Das Bruderduell: Vorschau auf die Partie Hannover 96 – HSV

Vor zwei Wochen traf ich einen Bekannten, einen bekennenden „96“-Fan. Da den großen und den kleinen HSV bekanntlich eine Fan-Freundschaft verbindet, kamen wir natürlich schnell auf die Lage bei unseren jeweiligen Vereinen zu sprechen. Er äußerte sein Mitgefühl für uns und brachte die Hoffnung zum Ausdruck, dass uns der Klassenerhalt am Ende doch noch gelingen möge. Ich erzählte ihm, dass ich gerade das Restprogramm durchgetippt hätte. Das Ergebnis sei gewesen, dass es auch für „96“ noch einmal ganz, ganz eng werden könnte. Darauf er: „Ja, das ist so sch…-knapp dieses Jahr, das fürchte ich auch!“ Nun kommt es also am Samstag zum Aufeinandertreffen. Und ich kann mich gerade nicht erinnern, ob es je zuvor ein Bruderduell gegeben hat, dessen Ausgang Austragung unter derartig dramatischen Vorzeichen stand. Der HSV muss nach Möglichkeit durch einen weiteren Dreier in Hannover den Druck auf die anderen, gefährdeten Vereine hochhalten, die, das zeigten die vergangenen Wochen, keineswegs daran denken, die Waffen freiwillig und vorzeitig zu strecken. Hannover, das schon fast gerettet schien, verlor zuletzt vier Mal in Folge (0:3 gegen den BvB; 3:1 in Hoffenheim; 1:2 gegen Bremen; 3:0 in Braunschweig) und steckt nun wieder mittendrin im Abstiegskampf. Und auch rund um den Maschsee und die Leine zeigen sich bereits die üblichen Reflexe: ein Paar hundert Anhänger bepöbeln die eigene Mannschaft, während die Vereinsführung beteuert, man stünde unverändert hinter dem eigenen Trainer. Kenner der Bundesligahistorie spotten in diesem Zusammenhang gerne, dass es die Vorstände deswegen oft so eilig haben, sich hinter ihren jeweiligen Trainer zu stellen, da sie den dann von hinten besser aus dem gemeinsamen Boot kippen können – um es einmal vornehm auszudrücken. Besondere Ironie an dieser Geschichte: HSV-Trainer Slomka trainierte bekanntlich noch vor wenigen Monaten die Hannoveraner. So könnte also ausgerechnet ein Auswärtssieg der Hamburger zur Entlassung seines Nachfolgers in Hannover führen, auch wenn Hannovers Boss, Herr Kind, das Gegenteil beteuert.

Für Mirko Slomka ist in seinem 223. Spiel als Bundesligatrainer der 100. Sieg möglich. Bis zum jetzigen Zeitpunkt holte er als Hamburger Trainer 1,4 Punkte je Partie im Durchschnitt. Dieser Quotient wäre wohl deutlich besser, wäre es den Hamburgern zuletzt gelungen, auch auswärts regelmäßig zu punkten. Aber da man gelegentlich die Auffassung hört (oder liest), es habe sich unter Slomka wenig bis nichts verändert – das gilt, wenn überhaupt, allein für den Tabellenstand. Erinnert sich jemand noch, wie unter Fink und van Marwijk die fehlenden Heimsiege angeprangert wurden? Es ist doch wohl kaum zu bestreiten, dass die Hamburger unter Slomka ordentliche bis gute Leistungen in der heimischen Arena gezeigt haben, oder? Ebenfalls unbestreitbar ist jedoch auch, dass aktuell die Auswärtserfolge fehlen. Wen wundert es noch, dass der heimische Boulevard flugs von einem „Auswärtsfluch“ für den HSV und seinen Trainer fabulierte. Ählich wie bei erfolglosen Stürmern, denen man die trefferlosen Minuten vorrechnet, werden nun bei Slomka die Auswärtsspiele seit dessem letzten Sieg in der Fremde addiert. Das Ziel ist klar: „Fluch“, uiuiui!, das hört sie bedrohlich an, das emotionalisiert. Und weil es emotionalisiert, regt es schlichtere Gemüter zum Kauf der Zeitungen mit den größeren und größten Buchstaben an. Allein mit tatsächlicher Information hat das allenfalls ganz am Rande zu tun. Zwar sind die fehlenden Erfolgserlebnisse faktisch nicht von der Hand zu weisen, jedoch kamen sie mit zwei völlig unterschiedlichen Mannschaften zustande. Nicht nur, dass beide Kader personell und taktisch unterschiedliche Möglichkeiten eröffnen, auch die Charaktere in beiden Teams dürften sich voneinander deutlich unterscheiden. Blieben also zunächst nur zwei sachliche Erklärungsmodelle für die Auswärtsschwäche: Entweder ist Slomka plötzlich nicht mehr ausreichend qualifiziert, um seine Mannschaften für Auswärtspartien erfolgreich ein- und aufzustellen (bliebe zu fragen, warum das der Fall sein sollte…?!), oder er ist „verhext“. Wer letzteres ernsthaft in Erwägung zieht, der sollte sich m.E. umgehend in psychiatrische Behandlung begeben. Wahrscheinlich ist, und damit wäre ich bei einem dritten Erklärungsversuch, das Folgende: es ist eine Mischung aus spezifischen Besonderheiten (u.a. Ausfälle beim HSV) und Zufall. Einen könnte die beide Kontrahenten jenseits ihrer prekären Platzierung in der Tabelle allenfalls, dass sie derzeit namhafte Ausfälle zu beklagen haben. Dem Hamburger SV fehlt bekanntlich seit Wochen der schnelle und torgefährliche Beister. Zudem musste man auch wiederholt ohne Ilicevic und Torjäger Lasogga auskommen. Hannovers Trainer, Tayfun Korkut, fehlen aktuell  u.a. die Stürmer Artur Sobiech und mehr noch Mame Diouf. Ich behaupte: hätten Slomka in Hamburg mindestens zwei der drei (immer mal wieder) verletzten Stürmer konstant zur Verfügung gestanden – der HSV hätte mit Slomka längst auch auswärts gepunktet.

Gerade rechtzeitig vor dem Spiel in Hannover gibt es aus Sicht der Hamburger einige erfreuliche Nachrichten: die zuletzt angeschlagenen van der Vaart und Zoua sind wieder einsatzbereit. Auch bei Ilicevic dürfte zumindest ein Kurzeinsatz möglich sein. Für Jansen kommt das Spiel noch zu früh. Angeblich soll er jedoch nächste Woche wieder ins Training einsteigen. Bedenkt man bei „Cello“ die Länge der Ausfallzeit, so wird es wohl mindestens weitere vierzehn Tage benötigen, um ihn an die volle Belastung heranzuführen. Immerhin könnte er vielleicht schon gegen den FC Augsburg am 32. Spieltag (27.4.)  wieder zur Verfügung stehen, sofern alles gut geht. Wenig erfreulich: Beim wiederholt mit muskulären Problemen kämpfenden Lasogga wird weiter mit Nachdruck an der Ursachenbehebung gearbeitet. Angeblich wurde bei einer zahnmedizinischen Untersuchung ein Entzündungsherd lokalisiert, dieser konnte jedoch noch nicht abschließend behandelt werden. Zwischenzeitlich war er zu einer Kontrolluntersuchung bei Dr. Müller-Wohlfahrt in München. Mit einem Einsatz gegen den kleinen HSV ist keinesfalls zu rechnen. Dem Vernehmen nach wird er sogar weitere zwei Wochen vollständig aus der Belastung genommen. Da er danach erst wieder „aufgebaut“ werde muss, wird er  wohl erst wieder im letzten Saisonspiel voll einsatzbereit sein. Definitiv ebenfalls ausfallen wird auch Badelj. Ich rechne daher aus Sicht des Hamburger Sportvereins mit folgender Aufstellung:

Adler – Diekmeier, Djourou, Mancienne, Westermann – Calhanoglu, Rincon, Arslan, Jiracek (Ilicevic) – van der Vaart – Zoua

Erneut im Kader wird wohl U23-Stürmer Maggio sein, der von Slomka in der PK zum Spiel ausdrücklich für seinen Einsatzwillen gelobt wurde. Im Training bei den Profis hat er jedenfalls seine Treffsicherheit inzwischen mehrfach nachweisen können. Sollte Jiracek beginnen, wovon ich ausgehe, dürfte allerdings Ilicevic die erste Option bei einer offensiven Auswechselung darstellen. Ebenfalls gute Einsatzchancen im Laufe der Partie dürfte Tesche besitzen.

Hannover 96 spielte unter Korkut in den letzten Wochen durchweg in einem flachen 4-4-2. Die Stärken der Mannschaft liegen unverändert im Umschaltspiel. Das erscheint wenig verwunderlich, da der Stil der Mannschaft über mehrere Jahre maßgeblich vom heutigen HSV-Trainer Slomka und dessen 10-Sekunden-Regel (von der Balleroberung bis zum Tor-Abschluss) geprägt wurde. Interessant wird sein, wie Tayfun Korkut die linke Seite besetzt. Für das linke Mittelfeld fällt der trickreiche Huszti definitiv aus (5. gelbe Karte). Zuletzt spielte mit Edgar Prib ein gelernter Mittelfeldspieler dahinter, also als Linksverteidiger. Ich könnte mir vorstellen, dass Prib nun nach vorn gezogen wird. Da mit Pocognoli ein Linksverteidiger mit Leistenproblemen fehlt, wäre Christian Pander m.E. die logische Besetzung. Dieser stand zuletzt aufgrund einer Innenbanddehnung im Knie zwei Monate, von Mitte Januar bis Mitte März, nicht zur Verfügung, sollte aber inzwischen normalerweise wieder voll einsatzfähig sein. Sollte Korkut trotz der jüngsten Niederlagenserie unverändert an einem System mit zwei Stürmern festhalten, so dürfte neben Ya Konan der vom HSV ausgeliehene Rudnevs zum Einsatz kommen. „Rudi“ ist ja in Hamburg bestens bekannt. Ein extrem lauffreudiger und kampfstarker Stürmer, der auch in Hannover bereits nachgewiesen hat, dass er weiß, wo das Tor steht. Da beide Stürmer der Niedersachsen eher klein gewachsen sind (Ya Konan, 1,74m; Rudnevs 1,82m), dürfte normalerweise Torgefahr aus Kopfbällen nur bei Standards für Hannover vor allem durch die aufgerückten Innenverteidiger entstehen. Ein weiterer Punkt, der grundsätzlich  für eine auf schnelles Umschaltspiel angelegte taktische Ausrichtung des kleinen Bruders spricht. Für die Hamburger gilt es also erneut, Geduld zu bewahren. Ballverluste in der Vorwärtsbewegung sind tunlichst zu vermeiden, um die „96er“ nicht zum kontern einzuladen. Ansonsten freue ich mich auf Leon Andreasen, einem überaus sympathischen Spieler, der in seiner Karriere vom Verletzungspech verfolgt wurde, der aber zu außergewöhnlichen Leistungen fähig ist.

Psychologisch sehe ich den Hamburger Sportverein im Vorteil. Das Hinspiel konnte man mit 3:1 für sich entscheiden. Zwar fand das damalige Spiel unter gänzlich anderen Voraussetzungen statt (Trainerwechsel), dennoch hat es gezeigt, dass man die Niedersachsen durchaus schlagen kann. Hannover wähnte sich zwischenzeitlich schon im gesicherten Mittelfeld, steht nun aber unvermittelt unter erheblichem Druck. Eine weitere Niederlage und man schwebte in höchster Abstiegsgefahr. Natürlich werden sich die Hannoveraner mit Macht gegen den negativen Trend stemmen und ihren Zwei-Punkte-Vorsprung in der Tabelle verteidigen wollen. Nach der Niederlagenserie dürfte dennoch eine gewisse Unsicherheit und Unruhe auch in der Mannschaft  vorhanden sein, die sich noch weiter steigern könnte, sollte es dem HSV gelingen, auswärts in Führung zu gehen. Ich schrieb es schon mehrfach: Wer von hinten kommt, ist mental oft demjenigen gegenüber im Vorteil, der einen Vorsprung verteidigen will und muss. Der HSV hat, betrachtet man die Details, nicht nur unter Slomka eine positive Entwicklung genommen, sondern scheint, nimmt man vor allem das letzte Spiel gegen Leverkusen zum Maßstab, trotz aller personeller Ausfälle endgültig im Abstiegskampf angekommen zu sein. Drucksituationen, und Abstiegskampf ist Existenzkampf und damit Druck pur!, werden im Kopf gemeistert (oder eben nicht). Hier sehe ich den Hamburger SV durch Slomka mindestens auf Augenhöhe, wenn nicht sogar klar im Vorteil gegenüber den anderen Konkurrenten. Fachlich gesehen kann man eine Mannschaft und ihr Umfeld kaum besser einstellen, als er dies seit Amtsantritt in Hamburg macht: positiv bleiben und sich auf den jeweils nächsten Schritt fokussieren. Man sieht, finde ich, besonders an Spielern wie Djourou oder Zoua, wie leistungsfördernd es sich auswirken kann, wenn die Spieler einen gewissen Rückhalt auch durch den Trainer verspüren, statt öffentlich ans Kreuz genagelt zu werden. Auch Arslan und Calhanoglu sind klar im Aufwind. Insbesondere Letzterer ist nach einer verständlichen Anspassungszeit an das höhere Niveau in der Ersten Liga angekommen und entwickelt sich – hoffen wir, gerade noch rechtzeitig – zu einem absoluten Leistungsträger, um den uns jetzt schon der eine oder andere Verein beneiden dürfte. Slomkas persönliche Auswärtsbilanz hin oder her – es gibt aus Hamburger Sicht keinen Grund, diesem Spiel mit etwas anderem als Zuversicht entgegenzusehen. Um den Bogen zu meinem Einstieg in diesen Artikel zu schließen: nach der Partie drücke ich auch dem kleinen Bruder die Daumen, dass sie den Abstiegskampf ebenfalls erfolgreich meistern können. In diesem Spiel aber sitzt mir das Hemd näher als die Hose.

Die Partie wird geleitet von Schiedsrichter Hartmann aus Wangen.

Ps. ich werde mich zum jetzigen Zeitpunkt hier weder an Debatten über die Strukturreform noch an angeblichen Transferabsichten beteiligen. Diese erfolgen derzeit zur absoluten Unzeit. Bis zum Saisonende gilt nur eins: die Klasse erhalten! Nach der Saison ist noch ausreichend Zeit vorhanden, um diese zweifellos auch wichtigen Themen angemessen zu behandeln.

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4 Kommentare

  1. Guter Vorbericht.
    Eine Frage habe ich aber noch: Ich habe nie verstanden, ob es besser ist, wenn Vorgesetzte vor oder hinter ihren Mitarbeitern stehen. Bisher war meine Tendenz, dass davor zu stehen das Bessere ist.
    Gesoannt bin ich auf die Anfeuerung durch die Fans. Normal rufen beide Gruppen nach dem HSV. Ich glaube daher an ein unentschieden, das nicht so richtig hilft. Wir werden allerdings die Bayern schlagen. Da bin ich sicher.
    Ich werde mir das Spiel ansehen, wenn ich das Ergebnis kenne. Bis dahin hoffe ich , dass Dortmund gegen die Lederhosen gewinnt, glaube es aber nicht.

    1. In meinen Augen sind die besten Vorgesetzten, die vor und hinter einem stehen. Vor, um jeglichen Gegenwind oder Sturm aufzuhalten, hinter dem Mitarbeiter, damit dessen Entscheidungen gestützt werden 😉

      Leider gibt es nach Arnesens Demission niemanden mehr im HSV-Vorstand, allein Slomka als Trainer lebt dies vor, dabei ist seine Halbwertzeit vom Erfolg abhängig, wenn auch vielleicht nicht mehr diese Saison, so dann aber in der nächsten.

  2. Ich fahre nach Hannover und hoffe mit einem Lächeln im Gesicht die Rückfahrt anzutreten.
    Auf Calhanoglu spricht mich nach jedem Spiel mein Werder Freund von der Weser neidisch an.
    Guter Vorbericht Trapper.

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