Karl Gernandt

Nur der HSV!

Worüber morgen abgestimmt wird, dass es sich dabei um eine Abstimmung handelt, die, so oder so, tiefgreifende Konsequenzen für den Verein haben wird, all dies dürfte mindestens in Grundzügen allgemein bekannt sein. Wie auch immer das Ergebnis ausfällt – am 26. Mai wird sich die Erde weiterdrehen. Und auch den HSV, den wird es noch geben. Er mag dann in seiner Struktur, so oder so, dem einen oder anderen nicht mehr gefallen, was, so denke ich, den einen oder anderen Austritt zur Folge haben dürfte, aber weiterleben wird er, der Hamburger Sportverein.

Ausgliederung ja, Ausgliederung nein – zu beidem kann man eine legitime Meinung besitzen, auch wenn meine Einschätzung darauf hinausläuft, dass am Ende jeder Bundesligaverein aus steuerrechtlichen Gründen seinen Profibetrieb ausgliedern muss. Früher oder später.

Raute im Verein, oder Raute bei der AG, Stadion im Verein, oder Stadion bei der AG – auch darüber lässt sich trefflich streiten. Wer dort eine andere Meinung als ich vertritt, der vertritt eine andere Meinung. Auch das ist legitim. Selbstverständlich wähne ich mich im Zweifel im Besitz der besseren Argumente, aber wer hier anders denkt, der ist kein Hochverräter.

Totengräber des Vereins seien die jeweiligen Meinungsgegner, so lese ich andernorts. Mit Verlaub, sofern es die einfachen Mitglieder betrifft, egal zu welchem „Lager“ sie sich zählen, so ist das in meinen Augen Unfug.

Sicher muss man all diejenigen kritisch nach der Leistungsbilanz ihrer Repräsentanten in den Gremien fragen, die den Einzug eben dieser Vertreter in die Gremien einst lautstark bejubelten und goldene Zeiten ankündigten. Dass da wenig Gold war, dafür umso mehr Blech, wer das noch immer bestreitet, der kann offenbar keine Bilanzen lesen und/oder klammert sich an eine Schimäre. Aber selbst das bleibt menschlich! Wenig ist für uns Menschen, und das sind doch wohl auch die Meinungsgegner?, schmerzhafter, als sich von den eigenen Fantasien verabschieden zu müssen. Wer das nicht glaubt, der frage sich einmal, was ihn am Ende seiner letzten (Lebens-)Partnerschaft so geschmerzt hat. Der Verlust des Partners, oder die mit ihm verwobenen Erwartungen für die gemeinsame Zukunft, die sich möglicherweise völlig unerwartet in Luft auflösten?

Am Niedergang des Hamburger Sportvereins und damit an der nun zugespitzten Lage sind wir alle beteiligt. Die, die es zwar seit Jahrzehnten mit dem Verein halten, aber nie eingetreten sind, um ihrer Stimme Gehör zu verschaffen; die, die stimmberechtigte  Mitglieder sind, aber in den vergangenen Jahren den jeweiligen Mitgliederversammlungen fernblieben und so anderen das Feld überließen; die, die sich innnerhalb der Abteilungen dankenswerterweise engagierten, aber nie die Grenzen ihrer Kompetenz erkannten; die, die auf den Versammlungen auf Populismus, Phrasen oder Gags hereinfielen und danach ihr Verhalten bei den Abstimmungen ausrichteten. Wer ohne Schuld sei, der werfe den ersten Stein!

Der Hamburger Sportverein ist nach seinem Selbstverständnis nicht nur Universalsportverein, sondern er ist vor allem ein großer Volksverein, der die unterschiedlichsten Menschen vereint. Die Raute im Herzen, die dürfte ein jeder, gleich welcher Couleur,  für sich reklamieren. Aber was bedeutet das, die Raute im Herzen? Das heißt doch nur, dass ich mit dem Herzen bei diesem Verein bin. Die Vorstellungen darüber, wie und was dieser Verein sein sollte, die liegen und lagen vermutlich schon lange weit, weit auseinander.

Auch ich mag „ehrlichen“ Fußball. Auch mir ist die stetig zunehmende Kommerzialisierung, die damit einhergehende Jubelberichterstattung suspekt. Auch ich würde notfalls mit dem HSV bis in die Niederungen des Amateurfußballs gehen. Schließlich schaue ich im Web regelmäßig auch noch nach Jahrzehnten, was eigentlich der SV Tonndorf-Lohe so treibt, bei dem ich einst das Kicken lernte. Nur sehe ich die Sache mit dem „ehrlichen“ Fußball pragmatisch und (hoffentlich) ohne jede Illusionen.

„Ehrlicher“ Profifußball? Das hielte ich zwar unverändert für erstrebenswert, aber mir kommt da sofort Adornos berühmter Satz in den Sinn, der da behauptete, es gäbe kein richtiges Leben im Falschen. Denkbar ist m.E. höchstens eine Annäherung.

Natürlich ist und bleibt es wichtig, seine Ideale nicht zu verraten. Weniger Geldmaschine, einheitliche Anstosszeiten zugunsten des Amteurfußballs, grundsätzliche Vertragstreue, (um nur einige Beispiele zu nennen)? Sofort einverstanden.

Aber: Der HSV bewegt sich in einem hochkommerziellen, erzkapitalistischen Umfeld, das von härtestem  Konkurrenzkampf gekennzeichnet ist. Der HSV ist auch deswegen der große Hamburger Sportverein, weil er (indirekt) tausenden Menschen Lohn und Brot verschafft. Der HSV ist auch deswegen, zum Beispiel im Gegensatz zum SV Tonndorf-Lohe, groß, weil er u.a. ein eigenes, schönes, modernes Stadion besitzt (Wem das  im Augenblick tatsächlich gehört, das kann man an dieser Stelle ausklammern). Mit dem HSV dank Basisdemokratie notfalls in die Niederungen des Amateurfußballs, das mag auf einen ersten, flüchtigen Blick noch sympathisch erscheinen – es funktioniert nicht. Der HSV, den wir alle kennen, der wäre dort am Ende.

Stadion, Nachwuchleistungszentrum usw. usf. – all das, wofür auch die Mitglieder bezahlt haben, all dies wäre weg. Vom Verlust von tausenden Arbeitsplätzen ganz zu schweigen. Das soll moralisch(er) sein, als das Big Business des Profigeschäfts? Von den auch im Amateurfußball üblichen, schwarz gezahlten Handgeldern ganz zu schweigen. Nein, wer so argumentiert, der ersetzt nur die Unmoral der vielleicht verachtenswerten Geschäftemacherei durch die Unmoral seiner egoistischen Fantasien.

Mitbestimmung finde ich grundsätzlich gut. Es lohnt, dafür zu kämpfen. Unbedingt! Demokratie und Meinungsfreiheit sind unverzichtbare Kernelemente unserer Gesellschaft. Aber wer im Detail gefragt werden möchte, der sollte auch die notwendige Kompetenz besitzen. Wer wollte bei DESY darüber abstimmen, wann die Maschine angeschaltet wird? Das ist doch keine Frage für Amateure! Gefragt werden möchte ich ggf. als unmittelbar betroffener Anwohner, ob so ein Ding überhaupt in meiner Nachbarschaft gebaut wird. Allgemein informiert werden möchte ich, was dort ggf. geschieht. Aber, mal ehrlich!, den Rest müssen Fachleute entscheiden. Alles andere liegt außerhalb meiner Kompetenz.

Profifußball sei unter den gegebenen Bedingungen ein s.g. „Rattenrennen“, das ja ohnehin nicht zu gewinnen sei, daher müsse man sich dem als HSV verweigern, las ich. Dass wir dieses Rennen nicht (mehr) gewinnen können, das mag sogar sein. Ich kann jedenfalls nicht das Gegenteil beweisen. Aber selbst wenn dem so sein sollte, so ist der HSV, so wie er jetzt besteht, gehalten, sich an dem Rennen zu beteiligen. Denn die wirklich absolute Mehrheit seiner Mitglieder und Anhänger wollen möglichst erfolgreichen Erstligafußball. Demokratie,  das bedeutet auch, dies zu respektieren.

„Not for Sale“, das Stadion und die Raute nicht „verramschen“ – mir scheint, als versuchten hier einige jene verlorengegangenen, gesellschaftspolitische Schlachten nachträglich auf dem Rücken des falschen Objekts, des HSVs, zu gewinnen. Ihr wollt Basisdemokratie erhalten und bestenfalls sogar noch ausbauen? Dann müssten wir konsequenterweise demnächst auch über die Mannschaftsaufstellung abstimmen. Oder etwa nicht?

Ja, eine Fußball-AG hat nur noch wenig mit dem Vereinsfußball früherer Zeiten zutun. Und ich sehe diese Entwicklung durchaus nicht unkritisch. Aber der Fußball ansich hat sich auch verändert. Nur haben es viele von uns noch gar nicht bemerkt. Wie oft höre ich jemanden einen unserer Spieler beleidigen, weil der angeblich „seinen Mann nicht gedeckt“ habe. Dazu muss man regelmäßig feststellen: Da ist jemand immer noch in der Steinzeit seines eigenen Amateur-Jugendfußballs und in der Manndeckung verhaftet. Der gegnerische Mann muss in dem Moment u.U. sogar frei sein, weil unser Spieler alles richtig(sic!) gemacht hat.  Mit anderen Worten: Man redet über Fußball, hat aber die Grundprinzipien von Raumdeckung und Kettensystemen überhaupt nicht verstanden. Aber man will zum Thema gefagt werden? Das bleibt menschlich nachvollziehbar, doch ich halte es mit Dingen, bei denen es mir an Kompetenz eindeutig mangelt, so, dass ich Fachleute frage, dass ich mich notfalls selbst schlaumache. Wenn mein Zahn zu pochen beginnt, da frage ich Lieschen Müller höchstens, ob sie mir einen guten Zahnarzt empfehlen kann. Die Behandlung selbst überlasse ich dem Fachmann, nicht ihr. Beim HSV soll das anders sein?

Mehrere Jahre mit SC-Vertretern in den Gremien und weitgehender Mitbestimmung der Mitglieder – was wurde nicht alles versprochen?! Alles würde fortan besser, so hieß es. Unschwer noch immer in den Weiten des Webs aufzufinden. Schließlich hat man sich des bei einigen verhassten Belzebubs, Bernd Hoffmann, entledigt. Und wo steht der HSV jetzt?

Karl Gernandt hat doch Recht, wenn er feststellt, dass der HSV zeitweilig drei Sportdirektoren auf der Payroll hatte. Bekommen hat er die Leistung eines Halben. Nur eines von vielen Beispielen des Irrsinns. Das ist letztlich das Werk inkompetenter Profifußball-Amateure. Dafür tragen wir alle letztlich die Verantwortung. Daran sind wir alle mindestens mittelbar beteiligt.

Totengräber des Vereins seien all die, die sich unverändert nicht für HSVPlus erwärmen können. Mit Verlaub, das ist doch Unsinn! Dafür, dass all das, was an der Ausgliederung hängt, was damit einhergeht, von einigen unverändert  mit Sorge, Ängsten oder wenigstens mit Skepsis gesehen wird, muss und kann man Verständnis aufbringen. Ich spreche doch niemandem, mag sein Standpunkt mir noch so realitätsfern sein, ab, dass er es grundsätzlich gut mit dem HSV meint. Dem HSV, so wie er/sie ihn sieht.

Pluralität der Meinungen, das ist doch grundsätzlich positiv. Ich jedenfalls möchte gar keinen HSV, in dem nordkoreanische Verhältnisse bestehen. Eine positive Streitkultur, in der um den besten Weg gerungen wird – was wollte man sich mehr wünschen? Der Meinungsgegner mag mir ja auf die Nerven gehen, aber er zwingt mich eben auch, meine Argumente sorgfältig und kritisch zu überdenken. Das ist doch nichts Schlimmes. Im Gegenteil.

„Totengräber“ des Vereins, wenn ich schon bei diesem Begriff bin, ist für mich allein eine Struktur des Vereins, die den Einzug von Inkompetenz in die Gremien dank populistischer Mätzchen regelmäßig begünstigt und zugleich damit Kompetenz abgeschreckt, bzw. verhindert hat.

Aber, das sei auch klar und warnend in Richtung von Leuten wie Thorsten Runge und anderen gesagt, die durch Vielfachanträge ganz offensichtlich die Versammlung torpedieren wollen, obwohl ihnen im Vorfeld bereits mehrfach dargelegt wurde, dass der größte Teil ihrer Anträge inhaltlich unsinnig ist: Was ihr da treibt ist zweifellos legal, aber niemals legitim. Was ihr als Konstruktivität vorgebt, ist in Wahrheit destruktiv. Wer derart seine persönlichen Belange über den im Grunde, gleich wie die Abstimmungen auch verlaufen mögen, längst feststehenden Willen der überwältigenden Mehrheit stellt, der betreibt Schindluder mit den demokratischen Instrumentarien. Der ist vollumfänglich verantwortlich, sollte ggf. die Versammlung aus dem Ruder laufen. Und noch etwas sei hier warnend angefügt: Wer im Nachfeld der Versammlung versuchen sollte, auf juristischem  Wege die Umsetzung eines demokratischen Ergebnisses zu verhindern, der rettet nicht den Verein, wie er vielleicht glauben mag, sondern der fügt dem Verein schwersten Schaden zu und belegt zudem, dass ihm jeglicher Anstand fehlt.

Ansonsten gilt: Auch am 26. Mai geht wieder die Sonne auf. Und auch der HSV wird, selbst wenn der Ausgliederungsantrag nach HSVPlus scheitern sollte, fortbestehen. Nur müsste man realistisch gesehen von einer düsteren Zukunft, jedenfalls wenn man in absehbarer Zeit einen finanziell gesundeten und sportlich halbwegs erfolgreichen Hamburger Sportverein sehen möchte, ausgehen.

Respektiert, das möchte ich beiden Lagern zurufen, die Meinungsgegner! Verzichtet auf Provokationen und lasst Euch nicht provozieren! So oder so werden Menschen diesen Verein nicht mehr als (auch) ihren Verein sehen können. Das ist in (fast) jedem Fall zu bedauern. Der große Rest aber, dem muss daran gelegen sein, dass auch in Zukunft ein miteinander (wieder) möglich ist. Man muss nicht jeden lieben, aber man sollte sich um die Basis eines konstruktiven Zusammenlebens bemühen. Im Interesse des Vereins, den wir doch alle, jeder und jede auf seine Weise, lieben.

 

 

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Am 25. Mai besser nicht HSV-Allianz verunsichert!

Wie hätte es auch beim HSV anders sein können. Kurz vor der richtungsweisenden Mitgliederversammlung beim Hamburger Sportverein tauchte ein Gruppierung auf, die sich HSV-Allianz nennt. Sie besteht nach eigenen Angaben aus ca. 30 Mitgliedern aus den verschiedenen Gremien des Vereins. Ihr Ziel ist die Verhinderung einer Ausgliederung auf der Grundlage der vom Vorstand des Vereins vorgelegten Ausgliederungsdokumentation.

Die HSV-Allianz wurde bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt von den folgenden Personen repräsentiert:

Reiner Ferslev (Rechtsanwalt), Jürgen Hunke (Privatier, AR-Mitglied), Dr. Conrad (Rechtsanwalt), Eugen Block (Unternehmer),  Manfred Kaltz (Ex-Profi) und Reimund Slany (langjähriger Rechnungsprüfer beim HSV).

Soweit es Ferslev (vormals „Initiative Rautenherz“) und Hunke (vormals „Zukunft mit Tradition“) angeht, bleibt zunächst nüchtern festzustellen, dass es sich um ein Bündnis der Gescheiterten handelt. Auf der Mitgliederversammlung des Vereins im Januar erreichte Ferslevs „Initiative Rautenherz“ lediglich 21,8 Prozent Zustimmung und blieb damit fern ab jeder Mehrheitsfähigkeit. Hunke hatte seinerzeit, die weit überwiegende Stimmung unter den stimmberechtigten Anwesenden richtig deutend, sein Konzept kurzfristig zurückgezogen und gar nicht erst zur Abstimmung gebracht. Was Jürgen Hunke angeht, so sei bei dieser Gelegenheit auch daran erinnert, dass er in der Vergangenheit gebetsmühlenartig versichert hatte, dass er sich nie zuvor in seinem Leben derart intensiv mit einer Materie beschäftigt habe, wie er es im Zusammenhang mit seinem damaligen Konzept, das eine Ausgliederung noch ablehnte, getan hätte. Seit drei Monaten nun hat er nach eigener Aussage umgedacht und befürwortet grundsätzlich die Ausgliederung der Linzenzspielerabteilung, jedoch nicht in der geplanten Form. Es mag jeder und jede selbst entscheiden, was er nunmehr von der Expertise eines Mannes hält, der vorgab, er habe sich gründlichst mit einer Problematik beschäftigt, und der dann in einem ganz zentralen Punkt die Rolle rückwärts vollzieht.

Die HSV-Allianz begründete ihre Ablehnung einer Ausgliederung auf der Grundlage der vorgelegten Ausgliederungsdokumentation mit drei Behauptungen:

1. Mitglieder verlören wesentliche Rechte

2. Finanzinvestoren, auch Hedge-Fonds, würde Tür und Tor geöffnet

3. Das Stadion und die Raute würden verkauft

Im Folgenden fasse ich zunächst den Inhalt der Stellungnahmen der einzelnen Protagonisten zusammen. Darunter setze ich dann meine Anmerkungen:

Eugen Block: das Stadion dürfe nicht verkauft werden. Das Stadion sei „schuldenfrei“ und gehöre dem HSV.  Wenn die AG nach HSVPlus pleiteginge, sei das Stadion weg.

Anmerkung: Wie sich ein gestandener, respektabler Unternehmer zu der Aussage hinreißen lassen kann, das Stadion sei im Prinzip schuldenfrei und gehöre dem HSV, ist mir ein Rätsel. De jure mag das richtig sein, de facto ist das Stadion nicht abbezahlt, vielmehr musste der Tilgungsplan für die in diesem Zusammenhang aufgenommenen Kredite vom aktuellen Vorstand mit Zustimmung des Aufsichtsrats gestreckt werden. Andernfalls wäre das bilanzielle Ergebnis noch dramatischer, noch schlechter ausgefallen. Der HSV bewegt sich mit 100 Millionen Euro Verbindlichkeiten und über 20 Millionen Euro negativem Eigenkapital mindestens am Rande der vollständigen Überschuldung. Seit Jahren erhält der HSV von den Banken keine weiteren Kredite mehr. Es wurde sogar, obwohl von einigen zuvor vollmundig abgelehnt, u.a. mit dem Vermarkter „Sportfive“ verlängert, damit man mit den in diesem Zusammenhang geflossenen Geldern das desaströse bilanzielle Ergebnis etwas aufhübschen konnte. De facto haben meines Erachtens derzeit die Kreditgeber beim HSV,  das sind vor allem die Banken und Herr Kühne, das Sagen. Mit anderen Worten: Wenn ich mir ein Haus und ein Auto auf Kredit kaufe, dann mag ich mich ja Eigentümer nennen. Gerate ich aber in Liquiditätsprobleme, kann meine Kredite nicht mehr bedienen, dann ist im Zweifel beides schnell futsch, da meine Gläubiger notfalls den Verkauf erzwingen können. Der HSV hatte in den vergangenen Monaten ein ernsthaftes Liquiditätsproblem. Dieses hat der Vorstand nach meinem Kenntnisstand u.a. nur durch die prinzipielle Zweckentfremdung der für das Campus-Projekt eingesammelten Gelder lösen können. Anders ausgedrückt: Der HSV ist schon längst nicht mehr Herr im eigenen Haus, sondern vom Wohlwollen seiner Kreditgeber (Banken und Herr Kühne) abhängig.

Jürgen Hunke: Begann mit dem bemerkenswerten, da aufschlussreichen Eingeständnis, dass ihm erst in der letzten Viertelstunde des Relegationsrückspiels erstmals bewusst geworden sei, welche (tatsächlichen) Konsequenzen ein Abstieg für den HSV hätte.  Er habe im Nachfeld der MV im Januar viele Gespräche geführt und sei nunmehr auch für eine Ausgliederung, sehe aber Nachbesserungsbedarf. Hunke plädierte für eine Kompromisslösung (Zustimmung zur Ausgliederung, sofern Raute und Stadion beim Verein verblieben und nicht der zu gründenden AG zugeschlagen werden.)

Anmerkung: Was soll man (inhaltlich) von einem Mann halten, der nur allzugern pauschal den HSVPlus-Befürwortern unterstellt, sie seien alle schlecht informiert und hätten keine Ahnung, und dem erst in der letzten Viertelstunde der Relegation dämmert, welche fatalen Folgen ein Abstieg für den HSV gehabt hätte? Was soll man von jemandem halten, der sich nach eigener Auskunft intensivst mit einer Problematik beschäftigt haben will, und der dann seine Meinung in wesentlichen Punkten revidieren muss? Meine Meinung: nichts.

Reimund Slany: Stellte fest, dass die Mitglieder des Vereins, die Amateure und Unterstützer, einen wesentlichen Beitrag bei der Finanzierung des Stadions geleistet hätten, indem sie seit 2004 auf die ihnen laut § 2, Abs. 3 (Satzung des HSV) zustehenden Überschüsse aus dem Lizenzspieler-Geschäft verzichtet hätten. Seinen Angaben zur Folge handelt es sich hier um einen Betrag von 37 Millionen Euro. Seine daraus abgeleitete Forderung: das Stadion müsse daher im Verein verbleiben. Dieser benötige ein eigenes Grundvermögen.

Anmerkung: Wohltuend um Sachlichkeit bemüht. Grundsätzlich kann ich Slanys Argumentation, die darauf hinausläuft, dass schließlich die Mitglieder für das Stadion bezahlt hätten, nachvollziehen. Kritisch sei aber angemerkt, dass die Aufgabe der Rechnungsprüfer nach Slanys eigenen Worten auch darin besteht, auf Gefahren und Risiken hinzuweisen. Exakt der Verzicht auf die genannten Überschüsse aus dem Geschäftsbetrieb der Profis und die eben nicht erfolgte Zuführung derselben zu den gemeinnützigen Zwecken des HSV e.V. ist aber eines der Risiken, welche die Ausgliederung in meinen Augen unumgänglich machen. Ein hochkommerzieller Geschäftsbetrieb, wie er für jeglichen Profifußball anzunehmen ist, verträgt sich nicht mit dem Grundgedanken der Gemeinnützigkeit und dem damit einhergehenden Steuerprivileg des Breitensports im Universalsportverein. Insofern verwundert es mich, dass Herr Slany darauf nicht viel früher deutlich hingewiesen hat. Aber vielleicht hat er dies ja intern.
Welchen tatsächlichen Wert das Stadion für den Verein haben soll, erschließt sich mir nicht. Ein Fußballstadion ohne Profimannschaft ist im Grunde rein buchalterisch von Wert. Denn wer sollte eine ziemlich spezielle Immobilie dieser Größenordnung  kaufen, die allein durch den regelmäßigen Spielbetrieb eines Erstligisten Sinn macht? Am ehesten noch käme als Käufer wohl die Freie und Hansestadt Hamburg in Frage. Mit anderen Worten: Für das Missmanagement des HSVs in den letzten  Jahren soll ggf. der Steuerzahler einspringen? Nicht mit mir.
Ebenfalls bemerkenswert finde ich in diesem Zusammenhang, dass es in der Vergangenheit u.a. Manfred Ertel aber auch Hunke waren, die im Zusammenhang mit der desaströsen Finanzlage immer auf den Wert des Stadions hinwiesen, das man ja auch (noch) verkaufen könne. Ein Stadionverkauf durch den e.V. ist also akzeptabel, eine Zuschlagung des Stadions zu dem damit logisch verbundenen Lizenzspielerbereich, der AG, nicht?

Reiner Ferslev: Die vorgelegte Ausgliederungsdokumentation des Vorstandes entspräche gar nicht HSVPlus; Sie beinhalte Lüge und Täuschung; Eine Kapitalerhöhung sei bereits vorgesehen. Damit stünden in Wahrheit 33, 3 (und nicht 24,9) Prozent der Anteile zum Verkauf. Hedge-Fonds würde Tür und Tor geöffnet. Die Kampagne von HSVPlus, so mutmaßte er, habe 300.000-500.000 Euro gekostet. Daraus sei abzuleiten, dass ganz andere Leute im Hintergrund tätig wären. Möchte die Abstimmung am 25. Mai vertagen lassen, um eine Arbeitsgruppe bilden zu können. Die Raute sei kein Gegenstand des Anlagevermögens und müsse beim e.V. bleiben. Sprach in diesem Zusammenhang von der ihm bekannten Notwendigkeit, dass s.g. Stille Reserven in angeblicher Höhe von 15-20 Millionen wohl aufgelöst werden müssten. Dies sei aber möglich, schließlich habe der HSV in der Vergangenheit schon so viel Geld ausgegeben. Raute und Stadion müssten beim e.V. bleiben.

Anmerkung: Ein polemischer, streckenweise demagogischer Auftritt. Angefangen mit seiner Spekulation, HSVplus habe ganz andere Hintermänner, für die er nicht den kleinsten Beweis vorlegte. Aber behaupten, das lernt man als Jurist, kann man Vieles.
Die grundsätzlichen rechtlichen Bedenken, dass bspw. prinzipiell der Einstieg von renditeorientierten Hedge-Fonds juristisch möglich sei, kann ich nicht widerlegen. Aber hier stehen zunächst die Mitglieder von HSVPlus nicht nur vor der Mitgliederschaft, sondern im Grunde vor der gesamten deutschen Öffentlichkeit im Wort. Der bei Hertha BSC eingestiegene Fond, meines Wissens bisher der einzige bei einem Erstligisten in Deutschland, belegt für mich nicht hinreichend, dass Investoren mit Profifußball unmittelbar Geld verdienen können und wollen. Auch hier spekulierte Ferslev lediglich. Man müsste m.E. jedoch Zugang zu Interna von Hertha besitzen, um seine Annahme ggf. verifizieren oder falsifizieren zu können. Den Nachweis, dass er diesen Zugang hat, hat Ferslev nicht erbracht. Wichtig erscheint mir allerdings, dass juristisch tatsächlich eindeutig definiert sein muss, dass ein Weiterverkauf von Anteilen an der AG (durch wen auch immer) an (weitere) Dritte der ausdrücklichen Zustimmung der Mitgliederschaft bedarf, bzw. dass die AG in jedem Fall ein Vorkaufsrecht besitzt.
Woher Ferslev derzeit noch einen zweistelligen Millionenbetrag nehmen möchte, mit dem er steuerlichen Verpflichtungen im Falle des Verbleibs der Raute beim Verein nachkommen müsste, hat er – wohlweißlich? – nicht beantwortet.
Interessant finde ich auch, dass man jetzt das Schreckgespenst der „Verschacherung der Raute“ durch die AG an die Wand malt. Wer hat denn, wenn nicht der e.V., bisher die Raute z.B. an den HSV-Handball „verschachert“? Was glauben die Damen und Herren der Allianz denn, an wen die Raute durch die AG sinnvollerweise verkauft werden könnte? Spöttisch kann ich hier nur anmerken: Es fehlte mir fast, dass die Allianz vor Drogen-Päckchen mit dem lizenzierten  Aufdruck einer Raute warnte.
Die Vermarktung des (dann ausgegliederten) Profifußballs ohne Raute in der AG macht für mich logisch keinen Sinn. Strategische Partner dürften sich vor allem für die Marke HSV, deren bildhafter Ausdruck eben diese Raute ist, interessieren.

Manfred Kaltz: Verstieg sich zu der Behauptung, der Verein und die Fans würden durch HSVPlus nicht mitgenommen. Man habe sich früher „für den Verein (…) den Arsch aufgerissen“. Geld komme automatisch, wenn man Erfolg habe. Stadion und die Raute dürften nicht „verramscht“ werden.

Anmerkung: Zunächst einmal stelle ich nüchtern fest, dass es sich bei „Arsch aufreißen“ und „Geld kommt automatisch“ um Phrasen und Plattitüden handelt. Bedurfte es noch eines Beweises, dass man als verdienter Ex-Kicker – das bleibt unbestritten! – nicht automatisch kompetent ist, dann schaue man sich den Kaltz-Auftritt noch mal im Originalton an. Dass Kaltz das Stadion und die Raute lieber beim e.V. sähe, dies ist eine legitime Meinung.
HSVplus hat im Januar bekanntlich eine überwältigende Zustimmung von 79,4 Prozent der anwesenden und stimmberechtigten Mitglieder erhalten. Zudem reisten zu dieser Versammlung, die in der Vergangenheit regelmäßig nur von ein Paar hundert Mitgliedern besucht wurde, viele tausend Mitglieder aus nah und fern an. Wie sich Kaltz angesichts dieser Fakten zu der schon grotesken Behauptung hinreißen lassen konnte, HSVPlus habe „die Mitglieder nicht mitgenommen“, wird wohl sein Geheimnis bleiben. In meinen Augen ist exakt das Gegenteil zutreffend.

Fazit: Der Verein ist, da stimme ich Karl Gernandt (HSVPlus) zu, inzwischen das Armenhaus der Liga. Ein Teil der Chef-Bedenkenträger gegen HSVPlus hat seine Konzepte wohl still und heimlich  beerdigt (HSV-Reform), andere haben sich mindestens in Sachen Ausgliederung eines Besseren besonnen. Wer sich abschließend noch einmal ein eigenes Bild von den Protagonisten machen möchte, die PKs beider Modelle, HSVPlus und HSV-Allianz, sind im Netz unschwer aufzufinden. Für mich, die Damen (?) und Herren der Allianz mögen mir das verzeihen, bestand mehr als ein Klassenunterschied in den Präsentationen. Und zwar eindeutig zugunsten der Vertreter von HSVPlus. Trotz einigen in der Tat bedenkenswerten juristischen Einwänden konnte mich die Allianz nicht überzeugen. Zum Teil sind es die bereits im Januar grandios Gescheiterten (Ferslev, Hunke), die zudem eine erhebliche Mitverantwortung für die desaströse Lage beim HSV tragen (Hunke), die jetzt letztlich mit unbelegten Verdächtigungen und Unterstellungen (Ferslev) auf Stimmenfang gehen.

Die zur Lizenzerteilung für die nächste Saison nötigen Gelder, bzw. die benötigte Bürgschaft wurde von Karl Gernandt – und nicht von Amtsträgern oder gar Allianzvertretern! – bei Herrn Kühne und Adidas eingesammelt. Allein das spricht für mich schon Bände.

Eine Vertagung der Abstimmung und ein s.g. Runder Tisch, um einen Kompromissvorschlag auszuarbeiten, halte ich gleich aus mehreren Gründen – trotz gewisser Bauchschmerzen! (s.o.) – für inakzeptabel:

1. Der HSV hat bereits viel zu viel Zeit (und Geld vergeudet). Die Relegation müsste auch dem Letzten endgültig vor Augen geführt haben, dass es sowohl finanziell als auch sportlich längst fünf nach zwölf ist. Monatelange weitere Diskussionen erscheinen da absolut kontraproduktiv und machten den Verein im Grunde handlungsunfähig;

2. Einen „Kompromiss“ kann es in Sachen Raute und/oder Stadion in meinen Augen gar nicht geben. Entweder hält man den Zuschlag zur AG hier für sachlich richtig und sinnvoll, oder eben nicht.

3. Pluralität der Meinungen ist in einem Großverein wie dem HSV zu erwarten und grundsätzlich wünschenswert. Es ist daher ohnehin auszuschließen, dass man wirklich alle Mitglieder einen kann. Wer jedoch mit über 50 Änderungsanträgen operiert, der missachtet eindeutig das Wählervotum vom Januar. Wer bereits im Vorfeld von juristischen Klagen munkelt, mit denen er ggf. ein erneutes Votum für HSVPlus anzufechten beabsichtigt, der spielt tatsächlich mit der Existenz des Vereins.

4. Die überwältigende Mehrheit der Mitglieder, so mein Eindruck, hat begriffen, dass tatsächliche Profis den Profibetrieb führen und verantworten müssen. Insofern ist das Votum vom Januar m.M.n. auch als Einverständnis zu werten, dass man zukünftig auf die bisherige Form weitgehender Mitbestimmung durch die Mitglieder zu verzichten bereit ist. Somit läuft für mich Punkt eins der Allianz, Verlust an Rechten, zum einem großen Teil ins Leere.

Aus all den genannten Gründen hoffe ich, dass am kommenden Sonntag, dem 25. Mai, möglichst viele Mitglieder auf der Versammlung erscheinen und notfalls auch so lange bleiben, bis über HSVPlus abgestimmt wird. Ich bleibe dabei: HSVPlus jetzt! Es bleibt alternativlos!