Djurdjic

Routine schlägt Talent. Der HSV unterliegt beim FC Augsburg mit 3:1 (0:1)

Unter Zinnbauers Leitung ist nicht nur die Durchlässigkeit vom Nachwuchs in die Profimannschaft deutlich größer geworden, auch die taktische Ausrichtung erscheint flexibler. Vom Fink’schen 4-2-3-1 zu einem klaren 4-1-4-1. Es folgte ein Hybrid-System aus 4-2-3-1 und 4-1-4-1 mit der Rückkehr des abkippenden Sechsers. Zuletzt war dann die Einführung gleich zweier inverser Flügelspieler zu beobachten. So gleicht jedes Spiel des HSV für den außenstehenden Beobachter derzeit noch ein wenig einer Wundertüte. Man fragt sich, welche Spieler zum Einsatz kommen, und in welcher taktischen Formation der HSV das nächste Spiel bestreiten wird. Und auch dieses Mal überraschte der HSV-Trainer mit neuem Personal und einer taktischen Anpassung an den Gegner.

Zu erwarten war, dass Götz den gesperrten Diekmeier eins zu eins als Rechtsverteidiger ersetzen würde. Den Einsatz des jungen Ronny Marcos konnte man zwar erahnen, jedoch dürften die meisten damit gerechnet haben, dass dieser ggf. Ostrzolek als Linksverteidiger ersetzen würde. Beide zusammen in der Startelf – das war schon eine kleine Überraschung. Der Einsatz des Konterstürmers Rudnevs in einem Auswärtsspiel überraschte mich weniger, zumal sich dieser zuletzt in Training und Spiel formverbessert präsentierte. Ebenso wenig überraschte mich, dass neben dem Letten nicht Lasogga von Beginn an spielte. Diese beiden Stürmertypen ergänzen sich einfach nicht optimal. Da Rudnevs zudem unübersehbare technische Probleme u.a. in der Ballbehauptung besitzt, erschien eine Umstellung auf ein System mit zwei Sturmspitzen bei seinem Einsatz fast zwingend. Die Lösung mit dem ebenfalls sprintstarken, technisch beschlagenen, torgefährlichen Müller drängte sich förmlich auf, zumal Gouaida bei seinem Debüt gegen Bremen als „falscher“ Rechtsaußen zu gefallen wusste.

Zinnbauer wechselte also erneut das System und vertraute der folgenden Aufstellung: Drobny – Götz, Djourou, Westermann (35. Cleber), Ostrzolek – Behrami – Gouaida, van der Vaart (75. Green), Marcos – N. Müller (71. Lasogga) , Rudnevs

Das Spiel: Zinnbauers Umstellung auf ein 4-4-2 muss man als grundsätzlich gelungene taktische Lösung loben. Ronny Marcos bot, wie schon Gouaida eine Woche zuvor  bei seinem Debüt in der Bundesliga, eine sehr respektable Leistung. Der Linksverteidiger der U23 spielte auf für ihn eher ungewohnter Position im linken offensiven Mittelfeld mutig und blieb weitestgehend fehlerlos. Da vor allem beide Sturmspitzen als auch beide offensive Außenbahnspieler regelmäßig aggressiv offensiv pressten, kam das Augsburger Spiel in der ersten Halbzeit nicht wie gewohnt zur Entfaltung.

Bei eigenem Ballbesitz sah man in der Frühphase des Spiels erneut Behrami als zwischen die Innenverteidiger abkippenden Sechser. Im weiteren Verlauf wurde dies jedoch nicht zuletzt in Folge des späteren Rückstandes zunehmend aufgegeben.

Das Spiel des HSV wirkte auf mich weniger leicht auszurechnen als mit Lasogga als einziger Spitze. Die erste große Torchance für die Gastgeber notierte ich in der 27. Spielminute. Drobny konnte einen Freistoß, den Bobadilla aus ca. 23 Metern Entfernung und zentraler Position schoss, gerade noch um den Pfosten lenken. Alles andere der ersten Halbzeit, hüben wie drüben, fiel eher in die Kategorie „Halbchance“.

Leider verletzte sich Westermann am Knie und musste bereits in der 35. Spielminute vom Feld. Für mich einer von mehreren Gründen, warum der HSV am Ende als Verlierer vom Platz ging. Dies ist ausdrücklich nicht als Kritik an Cleber gemeint, der ihn ersetzte. Denn dem Brasilianer fehlt u.a. Spielpraxis. Ich möchte hier nur festhalten, dass deutliche Mängel bei der Feinabstimmung zwischen Djourou und Cleber zu bemerken waren.

Insgesamt wirkte das Spiel des HSV auf mich flüssiger als zuletzt. Man konnte meist die Angriffsbemühungen der Gastgeber erfolgreich neutralisieren, da man situativ die Staffelung wechselte. So sah man des Öfteren eine Dreierkette im (offensiven) nachschiebenden Mittelfeld, oder die Abwehrkette wurde im Bedarfsfall um einen weiteren Spieler erweitert. Unbefriedigend blieb, wie bereits gewohnt, dass man gute Ansätze für eigene Angriffe zu oft im letzten Drittel des Spielfeldes verschenkte.

In der Nachspielzeit der ersten Halbzeit konnte N. Müller endlich einmal mit Ball und Tempo in den freien Raum starten – prompt wurde es gefährlich. Müller passte auf Rudnevs, der den Ball mustergültig direkt und flach quer passte. Van der Vaart ließ sich nicht lange bitten und bedankte sich mit einem Torschuss ins lange Eck zum 0:1 für die Hamburger (45+1.).

Zur Halbzeit empfand ich die Führung des HSV als keineswegs unverdient. Feststellbar war, dass die Angriffe des HSV mehrheitlich über die mit zwei nominellen Linksverteidigern besetzte linke Außenbahn erfolgten. Das Gespann auf der Gegenseite (Gouaida, Götz) agierte offensiv weniger auffällig.

Mit Beginn der zweiten Halbzeit verstärkten die Gastgeber ihre eigenen Angriffsbemühungen. Sie spielten nun ihrerseits aggressiver und erhöhten das Tempo. Götz, der ansonsten eine durchaus ordentliche Partie ablieferte, leistete sich im Bemühen, das eigene Spiel zu beschleunigen, gleich zwei vermeidbare Fehlpässe genau zum Gegner, die einem so normalerweise in der Bundesliga nicht unterlaufen sollten. Dies ist nur eine nüchterne Feststellung an die Adresse derjenigen, die jeden U23-Spieler des HSV schon jetzt für besser halten als die Profis. Es ist ausdrücklich kein Vorwurf an Götz, dem man (wie allen anderen Talenten), eine gewisse Lernphase zubilligen muss.

Auch beim Ausgleichstreffer war Götz nicht ganz schuldlos. Ostrzoleks Foul führte zum Freistoß für den FCA. Werner flankte in den Strafraum, wo sich die mangelnde Feinabstimmung in der Viererkette bemerkbar machte. Cleber stand am kurzen Pfosten. Djourou hatte es gleich mit zwei Augsburgern zu tun, da Götz nicht weit genug nach innen eingerückt war. Drobny blieb auf der Linie, obwohl die Flanke an den Fünfmeter-Raum kam. Im Resultat konnte Djurdjic den Ball per Kopf unfreiwillig quer legen, sodass Altintop letztlich keine Mühe mit dem erfolgreichen Torschuss aus kurzer Distanz hatte. Das frühe 1:1 in der 49. Spielminute.

Es ist m.E. kein Zufall, dass der Führungstreffer über die rechte Seite des HSV fiel. Götz konnte Augsburgs Werner nicht entscheidend behindern. Dieser spielte einen seher guten, temperierten Pass genau in den Lauf des durchgestarteten Baba. Dessen Vorsprung an Metern und Geschwindigkeit konnte Gouaida verständlicherweise nicht mehr egalisieren, sodass Baba fast ungestört vom Flügel nach innen passen konnte. Die umgestellte Innenverteidigung des HSV (s.o.) stand erneut nicht optimal gestaffelt, da zu sehr auf einer Linie, und Ostrzolek konnte Bobadilla nicht halten. So kam es trotz einer drei eins Überzahl im Strafraum zur 2:1-Führung für die Gastgeber in der 62. Minute.

Danach versuchte der HSV unverdrossen nach vorne zu spielen, musste aber nach einer äußert strittigen Entscheidung des ansonsten guten Schiedsrichters den nächsten Nackenschlag hinnehmen. Götz wollte im Strafraum einen Ball klären, doch Djurdjic war für Bruchteile einer Sekunde früher am Ball. Dr. Drees entschied zum Entsetzen aller Hamburger auf Strafstoß für den FCA, den Augsburgs Kapitän Verhaegh dann sicher verwandelte (69.)

Zinnbauer reagierte folgerichtig und brachte mit Lasogga und Green kurz hintereinander zwei frische Angreifer. Bei eigenem Ballbesitz verzichtete man nun endgültig auf den abkippenden Sechser, um im Mittelfeld und Angriff mehr Optionen zu haben. Lobenswert einmal mehr, dass der Mannschaft jederzeit der Willen, vielleicht doch noch wenigstens zu einem Punkt zu kommen, anzumerken war. So kam man gegen Ende der Partie u.a. zu mehreren Eckbällen, aus denen man jedoch leider kein Kapital schlagen konnte. Auch dem eingewechselten Lasogga blieb ein Treffer versagt, da Augsburgs Callsen-Bracker für den bereits geschlagenen Torhüter Manninger auf der Linie (86.) klären konnte. Es blieb daher beim 3:1-Erfolg für den FCA.

Schiedsrichter: Dr. Drees (Münster-Sarmsheim). Bot lange Zeit eine tadellose, gute Leistung.  Besonders gut gefielen mir seine Körpersprache und seine erläuternden Ansprachen an die Spieler nach strittigen Entscheidungen. Es gibt unangenehmere, arrogantere Unparteiische.
Die Entscheidung auf Strafstoß für den FCA in der 69. Spielminute bleibt jedoch objektiv regeltechnisch falsch. Zwar ist Djurdjic tatsächlich früher am Ball als Götz und wird von diesem am Fuß getroffen, jedoch kommt der Augsburger nur deswegen früher an den Ball, weil er mit gestrecktem Bein und offener Sohle zum Ball und in die bereits begonnene Schussbewegung von Götz sprintet. Damit liegt hier ein s.g. gefährliches Spiel des Augsburgers vor. Dieses ist zeitlich vor dem prinzipiell strafbaren Kontakt von Götz einzuordnen und hätte daher als solches abgepfiffen werden müssen. Selbst wenn man behauptet, dass auch Götz strafbar mit gestrecktem Bein agiert habe, so steht der Hamburger günstiger zum Ball und „wartet“ allein darauf, dass das Spielgerät auf spielbare Höhe fällt, während der Augsburger nur durch seinen Regelverstoß zum und an den Ball kommt. Aufgrund der Geschwindigkeit des Ablaufs und der Positionierung des Schiedsrichters war dies aber für ihn schwer zu erkennen. Für mich ist daher der regeltechnische Fehler Folge eines entschuldbaren Wahrnehmungsfehlers.

Fazit: Der Sieg der Augsburger geht aufgrund der deutlich stärkeren zweiten Halbzeit in Ordnung, fällt  jedoch gefühlt um ein Tor zu hoch aus.

Ich bewundere Zinnbauers Mut, auf die Talente aus der viertklassig spielenden U23 in der Bundesliga zu setzen. Man kann mit Recht fragen, ob hier nicht mitunter zu viel des Gutes probiert wird. Im Detail sind nämlich unverändert verständliche Anpassungsprobleme zu bemerken. In der Summe fehlt es der Mannschaft an Qualität. Hier meine ich nicht Talent, sondern die Routine, die man erst durch Erfahrung erwirbt. Diese Routine können die U23-Spieler ganz einfach (noch) nicht haben. Ein tatsächlicher Bundesligaspieler wird man nicht bereits durch ein, zwei mehr oder minder gelungene Einsätze. Der erzwungene Wechsel in der Innenverteidigung war für mich die entscheidende Schwächung. In der Summe (anderes System, drei U23-Spieler, und mit Cleber, der aus ganz anderen, vielfältigen Gründen noch Akklimatisierungsbedarf haben dürfte) wäre ein Sieg des HSV eine faustdicke Überraschung gewesen. Mir ist es aber lieber, dass Zinnbauer jetzt den Talenten Spielpraxis und Erfahrung verschafft, bevor er diese Spieler in der tatsächlich heißen Phase der Saison ins kalte Wasser verwerfen muss. Wirklich enttäuscht hat bisher keines von ihnen, auch Götz nicht.

Wie Zinnbauer finde auch ich lobenswert, dass man mindestens in der ersten Halbzeit sehen konnte, dass die Mannschaft des HSV Fortschritte macht, was nicht zuletzt der schön herausgespielte Führungstreffer belegt. Mit einer etwas erfahreneren Mannschaft wäre der taktische Plan des Hamburger Trainers möglicherweise voll aufgegangen. Der FC Augsburg war am Ende aber die reifere, die routiniertere Mannschaft. Dies ist auch Folge einer kontinuierlichen, systematischen Arbeit unter Leitung von Weinzierl.

Die entscheidende Frage aus Sicht des HSV bleibt, ob sich seine Talente schnell genug entwickeln können. Das aber müssen zum Glück andere be- und verantworten.

Ein schmeichelhaftes Unentschieden: HSV – SpVgg Greuther Fürth 0:0 (0:0)

So ist das zur Zeit. Nach einer sorgenvollen, unruhigen Nacht schreibe ich meinen Spielbericht und stelle nur die Hälfte online. Die andere Hälfte verschwindet ungewollt und ungespeichert im virtuellen Nirwana. Es kommt derzeit alles zusammen. Also auf ein Neues!

HSV-Trainer Slomka musste kurzfristig die Mannschaft umbauen, da Adler nach dem Aufwärmen über Rückenschmerzen klagte. Für ihn kam Drobny zum Einsatz. Wohl dem, der so eine 1b-Lösung auf der Bank weiß. Überraschender und möglicherweise schon ein Fingerzeig für die Zukunft beim HSV war die Tatsache, dass Westermann ebenfalls auf der Bank Platz nehmen musste, weil Slomka auf Djourou vertraute. Er schickte also folgende Aufstellung zu Beginn auf das Feld:

Drobny – Diekmeier, Djourou, Mancienne, Jiracek – Rincon (90. Westermann), Tesche (60. Jansen), Badelj, Calhanoglu – van der Vaart – Lasogga

Die Partie begann verhalten und ohne große Höhepunkte, da beide Mannschaften zunächst darauf bedacht schienen, defensiv stabil zu stehen. Die Partei glich zu Beginn mehr einem wechselseitigen Abtasten beider Mannschaften, die sich weitestgehend neutralisierten. So dauerte es bis zur 26. Minute, als der sehr agile  Fürther Angreifer, Ilir Azemi, sich mit einem schönen Trick durch den Strafraum der Hamburger spielte. Zum Glück für die Gastgeber kam er dabei am Ende etwas aus dem Tritt und traf den Ball nicht mehr absolut sauber. Drobny stand im kurzen Eck, Azemi schien ihn “tunneln” zu wollen, aber Hamburgs Torhüter bekam schnell genug die Beine zusammen und konnte diesen Schuss aus sieben Metern abwehren.

Insgesamt wirkten das Spiel der von Frank Kramer trainierten Gäste taktisch reifer, flüssiger, zielstrebiger, konsequenter und vor allem selbstbewusster. Der HSV spielte vergleichsweise altmodisch. Der Dreischritt, Ballannahme, schauen, passen, wurde regelmäßig zum Vierschritt erweitert: Ball annehmen, auf den richtigen Fuß legen, schauen, passen. Oder es wurde mit dem Ball gelaufen, weil man keine Anspielstation fand. So verwundert es nicht, dass auf diese Weise wertvolle Sekunden(–bruchteile) vergeudet wurden, die es den überaus lauffreudigen Gästen erlaubten, evtl. vorhandene Lücken im eigenen Defensivverbund rechtzeitig zu schließen. Es dauerte daher bis zur 44. Minute, bis Calhanoglu nach einer Einzelaktion aus 18 Metern auf das Tor der Gäste schoss. Aber dieser Ball verfehlte klar rechts das vom Ex-HSVer Hesl gehütete Gehäuse der Gäste. Mehr Chancen des Erstligisten? Fehlanzeige. Traurig, aber wahr.

In der 45. Minute kam erneut Azemi aus neun Metern rechts im Strafraum der Hamburger zum Schuss, aber wieder hatte der HSV Glück. Der Winkel war derart spitz, dass Drobny erneut parieren konnte.

Mein Zwischenfazit zur Halbzeitpause: Der HSV begann zu schwimmen, sobald die Fürther schnell, direkt und flüssig spielten. Greuther Fürth wirkte auf mich wie der tatsächliche Erstligist. Der HSV seinerseits war stets bemüht…

In der zweiten Spielhälfte gehörte die erste Torchance ebenfalls den Gästen. Nach einem Eckstoß von ihrer rechten Angriffsseite kam Azemi(?) aus fünf Metern zum Kopfball, konnte den Ball aber nicht entscheidend drücken. So segelte auch dieser Versuch folgenlos für den HSV über die Querlatte.

Nach einer halben Stunde hatte Slomka genug gesehen und nahm den dieses Mal blassen Tesche zugunsten Jansens aus dem Spiel (60.). Jansen spielte nun links offensiv vor Jiracek.  Calhanoglu rückte von außen in die Zentrale und bemühte sich im Wechselspiel mit van der Vaart, das eigene Spiel anzukurbeln. Der HSV kam nun etwas besser ins Spiel. Nur fünf Minuten später erreichte Lasogga eine Flanke vom linken Flügel, doch sein Kopfball aus sieben Metern in Richtung langes Eck fehlte der Druck, sodass Hesl den Ball sogar fangen konnte.

Zwei Minuten später erschien es für einen Moment, als hätte der HSV das bis dahin aus seiner Sicht enttäuschend verlaufene Spiel erfolgreich gedreht, denn Lasogga hatte den Ball nach einer Freistoßflanke ins Netz befördert. Leider stand der  Schütze klar im Abseits. Dem vermeintlichen Führungstreffer  wurde daher vom Schiedsrichtergespann völlig zurecht die Anerkennung verweigert. Es blieb also beim Unentschieden.

In der 74. Minute flankte Fürth von linken Flügel aus 32 Metern vor das Hamburger Tor, aber der sehr auffällige Azemi beförderte den  Ball aus fünf Metern über das Hamburger Gehäuse. Nur zwei Minuten später war es erneut Azemi, der eine weitere scharfe Hereingabe vom linken Fürther Flügel um wenige Zentimeter verpasste (76.).

In der Schlussphase wurde es dann turbulent: In der 85. Spielminute rutschte einem Verteidiger der Franken im eigenen Strafraum eine Flanke Jiraceks von der linken Hamburger Angriffsseite über den Kopf. Lasogga stand goldrichtig am rechten Eck des Fünfmeterraumes, nahm den Ball volley, traf ihn aber nicht perfekt. So konnte Hesl die bis dato erste klar herausgespielte Tormöglichkeit des HSVs letztlich parieren.

In der letzten Minute der regulären Spielzeit entschloss sich Slomka zu seiner zweiten und letzten Auswechselung. Es kam Westermann für Rincon. Dahinter stand wohl der Gedanke, über den hochgewachsenen und kopfballstarken Westermann hinten wenigstens das Unentschieden zu sichern, bzw. evtl. bei einer eigenen Standardsituation doch noch zum Siegtreffer zu kommen. Fürths Trainer Kramer hat in der Schlussphase übrigens dreimal gewechselt. Dass Slomka auf seinen letzten Wechsel verzichtete, weil er ihm offenbar nicht mehr sinnvoll erschien, spricht Bände über den derzeitigen HSV-Kader.

In der zweiten Minute der Nachspielzeit (90+2.) flankte Diekmeier auf Höhe der Grundlinie vom rechten Flügel. Hesl unterlief zwar die Flanke, aber ein Fürther Abwehrspieler konnte den Ball gerade noch vor dem einschussbereiten Jansen am langen Pfosten klären. Eine Minute später stand van der Vaart am linken Eck des Fünfmeterraumes der Gäste nach Zuspiel  Calhanoglus frei, traf aber den Ball so schlecht, dass der aufmerksame Hesl erneut mühellos parieren konnte (90+3.).

Schiedsrichter: Felix Zwayer (Berlin) leitete die Partie souverän und ohne größere Fehler.

Fazit: Zu loben ist zunächst das Publikum des HSVs. Es unterstützte seine Mannschaft lautstark während der gesamten Spielzeit. Aus Sicht der Hamburger muss das Unentschieden durchaus als glücklich bezeichnet werden. Die am gestrigen Tag eindeutig bessere Mannschaft kam für mich aus Fürth. Die Gäste zeigten schnörkellosen, modernen, variablen Fußball. Der HSV wirkte im unmittelbaren Vergleich höchstens in Ansätzen konkurrenzfähig. Wenn Lasogga nach dem Spiel davon sprach, die Gäste hätten sich ja nur hinten hineingestellt, um auf Konter zu spielen, dann verkennt er vollkommen die Realität. Fürth hat sehr wohl situationsabhängig auch Offensivpressing gespielt, rückte aber während der gesamten Spieldauer konsequent geschlossen nach hinten, wenn man den Ball nicht schnell genug zurückgewann.

Dem HSV fehlte mit zunehmender Spielzeit erneut die Kompaktheit. Praktisch allen eigenen langen, vertikalen Bälle fehlte die Genauigkeit. Entweder wurde sie irgendwo ins Nirgendwo gespielt, oder sie konnten mühellos durch die Defensive der Spielvereinigung abgefangen werden. Fürth konnte drei frische Leute im Laufe des Spiels einsetzen, der HSV nicht, jedenfalls aus Sicht des Trainers nicht sinnvoll. Die bekannt lauffreudigen Gäste wirkten auch deswegen zum Ende der Partie eindeutig frischer, während der eine oder andere HSV-Spieler stehend k.o. wirkte. Vergleicht man beide Mannschaften mit einem Vierzylinder-Auto, so wirkte allein der HSV so, als liefe sein Motor nur auf drei „Töpfen“. Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass vor der nun kommenden, für die Klassenzugehörigkeit entscheidenden Partie die Vorteile eher auf Seiten des Zweitligisten liegen. Dessen Spieler zeigten sich auch nach der Partie entspannt und mit  der eigenen Leistung zufrieden, während beim HSV einmal mehr das Prinzip Hoffnung zu regieren scheint.

Der HSV wirkte über weite Strecken gelähmt von der eigenen Angst, Fehler zu begehen. Auch wenn man sein Heimspiel nicht gewinnen konnte, so ist immerhin positiv, dass man das torlose Remis über die Zeit brachte. Angesichts der Auswärtstor-Regelung könnte daher jedes Unentschieden mit einem oder mehreren Treffern  auf fremden Platz zum Klassenverbleib bereits reichen. Das ist zwar mathematisch ein Vorteil, aber wie schon Rummenigge wusste: Fußball ist bekanntlich keine Mathematik.

Das Momentum liegt aus meiner Sicht eindeutig auf Seiten der Fürther. Diese haben nicht zuletzt sich selbst mit einem couragierten Auftritt bewiesen, dass sie sich mindestens auf Augenhöhe mit dem namhaften Rivalen befinden. Mit dieser Überzeugung und dem mehrheitlich eigenen Publikum im Rücken wird der HSV eine gewaltige Leistungssteigerung benötigen, möchte man sich auch nach der Partie noch zu den Erstligisten zählen dürfen. Wer es bis jetzt immer noch nicht einsehen wollte – es ist, egal wie das Spiel am Sonntag auch ausgehen mag, die Notwendigkeit zu tiefgreifenden Veränderungen beim HSV mehr als evident. Die Mannschaft wird, neben einer taktisch außerordentlich disziplinierten Leistung und einem souveränen Torhüter (Bravo, Drobny!) auch eine gehörige Portion Glück brauchen, um die Klasse halten zu können. In diesem Sinne – der Worte sind genug gewechselt.