Rieckhoff

Der Kühne-Deal

Rückblende: Als letztes Jahr im HSV um die Ausgliederung der Fußballprofiabteilung in die HSV-AG gerungen wurde, als es nicht zuletzt darum ging, der Mitgliederschaft des Vereins den Anteilsverkauf von 24,9 Prozent eben dieser AG an s.g. strategische Partner schmackhaft zu machen, da wurden regelmäßig 100 Millionen Euro als Ziel genannt, die beim Komplettverkauf des Pakets anzustreben seien. Idealerweise sollten die 24,9 Prozent nach Aussagen des Initiators der Initiative HSVPlus, Ernst-Otto Rieckhoff, an vier zukünftige Partner zu gleichen Teilen veräußert werden. Daraus folgt eine einfache Rechnung: bei gleich großem Anteilserwerb durch je vier strategische Partner hätte jeder Partner seine 6,225 Prozent an AG-Anteilen zum Preis von 25 Millionen Euro erwerben sollen.

Ein Anteilskäufer, so suggerierte HSVPlus damals den Mitgliedern vor der finalen Abstimmung im Mai, sei in Gestalt des Milliardärs und bekennenden HSV-Fans Klaus-Michael Kühne bereits definitiv gefunden. Da sich der HSV im Laufe der Jahre und im Zuge diverser Transaktionen, auf deren detaillierte Auflistung ich hier aus Zeitgründen verzichte, bei Herrn Kühne ca. 25 Millionen Euro geliehen hatte, was sich der Unternehmer (Kühne&Nagel) immerhin mit respektablen 4,5 Prozent verzinsen ließ, schien vielen die Rückzahlung dieses Betrages ebenso naheliegend wie einfach. Die 25 Millionen Euro würden, so dachten wohl viele, in einen 6,225 prozentigen Anteil Kühnes an der AG umgewandelt werden.

Als im Spätherbst des vergangenen Jahres weder Herr Kühne noch irgend ein anderer strategischer Partner präsentiert werden konnte, da wurde u.a. von Karl Gernandt, nun in Doppelfunktion als Aufsichtsratsvorsitzender der HSV-AG einerseits und als Generalbevollmächtigter bei Kühne&Nagel andererseits tätig, als Begründung angeführt, dass man erst das bei KPMG in Auftrag gegebene Gutachten zum Gesamtwert des Clubs abwarten müsse.

Die Wertermittlung eines Fußballvereins gilt allgemein als problematisch, da sich der Wert durch zahlreiche Faktoren beeinflussen lässt, die nicht mit letzter Sicherheit objektivierbar sind. So dürfte ein sportlich erfolgreicher Club in der Regel wertvoller sein als ein nicht erfolgreicher Verein. Nur wie will man bestimmen, ob ein Club in absehbarer Zeit sportlich erfolgreich sein wird und wenn ja, wie groß (auch finanziell) Erfolge ausfallen? Das ist nur bestenfalls zu schätzen, wobei eine erhebliche Fehlertoleranz durchaus einzukalkulieren ist. To keep a long story short: Öffentlich kursierte schließlich ein angeblich von KPMG ermittelter Gesamtwert des HSV von stolzen 330 Millionen Euro. Eine Zahl, die ich aus diversen Gründen von Anfang an bezweifelte.

Kurz vor Weihnachten kam dann der Paukenschlag. Auch Herr Kühne bezweifelte den ermittelten Gesamtwert und verzichtete zunächst auf die Umwandelung der Kredite zugunsten eines Anteilserwerbs. 25 Millionen Euro für 6,225 Prozent, dieser Preis war ihm schlicht zu hoch. Nebeneffekt: Karl Gernandt, der ebenso wie Rieckhoff und andere der Initiative HSVPlus stets von „aussichtsreichen“ Gesprächen mit weiteren Interessenten an Anteilskäufen gesprochen hatte, glich plötzlich dem sprichwörtlichen Kaiser ohne Kleider.

Bereits im November 2014 erhielt ich über diverse Kanäle mehrere Hinweise, dass die finanzielle Lage des Clubs ohne Anteilsverkäufe ab April, spätestens jedoch ab Mai als äußerst prekär einzuschätzen und die Lizenz für die Saison 2015/16 u.U. ernsthaft gefährdet sei. Andere Gesprächspartner wiederum wollten wissen, dass ein oder gar mehrere Anteilsverkäufe unmittelbar bevor stünden. Überprüfen kann und konnte ich beides nicht.

Nun hat sich Herr Kühne vor wenigen Tagen anders entschieden und beteiligt sich mit 18,75 Millionen Euro an der HSV-AG. Von dem ihm geschuldeten 25 Millionen werden daher 18,75 Millionen in einen Anteil in Höhe von 7,5 Prozent umgewandelt. Der HSV schuldet demnach Herrn Kühne nach Anteilsübergang einen Restbetrag von 6,25 Millionen Euro, den sich Herr Kühne weiterhin mit 4,5 Prozent verzinsen lässt.

In diesem Zusammenhang stelle ich daher nüchtern fest:

  1. Die öffentlich kolportierten 330 Millionen Gesamtwert wurden gleichlaufend mit den Interessen von Herrn Kühne von Vereinsseite als „zu hoch“ eingestuft. Zuletzt war von einem Gesamtwert des HSV in Höhe von 250 Millionen Euro die Rede. Wie dieser Wert ermittelt wurde, ob und in welchem Ausmaß der Wert nachträglich nach unten korrigiert wurde, bleibt unklar.
  2. Herr Kühne erwirbt einen um 1,25 Prozent größeren Anteil an der AG als ursprünglich idealerweise von Ernst-Otto Rieckhoff geplant (6,225%) und bezahlt dafür nicht etwa mehr als 25 Millionen sondern 6,25 Millionen Euro weniger.
  3. Die im Wahlkampf noch als sehr „aussichtsreich“ bezeichneten Gespräche mit weiteren, anderen strategischen Partnern waren objektiv offensichtlich weit weniger fortgeschritten und erfolgreich, als den Mitgliedern seinerzeit suggeriert wurde. Denn zwischenzeitlich musste Karl Gernandt kleinlaut einräumen, dass man sich die Veräußerung der Anteile deutlich einfacher vorgestellt habe. Zudem teilte er mit, dass man inzwischen die Hilfe eines Bankhauses in Anspruch genommen habe, um weitere Interessenten zu finden.

Geschickterweise verkündeten die Club-Verantwortlichen zeitgleich mit der Nachricht von der nun doch erfolgten Einigung mit Herrn Kühne, dass dieser dem HSV die Namensrechte für das Stadion mit einer Laufzeit von zunächst vier Jahren abkaufe. Das ist in der Tat eine gute Nachricht, denn der bisherige Vertragspartner und Namensgeber Imtech steckt bekanntlich in erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Dem Vernehmen nach zahlt Herr Kühne dem HSV insgesamt 16 Millionen Euro für die Namensrechte (gegenüber 3,3 Mio. pro Jahr von Imtech), damit das Stadion zukünftig wieder seinen alten, traditionellen Namen „Volksparkstadion“ trägt. Der Club vermeidet also zukünftige Einnahmeeinbußen nach Beendigung des Imtech-Vertrages, und die Fans dürfen nun auch offiziell die heimische Spielstätte ihres Club bei ihrem einzig wahren Namen nennen.

Geschickt ist dies auch deswegen, weil die Stadionumbenennung ganz offensichtlich die Aufmerksamkeit von den kritisch zu hinterfragenden Eckpunkten des Anteilsverkaufs ablenkt. Mit Herrn Kühne verbanden immerhin erhebliche Teile des Anhangs das Bild vom raffgieriger Investor, der notorisch per Interviews das operative Geschäft des Clubs beeinflusste. Nun ist es gerade dieser Mann, der ihnen das geliebte Volksparkstadion zurückbringt.

Was den HSV angeht, so dürfte das Gesamtpaket mit Herrn Kühne die schlimmsten Bedenken zur kurz- und mittelfristigen finanziellen Lage des Clubs ausräumen. Finanzvorstand Wettstein stellte hierzu auf HSV.de fest:

„Für uns ist diese Vereinbarung ein sehr wichtiger Meilenstein, der uns an vielen Stellen weiterhilft. Zum einen müssen wir nun die Rückzahlung der Darlehen an Herrn Kühne nicht leisten. Damit entfällt ein großer Handlungsdruck auf der Finanzierungsseite. Zweitens verbessern wir unsere Eigenkapitalquote deutlich, was ein ebenso wichtiges Zeichen an unsere weiteren Kreditgeber, z.B. für die Stadionfinanzierung, ist. Drittens steigern wir unsere Ertragssituation, in dem wir einerseits keine Zinsen an Herrn Kühne zahlen müssen und andererseits Planungssicherheit und Stabilität hinsichtlich der Vermarktungserträge aus dem Stadionnamen bekommen. Daneben können wir die Vereinbarung in den Lizenzantrag bei der DFL mit einbringen, so dass wir auch hinsichtlich der Lizenzierung ein deutliches Zeichen abgeben können.“

Ich schließe u.a. auch aus diesen Sätzen, wie angespannt die finanzielle Lage allen beschwichtigenden Äußerungen Gernandts zum Trotz tatsächlich gewesen ist. Dank Herrn Kühne gewinnt der Club Handlungsspielräume, die sich auch bei der Suche nach personellen Verstärkungen der Profimannschaft bemerkbar machen dürften.

Gänzlich ignorieren sollte man jedoch nicht, dass nun nur noch 17,4 Prozent an Anteilen an der AG für weitere Veräußerung an andere Partner zur Verfügung stehen. Bei gleichem Ausgabekurs würden die von Ernst-Otto Rieckhoff seinerzeit erhofften 100 Millionen Euro Gesamterlös mehr als deutlich verfehlt. Es bliebe daher zu hoffen, dass der Club zum gegenwärtigen Zeitpunkt und Preis keine weiteren Anteile verkaufen muss.

Was das Engagement Kühnes angeht, so bleibt nur zu hoffen, dass er sich zukünftig mit seinen kontraproduktiven, öffentlichen Äußerungen, die das operative Geschäft des Clubs betreffen, zurückhält. Zweifel sind hier angebracht. Aber am Ende wird auch daran zu bemessen sein, wie dieser Deal am Ende zu bewerten sein wird.

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Die Ausgliederung kommt! Zeitenwende beim Hamburger Sportverein

+++ AKTUALISIERUNG: Das Abstimmungsergebnis im Detail: mit „ja“ stimmten 7992 = 86,9%; mit „nein“ stimmten 1206 = 13,1%; 44 Enthaltungen +++

Die wichtigste Nachricht vorweg: auf der Mitgliederversammlung am heutigen Tage, dem 25. Mai 2014, haben 86,9 Prozent (laut dem lokalen Fernsehsender Hamburg1) der anwesenden, stimmberechtigten Mitglieder (über 9000!) des Hamburger Sportvereins der Ausgliederung der Lizenzspielerabteilung des Vereins auf der Grundlage der vom Vorstand vorgelegten Ausgliederungsdokumentation nach HSVPlus zugestimmt.

Im Grunde kann dieses Ergebnis niemanden ernsthaft überraschen, denn schon auf der Mitgliederversammlung im Januar hatte die weit überwiegende Mehrheit der Mitglieder mit fast achtzig Prozent den noch im Amt befindlichen Vereinsvorstand beauftragt, die Ausgliederung  der Profis in eine HSV-AG vorzubereiten.

Die Mehrheit all jener, die es mit dem HSV halten, dürfte dieses Abstimmungsergebnis erfreuen. Vielen dürfte auch nach dem nur äußerst knapp gelungenen Klassenerhalt ein weiterer Stein vom Herzen gefallen sein. Mehrheitlich wurde das Konzept von HSVplus, auch wenn es in manchen Detailfragen auch von seinen Befürwortern durchaus kritisch gesehen wurde, als historische Chance für den Verein betrachtet.

Ich habe hier bereits oft deutlich gemacht, dass ich ebenfalls HSVPlus favorisiere. Es wird daher niemand verwundern, dass ich das Ergebnis begrüße. Zu Triumphgeheul besteht für mich jedoch kein Anlass.

Meine Gedanken gelten zunächst all denjenigen, die mit ihrer Ablehnung von HSVPlus unterlegen sind. Ich kann mir vorstellen, dass das für sie eine ganz, ganz bitter Pille ist, die da nun zu schlucken ist. Für den einen oder anderen brach da sicher eine Welt zusammen. Aus der Perspektive der Unterlegenen wird sicher von einem rabenschwarzen Tag für den Verein gesprochen werden. Immerhin ist nun der weitgehende Verlust von Mitspracherechten der Mitgliederschaft zu verkraften, welcher gerade für die unterlegene Fraktion einen Großteil der Attraktivität des Vereins in seiner bisherigen Organisationsform ausgemacht haben dürfte.

Allerdings, das halte ich für sicher, ist diese brutale Ernüchterung zu einem großen Teil selbstverschuldet. Wenn jemand die Mitgliederschaft „nicht mitgenommen“ hat, dann war es die Abteilungsleitung des bisher (über)mächtigen Supporters Club. Dass man dort grundsätzlich andere Vorstellungen vom dem hatte, was und wie der HSV sein sollte, das ist überhaupt nicht zu beanstanden, sondern zu respektieren. Was allerdings kritikwürdig bleibt, ist, dass man beim SC im Namen aller Mitglieder über Jahre ureigenste Klientelpolitik betrieben hat, anstatt tatsächlich das Meinungsspektrum aller Mitglieder abzubilden. Mir waren und sind viele, viele Mitglieder bekannt, die sich schon lange nicht mehr vom SC angemessen vertreten fühlten, und die aus diesem Grunde unter Protest in die Abteilung Fördernde Mitglieder wechselten. Man darf also das heutige Abstimmungsergebnis getrost auch als weitere Quittung für eine verfehlte Politik der Abteilungsleitung beim SC werten.

Nun wird beim HSV also ausgegliedert. Und alles, alles wird jetzt besser – jedenfalls dürfte das einige glauben. Wirklich?

Die Ausgliederung der Lizenzspieler, die Gründung einer AG mit all ihren keineswegs unbedeutenden Nebengeräuschen, der Zuschlagung der Raute (und des Stadions?) zu eben dieser Aktiengesellschaft, verschafft dem HSV zunächst einmal die dringend benötigte, finanzielle Handlungsfreiheit. Das Konzept der Initiative HSVPlus setzt jedoch vor allem auf Nachhaltigkeit. Wer also den HSV nunmehr binnen kürzester Frist wieder in oberen Tabellenregionen erwartet, wer große Namen bei zukünftigen Transfers erhofft, der wird fast zwangsläufig enttäuscht werden.

Es wird auch mit der neuen Struktur Rückschläge geben. Darauf sollte man sich einstellen. Das Geschäft des Profifußballs ist von einer hohen Konkurrenzdichte, jedenfalls wenn man von der von den Bayern bis auf Weiteres dominierten Meisterschaftsfrage einmal absieht, gekennzeichnet. Ob ein verpflichteter Spieler die Erwartungen tatsächlich erfüllt, ob er evtl. aus Gründen der jederzeit lauernden Verletzungen die erhoffte Leistung bringen kann – all dies wird selbst bei höchstem Sachverstand und bestem Scouting immer mit einem Restrisiko verbunden bleiben. Fehlentscheidungen waren und sind nie gänzlich zu vermeiden. Dies gilt auch unverändert für die Zukunft.  Dort, wo Menschen arbeiten, unterlaufen Fehler. Das war so und wird auch zukünftig nicht gänzlich zu vermeiden sein.[Anm.: nachträglich gestrichen wg. Phrasenalarm] Das Problem des „alten“ HSVs waren für mich nicht die Fehler, sondern deren Häufigkeit und Ausmaß. Realistisch zu erwarten erscheint mir also, dass es nicht stetig linear nach oben geht. Entscheidend ist, dass der Trend zukünftig über mehrere Jahre eine positive Entwicklung nachweist.

Eins, meine ich, wird man jedoch für die Zukunft getrost ausschließen können. Die außerordentliche, vereinsschädigende Geschwätzigkeit, mit der Gremienmitglieder des Vereins in der Vergangenheit schon beinahe traditionell Interna nach außen durchsteckten, die dürfte allein durch die ungleich härteren Drohungen des Aktienrechts endlich verschwinden.

Die Mitgliederschaft des Hamburger Sportvereins hat freiwillig auf einen großen Teil ihrer bisherigen Rechte verzichtet. Damit geht ein großer Vertrauensvorschuss für die Vertreter der Initiative um Ernst-Otto Rieckhoff einher. Im Zusammenhang mit einer Umsetzung des Konzeptes, daran sei mit Nachdruck an dieser Stelle erinnert, wurde den Mitgliedern stets einige Zusagen gemacht, von denen ich die für mich drei wichtigsten herausgreife:

1.) Kein Verkauf von weiteren Anteilen an der AG jenseits der freigegebenen 24,9 Prozent ohne vorherige ausdrückliche Zustimmung der Mitgliederschaft;
2.) Kein Verkauf an rein renditeorientierte Hedge-Fonds o.ä., sondern eine auf Langfristigkeit angelegte Zusammenarbeit mit zukünftigen Strategischen Partnern;
3.) Kein unkontrollierter Weiterverkauf bereits verkaufter Anteile an Dritte.

Nun ist es an der Zeit, die von Karl Gernandt angeführte, neue Mannschaft arbeiten zu lassen. Dabei ist vor allem eins gefragt: Geduld. Selbst wenn nun Exzellenz, um mit Gernandt zu sprechen, arbeiten sollte, so sind keine Wunder über Nacht zu erwarten. Auch wenn ich keinen Anlass zu Misstrauen habe, bleibt zu hoffen, dass sich die nun spätestens ab dem 1. Juli Verantwortlichen des Vertrauensvorschusses würdig erweisen. Das Wahlergebnis sollte, aber ich glaube, das wissen die Beteiligten, als große Verpflichtung gesehen und keinesfalls als Freibrief missverstanden werden.

Ich sehe der Zukunft des Vereins nunmehr erleichtert und speziell der des Profifußballs beim HSV mit gedämpftem Optimismus entgegen. Aus meiner Sicht geht der 25. Mai, Stand heute, als guter Tag in die Vereinsgeschichte ein. Und ich hoffe sehr, dass ich diese Einschätzung nicht irgendwann revidieren muss. Nun gilt es, hart, hart zu arbeiten. Über mehrere Jahre. Zu Euphorie besteht kein Anlass, wohl aber zu Zuversicht.