Ertel

DFB-Pokal: Vorschau auf Hamburger SV – FC Bayern München

Heute Abend steht eine Paarung an, der ich unter normalen Umständen mit Spannung entgegenfiebern würde. HSV gegen Bayern,  Nord gegen Süd – was könnte es schöneres geben?! Doch heute ist alles anders, ganz anders. Heute steht dieses Duell unter ganz besonderen Vorzeichen.

Tor zur Welt gegen Weltstadt mit Herz – seit Jahren gab und gibt es diese Rivalität. Als Hamburger habe ich immer etwas neidisch gen Süden geblickt. Die da unten mit ihrem norditalienischen Flair, Bussi hier, Bussi da. Besseres Wetter haben sie sowieso und seien wir ehrlich, ist ein gepflegtes Bier am Chinesischen Turm im Englischen Garten nicht schöner als Flaschbier im Stadtpark? Odeonsplatz und Hofgarten im Sommer haben auch ihren Reiz, Marienplatz und Rathaus brauchen sich auch nicht vor unserem zu verstecken. Und dann sind die so verdammt erfolgreich! Ach, wie wäre es schön, wären die Rollen wie anfangs der achtziger Jahre vertauscht, bzw. wären wir wenigstens annähernd auf Augenhöhe!

Verblüfft erfuhr ich von Freunden aus München, dass auch die Münchner – zumindest früher – neidisch gen Norden schielten. Irgendwie ahnte man wohl, dass es bei ihnen zu Hause mit der Weltstadt nicht weit her ist. Vor dreißig Jahren wurden in München abends um zehn die Bürgersteige hochgeklappt, während man sich als junger Hamburger um diese Uhrzeit allenfalls zu überlegen begann, ob man sich jetzt schon auf den Weg in das Nachtleben machen sollte. Tempi passati.

Heute wird mir Angst und Bange. Längst haben uns die Münchner abgehängt. Erst gestern kam die Meldung, dass sie von der Allianz eine dreistellige Millionensumme erhalten, ohne dass man auch nur den Hauch einer Gefahr wittern könnte, dass sich die bekannte Führungsriege das Sagen aus der Hand nehmen lassen würde. Vielleicht die derzeit beste Mannschaft der Welt auf dem Platz und prallgefüllte Konten. Dazu ein ganzes Bündel aus Hochkarätern aus Sport, Wirtschaft und Politik an den jeweils richtigen Stellen – davon kann man als Hamburger seit Jahrzehnten nur träumen.

Unser Aufsichtsrat – ein beständiges Ärgernis, das den Verein auf vielfältigste Weise dem allgemeinen Gespött aussetzt. Club der Ahnunglosen ist wohl noch eine eher harmlose Bezeichnung. Seit Tagen sitzen sie ergebnislos zusammen, kündigen Sitzungen an und sagen sie wieder ab. Sie haben, das belegt die ihnen verweigerte Entlastung, das Vertauen der Mitgliederschaft verspielt. Sie kündigen (im Einzelfall) mit großem Getöse mehrfach ihren Rücktritt an, aber zurückgetreten ist nicht einer. Im  ganzen Rat nicht einer, dem ich wirkliche sportliche Kompetenz zusprechen mag. Nicht trocken hinter den Ohren, aber „la Paloma“ pfeifen. Erst ließ der AR (in anderer Besetzung) fast zwei Jahre die so eminent wichtige Stelle des Sportdirektors unbesetzt, dann schasste man nach zwei Jahren Arnesen, um Kreuzer zu holen. Nun will man Teile des Vorstandes, darunter eben dieser Kreuzer, entmachten, weil die den Trainer nicht feuern wollen. Und den will der AR bekanntlich mehrheitlich loswerden.

Nun ist es nachvollziehbar, dass man auch im Aufsichtsrat angesichts der sportlich zweifellos prekären Lage alarmiert ist. Aber es sei die Frage gestattet, was den Aufsichtsrat rein fachlich legitimiert ins operative Geschäft einzugreifen? Weil Hunke Tennis spielt? Weil Ertel auf der Ehrentribüne hockt? Weil Wulff diesen oder jenen Spielerberater kennt? Da kann ich nur müde, ganz müde lächeln. Aber der Aufsichtsrat des HSVs wäre nicht der Aufsichtsrat, wenn er sich einigen könnte. Kann er aber (noch) nicht. Ganz großes Kino! Vorstand und Trainer (und damit auch die Mannschaft und der Rest der Welt) wissen, dass ihre Tage gezählt sind, aber der Karren steckt tief festgefahren im Dreck. Es geht weder vor noch zurück. Saubere Arbeit, meine Herren und die Dame.

Die junge Mannschaft, seit sechs Spielen ohne jedes Erfolgserlebnis, musste jüngst erfahren, dass es auch und sogar in Hamburg Fans gibt, die irgendwann vollkommen die Kontrolle über sich selbst verlieren. Angriffe auf die Spieler selbst oder deren Eigentum – wann hat es das in Hamburg gegeben? Beschämend, prinzipiell unentschuldbar und dennoch verständlich.

So gehen wir also heute Abend in dieses traditionsreiche Duell. Möglicherweise eines der letzten, das wir uns mit diesem Rivalen in derselben Liga liefern dürfen. Mindestens auf Zeit. Wahnsinn! Derart haben sie unser Verein, den ruhmreichen Hamburger SV, abgewirtschaftet.

Ich weiß gar nicht, was ich erwarten soll. An einen Sieg zu glauben, scheint mir  angesichts der ungleichen Kräfteverhältnisse vermessen. Das Höchstmaß der Gefühle wäre wohl eine knappe Niederlage und eine respektable Leistung unserer Mannschaft. Ich befürchte jedoch, dass die uns Knoten in die Beine spielen. Und noch mehr fürchte ich in diesem Fall die Reaktion des Publikums. Nicht die der Vernünftigen, sondern die der Gewaltbereiten.

Werden wir aus unserem Stadion geschossen, so werden Köpfe rollen. Leider nicht auch die derjenigen, die den Verein seit Jahren fortgesetzt blamieren. Denn eins erscheint mir sicher: Mannschaft und Trainer sind (noch) erstklassig. Der Aufsichtsrat ist längst abgestiegen, bzw. war nie erstligareif. Werden wir also heute vorgeführt und abgeschossen, dann wird vermutlich mindestens die eine Stimme im Rat gewonnen, die bisher zur Installation Magaths fehlte. Ich vermag nicht zu beurteilen, ob das nicht sogar inzwischen besser wäre. Menschlich kann ich es unverändert nur als äußerst schäbig bezeichnen, wie man mit Vorstand und Trainer umgeht. Daher hätte wenigstens das dann ein Ende. Frei nach dem Motto: lieber ein Ende mit Schrecken…

Der große HSV – wie tief bist Du gesunken?! Größe, wahre Größe erweist sich in der Niederlage. Indem man sie ggf. mannhaft erträgt und indem man fair bleibt. Und nicht, indem man randalierend durch die Gegend zieht! Auch wenn ich verstehe, dass man längst die Schnauze gestrichen voll hat. Wir woll’n Euch kämpfen seh’n? Ich will Hamburg kämpfen sehen! Um Anstand, Stil und Klasse! Finger weg von Spielern, Vorständen und, ja auch denen!, den Aufsichtsräten! Support bis zum letzten, dem allerletzten Spieltag für unsere Mannschaft! Keine Gewalt – weder im noch vor dem Stadion!  Bringt nicht noch mehr Schande über den Verein! Mit dem Rat der Ahnungslosen kann man spätestens bei den nächsten Wahlen demokratisch abrechnen. Ihr habt sie gewählt, also wählt sie wieder ab!

Mein Soundtrack für die Rückrunde: http://www.youtube.com/watch?v=AVsd4vZQPe0 Hörbefehl!

Imageschaden und Blamage – der Aufsichtsrat des HSV tagte…

Benno Möhlmann: „(….) Ich habe auch beim HSV eine vernünftige Arbeit abgeliefert. Dennoch kam am Ende der dritten Saison der damalige „Bild“-Sportchef und sagte zu mir: „Benno, sieh zu, dass du deinen Vertrag auflöst, sonst müssen wir dich rausschreiben.“ Da bin ich zu unserem Präsidenten Ronny Wulff gegangen und habe gesagt, lass uns das machen.“ (Zitat, SPIEGELonline)

Wenn es eines Anschauungsunterichts bedurft hätte, was u.v.m. beim HSV nicht stimmt, der gestrige Tag wäre als Paradebeispiel zu nennen. Der Aufsichtsrat (AR) des HSV tagte gestern im Grand Elysee. Vorstandvorsitzender Jarchow und Sportdirektor Kreuzer wurden zum Rapport bestellt, nachdem sie sich ausdrücklich zu einer Fortsetzung der Zusammenarbeit mit Trainer Bert van Marwijk bekannt hatten.

Nun ist der AR des HSV  laut § 18 Abs.2 der Satzung zur „Überwachung des Vorstandes in seiner Geschäftsführung und in der Wahrnehmung der Vereinsaufgaben“ ausdrücklich ermächtigt. Ihm wird dabei sogar ein uneingeschränktes Prüfungs- und Kontrollrecht ausdrücklich eingeräumt. Es ist daher zunächst völlig unproblematisch, dass der AR angesichts der sportlichen Talfahrt von den zuständigen Vorstandsmitgliedern wissen will, aus welchen Gründen der Vorstand zu seiner Entscheidung gekommen ist, und mit welchen Maßnahmen Vorstand und Trainer nun die Trendwende einzuleiten gedenken. So weit, so gut –  wäre nicht durchgesickert, dass Teile des Aufsichtsrates bereits am Donnerstag letzter Woche Kontakt zu Felix Magath aufgenommen haben sollen. Ziel der Kontaktaufnahme soll die sofortige Entlassung von Teilen des Vorstandes sowie Trainer Bert van Marwijks und die gleichzeitige Installation Magaths in leitender Funktion gewesen sein. So saß man gestern geschlagene acht Stunden unter größter medialer Beachtung zusammen, bzw., da man vor Ort nicht vollzählig anwesend war, ließ sich telefonisch zuschalten. Man machte Probeabstimmungen und heraus kam am Ende: nichts, fast nichts. Jarchow, Kreuzer und van Marwijk bleiben nun zunächst bis zum Braunschweig-Spiel im Amt und Magath einmal mehr in der Warteschleife – wenn er sich das denn antut. Ein Irrsinnsstück aus dem Tollhaus!

Zunächst sei daran erinnert, dass es der Aufsichtsrat in toto war, der Herrn Kreuzer als Sportdirektor gecastet und eingestellt hatte. Man war damals sogar bereit, exakt diesen Kandidaten aus seinem laufenden Vertrag beim KSC gegen eine höhere sechsstellige Summe herauszukaufen. Noch vor wenigen Wochen bescheinigte der damalige Vorsitzende des Rates, Manfred Ertel, dem Vorstand gute Arbeit und bekundete vollstes Vertrauen. Zugleich verwies er mehrfach auf die Kontrollfunktion des Gremiums in Sachen Finanzen und die alleinige Zuständigkeit des Vorstandes für den operativen Bereich. Was hat sich seitdem geändert?

Die Antwort fällt nicht schwer: Hilke und Jarchow haben sich zum Entsetzen des Reformflügels im AR  ausdrücklich für eine Ausgliederung des Profibereichs ausgesprochen. Es dürfte inzwischen allgemein bekannt sein, dass sich Teile des Aufsichtsrates auch persönlich spinnefeind sind. Man droht sich fast schon regelmäßig mit juristischen Auseinandersetzungen. Außerdem gibt es dort gleich mehrere erklärte Gegner jeder Ausgliederung, die zwar im Detail unterschiedliche Vorstellungen von der zukünftigen Vereinsform vertreten, die aber alle eins eint: die unveränderte, entschiedene Ablehnung des von den Mitgliedern im Januar mit annähernd 80 Prozent Zustimmung beschlossenen Konzepts von HSVPlus. Man darf also begründet annehmen, dass das Bekenntnis Hilkes und Jarchows auf der Mitgliederversammlung nicht nur für wenig Begeisterung gesorgt hat, sondern dass seit der MV noch einige weitere zwischenmenschliche „Rechnungen“ offen sind. Die zweite Veränderung (seit Einstellung Kreuzers) betrifft den sportlichen Bereich. Nachdem Bert van Marwijk seinen Vorgänger Fink abgelöst hatte, schien sich die Mannschaft zunächst zu stabilisieren. Allerdings verlor man zuletzt sechs Mal in Folge und befindet sich als 17. inzwischen auf einem direkten Abstiegsplatz.

Angesichts der sportlichen Talfahrt und der nunmehr akuten Gefahr eines Abstiegs erscheint es mir grundsätzlich legitim, dass der Aufsichtsrat des Vereins von den unmittelbar Verantwortlichen Aufklärung verlangt. Skandalös finde ich aber, dass man mindestens in Teilen gar nicht abwartet, was der Vorstand vorzutragen hat, sondern bereits im Vorfeld Sondierungsgespräche mit Magath geführt haben soll. In meinen Augen versuchen hier Teile des Rates zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Die in Ungnade gefallenen Vorstände zu stürzen und jenen Magath zu installieren, der sich in die Kontroverse um die Strukturreform mit der Äußerung eingemischt hatte, die Probleme des Vereins seien seiner Meinung nach nicht in der Struktur, wie von HSVPlus behauptet, sondern im Personal zu verorten. Man kann sich nachträglich die Begeisterung auf Seiten der unterlegenen Reformer förmlich vorstellen. Denn Rost und Magath waren bis dato die einzigen prominenten Ex-Profis des HSVs, die mit ihren Stellungnahmen offen (Rost) oder kaschiert (Magath) den Reform-Flügel unterstützt haben. Eine Installation Magaths ist aus meiner Sicht mindestens auch der durchschaubare Versuch dieses Flügels, das erneute Erreichen des 75 Prozent-Quorums für die Ausgliederung im Mai/Juni zu verhindern. Wer das abwegig finden sollte, dem sei versichert, dass innerhalb des Aufsichtsrates noch mit ganz anderen Methoden und Mitteln gearbeitet wird.

Man saß also gestern stundenlang zusammen, um sich am Ende zu vertagen. Natürlich hatte man sich in bekannter Manier, diskret ins Grand Elysee zurückgezogen. Rein „zufällig“ wusste der Boulevard schon vor der Sitzung, dass es um eine Ablösung von Vorständen und Trainer, sowie um Magath und seinen Trainerstab gehen sollte. Reiner Zufall auch, dass die Medien den Tagungsort aufspürten und dort den ganzen Nachmittag und Abend auf eine Entscheidung lauerten. Diskretion, wie man sie als Anhänger des HSVs seit Jahren leider gewohnt ist.

Die Vertagung einer Entscheidung gewährt den Betroffenen eine Galgenfrist. Am Mittwoch spielt man im Pokal gegen die ohnehin übermächtigen Bayern. Und es ist nicht nur zu erwarten, dass man dann aus dem DFB-Pokal ausscheidet, sondern es steht begründet zu befürchten, dass die erkennbar verunsicherte Mannschaft gegen die ohnehin übermächtigen Bayern eine weitere Packung kassieren könnte. Dergestalt „aufgebaut“ geht es dann ins Endspiel gegen Braunschweig. Während der Vorstand erkennbar darum bemüht ist, den ohnehin stetig wachsenden Druck aufzufangen, packt der Aufsichtsrat öffentlich – das ist hier der Punkt! – eine Schippe drauf. Zu so viel Sachverstand kann ich nur noch gratulieren.

Magath steht bis dahin in der Warteschleife – oder auch nicht. Es ist ja nicht das erste Mal, dass man ihn nach Hamburg bestellt und ihn dann ergebnislos warten lässt. Man kann nur hoffen, dass man seine ausdrückliche Zustimmung zu diesem – für alle Beteiligten! – unwürdigen Prozedere eingeholt hat. Andernfalls stünde man ggf. am kommenden Wochenende ein weiteres Mal mit heruntergelassenen Hosen und vollkommen blamiert in der Öffentlichkeit.

Der Aufsichtsrat, der ja weder Kosten noch Mühen gescheut hat, um Herrn Kreuzer als Sportdirektor zu verpflichten, hat mit dessen geplanter Entlassung oder Unterordnung unter einem Superboss Magath ein weiteres Mal dokumentiert, dass es ihm eklatant an Kompetenz im sportlichen Bereich mangelt. Es ist im Übrigen der Aufsichtsrat, dem die Mitglieder jüngst mehrheitlich durch die verweigerte Entlastung ein deutliches Misstrauensvotum aussprachen, was allerdings keineswegs zu den fälligen Rücktritten führte. Ungerührt betrieb und betreibt man seine Geschäfte in sattsam bekannter Weise. Das ist für mich ein weiterer Skandal!

Abschließend: Dass und wie vor allem im Aufsichtsrat des HSV Politik gemacht wird, das lässt sich meiner Auffassung nach nicht zu letzt auf die hysterische und hysterisierende „Berichterstattung“ der Massenmedien zurückführen. Die Maulwürfe sind Ausdruck des beständigen, höchst ärgerlichen Doppelpasses, den Aufsichtsräte des Vereins bedauerlicherweise schon traditionell vor allem mit dem hamburger Boulevard spielen. Welche unmittelbaren Konsequenzen dies auch im sportlichen Bereich haben kann, auch das kann man aus der Darstellung Möhlmanns entnehmen.

Erneut sehe ich als Anhänger den Verein total blamiert. Der Imageschaden dürfte beträchtlich sein. Der Dino verkommt zum Tollhaus der Liga. Ihr Rücktritt, meine Herren und die Dame, ist überfällig!