Bernd Hoffmann

Chronik eines sich ankündigenden Scheiterns

Der HSV unterliegt dem 1. FC Magdeburg mit 1:2 (1:0)

(K)eine Trainerdiskussion

Wer meine Blogeinträge über die Jahre gelesen hat, der hat hoffentlich bemerkt, dass ich gewöhnlich nicht dazu neige, Einzelpersonen die Schuld am sportlichen Misserfolg in die Schuhe zu schieben. Dreißig Jahre im Sport haben mich gelehrt, dass es fast immer eine ganze Reihe von Gründen sind, an deren Kettenende Resultate stehen. Auch deswegen verwerfe ich regelmäßig monokausale Erklärungsansätze, denn in der realen Praxis sind es in aller Regel multiple Faktoren, die ein Leistungsbild vielfältig bedingen und zur Entstehung von Ergebnissen führen. Statistische Werte, eine seit einigen Jahren zunehmend im Fußball genutzte Modeerscheinung, mögen zur Legitimierung von Meinung dienen, da sie scheinbar die subjektive Wahrnehmung objektivieren, sind aber ohne Kontext und Ergänzung durch fachkundige qualitative Analyse zum wirklichen Verständnis nahezu wertlos. Ihr Benefit besteht meist nur darin, dass Erklärungssuchende vermeintlich schlagende Gründe benennen und damit Relevanz von subjektiver Meinung meinen behaupten zu können.

Im Folgenden werde ich mich dennoch klar festlegen, wer für die gestrige Niederlage des HSV gegen den 1. FC Magdeburg hauptsächlich verantwortlich ist. Und das sind nicht angeblich arrogante, selbstgefällige Spieler, sondern dies sind strukturelle Kaderprobleme und der für den gestrigen Gegner vollkommen gescheiterte taktische Ansatz des Trainers. Doch der Reihe nach.

Hannes Wolf vertraute der folgenden Startformation: Pollersbeck – Sakai (76. Narey), Bates, Papadopoulos, van Drongelen, Douglas Santos – Jung, Holtby (83. Köhlert), Mangala – Lasogga, Jatta (67. Özcan)

Wie man hier sieht, begann der HSV in jener 5-3-2, bzw. 3-5-2 Grundordnung, welche jüngst im Spiel gegen Paderborn zum Erfolg und damit zum Einzug ins Halbfinale des DFB-Pokals geführt hatte. Papadopoulos stand erneut in der Startelf und erweiterte die Innenverteidigung zu einer Dreierkette. Beide Außenverteidiger rückten bei Ballbesitz ins Mttelfeld vor, welches ansonsten durch Holtby, Mangala und Gideon Jung unterbesetzt geblieben wäre. Bei Ballverlust und erfolgslosem Gegenpressing ließen sich Douglas Santos und Sakai zurückfallen. So konnte die Dreierkette im Bedarfsfall grundsätzlich zügig zur Fünferkette erweitert werden.

Sofern Doulgas Santos mit Ball offensiv nach vorne drängte, wich Jatta nach links außen aus. So wurde Platz für den vorrückenden Brasilianer in der Mitte geschaffen, und gleichzeitig stand Jatta als Anspielstation auf dem Flügel zur Verfügung. Wenn man sich das Personal anschaut, so meine ich, dass sich schon vorab in der theoretischen Konzeption die Gefahr erkennen ließ, dass die rechte Außenbahn an Wirkung verlieren würe. Denn weder hat Sakai die Qualitäten eines Santos, noch waren der tendenziell nach rechts orientierte Sechser Gideon Jung oder Holtby vorab so stark einzuschätzen, dass man von ihnen eine gleichgewichtige Ausrichtung des HSV-Spiels im Zusammenspiel mit Sakai erwarten konnte. Dass ein Lasogga auf dem Flügel verschenkt ist, dies darf man wohl als längst hinlänglich nachgewiesen und bekannt voraussetzen und sei hier nur der Vollständigkeithalber erwähnt. Die erste daraus zu erwartende Problemzone soll das rechte Oval in der Grafik veranschaulichen.

Sofern Mangala bei Ballbesitz nach vorne stieß, rückte Jung zur Absicherung ins Zentrum. Da es sich längst auch bis nach Magdeburg herumgesprochen hat, dass es keine gute Idee ist, den HSV spielen zu lassen, es im Gegenteil sogar anzuraten ist, ihn möglichst frühzeitig zu beschäftigen, ließ Oenning seine Elf aus einem 4-4-2 entschlossen nach vorne pressen. Dadurch wurde Hamburgs heimlicher Spielmacher Douglas Santos meist defensiv gebunden. Zudem wurde im Spielverlauf eine zweite Problemzone aus Sicht des HSV erkennbar: Jung konnte als defensiverer der beiden Sechser vom 1. FCM oft mühelos personell umstellt werden, was zu Ball – und Tempoverlusten auf Seiten des HSV führte. Außerdem verschwanden die gedachten Anspielstationen im Mittelfeld aus Sicht der Hamburger Abwehr häufig im Deckungsschatten des vordrängenden Offensivpersonals der Gäste. In der Summe wirkten die Magdeburger, als seien sie bereits im Mittelfed permanent in der personellen Überzahl. Dies auch deswegen, weil klar erkennbar war, wie sehr es Jung in seiner derzeitigen Verfassung an Handlungsschnelligkeit und auch Selbstbewusstsein fehlt. Ich habe über 90 Minuten kaum einen Pass von ihm gesehen, den man nicht als Sicherheits(rück)pass einstufen muss. Strategische Pässe mit offensiver Wirkung? Fehlanzeige. In der 22. Minute hätte er bereits um ein Haar den Führungstrefer für die Gäste verschuldet, weil es ihm an Handlungsschnelligkeit fehlte, was zum Ballverlust im zentralen Mittelfeld führte. Der daraus resultierende schnelle Gegenstoß der Gäste führte zwar zu einem Torerfolg. Dieser wurde aber wegen einer angeblichen Abseitsstellung nicht anerkannt. Die erste einer Reihe von zweifelhaften Entscheidungen von Schiedsrichter Dankert und seinem Gespann.

Wenn man von einem vereinzelten Beinschussversuch von Holtby gegen Magdeburgs Torwart in der 13. Minute absieht, dann dominierten die Magdeburger vom Anpfiff an im Stile einer Heimmannschaft. Der HSV bekam insbesondere im Mittelfeld wenig Zugriff auf Ball und Gegner. So brauchte es einen Standard, einen von Douglas Santos getretenen Freistoß vom rechten Flügel, damit der HSV gefährlich wurde. Jatta reagierte am schnellsten auf die zu kurze Kopfballabwehr der Gäste und vollstreckte aus ca. 10 Metern ins lange Eck zur 1:0-Führung (31.) für den HSV. Kurz darauf holte sich Lewis Holtby für ein taktisches Foul im Mittelfeld den 5. gelben Karton (35.) und fällt daher gesperrt gegen den 1. FC Köln aus. Eine Minute später wären die Gäste fast durch einen Kopfball von Bültner zum Ausgleich gekommen, aber Sakai rettete für den bereits geschlagenen Pollersbeck. So ging es mit einer knappen und nicht unglücklichen Führung für die Hamburger in die Pause.

Sinnhaftigkeit der Startformation

Wer gedacht hatte, Hannes Wolf würde auf den Spielverlauf durch personelle Veränderungen in der Pause reagieren, sah sich nach Wiederbeginn rasch enttäuscht. Bevor man die von Wolf gewählte Startformation pauschal aber als „zu defensiv“ abqualifiziert, sind aus Fairnessgründen einige Argumente für eben diese Formation und Taktik zu erwähnen. Zum einen hat der HSV in dieser Grundformation erfolgreich das vorangegangene Pokalspiel absolviert. Zweitens scheint man der Auffassung zu sein, dass die Integration von Papadopoulos aufgrund seiner Leaderqualitäten einen Mehrwert für die Mannschaft bringt. Wenn man also nicht mit Bates oder van Drongelen einen der im bisherigen Saisonverlauf überwiegend gut performenden zwei Innenverteidiger opfern will, dann drängt sich der Gedanke mit der Dreierkette im Prinzip auf. Auch erscheint es keineswegs abwegig, die Gelegenheit nutzen zu wollen, um die Mannschaft in Erwartung des kommenden offensivstarken Gegners, 1. FC Köln, weiter mit diesem System vertraut zu machen. Dennoch ist hier kritisch festzustellen: Gideon Jung war eindeutig ein Unsicherheitsfaktor. Er ist erkennbar noch weit von seiner Bestform entfernt. Der rechte Flügel war mit Sakai allein (ohne Narey vor ihm) offensiv praktisch nicht existent. Der Spielverlauf zeigte erneut, wie wirkungslos zudem Lasogga ist, sofern er nicht maßgerecht ins Spiel eingebunden und bedient wird. Erneut konnte er kaum Bälle festmachen, erneut zeigte er technische Unzulänglichkeiten bei der Ballablage in Serie. Daraus resultierte der optische Eindruck, als spielten die Gäste fast mit zwei Mann mehr. Das Mittelfeldspiel des HSV, einmal mehr das Grauen. Ich hatte zur Pause auf Twitter die sofortige Umstellung auf ein 4-1-4-1 angedacht und dabei vor allem auf den Einsatz von Narey gehofft. Sinnvoller wäre mir jedoch eine Umstellung auf ein 4-2-3-1 erschienen, um zum einen das eigene Mittelfeld personell aufzustocken und die Chance hier auf den Zugriff zu erhöhen. Durch die offensive Aufwertung der rechten Außenbahn wäre der Gegner auch stärker in der eigenen Abwehr gebunden gewesen und das bis dahin meist einseitig akzentuierte Angriffsspiel wäre dadurch wahrscheinlich variabler geworden. Wolf aber beließ es bei der Grundordnung. Die wesentlichen Kernelemente seiner Idee, Dreierkette mit Papadopoulos und Schwachpunkt Jung, blieben unangetastet. Beinahe wäre dem HSV dennoch das zweite Tor gelungen, denn nach einem klaren Handspiel von Müller im Strafraum erkannte Dankert nicht auf den meines Erachtens klar fälligen Strafstoß.

Unter diesen Umständen kam, was fast schon kommen musste: nach erneutem Ballverlust im Mittelfeld konnte Bates im Laufduell die Innenbahn gegen Bültner nicht schließen, sodass diesem trotz dreier nomineller Innenverteidiger fast mühelos der Durchbruch durch die Defensive und dann auch der Ausgleichstreffer gelang (61.).

Wolf reagiert nun personell und nahm zu meinem größten Erstaunen ausgerechnet den schnellsten Offensivspieler, Jatta, vom Feld und brachte Özcan. Dieser besetzte den linken Flügel. Da er aber nun vermehrt von dort nach innen zog, war es Douglas Santos, der für die Breite auf dem Flügel sorgte. Deutlich besser wurde das Spiel des HSV dadurch meiner Meinung nach nicht. Weiterhin war zu sehen, dass zwischen Offensivpersonal und Abwehr oft Anbindung und Kompaktheit fehlten.

Mit dem nächsten Wechsel kam dann doch endlich der schnelle Narey, jedoch ging zugleich mit Sakai der Rechtsverteidiger vom Feld (76.). Die oben aufgezählten Grunddefizite, mangelnde Balance, mangelndes Tempo, mangelnde Anbindung, wurden dadurch wieder nicht angegangen, vielmehr wurde nun sogar die Abwehr geschwächt. Ein weiterer Fehler, wie sich noch zeigen sollte.

In der 83. Minute kam Köhlert zu seinem zweiten Einsatz. Für ihn musste Holtby weichen, der bis dahin gewohnt fleissig aber eben leider auch gewohnt ineffektiv gespielt hatte. Köhlert belebte die linke Außenbahn und erlaubte so Özcan nun zentraler hinter Lasogga zu spielen. Auch wenn der HSV in der Schlussphase auf den Siegtreffer drängte, so richtig klare Chancen ergaben sich auch dadurch nicht. Vielmehr lud man den Gegner wie bereits schon im Spiel gegen Darmstadt 98 zum kontern ein. Und so verwundert es nicht, dass Magdeburg in der Nachspielzeit ein Freistoß zugeprochen wurde, der dann über Umwege zu Türpitz kam, welchem fast mit dem Schlusspfiff der keineswegs unverdiente Siegtreffer für die Gäste gelang (90+4.).

Fazit: Hannes Wolf ist ein junger Trainer. Eine Trainerdiskussion ist meines Erachtens vollkommen fehl am Platz. Er hat nachweisbar die Mannschaft taktisch weiterentwickelt. Nach dem 4-1-4-1 zu Saisonbeginn, einem zwischenzeitlichen 4-2-3-1, nun also zum zweiten Male die Dreier- bzw. Fünferkette. Alle Systeme wurden zudem gegnerangepasst von ihm variiert. Dennoch muss man ihm wie schon gegen den SSV Jahn Regensburg, als er den deutlichst gelb-rot gefährdeten Mangala nicht rechtzeitig vom Platz nahm und so seine Mannschaft vor einem Spiel in Unterzahl bewahrte, für diese Partie eklatante Versäumnisse vorhalten. Dass Lasogga Defizite besitzt aber dennoch benötigt wird, führt bei der derzeitigen Personallage (ohne Hwang und Hunt und ohne den formschwachen Arp) zudem in jedem Spiel von vornherein zu gewissen Einschränkungen. Zwar steht die Mannschaft am Ende auf dem Platz, aber ein Trainer steht eben auch deswegen am Spielfeldrand, weil man ihm zubilligt, von dort den Überblick zu behalten. Fehleinschätzungen und Irrtümer sind nur menschlich. Auch Trainern können diese unterlaufen. Es ist aber auch klare, unbestreitbare Aufgabe eines Trainers, auf konkrete Spielverläufe zu reagieren, notfalls auch einen vorab ausgetüftelten Plan zu korrigieren, sofern dieser nicht die erwünschte Wirkung entfaltet. Dies hat Wolf hier gleich mehrfach sträflich versäumt. Der HSV verliert am Ende verdient und mit Ansage. Auch weil das in-Game-Coaching von Wolf zum wiederholten Male zu wünschen übrig ließ. Aber so sehr mich diese vermeidbare Niederlage auch ärgert, für Katastrophenszenarien besteht kein Anlass. Noch hat man in Sachen Aufstieg weiter alles in eigener Hand. Allerdings muss die Fehlerquote bei Mannschaft und Trainer sinken, will man ein böses Erwachen zum Saisonende vermeiden.

Am Ende ist und bleibt Fußball Ergebnissport. Die unlängst von Bernd Hoffmann in Richtung Hannes Wolf ausgesprochene Jobgarantie ist nichts mehr als eine erfreuliche Absichtserklärung im Hinblick darauf, dass man auch in zu erwartenden Krisen Geduld haben will. Um eine Garantie im eigentlichen Sinne handelt es sich natürlich nicht. Und das ist auch gut so. Viele Fehler dieser Art sollte sich Wolf zukünftig besser nicht leisten.

Schiedsrichter: Dankert (Rostock): Mehrfach mit zweifelhafter Regelauslegung. Einzig der nicht gegebene Elfmeter nach vermeintlichem Foul an Lasogga erscheint ohne Rautenbrille betrachtet unter den strittigen Entscheidungen richtig. Schwach.

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Nur der HSV!

Worüber morgen abgestimmt wird, dass es sich dabei um eine Abstimmung handelt, die, so oder so, tiefgreifende Konsequenzen für den Verein haben wird, all dies dürfte mindestens in Grundzügen allgemein bekannt sein. Wie auch immer das Ergebnis ausfällt – am 26. Mai wird sich die Erde weiterdrehen. Und auch den HSV, den wird es noch geben. Er mag dann in seiner Struktur, so oder so, dem einen oder anderen nicht mehr gefallen, was, so denke ich, den einen oder anderen Austritt zur Folge haben dürfte, aber weiterleben wird er, der Hamburger Sportverein.

Ausgliederung ja, Ausgliederung nein – zu beidem kann man eine legitime Meinung besitzen, auch wenn meine Einschätzung darauf hinausläuft, dass am Ende jeder Bundesligaverein aus steuerrechtlichen Gründen seinen Profibetrieb ausgliedern muss. Früher oder später.

Raute im Verein, oder Raute bei der AG, Stadion im Verein, oder Stadion bei der AG – auch darüber lässt sich trefflich streiten. Wer dort eine andere Meinung als ich vertritt, der vertritt eine andere Meinung. Auch das ist legitim. Selbstverständlich wähne ich mich im Zweifel im Besitz der besseren Argumente, aber wer hier anders denkt, der ist kein Hochverräter.

Totengräber des Vereins seien die jeweiligen Meinungsgegner, so lese ich andernorts. Mit Verlaub, sofern es die einfachen Mitglieder betrifft, egal zu welchem „Lager“ sie sich zählen, so ist das in meinen Augen Unfug.

Sicher muss man all diejenigen kritisch nach der Leistungsbilanz ihrer Repräsentanten in den Gremien fragen, die den Einzug eben dieser Vertreter in die Gremien einst lautstark bejubelten und goldene Zeiten ankündigten. Dass da wenig Gold war, dafür umso mehr Blech, wer das noch immer bestreitet, der kann offenbar keine Bilanzen lesen und/oder klammert sich an eine Schimäre. Aber selbst das bleibt menschlich! Wenig ist für uns Menschen, und das sind doch wohl auch die Meinungsgegner?, schmerzhafter, als sich von den eigenen Fantasien verabschieden zu müssen. Wer das nicht glaubt, der frage sich einmal, was ihn am Ende seiner letzten (Lebens-)Partnerschaft so geschmerzt hat. Der Verlust des Partners, oder die mit ihm verwobenen Erwartungen für die gemeinsame Zukunft, die sich möglicherweise völlig unerwartet in Luft auflösten?

Am Niedergang des Hamburger Sportvereins und damit an der nun zugespitzten Lage sind wir alle beteiligt. Die, die es zwar seit Jahrzehnten mit dem Verein halten, aber nie eingetreten sind, um ihrer Stimme Gehör zu verschaffen; die, die stimmberechtigte  Mitglieder sind, aber in den vergangenen Jahren den jeweiligen Mitgliederversammlungen fernblieben und so anderen das Feld überließen; die, die sich innnerhalb der Abteilungen dankenswerterweise engagierten, aber nie die Grenzen ihrer Kompetenz erkannten; die, die auf den Versammlungen auf Populismus, Phrasen oder Gags hereinfielen und danach ihr Verhalten bei den Abstimmungen ausrichteten. Wer ohne Schuld sei, der werfe den ersten Stein!

Der Hamburger Sportverein ist nach seinem Selbstverständnis nicht nur Universalsportverein, sondern er ist vor allem ein großer Volksverein, der die unterschiedlichsten Menschen vereint. Die Raute im Herzen, die dürfte ein jeder, gleich welcher Couleur,  für sich reklamieren. Aber was bedeutet das, die Raute im Herzen? Das heißt doch nur, dass ich mit dem Herzen bei diesem Verein bin. Die Vorstellungen darüber, wie und was dieser Verein sein sollte, die liegen und lagen vermutlich schon lange weit, weit auseinander.

Auch ich mag „ehrlichen“ Fußball. Auch mir ist die stetig zunehmende Kommerzialisierung, die damit einhergehende Jubelberichterstattung suspekt. Auch ich würde notfalls mit dem HSV bis in die Niederungen des Amateurfußballs gehen. Schließlich schaue ich im Web regelmäßig auch noch nach Jahrzehnten, was eigentlich der SV Tonndorf-Lohe so treibt, bei dem ich einst das Kicken lernte. Nur sehe ich die Sache mit dem „ehrlichen“ Fußball pragmatisch und (hoffentlich) ohne jede Illusionen.

„Ehrlicher“ Profifußball? Das hielte ich zwar unverändert für erstrebenswert, aber mir kommt da sofort Adornos berühmter Satz in den Sinn, der da behauptete, es gäbe kein richtiges Leben im Falschen. Denkbar ist m.E. höchstens eine Annäherung.

Natürlich ist und bleibt es wichtig, seine Ideale nicht zu verraten. Weniger Geldmaschine, einheitliche Anstosszeiten zugunsten des Amteurfußballs, grundsätzliche Vertragstreue, (um nur einige Beispiele zu nennen)? Sofort einverstanden.

Aber: Der HSV bewegt sich in einem hochkommerziellen, erzkapitalistischen Umfeld, das von härtestem  Konkurrenzkampf gekennzeichnet ist. Der HSV ist auch deswegen der große Hamburger Sportverein, weil er (indirekt) tausenden Menschen Lohn und Brot verschafft. Der HSV ist auch deswegen, zum Beispiel im Gegensatz zum SV Tonndorf-Lohe, groß, weil er u.a. ein eigenes, schönes, modernes Stadion besitzt (Wem das  im Augenblick tatsächlich gehört, das kann man an dieser Stelle ausklammern). Mit dem HSV dank Basisdemokratie notfalls in die Niederungen des Amateurfußballs, das mag auf einen ersten, flüchtigen Blick noch sympathisch erscheinen – es funktioniert nicht. Der HSV, den wir alle kennen, der wäre dort am Ende.

Stadion, Nachwuchleistungszentrum usw. usf. – all das, wofür auch die Mitglieder bezahlt haben, all dies wäre weg. Vom Verlust von tausenden Arbeitsplätzen ganz zu schweigen. Das soll moralisch(er) sein, als das Big Business des Profigeschäfts? Von den auch im Amateurfußball üblichen, schwarz gezahlten Handgeldern ganz zu schweigen. Nein, wer so argumentiert, der ersetzt nur die Unmoral der vielleicht verachtenswerten Geschäftemacherei durch die Unmoral seiner egoistischen Fantasien.

Mitbestimmung finde ich grundsätzlich gut. Es lohnt, dafür zu kämpfen. Unbedingt! Demokratie und Meinungsfreiheit sind unverzichtbare Kernelemente unserer Gesellschaft. Aber wer im Detail gefragt werden möchte, der sollte auch die notwendige Kompetenz besitzen. Wer wollte bei DESY darüber abstimmen, wann die Maschine angeschaltet wird? Das ist doch keine Frage für Amateure! Gefragt werden möchte ich ggf. als unmittelbar betroffener Anwohner, ob so ein Ding überhaupt in meiner Nachbarschaft gebaut wird. Allgemein informiert werden möchte ich, was dort ggf. geschieht. Aber, mal ehrlich!, den Rest müssen Fachleute entscheiden. Alles andere liegt außerhalb meiner Kompetenz.

Profifußball sei unter den gegebenen Bedingungen ein s.g. „Rattenrennen“, das ja ohnehin nicht zu gewinnen sei, daher müsse man sich dem als HSV verweigern, las ich. Dass wir dieses Rennen nicht (mehr) gewinnen können, das mag sogar sein. Ich kann jedenfalls nicht das Gegenteil beweisen. Aber selbst wenn dem so sein sollte, so ist der HSV, so wie er jetzt besteht, gehalten, sich an dem Rennen zu beteiligen. Denn die wirklich absolute Mehrheit seiner Mitglieder und Anhänger wollen möglichst erfolgreichen Erstligafußball. Demokratie,  das bedeutet auch, dies zu respektieren.

„Not for Sale“, das Stadion und die Raute nicht „verramschen“ – mir scheint, als versuchten hier einige jene verlorengegangenen, gesellschaftspolitische Schlachten nachträglich auf dem Rücken des falschen Objekts, des HSVs, zu gewinnen. Ihr wollt Basisdemokratie erhalten und bestenfalls sogar noch ausbauen? Dann müssten wir konsequenterweise demnächst auch über die Mannschaftsaufstellung abstimmen. Oder etwa nicht?

Ja, eine Fußball-AG hat nur noch wenig mit dem Vereinsfußball früherer Zeiten zutun. Und ich sehe diese Entwicklung durchaus nicht unkritisch. Aber der Fußball ansich hat sich auch verändert. Nur haben es viele von uns noch gar nicht bemerkt. Wie oft höre ich jemanden einen unserer Spieler beleidigen, weil der angeblich „seinen Mann nicht gedeckt“ habe. Dazu muss man regelmäßig feststellen: Da ist jemand immer noch in der Steinzeit seines eigenen Amateur-Jugendfußballs und in der Manndeckung verhaftet. Der gegnerische Mann muss in dem Moment u.U. sogar frei sein, weil unser Spieler alles richtig(sic!) gemacht hat.  Mit anderen Worten: Man redet über Fußball, hat aber die Grundprinzipien von Raumdeckung und Kettensystemen überhaupt nicht verstanden. Aber man will zum Thema gefagt werden? Das bleibt menschlich nachvollziehbar, doch ich halte es mit Dingen, bei denen es mir an Kompetenz eindeutig mangelt, so, dass ich Fachleute frage, dass ich mich notfalls selbst schlaumache. Wenn mein Zahn zu pochen beginnt, da frage ich Lieschen Müller höchstens, ob sie mir einen guten Zahnarzt empfehlen kann. Die Behandlung selbst überlasse ich dem Fachmann, nicht ihr. Beim HSV soll das anders sein?

Mehrere Jahre mit SC-Vertretern in den Gremien und weitgehender Mitbestimmung der Mitglieder – was wurde nicht alles versprochen?! Alles würde fortan besser, so hieß es. Unschwer noch immer in den Weiten des Webs aufzufinden. Schließlich hat man sich des bei einigen verhassten Belzebubs, Bernd Hoffmann, entledigt. Und wo steht der HSV jetzt?

Karl Gernandt hat doch Recht, wenn er feststellt, dass der HSV zeitweilig drei Sportdirektoren auf der Payroll hatte. Bekommen hat er die Leistung eines Halben. Nur eines von vielen Beispielen des Irrsinns. Das ist letztlich das Werk inkompetenter Profifußball-Amateure. Dafür tragen wir alle letztlich die Verantwortung. Daran sind wir alle mindestens mittelbar beteiligt.

Totengräber des Vereins seien all die, die sich unverändert nicht für HSVPlus erwärmen können. Mit Verlaub, das ist doch Unsinn! Dafür, dass all das, was an der Ausgliederung hängt, was damit einhergeht, von einigen unverändert  mit Sorge, Ängsten oder wenigstens mit Skepsis gesehen wird, muss und kann man Verständnis aufbringen. Ich spreche doch niemandem, mag sein Standpunkt mir noch so realitätsfern sein, ab, dass er es grundsätzlich gut mit dem HSV meint. Dem HSV, so wie er/sie ihn sieht.

Pluralität der Meinungen, das ist doch grundsätzlich positiv. Ich jedenfalls möchte gar keinen HSV, in dem nordkoreanische Verhältnisse bestehen. Eine positive Streitkultur, in der um den besten Weg gerungen wird – was wollte man sich mehr wünschen? Der Meinungsgegner mag mir ja auf die Nerven gehen, aber er zwingt mich eben auch, meine Argumente sorgfältig und kritisch zu überdenken. Das ist doch nichts Schlimmes. Im Gegenteil.

„Totengräber“ des Vereins, wenn ich schon bei diesem Begriff bin, ist für mich allein eine Struktur des Vereins, die den Einzug von Inkompetenz in die Gremien dank populistischer Mätzchen regelmäßig begünstigt und zugleich damit Kompetenz abgeschreckt, bzw. verhindert hat.

Aber, das sei auch klar und warnend in Richtung von Leuten wie Thorsten Runge und anderen gesagt, die durch Vielfachanträge ganz offensichtlich die Versammlung torpedieren wollen, obwohl ihnen im Vorfeld bereits mehrfach dargelegt wurde, dass der größte Teil ihrer Anträge inhaltlich unsinnig ist: Was ihr da treibt ist zweifellos legal, aber niemals legitim. Was ihr als Konstruktivität vorgebt, ist in Wahrheit destruktiv. Wer derart seine persönlichen Belange über den im Grunde, gleich wie die Abstimmungen auch verlaufen mögen, längst feststehenden Willen der überwältigenden Mehrheit stellt, der betreibt Schindluder mit den demokratischen Instrumentarien. Der ist vollumfänglich verantwortlich, sollte ggf. die Versammlung aus dem Ruder laufen. Und noch etwas sei hier warnend angefügt: Wer im Nachfeld der Versammlung versuchen sollte, auf juristischem  Wege die Umsetzung eines demokratischen Ergebnisses zu verhindern, der rettet nicht den Verein, wie er vielleicht glauben mag, sondern der fügt dem Verein schwersten Schaden zu und belegt zudem, dass ihm jeglicher Anstand fehlt.

Ansonsten gilt: Auch am 26. Mai geht wieder die Sonne auf. Und auch der HSV wird, selbst wenn der Ausgliederungsantrag nach HSVPlus scheitern sollte, fortbestehen. Nur müsste man realistisch gesehen von einer düsteren Zukunft, jedenfalls wenn man in absehbarer Zeit einen finanziell gesundeten und sportlich halbwegs erfolgreichen Hamburger Sportverein sehen möchte, ausgehen.

Respektiert, das möchte ich beiden Lagern zurufen, die Meinungsgegner! Verzichtet auf Provokationen und lasst Euch nicht provozieren! So oder so werden Menschen diesen Verein nicht mehr als (auch) ihren Verein sehen können. Das ist in (fast) jedem Fall zu bedauern. Der große Rest aber, dem muss daran gelegen sein, dass auch in Zukunft ein miteinander (wieder) möglich ist. Man muss nicht jeden lieben, aber man sollte sich um die Basis eines konstruktiven Zusammenlebens bemühen. Im Interesse des Vereins, den wir doch alle, jeder und jede auf seine Weise, lieben.