die geplanten umfangreichen Baumaßnahmen ja auch irgendwie finanzieren, was in Zeiten eines stetig steigenden, negativen Eigenkapitals aus Eigenmitteln des Clubs unmöglich schien. Also ersann man eine s.g. Fananleihe mit einem Gesamtvolumen von 17,5 Millionen Euro und einer jährlichen Verzinsung von 6 % über eine Laufzeit von sieben Jahren. Das Ganze wurde den interessierten Fans vor allem mit dem von den Verantwortlichen stets in den Vordergrund gerückten untadeligen Zweck „Verbesserung der Nachwuchsförderung“ schmackhaft gemacht. Und da Fans nur zu gerne etwas erwerben, was sie sichtbar mit dem Verein verbindet, bekamen die Zeichner der Anlage eine „Schmuckurkunde“. Die konnten sich die „Käufer“ dann als Ganzes an die Wand hängen. Dumm nur, dass diejenigen, die tatsächlich ihre Zinsansprüche geltend machen wollten, gezwungen waren, an diesem Schmuckstück herumzuschnippeln. Denn an die Urkunde waren jene Zinscoupons angefügt, die man dafür benötigt. Ein Schelm, wer sich Böses dabei denkt.

Natürlich ist das Auflegen einer derartigen Anleihe auch mit einem umfangreichen Wertpapierprospekt verbunden. Im Falle der Jubiläumsanleihe umfasste dieser 144 Seiten. Dort wurde auch ausdrücklich auf diverse Risiken hingewiesen. Und dort ließ sich auch eine juristische Hintertür dafür finden, dass das eingenommene Kapital keineswegs vollumfänglich vom HSV für die Realisierung des beworbenen Bauprojekts eingesetzt werden musste, sondern sehr wohl auch für andere Zwecke, z.B. Sicherung der Liquidität, eingesetzt werden konnte.

Stand heute sind die 17,5 Millionen unwidersprochen vollständig in der Bilanz des Clubs versickert, ohne dass auch nur nennenswerte Teile davon tatsächlich für die Baumaßnahmen verwendet wurden. Tatsächlich hat nach übereinstimmenden Medienberichten der ehemalige Aufsichtsrat Alexander Otto auf eigene Kosten die ursprünglichen bautechnischen Planungen für den Campus entwickeln lassen. Zwischenzeitlich wurde das Projekt dann durch Bernhard Peters aus Sicht einer optimierten Nachwuchsförderung noch einmal komplett neu konzipiert und zugleich „verschlankt“. Zuletzt war hier von Realisierungskosten von nur noch 8,5 Millionen Euro zu lesen. Die Kosten für die damit verbundenen bautechnischen Umplanungen soll erneut Herr Otto übernommen haben. Um es auf den Punkt zu bringen: 17,5 Millionen Euro wurden mit einem öffentlich stets vordergründig kommunizierten Ziel eingeworben, 8,5 Millionen Euro soll dieses Projekt, so war jüngst zu vernehmen, wohl am Ende tatsächlich kosten. Oder anders: der Verein hat seinen Fans unter einem Vorwand mindestens 9 Millionen Euro (tatsächlich wohl aber deutlich mehr) aus der Tasche gezogen. Sämtliche bautechnischen Planungen wurden für den Verein dank eines Gönners kostenfrei realisiert. Und es dürfte nicht wenige geben, die vermuten, dass Baubeginn und Fertigstellung des Projekts am Ende nur deswegen möglich sein werden, weil der Club inzwischen einen Spender gefunden hat, der jedoch anonym bleiben möchte.

Juristisch scheint sich der Verein dennoch auf der sicheren Seite zu befinden. Man ist schließlich seinen Aufklärungspflichten nachgekommen. Dennoch halte ich diesen Vorgang im Grunde für skandalös, denn was legal ist, ist deswegen m.E. noch lange nicht legitim. Es ist schon bezeichnend, wenn sich gleich zwei scheidende Vorstandsmitglieder, Jarchow und Scheel, im Abendblatt allein auf juristische Positionen zurückziehen, die etwaige Regressforderungen oder gar strafrechtliche Konsequenzen aussichtslos erscheinen lassen. Wenn Jarchow beteuert, der Campus würde ja am Ende gebaut, dann ist dies in meinen Augen nur eine weitere Nebelkerze, die das wirtschaftliche Desaster verschleiern soll, das der von ihm geleitete Vorstand zu verantworten hat. Denn mit welchen Geldern der gebaut wird, das erwähnt er natürlich nicht.

Der Verdacht weitgehender Zweckentfremdung der eingeworbenen Mittel, dies kann die formal-juristische Argumentation eben nicht beheben, liegt äußerst nahe und belegt indirekt zudem, dass man offenbar ohne jedes Schuldbewusstsein die Leidenschaft der treuesten Fans einmal mehr ausgenutzt hat. Zugleich mag es als weiteres Indiz dafür gelten, wie prekär die finanzielle Lage des Clubs einzuschätzen ist.