Beiersdorfer

Et kütt, wie et kütt – vor dem Spiel des Hamburger Sportvereins beim 1. FC Köln

Wenn es einen anderen Erstligaverein außerhalb Hamburgs gibt, mit dem ich (ein wenig) sympathisiere, dann ist der 1. FC Köln. Das liegt daran, dass ein großer Teil meiner Familie viele Jahre in Aachen wohnte. Es hätte daher zwar näher gelegen, sich für die Alemannia zu interessieren, aber Aachen, das war für mich als hamburger Jung immer die kleine, fußläufige Stadt meiner Schulferien, eben Provinz. Zudem krebste die Alemannia zu jener Zeit, von einer unvergessenen Saison einmal abgesehen, stets in den Niederungen der Zweit- oder Drittklassigkeit. Und ich als Heranwachsender interessierte mich damals noch ausschließlich für die erste Bundesliga. Der FC – das versprach damals noch „großen“ Fußball. Overath und Flohe, Schuster, Schumacher, Littbarski und Okudera gehörten zum Kreis der Helden meiner Kindheit. Und dann gab es damals ja noch den Trainer, den legendären Hennes Weisweiler, von dem u.a eines meiner Lieblingszitate (aus seiner Zeit zuvor bei Gladbach) überliefert ist: „Abseits ist, wenn das lange Arschloch [Anm.: gemeint war G. Netzer] wieder einmal zu spät abgespielt hat!“.

Der 1. FC Köln war, darin ist er dem Hamburger Sportverein nicht unähnlich, einmal eine echte Hausnummer in der Bundesliga. Dann begann, auch darin ist der FC dem HSV nicht unähnlich, der selbstverschuldete Niedergang. Kölscher Klüngel und eine gewisse Sorglos-Mentalität („Et hät noch immer jot jejange!“), falsche Trainer (u.a. Heddergott) – spätestens mit dem Abgang Littbarskis nach Japan war (für mich) der Lack ab. Der FC mutierte zunehmend zu einem Chaosverein. Zwar fand man beim ersten Gastspiel von Christoph Daum (85/86 – 90) in die Spitzengruppe der Bundesliga zurück, aber daraus erwuchs nichts Nachhaltiges. Im Gegenteil! Der Verein blieb in seinem Selbstverständnis, so sah es jedenfalls für mich als Außenstehender aus, in der einst erfolgreichen Zeit verhaftet und hielt sich unbeirrt, die sportliche und wirtschaftliche Realität ignorierend, zu höherem berufen. HSV und 1. FC Köln, das sind für mich zwei Vereine, deren tatsächliche sportliche Erfolge lang, lang zurückliegen. Und die ungeachtet dessen dennoch Jahr für Jahr zu Saisonbeginn jeweils höchste sportliche Ziele ausriefen. Wurden diese dann, was im Grunde zu erwarten gewesen wäre, verfehlt, fehlte es notorisch an Geduld und vor allem an Sachverstand in den Gremien des Vereins, um einen schrittweisen, systematischen und vor allem nachhaltigen Aufbau zu beginnen. So musste der FC am Ende der Saison 1997/98 letztlich erstmals in der Vereinsgeschichte den bitteren Gang in die Zweitklassigkeit antreten. Zwar gelang dem Verein zwei Jahre später unter Trainer Ewald Lienen die Rückkehr in das Oberhaus, doch auch dies änderte nichts daran, dass es unverändert an Realismus und Sachverstand mangelte. 2002 stieg man erneut ab. Als man in Köln nach längerer Zeit mit Podolski endlich wieder einen Ausnahmespieler in den eigenen Reihen hatte, gelang es dem Verein dennoch nicht, um Podolski eine in der ersten Liga konkurrenzfähige Mannschaft aufzubauen. Erneut stieg der FC am Ende der Saison 2005/06 in die zweite Liga ab. Ein einst erfolgreicher Traditionsverein, der 1. FC Köln, verkam zu einer von mehreren „Fahrstuhlmannschaften“. Aus meiner Sicht war daher der FC stets warnendes Gegenbeispiel für den Irrglauben derjenigen, die in einem Abstieg in die Zweitklassigkeit am Ende der letzten Spielzeit eine „Chance“ für den HSV zu entdecken glaubten.

Was ist neu?

Wenn nicht alles trügt, dann haben beide Vereine, der HSV aber auch der 1. FC Köln, zu mehr Realismus gefunden. In Köln scheint man mit Stöger endlich ein Trainer gefunden zu haben, der akzeptiert wird. Mit dem in Hamburg während eines lächerlich öffentlichen Sportchef-Castings durchgefallenen Jörg Schmadtke hat man zudem einen kompetenten Sportdirektor gefunden, dem man (ähnlich wie Beiersdorfer in Hamburg) nachsagt, dass er lieber noch einmal nachdenkt, bevor er den Mund öffnet. Erstmalig, so scheint es, verzichten beide Vereine auf boulevardwirksame, vollmundige Ansagen.  In Köln wäre man wohl bereits mit Platz 15 zufrieden, in Hamburg gilt das gesicherte Mittelfeld als Saisonziel. Vom Erreichen des internationalen Geschäfts, ansonsten vom jeweils örtlichen Boulevard nur zu gerne ausgerufen, redet erfreulicherweise keiner.

Der 1. FC Köln hat gleich neun neue Spieler verpflichtet, jedoch im Kern die Mannschaft zusammengehalten, welcher der Aufstieg in die Erstklassigkeit gelang. Besonders gespannt bin ich auf das neue Sturmduo, den Japaner Osako und den Nigerianer Ujah. Beide scheinen technisch beschlagen, agil und wendig zu sein. Und vor allem habe ich den Eindruck, dass sie gut miteinander harmonieren. Letzteres wird auch notwendig sein, da Helmes mit einem Knorpelschaden auf unbestimmte Zeit ausfallen wird.

Daneben scheint es, als hätte man mit dem ehemaligen Augsburger, Kevin Vogt (22), an dem angeblich auch der HSV interessiert gewesen sein soll, auch schon ein denkbarer Nachfolger für Matze Lehmann (31) für das defensive Mittelfeld gefunden.

Der Hamburger Sportverein wird wohl mit dem jungen Brasilianer Cléber kurzfristig vor dem Spiel einen weiteren Innenverteidiger unter Vertrag nehmen, den Beiersdorfer in der gestrigen PK mit Blick auf seine Spielweise mit Kahlid Boulahrouz verglich. Cléber wäre, wenn ich richtig gezählt habe, der elfte Neuzugang der Hamburger, wobei zu beachten ist, dass die zuvor ausgeliehenen Skjelbred, Kacar und Lasogga sowohl den Verein als auch dessen Umfeld bereits kennen. Andere, bspw. Brunst-Zöllner, Jung und Steinmann dürften zunächst kaum Chancen auf einen Platz in der Startelf besitzen. Zwei echte Neuzugänge, Linksaußen Zoltán Stieber und Rechtsaußen Nicolai Müller, fallen für das Auftaktspiel aus.

Wie werden sie spielen?

Schwer abzuschätzen. Beim 1. FC Köln rechne ich mit einem 4-2-3-1/4-4-1-1, welches die Mannschaft in der vorangegangenen Zweitligasaison erfolgreich gespielt hat. Osako könnte hier wie schon im DFB-Pokal als zentraler Mann der offensiven Dreierkette, bzw. als hängende Spitze neben Ujah fungieren.

Beim Hamburger Sportverein ist mit einer ähnlichen Systematik zu rechnen. Ich glaube, dass Slomka auf einen Startelf-Einsatz von Cléber noch verzichten wird, da der Spieler nur eine Trainingseinheit zusammen mit seinen neuen Kollegen absolvieren konnte. Zudem wird man aus leidvoller Erfahrung mit anderen Spielerverpflichtungen aus Brasilien beim HSV abwarten wollen, wie sich der Spieler in dem für ihn gänzlich neuen Umfeld zurechtfindet.

Ilicevic musste gestern mit dem Mannschaftstraining aussetzen, Müller ist noch verletzt, daher könnte der HSV in der folgenden Aufstellung beginnen:

Adler – Diekmeier, Djourou, Westermann, Ostrzolek – Behrami, Badelj (alternativ: Arslan), Rudnevs, van der Vaart, Jansen – Lasogga.

Wie geht es aus?

Wenn ich das wüsste, wäre ich wohl Millionär. Köln hatte weniger Mühe im Pokal als der HSV, spielte aber auch gegen einen Viertligisten (FT Braunschweig). Im Vergleich beider Gegner wird man den FC Energie Cottbus eindeutig höher einschätzen müssen.

Für beide Vereine geht es darum, möglichst sofort erfolgreich aus den Startlöchern zu kommen. Das dürfte zwar grundsätzlich auf alle Mannschaften zu treffen, erscheint aber in beiden Fällen von besonderer Bedeutung. Für die Kölner, weil man als Aufsteiger mit dem HSV eine Mannschaft zu Hause empfängt, die, nimmt man die letzte Saison als Maßstab, durchaus schlagbar erscheint; für den HSV, weil man im Pokal der Mannschaft durchaus noch die vielen Misserfolge der vergangenen Horror-Saison anmerkte. Hier geht es also darum, möglichst schnell wieder zu Selbstvertrauen und einer gewissen Selbstverständlichkeit (im Spiel) zu finden. Eine Niederlage gleich zu Beginn und dann ausgerechnet gegen einen Aufsteiger – man muss kein Prophet sein, um vorherzusehen, dass der hamburger Boulevard bei weiteren Niederlagen sehr schnell die Karte „Tuchel“ wieder hervorzaubern wird.

Ich rechne nicht damit, dass der HSV viele Tore gegen die gute Defensive des FC erzielen kann. Gleichzeitig fehlt mir noch das Vertrauen in  die defensive Stabilität des hamburger Teams. Zu erwarten ist daher m.E. ein Spiel, bei dem beide Seiten zunächst darum bemüht sein werden, ja nicht schnell in Rückstand zu geraten.

Meines Erachtens besitzt der Hamburger Sportverein auf dem Papier den eindeutig besseren Kader. Man darf aber eben nicht vergessen, dass vor allem der Beister-Ersatz/-Konkurrent Müller gar nicht zur Verfügung steht. Zudem tritt die Mannschaft auswärts an, wo ihr bekanntlich seit längerer Zeit kein (herausgespielter) Sieg mehr gelingen konnte. Ich rechne mit einem 1:1 Unentschieden, hoffe jedoch auf einen 1-2 Erfolg für den HSV.

Ungeachtet des Spielausgangs hoffe ich sehr, dass man bei beiden Vereinen die bitteren Lektionen der Vergangenheit endlich gelernt hat und in jedem Fall die Ruhe bewahrt. Beide Mannschaften werden sich erst finden müssen, sodass selbst nach mehreren Siegen oder Niederlagen in Serie zu Saisonbeginn weder höhere Ziele noch Panikmache angebracht erscheinen.

Und sonst?

Beim HSV diskutiert man nach der Verpflichtung Clébers eine Ausleihe von Tah für eine Saison. Ich halte derartige Überlegungen durchaus für angebracht und sinnvoll, da unbedingt sichergestellt sein sollte, dass Tah jetzt weitere Spielpraxis sammelt. Nur so kann er sich entwickeln. Bemerkenswert finde ich, mit welcher Schärfe hier andernorts diese bislang nur angedachte Ausleihe kommentiert wird. Schließlich hat niemand, absolut niemand die Absicht geäußert, dieses große Talent zu verkaufen. Ich werte derartige Kommentare u.a. als Ausdruck des tief verwurzelten Misstrauens in die Kompetenz der sportlichen Führung im Umfeld. Dieses fehlende Vertrauen ist einerseits bis zu einem gewissen Maß nachvollziehbar, übersieht aber andererseits, dass mit Beiersdorfer und Peters endlich ausgewiesene Fachleute für den HSV arbeiten, sodass mir ein gewisses Vertrauen in deren Expertise durchaus angebracht erscheint.

HSV-Personalien

Die Weltmeisterschaft ist beendet, die Nationalmannschaft nach zwanzig Jahren wieder an der Spitze des FIFA-Rankings, und das s.g. Gauchogate wird sich alsbald als das entpuppen, was es in meinen Augen ist: ein Sturm im Wasserglas. Widmen wir uns also wieder dem, worum es hier im Blog hauptsächlich geht, dem HSV.

Natürlich wisst Ihr längst, dass sich Dietmar Beiersdorfer inzwischen auch offiziell im Amt befindet. Ich habe mir die PK zu seiner Begrüßung angesehen und war durchaus beeindruckt. Beeindruckt hat mich, dass hier ein Mann zum HSV zurückgekehrt ist, dem ich wirklich glaube, dass ihm der HSV am Herzen liegt. Das allein ist im Zeitalter diesbezüglicher Lippenbekenntnisse schon bemerkenswert.

Was manche ihm als Zögern und Zaudern auslegen, das werte ich positiv. Beiersdorfer ist in meinen Augen jemand, der sich genau überlegt, was er wem wann sagt. Und ist es nicht auch das, was viele von uns in der Vergangenheit immer wieder am HSV genervt hat? Diese notorische Geschwätzigkeit der ehemaligen Amtsinhaber?

Als Beiersdorfer bei seiner Antritts-PK ein eindeutiges Bekenntnis zur Zukunft von Oliver Kreuzer beim HSV vermied, da ahnte wohl nicht nur ich bereits, dass dessen Tage im Amt gezählt waren. Inzwischen hat der Verein die vorzeitige Trennung von Kreuzer bestätigt. Bemerkenswert daran, wie auch an der folgenden Meldung zur geglückten Verpflichtung von Bernhard Peters, ist, dass sie zu erst vom HSV selbst vermeldet wurde. Das gab es in den letzten Jahren ja nur ausnahmsweise…

Was Oliver Kreuzer angeht, so will ich hier nicht nachkarten. Es bleibt für mich dabei, dass seine Verpflichtung einer von vielen Fehlern der alten Vereinsführung gewesen ist. Was die Person Kreuzers angeht, so habe ich den Eindruck gewonnen, dass für ihn der Schritt vom kleinen KSC aus der Provinz zum ungleich stärker medial beachteten HSV unter den alten Gegebenheiten in und rund um den Verein ein zu großer gewesen ist. Er ist daher in meinen Augen beim HSV keineswegs nur an eigenen Fehlern gescheitert. Für seine persönliche Zukunft wünsche ich ihm alles Gute.

Die Entscheidung für Peters, der dem Vernehmen nach den Nachwuchsbereich kontinuierlich und konzeptionell entwickeln soll, – was mehr als überfällig ist! – bestärkt mich in meiner Hoffnung, dass beim HSV endlich, endlich die richtigen Weichen gestellt werden. Ich verfolge den Werdegang des ehemals überaus erfolgreichen Hockey-Nationaltrainers schon seit vielen Jahren und halte ihn für einen der klügsten Köpfe, die im Profifußball tätig sind. Schlug ihm, dem „Fußballfremden“, vor Jahren noch das geballte Misstrauen des erzkonservativen Establishments entgegen, so dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben, dass er in den letzten knapp acht Jahren vorzügliche Arbeit im Nachwuchsbereich der TSG Hoffenheim geleistet hat. Ich hätte mir daher keinen besseren Kandidaten vorstellen können.

Gesucht wird nun ein Nachfolger für Kreuzer, also jemand, der unmittelbar im sportlich-operativen Profigeschäft tätig wird. Ein Kandidat scheint hier der ehemalige Regisseur des FC St. Pauli und langjährige Technische Direktor des Schweizer Fußballverbandes, Peter Knäbel, zu sein. Da ich beide Personen, Peters und Knäbel, bereits 2009 im Zusammenhang mit der Position des Sportdirektors öffentlich vorschlug, dürfte klar sein, dass ich auch dessen Verpflichtung, so sie tatsächlich beabsichtigt ist und zustande kommen sollte, ausdrücklich begrüßen würde. Aber warten wir ab, wer es denn nun wirklich werden wird.

Was mögliche Spieler-Transfers zum HSV betrifft, so möchte ich hier nicht jedes Gerücht kommentieren. Grundsätzlich verstehe ich zwar, dass man als Fan jeden kolportierten Namen aufsaugt, aber am Ende zählen Fakten, keine Gerüchte. Bis die Transferperiode endet, vergehen schließlich noch fast sieben Wochen.  Ich rechne daher damit, dass sich der Kader noch entscheidend verändert.

Einer, den ich vermissen werde, ist Michael („männschn“) Mancienne. Er wechselt allem Anschein nach zu Nottingham Forrest. Für mich einer der Spieler, die vom HSV zeitweilig auf beschämende Weise behandelt wurden. Und der sich dennoch jederzeit loyal verhalten hat. Bei einer Abwägung des Preis-Leistungsverhältnisses mag dieser Transfer auch aus Sicht des Hamburger Sportvereins sinnvoll sein, für mich ist Michael (das gilt auch für Tomás Rincón) aber mehr „HSVer“ geworden, als so mancher andere mit u.U. größerem Namen.

Es tut sich also einiges rund um den HSV. Mich würde interessieren, wie Ihr die letzten Nachrichten rund um die Raute bewertet. Entspricht die jüngste Entwicklung euren Erwartungen? Was haltet ihr von Beiersdorfer und Peters (und Knäbel)? Wo (speziell in welchem Mannschaftsteil) sollte sich der HSV eurer Meinung nach noch personell verstärken? Welche Erwartungen habt ihr für die kommende Saison?

Nach der deprimierenden letzten Spielzeit sehe ich jedenfalls der neuen Saison zunehmend gelassen und mit Vorfreude entgegen. Da ich keine sportlichen Wunder erwarte, sondern mit einem gesicherten Mittelfeldplatz zufrieden wäre, bin ich zuversichtlich, dass dieses Ziel auch tatsächlich erreicht werden wird.