Trapp

Auch an mangelnder Effizienz gescheitert – Der HSV unterliegt in Frankfurt mit 2:1 (1:1)

Ich habe mir zur Angewohnheit gemacht, meine Artikel zu den Spielen des HSV nie aus der ersten Emotion heraus zu schreiben. Weder nach Siegen und schon gar nicht nach Niederlagen. Im Triumph übersieht man ansonsten nur allzu gern die Defizite, in der Niederlage wird schnell das eigene Urteilsvermögen durch die persönliche Enttäuschung getrübt. Also erlaube ich mir in der Regel den Luxus, eine Nacht über das Gesehene zu schlafen. Ich wünschte manchmal, der eine oder andere würde sich das ebenfalls angewöhnen. Besser wäre es. Denn es ist ein schmaler Grat, zwischen völlig überzogenem Verriss und naivem Positivismus.

Wie von mir erhofft, vertraute Joe Zinnbauer im Wesentlichen der gleichen Mannschaft, die in der Vorwoche gegen Gladbach die vielleicht beste Leistung seit Monaten geboten hatte. Ausnahme: Rudnevs, der den verletzten Olic ersetzte.

Aufstellung: Drobny – Diekmeier, Djourou, Rajkovic (79. van der Vaart), Ostrzolek – Jiracek, Kacar – N. Müller (70. Marcos), Stieber, Gouaida – Rudnevs (60. Beister)

Anpfiff: Der HSV begann das Spiel wie zuletzt im 4-4-2/4-4-1-1 mit Stieber neben/leicht hinter dem einzigen Stürmer. Der ballnahe Außen rückte zu Beginn regelmäßig vor, um seinen Gegenspieler frühzeitig zu stellen, sodass man gelegentlich auch eine Staffelung im 4-3-3 sehen konnte. Situativ war im Mittelfeld aber auch eine Raute zu erkennen, deren defensives Ende dann Kacar einnahm. Mir schien, als sei dieser  Wechsel in verschiedene taktische Formationen die Umsetzung dessen im Wettkampf, was Zinnbauer seiner Mannschaft offenbar zuletzt vermehrt im Training vermittelte: die Grundlagen des Verschiebens, und die Art und Weise des Anlaufens.

Von Anfang an entwickelte sich eine flotte, ansprechende Partie. Das Spiel hatte gerade begonnen, da hätte zur Abwechselung der HSV und nicht sein Gegner in Führung gehen können. Müller spielte einen feinen Pass auf Rudnevs, der aber mit seinem Abschluss an Trapp im Gehäuse der Frankfurter scheiterte (2.). Schade, schade, denn aus solchen Gelegenheiten macht ein technisch beschlagener Stürmer ein Tor, behaupte ich. Dennoch ist hier zu loben, dass man auf Seiten des HSV erkennbar darum bemüht war, Rudnevs in die Position zu bringen, die seiner Spielweise am dienlichsten sind. Auf der anderen Seite war nur zwei Minuten später Aigner alleine durchgebrochen, wurde aber im letzten Moment noch von Ostrzolek eingeholt und entscheidend gestört (4.).

Alex Meier auf Seiten der Eintracht sah man meist nur bei Kopfbällen im Mittelfeld, oder wenn er das macht, was er nicht nur gegen seinen Ex-Verein am liebsten macht: Tore schießen. Die Frankfurter kombinierten mit flüssig vorgetragenen Doppelpässen und brachten so die HSV-Defensive diverse Male in Schwierigkeiten. In der 11. Minute versuchte Djourou, Piazon im eigenen Strafraum abzudrängen, ging dabei aber nach Einschätzung des Schiedsrichters, Florian Meyer, zu rustikal zu Werke. Und schon trat Alex Meier ins Rampenlicht. Er verlud Drobny und verwandelte den fälligen Strafstoß ganz sicher zum 1:0 (12.) für die Gastgeber.

Die Eintracht hatte in der ersten Halbzeit spielerische Vorteile, da der HSV – anders als gegen Gladbach – keinen wirklichen Zugriff auf das Zentrum erhielt. Piazon, Inui, Aigner und Stendera  zeigten hinter dem „Phantom“ Alex Meier ein bemerkenswertes, offensives Kombinationsspiel, das Hasebe defensiv absicherte.  Der HSV seinerseits war erkennbar bemüht, aus dem Spiel heraus die Bälle kontrolliert, d.h. flach, zum eigenen Mann zu spielen. Zu bemängeln ist jedoch weiterhin die Spieleröffnung. Auch auf die Gefahr, mich unbeliebt zu machen, muss ich an dieser Stelle einige kritischen Bemerkungen zu Drobny loswerden.

Vorweg: ich schätze Drobny sehr. Aber auch für Drobny gilt, was für jeden anderen Spieler des HSV gelten sollte. Für ausnahmslos jeden! Dass nur 5 Prozent seiner Abschläge den eigenen Mann fanden, ist sicher nicht allein ihm anzulasten, es zeigt aber ein Defizit unter vielen anderen im Kader des HSV. Gemessen an einem Referenzspieler für das Prädikat Weltklasse im Tor wie Manuel Neuer, der über 85 Prozent seiner Bälle ziel- und punktgenau den eigenen Leuten zuspielt, und zwar völlig egal, ob mit dem Fuß bei Zuspielen oder Abschlägen, oder mit der Hand bei Abwürfen!, ist das schwach, ganz schwach. Und das darf man bei aller Wertschätzung für Drobo einfach nicht übersehen, wenn man die Mannschaft perspektivisch entwickeln möchte. Noch einmal: Fans dürfen und sollen ihre Lieblinge haben. Aber Entwicklung setzt nüchterne Analyse voraus, die niemanden ausklammern darf. Daher unterstreiche ich nochmals, was ich hier vor Wochen schrieb: Perspektivisch benötigt der HSV m.E. einen anderen, „moderneren“ Torhüter.

In der Nachspielzeit der ersten Halbzeit sah man eine schöne Einzelleistung des jungen Gouaida, die dieser mit einem guten Pass zu Nicolai Müller krönte. Dieser steckte wunderbar durch zum gut einlaufenden Stieber, der wiederum Trapp keine Chance ließ und zum 1:1 ins kurze Eck vollendete (45+2). Apropos Gouaida. Aus meiner Sicht hat er erneut seine Aufstellung gerechtfertigt. Hin und wieder unterlaufen ihm aber noch Fehler, die einem erfahreneren Spieler nicht unterlaufen (sollten). Bei allem Lob muss dies kritisch angemerkt werden. Bei ihm sieht man aber, dass er sich in die richtige Richtung entwickelt. Bravo!

Ein anderer Spieler, der mir bereits zur Halbzeit positiv auffiel, ist Stieber. Obwohl die Eintracht ihn merklich auf dem Zettel hatte, entzog er sich immer wieder seinen jeweiligen Bewachern. Er war fast überall zu finden. Links außen, rechts außen, zentral im Mittelfeld und in der vordersten Spitze. Großes Kino. Diese Feststellung freut mich besonders, denn es gehört für mich leider zur übelsten HSV-Tradition, dass neue Spieler innerhalb kürzester Zeit zerrissen werden. Und er war (?) einer von ihnen.

In der 54. Minute addierten sich auf Seiten des HSV zwei Fehler. Jiracek wollte per Kopf auf Diekmeier zurücklegen (statt den Ball zu klären), und Dennis erfasste für Sekundenbruchteile die Situation zu langsam. Am Ende landete der Ball bei Alex Meier, der platziert zur 2:1-Führung für die Gastgeber abschloss.

Zinnbauer reagierte und brachte Beister für Rudnevs (60.). Stürmer für Stürmer – fand ich zu diesem Zeitpunkt mit noch einer halben Stunde auf der Uhr nachvollziehbar. Leider geriet kurz darauf der bereits gelbverwarnte Ostrzolek in ein eins gegen eins Laufduell gegen den abgezockten Aigner. Ostrzolek wollte wohl die Innenbahn für Aigner schließen (korrekt!), kreuzte dabei aber Aigner und trat diesem, ich vermute in diesem Fall unabsichtlich, in die Beine. Konsequenz: Platzverweis für Ostrzolek und Unterzahl für den HSV. Zinnbauer  war also erneut zum Handeln gezwungen und nahm Müller vom Feld, um mit Ronny Marcos einen neuen Linksverteidiger zu bringen. Gouaida wechselte daraufhin auf die verwaiste rechte Außenbahn, und Stieber zog aus dem Zentrum mehr nach links.

Auch in der zweiten Halbzeit, zumal in Überzahl spielend, war die Eintracht die klar spielbestimmende Mannschaft und hatte ein eindeutiges Chancenplus. Dennoch wäre dem HSV um ein Haar sogar in Unterzahl der Ausgleich gelungen. Aber leider scheiterte auch Beister nach starkem Pass von Gouaida, wie schon Rudnevs in der ersten Halbzeit, alleine vor dem Tor am sehr guten Trapp. Hier sah man m.E. warum Zinnbauer Maxi bislang wenig berücksichtigt hat. Beister braucht verständlicherweise nach seiner langen Verletzungspause noch einige Zeit, um tatsächlich in Form zu kommen. Spielfähig für dreißig Minuten heißt noch lange nicht, dass man von ihm Wunder erwarten darf.

In der Nachspielzeit (90+1.) verursachte Djourou den zweiten Elfmeter. Diese Entscheidung war für mich völlig korrekt und unstrittig. Und so kamen auch die Frankfurter zu einer neuen Erkenntnis. Alex Meier kann auch Strafstöße verschießen. Er scheiterte an der Querlatte. Es blieb daher beim 2:1.

Abpfiff: Eine am Ende verdiente Niederlage des HSV gegen eine stark aufspielende Frankfurter Eintracht. Hätte Rudnevs getroffen, bzw. wäre Beister schon wieder in alter Form, dann hätte der HSV durchaus mindestens einen Punkt aus Frankfurt entführen können. Dann hätten zwar alle unverändert der Eintracht die bessere Spielanlage bescheinigt, aber die Effizienz der Auswärtsmannschaft, des HSV, gelobt. In meinen Augen waren es viele kleine und größere Details, die letztlich den Unterschied ausmachten. Von „das hat mit Bundesligafußball nichts zu tun“, wie ich las, kann m.M.n. keine Rede sein. Wenn das kein Bundesligafußball war, was der HSV hier auswärts anbot, dann möchte ich nicht wissen, was das siegreiche Gebolze vor einigen Wochen gewesen sein soll. Kreisliga B?
Die Mannschaft des HSV als Ganzes macht eine Entwicklung durch, einzelne Spieler entwickeln sich. Gouaida und Stieber werden immer stärker, Beister wird hoffentlich mit der Zeit wieder zur alten Form finden. Marcos und Gouaida unterlaufen aber hin und wieder Fehler, mit denen man bei Talenten immer rechnen muss. Antizyklisches Denken ist gefragt. Nach den Siegen war auch nicht alles rosarot. Jetzt gibt es neben aller berechtigten Kritik aus meiner Sicht sehr wohl begründeten Anlass zur Hoffnung. Die Verletzten kommen nach und nach wieder zurück, die Talente reifen mit jedem Spiel, und Maxi wird sich langsam steigern. Dass es am Ende eng werden kann, das habe ich nie bestritten. Aber kritischen Situationen begegnet man mit kühlem Kopf und nicht mit Panikmache.

Schiedsrichter: Florian Meyer (Burgdorf). Harte, aber vertretbare Entscheidung beim ersten Elfmeter.  Meinem Eindruck nach lag das Gespann bei ein, zwei engen Abseits-Entscheidungen gegen den HSV (Rudnevs, Stieber) nicht richtig. Manche Entscheidungen hätte ich anders getroffen, mache ihm daraus aber keinen Vorwurf.

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von alten und neuen Kapitänen, Klippen und einer Bergung, die andauert

Preisfrage: was haben die Costa Concordia und der HSV gemeinsam? Antwort: Beide wurden von überforderten Kapitänen kommandiert, beide wurden fast versenkt. Und in beiden Fällen sind sich die Kapitäne kaum einer Schuld bewusst.

Der Unterschied: der gockelhafte Capitano Schettino, der das ihm anvertraute Schiff offenbar vor allem aus Geltungssucht auf die Klippen der kleinen Insel Giglio setzte, bevor er natürlich nur rein zufällig in eines der ersten Rettungsboote stolperte, der besitzt (noch) ein Kapitänspatent. Carl-Edgar Jarchow wurde die Befähigung zur Führung des Dickschiffs namens HSV lediglich unterstellt. Ein in Kreisen Hamburger Pfeffersäcke durchaus klangvoller Nachname, ein wenig rhetorische Befähigung zu Politiker-Floskeln, schon wurde aus einem Hinterbänkler ein idealer Kompromisskandidat. Ein Kapitänspatent, also die tatsächlich nachgewiesene Befähigung zur Leitung eines mittelständischen Unternehmens mit einem Jahresumsatz von immerhin ca. 140 Millionen Euro in einer sehr speziellen Branche – wer braucht das schon? Wen wundert es, dass Jarchow, der mindestens die politische Verantwortung für  eine unter seiner Führung dramatisch verschlechterte finanzielle Lage des Vereins trägt, rückblickend nur die eine oder andere personelle Entscheidung als  eigenen Fehler erkennt.

Kapitäne, die vor allem auch Kraft ihrer eigenen Einschätzung über das Patent zur großen Fahrt verfügten, auch das hat(te) schließlich traurige Tradition beim einst ruhmreichen Hamburger SV.  Doch mit Ruhm und Tradition ist das so eine Sache. Beides gründet in der Regel auf Vergangenem.

Einschneidende Veränderungen und die Mär vom ausgeglichenen Wettbewerb

Der Fußball hat sich seit Gründung der Bundesliga fortlaufend verändert. Wie alle anderen Sportarten auch. Das ist eben so banal wie einfach festzustellen. Die vierstellige Bezahlung, für welche die ersten Profis noch die Schuhe schnürten, die verlangt heute schon ein namenloses Nachwuchstalent. Plus Festanstellung für den Herrn Papa, z.B. als Scout selbstredend.

Durch das Bosman-Urteil (1995) des Europäischen Gerichtshofs haben sich die Kräfteverhältnisse in den Vertragsverhandlungen zwischen Vereinen und Spielern zugunsten der Spieler verschoben. Durch den Einstieg des Bezahlfernsehens kamen Gelder in bis dato ungeahnter Größenordnung in Umlauf. Und die Umgestaltung der kontinentalen Pokal-Wettbewerbe in Ligen (in Europa: Championsleague, Euro-League) bewirkte ein Übriges. Wenn ich mich recht erinnere, so wurde in den Neunzigern eine von den nationalen Ligen gänzlich abgekoppelte eigene Liga für die G20-BigPlayer unter den Vereinen diskutiert und lautstark abgelehnt. De facto ist sie jedoch durch die Hintertür längst eingeführt worden. Denn früher ließ sich mit dem Gewinn des UEFA-Pokals oder des Europapokals der Pokalsieger durchaus noch Staat machen ( – auch wenn der Pokal der Landesmeister schon damals der bedeutendste Wettbewerb war). Heute landet man als Runner-up des nationalen Wettbewerbs oder Gewinner des nationalen Pokals in einem Trostpflaster-Wettbewerb namens Europa-League, der zunächst einmal Geld kostet. Weil man die Kadergröße an die Doppelbelastung anpassen muss, weil Siegprämien zu zahlen und zusätzliche Reisekosten zu tragen sind. Etwas Geld kann man dort erst ab dem Halbfinale verdienen. Leider garantiert einem keiner zum Start, dass man diese Gewinnzone auch tatsächlich erreicht. Anders für die Teilnehmer der Champions League. Hier werden zweistellige Millionenbeträge schon in der ersten Gruppenphase garantiert. Gewinnt man den Pokal, kommen  schnell 60 (sechzig!) Millionen Euro auf das Konto. Diese krasse Ungleichverteilung der Gelder hat zur Folge, dass Jahr für Jahr weit überwiegend die ewig gleichen Namen in der Champions League anzutreffen sind. Die reichen Vereine werden immer reicher, die Emporkömmlinge werden mit Brosamen ruhig gestellt, und der Rest, zu dem inzwischen auch der HSV zu zählen ist, spielt gegen den Abstieg.

Auch aus rein sportlicher Sicht sind unschwer bemerkenswerte Veränderungen festzustellen. Jeder, der sich heute z.B. die WM-Classics von ’74 bis ’90 anschaut, wird sofort bemerken, wie vergleichsweise  langsam die Spiele waren, wie viel Zeit bspw. ein Netzer hatte, um aus der Tiefe des Raumes nach vorne zu traben. Derart viel Zeit bekommt ein ballführender Spieler heute nicht einmal mehr in den unteren Regionen der zweiten Liga.

Manndeckung, Ausputzer? 1990 wurde Deutschland unter Beckenbauer mit einem 5-3-2-1 Weltmeister. Spielt in dieser Form heute kaum einer mehr. Viererkette? Noch Anfang der Neunziger behaupteten fast alle deutschen Experten, diese Art des Spielens passe einfach nicht zu deutschen Spielern.  Gleich so, als sei im deutschen Fußball-Genom das entsprechende Gen aufgrund des Wirkens höherer Mächte einfach nicht aufzufinden. Kennen wir schon (von den Holländern), können wir aber nicht, wollen wir daher nicht. Haben wir noch nie so gemacht und waren doch häufiger im Finale (als die kleinen Nachbarn). Basta.

Dann kam ein damals junger Trainer, Ralf Rangnick, mit dem SSV Ulm und bewies das Gegenteil. Der „Professor“ muss uns nicht den Fußball erklären! Was bildet der sich ein?!, mokierte sich das Establishment. Heute sind auf Kettenbildung basierende Systeme längst eine Selbstverständlichkeit. Mehrere Trainer experimentieren sogar mit Dreierketten in der Abwehr. Darunter anerkannte, weltweit respektierte Trainer wie Guardiola und Löw. Aber Fink, der dies exakt ein Mal beim HSV versuchte, der hatte natürlich, natürlich absolut gar keine Ahnung, meinten wieder einmal die Experten zu wissen.

Berti Vogts hat früh, Mitte der Neunziger, wiederholt darauf hingewiesen, dass der deutsche Fußball im Begriff sei, den Anschluss zu verlieren. Er forderte bereits damals ein radikales Umdenken in der Nachwuchsausbildung. Aber das war ja auch der von Raab besungene kleine Bööördi. Kein Grund zur Sorge. Am Ende kam es bekanntlich, wie es kommen musste: Die Nationalmannschaft flog bei den großen Turnieren frühzeitig nach Hause. Und auch die deutschen Klubs waren kontinental kaum noch konkurrenzfähig. Da haben es dann sogar, fast möchte ich sarkastisch gratulieren, die erzkonservativen Granden des DFB geschnallt. Aber wie immer, wenn traditionelle Vorgehensweisen in Frage gestellt werden, ging dies nicht ohne Reibung und Widerstand. Klinsmann, der sich aus guten Gründen weitgehende Befugnisse und ein handverlesenes Team zusichern ließ, wollte zusätzlich den klugen Bernhard Peters zum Sportdirektor des DFB machen. Uh, ein Hockey-Trainer, das geht gar nicht!, befand das Establishment und drückte damals Sammer durch. Die Wahrheit aus meiner Sicht: die Weltmeisterschaft 2014 ist ohne die damaligen Visionen des zu Unrecht auf ein paar Buddha-Statuen beim FCB reduzierten Klinsmann undenkbar. Allem Hoeneß zum Trotz.

Nicht nur der HSV verschläft Entwicklungen

Dann kam der BvB. Vom fast insolventen Pleiteklub zum deutschen Meister. Läuferisch der damaligen Konkurrenz überlegen, konnte Trainer Jürgen Klopp die Aufgabe der Balleroberung aus dem Bereich traditioneller Abwehrarbeit nach vorne, weg vom eigenen Tor verschieben. Pressingphasen, wie sie der HSV übrigens  zeitweilig bereits vor Jahrzehnten(!) unter Ernst Happel gespielt hatte, konnten dank verbesserter Laufleistungen der Spieler zeitlich deutlich ausgedehnt werden. Inklusive s.g. Pressingfallen, d.h. man ließ den Gegner ganz bewusst in bestimmte Räume eindringen, um dort den Ball zu erobern und die gegnerische Abwehr möglichst in Unordnung zu überraschen. Dass der HSV diese Entwicklung fast komplett verschlafen hat, das kann inzwischen kaum noch verwundern. Taktisch unter Zebec und Happel noch zur nationalen und sogar kontinentalen Spitze zählend, klammert(e) man sich in Hamburg viel zu lange an die ruhmreiche Vergangenheit. Überraschender schon, dass anfänglich selbst die Bayern den Dortmundern kaum Paroli bieten konnten. Dann aber kamen sie mit Macht. Heynckes modifizierte den Ballbesitz-Fußball van Gaal’scher Prägung und moderierte geschickt die internen Dissonanzen. Eine Transferoffensive, in deren Zuge u.a. Manuel Neuer und für schlappe 40 Millionen Euro Javi Martinez verpflichtet wurden, brachte sie zurück an die absolute Spitze (Tripple-Sieger).

Der HSV fristete derweil sportlich mehr oder minder orientierungslos sein Dasein. Mit beinahe beängstigender Regelmäßigkeit wurden neue Konzepte angekündigt. Neues Personal (Trainer, aber auch Sportdirektoren und Leiter des NLZ) verpflichtet und alsbald wieder zum Teufel gejagt. Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. Wen wundert es da noch, dass manches Konzept schon bald nicht mehr das Papier wert schien, auf dem es skizziert wurde?! Natürlich waren und sind nie alle Mitarbeiter des HSV unfähig gewesen! Dass man trotz dieses erzkonservativen, da rückwärts gewandten Kurses immer wieder auch erfolgreich Talente entwickeln konnte, beweist dies. Im Grunde können einem jedoch alle Mitarbeiter des Clubs leid tun, die unter derartigen Umständen über Jahre bemüht waren, tatsächliche Spitzenleistung zu ermöglichen. Aus Nabelschau und Vergangenheitsverklärung lässt sich eben nur äußerst schwer zeitgemäße Leistung in einem Hochkonkurrenz-Wettbewerb generieren.

Analyse als unverzichtbare Basis der Leistungsentwicklung

Es kann schon gar nicht mehr verwundern, dass Beiersdorfer zum Amtsantritt Knäbels eingestand, er habe gar nicht gewusst, dass man eine s.g. Weltstandsanalyse machen kann. Wie aber will man heute Talente aus der U15 auf die Anforderungen des Fußballs im Jahr 2022 vorbereiten, wenn man gar nicht weiß, wohin die Reise geht? Wenn ich gar nicht analysiere, was diese Talente in einer sich stetig wandelnden Sportart erwartet? Das funktioniert nicht. Das kann nicht optimal funktionieren! Und wir reden hier über Beiersdorfer, nicht über Herrn Hunke, Ertel  oder Jarchow…

Neue Spieler bringen oft beim HSV nicht die Leistung, die sie zuvor bei ihren Vereinen gebracht haben. Weil sie allesamt charakterschwach und saturiert sind, sobald sie beim HSV gelandet sind? Das mag in Einzelfällen zutreffen, ist aber meines Erachtens keine erschöpfende, schlüssige Erklärung.

Leistung im Sport basiert in meinen Augen auf sachkundiger, unsentimentaler Analyse: Wo stehe ich derzeit? Wodurch lässt sich die Spitze in meinem Sport kennzeichnen?  Wie kann ich eine etwaige Differenz zwischen meinem Ist-Zustand und dem Soll-Zustand in realistische, da zu erreichende Einzelschritte (Etappenziele) zerlegen? Systematisches, konzeptionelles Arbeiten ist gefragt, nicht Versuch und Irrtum. Die nicht funktionierenden Strukturen müssen  erkannt, aufgebrochen und zu einem schlüssigen Gesamtkonzept zusammengefügt werden.

Wer, wie der HSV, seit Jahren und Jahrzehnten den eigenen Ansprüchen hinterher läuft, wer serienweise versagt, wenn es um die Wurst geht, der muss sich an die eigene Nase fassen. Der darf nicht die Schiedsrichter, höhere Mächte (Papierkugel) oder einzelne Spieler zum Sündenbock machen. Das ist nur bequem und zu billig.

Fußball ist, das gilt heute mehr denn je, Teamsport. Wie kann man von einer Mannschaft Spitzenleistung erwarten, bei deren Zusammenstellung mal dieser mal jener seine Finger im Spiel hatte? Wie kann ich von einem, zwei oder drei neuen Spielern Spitzenleistung erwarten, wenn das Team als Ganzes nicht funktioniert? Weil die ja (zu) viel Geld verdienen? Mit Verlaub, da spricht doch nur der Sozialneid.

Der einzelne Spieler ist immer auf den Rest seiner Kollegen angewiesen. Selbst Ausnahmekönner wie Maradona, Christiano Ronaldo oder Messi konnten und können durch sehr gut funktionierende Mannschaften neutralisiert werden, wie die Fußball-Historie belegt.

Und dennoch scheint mir ebenfalls richtig: Zwischen rückwärts gewandtem Traditionalismus nebst inzwischen absurd  erscheinendem, überhöhtem Anspruchsdenken, bestand beim HSV zu lange eine Komfortzone, die mindestens nicht leistungsfördernd wenn nicht gar leistungsfeindlich wirkte. Nur ein Beispiel: Frank Rost hat uns seinerzeit vor dem Abstieg bewahrt? – Der darf den Verein nicht  mehr verlassen, hieß es. Ein reiner Reaktionstorwart mit unterentwickelter Spieleröffnung wurde als angeblich unverzichtbar dargestellt. Konnte doch keiner ahnen, dass Manuel Neuer und eine ganz andere Generation von Torhütern (Zieler, ter Steegen, Trapp, Karius und und und) nachrücken würde. Oder etwa doch? Könnte es sein, dass diese neue Generation mitnichten plötzlich vom Himmel fiel? Würde ich nicht der Expertise von Peter Knäbel vertrauen, ich würde befürchten, dass man gerade im Begriff ist, mit Drobny denselben Fehler (wie mit Rost)  zu wiederholen.

Spieler haben in meinen Augen eine Funktion im Team. Diese sollen sie erfüllen (auch dafür werden sie im Fußball nicht zuletzt ganz anständig bezahlt.). Jedem neuen Spieler muss man eine Zeit der Eingewöhnung von einem halben Jahr zu billigen. Schließlich bleiben sie auch als Profis Menschen und sind keine Roboter. Aber spätesten dann muss ich fortlaufend die Entwicklung des Spielers analysieren. Hat er die Erwartungen erfüllt? Besitzt er weiteres Entwicklungspotenzial? Wenn er die Erwartungen nicht erfüllen konnte, bspw. weil er andauernd mit Muskelverletzungen ausfiel, muss zielgerichtet und lösungsorientiert an dem Problem gearbeitet werden. Um bei diesem Beispiel zu bleiben: Alles muss auf den Prüfstand. Komplette sportmedizinische Analyse, maßgeschneidertes, präventives Training möglich?, Ernährung und Lebenswandel sind zu hinterfragen. Bleibt alles ohne Befund und Wirkung, muss man notfalls den Spieler wieder transferieren. Ende. Das mag für den Spieler hart sein, ist aber Berufsrisiko. Das wissen auch die Spieler. Es gibt keine Garantie für die großen Fleischtöpfe. Allein die Leistung kann den Platz auf Zeit an diesen Töpfen  rechtfertigen. Und Leistung, hier schließt sich der Kreis, muss immer in Relation zu den Konkurrenten bewertet werden. Was heute noch ausreichen mag, kann morgen schon ungenügend erscheinen. Weiter, immer weiter! Nichts ist so alt wie die Erfolge von gestern. Die sind schöne Erinnerungen, helfen aber wenig in der Gegenwart, wie z.B. der BvB gerade erfährt. Das bedeutet aber keineswegs, dass man alles im Falle des Misserfolgs sofort über Bord wirft. Gemeint ist aber wohl: hier gibt es ein Problem, für das in angemessener(!) Zeit eine für das Gesamtkonstrukt passende Lösung gefunden werden muss.

Um zum Ausgangspunkt, den größtenteils überforderten Kapitänen auf der Brücke des HSV zurückzukehren: Ich habe versucht, einige Punkte herauszuarbeiten:

  1. Auch der Fußball verändert sich permanent;
  2. Das jeweilige Establishment reagiert darauf gewöhnlich mindestens mit Skepsis wenn nicht gar unverhohlener Ablehnung;
  3. Eine überprüfbare positive Leistungsentwicklung ist Voraussetzung, um einen Rückstand zu verringern;
  4. Der HSV ist aus diversen Gründen den Erfordernissen des Leistungssports bisher nicht gerecht geworden. Der sportliche Niedergang hat daher hausgemachte Ursachen.

Ich betrachte daher die Veränderungen, die Peters und Knäbel beim HSV vornehmen, als sowohl zwingend notwendig als auch überfällig. Dietmar Beiersdorfer besitzt in meinen Augen in diesem Prozess die durchaus wichtige Aufgabe, all die konservativen Kräfte des Vereins „einzufangen“, die ansonsten, die Art und Weise des Scheiterns von Frank Arnesen beim HSV lässt grüßen, das Ganze früher oder später torpedieren werden. Diese Kräfte sind Klippen, die man nicht ignorieren darf, will man das Schiff am Ende in sichere Gewässer schleppen.

Wenn Peters und/oder Knäbel von „Leitplanken“ sprechen, die einzuziehen seien, wenn von leistungssportgerechten Abläufen und Strukturen die Rede ist, die jetzt, fast dreißig Jahre nach dem letzten Titelgewinn, zu etablieren seien, dann ahnt man, wie inkompetent dieser Verein von seinen bisherigen Kapitänen mehrheitlich geführt wurde. Zugleich ist es ein Armutszeugnis für einen Verein mit diesem Anspruch.

Der große Dampfer HSV liegt unverändert leckgeschlagen auf der Seite. Daran ändert auch die Entscheidung der Mitglieder pro HSVPlus zunächst nichts. Ob die Bergung gelingt, werden erst die nächsten 18 Monate zeigen. Es wird mühsam, so viel scheint sicher. Immerhin verfügt die heutige Besatzung auf der Brücke über das nötige Handwerkszeug. Allein dies erscheint mir für den HSV schon fast revolutionär und gibt Anlass zur leisen Hoffnung. Die Entscheidung für die Ausgliederung bleibt jedoch, ungeachtet gewisser Konstruktions- und Umsetzungsfehler und ungeachtet des Ausgangs der Bergung, richtig. Denn die war zu dem Zeitpunkt längst alternativlos.