Tagesspiegel

„Gauchogate“ – Ein Kommentar

+++ Hinweis: Im Text schreibe ich von „Normalisierung“. Dies könnte ggf. zu Missverständnissen führen. Diese von mir behauptete Normalisierung bezieht sich darauf, dass ich das scheinbare Nichtvorhandensein bestimmter Phänomene zu Zeiten der beiden politischen Blöcke als trügerisch und daher unnormal i.S.v. künstlich bewerte. +++

Da ist es wieder, das Bild des chauvinistischen, des hässlichen Deutschen.  Siegestrunken tanzten einige Spieler der deutschen Mannschaft auf der Bühne der Fanmeile vor dem Brandenburger Tor. Das allein wäre keine Meldung wert gewesen, doch sie besangen eine behauptete Differenz im Gang zwischen den im Finale der WM unterlegenen Argentiniern  und den Deutschen. „So geh’n Gauchos, die Gauchos geh’n so“ schmetterten sie, während sie sich mit gebeugtem Oberkörper und schleppenden Schritten bewegten. Im zweiten Teil ihres Gesanges („so geh’n die Deutschen“) gingen sie dann aufrecht, rissen die Arme nach oben und sprangend hüpfend über die Bühne. Schlimm, ganz schlimm. Oder etwa doch nicht?

Prompt schrieben diverse deutsche Leitmedien vom „Gauchogate“. Die Mannschaft, so las man, habe ein „gigantisches Eigentor “ (FAZ) geschossen. Die taz wusste gar von einer „kriegergleichen Überhöhung des eigenen Selbst“ zu berichten und der TAGESSPIEGEL fragte besorgt, ob es auch das sei, was von der Weltmeisterschaft in den Köpfen vieler Menschen außerhalb Deutschlands hängen bliebe.

Ich gestehe, ich fand diesen Tanz nicht witzig. Ich fand ihn überflüssig. Das hätte man sich sparen können, kein Zweifel.

Grotesk fand ich jedoch, was mancher Kommentator vor allem in den sozialen Medien festgestellt haben wollte. Die deutschen Spieler hätten sich hier „rassistisch“ über klein gewachsene Argentinier lustig gemacht, die sie mit ihrer Einlage angeblich als „Nichtskönner“ diffamiert hätten.

Alter Schwede, lasst mal die Kirche im Dorf! [Anm. des Lektors: Uh, das Skandinaviengate ante  portas]

Ja, Deutschland hat aufgrund seiner jüngeren Geschichte eine besondere politische Verantwortung. Und ja, ich finde es gut, wenn man sich auch und gerade in Deutschland kritisch selbst beäugt. Eine Selbstüberhöhung des Deutsch-Nationalen verbietet uns nicht nur die Nazi-Zeit, sondern auch die beschämende politische Kontinuität der Brandanschläge von Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen und der Mordtaten des braunen Terrors der NSU.

Was aber hat das mit dieser Tanz- und Gesangseinlage zu tun?!

Ein Verlierer verlässt den Ort seiner Niederlage oft „geknickt“ und eben nicht mit stolzgeschwellter Brust aufrecht gehend. Die gesungene Behauptung ist für mich daher eine rein deskriptiv gemeinte. Für alles andere, darüber hinausgehende, fehlt es an tatsächlichen Anhaltspunkten.

Der klein gewachsene Argentinier? Der wurde tatsächlich nicht besungen. Der Nichtskönner, den gab es nur in der Fantasie bestimmter Betrachter. Rassismus? Ich glaub, es hackt! Ein Spieler mit albanischen Wurzeln, ein Spieler mit türkischem Familienhintergrund, ein Spieler mit ghanaischem Elternteil – sie alle haben sich für die deutsche Nationalmannschaft entschieden, sind selbstverständlicher Teil des Teams und des Erfolges. Und die sollen jetzt im Sinne eines „Deutschland, Deutschland über alles“ verdächtig sein? Absurd!

Ja, wir haben unverändert auch ein Rassismus-Problem in Deutschland. Gerade in den Fußballstadien. Wer kennt sie nicht, diese dumpfen Affenlaute, mit denen dunkelhäutige Spieler bis heute verhöhnt werden?! Homophobie, Rassismus – all dies ist bis heute gegenwärtig. Es ist daher nicht nur wichtig, wachsam zu sein, sondern sogar notwendig, an der Auflösung dumpfer Vorurteile weiter und mit Nachdruck zu arbeiten.

Aber, auch das ist Realität, Chauvinismus, Rassismus und Homophobie sind und waren nie ein rein deutsches Phänomen. Und um etwaigen Unterstellungen hier gleich den Boden zu entziehen: damit soll weder die fortdauernde besondere Verantwortung Deutschlands relativiert, oder gar die in deutschem Namen begangenen Untaten exkulpiert werden.  Gemeint ist hier: Auch in Frankreich, Italien, Österreich, Ungarn, sogar in den traditionell als liberal geltenden  Niederlanden – überall buhlen rechte Demagogen z.T. leider überaus erfolgreich an Resentiments anknüpfend um die Gunst der Wähler. Von den offen faschistischen Bewegungen  (keineswegs nur in Weißrussland und Russland) ganz zu schweigen.

Ich befürchte, diese Entwicklung ist Teil eines Normalisierungsprozesses. Was zu Zeiten der beiden politischen Blöcke (mehr oder minder) unter dem Deckel gehalten wurde, nur scheinbar nicht existierte, wird in einer pluralistischen, demokratischen Gesellschaft eben sichtbar. Die sich für den Einzelnen z.T. bis ins Unerträgliche zuspitzende Wirtschaftkrise in Teilen Europas, die mit der fortschreitenden Globalisierung verbundene Unübersichtlichkeit der politischen Verhältnisse befeuert offenbar länderübergreifend Ängste vor dem Verlust. Dem Verlust von Arbeitsplätzen etwa oder gar einer nationalen Identität.

Nun wird in Deutschland gejubelt. Offen werden längst wieder die Nationalfarben zur Schau gestellt. Etwas, was aus durchaus guten Gründen lange Zeit undenkbar schien. Aber schwarz-rot-gold – das steht m.E. heute in erster Linie für ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Und zu diesem Gemeinschaftsgefühl gehören heute auch Spieler wie Mustafi, Özil und Boateng. Dies dürfte m.E. inzwischen Konsenz in der Mitte und Mehrheit dieses Landes sein. Zum Glück.

Deutschland, jedenfalls erlebe ich es so, ist weiter auf einem höchst komplizierten Weg, eine seiner selbst tatsächlich angemessen selbstbewusste politische Rolle zu finden. Die Schwierigkeiten im Umgang mit der Massenbespitzelung durch internationale und nationale Geheimdienste, die nicht einmal vor politischen „Freunden“ und führenden Repräsentanten dieses Staates halt machte, künden davon.

Aber auch eine überbordende Political Correctness, die jederzeit mit der Faschismus-Keule daherkommt (dass dieser Vorwurf der Mannschaft dann doch nicht gemacht wurde, hat mich fast gewundert) ist für mich Ausdruck von etwas Unnormalen. Dieses Bemühen ums super korrekt sein, führt,  die USA lassen grüßen, am Ende zur Inhaftierung von Schulkindern aufgrund angeblicher sexueller Übergriffe (nach einem Küßchen unter Kindern im Grundschulalter).

Deutschland hat, wer wollte das bestreiten?!, mit vielen gesellschaftlichen Problemen und Widersprüchen zu kämpfen. Stellvertretend sei erneut auf die unverändert auch vorhandenene Fremdenfeindlichkeit, die Homophie, die Korruption oder die in Teilen im moralischen Sinne Verkommenheit der politischen und wirtschaftlichen Elite hingewiesen. Es bleibt unzweifelhaft viel zu tun.

Gerade deswegen geht mir dieses Oberlehrerhafte, dieser Anspruch, jederzeit auch moralisch Weltspitze zu sein, mit dem hier eine vergleichsweise Petitesse hochgejazzt wird,  auf die Nerven.

Ja, diese Tanz-und Gesangseinlage hätte man sich besser erspart. An den höchsten Maßstäben sportlicher Fairness gemessen kann man sie als unbedacht (im Sinne von nicht ausreichend durchdacht), unnötig oder auch dumm bezeichnen. Aber Hand auf ’s Herz! Wer der einschlägigen Kommentatoren hat noch nie etwas gesagt oder getan, was unter einem  hoch moralischen Blickwinkel zweifelhaft erscheint? Da hat eine Mannschaft über viele Jahre auf das höchste sportliche Ziel hingearbeitet, hat nach dessen Erreichen ausgelassen und vermutlich auch mit dem einen oder anderen Glas Alkohol gefeiert. Dann klettern sie übernächtigt aus dem Flieger. Offenbar hatte sich jede Gruppe (der Spieler) einen eigenen Gag einfallen lassen. Der hier fragliche ging daneben. So what?!

Wer daraus einen Schaden für das Renomee dieses ganzen Landes oder auch nur dieser Mannschaft ableiten will, der nimmt sich, dieses Land und sogar diesen sportlichen Erfolg viel zu wichtig. Denn durch den Weltmeistertitel für eine Fußballmannschaft ändert sich an den wirklichen Problemen, die dieses Land unübersehbar hat, rein gar nichts.

Fußballberichterstattung ohne tatsächlichen Mehrwert für die Konsumenten

Man hat es dieser Tage nicht leicht als Fußball-Fan. Wer wüsste das nicht besser, als die Fans des akut vom Abstieg bedrohten Hamburger Sportvereins. Auch mir geht es so, dass ich mit den kleinen Teufelchen in meinem Kopf zu kämpfen habe, die beständig auf die schwindenen Chancen pochen und den Niedergang beschwören. Dennoch bemühe ich mich, Ansatzpunkte zu entdecken, die einen Klassenverbleib möglich machen. Das hat übrigens nichts mit notorischem Schönreden zu tun, sondern mit erlebter Wettkampf-Erfahrung und fachlichem Wissen.

Ich wollte hier ursprünglich bis zur Vorschau auf das kommende Spiel gegen Leverkusen die Klappe halten. Denn wer braucht schon Artikel oder Interviews, deren hauptsächliches Anliegen das Füllen von Seiten und die Generierung von Klicks sind? Ich nicht. Zum Glück. Infotainment zum Fußball mit dem Schwerpunkt Entertainment, man denke nur an Formate wie den Doppelpass auf Sport1, gibt es bereits mehr als genug. Sie sind Teil der Vermarktungsmaschinerie rund um diesen Sport.

Uli Potofski, ein von mir geschätzter Moderator, sagte neulich auf die Frage, ob Sportjournalisten in den vergangenen Jahren unterwürfiger geworden seien:

„Wir Journalisten verkaufen die Ware Fußball. Wer das bestreitet, ist naiv. Auch klar: Niemand würde die Ware, von dessen Verkauf er lebt, ständig schlechtreden. Es ist daher nur die logische Folge, dass es auch im Sportjournalismus teils bedenkliche Entwicklungen gibt. An der einen oder anderen Stelle müsste man den soziologischen Hintergund intensiver untersuchen, denn der ist defintiv nicht derart positiv, wie wir alle tun.“ (Das ganze Interview gibt es hier: http://www.dwdl.de/nachrichten/45269/ulli_potofski_die_poebler_tun_mir_leid/page_1.html)

Nun ist es grundsätzlich verständlich, dass man als Journalist nicht den Ast absägt, auf dem man selber sitzt, also das „Produkt Fußball“ schlechtmacht. Ein steter Quell des Ärgernisses bleibt für mich jedoch, wenn ich mich als Konsument beständig an der Nase herumgeführt und betrogen sehe. Vom Sportfachjournalismus erwarte ich als Leser, Zuhörer oder Zuschauer einen Mehrwert, nicht offensichtliche Selbstinszenierung, Pseudo-Skandälchen zum Zwecke der Auflagensteigerung oder gar übelste Stammtisch-Plattitüden.

Nur drei Beispiele aus den letzten Tagen:

1. der SPEGEL-Autor, Peter Ahrens, fabulierte unter der Überschrift „das war’s dann wohl“ (http://www.spiegel.de/sport/fussball/hsv-hamburg-vor-abstieg-aus-bundesliga-a-961627.html), die Anhänger des Vereins sollten sich mit dem Abstieg abfinden. Seine Begründung basiert im Wesentlichen auf der Lektüre der Tabelle und dem Restprogramm. Und sie gipfelt in der Behauptung:

„Die Trainerwechsel von Thorsten Fink über Bert van Marwijk zu Mirko Slomka haben wenig bis gar keine Wirkung gezeigt. Das Team hat direkt nach dem Wechsel zunächst wie ein Reanimierter agiert, der unvermittelt wieder Körperreaktionen zeigt. Danach aber ist die Mannschaft rasch in ihr gewohntes Siechtum verfallen.“

Nun hat jeder ein Recht auf eine eigene Meinung. Und selbstverständlich kann man die Aussichten auf den Klassenerhalt pessimistisch einschätzen. Als Leser wünschte ich mir jedoch, dass mir ein Fachjournalist eine Expertise vorlegt, die auf mehr beruht als auf seinem persönlichen Gefühl, Erfassung des Tabellenplatzes und der Übernahme der Papierform der Gegner im Restprogramm. Die Tabelle und die Namen der noch ausstehenden Gegner lesen – das kann der Leser allein. Wo ist also der Mehrwert? Abgesehen davon haben sich diverse Details, sowohl was das mannschaftliche Verhalten als auch die Leistungsentwicklung einzelner Spieler angeht, sehr wohl verändert (Ich erspare mir hier eine genaue Begründung. Wer hier mehr wissen will, der kann im Archiv nachschlagen.). Was sich nicht wesentlich verändert hat, das ist wohl wahr, ist die Tatsache, dass es bisher nicht gelungen ist, die Abstiegsränge zu verlassen. Aber noch einmal: Tabellen lesen konnte ich schon als Schulkind…

2. Ebenfalls der SPIEGEL kommt Ende März, mithin gegen Ende der Saison(!), mit einer Statistik um die Ecke, die u.a. dem HSV und dem VfB Stuttgart eine annähernd Fifty-fifty-Chance zur Frage des Klassenverbleibs einräumt. Grundgütiger! Wer hätte das zu diesem Zeitpunkt der Saison gedacht?! Empirische Aussagen ohne jeden tatsächlichen Erkenntnisgehalt. Nachzulesen hier: http://www.spiegel.de/sport/fussball/bundesliga-statistik-hamburger-sv-und-vfb-stuttgart-im-abstiegskampf-a-961114.html

3. Wer die Nachberichterstattung gestern Abend im ZDF zum Spiel Real Madrid – BvB nicht verfolgt hat: Da fragte der Moderator, Jochen Breyer, den mit 0:3 unterlegenen Trainer des BvBs, Jürgen Klopp, ob die Dortmunder damit nun ausgeschieden seien. Ja, Wahnsinn, super Frage! Das, genau das wollte ich schon immer bei derartigen Ergebnissen wissen! Was soll ein Trainer darauf antworten? Etwa: „klar, die Sache ist gelaufen. Wir streichen die Segel und treten zum Rückspiel gar nicht mehr an.“?
Als Zuschauer hätte mich interessiert, ob Klopp trotz den enttäuschenden und wenig Mut machenden Ergebnisses dennoch Ansatzpunkte sieht, die Hoffnung machen, um „against all odds“ das Blatt zu drehen. So aber kam es zum wohl kalkulierten „Aufreger“. Das Gespräch war rasch beendet. Moderator Breyer und Experte Kahn spielten noch ein wenig Pingpong. Und ich als Konsument verabschiedete mich aus der Sendung: Gute Nacht, ZDF, schlaft auch ihr schön (weiter)! Der TAGESSPIEGEL hat das Ganze treffend kommentiert: http://www.tagesspiegel.de/medien/real-madrid-borussia-dortmund-jochen-breyer-gegen-juergen-klopp-trash-talk-statt-analyse/9709686.html

Nun ist der SPIEGEL wahrlich nicht die Referenzquelle Nummer eins für Fußballberichterstattung. Aber es stimmt doch sehr bedenklich, dass immer mehr etablierte Medien, und zu denen gehört auch das Magazin aus Hamburg zweifellos, eine Form der Pseudo-Berichterstattung pflegen, deren substanzieller Gehalt gen Null tendiert. Ein weiteres unschönes Beispiel in diesem Zusammenhang ist in jedem Jahr auch das Sonderheft vom KICKER zu Saisonbeginn. Lange vor Transferschluss werden Prognosen für die Vereine veröffentlicht, die meist schon zum Verkaufsstart das Papier nicht wert sind, auf dem sie geschrieben wurden. Warum? Weil inzwischen oft wichtige Transfers, die die Chancen der Vereine maßgeblich beeinflussen, erst gegen Ende der Transferperiode erfolgen. Eine seriöse Vorhersage ohne Einbeziehung relevanter Faktoren ist daher schlicht nicht möglich. Mit anderen Worten: Auch hier Pseudo-Expertise ohne tatsächlichen Mehrwert für den Konsumenten – wenn man von der beigelegten Stecktabelle einmal absieht.

Und da fragt sich mancher, warum die „Käufer“ zu den meist kostenfreien Online-Angeboten abwandern… Am Ende ist es eben so: die Bereitschaft, für etwas zu bezahlen, ist auch an die Qualität geknüpft. Wer mir beständig eine Karosse ohne Motor anpreist, dem kaufe ich kein Auto ab. So gesehen mag das die Branche bekümmern, aber gesellschaftlich ist das vielleicht ein ermutigendes Zeichen. Ganz so dämlich, wie manche in der Medienbranche offenbar meinen, sind die Konsumenten dann doch nicht.