Monat: Mai 2014

Am 25. Mai besser nicht HSV-Allianz verunsichert!

Wie hätte es auch beim HSV anders sein können. Kurz vor der richtungsweisenden Mitgliederversammlung beim Hamburger Sportverein tauchte ein Gruppierung auf, die sich HSV-Allianz nennt. Sie besteht nach eigenen Angaben aus ca. 30 Mitgliedern aus den verschiedenen Gremien des Vereins. Ihr Ziel ist die Verhinderung einer Ausgliederung auf der Grundlage der vom Vorstand des Vereins vorgelegten Ausgliederungsdokumentation.

Die HSV-Allianz wurde bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt von den folgenden Personen repräsentiert:

Reiner Ferslev (Rechtsanwalt), Jürgen Hunke (Privatier, AR-Mitglied), Dr. Conrad (Rechtsanwalt), Eugen Block (Unternehmer),  Manfred Kaltz (Ex-Profi) und Reimund Slany (langjähriger Rechnungsprüfer beim HSV).

Soweit es Ferslev (vormals „Initiative Rautenherz“) und Hunke (vormals „Zukunft mit Tradition“) angeht, bleibt zunächst nüchtern festzustellen, dass es sich um ein Bündnis der Gescheiterten handelt. Auf der Mitgliederversammlung des Vereins im Januar erreichte Ferslevs „Initiative Rautenherz“ lediglich 21,8 Prozent Zustimmung und blieb damit fern ab jeder Mehrheitsfähigkeit. Hunke hatte seinerzeit, die weit überwiegende Stimmung unter den stimmberechtigten Anwesenden richtig deutend, sein Konzept kurzfristig zurückgezogen und gar nicht erst zur Abstimmung gebracht. Was Jürgen Hunke angeht, so sei bei dieser Gelegenheit auch daran erinnert, dass er in der Vergangenheit gebetsmühlenartig versichert hatte, dass er sich nie zuvor in seinem Leben derart intensiv mit einer Materie beschäftigt habe, wie er es im Zusammenhang mit seinem damaligen Konzept, das eine Ausgliederung noch ablehnte, getan hätte. Seit drei Monaten nun hat er nach eigener Aussage umgedacht und befürwortet grundsätzlich die Ausgliederung der Linzenzspielerabteilung, jedoch nicht in der geplanten Form. Es mag jeder und jede selbst entscheiden, was er nunmehr von der Expertise eines Mannes hält, der vorgab, er habe sich gründlichst mit einer Problematik beschäftigt, und der dann in einem ganz zentralen Punkt die Rolle rückwärts vollzieht.

Die HSV-Allianz begründete ihre Ablehnung einer Ausgliederung auf der Grundlage der vorgelegten Ausgliederungsdokumentation mit drei Behauptungen:

1. Mitglieder verlören wesentliche Rechte

2. Finanzinvestoren, auch Hedge-Fonds, würde Tür und Tor geöffnet

3. Das Stadion und die Raute würden verkauft

Im Folgenden fasse ich zunächst den Inhalt der Stellungnahmen der einzelnen Protagonisten zusammen. Darunter setze ich dann meine Anmerkungen:

Eugen Block: das Stadion dürfe nicht verkauft werden. Das Stadion sei „schuldenfrei“ und gehöre dem HSV.  Wenn die AG nach HSVPlus pleiteginge, sei das Stadion weg.

Anmerkung: Wie sich ein gestandener, respektabler Unternehmer zu der Aussage hinreißen lassen kann, das Stadion sei im Prinzip schuldenfrei und gehöre dem HSV, ist mir ein Rätsel. De jure mag das richtig sein, de facto ist das Stadion nicht abbezahlt, vielmehr musste der Tilgungsplan für die in diesem Zusammenhang aufgenommenen Kredite vom aktuellen Vorstand mit Zustimmung des Aufsichtsrats gestreckt werden. Andernfalls wäre das bilanzielle Ergebnis noch dramatischer, noch schlechter ausgefallen. Der HSV bewegt sich mit 100 Millionen Euro Verbindlichkeiten und über 20 Millionen Euro negativem Eigenkapital mindestens am Rande der vollständigen Überschuldung. Seit Jahren erhält der HSV von den Banken keine weiteren Kredite mehr. Es wurde sogar, obwohl von einigen zuvor vollmundig abgelehnt, u.a. mit dem Vermarkter „Sportfive“ verlängert, damit man mit den in diesem Zusammenhang geflossenen Geldern das desaströse bilanzielle Ergebnis etwas aufhübschen konnte. De facto haben meines Erachtens derzeit die Kreditgeber beim HSV,  das sind vor allem die Banken und Herr Kühne, das Sagen. Mit anderen Worten: Wenn ich mir ein Haus und ein Auto auf Kredit kaufe, dann mag ich mich ja Eigentümer nennen. Gerate ich aber in Liquiditätsprobleme, kann meine Kredite nicht mehr bedienen, dann ist im Zweifel beides schnell futsch, da meine Gläubiger notfalls den Verkauf erzwingen können. Der HSV hatte in den vergangenen Monaten ein ernsthaftes Liquiditätsproblem. Dieses hat der Vorstand nach meinem Kenntnisstand u.a. nur durch die prinzipielle Zweckentfremdung der für das Campus-Projekt eingesammelten Gelder lösen können. Anders ausgedrückt: Der HSV ist schon längst nicht mehr Herr im eigenen Haus, sondern vom Wohlwollen seiner Kreditgeber (Banken und Herr Kühne) abhängig.

Jürgen Hunke: Begann mit dem bemerkenswerten, da aufschlussreichen Eingeständnis, dass ihm erst in der letzten Viertelstunde des Relegationsrückspiels erstmals bewusst geworden sei, welche (tatsächlichen) Konsequenzen ein Abstieg für den HSV hätte.  Er habe im Nachfeld der MV im Januar viele Gespräche geführt und sei nunmehr auch für eine Ausgliederung, sehe aber Nachbesserungsbedarf. Hunke plädierte für eine Kompromisslösung (Zustimmung zur Ausgliederung, sofern Raute und Stadion beim Verein verblieben und nicht der zu gründenden AG zugeschlagen werden.)

Anmerkung: Was soll man (inhaltlich) von einem Mann halten, der nur allzugern pauschal den HSVPlus-Befürwortern unterstellt, sie seien alle schlecht informiert und hätten keine Ahnung, und dem erst in der letzten Viertelstunde der Relegation dämmert, welche fatalen Folgen ein Abstieg für den HSV gehabt hätte? Was soll man von jemandem halten, der sich nach eigener Auskunft intensivst mit einer Problematik beschäftigt haben will, und der dann seine Meinung in wesentlichen Punkten revidieren muss? Meine Meinung: nichts.

Reimund Slany: Stellte fest, dass die Mitglieder des Vereins, die Amateure und Unterstützer, einen wesentlichen Beitrag bei der Finanzierung des Stadions geleistet hätten, indem sie seit 2004 auf die ihnen laut § 2, Abs. 3 (Satzung des HSV) zustehenden Überschüsse aus dem Lizenzspieler-Geschäft verzichtet hätten. Seinen Angaben zur Folge handelt es sich hier um einen Betrag von 37 Millionen Euro. Seine daraus abgeleitete Forderung: das Stadion müsse daher im Verein verbleiben. Dieser benötige ein eigenes Grundvermögen.

Anmerkung: Wohltuend um Sachlichkeit bemüht. Grundsätzlich kann ich Slanys Argumentation, die darauf hinausläuft, dass schließlich die Mitglieder für das Stadion bezahlt hätten, nachvollziehen. Kritisch sei aber angemerkt, dass die Aufgabe der Rechnungsprüfer nach Slanys eigenen Worten auch darin besteht, auf Gefahren und Risiken hinzuweisen. Exakt der Verzicht auf die genannten Überschüsse aus dem Geschäftsbetrieb der Profis und die eben nicht erfolgte Zuführung derselben zu den gemeinnützigen Zwecken des HSV e.V. ist aber eines der Risiken, welche die Ausgliederung in meinen Augen unumgänglich machen. Ein hochkommerzieller Geschäftsbetrieb, wie er für jeglichen Profifußball anzunehmen ist, verträgt sich nicht mit dem Grundgedanken der Gemeinnützigkeit und dem damit einhergehenden Steuerprivileg des Breitensports im Universalsportverein. Insofern verwundert es mich, dass Herr Slany darauf nicht viel früher deutlich hingewiesen hat. Aber vielleicht hat er dies ja intern.
Welchen tatsächlichen Wert das Stadion für den Verein haben soll, erschließt sich mir nicht. Ein Fußballstadion ohne Profimannschaft ist im Grunde rein buchalterisch von Wert. Denn wer sollte eine ziemlich spezielle Immobilie dieser Größenordnung  kaufen, die allein durch den regelmäßigen Spielbetrieb eines Erstligisten Sinn macht? Am ehesten noch käme als Käufer wohl die Freie und Hansestadt Hamburg in Frage. Mit anderen Worten: Für das Missmanagement des HSVs in den letzten  Jahren soll ggf. der Steuerzahler einspringen? Nicht mit mir.
Ebenfalls bemerkenswert finde ich in diesem Zusammenhang, dass es in der Vergangenheit u.a. Manfred Ertel aber auch Hunke waren, die im Zusammenhang mit der desaströsen Finanzlage immer auf den Wert des Stadions hinwiesen, das man ja auch (noch) verkaufen könne. Ein Stadionverkauf durch den e.V. ist also akzeptabel, eine Zuschlagung des Stadions zu dem damit logisch verbundenen Lizenzspielerbereich, der AG, nicht?

Reiner Ferslev: Die vorgelegte Ausgliederungsdokumentation des Vorstandes entspräche gar nicht HSVPlus; Sie beinhalte Lüge und Täuschung; Eine Kapitalerhöhung sei bereits vorgesehen. Damit stünden in Wahrheit 33, 3 (und nicht 24,9) Prozent der Anteile zum Verkauf. Hedge-Fonds würde Tür und Tor geöffnet. Die Kampagne von HSVPlus, so mutmaßte er, habe 300.000-500.000 Euro gekostet. Daraus sei abzuleiten, dass ganz andere Leute im Hintergrund tätig wären. Möchte die Abstimmung am 25. Mai vertagen lassen, um eine Arbeitsgruppe bilden zu können. Die Raute sei kein Gegenstand des Anlagevermögens und müsse beim e.V. bleiben. Sprach in diesem Zusammenhang von der ihm bekannten Notwendigkeit, dass s.g. Stille Reserven in angeblicher Höhe von 15-20 Millionen wohl aufgelöst werden müssten. Dies sei aber möglich, schließlich habe der HSV in der Vergangenheit schon so viel Geld ausgegeben. Raute und Stadion müssten beim e.V. bleiben.

Anmerkung: Ein polemischer, streckenweise demagogischer Auftritt. Angefangen mit seiner Spekulation, HSVplus habe ganz andere Hintermänner, für die er nicht den kleinsten Beweis vorlegte. Aber behaupten, das lernt man als Jurist, kann man Vieles.
Die grundsätzlichen rechtlichen Bedenken, dass bspw. prinzipiell der Einstieg von renditeorientierten Hedge-Fonds juristisch möglich sei, kann ich nicht widerlegen. Aber hier stehen zunächst die Mitglieder von HSVPlus nicht nur vor der Mitgliederschaft, sondern im Grunde vor der gesamten deutschen Öffentlichkeit im Wort. Der bei Hertha BSC eingestiegene Fond, meines Wissens bisher der einzige bei einem Erstligisten in Deutschland, belegt für mich nicht hinreichend, dass Investoren mit Profifußball unmittelbar Geld verdienen können und wollen. Auch hier spekulierte Ferslev lediglich. Man müsste m.E. jedoch Zugang zu Interna von Hertha besitzen, um seine Annahme ggf. verifizieren oder falsifizieren zu können. Den Nachweis, dass er diesen Zugang hat, hat Ferslev nicht erbracht. Wichtig erscheint mir allerdings, dass juristisch tatsächlich eindeutig definiert sein muss, dass ein Weiterverkauf von Anteilen an der AG (durch wen auch immer) an (weitere) Dritte der ausdrücklichen Zustimmung der Mitgliederschaft bedarf, bzw. dass die AG in jedem Fall ein Vorkaufsrecht besitzt.
Woher Ferslev derzeit noch einen zweistelligen Millionenbetrag nehmen möchte, mit dem er steuerlichen Verpflichtungen im Falle des Verbleibs der Raute beim Verein nachkommen müsste, hat er – wohlweißlich? – nicht beantwortet.
Interessant finde ich auch, dass man jetzt das Schreckgespenst der „Verschacherung der Raute“ durch die AG an die Wand malt. Wer hat denn, wenn nicht der e.V., bisher die Raute z.B. an den HSV-Handball „verschachert“? Was glauben die Damen und Herren der Allianz denn, an wen die Raute durch die AG sinnvollerweise verkauft werden könnte? Spöttisch kann ich hier nur anmerken: Es fehlte mir fast, dass die Allianz vor Drogen-Päckchen mit dem lizenzierten  Aufdruck einer Raute warnte.
Die Vermarktung des (dann ausgegliederten) Profifußballs ohne Raute in der AG macht für mich logisch keinen Sinn. Strategische Partner dürften sich vor allem für die Marke HSV, deren bildhafter Ausdruck eben diese Raute ist, interessieren.

Manfred Kaltz: Verstieg sich zu der Behauptung, der Verein und die Fans würden durch HSVPlus nicht mitgenommen. Man habe sich früher „für den Verein (…) den Arsch aufgerissen“. Geld komme automatisch, wenn man Erfolg habe. Stadion und die Raute dürften nicht „verramscht“ werden.

Anmerkung: Zunächst einmal stelle ich nüchtern fest, dass es sich bei „Arsch aufreißen“ und „Geld kommt automatisch“ um Phrasen und Plattitüden handelt. Bedurfte es noch eines Beweises, dass man als verdienter Ex-Kicker – das bleibt unbestritten! – nicht automatisch kompetent ist, dann schaue man sich den Kaltz-Auftritt noch mal im Originalton an. Dass Kaltz das Stadion und die Raute lieber beim e.V. sähe, dies ist eine legitime Meinung.
HSVplus hat im Januar bekanntlich eine überwältigende Zustimmung von 79,4 Prozent der anwesenden und stimmberechtigten Mitglieder erhalten. Zudem reisten zu dieser Versammlung, die in der Vergangenheit regelmäßig nur von ein Paar hundert Mitgliedern besucht wurde, viele tausend Mitglieder aus nah und fern an. Wie sich Kaltz angesichts dieser Fakten zu der schon grotesken Behauptung hinreißen lassen konnte, HSVPlus habe „die Mitglieder nicht mitgenommen“, wird wohl sein Geheimnis bleiben. In meinen Augen ist exakt das Gegenteil zutreffend.

Fazit: Der Verein ist, da stimme ich Karl Gernandt (HSVPlus) zu, inzwischen das Armenhaus der Liga. Ein Teil der Chef-Bedenkenträger gegen HSVPlus hat seine Konzepte wohl still und heimlich  beerdigt (HSV-Reform), andere haben sich mindestens in Sachen Ausgliederung eines Besseren besonnen. Wer sich abschließend noch einmal ein eigenes Bild von den Protagonisten machen möchte, die PKs beider Modelle, HSVPlus und HSV-Allianz, sind im Netz unschwer aufzufinden. Für mich, die Damen (?) und Herren der Allianz mögen mir das verzeihen, bestand mehr als ein Klassenunterschied in den Präsentationen. Und zwar eindeutig zugunsten der Vertreter von HSVPlus. Trotz einigen in der Tat bedenkenswerten juristischen Einwänden konnte mich die Allianz nicht überzeugen. Zum Teil sind es die bereits im Januar grandios Gescheiterten (Ferslev, Hunke), die zudem eine erhebliche Mitverantwortung für die desaströse Lage beim HSV tragen (Hunke), die jetzt letztlich mit unbelegten Verdächtigungen und Unterstellungen (Ferslev) auf Stimmenfang gehen.

Die zur Lizenzerteilung für die nächste Saison nötigen Gelder, bzw. die benötigte Bürgschaft wurde von Karl Gernandt – und nicht von Amtsträgern oder gar Allianzvertretern! – bei Herrn Kühne und Adidas eingesammelt. Allein das spricht für mich schon Bände.

Eine Vertagung der Abstimmung und ein s.g. Runder Tisch, um einen Kompromissvorschlag auszuarbeiten, halte ich gleich aus mehreren Gründen – trotz gewisser Bauchschmerzen! (s.o.) – für inakzeptabel:

1. Der HSV hat bereits viel zu viel Zeit (und Geld vergeudet). Die Relegation müsste auch dem Letzten endgültig vor Augen geführt haben, dass es sowohl finanziell als auch sportlich längst fünf nach zwölf ist. Monatelange weitere Diskussionen erscheinen da absolut kontraproduktiv und machten den Verein im Grunde handlungsunfähig;

2. Einen „Kompromiss“ kann es in Sachen Raute und/oder Stadion in meinen Augen gar nicht geben. Entweder hält man den Zuschlag zur AG hier für sachlich richtig und sinnvoll, oder eben nicht.

3. Pluralität der Meinungen ist in einem Großverein wie dem HSV zu erwarten und grundsätzlich wünschenswert. Es ist daher ohnehin auszuschließen, dass man wirklich alle Mitglieder einen kann. Wer jedoch mit über 50 Änderungsanträgen operiert, der missachtet eindeutig das Wählervotum vom Januar. Wer bereits im Vorfeld von juristischen Klagen munkelt, mit denen er ggf. ein erneutes Votum für HSVPlus anzufechten beabsichtigt, der spielt tatsächlich mit der Existenz des Vereins.

4. Die überwältigende Mehrheit der Mitglieder, so mein Eindruck, hat begriffen, dass tatsächliche Profis den Profibetrieb führen und verantworten müssen. Insofern ist das Votum vom Januar m.M.n. auch als Einverständnis zu werten, dass man zukünftig auf die bisherige Form weitgehender Mitbestimmung durch die Mitglieder zu verzichten bereit ist. Somit läuft für mich Punkt eins der Allianz, Verlust an Rechten, zum einem großen Teil ins Leere.

Aus all den genannten Gründen hoffe ich, dass am kommenden Sonntag, dem 25. Mai, möglichst viele Mitglieder auf der Versammlung erscheinen und notfalls auch so lange bleiben, bis über HSVPlus abgestimmt wird. Ich bleibe dabei: HSVPlus jetzt! Es bleibt alternativlos!

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Profifußball ist kein Ponyhof: Die Causa Hakan Calhanoglu

Hakan Calhanoglu möchte zu Bayer 04 Leverkusen wechseln. Seinen Wunsch hat er laut SPORTBILD der Vereinsführung des Hamburger Sportvereins mitgeteilt. Im Grunde ein ganz normaler Vorgang. Denn seien wir ehrlich, wer, der auch nur halbwegs aufmerksam die Vorgänge in den letzten Jahren rund um den Verein beobachtet hat, wer vor allem die letzte Saison mit drei verschiedenen Trainern mitgemacht hat, möchte sich freiwillig den Chaosverein HSV noch antun? Wenn man andere, besser dotierte Angebote hat, die zudem nach menschlichem Ermessen eine sportlich sorgenfreie(re) Zukunft versprechen? Wer kein grundsätzliches Verständnis für den Wechselwunsch des Spielers aufbringt, dessen Stirn muss mit einem dicken Rautenbrett vernagelt sein.

Der mit Vehemenz vorgetragene Wechselwunsch ansich, das ist in meinen Augen die schlechte Nachricht für alle Hamburger, ist ein Indiz, wie kräftezehrend „inside HSV“ die Saison verlaufen ist. Permanente Diskussionen, Indiskretionen, Klagedrohungen, Personalwechsel und ein gruseliger Saisonverlauf, bei dem den „Söldnern“ nicht weniger als die Last und Verantwortung auferlegt war, das Aussterben des Dinos und damit hunderte, wenn nicht gar tausende Arbeitsplätze in und rund um die Imtech-Arena zu retten. Westermann sprach nach dem entscheidenden Spiel in Fürth davon, dass er im Wiederholungsfall suizidgefährdet sei. Und wer die Bilder nach dem Spiel aus der Kabine gesehen hat, der dürfte vor allem eins bemerkt haben: Erleichterung pur. Selbst Kreuzer, der als ehemaliger Profikicker in seiner Karriere gewiss schon einiges mitgemacht hat, standen die Tränen der Erleichterung in den Augen. Es waren keine Steine mehr, die allen Hamburgern von den Schultern fielen, es waren ganze Gebirgszüge.

Dann schaut man in die Zukunft und versucht zu erfassen, wie es wohl mit dem Dino weitergeht. Bekanntlich steht am 25. Mai die finale Abstimmung über die Ausgliederung der Profiabteilung an. Klammern wir einmal  aus, dass HSVPlus scheitern könnte, oder dessen unverzügliche Umsetzung im Nachfeld der Abstimmung durch juristische Scharmützel aufgehalten werden könnte. Gehen wir also einmal davon aus, dass die Verhältnisse ab dem 26. Mai zugunsten von HSVPlus eindeutig geklärt sind. Und dann? Wer glaubt, dass es nur HSVPlus bedürfe, damit der HSV nächstes oder spätestens übernächstes Jahr das internationale Geschäft erreicht, der irrt. Das Konzept führt zunächst zur Abwendung des finanziellen Super-GAUs, verschafft dem Verein zudem eine derzeit praktisch nicht vorhandene, bescheidene finanzielle Handlungsfreiheit und setzt vor allem auf eine nachhaltige Entwicklung. Nachhaltigkeit bedeutet, dass man endlich gewillt ist, ein Fundament einzuziehen, auf dem das große Haus namens HSV solide stehen kann. Nachhaltigkeit bedeutet, dass Geld in die dringend erforderliche Verbesserung der Nachwuchsarbeit fließt. Zwar beginnt der HSV hier nicht bei null, aber bis hier ein „Return of Invest“ in Gestalt  mehrerer Nachwuchsspieler zu erwarten ist, die die Profimannschaft tatsächlich verstärken können, das dürfte dauern. Die Verpflichtung wirklicher Stars auf dem Transfermarkt, die die Mannschaft umgehend auf ein gänzlich anderes Niveau heben, ist nicht zu erwarten. Kleine Brötchen backen, sich in Bescheidenheit üben, planvoll, strukturiert und systematisch hart arbeiten – das ist die Zukunft. Natürlich, gänzlich ausgeschlossen ist es nicht, dass der HSV in zwei Jahren an den Rängen kratzt, die zur Teilnahme an der Europa League berechtigen. Erwarten sollte man das aber nicht.

Ein professioneller Fußballspieler gleicht in meinen Augen einem dreigeteilten Wesen. Da ist zunächst der Mensch. Dann ist da der Sportler und last but not least die (zu) hoch bezahlte „Ich-AG“. Betrachten wir also Hakans Wechselwunsch unter diesen Gesichtspunkten:

Für den Menschen Calhanoglu stelle ich zunächst fest, dass er mit 20 Jahren noch sehr jung ist. Von der Natur mit einem außergewöhnlichen Talent gesegnet, verschlug es ihn binnen eines Jahres aus dem beschaulichen Karlsruhe in die Metropolregion Hamburg, vom Zweitligaaufsteiger KSC zum ungleich namhafteren Hamburger Sportverein. Aus der Ferne betrachtet mag der HSV immer noch eine gewisse Strahlkraft entfalten, wer sich dem Dino aber nähert, der wird schnell ernüchtert. Chaos, Indiskretionen, Gezänk und der Pleitegeier schweben über dessen Heimstadt. Hand auf ’s Herz! Wer möchte für einen solchen Arbeitgeber spielen? Wenn mir doch ein ungleich erfolgreicherer Verein ein lukrativeres Angebot unterbreitet?

Mit 20 Jahren ist man dem Gesetz nach volljährig. Aus psychologischer Sicht jedoch dauert die Adoleszenz bis zum 25 Lebensjahr. Erst danach kann man in der Regel von einer abgeschlossenen Reifung sprechen. Calhanoglu ist, so hat er es der SPORTBILD erzählt, in eine laufende Sitzung seiner Vorgesetzten gestürmt, hat das draußen an der Tür hängende Schild „Bitte nicht stören!“ ignoriert und hat Jarchow und Kreuzer mit seinem Anliegen konfrontiert. Das muss man erst einmal bringen. So etwas macht man nur, wenn man noch nicht trocken hinter den Ohren ist. Dass er  es nachträglich als „respektlos“ bezeichnet, dass Jarchow eine Wette zu seinem Verbleib beim HSV auch im Abstiegsfall angeboten habe, das passt ins Bild. Wie bitte?! Respektlos? War es nicht Hakan selbst, der via Presse und auch in persönlichen Gesprächen mit Fans des Vereins treuherzig versichert hat, dass er in jedem Fall bliebe? War es nicht Hakan selbst, der seinen Vertrag noch vor wenigen Monaten bis 2018 verlängert hat? Hat er die Vertragslaufzeit nicht gelesen? Jetzt spricht er davon, er hoffe, der Verein würde keine „Mauer“ um seine Karriere bauen. Es wird Zeit, dass die zwanzigjährige Ich-AG Calhanoglu eins begreift: Als vor dem Gesetz Volljähriger trägt man grundsätzlich die Konsequenzen seiner Entscheidungen, mögen sie einem nachträglich auch unbedacht und falsch erscheinen. Wer einen Vertrag unterschreibt, der kann diesen im Regelfall nicht einseitig kündigen. Ausnahme: vorsätzlicher Betrug oder nicht eingehaltene Leistungsversprechungen der Gegenseite. Beides kann hier ausgeschlossen werden. Die sportliche und finanzielle Situation des Hamburger Sportvereins müssen dem Vertragspartner Calhanoglu bei Vertragsunterzeichnung grundsätzlich bekannt gewesen sein. Von nicht eingegangenen Gehältern bei den Spielern des Vereins ist trotz angespannter Kassenlage nichts bekannt. Es ist daher evident, dass eine Vertragsauflösung nur im beiderseitigen Einvernehmen möglich ist. Will der Verein, gleich aus welchen Gründen, dies nicht, so hat dessen Vorstandsvorsitzender jedes Recht der Welt, seine Auffassung zu unterstreichen, dass der Spieler beim HSV bleibt und nicht transferiert wird. Punkt. Respektlos, Hakan Calhanoglu, ist, seinen Vertragspartner öffentlich unter Druck zu setzen. Respektlos ist, Unfug zu erzählen, sich nicht mehr an seine eigenen Worte erinnern zu wollen. Respektlos ist, ausgerechnet van der Vaarts Valencia-Nummer als Rechtfertigung zu bemühen. Das gleicht der Argumentation: Ich darf doch stehlen, der hat es doch schließlich auch gemacht.

Als Sportler hat man nur eine begrenzte Zeit, um seine sportlichen Ziele zu erreichen. Und natürlich lauern auf diesem Weg erhebliche Gefahren. Es dürfte zehntausende großer Talente gegeben haben, die allemal das Zeug zum Profi gehabt hätten, und die es nie an die großen Fleischtöpfe geschafft haben, weil ihr Körper sie vorher im Stich ließ. Oder sie setzten sich durch, erlitten dann aber schwere Verletzungen, die bei ihren sportlichen Zielen einen dicken Strich durch die Rechnung erforderten. Man frage nur nach bei Holger Badstuber, der ohne seine schwere Verletzung höchstwahrscheinlich mit zur WM nach Brasilien gefahren wäre. Aus der Traum. Insofern habe ich durchaus Verständnis dafür, dass auch ein Hakan Calhanoglu von Titeln träumt, oder eine EM-Teilnahme mit der Türkei 2016 im Blick hat. Dass seine Chancen hier als Spieler von Bayer 04 Leverkusen ungleich besser stünden – wer wollte das bestreiten (s.o.)? Aber wer, wie Calhanoglu, jetzt das permanente Verletzungsrisiko anführt, der sollte vielleicht gleich mehrere Dinge bedenken:

1. Der Hochrisikosport Profifußball wird ganz ordentlich vergütet. Selbst ein Calhanoglu, der hoffentlich noch am Anfang einer großen Karriere steht, dürfte bereits jetzt mehr verdient haben, als so mancher in dieser Gesellschaft in der Lage ist, in seinem gesamten Berufsleben zu verdienen;

2. Gestern noch mit dem KSC aus der der 3. in die 2. Liga aufgestiegen, hat ihm der HSV heuer die Bühne geboten, um sich Erstligaspieler nennen zu dürfen. Wenn Calhanoglu auf seine 11 Tore verweist, die er zum Klassenerhalt beigetragen habe, so ist das schließlich einer der Gründe, die den HSV seinerzeit veranlassten, seinem Offensivspieler einen nicht nur verlängerten, sondern mutmaßlich auch besser dotierten Vertrag anzubieten. Diesen hat der Spieler freiwillig unterzeichnet. Quit pro quo. Calhanoglus Argumentation läuft ins Leere. Oder sollen sich demnächst die Abwehrspieler dafür ausdrücklich abfeiern lassen, dass sie das gemacht haben, wofür auch sie ganz ordentlich bezahlt werden, nämlich Tore des Gegners zu verhindern?;

3. Es war auch Calhanoglus Leistung der ersten Halbserie, auch er war Teil der Mannschaft, die tabellarisch immer weiter abgerutscht ist, bis ein Stück weit das Schicksal des ganzen Vereins vom Ausgang der Relegation abhing. Calhanoglu wäre gut beraten, nicht nur stolzgeschwellt auf seine 11 Tore zu verweisen, – die sind aller Ehren wert! – sondern auch selbstkritisch den eigenen Anteil daran zu reflektieren, dass es überhaupt zu dieser Horrorsaison gekommen ist. Mit zwanzig und gerade einmal einer guten zweiten Halbserie als wirklicher Erstligaspieler im Rücken stehen einem grundsätzlich noch alle Türen offen. Wenn man vernünftig bleibt. Die Geschichte des Profifußballs ist voll von Spielern, die die falschen Entscheidungen getroffen haben. Man frage mal bei der gefühlten Legion an Spielern nach, die mit großen Ambitionen zum FC Bayern München gewechselt sind und dort dann auf der Bank versauerten;

4. Die kluge Karriereplanung eines hochtalentierten Spielers, und dies ist Calhanoglu unbestreitbar, kann aktuell den HSV nur als Durchgangsstation sehen. Kaum jemand, der sich wirklich auskennt, dürfte tatsächlich geglaubt haben, dass Calhanoglu seinen Vertrag bis 2018 beim HSV erfüllt. Aber Calhanoglu, den ich hier für außerordentlich schlecht beraten halte, hätte gut daran getan, sich mindestens auf ein weiteres Jahr beim HSV einzustellen. Zum einen hätte er dem Verein und seinen Fans eine ganze Saison als vollwertiger Erstligaspieler für das ihm bei seiner Verpflichtung entgegengebrachte Vertrauen „zurückzahlen“ können, zum anderen hätte er dann als tatsächlich etablierter Spieler mit deutlich mehr Erfahrung den ungleich härteren Konkurrenzkampf wo auch immer aufnehmen können;

5. Wer seinen derzeitigen Arbeitgeber öffentlich(!) unter Druck zu setzen versucht, der mag nichtsdestotrotz andernorts angesichts seines Talents noch Begehrlichkeiten wecken. Aber wer wie Calhanoglu schon von Messi spricht, dem er nacheifern wolle, der signalisiert gerade einem Verein, der sich nicht umsonst die Bezeichnung „Vizekusen“ einst schützen ließ, dass er auch den nur als weitere Durchgangsstation sieht. Dafür dürften sie in Leverkusen zwar grundsätzliches Verständnis haben, das dürfte man dort sogar einkalkulieren, aber man dürfte sich eben bereits jetzt auch den einen oder anderen Gedanken über den Charakter dieses (möglichen) zukünftigen Spielers machen. Zwar kennt jeder die Usancen des Geschäfts, insofern ist der Verweis Calhanoglus auf van der Vaarts damaliges Verhalten beim HSV durchaus nachvollziehbar, aber wer nur drei Monate nach Vertragsunterschrift ein derartiges, öffentliches Theater inszeniert, der signalisiert nicht nur grundsätzliche Unreife, sondern auch, dass man sich als Arbeitgeber einen Spieler in den Kader holt, der grundsätzlich seine ureigensten Interessen über den Verein stellt. Bei dem rechne ich als Arbeitgeber auch damit, dass dieser Spieler öffentlich Theater macht, sollte ihn mein Trainer auf die Bank oder gar Tribüne setzen. Eine Fußballmannschaft ist aber ein fragiles Gebilde, denn sie besteht überwiegend, mindestens zu einem gewissen Teil, aus Egoisten, die im Dienst der gemeinsamen Sache erfolgreich kooperieren sollen. Egomanen braucht da keiner.

Der HSV hat das Heft des Handelns in der Hand. Natürlich, das weiß inzwischen jeder, kann sich der HSV finanziell nicht leisten, Calhanoglu, der durch die Blume auch schon Leistungsverweigerung androhte, aus Gründen der Abschreckung auf Dauer auf der Tribüne versauern zu lassen. Aber der HSV darf es sich eben auch nicht mehr (sic!) leisten, dass seine Spieler, heißen sie  van der Vaart oder Hakan Calhanoglu, via Öffentlichkeit Politik in eigener Sache betreiben. Wer sich einmal erpressen lässt, der braucht sich über den Eingang zukünftiger, weiterer Forderungen Dritter nicht wundern. Findet der HSV keine adäquaten Ersatz und(!) entspricht die ggf. anzubietende Ablöse nicht den Erwartungen des Vereins, so muss der Verein aus diesem übergeordneten Gesichtspunkt (Abwehr weiterer Forderungen) auf die Erfüllung  des Vertrages bestehen.

Profifußball ist kein Ponyhof. Dem jungen Menschen, Hakan Calhanoglu, nehme ich sein Verhalten nicht übel. Bei aller menschlichen Enttäuschung ist hier ein kühler Kopf gefragt. In meinen Augen wäre es Aufgabe seines Beraters gewesen, ihn zur Zurückhaltung zu mahnen, anstatt die offensichtlichen Flausen in seinem Kopf  offenbar noch zu verstärken. In jedem Fall dürfte er seinem Image in der Öffentlichkeit, gleich ob in Hamburg, Leverkusen oder andernorts, im Grunde ohne jede Not schwere Kratzer zugefügt haben. Auch das, ein sauberes Image, ist, wenn man aus der Perspektive einer Ich-AG denkt, Geld wert… Insofern sollten alle HSV-Anhänger, die jetzt über diesen jungen Menschen herfallen, auch bedenken, dass sich hier letztlich einer selbst geschädigt hat. Nur hat er es noch nicht bemerkt.