Auch an mangelnder Effizienz gescheitert – Der HSV unterliegt in Frankfurt mit 2:1 (1:1)

Ich habe mir zur Angewohnheit gemacht, meine Artikel zu den Spielen des HSV nie aus der ersten Emotion heraus zu schreiben. Weder nach Siegen und schon gar nicht nach Niederlagen. Im Triumph übersieht man ansonsten nur allzu gern die Defizite, in der Niederlage wird schnell das eigene Urteilsvermögen durch die persönliche Enttäuschung getrübt. Also erlaube ich mir in der Regel den Luxus, eine Nacht über das Gesehene zu schlafen. Ich wünschte manchmal, der eine oder andere würde sich das ebenfalls angewöhnen. Besser wäre es. Denn es ist ein schmaler Grat, zwischen völlig überzogenem Verriss und naivem Positivismus.

Wie von mir erhofft, vertraute Joe Zinnbauer im Wesentlichen der gleichen Mannschaft, die in der Vorwoche gegen Gladbach die vielleicht beste Leistung seit Monaten geboten hatte. Ausnahme: Rudnevs, der den verletzten Olic ersetzte.

Aufstellung: Drobny – Diekmeier, Djourou, Rajkovic (79. van der Vaart), Ostrzolek – Jiracek, Kacar – N. Müller (70. Marcos), Stieber, Gouaida – Rudnevs (60. Beister)

Anpfiff: Der HSV begann das Spiel wie zuletzt im 4-4-2/4-4-1-1 mit Stieber neben/leicht hinter dem einzigen Stürmer. Der ballnahe Außen rückte zu Beginn regelmäßig vor, um seinen Gegenspieler frühzeitig zu stellen, sodass man gelegentlich auch eine Staffelung im 4-3-3 sehen konnte. Situativ war im Mittelfeld aber auch eine Raute zu erkennen, deren defensives Ende dann Kacar einnahm. Mir schien, als sei dieser  Wechsel in verschiedene taktische Formationen die Umsetzung dessen im Wettkampf, was Zinnbauer seiner Mannschaft offenbar zuletzt vermehrt im Training vermittelte: die Grundlagen des Verschiebens, und die Art und Weise des Anlaufens.

Von Anfang an entwickelte sich eine flotte, ansprechende Partie. Das Spiel hatte gerade begonnen, da hätte zur Abwechselung der HSV und nicht sein Gegner in Führung gehen können. Müller spielte einen feinen Pass auf Rudnevs, der aber mit seinem Abschluss an Trapp im Gehäuse der Frankfurter scheiterte (2.). Schade, schade, denn aus solchen Gelegenheiten macht ein technisch beschlagener Stürmer ein Tor, behaupte ich. Dennoch ist hier zu loben, dass man auf Seiten des HSV erkennbar darum bemüht war, Rudnevs in die Position zu bringen, die seiner Spielweise am dienlichsten sind. Auf der anderen Seite war nur zwei Minuten später Aigner alleine durchgebrochen, wurde aber im letzten Moment noch von Ostrzolek eingeholt und entscheidend gestört (4.).

Alex Meier auf Seiten der Eintracht sah man meist nur bei Kopfbällen im Mittelfeld, oder wenn er das macht, was er nicht nur gegen seinen Ex-Verein am liebsten macht: Tore schießen. Die Frankfurter kombinierten mit flüssig vorgetragenen Doppelpässen und brachten so die HSV-Defensive diverse Male in Schwierigkeiten. In der 11. Minute versuchte Djourou, Piazon im eigenen Strafraum abzudrängen, ging dabei aber nach Einschätzung des Schiedsrichters, Florian Meyer, zu rustikal zu Werke. Und schon trat Alex Meier ins Rampenlicht. Er verlud Drobny und verwandelte den fälligen Strafstoß ganz sicher zum 1:0 (12.) für die Gastgeber.

Die Eintracht hatte in der ersten Halbzeit spielerische Vorteile, da der HSV – anders als gegen Gladbach – keinen wirklichen Zugriff auf das Zentrum erhielt. Piazon, Inui, Aigner und Stendera  zeigten hinter dem „Phantom“ Alex Meier ein bemerkenswertes, offensives Kombinationsspiel, das Hasebe defensiv absicherte.  Der HSV seinerseits war erkennbar bemüht, aus dem Spiel heraus die Bälle kontrolliert, d.h. flach, zum eigenen Mann zu spielen. Zu bemängeln ist jedoch weiterhin die Spieleröffnung. Auch auf die Gefahr, mich unbeliebt zu machen, muss ich an dieser Stelle einige kritischen Bemerkungen zu Drobny loswerden.

Vorweg: ich schätze Drobny sehr. Aber auch für Drobny gilt, was für jeden anderen Spieler des HSV gelten sollte. Für ausnahmslos jeden! Dass nur 5 Prozent seiner Abschläge den eigenen Mann fanden, ist sicher nicht allein ihm anzulasten, es zeigt aber ein Defizit unter vielen anderen im Kader des HSV. Gemessen an einem Referenzspieler für das Prädikat Weltklasse im Tor wie Manuel Neuer, der über 85 Prozent seiner Bälle ziel- und punktgenau den eigenen Leuten zuspielt, und zwar völlig egal, ob mit dem Fuß bei Zuspielen oder Abschlägen, oder mit der Hand bei Abwürfen!, ist das schwach, ganz schwach. Und das darf man bei aller Wertschätzung für Drobo einfach nicht übersehen, wenn man die Mannschaft perspektivisch entwickeln möchte. Noch einmal: Fans dürfen und sollen ihre Lieblinge haben. Aber Entwicklung setzt nüchterne Analyse voraus, die niemanden ausklammern darf. Daher unterstreiche ich nochmals, was ich hier vor Wochen schrieb: Perspektivisch benötigt der HSV m.E. einen anderen, „moderneren“ Torhüter.

In der Nachspielzeit der ersten Halbzeit sah man eine schöne Einzelleistung des jungen Gouaida, die dieser mit einem guten Pass zu Nicolai Müller krönte. Dieser steckte wunderbar durch zum gut einlaufenden Stieber, der wiederum Trapp keine Chance ließ und zum 1:1 ins kurze Eck vollendete (45+2). Apropos Gouaida. Aus meiner Sicht hat er erneut seine Aufstellung gerechtfertigt. Hin und wieder unterlaufen ihm aber noch Fehler, die einem erfahreneren Spieler nicht unterlaufen (sollten). Bei allem Lob muss dies kritisch angemerkt werden. Bei ihm sieht man aber, dass er sich in die richtige Richtung entwickelt. Bravo!

Ein anderer Spieler, der mir bereits zur Halbzeit positiv auffiel, ist Stieber. Obwohl die Eintracht ihn merklich auf dem Zettel hatte, entzog er sich immer wieder seinen jeweiligen Bewachern. Er war fast überall zu finden. Links außen, rechts außen, zentral im Mittelfeld und in der vordersten Spitze. Großes Kino. Diese Feststellung freut mich besonders, denn es gehört für mich leider zur übelsten HSV-Tradition, dass neue Spieler innerhalb kürzester Zeit zerrissen werden. Und er war (?) einer von ihnen.

In der 54. Minute addierten sich auf Seiten des HSV zwei Fehler. Jiracek wollte per Kopf auf Diekmeier zurücklegen (statt den Ball zu klären), und Dennis erfasste für Sekundenbruchteile die Situation zu langsam. Am Ende landete der Ball bei Alex Meier, der platziert zur 2:1-Führung für die Gastgeber abschloss.

Zinnbauer reagierte und brachte Beister für Rudnevs (60.). Stürmer für Stürmer – fand ich zu diesem Zeitpunkt mit noch einer halben Stunde auf der Uhr nachvollziehbar. Leider geriet kurz darauf der bereits gelbverwarnte Ostrzolek in ein eins gegen eins Laufduell gegen den abgezockten Aigner. Ostrzolek wollte wohl die Innenbahn für Aigner schließen (korrekt!), kreuzte dabei aber Aigner und trat diesem, ich vermute in diesem Fall unabsichtlich, in die Beine. Konsequenz: Platzverweis für Ostrzolek und Unterzahl für den HSV. Zinnbauer  war also erneut zum Handeln gezwungen und nahm Müller vom Feld, um mit Ronny Marcos einen neuen Linksverteidiger zu bringen. Gouaida wechselte daraufhin auf die verwaiste rechte Außenbahn, und Stieber zog aus dem Zentrum mehr nach links.

Auch in der zweiten Halbzeit, zumal in Überzahl spielend, war die Eintracht die klar spielbestimmende Mannschaft und hatte ein eindeutiges Chancenplus. Dennoch wäre dem HSV um ein Haar sogar in Unterzahl der Ausgleich gelungen. Aber leider scheiterte auch Beister nach starkem Pass von Gouaida, wie schon Rudnevs in der ersten Halbzeit, alleine vor dem Tor am sehr guten Trapp. Hier sah man m.E. warum Zinnbauer Maxi bislang wenig berücksichtigt hat. Beister braucht verständlicherweise nach seiner langen Verletzungspause noch einige Zeit, um tatsächlich in Form zu kommen. Spielfähig für dreißig Minuten heißt noch lange nicht, dass man von ihm Wunder erwarten darf.

In der Nachspielzeit (90+1.) verursachte Djourou den zweiten Elfmeter. Diese Entscheidung war für mich völlig korrekt und unstrittig. Und so kamen auch die Frankfurter zu einer neuen Erkenntnis. Alex Meier kann auch Strafstöße verschießen. Er scheiterte an der Querlatte. Es blieb daher beim 2:1.

Abpfiff: Eine am Ende verdiente Niederlage des HSV gegen eine stark aufspielende Frankfurter Eintracht. Hätte Rudnevs getroffen, bzw. wäre Beister schon wieder in alter Form, dann hätte der HSV durchaus mindestens einen Punkt aus Frankfurt entführen können. Dann hätten zwar alle unverändert der Eintracht die bessere Spielanlage bescheinigt, aber die Effizienz der Auswärtsmannschaft, des HSV, gelobt. In meinen Augen waren es viele kleine und größere Details, die letztlich den Unterschied ausmachten. Von „das hat mit Bundesligafußball nichts zu tun“, wie ich las, kann m.M.n. keine Rede sein. Wenn das kein Bundesligafußball war, was der HSV hier auswärts anbot, dann möchte ich nicht wissen, was das siegreiche Gebolze vor einigen Wochen gewesen sein soll. Kreisliga B?
Die Mannschaft des HSV als Ganzes macht eine Entwicklung durch, einzelne Spieler entwickeln sich. Gouaida und Stieber werden immer stärker, Beister wird hoffentlich mit der Zeit wieder zur alten Form finden. Marcos und Gouaida unterlaufen aber hin und wieder Fehler, mit denen man bei Talenten immer rechnen muss. Antizyklisches Denken ist gefragt. Nach den Siegen war auch nicht alles rosarot. Jetzt gibt es neben aller berechtigten Kritik aus meiner Sicht sehr wohl begründeten Anlass zur Hoffnung. Die Verletzten kommen nach und nach wieder zurück, die Talente reifen mit jedem Spiel, und Maxi wird sich langsam steigern. Dass es am Ende eng werden kann, das habe ich nie bestritten. Aber kritischen Situationen begegnet man mit kühlem Kopf und nicht mit Panikmache.

Schiedsrichter: Florian Meyer (Burgdorf). Harte, aber vertretbare Entscheidung beim ersten Elfmeter.  Meinem Eindruck nach lag das Gespann bei ein, zwei engen Abseits-Entscheidungen gegen den HSV (Rudnevs, Stieber) nicht richtig. Manche Entscheidungen hätte ich anders getroffen, mache ihm daraus aber keinen Vorwurf.

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8 Kommentare

  1. Für mich bis jetzt das beste Resumée der Partie. Fair, weitestgehend objektiv und mit der Perspektive versehen, die ich auch erkenne. Diese Mannschaft „hat Potential“, vielleicht nicht die Zeit dies zu entwickeln.
    M. E. eines der besseren HSV Spiele, trotz der Niederlage.

  2. Hi Trapper,

    ich sehe es auch wie Uli: HSV hat ein eher besseres Spiel abgeliefert. Frankfurt war stärker als erwartet, leider haben wir uns mindestens fünf Dummheiten geleistet bzw. waren wir mind. fünfmal unklug:
    1. Rudnevs Torschuss in der 1. Minute
    2.+ 3. Zweimal Djourou: Dumm angestellt im Strafraum
    4. Beister Torschuss – zu unplaziert
    5. Uncleveres Zweikampfverhalten von Ostrzolek

    Der Schiedsrichter war relativ durchschnittliche, Fehlentscheidungen habe ich eher bei Balleroberung Kacar bzw. bei 1-2 Abseitsentscheidungen gegen den HSV gesehen. Kacar und Stieber sind mir positiv aufgefallen. Negativ fallen mir wieder mal die Abschläge von Drobny auf.

    Das Problem des HSV sehe ich darin, dass so eine Niederlage, nach dem eher unglücklichen Verlauf des Gladbachspiels mental verarbeitet werden muss. Ich befürchte gegen Dortmund wirds wieder übel und dann ist der Druck danach wieder doppelt so hoch. Außerdem hat dummerweise Stuttgart nicht verloren und Hertha sogar gewonnen.

    Die Saison wird für uns HSV Fans noch lange spannend bleiben.

    1. @muscomatik
      Die Frage, die ich mir bei Ostrzoleks zweiter Karte gestellt habe, ist, warum er da alleine gegen Aigner ist. Leider hatte ich weder Zeit noch Möglichkeit, die Entstehungsgeschichte genauer unter die Lupe zu nehmen.

  3. Ein n.m.M. der besseren Spiele des HSV. Erfreulich fand ich zu sehen, dass die Schwächen der Mannschaft langsam schwächer werden. Der Spielzug, der zum Tor führte, war ja nun wirklich gut. Mein Nachbar, der ansonsten jedes Tor des HSV mit dem Abbrennen eines Böllers belohnt, hat bei diesem Tor völlig vergessen, seinen Böller zu zünden.

    Andererseits wäre es auch ganz schön, wenn Herr Diekmeier nicht aus jedem Einwurf eine sakrale Handlung machen würde. Durch seine Art der Zelebrierung unterbricht er zu oft das laufende Spiel und manchmal vergibt er dadurch auch Möglichkeiten, zu Toren zu kommen.
    Schön wäre es, wenn wir keine anderen Sorgen hätten.

    Mich interessiert, welche Spieler in der nächsten Saison noch da sind, ob und wie Tah und Demirbay in die Mannschaft eingebaut werden. Natürlich bin ich auch gespannt, ob Lasogga es hinbekommt mal eine Saisonvorbereitung, nicht nur als Zuschauer, zu erleben.
    Natürlich halte ich es auch für wichtig, dass endlich, mit Erfolg, was gegen die Misere im Sturm unternommen wird.

    1. @oldiehamburg
      Diekmeiers Verhalten vor Einwürfen fiel mir nicht so negativ auf. Aber der stärkste Außenverteidiger auf dem Platz war für mich ohnehin Oczipka. Ich finde es sehr ärgerlich, dass der dem HSV durch die Lappen gegangen ist, da er doch genau vor der Nase beim kleinen Nachbarn spielte. Oczipka spielt mit beiden Beinen gute Pässe und schlägt gute Flanken. Ist daher gut in ein Kombinationsspiel einzubinden. Bei Dennis lässt die Präzision der Flanken fast grundsätzlich zu wünschen übrig. Und in diesem Spiel hatte ich den Eindruck, dass sein linkes Bein deutlich schwächer ist, was ihn dazu tendieren lässt, den Ball auf rechts zu legen. Daraus ergeben sich andere (weniger) spielbare Winkel.

  4. Schoener Bericht, ich kann dem nur zustimmen. Ein Nachsatz zum Ostrzolek: Er foult zuviel und zu unnoetig, das ist mir auch in der Hinrunde mehrfach negativ aufgefallen und meine Hauptkritik an ihm. An sich denke ich ist er unser komplettester LV, aber da muss er dran arbeiten.

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