Hecking

Auswärtskrise und Einstellungsmängel – vom Sinn und Unsinn von Erklärungen

Kurz vorweg: Eigentlich wollte ich hier nichts mehr bloggen, aber die gestrige Niederlage des HSV beim VfL Osnabrück (2:1) befeuert augenscheinlich eine Debatte, die bereits in den letzten Wochen vor allem vom Hamburger Boulevard erkennbar angeheizt wurde. Und das macht mich so zornig, dass ich mich hier dann doch zu Wort melde.

Der HSV hat also angeblich eine „Auswärtskrise“. Zur Erinnerung: die Erfinder dieses reinen Welterklärungsversuches sind genau jene Sportjournalistendittsches, die regelmäßig bei den PKs des HSV im geistigen Bademantel lümmeln und vornehmlich durch drei ewig gleiche Fragen an Dieter Hecking auffallen:

  1. Wie ist die Personallage?
  2. Wie erwarten Sie den Gegner?
  3. Was sagt Ihr Lieblingsitaliener? (Ersatzweise eine andere menschelnde Frage)

Eine nicht minder populäre Erklärung nach Niederlagen ist die Behauptung, die Spieler seien eben abgehoben und überheblich, oder sie seien einfach nicht mit der richtigen Einstellung zu Werke gegangen.

Kurz zusammengefasst: Die beiden populärsten Erklärungsversuche für ausbleibende Erfolgserlebnisse sind also mit großem Abstand unterstellte:

  1. Einstellungsmängel
  2. Auswärtskrisen (ersatzweise auch Heimkrisen, aber derzeit aus Gründen nicht in Mode)

Bevor ich jeweils auf diese Behauptungen eingehe, erscheint es mir sinnvoll, auf ein grundsätzliches psychologisches Phänomen aufmerksam zu machen: Der Mensch sucht von Natur aus beständig nach Antworten für das ihm Unerklärbare. Das ist die Grundlage unseres Lernens, dadurch begreifen wir die Welt, das ist der Motor jeglichen Fortschritts. Es gibt aber auch noch einen anderen Grund, warum wir möglichst schnell nach Antworten verlangen. Denn etwas, das für uns von Bedeutung ist, das wir aber nicht erklären können, erscheint chaotisch. Chaos aber löst in uns Menschen Unruhe und Angst aus, sodass wir im Allgemeinen dazu tendieren, möglichst schnell das Chaotische zu ordnen. Denn so wird es übersichtlicher und somit begreifbar. Und Ordnung, die Monks unter uns wissen ein Lied davon zu singen, reduziert Angst.

Was ich mit diesen grundsätzlichen Hinweisen erklären möchte, ist, dass es nur zu menschlich ist, auf eine grundsätzlich offene Fragestellung möglichst schnell Antworten finden zu wollen, mögen sie bei näherer Betrachtung auch noch so wenig zu überzeugen. Allein Antworten zu haben beruhigt. Dieses Prinzip machen sich übrigens derzeit die Populisten weltweit zu nutze: Sie liefern ihren Anhängern simpelste Antworten für eine komplexe und für viele Menschen beängstigend komplizierte Welt.

Der Einstellungsmangel eines oder gleich mehrerer Spieler ist ein bemerkenswert populäres Erklärungsmodell, welches nach Niederlagen nur zu gern herangezogen wird. Ich will keineswegs bestreiten, dass es ihn tatsächlich gibt. Zugleich möchte ich aber mit Nachdruck darauf aufmerksam machen, dass die weitaus meisten Kommentatoren diesen Vorwurf allein auf Ferndiagnosen gründen, da sie mit den Spieler persönlich nie gesprochen haben. So bleiben alle anderen denkbaren Gründe für das beobachtete Leistungsbild unbekannt und unberücksichtigt. Der Spieler wirkte auf den Beobachter überheblich also ist er es. Es bedarf nicht viel Mühe, um darauf zu kommen, dass es aber vielfältige Gründe gaben mag. Und dass der äußere Anschein sehr wohl trügerisch ist. Entscheidend bleibt: ich suche eine Antwort, der Einstellunsgmangel scheint sie zu liefern, Deckel drauf, aus die Maus.

Die statistischen Untersuchungen zum angeblichen Heimvorteil oder den angeblich deutlich schwierigeren Auswärtsspielen im Profifußball zeigen eines sehr deutlich: In den letzten Jahren nimmt die Wahrscheinlichkeit, mit welcher eine Mannschaft auch auswärts erfolgreich ist, beständig zu. Wenn es gar keine Rolle mehr spielen würde, wo eine Mannschaft auftritt, dann müsste die Erfolgswahrscheinlichkeit für beide Mannschaften annähernd ausgeglichen (50/50) sein. Tatsächlich zeigt die letzte mir bekannte Statistik, dass Mannschaften, die auswärts antreten müssen, gegenwärtig bereits zu ca. 44% erfolgreich sind (mit steigender Tendenz in den letzten Jahren!). Dies bedeutet zweierlei: Wir alle sind in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass Auswärtsspiele deutlich schwierigen sind und haben dies als vermeintlich gesichertes Wissen abgespeichert. Tatsächlich aber wird es im Fußball für den Spielausgang zunehmend völlig irrelevant, wo die Mannschaft spielen muss. Und es bedeutet für Fans auch, dass sie ihre Vorstellung vom eigenen Beitrag zum Erfolg ihrer Mannschaft vermutlich überschätzen. Denn wenn es zunehmend gar keine Rolle mehr spielt, ob ein ausverkauftes Heimstadion oder eine deutlich geringer besuchte Auswärtsfankurve supporten, ist das die naheliegende logische Schlussfolgerung. Was allerdings keineswegs ausschließt, dass der Support der Fans in ganz engen Matches eben doch das Zünglein an der Waage sein kann.

Dies alles vorangestellt wage ich die Behauptung, der HSV hat keine „Auswärtskrise“, auch wenn er zuletzt überwiegend auswärts Punkte liegengeließ sondern schlimmstenfalls eine Ergebniskrise. Wobei hier immer noch sowohl die gute Tabellenplatzierung als auch der bisher erzielte Punkteschnitt ausweisen, dass es sich gegenwärtig lediglich um eine leichte Delle und keine tatsächliche Krise handelt.

Wobei ich bei den aus meiner Sicht tatsächlichen Gründen für die beobachteten Leistungen angekommen wäre. Mit fortschreitendem Verlauf einer Saison steht den Analysten der Vereine immer mehr Datenmaterial zur Verfügung, um Stärken und Schwächen der Gegner auszuwerten und darauf aufbauend eine erfolgreiche eigene Strategie zu entwickeln. Auf den HSV bezogen heißt das Folgendes:

Es dürfte längst unstrittig sein, dass der Kader wenig überraschend angesichts des Etats individuell mit zum Besten gehört, was die 2. Liga derzeit zu bieten hat. Gleiches gilt für das spielerische Potenzial des Teams. Lässt der Gegner den HSV spielen, ist er in der Regel chancenlos. Es gilt, dies daher mit allen Mitteln zu verhindern. Zu beoachten war bislang, dass sich der HSV gegen aggressive Mannschaften deutlich schwerer tat. Insbesondere dann, wenn ein ruhiger Spielaufbau durch seine beiden Innenverteidiger und den Schlüsselumschaltspieler Adrian Fein sofort durch Anlaufen und/oder körperliche Härte unterbunden werden kann. Hier nur ein kleiner Hinweis: Hat jemand in den letzten Wochen noch einmal jenen einen formidablen langen Ball von van Drogelen auf Harnik gesehen? Nein? Warum wohl nicht?

Von kaum geringerer Bedeutung für die jeweiligen Gegner ist die bestmögliche Bekämpfung von Leibold als Vorlagengeber und Kittel als Torschützen. Einen annähernd vollständig einsatzbereiten Kader vorausgesetzt, ist dieses Unterfangen nur schwer möglich. Denn mit dem zwischenzeitlich rot gesperrten Jatta wäre dann noch einer der schnellsten Spieler der Liga ebenfalls zu beachten, und mit einem gesunden Hinterseer könnte Harnik wieder auf die rechte Außenbahn ausweichen. Oder mit einem gesunden Hunt stünde neben Kittel ein weiterer zudem erfahrener Kreativspieler und Standardschütze auf dem Platz, den man tunlichst als Gegner auch nicht aus den Augen verlieren sollte.

Wäre, wäre, Fahrradkette. Jatta gesperrt, Hunt verletzt oder krank, Hinterseer verletzt und von den beiden leider langzeitverletzten etatmäßigen rechten Außenverteidgiern ganz zu schweigen. So spielt notgedrungen Narey derzeit dort, und er macht seine Sache so schlecht nicht!, aber es sei doch darauf hingewiesen, dass eben dieser Narey zum Saisonauftakt nur noch ein Ergänzungsspieler gewesen ist.

Im Ergebnis sollte es dann zwischenzeitlich im Sturm u.a. ein Bobby Wood richten, der nicht nur seit mehr als einem halben Jahr kaum Spielpraxis hatte sondern dessen letztes Tor und damit Erfolgserlebnis gefühlt in die Zeit des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges fällt. Dass so ein Spieler nicht gerade vor Selbstvertrauen strotzt, dürfte unschwer nachvollziehbar sein. Zudem ist er ein gänzlich andere Stürmertyp als Hinterseer. Wood ist vor allem ein Konterstürmer, der HSV tendiert aber zu einer spielerisch dominaten Spielweise, die den jeweiligen Gegner in dessen Hälfte einschnürt und dadurch die dort verbleibenden Räume verengt. Nicht gerade das ideale Arbeitsumfeld für einen Wood.

Es fallen daher aus meiner Sicht drei Dinge zusammen: die besseren Gegenmaßnahmen der Gegner, die sich durch die personellen Ausfälle verengende taktischen Alternativen für Hecking, und ein Stürmer, der seit Jahren auf der Suche nach seiner Form ist und nicht so recht in die grundsätzliche Ausrichtung der Spielanlage des HSV passt.

Und von dem allem abgesehen ist es menschlich und völlig normal, dass auch Profispieler nicht in jedem Spiel ihren Bestform erreichen sondern auch einmal einen schwächeren Tag erwischen. Und (für mich) ebenfalls normal ist, dass der Faktor Zufall für den Spielausgang eine tatsächliche größere Rolle spielt, als allgemein angenommen wird. Das s.g. „Spielglück“ kann dich in Führung bringen oder in Rückstand geraten lassen. Nicht nur, dass sich dadurch die taktische Ausgangslage erkennbar verschiebt, statistisch lässt sich klar nachweisen, dass dadurch das wahrscheinliche Endergebnis einer Partie maßgeblich (mit)bestimmt wird.

Statt also zu vorschnellen und medial populären Schlagworten wie Auswärtskrise oder Einstellungsmängel zu greifen, stelle ich nüchtern fest, dass die Ergebnisse zuletzt schwächer waren, aber dass es dafür durchaus eine Vielzahl anderer Gründe gibt. Es gibt keinen tatsächlichen Grund, von einer Krise zu reden, es sei denn, man will Groschenblätter verkaufen.

Verdiente Niederlage gegen einen in fast allen Belangen überlegenen Gegner: VfL Wolfsburg – HSV 2:0 (1:0)

Nach Hoffenheim und Gladbach wurde in letzter Zeit der VfL Wolfsburg als einer der Vereine in den Medien hervorgehoben, die angeblich in dieser Saison den FC Bayern „jagen“. Angesichts des bereits erneut stattlichen Punktepolsters der Münchener wirkt dies auf mich zum jetzigen Zeitpunkt sowohl alarmierend als auch unfreiwillig komisch. Alarmierend, weil bei dieser Aufzählung der BvB fehlt, der meiner Meinung nach normalerweise stärker als die drei genannten Vereine einzuschätzen ist. Auch wenn sich die Dortmunder momentan wohl nur in einer temporären sportlichen Krise befinden dürften und man jederzeit damit rechnen muss, dass sie eine Siegesserie starten können, so dürften sie sich angesichts ihres Punkte-Rückstandes bereits jetzt aus dem Rennen um die diesjährige Meisterschaft endgültig verabschiedet haben. Bei allem Respekt vor der hervorragenden Arbeit in Hoffenheim, Mönchengladbach und Wolfsburg – der Bundesliga droht erneut, dass die wichtigste Entscheidung, die zum Titel, weit vorfristig, nämlich bereits kurz nach Beginn der Rückrunde fällt. Die drei Verfolger, zu denen eben auch der VfL zu rechnen ist, werden den Serienmeister aus Bayern am Ende der Saison wahrscheinlich nur noch mit dem Fernglas erkennen können. Diese „Jagd“, darin sehe ich die Komik, dürfte dann doch eher in einem Hinterherhecheln münden.

Ungeachtet ihrer mutmaßlichen Chancenlosigkeit auf den Titelgewinn sollte man anerkennen, dass der VfL Wolfsburg zu eben jenen Vereinen gehört, die am HSV in den letzten Jahren vorbeigezogen sind. Demzufolge war der HSV für mich vor der Partie der klare Außenseiter, denn es ist beeindruckend, was in Wolfsburg entstanden ist:

Im Tor der Wölfe steht mit Benaglio ein überdurchschnittlicher Torhüter. Naldo davor gehört im Kopfballspiel zum besten, was die Liga zu bieten hat. Behrami mag als kampfstarker Zerstörer im defensiven Mittelfeld des HSV derzeit unersetzlich erscheinen, hat aber m.E. gegenüber einem Luiz Gustavo nicht nur spielerisch deutliche Nachteile. Neben dem Brasilianer in Diensten des VfL spielte gestern Joshua Guilavogui. Der französische Nationalspieler hat laut Transfermarkt.de einen Marktwert von 10 Millionen Euro. Als Alternative steht Hecking der junge Malanda (20) zur Verfügung, dessen Marktwert an gleicher Stelle mit 7 Millionen Euro angegeben wird. Auch wenn die Marktwerte der Spieler auf Transfermarkt.de als fiktiv anzusehen sind und keineswegs mit den real am Markt zu erlösenden Summen im Transferfall verwechselt werden sollten, können sie als ein Indiz für Qualität dienen. Vergleicht man die drei wertvollsten defensiven Mittelfeldspieler beider Mannschaften, so ergibt sich folgendes Bild:

Gustavo (22 Mio), Guilavogui (10 Mio) und Malanda (7 Mio) bringen es zusammen auf einen fiktiven Marktwert von 39 Millionen Euro. Dem steht beim HSV mit dem bereits fast unersetzlichen Behrami (6 Mio) nur ein gestandener Spieler entgegen. Kacar (750 tsd) spielt offenbar auch in dieser Saison praktisch keine Rolle, Matti Steinmann (150 tsd.) und Gideon Jung (200 tsd) sind Talente, die ihr Leistungsvermögen auf Bundesliganiveau erst noch dauerhaft nachweisen müssen. Selbst wenn man Arslan (2,5 Mio) und Jiracek (2 Mio) dem defensiven Mittelfeld des HSV zuschlägt, stehen den 39 Millionen auf Wolfsburger Seite gerade einmal 10,5 Millionen Euro an Marktwerten auf Hamburger Seite gegenüber.

Prunkstück der Niedersachsen bleibt aber die Offensive, in welcher der auch in Hamburg bestens bekannte Olic als vorderste Spitze trotz Knorpelschaden im Knie unermüdlich wirbelt. Während in Hamburg Lasogga an gleicher Position praktisch gesetzt und ohne Konkurrenz ist, verfügt der VfL mit Bast Dost und Bendtner über tatsächliche Alternativen. Für  das offensive Mittelfeld stehen Wölfe-Trainer Hecking zudem hochbegabte wie Kevin de Bruyne und Maximilian Arnold zur Verfügung. Auch Perisic und Hunt sind Spieler, die ihre Qualität in der Liga längst nachgewiesen haben.

Aus all dem lässt sich meiner Meinung nach sowohl individuell-qualitativ als auch strukturell (Alternativen je Position) ableiten, warum der VfL Wolfsburg auch ohne jede Berücksichtigung ihrer derzeitigen Erfolgsserie bereits theoretisch deutlich stärker als der HSV einzuschätzen war.

HSV-Trainer Zinnbauer hatte nach dem hart erkämpften Sieg gegen ebenfalls favorisierte Leverkusener keine Veranlassung, die Mannschaft zu verändern und vertraute daher erstmals einer unveränderten Aufstellung:

Drobny – Diekmeier, Djourou, Westermann, Ostrzolek – Behrami – N. Müller (79. Green), van der Vaart (79. Nafiu), Holtby, Jansen (70. Stieber) – Lasogga

Das Spiel: Der HSV begann das Spiel erneut in jenem Hybrid-System aus 4-1-4-1 und 4-2-3-1, in welchem gegen Leverkusen gewonnen werden konnte. Allerdings standen die Hamburger zu Beginn der Partie tiefer, ließen die Gastgeber im ersten Drittel meist ungestört agieren und beschränkten sich auf ein Mittelfeldpressing. Den Spielverlauf in der ersten Viertelstunde deutete ich als von Zinnbauer vorgegebene taktische Marschroute: aus einer kompakten, stabilen Defensive wenn möglich nach vorne spielen.

Bei Ballbesitz des HSV konnte man einige Änderungen bemerken, die ich derart ausgeprägt seit Zinnbauers Amtsantritt bisher noch nicht gesehen habe. Das erinnerte mich zeitweilig an den Fußball unter Fink. Behrami kippte als Sechser im Spielaufbau zwischen die beiden weit auseinander geschobenen Innenverteidiger. In die dadurch drohende Lücke im zentral-defensiven Mittelfeld ließ sich meist van der Vaart zurückfallen, um als Schaltstation zur Offensive zu fungieren. Bei Ballverlust zogen sich bis auf Lasogga zunächst alle Hamburger hinter den Ball zurück. Daraus ergab sich eine personelle Überzahl in der Defensive, die das Zentrum geschlossen hielt. Gleichzeitig verschob die Hamburger Mannschaft, wie schon mehrfach unter Zinnbauer gesehen, stark in Richtung des ballnahen Flügels. Insgesamt wurde das Spiel der Wolfsburger durch den HSV auf die Außenbahnen gelenkt.

Offenbar hatte Hecking etwas sehr ähnliches von Seiten des HSV erwartet und seine Mannschaft bestens eingestellt. Der ungemein präsente, lauffreudige de Bruyne, aber auch Aaron Hunt tauchten immer wieder auf den Flügeln auf und sorgten dafür, dass die Wolfsburger zeitweilig die Außenbahnen personell erfolgreich überladen konnten. Dieser Effekt wurde zusätzlich durch sehr schnelle und präzise Spielverlagerungen begünstigt und verstärkt, denn die ballnah stark verschobenen Hamburger benötigten naturgemäß einige Sekunden, um auf die jeweils andere Seite kollektiv zu verschieben und dem Ball zu folgen. Aus beidem, den variablen Laufwegen von de Bruyne und Hunt sowie den zügigen Seitenwechseln der Wolfsburger (oftmals über Gustavo oder Guilavogui), folgte,  dass beide Hamburger Außenverteidiger schnell unter Druck standen und bereits früh mit dem gelben Karton verwarnt wurden (18. Diekmeier; 21. Ostrzolek). Ich fand das schon fast lehrbuchreif, wie die Wolfsburger auf die Spielanlage des HSV reagierten. Respekt. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass der HSV den Gastgebern in der ersten Halbzeit dennoch kaum klare Torchancen ermöglichte.

Ärgerlich fand ich die vielen, schnellen Ballverluste, die dem HSV nach Balleroberung unterliefen. Dafür gab es aus meiner Sicht gleich mehrere Gründe:

1. Die Wolfsburger störten immer wieder bereits den Spielaufbau ihrer Gäste, was zu überhasteten, ungenauen Zuspielen der Hamburger führte;
2. Die dadurch provozierten langen, hohen Bälle aus der Abwehr konnten durch Lasogga kaum festgemacht werden. Zwar kämpfte Hamburgs Sturmspitze gewohnt verbissen, jedoch waren seine Ablagen dieses Mal erschreckend schwach, da entweder falsch temperiert oder viel zu ungenau.
3. Der VfL dominierte dank seiner qualitativen Überlegenheit im defensiven Mittelfeld (s.o.) die Spielfeldmitte. Auch körperlich (1, 87 m, Luiz Gustavo; 1,88 m, Guilavogui) war man dort dem HSV überlegen, was für mich auch ein Grund ist, warum die Gastgeber die klare Mehrzahl der s.g. zweiten Bälle eroberten.

In der 27. Minute kam es zu einem folgenschweren Missverständnis zwischen Behrami und Drobny, was zu einem durch Behrami unnötig verursachten Eckstoß für die Gastgeber führte. Den folgenden Eckball konnten die Hamburger noch aus dem Strafraum befördern, jedoch kam de Bruyne aus ca. 26 Metern und zentraler Position zum Abschluss. Der Schuss hätte wohl das Tor verfehlt, doch Olic erwies sich einmal mehr als reaktionsschnell und gab dem Ball die entscheidende Richtungsänderung zur 1:0-Führung für die Gastgeber.

Der HSV war in Sachen Offensive harmlos. Jansen wirkte auf mich zu steif und technisch limitiert, um sich auf engstem Raum erfolgreich durchsetzen zu können. Holtby mühte sich, konnte aber erneut keine Überraschungsmomente kreieren. Und auch Müller kam nicht zum Zuge, da entweder schon der Spielaufbau des HSV zu lange dauerte, oder den Pässen die Genauigkeit fehlte (s.o. Lasoggas Ablagen).

In der 63. Minute bekam der HSV einen Freistoß am rechten Sechzehner-Eck der Wölfe zugesprochen. Van der Vaarts Freistoß verfing sich in der Mauer und leitete den Konter der Gastgeber ein. Bemerkenswert hier: Behrami konnte ohne Ball den ballführenden de Bruyne nicht einholen. De Bruyne sprintete siebzig Meter über das Feld. Ostrzolek, der sah, dass Behrami nicht an den Ball kommen würde, rückte heraus, um den jungen Belgier zu stellen, doch dieser passte genau im richtigen Moment und präzise auf die andere Seite zu Hunt. Der Ex-Bremer „wackelte“ dann Drobny aus und vollstreckte ins kurze Eck zum 2:0. Beides, Geschwindigkeit, Timing und Präzision de Bruynes einerseits und die Routine Hunts beim Torschuss andererseits, belegt ebenfalls die Qualität des Wolfsburger Personals.

Ich hatte den Eindruck, dass der HSV nach dem 2:0 den Glauben an eine Wende mehrheitlich verloren hatte. Zinnbauer reagierte folgerichtig durch Auswechselungen, ohne dass dies tatsächlich zu Verbesserungen führte. Auch in diesem Zusammenhang lässt sich feststellen, dass der Wolfsburger Kader derzeit als eindeutig stärker einzuschätzen ist. Hecking konnte mit Arnold und Bendtner nachgewiesene Qualität einwechseln, Zinnbauer muss sich meist, ohne dass ich damit den Spielern zu nahe treten möchte, mit Talenten wie bspw. Nafiu oder Green behelfen.

Stieber vergab aus meiner Sicht die vielleicht größte Torchance des HSV (wenn man von den Kopfbällen Westermanns in der 50. und Lasoggas in der 59. Minute absieht), als er nach einem furiosen Lauf Diekmeiers entlang der Außenlinie in der 83. Minute relativ unbedrängt zentral vor dem gegnerischen Strafraum den Ball deutlich über das Tor schoss. Es blieb daher beim ungefährdeten Sieg der Heimmannschaft.

Schiedsrichter: Kircher (Rottenburg). Hatte keine nennenswerten Probleme mit der Leitung der Partie.

Fazit: Zwar kann man, der HSV hat es erst jüngst gegen Leverkusen erneut bewiesen, auch gegen eindeutig favorisierte Gegner punkten, dennoch wird sich im Regelfall der Favorit durchsetzen. So erfreulich die Punkte gegen Bayern, Dortmund, Hoffenheim und Leverkusen auch sein mögen – realistischerweise muss man m.E. zum jetzigen Zeitpunkt immer auch damit rechnen, dass es ggf. heftige Niederlagen setzt. Es dauert, bis sich eine neuformierte Mannschaft wie die der Hamburger endgültig gefunden hat. Es braucht Zeit, bis die taktischen Vorgaben Zinnbauers derart verinnerlicht worden sind, dass sie unter Wettkampfdruck stabil abgerufen werden können. So gesehen  bin ich bei den Spielen gegen grundsätzlich stärker einzuschätzende Mannschaften derzeit noch damit zufrieden, wenn sich der HSV mit einer respektablen Leistung aus der Affäre zieht. Etwaige Punkte aus Begegnungen gegen Favoriten sind für mich Bonus. Die tatsächlich entscheidenden Spiele sind für mich jene, in denen es gegen Gegner geht, die sich in Reichweite der Hamburger befinden, z.B. schon am nächsten Spieltag beim Aufeinandertreffen mit Bremen. Im Übrigen ist dies für mich auch der Grund, warum ich die Niederlage in Berlin besonders ärgerlich fand.

Nach dem elften Spieltag der vorangegangenen Saison hatte der HSV 12 Punkte und ein Torverhältnis von 23:24. Derzeit steht er unverändert bei 9 Punkten und einem Torverhältnis von 4:14. Das zeigt für mich zweierlei:

1. Was die defensive Stabilität betrifft, so scheint man auf dem richtigen Weg. Hier eine deutliche Verbesserung zu erzielen, war nach den abenteuerlich vielen Gegentoren der Vorsaison (75!) zwingend notwendig;
2. Die weniger kassierten Gegentore gehen (noch?) zu Lasten der schon in der abgelaufenen Saison keineswegs überzeugenden offensiven Durchschlagskraft. Nur vier eigene Treffer sind ein besorgniserregend niedriger Wert. Harmloser als der HSV spielt offensiv derzeit keine andere Mannschaft der Liga.

Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive gewinnt Meisterschaften, heißt es. So gesehen verstehe ich, dass Zinnbauer zunächst um eine stabile defensive Grundordnung bemüht ist. Allerdings müsste nun langsam auch das Offensivspiel verbessert werden. Denn die vielen leichtfertigen Ballverluste in der Offensive verhindern nicht nur etwaige Torerfolge, sondern bewirken zudem, dass man die Abwehr nicht ausreichend entlastet. Auch für das Selbstvertrauen der Spieler wäre es hilfreich, wenn man mal zu mehreren, klar herausgespielten Toren käme. Wenn eine Mannschaft nach elf Spielen nur vier eigene Tore erzielen konnte, woher soll der Glauben an eine Wende nach einem Rückstand kommen?

Ich habe versucht, hier die Qualität des VfL herauszuarbeiten. Diese belegt für mich eben einmal mehr, wie sehr der HSV sportlich im Vergleich zur Konkurrenz in Rückstand geraten ist. Machen wir uns nichts vor! Auch wenn ich mit Blick auf den Klassenerhalt unverändert zuversichtlich bleibe – diese Saison, vielleicht gilt dies sogar für die nächste Spielzeit noch weit mehr, wird schwierig. Der HSV hat nicht das Geld, um massiv personell nachzubessern. Man muss eigene Talente gerade im Hinblick auf die Tatsache entwickeln, dass vermutlich am Ende dieser Spielzeit ein Großteil jener etablierten Profis, deren Verträge am Ende der Saison auslaufen, den Verein verlassen werden. Talententwicklung benötigt jedoch Zeit. Bei aller Freude über die Siegesserie der U23 darf nicht übersehen werden, dass Spieler wie Steinmann, Nafiu, Ahmet Arslan etc. nicht nur eine, sondern gleich mehrere Klassen tiefer spielen.

Die Verantwortlichen des HSV sind angesichts  der unverändert prekären finanziellen Lage des Clubs nicht zu beneiden. Der eingeschlagene Weg erscheint weitestgehend alternativlos. Die Überlegenheit der Konkurrenten ist auch Folge systematischer, kontinuierlicher Arbeit ihrer jeweiligen sportlichen Leitung.

Dem HSV und Zinnbauer bleibt zu wünschen, dass man vor allem gegen Gegner „auf Augenhöhe“ bis zur Winterpause die wirklich wichtigen Punkte holt. Der VfL Wolfsburg gehört derzeit nicht dazu.