Strahlkraft aus Tradition vs. gekaufte Strahlkraft: HSV – VfL Wolfsburg

+++ AKTUALISIERUNG: Westermann wird spielen. Laut HSV.de hat es bei Badelj doch nicht gereicht. Er ist angeblich nicht im Kader. Außerdem hatte ich in meiner erwarteten Aufstellung Zoua gleich zweimal drin. Da das den guten Jacques überfordert, habe ich die Prognose korrigiert. Sorry! +++

Bevor ich mich hier mit der kommenden Partie beschäftige – einen herzlichen Glückwunsch an Tayfun Korkut und Hannover 96! Die „96er“ haben die Gunst der Stunde nach dem Sieg über den Hamburger Sportverein nutzen können und legten gestern Abend mit einem 2:3 Auswärtssieg bei der Eintracht aus Frankfurt nach. Mit nunmehr 35 Punkten sollte der Abstieg der Niedersachsen aus der Eliteliga kein Thema mehr sein.

Der HSV empfängt am Samstagabend einen anderen Verein aus Niedersachsen,  den VfL Wolfsburg. Das gibt mir die Gelegenheit, mich zu einer Thematik zu äußern, die unter Fußballfans in Deutschland regelmäßig zu Kontroversen führt: Traditionsvereine vs. Kunstprodukte. Wobei Anhänger der „Wölfe“ vermutlich jetzt schon wütend aufheulen, wenn ich ihren Verein in diesen Zusammenhang stelle.

Ich gestehe, ich kann mich zu dieser Thematik nicht échauffieren. Natürlich sind es Marketinggründe, wenn sich ein Verein wie die TSG Hoffenheim auf eine Tradition beruft, die angeblich bis 1899 zurückreicht. Tatsächlich, das ist m.E. unbestreitbar, ist der Verein bundesweit erst durch das Engagement des SAP-Mitgründers, Dietmar Hopp, nennenswert in Erscheinung getreten. Erst die Millionen, die Hopp in den Verein investierte, erlaub(t)en den Hoffenheimern im Konzert der Großen mitzuspielen. Ohne dessen Moos – nichts los im beschaulichen Sinnsheim. Aber, und das finde ich an dem Projekt „TSG“ spannend, man hat das Geld von Hopp meist klug und nachhaltig investiert. Mit Ralf Rangnick, einem wenn nicht gar dem größten Visionär unter den deutschsprachigen Trainern, gelang der TSG seinerzeit der Durchmarsch in die Bundesliga. Dazu hatte man den Mut, mit dem ehemaligen Hockey-Nationaltrainer, Bernhard Peters, einen Nicht-Fußballer ins Boot zu holen. Ich behaupte, beide Personalien zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie dem traditionell erzkonservativen deutschen Fußball wichtige Impulse gegeben haben. Rangnick etwa hatte schon mit dem SSV Ulm bewiesen, was bis dato als unmöglich galt: dass man mit einer deutschen Fußball-Mannschaft sehr wohl erfolgreich die Viererkette spielen lassen kann. Der kongeniale Peters dürfte n.v.m. mitbewirkt haben, dass ein im Feldhockey längst bekanntes taktisches System, das 4-1-4-1, auch im Fußball Einzug fand. Auch trainingsmethodisch kamen aus Sinnsheim wichtige Anregungen. So ließ man u.a. die eigenen Stürmer immer wieder neue, unvorhergesehene „Probleme lösen“, statt ihnen feste Spielzüge vorzugeben. Auch der Blick über den Tellerrand des Fußballs, z.B. zum Futsal, oder durch die konsequente Einbeziehung der Sportpsychologie, war bei den Hoffenheimern längst Usus, während die etablierten Traditionsvereine z.T. noch mit Konditionsgebolze ohne Ball in der Steinzeit der Trainigsmethodik verweilten. Was mich also für einen Emporkömmling wie die TSG einnimmt, ist der Inhalt, nicht die Verpackung. Und seien wir ehrlich – ein Bißchen mogeln gehört bei der Geburtszahl dazu. Der Hamburger SV beruft sich bei seinem angeblichen Gründungsdatum 1887 auch auf einen Vorgängerverein. (Der HSV wurde tatsächlich erst am 2. Juni 1919 gegründet.) Im Übrigen ist Tradition etwas, was im Laufe der Zeit entsteht und nicht per se gegeben ist. Wenn etwas aber erst entstehen muss, dann muss es prinzipiell auch einen Anfang nehmen dürfen. Das reine Gejammer, die Anderen hätten keine Tradition, ist die Klage von Besitzstandswahrern, die verkennen, dass sich auch ihre Tradition erst entwickeln musste.

Etwas anders verhält es sich aus meiner Sicht mit Vereinen wie RB Leipzig oder dem VfL Wolfsburg. Mag man sich in der Region um Leipzig noch auf eine ruhmreiche Tradition vornehmlich aus Vorkriegs- (VfB Leipzig) oder DDR-Zeiten (1. FC Lokomotive Leipzig) berufen, so ist der VfL in meinen Augen ein tatsächliches Beispiel für einen „Plastikclub“. Um es auf eine kurze Formel zu bringen: Ohne den VW-Konzern gäbe es die ganze Stadt in dieser Form gar nicht und auch nicht den Verein. Ohne VW wäre nordöstlich von Braunschweig „tote Hose“, Tristesse pur. Bis Anfang der 1990er Jahre dümpelte man in der relativen sportlichen Bedeutungslosigkeit der damaligen Oberliga Nord. Erst als der VW-Konzern aus marketingtechnischen Gründen entschied, sich verstärkt finanziell im VfL zu engagieren, gelang den Wolfsburgern der Aufstieg in den bezahlten Fußball. Der Volkswagenkonzern ist es, der das ganze Konstrukt am Leben erhält. Mit VW im Rücken konnte man sich Magath und dessen berühmt-berüchtigten Einkaufsorgien leisten, ohne umgehend Insolvenz anmelden zu müssen. Die Meisterschaft 2008/09 – ein Geschenk des Automobilkonzerns an „seine“ Stadt. Der sportliche Erfolg war zweifellos verdient und soll nicht in Abrede gestellt werden. Er ist aber dahingehend zu relativieren, dass er dem Verein aus eigener Kraft höchstwahrscheinlich niemals gelungen wäre.

Natürlich, auch der Hamburger Sportverein ist Werbeträger für seine diversen Partner, schon lange. Und natürlich bleibt die Finanzierung eines wettbewerbsfähigen Kaders auch in Hamburg von externen Geldern abhängig – wer wüsste das nicht, in Zeiten der Debatte über eine Strukturveränderung. Aber der HSV war nie (und wird es auch hoffentlich in Zukunft nie sein!) abhängig allein von den konzernstrategischen Entscheidungen der Vorstandsetage eines einzigen Konzerns. Tradition steht in Hamburg, so könnte man es wohl formulieren, auf mehreren Füßen, nicht auf einem. Und es ist die Strahlkraft der Stadt Hamburg in Verbindung mit der Vereinsgeschichte, die den Verein für Werbepartner interessant macht. In Wolfsburg hingegen entsteht Strahlkraft des Vereins, einer grundsätzlichen grauen Maus, allein, weil es der Volkswagenkonzern so entschieden hat. Ähnliches trifft auf internationaler Ebene z.B. auch auf das Kunstprodukt PSG (gegründet 1970) aus Paris zu. Allein durch den  Einstieg des Investors, der QTA (Tourismusbehörde Katars), kann man sich dort Stars wie Ibrahimovic leisten und spielt urplötzlich in der Bellétage des Fußballs, der ChampionsLeague, eine ernstzunehmende Rolle. Vor QTA war PSG eher ein Synonym für Misswirtschaft, Inkompetenz und dümpelte in der sportlichen Bedeutungslosigkeit. Insofern verwundert es schon, wenn manche Traditionalisten in Deutschland die TSG 1899 Hoffenheim schmähen, gleichzeitig aber PSG die Daumen drücken, weil der Ibrahimovic ein toller Kicker ist.

Zurück zum kommenden Gegner, dem VfL Wolfsburg. Sportlich, das respektiere ich, hat man nach der missglückten Rückholaktion mit dem ehemaligen Meistermacher Magath die Kurve bekommen. Dieter Hecking ist ein Trainer, den ich mir grundsätzlich auch beim HSV vorstellen könnte. Unter Hecking ist der VfL dabei, sich in der Spitzengruppe der Bundesliga dauerhaft zu etablieren. Waren es bislang der FCB, BvB, Bayer04 und Schalke, die die vordersten Plätze ausspielten, so klopfen mit der Borussia aus ‚Gladbach und dem VfL Wolfsburg zwei weitere Vereine mit Nachdruck an die Tür und begehren Einlass in den illustren Kreis. Auch etwas, was man als Hamburger tunlichst bedenken sollte, wenn man meint, der HSV müsse ins internationale Geschäft.

Hecking lässt den VfL gewöhnlich in einem 4-2-3-1 antreten. Ganz vorne spielt der auch beim HSV bestens bekannte Olic. Dahinter links Perisic, zentral das deutsche Supertalent, Maximilian Arnold und rechts der ebenfalls hochbegabte Belgier, Kevin De Bruyne. Der eine Sechser, der Brasilianer Luiz Gustavo, hat internationale Klasse. Sein Partner war zuletzt der junge Belgier Malanda, der aber zum Glück für den HSV mit einer Kreuzbandzerrung ausfällt. Seinen Platz könnten  Marcel Schäfer oder Daniel Caligiuri einnehmen. Die Stärken des VfL liegen, darauf wies Slomka zurecht in der PK zum Spiel hin, eindeutig in der Offensive. Insbesondere die vier Offensivspieler sind sehr lauffreudig und rochieren auf den Positionen. Die Hamburger werden defensiv also konsequent und diszipliniert verschieben müssen. Und vor allem müssen die Räume eng gehalten werden, damit man überhaupt Zugriff auf das Spiel bekommt. Auch sollte man Freistöße für den VfL vor allem im zentralen Raum vor dem Tor unbedingt vermeiden. Arnold und vor allem der vom BvB verpflichtete Innenverteidiger Naldo  können hart und präzise aus der Distanz schießen. Wer einen der Beiden ab 25 Meter vor dem Tor zum Abschluss kommen lässt, ist selber schuld.

Keine Frage, das wird ein hartes Stück Arbeit für den bekanntlich angeschlagenen HSV. Wenn ich die jüngsten Meldungen aus Hamburg richtig deute, dann werden Badelj und Westermann beide auflaufen, wenn es denn irgendwie geht. Erfreulicherweise steht mit Kerem Demirbay eine Alternative für Badelj grundsätzlich wieder zur Verfügung. Da der Spieler aber eine lange Verletzungshistorie hinter sich und demzufolge keine Spielpraxis hat, gehe ich nicht davon aus, dass ihn Slomka in die Startelf stellen wird, sollte es bei Badelj doch nicht reichen (Entscheidung fällt heute). Ich gehe also von folgender Aufstellung des Hamburger Sportvereins aus:

Adler – Diekmeier, Djourou, Mancienne, Westermann – Calhanoglu, Badelj (Rincon), Arslan, Jiracek – Ilicevic – Zoua

Abhängig vom Spielverlauf dürften sich  Maggio, Tesche und Demirbay Hoffnungen auf einen (Kurz-)Einsatz machen.

Hoffen wir, dass es dem HSV erneut zu Hause gelingt, gegen einen auf dem Papier stärkeren Gegner zu punkten. Möglich ist es! Das haben die Siege gegen den BvB und Leverkusen bewiesen.

Schiedsrichter der Partie ist Herr Sippel aus München.

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