Drobny

Routine schlägt Talent. Der HSV unterliegt beim FC Augsburg mit 3:1 (0:1)

Unter Zinnbauers Leitung ist nicht nur die Durchlässigkeit vom Nachwuchs in die Profimannschaft deutlich größer geworden, auch die taktische Ausrichtung erscheint flexibler. Vom Fink’schen 4-2-3-1 zu einem klaren 4-1-4-1. Es folgte ein Hybrid-System aus 4-2-3-1 und 4-1-4-1 mit der Rückkehr des abkippenden Sechsers. Zuletzt war dann die Einführung gleich zweier inverser Flügelspieler zu beobachten. So gleicht jedes Spiel des HSV für den außenstehenden Beobachter derzeit noch ein wenig einer Wundertüte. Man fragt sich, welche Spieler zum Einsatz kommen, und in welcher taktischen Formation der HSV das nächste Spiel bestreiten wird. Und auch dieses Mal überraschte der HSV-Trainer mit neuem Personal und einer taktischen Anpassung an den Gegner.

Zu erwarten war, dass Götz den gesperrten Diekmeier eins zu eins als Rechtsverteidiger ersetzen würde. Den Einsatz des jungen Ronny Marcos konnte man zwar erahnen, jedoch dürften die meisten damit gerechnet haben, dass dieser ggf. Ostrzolek als Linksverteidiger ersetzen würde. Beide zusammen in der Startelf – das war schon eine kleine Überraschung. Der Einsatz des Konterstürmers Rudnevs in einem Auswärtsspiel überraschte mich weniger, zumal sich dieser zuletzt in Training und Spiel formverbessert präsentierte. Ebenso wenig überraschte mich, dass neben dem Letten nicht Lasogga von Beginn an spielte. Diese beiden Stürmertypen ergänzen sich einfach nicht optimal. Da Rudnevs zudem unübersehbare technische Probleme u.a. in der Ballbehauptung besitzt, erschien eine Umstellung auf ein System mit zwei Sturmspitzen bei seinem Einsatz fast zwingend. Die Lösung mit dem ebenfalls sprintstarken, technisch beschlagenen, torgefährlichen Müller drängte sich förmlich auf, zumal Gouaida bei seinem Debüt gegen Bremen als „falscher“ Rechtsaußen zu gefallen wusste.

Zinnbauer wechselte also erneut das System und vertraute der folgenden Aufstellung: Drobny – Götz, Djourou, Westermann (35. Cleber), Ostrzolek – Behrami – Gouaida, van der Vaart (75. Green), Marcos – N. Müller (71. Lasogga) , Rudnevs

Das Spiel: Zinnbauers Umstellung auf ein 4-4-2 muss man als grundsätzlich gelungene taktische Lösung loben. Ronny Marcos bot, wie schon Gouaida eine Woche zuvor  bei seinem Debüt in der Bundesliga, eine sehr respektable Leistung. Der Linksverteidiger der U23 spielte auf für ihn eher ungewohnter Position im linken offensiven Mittelfeld mutig und blieb weitestgehend fehlerlos. Da vor allem beide Sturmspitzen als auch beide offensive Außenbahnspieler regelmäßig aggressiv offensiv pressten, kam das Augsburger Spiel in der ersten Halbzeit nicht wie gewohnt zur Entfaltung.

Bei eigenem Ballbesitz sah man in der Frühphase des Spiels erneut Behrami als zwischen die Innenverteidiger abkippenden Sechser. Im weiteren Verlauf wurde dies jedoch nicht zuletzt in Folge des späteren Rückstandes zunehmend aufgegeben.

Das Spiel des HSV wirkte auf mich weniger leicht auszurechnen als mit Lasogga als einziger Spitze. Die erste große Torchance für die Gastgeber notierte ich in der 27. Spielminute. Drobny konnte einen Freistoß, den Bobadilla aus ca. 23 Metern Entfernung und zentraler Position schoss, gerade noch um den Pfosten lenken. Alles andere der ersten Halbzeit, hüben wie drüben, fiel eher in die Kategorie „Halbchance“.

Leider verletzte sich Westermann am Knie und musste bereits in der 35. Spielminute vom Feld. Für mich einer von mehreren Gründen, warum der HSV am Ende als Verlierer vom Platz ging. Dies ist ausdrücklich nicht als Kritik an Cleber gemeint, der ihn ersetzte. Denn dem Brasilianer fehlt u.a. Spielpraxis. Ich möchte hier nur festhalten, dass deutliche Mängel bei der Feinabstimmung zwischen Djourou und Cleber zu bemerken waren.

Insgesamt wirkte das Spiel des HSV auf mich flüssiger als zuletzt. Man konnte meist die Angriffsbemühungen der Gastgeber erfolgreich neutralisieren, da man situativ die Staffelung wechselte. So sah man des Öfteren eine Dreierkette im (offensiven) nachschiebenden Mittelfeld, oder die Abwehrkette wurde im Bedarfsfall um einen weiteren Spieler erweitert. Unbefriedigend blieb, wie bereits gewohnt, dass man gute Ansätze für eigene Angriffe zu oft im letzten Drittel des Spielfeldes verschenkte.

In der Nachspielzeit der ersten Halbzeit konnte N. Müller endlich einmal mit Ball und Tempo in den freien Raum starten – prompt wurde es gefährlich. Müller passte auf Rudnevs, der den Ball mustergültig direkt und flach quer passte. Van der Vaart ließ sich nicht lange bitten und bedankte sich mit einem Torschuss ins lange Eck zum 0:1 für die Hamburger (45+1.).

Zur Halbzeit empfand ich die Führung des HSV als keineswegs unverdient. Feststellbar war, dass die Angriffe des HSV mehrheitlich über die mit zwei nominellen Linksverteidigern besetzte linke Außenbahn erfolgten. Das Gespann auf der Gegenseite (Gouaida, Götz) agierte offensiv weniger auffällig.

Mit Beginn der zweiten Halbzeit verstärkten die Gastgeber ihre eigenen Angriffsbemühungen. Sie spielten nun ihrerseits aggressiver und erhöhten das Tempo. Götz, der ansonsten eine durchaus ordentliche Partie ablieferte, leistete sich im Bemühen, das eigene Spiel zu beschleunigen, gleich zwei vermeidbare Fehlpässe genau zum Gegner, die einem so normalerweise in der Bundesliga nicht unterlaufen sollten. Dies ist nur eine nüchterne Feststellung an die Adresse derjenigen, die jeden U23-Spieler des HSV schon jetzt für besser halten als die Profis. Es ist ausdrücklich kein Vorwurf an Götz, dem man (wie allen anderen Talenten), eine gewisse Lernphase zubilligen muss.

Auch beim Ausgleichstreffer war Götz nicht ganz schuldlos. Ostrzoleks Foul führte zum Freistoß für den FCA. Werner flankte in den Strafraum, wo sich die mangelnde Feinabstimmung in der Viererkette bemerkbar machte. Cleber stand am kurzen Pfosten. Djourou hatte es gleich mit zwei Augsburgern zu tun, da Götz nicht weit genug nach innen eingerückt war. Drobny blieb auf der Linie, obwohl die Flanke an den Fünfmeter-Raum kam. Im Resultat konnte Djurdjic den Ball per Kopf unfreiwillig quer legen, sodass Altintop letztlich keine Mühe mit dem erfolgreichen Torschuss aus kurzer Distanz hatte. Das frühe 1:1 in der 49. Spielminute.

Es ist m.E. kein Zufall, dass der Führungstreffer über die rechte Seite des HSV fiel. Götz konnte Augsburgs Werner nicht entscheidend behindern. Dieser spielte einen seher guten, temperierten Pass genau in den Lauf des durchgestarteten Baba. Dessen Vorsprung an Metern und Geschwindigkeit konnte Gouaida verständlicherweise nicht mehr egalisieren, sodass Baba fast ungestört vom Flügel nach innen passen konnte. Die umgestellte Innenverteidigung des HSV (s.o.) stand erneut nicht optimal gestaffelt, da zu sehr auf einer Linie, und Ostrzolek konnte Bobadilla nicht halten. So kam es trotz einer drei eins Überzahl im Strafraum zur 2:1-Führung für die Gastgeber in der 62. Minute.

Danach versuchte der HSV unverdrossen nach vorne zu spielen, musste aber nach einer äußert strittigen Entscheidung des ansonsten guten Schiedsrichters den nächsten Nackenschlag hinnehmen. Götz wollte im Strafraum einen Ball klären, doch Djurdjic war für Bruchteile einer Sekunde früher am Ball. Dr. Drees entschied zum Entsetzen aller Hamburger auf Strafstoß für den FCA, den Augsburgs Kapitän Verhaegh dann sicher verwandelte (69.)

Zinnbauer reagierte folgerichtig und brachte mit Lasogga und Green kurz hintereinander zwei frische Angreifer. Bei eigenem Ballbesitz verzichtete man nun endgültig auf den abkippenden Sechser, um im Mittelfeld und Angriff mehr Optionen zu haben. Lobenswert einmal mehr, dass der Mannschaft jederzeit der Willen, vielleicht doch noch wenigstens zu einem Punkt zu kommen, anzumerken war. So kam man gegen Ende der Partie u.a. zu mehreren Eckbällen, aus denen man jedoch leider kein Kapital schlagen konnte. Auch dem eingewechselten Lasogga blieb ein Treffer versagt, da Augsburgs Callsen-Bracker für den bereits geschlagenen Torhüter Manninger auf der Linie (86.) klären konnte. Es blieb daher beim 3:1-Erfolg für den FCA.

Schiedsrichter: Dr. Drees (Münster-Sarmsheim). Bot lange Zeit eine tadellose, gute Leistung.  Besonders gut gefielen mir seine Körpersprache und seine erläuternden Ansprachen an die Spieler nach strittigen Entscheidungen. Es gibt unangenehmere, arrogantere Unparteiische.
Die Entscheidung auf Strafstoß für den FCA in der 69. Spielminute bleibt jedoch objektiv regeltechnisch falsch. Zwar ist Djurdjic tatsächlich früher am Ball als Götz und wird von diesem am Fuß getroffen, jedoch kommt der Augsburger nur deswegen früher an den Ball, weil er mit gestrecktem Bein und offener Sohle zum Ball und in die bereits begonnene Schussbewegung von Götz sprintet. Damit liegt hier ein s.g. gefährliches Spiel des Augsburgers vor. Dieses ist zeitlich vor dem prinzipiell strafbaren Kontakt von Götz einzuordnen und hätte daher als solches abgepfiffen werden müssen. Selbst wenn man behauptet, dass auch Götz strafbar mit gestrecktem Bein agiert habe, so steht der Hamburger günstiger zum Ball und „wartet“ allein darauf, dass das Spielgerät auf spielbare Höhe fällt, während der Augsburger nur durch seinen Regelverstoß zum und an den Ball kommt. Aufgrund der Geschwindigkeit des Ablaufs und der Positionierung des Schiedsrichters war dies aber für ihn schwer zu erkennen. Für mich ist daher der regeltechnische Fehler Folge eines entschuldbaren Wahrnehmungsfehlers.

Fazit: Der Sieg der Augsburger geht aufgrund der deutlich stärkeren zweiten Halbzeit in Ordnung, fällt  jedoch gefühlt um ein Tor zu hoch aus.

Ich bewundere Zinnbauers Mut, auf die Talente aus der viertklassig spielenden U23 in der Bundesliga zu setzen. Man kann mit Recht fragen, ob hier nicht mitunter zu viel des Gutes probiert wird. Im Detail sind nämlich unverändert verständliche Anpassungsprobleme zu bemerken. In der Summe fehlt es der Mannschaft an Qualität. Hier meine ich nicht Talent, sondern die Routine, die man erst durch Erfahrung erwirbt. Diese Routine können die U23-Spieler ganz einfach (noch) nicht haben. Ein tatsächlicher Bundesligaspieler wird man nicht bereits durch ein, zwei mehr oder minder gelungene Einsätze. Der erzwungene Wechsel in der Innenverteidigung war für mich die entscheidende Schwächung. In der Summe (anderes System, drei U23-Spieler, und mit Cleber, der aus ganz anderen, vielfältigen Gründen noch Akklimatisierungsbedarf haben dürfte) wäre ein Sieg des HSV eine faustdicke Überraschung gewesen. Mir ist es aber lieber, dass Zinnbauer jetzt den Talenten Spielpraxis und Erfahrung verschafft, bevor er diese Spieler in der tatsächlich heißen Phase der Saison ins kalte Wasser verwerfen muss. Wirklich enttäuscht hat bisher keines von ihnen, auch Götz nicht.

Wie Zinnbauer finde auch ich lobenswert, dass man mindestens in der ersten Halbzeit sehen konnte, dass die Mannschaft des HSV Fortschritte macht, was nicht zuletzt der schön herausgespielte Führungstreffer belegt. Mit einer etwas erfahreneren Mannschaft wäre der taktische Plan des Hamburger Trainers möglicherweise voll aufgegangen. Der FC Augsburg war am Ende aber die reifere, die routiniertere Mannschaft. Dies ist auch Folge einer kontinuierlichen, systematischen Arbeit unter Leitung von Weinzierl.

Die entscheidende Frage aus Sicht des HSV bleibt, ob sich seine Talente schnell genug entwickeln können. Das aber müssen zum Glück andere be- und verantworten.

Verdiente Niederlage gegen einen in fast allen Belangen überlegenen Gegner: VfL Wolfsburg – HSV 2:0 (1:0)

Nach Hoffenheim und Gladbach wurde in letzter Zeit der VfL Wolfsburg als einer der Vereine in den Medien hervorgehoben, die angeblich in dieser Saison den FC Bayern „jagen“. Angesichts des bereits erneut stattlichen Punktepolsters der Münchener wirkt dies auf mich zum jetzigen Zeitpunkt sowohl alarmierend als auch unfreiwillig komisch. Alarmierend, weil bei dieser Aufzählung der BvB fehlt, der meiner Meinung nach normalerweise stärker als die drei genannten Vereine einzuschätzen ist. Auch wenn sich die Dortmunder momentan wohl nur in einer temporären sportlichen Krise befinden dürften und man jederzeit damit rechnen muss, dass sie eine Siegesserie starten können, so dürften sie sich angesichts ihres Punkte-Rückstandes bereits jetzt aus dem Rennen um die diesjährige Meisterschaft endgültig verabschiedet haben. Bei allem Respekt vor der hervorragenden Arbeit in Hoffenheim, Mönchengladbach und Wolfsburg – der Bundesliga droht erneut, dass die wichtigste Entscheidung, die zum Titel, weit vorfristig, nämlich bereits kurz nach Beginn der Rückrunde fällt. Die drei Verfolger, zu denen eben auch der VfL zu rechnen ist, werden den Serienmeister aus Bayern am Ende der Saison wahrscheinlich nur noch mit dem Fernglas erkennen können. Diese „Jagd“, darin sehe ich die Komik, dürfte dann doch eher in einem Hinterherhecheln münden.

Ungeachtet ihrer mutmaßlichen Chancenlosigkeit auf den Titelgewinn sollte man anerkennen, dass der VfL Wolfsburg zu eben jenen Vereinen gehört, die am HSV in den letzten Jahren vorbeigezogen sind. Demzufolge war der HSV für mich vor der Partie der klare Außenseiter, denn es ist beeindruckend, was in Wolfsburg entstanden ist:

Im Tor der Wölfe steht mit Benaglio ein überdurchschnittlicher Torhüter. Naldo davor gehört im Kopfballspiel zum besten, was die Liga zu bieten hat. Behrami mag als kampfstarker Zerstörer im defensiven Mittelfeld des HSV derzeit unersetzlich erscheinen, hat aber m.E. gegenüber einem Luiz Gustavo nicht nur spielerisch deutliche Nachteile. Neben dem Brasilianer in Diensten des VfL spielte gestern Joshua Guilavogui. Der französische Nationalspieler hat laut Transfermarkt.de einen Marktwert von 10 Millionen Euro. Als Alternative steht Hecking der junge Malanda (20) zur Verfügung, dessen Marktwert an gleicher Stelle mit 7 Millionen Euro angegeben wird. Auch wenn die Marktwerte der Spieler auf Transfermarkt.de als fiktiv anzusehen sind und keineswegs mit den real am Markt zu erlösenden Summen im Transferfall verwechselt werden sollten, können sie als ein Indiz für Qualität dienen. Vergleicht man die drei wertvollsten defensiven Mittelfeldspieler beider Mannschaften, so ergibt sich folgendes Bild:

Gustavo (22 Mio), Guilavogui (10 Mio) und Malanda (7 Mio) bringen es zusammen auf einen fiktiven Marktwert von 39 Millionen Euro. Dem steht beim HSV mit dem bereits fast unersetzlichen Behrami (6 Mio) nur ein gestandener Spieler entgegen. Kacar (750 tsd) spielt offenbar auch in dieser Saison praktisch keine Rolle, Matti Steinmann (150 tsd.) und Gideon Jung (200 tsd) sind Talente, die ihr Leistungsvermögen auf Bundesliganiveau erst noch dauerhaft nachweisen müssen. Selbst wenn man Arslan (2,5 Mio) und Jiracek (2 Mio) dem defensiven Mittelfeld des HSV zuschlägt, stehen den 39 Millionen auf Wolfsburger Seite gerade einmal 10,5 Millionen Euro an Marktwerten auf Hamburger Seite gegenüber.

Prunkstück der Niedersachsen bleibt aber die Offensive, in welcher der auch in Hamburg bestens bekannte Olic als vorderste Spitze trotz Knorpelschaden im Knie unermüdlich wirbelt. Während in Hamburg Lasogga an gleicher Position praktisch gesetzt und ohne Konkurrenz ist, verfügt der VfL mit Bast Dost und Bendtner über tatsächliche Alternativen. Für  das offensive Mittelfeld stehen Wölfe-Trainer Hecking zudem hochbegabte wie Kevin de Bruyne und Maximilian Arnold zur Verfügung. Auch Perisic und Hunt sind Spieler, die ihre Qualität in der Liga längst nachgewiesen haben.

Aus all dem lässt sich meiner Meinung nach sowohl individuell-qualitativ als auch strukturell (Alternativen je Position) ableiten, warum der VfL Wolfsburg auch ohne jede Berücksichtigung ihrer derzeitigen Erfolgsserie bereits theoretisch deutlich stärker als der HSV einzuschätzen war.

HSV-Trainer Zinnbauer hatte nach dem hart erkämpften Sieg gegen ebenfalls favorisierte Leverkusener keine Veranlassung, die Mannschaft zu verändern und vertraute daher erstmals einer unveränderten Aufstellung:

Drobny – Diekmeier, Djourou, Westermann, Ostrzolek – Behrami – N. Müller (79. Green), van der Vaart (79. Nafiu), Holtby, Jansen (70. Stieber) – Lasogga

Das Spiel: Der HSV begann das Spiel erneut in jenem Hybrid-System aus 4-1-4-1 und 4-2-3-1, in welchem gegen Leverkusen gewonnen werden konnte. Allerdings standen die Hamburger zu Beginn der Partie tiefer, ließen die Gastgeber im ersten Drittel meist ungestört agieren und beschränkten sich auf ein Mittelfeldpressing. Den Spielverlauf in der ersten Viertelstunde deutete ich als von Zinnbauer vorgegebene taktische Marschroute: aus einer kompakten, stabilen Defensive wenn möglich nach vorne spielen.

Bei Ballbesitz des HSV konnte man einige Änderungen bemerken, die ich derart ausgeprägt seit Zinnbauers Amtsantritt bisher noch nicht gesehen habe. Das erinnerte mich zeitweilig an den Fußball unter Fink. Behrami kippte als Sechser im Spielaufbau zwischen die beiden weit auseinander geschobenen Innenverteidiger. In die dadurch drohende Lücke im zentral-defensiven Mittelfeld ließ sich meist van der Vaart zurückfallen, um als Schaltstation zur Offensive zu fungieren. Bei Ballverlust zogen sich bis auf Lasogga zunächst alle Hamburger hinter den Ball zurück. Daraus ergab sich eine personelle Überzahl in der Defensive, die das Zentrum geschlossen hielt. Gleichzeitig verschob die Hamburger Mannschaft, wie schon mehrfach unter Zinnbauer gesehen, stark in Richtung des ballnahen Flügels. Insgesamt wurde das Spiel der Wolfsburger durch den HSV auf die Außenbahnen gelenkt.

Offenbar hatte Hecking etwas sehr ähnliches von Seiten des HSV erwartet und seine Mannschaft bestens eingestellt. Der ungemein präsente, lauffreudige de Bruyne, aber auch Aaron Hunt tauchten immer wieder auf den Flügeln auf und sorgten dafür, dass die Wolfsburger zeitweilig die Außenbahnen personell erfolgreich überladen konnten. Dieser Effekt wurde zusätzlich durch sehr schnelle und präzise Spielverlagerungen begünstigt und verstärkt, denn die ballnah stark verschobenen Hamburger benötigten naturgemäß einige Sekunden, um auf die jeweils andere Seite kollektiv zu verschieben und dem Ball zu folgen. Aus beidem, den variablen Laufwegen von de Bruyne und Hunt sowie den zügigen Seitenwechseln der Wolfsburger (oftmals über Gustavo oder Guilavogui), folgte,  dass beide Hamburger Außenverteidiger schnell unter Druck standen und bereits früh mit dem gelben Karton verwarnt wurden (18. Diekmeier; 21. Ostrzolek). Ich fand das schon fast lehrbuchreif, wie die Wolfsburger auf die Spielanlage des HSV reagierten. Respekt. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass der HSV den Gastgebern in der ersten Halbzeit dennoch kaum klare Torchancen ermöglichte.

Ärgerlich fand ich die vielen, schnellen Ballverluste, die dem HSV nach Balleroberung unterliefen. Dafür gab es aus meiner Sicht gleich mehrere Gründe:

1. Die Wolfsburger störten immer wieder bereits den Spielaufbau ihrer Gäste, was zu überhasteten, ungenauen Zuspielen der Hamburger führte;
2. Die dadurch provozierten langen, hohen Bälle aus der Abwehr konnten durch Lasogga kaum festgemacht werden. Zwar kämpfte Hamburgs Sturmspitze gewohnt verbissen, jedoch waren seine Ablagen dieses Mal erschreckend schwach, da entweder falsch temperiert oder viel zu ungenau.
3. Der VfL dominierte dank seiner qualitativen Überlegenheit im defensiven Mittelfeld (s.o.) die Spielfeldmitte. Auch körperlich (1, 87 m, Luiz Gustavo; 1,88 m, Guilavogui) war man dort dem HSV überlegen, was für mich auch ein Grund ist, warum die Gastgeber die klare Mehrzahl der s.g. zweiten Bälle eroberten.

In der 27. Minute kam es zu einem folgenschweren Missverständnis zwischen Behrami und Drobny, was zu einem durch Behrami unnötig verursachten Eckstoß für die Gastgeber führte. Den folgenden Eckball konnten die Hamburger noch aus dem Strafraum befördern, jedoch kam de Bruyne aus ca. 26 Metern und zentraler Position zum Abschluss. Der Schuss hätte wohl das Tor verfehlt, doch Olic erwies sich einmal mehr als reaktionsschnell und gab dem Ball die entscheidende Richtungsänderung zur 1:0-Führung für die Gastgeber.

Der HSV war in Sachen Offensive harmlos. Jansen wirkte auf mich zu steif und technisch limitiert, um sich auf engstem Raum erfolgreich durchsetzen zu können. Holtby mühte sich, konnte aber erneut keine Überraschungsmomente kreieren. Und auch Müller kam nicht zum Zuge, da entweder schon der Spielaufbau des HSV zu lange dauerte, oder den Pässen die Genauigkeit fehlte (s.o. Lasoggas Ablagen).

In der 63. Minute bekam der HSV einen Freistoß am rechten Sechzehner-Eck der Wölfe zugesprochen. Van der Vaarts Freistoß verfing sich in der Mauer und leitete den Konter der Gastgeber ein. Bemerkenswert hier: Behrami konnte ohne Ball den ballführenden de Bruyne nicht einholen. De Bruyne sprintete siebzig Meter über das Feld. Ostrzolek, der sah, dass Behrami nicht an den Ball kommen würde, rückte heraus, um den jungen Belgier zu stellen, doch dieser passte genau im richtigen Moment und präzise auf die andere Seite zu Hunt. Der Ex-Bremer „wackelte“ dann Drobny aus und vollstreckte ins kurze Eck zum 2:0. Beides, Geschwindigkeit, Timing und Präzision de Bruynes einerseits und die Routine Hunts beim Torschuss andererseits, belegt ebenfalls die Qualität des Wolfsburger Personals.

Ich hatte den Eindruck, dass der HSV nach dem 2:0 den Glauben an eine Wende mehrheitlich verloren hatte. Zinnbauer reagierte folgerichtig durch Auswechselungen, ohne dass dies tatsächlich zu Verbesserungen führte. Auch in diesem Zusammenhang lässt sich feststellen, dass der Wolfsburger Kader derzeit als eindeutig stärker einzuschätzen ist. Hecking konnte mit Arnold und Bendtner nachgewiesene Qualität einwechseln, Zinnbauer muss sich meist, ohne dass ich damit den Spielern zu nahe treten möchte, mit Talenten wie bspw. Nafiu oder Green behelfen.

Stieber vergab aus meiner Sicht die vielleicht größte Torchance des HSV (wenn man von den Kopfbällen Westermanns in der 50. und Lasoggas in der 59. Minute absieht), als er nach einem furiosen Lauf Diekmeiers entlang der Außenlinie in der 83. Minute relativ unbedrängt zentral vor dem gegnerischen Strafraum den Ball deutlich über das Tor schoss. Es blieb daher beim ungefährdeten Sieg der Heimmannschaft.

Schiedsrichter: Kircher (Rottenburg). Hatte keine nennenswerten Probleme mit der Leitung der Partie.

Fazit: Zwar kann man, der HSV hat es erst jüngst gegen Leverkusen erneut bewiesen, auch gegen eindeutig favorisierte Gegner punkten, dennoch wird sich im Regelfall der Favorit durchsetzen. So erfreulich die Punkte gegen Bayern, Dortmund, Hoffenheim und Leverkusen auch sein mögen – realistischerweise muss man m.E. zum jetzigen Zeitpunkt immer auch damit rechnen, dass es ggf. heftige Niederlagen setzt. Es dauert, bis sich eine neuformierte Mannschaft wie die der Hamburger endgültig gefunden hat. Es braucht Zeit, bis die taktischen Vorgaben Zinnbauers derart verinnerlicht worden sind, dass sie unter Wettkampfdruck stabil abgerufen werden können. So gesehen  bin ich bei den Spielen gegen grundsätzlich stärker einzuschätzende Mannschaften derzeit noch damit zufrieden, wenn sich der HSV mit einer respektablen Leistung aus der Affäre zieht. Etwaige Punkte aus Begegnungen gegen Favoriten sind für mich Bonus. Die tatsächlich entscheidenden Spiele sind für mich jene, in denen es gegen Gegner geht, die sich in Reichweite der Hamburger befinden, z.B. schon am nächsten Spieltag beim Aufeinandertreffen mit Bremen. Im Übrigen ist dies für mich auch der Grund, warum ich die Niederlage in Berlin besonders ärgerlich fand.

Nach dem elften Spieltag der vorangegangenen Saison hatte der HSV 12 Punkte und ein Torverhältnis von 23:24. Derzeit steht er unverändert bei 9 Punkten und einem Torverhältnis von 4:14. Das zeigt für mich zweierlei:

1. Was die defensive Stabilität betrifft, so scheint man auf dem richtigen Weg. Hier eine deutliche Verbesserung zu erzielen, war nach den abenteuerlich vielen Gegentoren der Vorsaison (75!) zwingend notwendig;
2. Die weniger kassierten Gegentore gehen (noch?) zu Lasten der schon in der abgelaufenen Saison keineswegs überzeugenden offensiven Durchschlagskraft. Nur vier eigene Treffer sind ein besorgniserregend niedriger Wert. Harmloser als der HSV spielt offensiv derzeit keine andere Mannschaft der Liga.

Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive gewinnt Meisterschaften, heißt es. So gesehen verstehe ich, dass Zinnbauer zunächst um eine stabile defensive Grundordnung bemüht ist. Allerdings müsste nun langsam auch das Offensivspiel verbessert werden. Denn die vielen leichtfertigen Ballverluste in der Offensive verhindern nicht nur etwaige Torerfolge, sondern bewirken zudem, dass man die Abwehr nicht ausreichend entlastet. Auch für das Selbstvertrauen der Spieler wäre es hilfreich, wenn man mal zu mehreren, klar herausgespielten Toren käme. Wenn eine Mannschaft nach elf Spielen nur vier eigene Tore erzielen konnte, woher soll der Glauben an eine Wende nach einem Rückstand kommen?

Ich habe versucht, hier die Qualität des VfL herauszuarbeiten. Diese belegt für mich eben einmal mehr, wie sehr der HSV sportlich im Vergleich zur Konkurrenz in Rückstand geraten ist. Machen wir uns nichts vor! Auch wenn ich mit Blick auf den Klassenerhalt unverändert zuversichtlich bleibe – diese Saison, vielleicht gilt dies sogar für die nächste Spielzeit noch weit mehr, wird schwierig. Der HSV hat nicht das Geld, um massiv personell nachzubessern. Man muss eigene Talente gerade im Hinblick auf die Tatsache entwickeln, dass vermutlich am Ende dieser Spielzeit ein Großteil jener etablierten Profis, deren Verträge am Ende der Saison auslaufen, den Verein verlassen werden. Talententwicklung benötigt jedoch Zeit. Bei aller Freude über die Siegesserie der U23 darf nicht übersehen werden, dass Spieler wie Steinmann, Nafiu, Ahmet Arslan etc. nicht nur eine, sondern gleich mehrere Klassen tiefer spielen.

Die Verantwortlichen des HSV sind angesichts  der unverändert prekären finanziellen Lage des Clubs nicht zu beneiden. Der eingeschlagene Weg erscheint weitestgehend alternativlos. Die Überlegenheit der Konkurrenten ist auch Folge systematischer, kontinuierlicher Arbeit ihrer jeweiligen sportlichen Leitung.

Dem HSV und Zinnbauer bleibt zu wünschen, dass man vor allem gegen Gegner „auf Augenhöhe“ bis zur Winterpause die wirklich wichtigen Punkte holt. Der VfL Wolfsburg gehört derzeit nicht dazu.