Autor: Trapper Seitenberg

Ich interessiere mich für fast alle Sportarten. Schwerpunktmäßig für Fußball und Pétanque (Boule). Dabei interessiert mich nicht nur das eigentliche Spiel, sondern auch dessen Hintergründe. Also z.B. Training, Taktik, Mentale Wettkampfführung (Sportpsychologie) und die mediale Berichterstattung. Weitere Interessen sind u.a. Psychologie, Politik und Geschichte mit speziellem Augenmerk auf die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zur Entstehung devianten menschlichen Verhaltens in all seinen Facetten.

Der Kühne-Deal

Rückblende: Als letztes Jahr im HSV um die Ausgliederung der Fußballprofiabteilung in die HSV-AG gerungen wurde, als es nicht zuletzt darum ging, der Mitgliederschaft des Vereins den Anteilsverkauf von 24,9 Prozent eben dieser AG an s.g. strategische Partner schmackhaft zu machen, da wurden regelmäßig 100 Millionen Euro als Ziel genannt, die beim Komplettverkauf des Pakets anzustreben seien. Idealerweise sollten die 24,9 Prozent nach Aussagen des Initiators der Initiative HSVPlus, Ernst-Otto Rieckhoff, an vier zukünftige Partner zu gleichen Teilen veräußert werden. Daraus folgt eine einfache Rechnung: bei gleich großem Anteilserwerb durch je vier strategische Partner hätte jeder Partner seine 6,225 Prozent an AG-Anteilen zum Preis von 25 Millionen Euro erwerben sollen.

Ein Anteilskäufer, so suggerierte HSVPlus damals den Mitgliedern vor der finalen Abstimmung im Mai, sei in Gestalt des Milliardärs und bekennenden HSV-Fans Klaus-Michael Kühne bereits definitiv gefunden. Da sich der HSV im Laufe der Jahre und im Zuge diverser Transaktionen, auf deren detaillierte Auflistung ich hier aus Zeitgründen verzichte, bei Herrn Kühne ca. 25 Millionen Euro geliehen hatte, was sich der Unternehmer (Kühne&Nagel) immerhin mit respektablen 4,5 Prozent verzinsen ließ, schien vielen die Rückzahlung dieses Betrages ebenso naheliegend wie einfach. Die 25 Millionen Euro würden, so dachten wohl viele, in einen 6,225 prozentigen Anteil Kühnes an der AG umgewandelt werden.

Als im Spätherbst des vergangenen Jahres weder Herr Kühne noch irgend ein anderer strategischer Partner präsentiert werden konnte, da wurde u.a. von Karl Gernandt, nun in Doppelfunktion als Aufsichtsratsvorsitzender der HSV-AG einerseits und als Generalbevollmächtigter bei Kühne&Nagel andererseits tätig, als Begründung angeführt, dass man erst das bei KPMG in Auftrag gegebene Gutachten zum Gesamtwert des Clubs abwarten müsse.

Die Wertermittlung eines Fußballvereins gilt allgemein als problematisch, da sich der Wert durch zahlreiche Faktoren beeinflussen lässt, die nicht mit letzter Sicherheit objektivierbar sind. So dürfte ein sportlich erfolgreicher Club in der Regel wertvoller sein als ein nicht erfolgreicher Verein. Nur wie will man bestimmen, ob ein Club in absehbarer Zeit sportlich erfolgreich sein wird und wenn ja, wie groß (auch finanziell) Erfolge ausfallen? Das ist nur bestenfalls zu schätzen, wobei eine erhebliche Fehlertoleranz durchaus einzukalkulieren ist. To keep a long story short: Öffentlich kursierte schließlich ein angeblich von KPMG ermittelter Gesamtwert des HSV von stolzen 330 Millionen Euro. Eine Zahl, die ich aus diversen Gründen von Anfang an bezweifelte.

Kurz vor Weihnachten kam dann der Paukenschlag. Auch Herr Kühne bezweifelte den ermittelten Gesamtwert und verzichtete zunächst auf die Umwandelung der Kredite zugunsten eines Anteilserwerbs. 25 Millionen Euro für 6,225 Prozent, dieser Preis war ihm schlicht zu hoch. Nebeneffekt: Karl Gernandt, der ebenso wie Rieckhoff und andere der Initiative HSVPlus stets von „aussichtsreichen“ Gesprächen mit weiteren Interessenten an Anteilskäufen gesprochen hatte, glich plötzlich dem sprichwörtlichen Kaiser ohne Kleider.

Bereits im November 2014 erhielt ich über diverse Kanäle mehrere Hinweise, dass die finanzielle Lage des Clubs ohne Anteilsverkäufe ab April, spätestens jedoch ab Mai als äußerst prekär einzuschätzen und die Lizenz für die Saison 2015/16 u.U. ernsthaft gefährdet sei. Andere Gesprächspartner wiederum wollten wissen, dass ein oder gar mehrere Anteilsverkäufe unmittelbar bevor stünden. Überprüfen kann und konnte ich beides nicht.

Nun hat sich Herr Kühne vor wenigen Tagen anders entschieden und beteiligt sich mit 18,75 Millionen Euro an der HSV-AG. Von dem ihm geschuldeten 25 Millionen werden daher 18,75 Millionen in einen Anteil in Höhe von 7,5 Prozent umgewandelt. Der HSV schuldet demnach Herrn Kühne nach Anteilsübergang einen Restbetrag von 6,25 Millionen Euro, den sich Herr Kühne weiterhin mit 4,5 Prozent verzinsen lässt.

In diesem Zusammenhang stelle ich daher nüchtern fest:

  1. Die öffentlich kolportierten 330 Millionen Gesamtwert wurden gleichlaufend mit den Interessen von Herrn Kühne von Vereinsseite als „zu hoch“ eingestuft. Zuletzt war von einem Gesamtwert des HSV in Höhe von 250 Millionen Euro die Rede. Wie dieser Wert ermittelt wurde, ob und in welchem Ausmaß der Wert nachträglich nach unten korrigiert wurde, bleibt unklar.
  2. Herr Kühne erwirbt einen um 1,25 Prozent größeren Anteil an der AG als ursprünglich idealerweise von Ernst-Otto Rieckhoff geplant (6,225%) und bezahlt dafür nicht etwa mehr als 25 Millionen sondern 6,25 Millionen Euro weniger.
  3. Die im Wahlkampf noch als sehr „aussichtsreich“ bezeichneten Gespräche mit weiteren, anderen strategischen Partnern waren objektiv offensichtlich weit weniger fortgeschritten und erfolgreich, als den Mitgliedern seinerzeit suggeriert wurde. Denn zwischenzeitlich musste Karl Gernandt kleinlaut einräumen, dass man sich die Veräußerung der Anteile deutlich einfacher vorgestellt habe. Zudem teilte er mit, dass man inzwischen die Hilfe eines Bankhauses in Anspruch genommen habe, um weitere Interessenten zu finden.

Geschickterweise verkündeten die Club-Verantwortlichen zeitgleich mit der Nachricht von der nun doch erfolgten Einigung mit Herrn Kühne, dass dieser dem HSV die Namensrechte für das Stadion mit einer Laufzeit von zunächst vier Jahren abkaufe. Das ist in der Tat eine gute Nachricht, denn der bisherige Vertragspartner und Namensgeber Imtech steckt bekanntlich in erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Dem Vernehmen nach zahlt Herr Kühne dem HSV insgesamt 16 Millionen Euro für die Namensrechte (gegenüber 3,3 Mio. pro Jahr von Imtech), damit das Stadion zukünftig wieder seinen alten, traditionellen Namen „Volksparkstadion“ trägt. Der Club vermeidet also zukünftige Einnahmeeinbußen nach Beendigung des Imtech-Vertrages, und die Fans dürfen nun auch offiziell die heimische Spielstätte ihres Club bei ihrem einzig wahren Namen nennen.

Geschickt ist dies auch deswegen, weil die Stadionumbenennung ganz offensichtlich die Aufmerksamkeit von den kritisch zu hinterfragenden Eckpunkten des Anteilsverkaufs ablenkt. Mit Herrn Kühne verbanden immerhin erhebliche Teile des Anhangs das Bild vom raffgieriger Investor, der notorisch per Interviews das operative Geschäft des Clubs beeinflusste. Nun ist es gerade dieser Mann, der ihnen das geliebte Volksparkstadion zurückbringt.

Was den HSV angeht, so dürfte das Gesamtpaket mit Herrn Kühne die schlimmsten Bedenken zur kurz- und mittelfristigen finanziellen Lage des Clubs ausräumen. Finanzvorstand Wettstein stellte hierzu auf HSV.de fest:

„Für uns ist diese Vereinbarung ein sehr wichtiger Meilenstein, der uns an vielen Stellen weiterhilft. Zum einen müssen wir nun die Rückzahlung der Darlehen an Herrn Kühne nicht leisten. Damit entfällt ein großer Handlungsdruck auf der Finanzierungsseite. Zweitens verbessern wir unsere Eigenkapitalquote deutlich, was ein ebenso wichtiges Zeichen an unsere weiteren Kreditgeber, z.B. für die Stadionfinanzierung, ist. Drittens steigern wir unsere Ertragssituation, in dem wir einerseits keine Zinsen an Herrn Kühne zahlen müssen und andererseits Planungssicherheit und Stabilität hinsichtlich der Vermarktungserträge aus dem Stadionnamen bekommen. Daneben können wir die Vereinbarung in den Lizenzantrag bei der DFL mit einbringen, so dass wir auch hinsichtlich der Lizenzierung ein deutliches Zeichen abgeben können.“

Ich schließe u.a. auch aus diesen Sätzen, wie angespannt die finanzielle Lage allen beschwichtigenden Äußerungen Gernandts zum Trotz tatsächlich gewesen ist. Dank Herrn Kühne gewinnt der Club Handlungsspielräume, die sich auch bei der Suche nach personellen Verstärkungen der Profimannschaft bemerkbar machen dürften.

Gänzlich ignorieren sollte man jedoch nicht, dass nun nur noch 17,4 Prozent an Anteilen an der AG für weitere Veräußerung an andere Partner zur Verfügung stehen. Bei gleichem Ausgabekurs würden die von Ernst-Otto Rieckhoff seinerzeit erhofften 100 Millionen Euro Gesamterlös mehr als deutlich verfehlt. Es bliebe daher zu hoffen, dass der Club zum gegenwärtigen Zeitpunkt und Preis keine weiteren Anteile verkaufen muss.

Was das Engagement Kühnes angeht, so bleibt nur zu hoffen, dass er sich zukünftig mit seinen kontraproduktiven, öffentlichen Äußerungen, die das operative Geschäft des Clubs betreffen, zurückhält. Zweifel sind hier angebracht. Aber am Ende wird auch daran zu bemessen sein, wie dieser Deal am Ende zu bewerten sein wird.

HSV-Campus, Fananleihe und Nebelkerzen

Die Winterpause der Bundesliga gibt mir die Gelegenheit, um hier einige Themen aufzugreifen, die ich aus Zeitmangel bislang ausgespart habe. Dazu gehören der Verbleib der 17,5 Millionen Euro aus der Fananleihe und die in diesem Zusammenhang stehenden Stellungnahmen der scheidenden Vorstandsmitglieder des HSV.

Erinnern wir uns: Noch zu Zeiten des inzwischen längst entlassenen ehemaligen Sportdirektors, Frank Arnesen, wurde die Idee geboren, die Anbindung des Nachwuchsbereichs an die Profimannschaft zu verbessern. Wer sich nicht mit den speziellen Bedingungen beim HSV auskennt: die Bundesligamannschaft trainiert auf einer Trainingsanlage, die sich unmittelbar neben der Arena im Hamburger Volkspark befindet; das Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) befindet sich jedoch noch im mehrere Kilometer entfernten Norderstedt. Da man seit Jahren beklagte, dass aus der kostspieligen Nachwuchsförderung des Clubs zu wenig Spieler hervorgingen, denen nachfolgend dann auch der Sprung in die Profiabteilung gelang, lag es nahe, beides, Profis und NLZ, auch örtlich zusammenzuführen. Man versprach sich davon deutliche Synergie-Effekte und nicht zuletzt eine klare Steigerung der Motivation des eigenen Nachwuchs. Das Projekt „HSV-Campus“ wurde somit geboren und sollte neben den zusätzlich erforderlichen Trainingsplätzen einen Neubau des NLZ und einen Gastro-Bereich für Angestellte, Spieler und Fans unmittelbar neben der Arena im Volkspark beinhalten.

Nun musste man die geplanten umfangreichen Baumaßnahmen ja auch irgendwie finanzieren, was in Zeiten eines stetig steigenden, negativen Eigenkapitals aus Eigenmitteln des Clubs unmöglich schien. Also ersann man eine s.g. Fananleihe mit einem Gesamtvolumen von 17,5 Millionen Euro und einer jährlichen Verzinsung von 6 % über eine Laufzeit von sieben Jahren. Das Ganze wurde den interessierten Fans vor allem mit dem von den Verantwortlichen stets in den Vordergrund gerückten untadeligen Zweck „Verbesserung der Nachwuchsförderung“ schmackhaft gemacht. Und da Fans nur zu gerne etwas erwerben, was sie sichtbar mit dem Verein verbindet, bekamen die Zeichner der Anlage eine „Schmuckurkunde“. Die konnten sich die „Käufer“ dann als Ganzes an die Wand hängen. Dumm nur, dass diejenigen, die tatsächlich ihre Zinsansprüche geltend machen wollten, gezwungen waren, an diesem Schmuckstück herumzuschnippeln. Denn an die Urkunde waren jene Zinscoupons angefügt, die man dafür benötigt. Ein Schelm, wer sich Böses dabei denkt.

Natürlich ist das Auflegen einer derartigen Anleihe auch mit einem umfangreichen Wertpapierprospekt verbunden. Im Falle der Jubiläumsanleihe umfasste dieser 144 Seiten. Dort wurde auch ausdrücklich auf diverse Risiken hingewiesen. Und dort ließ sich auch eine juristische Hintertür dafür finden, dass das eingenommene Kapital keineswegs vollumfänglich vom HSV für die Realisierung des beworbenen Bauprojekts eingesetzt werden musste, sondern sehr wohl auch für andere Zwecke, z.B. Sicherung der Liquidität, eingesetzt werden konnte.

Stand heute sind die 17,5 Millionen unwidersprochen vollständig in der Bilanz des Clubs versickert, ohne dass auch nur nennenswerte Teile davon tatsächlich für die Baumaßnahmen verwendet wurden. Tatsächlich hat nach übereinstimmenden Medienberichten der ehemalige Aufsichtsrat Alexander Otto auf eigene Kosten die ursprünglichen bautechnischen Planungen für den Campus entwickeln lassen. Zwischenzeitlich wurde das Projekt dann durch Bernhard Peters aus Sicht einer optimierten Nachwuchsförderung noch einmal komplett neu konzipiert und zugleich „verschlankt“. Zuletzt war hier von Realisierungskosten von nur noch 8,5 Millionen Euro zu lesen. Die Kosten für die damit verbundenen bautechnischen Umplanungen soll erneut Herr Otto übernommen haben. Um es auf den Punkt zu bringen: 17,5 Millionen Euro wurden mit einem öffentlich stets vordergründig kommunizierten Ziel eingeworben, 8,5 Millionen Euro soll dieses Projekt, so war jüngst zu vernehmen, wohl am Ende tatsächlich kosten. Oder anders: der Verein hat seinen Fans unter einem Vorwand mindestens 9 Millionen Euro (tatsächlich wohl aber deutlich mehr) aus der Tasche gezogen. Sämtliche bautechnischen Planungen wurden für den Verein dank eines Gönners kostenfrei realisiert. Und es dürfte nicht wenige geben, die vermuten, dass Baubeginn und Fertigstellung des Projekts am Ende nur deswegen möglich sein werden, weil der Club inzwischen einen Spender gefunden hat, der jedoch anonym bleiben möchte.

Juristisch scheint sich der Verein dennoch auf der sicheren Seite zu befinden. Man ist schließlich seinen Aufklärungspflichten nachgekommen. Dennoch halte ich diesen Vorgang im Grunde für skandalös, denn was legal ist, ist deswegen m.E. noch lange nicht legitim. Es ist schon bezeichnend, wenn sich gleich zwei scheidende Vorstandsmitglieder, Jarchow und Scheel, im Abendblatt allein auf juristische Positionen zurückziehen, die etwaige Regressforderungen oder gar strafrechtliche Konsequenzen aussichtslos erscheinen lassen. Wenn Jarchow beteuert, der Campus würde ja am Ende gebaut, dann ist dies in meinen Augen nur eine weitere Nebelkerze, die das wirtschaftliche Desaster verschleiern soll, das der von ihm geleitete Vorstand zu verantworten hat. Denn mit welchen Geldern der gebaut wird, das erwähnt er natürlich nicht.

Der Verdacht weitgehender Zweckentfremdung der eingeworbenen Mittel, dies kann die formal-juristische Argumentation eben nicht beheben, liegt äußerst nahe und belegt indirekt zudem, dass man offenbar ohne jedes Schuldbewusstsein die Leidenschaft der treuesten Fans einmal mehr ausgenutzt hat. Zugleich mag es als weiteres Indiz dafür gelten, wie prekär die finanzielle Lage des Clubs einzuschätzen ist.