Lasogga/Calhanoglu – ein Kommentar

Was die Spatzen seit Tage von den Dächern pfiffen, ist ab heute fix: Der Hamburger Sportverein verpflichtet Pierre-Michel Lasogga von Hertha BSC und lässt im Gegenzug Hakan Calhanoglu zu Bayer 04 Leverkusen ziehen. Beide Spieler unterzeichneten bei ihren aufnehmenden Vereinen neue Arbeitsverträge, die jeweils eine Laufzeit von fünf Jahren haben sollen.

Während die Verpflichtung des bis dahin ausgeliehenen Torjägers der vergangenen Saison, Lasogga, in Hamburg mehrheitlich enthusiatisch begrüßt wird, wird man dem abwandernden jungen Türken, immerhin zweitbester Torschütze in derselben Saison, wohl kaum eine Träne nachweinen. Dem „Neuzugang“ wird flugs die „Raute im Herzen“ im Herzen unterstellt, dem Abgewanderten ein „Söldner!“ – bestenfalls – hinterhergerufen.

Ich freue mich, dass es dem HSV gelungen ist, Lasogga langfristig zu binden (Willkommen zurück!), denn ich mag seine leidenschaftliche Art zu spielen. Gleichzeitig bedauere ich grundsätzlich, dass der Verein mit Calhanoglu ein großes Talent und einen hervorragenden Standard-Schützen verliert. Calhanoglus Verhalten in den vergangenen Wochen kann muss man allerdings  scharf kritisieren. Angefangen von seinen noch nicht lange zurückliegenden Treueschwüren bei der vorzeitigen Verlängerung seines Vertrages in Hamburg, über seinen unvermittelt kommunizierten Wunsch, sich sportlich weiterzuentwickeln und CL mit Leverkusen zu spielen, bis zu seiner Krankschreibung aufgrund angeblicher, erheblicher psychischer Beeinträchtigungen als Folge der tatsächlichen oder von ihm befürchteteten Fan-Reaktionen in Hamburg. Angefangen bei seinem naseweisen Fingerzeig auf van der Vaarts damalige „Valencia“-Aktion, über seine auf Facebook geäußerte Bitte, man solle seine sportlich höchsten Ambitionen bitte verstehen, über Fotos, auf denen er während seiner Krankschreibung lachend im Café sitzend zu sehen war – ein einziges selbst verschuldetes Kommunikationsdesaster. Dafür trägt im Wesentlichen er, bzw. sein Berater die volle Verantwortung.

Ein Spieler, der gerade mal eine wenn auch bemerkenswerte Saison als Erstligaspieler vorzuweisen hat, wäre besser beraten gewesen, wenn er seinen Namen nicht schon in einem Atemzug mit den ganz Großen des Weltfußballs genannt hätte. Abgesehen davon, Herr Calhanoglu, kann das Fehlverhalten eines anderen die Legitimität des eigenen Verhaltens nicht begründen. Es mag dahingestellt bleiben, ob die Krankschreibung sachlich-fachlich begründet gewesen ist, oder ob es sich hier nur um einen weiteren Griff in die Trickkiste handelte, der den Vertragspartner HSV an den Verhandlungstisch mit Leverkusen zwingen sollte. Der Imageschaden für den Spieler Calhanoglu dürfte m.E. in jedem Fall beträchtlich sein. Darüberhinaus, das muss einen Profi zwar nicht zwingend interessieren, darüber könnte man jedoch auch einmal nachdenken, hat er das Bild bei den Fans, des letztlich nur auf seinen eigenen (pekuniären) Vorteil bedachten Söldners, nachhaltig befeuert. In Zeiten, in denen Profis  regelmäßig das Emblem des jeweils aktuellen Arbeitgebers küssen, um vermeintliche Verbundenheit und Identifikation zu suggerieren, wird so nachhaltig der Eindruck unterstützt, dass es sich hierbei meist nur um Show, bzw. eine Farce handelt.

Lasogga spielt also zukünftig für den HSV. Interessant fand ich seine Begründung, er habe sich nicht gegen Hertha sondern für den HSV entschieden, weil sich die Hamburger ernsthaft um ihn bemüht hätten,  während er nicht bei allen Vertretern der Hertha den gleichen Eindruck gehabt habe. Das kann man so sehen, oder eben auch nicht. Denn im Grunde wusste in Berlin jeder, dass Herthas Trainer Luhukay grundsätzlich einen anderen Typ Stürmer als Lasogga favorisiert. Daher durfte man  alle Aussagen der Hertha-Verantwortlichen getrost unter dem Gesichtspunkt werten, dass man in den Verhandlungen mit den Hamburgern lediglich eine möglichst hohe Ablösesumme erzielen wollte. Das ist legitim und nachvollziehbar, hat aber mit tatsächlicher Wertschätzung dieses Spielers in Berlin nur bedingt zu tun. Mit anderen Worten: wirklich halten wollte die Hertha Lasogga ganz offensichtlich nicht. Und die Vertragsunterschrift beim HSV wird für Lasogga mit einer deutlichen Gehaltsanhebung verbunden sein, was ihm die Entscheidung für den HSV gewiss nicht erschwert haben dürfte. Ich will Pierre-Michel nichts unterstellen, aber ich sehe seine Äußerungen daher nüchtern. Ob er nun wirklich die (zu häufig) zitierte „Raute im Herzen“ hat, weil er sich für den HSV entschieden hat, wie manche zu glauben scheinen, das darf man aber wohl bezweifeln. Das ist für mich aber auch nicht entscheidend. Ich freue mich einfach, dass er als stets einsatzfreudiger und treffsicherer Stürmer wohl  zumindest die nächsten zwei, drei Jahre für den HSV auf Torejagd gehen wird.

In diesem Zusammenhang finde ich es richtig, dass sich der HSV von Calhanoglu trennt, um die Verpflichtung Lasoggas aus eigenen Mitteln stemmen zu können. Alle anderen diskutierten Modelle, etwa ein Kredit von Herrn Kühne, der später, wie man hörte, nach dessen Vorstellungen in Anteile an der HSV-AG umgewandelt werden sollte, sah ich zunehmend kritisch. Zu groß erscheint derzeit der Flurschaden, den Herr Kühne durch seine Interviews bei Mitgliedern und Anhängern des Vereins, insbesondere bei denen, die die Ausgliederung ablehnten, angerichtet hat. Dem aufkommenden Eindruck, dass die HSV-AG am Gängelband eines einzelnen Herrn hängt, wurde zumindest entgegengewirkt.

Dem Spieler Calhanoglu kann man nur erneut dringend raten, den Berater zu wechseln und kritisch sein eigenes Verhalten zu reflektieren. Wanderer soll man nicht aufhalten, heißt es. Daher sage ich als Hamburger  einfach: Und tschüß.

Advertisements

2 Kommentare

  1. Ergänzend hinsichtlich der Causa Calhanoglu möchte ich meine Überzeugung anmerken, dass ein führungs- und charakterstarker HSV die Eskalation (oder gar die Trennung zu diesen diskutablen Konditionen) gar nicht erst ermöglicht hätte.
    Jeder einzelne Tag des Wirkens bzw. operativen Anmaßens dieses Vorstandes – insbesondere des absurd inkompetent scheinenden Sportvorstandes – schadet den HSV durch eklantes Fehlverhalten in Punkto Außendarstellung, Kommunikation sowie mutzumaßen in Verhandlungen und Entscheidungen.
    Die vermutete relevante Vita des Sportvorstandes widersprach bereits seiner Anstellung (insoweit lag eine groteske Pflichtverletzung „a priori“ beim Aufsichtsrat); sein Wirken (und Scheinen) seit seinem ersten Tag beim HSV ist ein Crashkurs in „how to fuck up daily“; bereits mit Finks Zuhausebleiben hätte er im Süden bleiben sollen; die Krönungen im Januar hätten bei der damaligen MV mit sofortigen Konsequenzen bestraft werden müssen, aber er durfte weiter den HSV misrepräsentieren – unglaublich, aber angesichts des Abstiegskrampfes und der Ausgliederungsvoreuphorie ist das Thema vernachlässigt worden.
    Dass er (mit seinen Kollegen) nach dem 25. Mai weiterhin im operativen Transfergeschäft noch aktiv war(en), spottet jeder Mindestvernunft.
    Bei aller Klarheit der vereinsrechtlichen Zuständigkeitssituation halte ich die schamlose Inanspruchnahme noch bestehender Entscheidungs- und Vertretungsbefugnisse für noch schädlicher und vorwurfsvoll als der Amoklauf des Herrn Meetz.
    (Bei aller Infragestellung der Sinnhaftigkeit greift die Strafanzeige von Herrn Meetz zu kurz: der gesamte Vorstand und Aufsichtsrat haben in vielen weiteren Punkten Anlass genug gegeben, die Staatsanwaltschaft einzuschalten; und die Kandidatenliste für Mitgliederausschlussverfahren wäre noch länger. Allerdings sollten Fokus und Ressourcen ausschließlich zukunfts- und lösungsgerichtet bleiben.)
    Soll heißen: die Erfüllung der MIndeststandards für eine erfolgreiche Unternehmensführung hätte dazu geführt, dass Calhanoglu (inkl. Berater, Vater & Umfeld) vor der Eskalation (in Asozialität) „abgeholt“ worden wäre – aber nicht nur dieser Spieler, sondern jeder Angestellte des HSV. Die Fähigkeiten eines Jeden positiv einzusetzen und täglich weiterzuentwickeln, ist die verdammte Pflichtaufgabe des Führungspersonals und des Arbeitgebers. Ohne Führungsqualität (oder gar -quantität) endet das ungebremst im Desaster für alle Beteiligte.
    gez.Schlauberger

  2. Trapper, ein toller Blog! Dem habe ich ‚mal so gar nichts hinzuzufügen (-:.

    Konrad Berger gebe ich allerdings Recht darin, daß das ganze Desaster, das HC vor allem für sich angerichtet hat, wohl so nur möglich war, weil es eben genau in der jetzigen Umbruchzeit des HSV stattfand. Und obwohl ich große Hemmungen habe, jemanden zu kritisieren, den ich nicht einmal kenne, bleibe auch ich über viele Äußerungen/Handlungen des (immer noch!) SpoDi in den vergangenen Monaten/Jahren vollkommen ratlos zurück und fühle mich fast gezwungen zu dem erschütternden Ergebnis zu kommen: Er KANN es einfach nicht!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s