Replik zur aufkommenden Trainerdebatte

Der geschätzte Sven von den Zwergenwerken  hat einen lesenswerten Beitrag über die Trainerdiskussion (http://zwergenwerke.blogspot.de/2015/02/trainerdiskussion.html) geschrieben, den ich dort zu kommentieren begann. Als mein Entwurf eines Kommentars länger und länger wurde, habe ich mich  dazu entschlossen, meine Antwort hier zu veröffentlichen. Los geht ’s:

Ich stimme Christians Kommentar zu. Die inzwischen oft hinterfragte und geforderte „Handschrift“ eines Trainers wird von vielen Kommentatoren mit erzielten Siegen verwechselt. Gewinnt die Mannschaft, hat der Trainer – angeblich! – alles richtig gemacht. Dann hinterfragt auch keiner, warum die Spieler x,y,z spielten, und warum diese oder jene auf der Bank saßen. Und es vermisst übrigens auch kaum einer eine „Handschrift“. Dann wird gewöhnlich höchtens gemault, dass die Mannschaft keinen „schönen“ Fußball spielt.

Verliert die Mannschaft, dann meint jeder zu wissen, dass doch der Grundsatz gilt: „never change a winning team“. Völlig absurd wird es, wenn man nun allein aufgrund des Resultats die angeblich „zu vielen“ und „zu häufigen“ Wechsel Zinnbauers anprangert, aber gleichzeitig Thomas Tuchel -ausgerechnet den! – als Erlöser zum HSV sehnt. Eben jenen Trainer, der sich für jeden Gegner ggf. eine eigene, maßgeschneiderte Aufstellung einfallen lässt und deswegen auch nach Siegen seiner Mannschaften regelmäßig fünf, sechs Veränderungen vornimmt. Gerade Tuchel ignoriert das, was man aktuell Zinnbauer nach dieser Klatsche vorwirft. Aber da der Wundertrainer (noch) nicht beim HSV arbeitet, wird er als Erlöser gesehen, der ganz bestimmt über das Wasser wandeln kann. Das eint ihn im Übrigen mit vielen Spielern, die (noch) nicht für den HSV gespielt haben. Die sind angeblich auch alle tausendmal besser als die angeblich „bundesligauntauglichen“ beim aktuellen HSV. Es ist so oberflächlich, naiv und öde, weil sich diese Geschichte immer und immer wieder wiederholt: Kommen die, die (noch) nicht beim HSV sind, dann nach Hamburg und die Mannschaft gewinnt nicht plötzlich in Serie, dann wird gemutmaßt, der Effekt des Trainerwechsels sei bereits verpufft, dann werden die verwöhnten Jung-Millionäre durch die Verlockungen der Großstadt Hamburg angeblich alle schlechter. Auch Tuchel würde dann als angeblicher Fehler vorgeworfen, was ihn als Trainer im Grunde seit Jahren auszeichnet. Neben vielen anderen Eigenschaften.

Da Diekmeier ausfiel, war Götz statt des erfahreneren aber hüftsteifen Westermann aufgrund der schnellen, beweglichen Außen der Bayern m.E. mindestens nachvollziehbar. Marcos statt Ostrzolek kann man aus dem Rathaus kommend natürlich als Trainer-Fehler leicht anprangern, nur wäre auch ein Ostrzolek von Robben vorgeführt worden, wäre er so von den auf seiner Seite als Sechser spielenden und daher zuständigen vdV und Vordermann Jansen im Stich gelassen worden. Dann hätten wir eben „nur“ 6 oder 7 zu 0 verloren.

Ob Rajkovic oder Westermann, ob Cléber oder der liebe Gott persönlich als zweiter IV gespielt hätte, glaubt jemand ernsthaft, das sei der Grund für die Höhe der Niederlage gewesen? Ich nicht! Die Abwehr ist Teil einer Mannschaft und sieht immer schlecht aus, wenn sie allein gelassen wird.

Ob ein oder zwei Stürmer, das bleibt zweifellos diskutabel. Aber auch diese Frage kann nicht ernsthaft das Rekorddebakel erklären. In der 21. Minute fiel das 1:0, unmittelbar darauf ein (irreguläres) 2:0 (23.). Genau eine weitere Minute später kam Nicolai Müller für Olic. Und spätestens ab diesem Zeitpunkt, also beim Stand von 2:0, wurde im 4-2-3-1, also nur  noch mit einem Stürmer gespielt. Es verbietet sich daher, die dann immerhin noch folgenden 6 (sechs!) Gegentreffer einer zwei Stürmer-Aufstellung anzulasten.

Der Knackpunkt ist in meinen Augen das längst bekannte, wiederholte Versagen angeblicher Führungsspieler. Das ist aber auch eine Frage der Persönlichkeit der Spieler, auf die jeder Trainer, egal ob Joe Zinnbauer,  Tuchel oder meinetwegen Guardiola, nur einen arg begrenzten Einfluss hat. Da hilft nur: endlich aussortieren im Sommer. Und bei den Neuverpflichtungen auch und vor allem auf eben diesen Punkt größten Wert legen.

Dass die Mannschaft des HSV kaum echte Führungsspieler besitzt, die gerade dann vorangehen, wenn es nicht läuft, dieses Defizit ist inzwischen jedoch alt, uralt. Jansen, vdV, Westermann sind in meinen Augen honorige Spieler, die sich auch nach Pleiten den Medien stellen. Leider kennzeichnet dies allein noch keine echten Führungsspieler.

Entscheidender ist auch, was ich inzwischen als „vdV-Falle“ des HSV bezeichnen möchte. Vorne, also in der Offensive, hat er nicht überzeugend gespielt. Dann hat man händeringend für ihn eine andere Verwendung im zentral-defensiven Mittelfeld gesucht und behauptet, er könne dort spielen. Kann er durchaus auch! – mit einem Zerstörer neben sich und gegen schwächere Gegner.

Man stelle sich alternativ aber einmal vor, Joe Zinnbauer würde van der Vaart auf die Bank setzen und die Mannschaft dennoch verlieren. Raffa ist offenbar im Kollegenkreis als Authorität akzeptiert und das johlende Volk auf den Tribünen und der allgegenwärtige Boulevard „wüssten“ dann, dass es selbstverständlich ein unverzeilicher Fehler des Trainers gewesen sei, auf Raffa zu verzichten. Was hätten wir in einer ohnehin schwierigen sportlichen Situation für ein andauerendes,  öffentliches Theater in den nächsten Monaten?!

Als Coaching-Fehler Zinnbauers empfinde ich dennoch den zu späten Wechsel Jiracek/vdV angesichts dessen, was vdV bis dahin abgeliefert hatte. Im Grunde hätte man aber auch Jansen rausnehmen müssen. Doch der ist gelernter LV und war damit defensiv prinzipiell stärker als die Alternativen auf der Bank einzuschätzen. Da verstehe ich Joe Zinnbauers Zögern absolut. Später konnte er ihn nicht mehr herausnehmen, weil das Wechselkontingent bereits ausgeschöpft war.

Natürlich hat auch Zinnbauer seinen Anteil an der Rekord-Niederlage, dies will ich gar nicht in Abrede stellen. Betrachtet man jedoch seine Arbeit über die letzten Monate im Detail, dann hat er – ungeachtet der Frage, ob der HSV Grottenfußball spielt, ob er gewinnt oder verliert – eine klare, in aller Regel absolut nachvollziehbare „Handschrift“. Wenn jemand die nicht zu erkennen vermag, dann belegt das m.E. eine Leseschwäche des Betrachters und nicht, dass diese nicht vorhanden wäre.

Wir müssen in Hamburg endlich weg von der Schnappatmung nach Niederlagen, fallen sie auch noch so heftig aus. Weg vom kurzsichtigen Aktionismus, der uns  neben anderen gravierenden Fehlern auch dahin geführt hat, wo wir jetzt stehen. Wir müssen uns endlich eingestehen, wo wir längst gelandet sind, nämlich unten und ohne jeden kurzfristigen(!) Anspruch auf „Europa“. Die tatsächliche Wende zum Besseren, die wird es nur mit mehreren(!) erfolgreichen Sommer-Transferperioden und Kontinuität bei einer erst zu etablierenden, einheitlichen Spielphilosophie geben. Wer etwas anders glaubt, der lebt im Märchenland.

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12 Kommentare

  1. Ungleich schöner (aus)formuliert und doch wieder einmal Deckungsgleich mit meiner vorhin auf die Schnelle zusammenheschierten Meinung.

  2. Trapper, du weißt dass ich deine ruhigen fachlichen Analysen sehr schätze.

    Den neuen Text kann ich allerdings nur so verstehen, dass du versuchst 90% der HA Blog Schreiber zu missionieren. 😉

    Ich bekomme keine Schnappatmung, ich kann nicht beurteilen ob Zinnbauer nun der richtige Trainer ist oder nicht, ich will mir auch gar nicht anmaßen zu beurteilen ob HW4 ins Team gehört oder nicht. Was ich aber sehr wohl erkenne ist, dass der HSV seit mindestens 3 Jahren schrottig spielt.

    Ich wähle mal den folgenden Denkansatz als Grundlage: Der Erfolgt gibt xyz Recht – das Gegenstück: Der Mißerfolg (das schlechte Spiel des HSV) zeigt, dass wir etwas falsch machen. Und das hat nicht mit meinem Anspruch zu tun.

    Gerne will ich dir glauben und hoffen, dass sich (MIR) in 1-3 Spielen oder in 5 mehr und mehr eine Struktur zeigt und wir den Klassenerhalt schaffen, um dann mit einem weiterem Umbruch in der nächsten Saison weiter oben zu landen – nur sagen wir das nicht auch schon seit Jahren?

    Ganz klar: Wir Fans können tun und machen, schreiben und stänkern – es bringt letztendlich nichts außer — in Deinem Fall: Immer mal wieder sehr lesenswerte und unterhaltsame Texte.

    Gerne würde ich ja mal was von colt zu unseren Texten lesen (colt bist du da? 😉 )

    Schönes WE

    1. @muscomatik
      ich will niemanden missionieren, allerdings habe ich auch nichts dagegen, wenn meine Blogs dazu führen, dass der eine oder andere seine gewohnte Sichtweise hinterfragt.

      Im Detail kann nur der Trainer vor Ort entscheiden, wer spielen kann und soll. Der muss das auch später verantworten. Aus eigener Erfahrung weiß ich jedoch, wie kompliziert die Arbeit mit Mannschaften und/oder Kadern ist. Viel komplizierter, als sich dies gewöhnlich dem Laien erschließt. Jeder, auch ich, macht hin und wieder Fehler. Auch jeder Trainer. Selbst Guardiola hat sich schon im Detail vertan. Das ist nur menschlich. Zumal man als Trainer darauf angewiesen bleibt, dass die Spieler im Wettkampfstress die vorherigen Anweisungen auch befolgen. Dies machen sie aber oft genug nicht. Auch die sind und bleiben Menschen. Wenn man jeden feuert, der einen Fehler gemacht hat, oder der einer Fehleinschätzung (- wer kann in den Kopf des Spielers schauen?) aufsaß, dann wären alle Sportjournos, ich und vermutlich auch alle Matz-Abber (oder wer auch immer) arbeitslos. Entscheidend ist meines Erachtens, dass in aller Regel fachlich korrekt und rational nachvollziehbar gearbeitet wird. Und dies macht Zinnbauer, soweit ich das aus der Distanz beurteilen kann.

      Tatsächlich spielt der HSV keineswegs erst seit drei Jahren schlimmen Fußball. Die Serienniederlagen gegen Werder, die dauerhaft trotz großer Namen im Kader klar verfehlten sportlichen Ziele, sind für mich Beleg genug, dass auch die Mannschaft vor fünf, sechs Jahren keinen zeitgemäßen Fußball mehr gespielt hat. Dies hat aber kaum jemand realisieren wollen, weil man sich einzelne Sündenböcke gesucht und gefunden hat (Gravgaard, Rozehnal). Die etablierten Lieblinge hat man dagegen nie in Frage gestellt. Alles Augenwischerei. Auch dafür erhalten wir jetzt die Quittung.

  3. Mensch Trapper, wir sind uns komplett einig: Ja seit mindestens spielt HSV schlecht 😉 , nur damals etwas erfolgreicher…

    Ich bin auch ganz bei dir, dass ich das Gepöbel, Gemotze und die Bessertrainerwisserei bei HA fürchterlich finde. Dummerweise folgen die Schreiberlinge häufig nur dem Weg der im Blog vorgegeben wird. Mitunter ist das sehr armseelig.

    1. @muscomatik
      Ich gebe zu, hin und wieder schaue ich da mal rein und amüsiere mich meist über die küchenpsychologische Interpretation von Halbsätzen der Spieler, Trainer oder der anderen Verantwortlichen. Aber jedem seine Meinung.
      Der größte Teil der Kommentare dort ist leider längst schnappatmiger Unfug auf Boulevard-Niveau, der z.T. nachweisbar unsachkundig und daher sachlich falsch ist. Wie sagte noch Favre?: „wer schreibt, was er alles über Fußball weiß, legt immer auch offen, was er eben nicht weiß“. In diesem Sinne: Auch ich weiß beileibe nicht alles, versuche mir jedoch der Begrenztheit (/Relativität) meiner Bewertungen stets bewusst zu bleiben.

  4. Trapper, erneut sehr sachlich analysiert und passend argumentiert. Stimme Dir 100%ig zu.
    Ich kann behaupten, fast alle HSV-Spiele seit dem es Premiere gibt (1990 ?) gesehen zu haben, war und bin auch viel „live“ vor Ort.
    Den besten Fussball hat meiner Meinung nach der HSV 2009 in der Hinrunde unter Bruno Labbadia gespielt; beim Meister Wolfsburg 4:2 gewonnen, Dortmund 4:1 nach Hause geschickt, bis Spieltag 11 mit Leverkusen punktgleich an der Tabellen-Spitze gewesen, und wirklich geilen Fußball gespielt. Dann wurde Elia in Mainz von Mile Novesci vom Platz getreten, Petric und Ze Roberto waren lange verletzt, und es gab dann eine Ergebnis-Krise, leider.
    Aber die Mannschaft damals hatte echte „Leader“, Fäustel Rost, Mathijsen, Jarolim, Petric, der grosse Ze Roberto…
    Es gibt seit dieser Zeit keine funktionierende Hierachie mehr, keine echten „leader“. Und daran sind alle mehr oder minder namhaften Trainer danach gescheitert.

    1. @ky
      wie bisher immer sind wir zumindest fast vollständig einer Meinung. In der Tat hat der HSV die ansehnlichsten Spiele in Serie unter dem angeblichen Taugenichts Labbadia gepielt. Acht Spiele lang. Lang, lang ist das her…

      Kleine Einschärnkung: Die Trainer sind m.E. nicht nur an einer zum Teil unfassbaren Verletztenmisere (Doll,Labbadia) und an der fehlenden Hirarchie in der Mannschaft gescheitert, sondern sie sind auch am eklatanten Kompetenzmangel in den Gremien und der maßlosen Anspruchshaltung, dem notorischen Verklären des längst Vergangenen, der bräsig-konservativen Haltung des HSV-Establishments, dem notorischen Intrigen und einer nicht leistungssportgerechten Linie des ganzen Vereins gescheitert.

      Die 27 Punkte der letzten Saison waren kein Betriebsunfall, sondern der allerletzte Warnschuss für all das, was da im Argen lag und z.T. noch liegt.

      1. Wieder einmal ein Blog, der sehr lesenswert geraten ist, Trapper. Du legst Wert darauf, daß nicht allein der Trainer und nicht allein einige Spieler für die Niederlage verantwortlich sind.
        Dem ist weitgehend zuzustimmen. Meine weiteren Auslassungen bitte ich nicht als Sündenbocksuche abzutun, weil dies nicht meine Intention ist.
        Es ist aber, glaube ich, kein Zufall, daß neben der sehr wohlfeilen Kritik an Ronny Marcos v.a. drei Spieler in der Kritik stehen, nämlich Jansen, Westermann und van der Vaart – uns mittelbar auch der Trainer.
        Zunächst einmal: verbildlicht man sich geometrisch die Aufstellung des HSV in München auf der linken Seite sieht das so aus:
        Jansen (LM) van der Vaart (DM)
        Marcos (LV) Westermann (LIV)

        und man könnte noch Djourou als Abwehrchef hinzunehmen.
        Die Aufgabe von Jansen und Westermann im Defensivverband sollte wahrscheinlich die Unterstützung Marcos‘ gegen Robben sein. Als angelernter 6er sollte van der Vaart den Defensivverband mit Djourou zusammenhalten.
        Diese Aufgaben (wenn sie so gestellt wurden) sind von den Genannten sträflich vernachlässigt worden. Bei Jansen wundert mich das nicht, er war schon nach dem 96-Spiel bei der Euro 2016 statt bei der Vorbereitung auf das schwerste Auswärtsspiel der Saison. Van der Vaart ist kein Organisator von Defensivarbeit, von defensiver Zweikampfschwäche will ich in diesem Zusammenhang noch nicht einmal reden.
        Positionell aber hätte von ihm oder Djourou der Ordnungsruf an Jansen und auch Westermann erfolgen müssen, Marcos mit seinen sieben Bundesligaspielen gegen Robben zu unterstützen. Das ist, soweit ich das irgend sehen konnte, aber unterblieben oder von Jansen und Westermann nicht annähernd umgesetzt worden. Wer auch immer für diese eklatante Unterlassung verantwortlich zeichnet: Folge kann nur Sanktion (durch Auswechslung) durch den Trainer sein. Diese gab es erst für van der Vaart, als der mit dummen Fouls um den Platzverweis oder die Auswechslung geradezu bettelte.
        Westermann war für mich die relativ größte Enttäuschung. Nicht, weil er sonst keine Fehler macht, sondern weil er diesmal auf Fehlervermeidung durch Passivität setzte. Gut ist dies zu sehen vor dem 0:1, als er den Bayern-Flügelspieler über 40, 50 Meter nur als Turbospalier begleitet, statt ihm den Laufweg zu sperren und/ oder den Zweikampf zu suchen.
        Dies nur zur Kurzkritik am Spiel. Jetzt weiter zu langfristigen Problemen, die aber nicht zufällig mit denselben Namen verknüpft sind: Jansen, Westermann, van der Vaart.
        Speziell den beiden letztgenannten würde ich die Bezeichnung „honorige Spieler“ nicht vorenthalten. Für das Folgende verweise ich auf die von Matthias Sammer verwendete Unterscheidung in Führungsspieler, Teamplayer und Indvidualisten*.
        Auf der Höhe seiner Fähigkeiten war van der Vaart ein herausragender Individualist. Zum HSV wurde er deswegen 2012, in Erinnerung an seine Leistungen 2005 – 2008, zurückgeholt und ihm die Rolle als Führungsspieler übertragen. Das mochte ihm schmeicheln und auch seiner Karriere mit den Stationen Real Madrid und Tottenham Hotspurs Tribut zollen. Der Entwicklung des Fußballs gerade in dieser Zeit, zu der beim HSV auf der wichtigsten Managementebene zudem noch ein Vakuum herrschte, trug diese verpflichtung indessen keinerlei Rechnung. Van der Vaart versuchte, diesem Status nach Maßgabe seiner Fähigkeiten gerecht zu werden. Dabei ist er nicht derjenige, der die Gruppe durch gemeinsame Unternehmungen baut oder ausscherende Einzelne durch unverblümte Kritik zu Spitzenleistungen oder Beachtung der Gruppenziele oder des -komments anhält. Seine private Situation mag weiteres dazu beigetragen haben, daß er die an ihn gestellten (Führungs-) Erwartungen nicht erfüllen konnte
        Westermann hingegen ist der archetypische Teamplayer, der seine Leistungen ideal als Adjutant eines Führungsspielers einbringen kann, dem aber Gesamtüberblick fehlen, um seine Mitspieler anzuleiten.
        Beide Spieler haben Aufgaben übernommen, denen sie und die ihnen nicht gerecht werden konnten – mit der fatalen Folge, daß sie auch ihre jeweilig möglichen Beiträge zum Mannschaftserfolg nicht beisteuern konnten, weil die positionsspezifische Leistungsfähigkeit nicht abgerufen werden konnte, da sie sich nicht andere Aufgaben zumuteten.
        Das Problem ist nun, daß man eine Position in der „Hackordnung“ ungern aufgeben mag, teils aus Verantwortungsbewußtsein für die Gruppe, teils, weil damit auch Prestigeverlust in team und Öffentlichkeit einhergeht.
        Dies hat aber ohne Austragen eines offenen Konflikts in der Mannschaft – oder auch durch den Trainer initiiert – fatale Konsequenzen. Die Führungspositionen sind belegt, werden aber nur unzureichend ausgefüllt.
        Interessant ist nun, daß nur ein Trainer versucht hat, die (schon damals in anderer Konstellation schiefe) Hierarchie des Teams aufzubrechen, als er zum Verlassen der Komfortzone aufforderte: Bruno Labbadia, dem daraufhin Spieler wie Rost und Petric die Gefolgschaft versagten.
        Alle Trainer danach stützten sich auf die bestehende bzw. vorgefundene Hierarchie und zementierten sie noch, in dem auch nicht völlig falschen Gefühl, so ihre Autorität und Stellung besser sichern zu können. Initiatoren notwendiger Konflikte, um den Gruppenzusammenhalt und den Gruppenerfolg zu maximieren, wurden sogar noch sanktioniert, statt sie zu fördern. Speziell unter Thorsten Fink wurden Spieler „knallhart aussortiert“ – diese Maßnahmen kamen natürlich auch bei an festen Hierarchien und Autoritäten sich festklammernden Fans gut an-, die aus einer lähmenden Gruppenfriedhofsruhe auszubrechen versuchten, indem sie Konzentration bereits im Training einforderten, beratend auf den Trainer einzuwirken versuchten oder auf dem Feld das Heft in die Hand nehmen wollten. Damit war auch für andere das Signal verbunden, daß ein wichtiger Faktor erfolgreicher Gruppendynamik unerwünscht war. Zudem war die Hierarchie somit unantastbar, was zur Folge hatte, daß verschiedene Spieler lieber auf Positionen, die sie nicht perfekt ausfüllten, verschoben wurden, bevor der Erbhof eines Arrivierten infragegestellt wurde.
        Besonders augenfällig ist es -jedenfalls für mich – bei Thorsten Fink, auch weil er länger als jeder andere Trainer seit Thomas Doll beim HSV war. Ich denke, man kann sagen, daß er dem HSV erheblichen sportlichen, wirtschaftlichen und dem Team sozialen Schaden zugefügt hat. Mir fallen, je nach Betrachtungsweise, sieben bis elf Spieler ein, deren Leistungsfähigkeit er für den HSV massiv beeinträchtigt oder nicht wahrgenommen hat.
        Ob aber ein neu ankommender Trainer den Mut hat, den Kader „upside down“ zu drehen, ist sehr fraglich, solange dieser Mann nicht von sich und der Stärke seiner Position überzeugt ist.
        Auch bei Zinnbauer habe ich das Gefühl, er versucht, diesen Konflikt einzuhegen und zu unterbinden, indem er Spielern wie Westermann und van der Vaart Rückendeckung gibt. Dieser Konflikt muß aber kommen, weil diese Spieler auch das Momentum des Abstiegskampfes 2014 (ebenso wie 2012 übrigens) nicht genutzt haben, um die Gruppenkohäsion auf und neben dem Platz zu steigern. Der Abstiegsskampf wurde nicht als gemeinschaftserlebnis gelebt, inszeniert und verstanden. dies allein zeigt schon das Führungsvakuum.
        Dabei sind im aktuellen Kader durchaus Spieler, die Team-Schwachpunkte konstruktiv erkennen und benennen, den Zusammenhalt und maximale Professionalität vorleben und einfordern und zu Köpfen eines neuen HSV-Teams werden können. Ich denke insbesondere an Slobodan Rajkovic**. Damit es zum überaus notwendigen Umbruch der Hieerarchie kommt, muß der Trainer nicht unbedingt einen latenten Konflikt anheizen, es reichte schon vollkommen, die schützende Hand von van der Vaart, Westermann und Jansen zurückzuziehen, insofern sie sich als Führungskräfte verstehen.

        * http://www.sueddeutsche.de/sport/matthias-sammer-im-gespraech-der-star-ist-nicht-die-mannschaft-1.1163783
        ** http://www.bild.de/sport/fussball/slobodan-rajkovic/jeder-kann-sehen-dass-wir-eine-familie-sind-39699192.bild.html

        1. @Steinadler
          Sehr schöne ergänzende Erläuterungen, insbesondere zu Ursachen, Gruppendynamik etc.. Ich stimme Dir fast vollumfänglich zu, bitte aber zu bedenken, dass meine Blogs bereits jetzt regelmäßig eine Länge erreichen, die bei manchen Lesern bereits die Angst vor „Augenkrebs“ auslöst.
          .
          Völlig zurecht gehst Du in diesem Zusammenhang auf Labbadia und Fink explizit ein. Gerade das Problem der Erbhöfe ärgert mich seit Jahren ungemein. Mein Eindruck damals war, dass vor allem der angeblich ach so tadellose „große Zeh“ der Leader of the Pack gewesen ist, das Labbadias Arbeit dann zum Teil gänzlich ungeniert sabotierte. Auch noch verständnisvoll begleitet durch eine entsprechende Journaille. Man erinnere sich nur an den Alibi-Begleitschutz von Zé Roberto damals gegen Hoffenheim.

          Ich denke, dass man zwischen dem, was intern angesagt wurde und dem, was man extern kommuniziert, deutlich trennen sollte. Wenn ich den Subtext zwischen den Zeilen korrekt interpretiere, dann stehen bei den fraglichen Spielern die Zeichen auf Trennung im Sommer. Nur sagt man dies nicht expressis verbis. Bis dahin will man nämlich wohl diesbezüglich jedes mediale Dauerrauschen solange es geht von der Mannschaft fernhalten. Nachdem sich nun leider mein Hoffnungsträger Diaz ebenfalls verletzt hat, wird es spannend, zu welcher Abwägung Zinnbauer im Hinblick auf die unterschiedlichen, zu berücksichtigenden Gesichtspunkte kurzfristig kommen wird. Was mittelfristig wirklich geplant ist, werden wir anhand der Fakten nach Abschluss der Sommerperiode bewerten können. Ich bin jedoch unverändert zuversichtlich, dass der sentimentale Unsinn endlich ein Ende findet und nicht länger tradiert werden wird.

          1. @Trapper, Nachricht ist angekommen und verstanden. Ich werde mich zukünftig kürzer fassen, but I got carried away. Danke auch für den Hinweis auf Zé Roberto und seine zweifelhafte Rolle.

            1. @Steinadler
              Nein, Du sollst dich nicht zwingend kürzer fassen. Ich empfinde deine Ausführungen als ergänzend und absolut bereichernd. Daher eben kein Aufruf zur Selbstbeschränkung. Ich wollte damit nur „begründen“, warum ich bei bestimmten Detail-Fragen nicht noch mehr in die Tiefe gehe. Zum einen, weil vermutlich nicht jeder dann noch versteht, worum es geht, zum anderen, weil ansonsten jeder meiner Blogs zur Doktorarbeit ausufern würde.

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