Psychologie und Sport

Texte, die sich vor allem mit Sportpsychologie oder Psychologie und (Fußball-)Sport beschäftigen.

Vorschau: Eintracht Braunschweig – Hamburger SV

Ich habe mehr als 9.000 Würfe in meiner Karriere verfehlt. Ich habe fast 300 Spiele verloren. 26 Mal wurde mir der spielentscheidende Wurf anvertraut… und ich habe verfehlt. Ich habe in meinem Leben wieder und wieder und wieder versagt. Und deswegen bin ich erfolgreich! (Michael Jordan)

Wenn ich an das heutige Spiel denke, dann wird mir flau im Magen. Zu wichtig scheint doch ein Erfolg. Man fragt sich unwillkürlich, gegen wen diese Mannschaft denn überhaupt noch gewinnen will, sollte auch dieses Spiel verloren gehen, nicht wahr? Achtzehnter gegen Siebzehnter – wer hätte das zu Beginn dieser Saison erwartet? Ich gestehe, ich jedenfalls nicht. Ich habe den HSV  im Mittelfeld gesehen, fern ab von den internationalen Plätzen. Daher war ich auch einigermaßen erbost, als Jarchow Platz sechs als Ziel ausrief. Und dies mit der fast rein numerischen Begründung, wer in der letzten Saison siebter geworden sei, der müsse selbstredend höhere Ziele anpeilen. Nein, nein nein! Sport allgemein und Fußball insbesondere ist keine Mathematik, wie wir jetzt erleben müssen. Wer so argumentiert, der offenbart in meinen Augen, dass er die allgemeine sportliche Lage und Leistungsfähigkeit nicht einzuschätzen weiß. Es war doch bereits deutlich unter Fink zu sehen, dass die Mannschaft alles andere als gefestigt wirkte. Zu schematisch ihr (Aufbau-)Spiel, zu störungsanfällig das gesamte Konstrukt. Dazu einige blutjunge Spieler (Tah, Calhanoglu), die in ihre erste Bundesliga-Saison gingen. Da wäre es realistisch gewesen, die Erwartungen klein zu halten, anstatt sie ohne jede Not zu schüren. „Wir sind immer noch im Neuaufbau, haben eine Reihe sehr junger, hochtalentierter, aber eben auch noch unerfahrene Spieler hinzugewonnen und wollen uns zunächst einmal weiter konsolidieren. Lassen Sie uns über konkrete Ziele in ein Paar Monaten reden.“ – das wäre ehrlich und angemessen gewesen. Nicht so in Hamburg. Beim HSV scheint man traditionell zu denken, dass die überwiegend mäßigen Platzierungen der letzten dreißig Jahre allesamt nur zufällige Ausrutscher und bedauerliche Betriebsunfälle gewesen sind. Befeuert und angetrieben vom örtlichen Boulevard, dem es, das ist nicht vorzuwerfen, im Grunde gleichgültig ist, ob der HSV um die Meisterschaft oder den Abstieg spielt, wird fast durchweg die Tabellenspitze anvisiert und den Fans avisiert. Zielsetzungen, die im Grunde meist bereits schon bei ihrer jeweiligen Verkündung reine Makulatur sind.

Also zurück zu meinem (unserem?) flauen Magen. Was passiert, wenn der HSV heute verlieren sollte? STOP! Das ist die falsche Fragestellung! Niemals mit negativen Gedanken im Kopf in den Wettkampf gehen! Sonst braucht man fast gar nicht anzutreten. Es ist völlig normal, dass Befürchtungen und Zweifel aufkommen, aber ein im Bereich „Mentales Training“ kompetenter Sportler hat gelernt, in derartigen Fällen sofort einzugreifen. Aus einem bedrohlichen „Meine Güte! Wenn wir verlieren, dann ist sogar Braunschweig vor uns!“ muss im Kopf sofort ein „heute haben wir die großartige Chance, als erstes die Braunschweiger zu distanzieren“ werden. „Eine Niederlage heute, und wir sind totale Versager!“ muss umgehend positiv umformuliert werden in „heute haben wir die großartige Gelegenheit zu zeigen, dass wir uns für den Verein zerreißen und guten Fußball spielen können“.  Negative Gedanken lähmen und blockieren die eigene Leistungsfähigkeit. Positive Gedanken beflügeln.

Auf geht ’s Hamburg!  Mögen sich die Gremien des Vereins auch noch so sehr blamieren – heute können wir alle, Mannschaft, Trainer und Fans, zeigen, dass wir kämpfen werden. Kämpfen um jeden Ball, um jeden Quadratmeter, um jede Chance. Und sei sie noch so gering! Nehmt die Ängste war. Auch die Angst, erneut zu versagen. Macht Euch bewusst, was da rumort und ggf. destruktiv behindern könnte. Das ist normal, das ist nur menschlich angesichts der Umstände. Aber unternehmt etwas dagegen! Vorher und sofort! Jeder für sich – im Kopf. Und immer wieder neu, auch nach dem Spiel – egal wie es ausgeht! Wenn das gelingt, dann können wir heute einen ersten großen Schritt machen. Gemeinsam, denn nur so geht es! Nur wer aufgibt, wer sich seinen Ängsten kampflos ergibt, der hat schon verloren. Der wird immer versagen – früher oder später. Erzwingen wir stattdessen das Glück, unser Glück!

Wer ihn noch nicht kennt, hier ist der ultimative Soundtrack für die Rückrunde von Elvis: http://www.youtube.com/watch?v=AVsd4vZQPe0

Liebe, Hass und Sport

Hass ist der dunkle Bruder der Liebe, ist deren negatives Zerr- oder Spiegelbild. Oft hasst man diejenigen am meisten, die man zuvor am glühensten zu lieben glaubte. Hass ist eine mögliche, überschießende Reaktion des Menschen auf Zurückweisung, schwerste Enttäuschungen oder tiefe Kränkungen. Er ist vermutlich Ausdruck des Versuchs, sich selbst von dem Geliebten abzugrenzen, sich zu distanzieren, zurück ins Gleichgewicht zu finden und zeigt in seinem Übermaß doch an, dass das nicht gelingen will.

Verein und Spieler sind Projektionsflächen, auf die eigene Sehnsüchte und Fantasien übertragen werden. “Mein” Verein soll groß sein, “mein” Verein soll besser als die anderen sein, “wir” schlagen die Anderen, die Fremden am WE, das ist “unser” Spieler, der den von denen da gerade nass gemacht hat, der das Traumtor schoss! – das wird inständig erhofft und erwartet. Werden diese Sehnsüchte auf Dauer nicht erfüllt, das Subjekt enttäuscht und gekränkt, dann kann diese Leidenschaft ins Gegenteil umschlagen. Dann ist “der” nicht mehr meiner/unser, sondern der muss (angeblich) weg. Fast nie wird die Frage gestellt, ob zuvor die eigene Erwartungshaltung völlig unrealistisch und unangemessen gewesen ist. Nein, der (vermeintlich) Schuldige ist viel leichter außerhalb (auch meiner selbst) zu verorten. Das ist die leichtere Lösung, den sie stellt mir keine unangenehmen Fragen. Der Dorn im Auge des Anderen, das steht bereits in der Bibel, ist allzeit augenfällig, das Brett vor dem eigenen Kopf nicht.

Viele Menschen sind schlechte Verlierer. Das kann man bei schon bei einem simplen, harmlosen Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel beobachten.
Die da (die Profis) sind “Stars”, sie werden permanent überhöht und auch deswegen verdienen sie bizarr viel. Alles strebt aber auf Dauer zu einem Gleichgewicht. Der Podestplatz ist stets nur auf Zeit geliehen. Seine Berechtigung bedarf permanenter Bestätigung. Erfüllt der Star auf Dauer nicht die Erwartungen, so wird er ebenso lustvoll überschießend vom Sockel gestoßen und der kollektiven Verachtung ausgeliefert.

Die Frage nach dem warum sollte also bei mir selbst beginnen. Nur wenn ich dem anderen bereits ungesund und zu viel Macht eingeräumt habe, z.B. auch über meine Emotionen, meine Gedanken, mein Leben, muss ich mich u.U. in dieser Form distanzieren. Wer mir gleichgültig ist, den hasse ich nie. Und damit schließt sich der Kreis zur unerfüllten Liebe.