Das Jahr, in dem „Georg Volkert“ Weihnachten im Sommer feierte

Die Geschichte, die ich euch erzählen möchte, ereignete sich vor vielen, vielen Jahren. Ich war ein kleiner Junge, doch ich ging bereits zur Schule. Meine Eltern hatten sich scheiden lassen und ich lebte mit meiner jüngeren Schwester bei meiner Mutter. Meine Mutter hatte nicht viel Zeit für uns, denn sie studierte damals noch und musste zudem arbeiten. So waren meine Schwester und ich oft allein. Wir waren „Schlüsselkinder“.

Jungs in dem Alter interessieren sich noch nicht für Mädchen. Schon gar nicht für jüngere. Natürlich liebte ich meine Schwester, doch meist zog ich es vor, ohne sie zu spielen. Am liebsten spielte ich, na klar, Fußball. Doch es gab ein Problem: Meine Mutter sah das nicht gerne, auch wenn sie es mir nicht verbat. Denn Fußball, das hieß für meine friedlich gesinnte Mutter: kämpfen und treten! Waren angetrunkene, grölende Männer in seltsamen Verkleidungen. Erschwerend kam hinzu, dass das Fußballspielen an meiner Schule zur damaligen Zeit aus ähnlichen Gründen verboten war. Für mich aber war Fußball das Spiel Vaters und Großvaters, war Begeisterung, waren tollkühne Tricks, waren 40-Meter Pässe in den Lauf, war Spannung pur. Und der erlösende Schrei des Reporters in der Bundesliga-Konferenz.

Wir wohnten zu jener Zeit „zur Miete“. Unsere Wohnung war so klein, dass das Zimmer meiner Mutter zugleich als unser Wohnzimmer genutzt werden musste. Mein Zimmer jedoch war das kleinste von allen. Es lag zur Hauptstraße hin und war trotz der vorhandenen Doppelfenster so laut, dass die vorbeifahrenden Busse einen kleinen Umweg direkt durch mein Bett zu nehmen schienen. Also flüchtete ich, so oft und so lange ich konnte.

Hinter dem Haus befand sich ein kleiner Hof. Dort befanden sich mehrere Garagen, deren Türen sich hervorragend als Tore eigneten. Nach den Schularbeiten nahm ich meinen Ball, flitzte auf den Hof und kickte unermüdlich gegen die „Tore“. Weil das auf Dauer doch recht eintönig war, stellte ich mir nach und nach diverse Aufgaben, deren Schwierigkeitsgrad ich sehr flexibel anzupassen wusste. Von Natur aus Rechtsfuß, versuchte ich etwa herauszufinden, ob und wie gut ich mit links schießen konnte. Bald schoss ich besser links als rechts. Oder ich nahm mir vor, den Ball nur ein Mal aufkommen zu lassen, bevor ich ihn wieder gegen das „Tor“ beförderte. Dann versuchte ich herauszufinden, wie oft mir dies fehlerfrei gelang. Prallte der Ball jedoch ein zweites Mal auf, so begann ich von vorn. Natürlich lebten auch noch andere Kinder in unserem Haus, mit denen ich regelmäßig auf dem Rasen neben den Garagen spielte. Nur auf die Garagentore schoss ich in meiner Erinnerung meist allein.

Hinter der Rückwand der Garagen befand sich ein schmaler Gang, der mit Unkraut und allerlei Unrat übersäht, an der anderen Seite von einem Maschendrahtzaun begrenzt wurde. Auf der anderen Seite lagen die Gärten mehrerer Einfamilienhäuser.

Wir Kinder von der Hauptstraße pflegten eine innige „Feindschaft“ mit den Kindern, die dort wohnten. Woher diese beiderseitige Abneigung rührte, vermag ich beim besten Willen nicht mehr zu erinnern. Für uns, das stand fest, waren diese Kinder eingebildete Schnösel.

Am Ende des Ganges stand auf der anderen Seite des Zaunes eine blaue Laube in einem fremden Garten. Von unserer Seite konnte man durch das seitliche Fenster hineinspähen. Die Laube diente wohl als Geräteschuppen, in dem die Bewohner alles lagerten, was sie nicht täglich benutzten. Bald hatten wir herausgefunden, dass sich dort auch ausrangiertes Spielzeug unserer Feinde befand. Ich weiß nicht mehr, worum es sich dabei handelte. Das war im Grunde auch völlig egal. Wichtig war einzig, dass es denen gehörte. Also schlichen wir uns eines Tages in diesen Gang, und einer von uns stahl irgendeine Kleinigkeit aus der Laube, während die anderen Schmiere standen. Das war nicht sonderlich schwer, da die Eigentümer vergessen hatten, die Laube zu verschließen. Unter Triumphgeheul eilten wir mit unserer Beute zurück vor die Garagen, wo wir unser „Fundstück“ in aller Ruhe zufrieden besehen konnten. Dann verlor es rasch seinen Reiz und wurde alsbald vergessen.

Zu meinem größten Schrecken begegneten mir hin und wieder die Schnösel auf der Straße, etwa wenn mich meine Mutter einkaufen geschickt hatte. Und da das schlechte Gewissen an mir nagte, gab ich mir stets größte Mühe, recht finster zu gucken, aus Angst, man könnte unsere Missetat bemerkt haben und mich darauf ansprechen.

Nach einiger Zeit wurde mir die kleine Welt des Innenhofes zu eng. Ich erkundete die Umgebung und stieß auf den Sportplatz des nächstgelegenen Fußballvereins. Wann immer ich ein echtes Fußball-Spiel dort bemerkte, sauste ich hin und stand mit großen Augen am Spielfeldrand. Das war es. Das wollte ich. Von da an lag ich meiner Mutter in den Ohren. Ich wollte dort Mitglied werden. Doch so sehr ich auch bettelte, – Ich durfte nicht. Also verschob ich meinen dringlichsten Wunsch auf Weihnachten und schrieb auf meinen Wunschzettel: „Bitte ein Schlagzeug, und ich möchte bitte Mitglied werden!“

Weihnachten kam, und ich bekam: eine Gitarre und ein Rennrad.

Nachdem der Winter vorüber gezogen war und die Tage wieder wärmer wurden, flitzte ich nun umso schneller mit dem Rennrad zum Vereinsgelände. Meinen Lederball während der Fahrt unterm Arm eingeklemmt, schoss ich dort jeden Nachmittag auf richtige Tore. Gelegentlich tauchten auch die fremden Kinder aus den Einfamilienhäusern auf, doch sie ließen mich in Ruhe. Wie ich bereits erwähnte, ich war sehr geübt darin, ein grimmiges Gesicht zur Schau zu stellen. Und so zogen sie ans andere, entfernt gelegene Tor des Platzes, wo sie mich nicht weiter störten. Manchmal sah mir ein älterer Mann zu, der einen Schlüssel für ein geheimnisvolles Gebäude auf dem Gelände besaß. Abends musste mich meine Mutter regelmäßig vom Platz holen, denn die Zeit verging wie im Fluge, wenn ich die Bälle reihenweise wie mein berühmtes Vorbild unhaltbar versenkte. „In der 91. Minute, Toooooor für unseren Hamburger SV! Torschütze: Georg Volkert. Neuer Spielstand: 2:1!“

Eines Tages – meine Mutter kam wieder ein Mal leicht verärgert auf den Platz gelaufen, um mich endlich nach Hause zu holen – tauchte der fremde Mann auf. Er stellte sich meiner Mutter als der dortige Platzwart vor. Er fragte sie, warum ich nicht längst Vereinsmitglied sei, oder sie mich nicht Mitglied werden ließe, denn er beobachte mich nun seit Monaten. Ich sei offensichtlich begeistert von diesem Spiel und gehöre nun mal in diesen Verein. Und Punkt. Meine Mutter hörte sich diesen Vortrag schweigend an und versprach, darüber nachzudenken.

Dann kam mein Geburtstag. Als ich meine Geschenke öffnete, da dachte ich, Weihnachten fällt dieses Jahr in den Sommer! Zu meiner größten Begeisterung fand ich ein Trikot, Stutzen, echte Fußballschuhe und das Beste: einen Mitgliedsausweis!

Kurz darauf ging ich in Begleitung meiner Mutter voller Vorfreude, aber auch mit ein wenig ängstlichen Erwartungen zu meinem ersten echten Training. Nachdem mich der Trainer begrüßt und in Empfang genommen hatte, sagte er: „Komm, ich stell dir jetzt deine Mannschaftskameraden vor!“ Er ging mit mir zu dem geheimnisvollen Gebäude und da waren sie: Meine „Feinde“! Die von „drüben“ saßen da auf den Bänken in der Umkleidekabine und schauten ebenso ungläubig wie ich. Dann sagte unser Trainer, dass noch ein Linksaußen benötigt werde. Da meldete sich ausgerechnet einer von „denen“, zeigte auf mich und sagte: „Trainer, der schießt gut mit links!“ So kam es, dass ich vom ersten Tag im Verein auf meiner Wunschposition spielte. Am Ende des Trainings war alle „Feindschaft“ vergessen. Und den Gang hinter den Garagen habe ich danach nie wieder betreten.

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