Weinzierl

Routine schlägt Talent. Der HSV unterliegt beim FC Augsburg mit 3:1 (0:1)

Unter Zinnbauers Leitung ist nicht nur die Durchlässigkeit vom Nachwuchs in die Profimannschaft deutlich größer geworden, auch die taktische Ausrichtung erscheint flexibler. Vom Fink’schen 4-2-3-1 zu einem klaren 4-1-4-1. Es folgte ein Hybrid-System aus 4-2-3-1 und 4-1-4-1 mit der Rückkehr des abkippenden Sechsers. Zuletzt war dann die Einführung gleich zweier inverser Flügelspieler zu beobachten. So gleicht jedes Spiel des HSV für den außenstehenden Beobachter derzeit noch ein wenig einer Wundertüte. Man fragt sich, welche Spieler zum Einsatz kommen, und in welcher taktischen Formation der HSV das nächste Spiel bestreiten wird. Und auch dieses Mal überraschte der HSV-Trainer mit neuem Personal und einer taktischen Anpassung an den Gegner.

Zu erwarten war, dass Götz den gesperrten Diekmeier eins zu eins als Rechtsverteidiger ersetzen würde. Den Einsatz des jungen Ronny Marcos konnte man zwar erahnen, jedoch dürften die meisten damit gerechnet haben, dass dieser ggf. Ostrzolek als Linksverteidiger ersetzen würde. Beide zusammen in der Startelf – das war schon eine kleine Überraschung. Der Einsatz des Konterstürmers Rudnevs in einem Auswärtsspiel überraschte mich weniger, zumal sich dieser zuletzt in Training und Spiel formverbessert präsentierte. Ebenso wenig überraschte mich, dass neben dem Letten nicht Lasogga von Beginn an spielte. Diese beiden Stürmertypen ergänzen sich einfach nicht optimal. Da Rudnevs zudem unübersehbare technische Probleme u.a. in der Ballbehauptung besitzt, erschien eine Umstellung auf ein System mit zwei Sturmspitzen bei seinem Einsatz fast zwingend. Die Lösung mit dem ebenfalls sprintstarken, technisch beschlagenen, torgefährlichen Müller drängte sich förmlich auf, zumal Gouaida bei seinem Debüt gegen Bremen als „falscher“ Rechtsaußen zu gefallen wusste.

Zinnbauer wechselte also erneut das System und vertraute der folgenden Aufstellung: Drobny – Götz, Djourou, Westermann (35. Cleber), Ostrzolek – Behrami – Gouaida, van der Vaart (75. Green), Marcos – N. Müller (71. Lasogga) , Rudnevs

Das Spiel: Zinnbauers Umstellung auf ein 4-4-2 muss man als grundsätzlich gelungene taktische Lösung loben. Ronny Marcos bot, wie schon Gouaida eine Woche zuvor  bei seinem Debüt in der Bundesliga, eine sehr respektable Leistung. Der Linksverteidiger der U23 spielte auf für ihn eher ungewohnter Position im linken offensiven Mittelfeld mutig und blieb weitestgehend fehlerlos. Da vor allem beide Sturmspitzen als auch beide offensive Außenbahnspieler regelmäßig aggressiv offensiv pressten, kam das Augsburger Spiel in der ersten Halbzeit nicht wie gewohnt zur Entfaltung.

Bei eigenem Ballbesitz sah man in der Frühphase des Spiels erneut Behrami als zwischen die Innenverteidiger abkippenden Sechser. Im weiteren Verlauf wurde dies jedoch nicht zuletzt in Folge des späteren Rückstandes zunehmend aufgegeben.

Das Spiel des HSV wirkte auf mich weniger leicht auszurechnen als mit Lasogga als einziger Spitze. Die erste große Torchance für die Gastgeber notierte ich in der 27. Spielminute. Drobny konnte einen Freistoß, den Bobadilla aus ca. 23 Metern Entfernung und zentraler Position schoss, gerade noch um den Pfosten lenken. Alles andere der ersten Halbzeit, hüben wie drüben, fiel eher in die Kategorie „Halbchance“.

Leider verletzte sich Westermann am Knie und musste bereits in der 35. Spielminute vom Feld. Für mich einer von mehreren Gründen, warum der HSV am Ende als Verlierer vom Platz ging. Dies ist ausdrücklich nicht als Kritik an Cleber gemeint, der ihn ersetzte. Denn dem Brasilianer fehlt u.a. Spielpraxis. Ich möchte hier nur festhalten, dass deutliche Mängel bei der Feinabstimmung zwischen Djourou und Cleber zu bemerken waren.

Insgesamt wirkte das Spiel des HSV auf mich flüssiger als zuletzt. Man konnte meist die Angriffsbemühungen der Gastgeber erfolgreich neutralisieren, da man situativ die Staffelung wechselte. So sah man des Öfteren eine Dreierkette im (offensiven) nachschiebenden Mittelfeld, oder die Abwehrkette wurde im Bedarfsfall um einen weiteren Spieler erweitert. Unbefriedigend blieb, wie bereits gewohnt, dass man gute Ansätze für eigene Angriffe zu oft im letzten Drittel des Spielfeldes verschenkte.

In der Nachspielzeit der ersten Halbzeit konnte N. Müller endlich einmal mit Ball und Tempo in den freien Raum starten – prompt wurde es gefährlich. Müller passte auf Rudnevs, der den Ball mustergültig direkt und flach quer passte. Van der Vaart ließ sich nicht lange bitten und bedankte sich mit einem Torschuss ins lange Eck zum 0:1 für die Hamburger (45+1.).

Zur Halbzeit empfand ich die Führung des HSV als keineswegs unverdient. Feststellbar war, dass die Angriffe des HSV mehrheitlich über die mit zwei nominellen Linksverteidigern besetzte linke Außenbahn erfolgten. Das Gespann auf der Gegenseite (Gouaida, Götz) agierte offensiv weniger auffällig.

Mit Beginn der zweiten Halbzeit verstärkten die Gastgeber ihre eigenen Angriffsbemühungen. Sie spielten nun ihrerseits aggressiver und erhöhten das Tempo. Götz, der ansonsten eine durchaus ordentliche Partie ablieferte, leistete sich im Bemühen, das eigene Spiel zu beschleunigen, gleich zwei vermeidbare Fehlpässe genau zum Gegner, die einem so normalerweise in der Bundesliga nicht unterlaufen sollten. Dies ist nur eine nüchterne Feststellung an die Adresse derjenigen, die jeden U23-Spieler des HSV schon jetzt für besser halten als die Profis. Es ist ausdrücklich kein Vorwurf an Götz, dem man (wie allen anderen Talenten), eine gewisse Lernphase zubilligen muss.

Auch beim Ausgleichstreffer war Götz nicht ganz schuldlos. Ostrzoleks Foul führte zum Freistoß für den FCA. Werner flankte in den Strafraum, wo sich die mangelnde Feinabstimmung in der Viererkette bemerkbar machte. Cleber stand am kurzen Pfosten. Djourou hatte es gleich mit zwei Augsburgern zu tun, da Götz nicht weit genug nach innen eingerückt war. Drobny blieb auf der Linie, obwohl die Flanke an den Fünfmeter-Raum kam. Im Resultat konnte Djurdjic den Ball per Kopf unfreiwillig quer legen, sodass Altintop letztlich keine Mühe mit dem erfolgreichen Torschuss aus kurzer Distanz hatte. Das frühe 1:1 in der 49. Spielminute.

Es ist m.E. kein Zufall, dass der Führungstreffer über die rechte Seite des HSV fiel. Götz konnte Augsburgs Werner nicht entscheidend behindern. Dieser spielte einen seher guten, temperierten Pass genau in den Lauf des durchgestarteten Baba. Dessen Vorsprung an Metern und Geschwindigkeit konnte Gouaida verständlicherweise nicht mehr egalisieren, sodass Baba fast ungestört vom Flügel nach innen passen konnte. Die umgestellte Innenverteidigung des HSV (s.o.) stand erneut nicht optimal gestaffelt, da zu sehr auf einer Linie, und Ostrzolek konnte Bobadilla nicht halten. So kam es trotz einer drei eins Überzahl im Strafraum zur 2:1-Führung für die Gastgeber in der 62. Minute.

Danach versuchte der HSV unverdrossen nach vorne zu spielen, musste aber nach einer äußert strittigen Entscheidung des ansonsten guten Schiedsrichters den nächsten Nackenschlag hinnehmen. Götz wollte im Strafraum einen Ball klären, doch Djurdjic war für Bruchteile einer Sekunde früher am Ball. Dr. Drees entschied zum Entsetzen aller Hamburger auf Strafstoß für den FCA, den Augsburgs Kapitän Verhaegh dann sicher verwandelte (69.)

Zinnbauer reagierte folgerichtig und brachte mit Lasogga und Green kurz hintereinander zwei frische Angreifer. Bei eigenem Ballbesitz verzichtete man nun endgültig auf den abkippenden Sechser, um im Mittelfeld und Angriff mehr Optionen zu haben. Lobenswert einmal mehr, dass der Mannschaft jederzeit der Willen, vielleicht doch noch wenigstens zu einem Punkt zu kommen, anzumerken war. So kam man gegen Ende der Partie u.a. zu mehreren Eckbällen, aus denen man jedoch leider kein Kapital schlagen konnte. Auch dem eingewechselten Lasogga blieb ein Treffer versagt, da Augsburgs Callsen-Bracker für den bereits geschlagenen Torhüter Manninger auf der Linie (86.) klären konnte. Es blieb daher beim 3:1-Erfolg für den FCA.

Schiedsrichter: Dr. Drees (Münster-Sarmsheim). Bot lange Zeit eine tadellose, gute Leistung.  Besonders gut gefielen mir seine Körpersprache und seine erläuternden Ansprachen an die Spieler nach strittigen Entscheidungen. Es gibt unangenehmere, arrogantere Unparteiische.
Die Entscheidung auf Strafstoß für den FCA in der 69. Spielminute bleibt jedoch objektiv regeltechnisch falsch. Zwar ist Djurdjic tatsächlich früher am Ball als Götz und wird von diesem am Fuß getroffen, jedoch kommt der Augsburger nur deswegen früher an den Ball, weil er mit gestrecktem Bein und offener Sohle zum Ball und in die bereits begonnene Schussbewegung von Götz sprintet. Damit liegt hier ein s.g. gefährliches Spiel des Augsburgers vor. Dieses ist zeitlich vor dem prinzipiell strafbaren Kontakt von Götz einzuordnen und hätte daher als solches abgepfiffen werden müssen. Selbst wenn man behauptet, dass auch Götz strafbar mit gestrecktem Bein agiert habe, so steht der Hamburger günstiger zum Ball und „wartet“ allein darauf, dass das Spielgerät auf spielbare Höhe fällt, während der Augsburger nur durch seinen Regelverstoß zum und an den Ball kommt. Aufgrund der Geschwindigkeit des Ablaufs und der Positionierung des Schiedsrichters war dies aber für ihn schwer zu erkennen. Für mich ist daher der regeltechnische Fehler Folge eines entschuldbaren Wahrnehmungsfehlers.

Fazit: Der Sieg der Augsburger geht aufgrund der deutlich stärkeren zweiten Halbzeit in Ordnung, fällt  jedoch gefühlt um ein Tor zu hoch aus.

Ich bewundere Zinnbauers Mut, auf die Talente aus der viertklassig spielenden U23 in der Bundesliga zu setzen. Man kann mit Recht fragen, ob hier nicht mitunter zu viel des Gutes probiert wird. Im Detail sind nämlich unverändert verständliche Anpassungsprobleme zu bemerken. In der Summe fehlt es der Mannschaft an Qualität. Hier meine ich nicht Talent, sondern die Routine, die man erst durch Erfahrung erwirbt. Diese Routine können die U23-Spieler ganz einfach (noch) nicht haben. Ein tatsächlicher Bundesligaspieler wird man nicht bereits durch ein, zwei mehr oder minder gelungene Einsätze. Der erzwungene Wechsel in der Innenverteidigung war für mich die entscheidende Schwächung. In der Summe (anderes System, drei U23-Spieler, und mit Cleber, der aus ganz anderen, vielfältigen Gründen noch Akklimatisierungsbedarf haben dürfte) wäre ein Sieg des HSV eine faustdicke Überraschung gewesen. Mir ist es aber lieber, dass Zinnbauer jetzt den Talenten Spielpraxis und Erfahrung verschafft, bevor er diese Spieler in der tatsächlich heißen Phase der Saison ins kalte Wasser verwerfen muss. Wirklich enttäuscht hat bisher keines von ihnen, auch Götz nicht.

Wie Zinnbauer finde auch ich lobenswert, dass man mindestens in der ersten Halbzeit sehen konnte, dass die Mannschaft des HSV Fortschritte macht, was nicht zuletzt der schön herausgespielte Führungstreffer belegt. Mit einer etwas erfahreneren Mannschaft wäre der taktische Plan des Hamburger Trainers möglicherweise voll aufgegangen. Der FC Augsburg war am Ende aber die reifere, die routiniertere Mannschaft. Dies ist auch Folge einer kontinuierlichen, systematischen Arbeit unter Leitung von Weinzierl.

Die entscheidende Frage aus Sicht des HSV bleibt, ob sich seine Talente schnell genug entwickeln können. Das aber müssen zum Glück andere be- und verantworten.

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Dem Dino droht der direkte Abstieg: FC Augsburg – HSV 3:1 (3:1)

Ich hätte große Lust, an dieser Stelle jetzt eine gnadenlose Abrechnung mit all den vielen, vielen Einzelpersonen und Fraktionen zu beginnen, die m.E. für den  inzwischen galoppierenden Niedergang des Hamburger Sportereins verantwortlich sind. Ich werde dieses prall gefüllte, große Fass jedoch nicht aufmachen. Noch nicht. Aber der Zeitpunkt, an dem abgerechnet wird, rückt näher. Wenigstens zwei Spieltage jedoch werde ich versuchen, mich allein auf die sportliche Situation zu beschränken, denn alles andere wäre zum jetzigen Zeitpunkt für den Verein kontraproduktiv. Davon bin ich und bleibe ich überzeugt.

Spielverlauf und Resultat eines Fußballspiels sind von vielen, vielen Dingen abhängig. Ich denke, das gestrige Spiel hat einige dieser Faktoren sehr deutlich zu Tage treten lassen. Normalerweise schreibe ich einen ausführlichen Spielbericht vor allem für diejenigen unter Euch, die das Spiel nicht mit eigenen Augen verfolgen konnten. Das würde ich mir heute nur zu gern ersparen, denn es zwingt mich jedes Mal, das trostlose Gekicke der Mannschaft meines Herzens erneut minutiös zu durchleiden. Aber mag es mir auch schwerfallen, so werden vielleicht einige der Faktoren erkennbar, die zum Ergebnis beitrugen. Und das erscheint mir als Kontrapunkt in der allgemeinen Berichterstattung über den HSV wichtig. Will uns der Boulevard in seinen s.g. Expertisen doch beständig nach Niederlagen einreden, es habe hauptsächlich an der richtigen Einstellung gemangelt. Dieses Spiel hat jedoch einmal  mehr schonungslos offengelegt, dass Erklärungsversuche deutlich differenzierter ausfallen müssen. Es ist eben nicht die mangelhafte Einstellung der Profis, jedenfalls nicht hauptsächlich oder allein, die den Dino in höchst akute Abstiegsgefahr gebracht hat.

Die Mannschaft war, ich erwähnte dies in meiner Vorschau, vorzeitig nach Augsburg gereist. Zum einen wollte man tatsächlich ausgeruht in dieses eminent wichtige Spiel gehen, zum anderen wollte man sich fokussieren und als Team noch enger zusammenrücken. Vor Ort fand dann noch eine Trainingseinheit statt. Als Resultat schickte Mirko Slomka die folgende Mannschaft ins Rennen gegen die Augsburger:

Aufstellung: Adler – Diekmeier, Westermann, Mancienne, Jansen (69. Jiracek) – Rincon, Badelj (75. Demirbay), Arslan, Ilicevic – Calhanoglu – Maggio (61. Zoua)

Spielbericht: Kaum noch ein Spiel des Hamburger Sportvereins, bei dem der Betrachter nicht bereits kurz nach dem Anpfiff ein ungutes déja vu erleben würde. Das Spiel war gerade einmal sechs Minuten alt, da lag der HSV bereits 0:1 zurück. Wieder einmal. Hatte ich im Vorbericht die Augsburger Kompaktheit gepriesen und als Vorbild für den HSV ausgegeben, so war Hamburgs linke Seite zum ersten aber keineswegs zum letzten Mal offen wie ein Scheunentor. Der schnelle Hahn marschierte über den Flügel und passte scharf nach innen auf Höhe der Strafraumgrenze. Dort rutschten mehrere Hamburger Spieler auf dem seifigen Rasen aus. Augsburgs Altintop erwies sich jedoch als standfest und kam fast unbedrängt in zentraler Position vor dem Gäste-Tor zum Schuss. Adler war chancenlos. Das 1:0 (6.) für die Hausherrn.

In der 16. Minute schoss Hahn Hamburgs Mancienne aus kürzester Distanz im Hamburger Strafraum den Ball an die Hand. Schiedsrichter Welz verweigerte zurecht den Elfmeterpfiff.

Das erste wirkliche Ausrufezeichen aus Hamburger Sicht war in der 18. Spielminute zu notieren. Ilicevic zog endlich einmal efolgreich vom linken Flügel nach innen und wurde von Augsburgs Innenverteidiger, Callsen-Bracker, vier Meter vor der Strafraumgrenze und mittig zum Tor gefoult. Calhanoglu hob den folgenden Freistoß sehenswert über die Mauer. Leider erwies sich Hitz im Tor der Gastgeber als sicherer Rückhalt. Er tauchte blitzschnell in die Ecke und konnte den Ball gerade noch parieren. Der HSV war trotz des erneut frühen Rückstandes gut im Spiel. Die Mannschaft wirkte durchaus willig und engagiert. Man gewann fast 60 Prozent der Zweikämpfe und erreichte ein optisches Übergewicht. Das sah zunächst gar nicht schlecht aus. Leider fehlten klar herausgespielte Torchancen. So kam man, wenn überhaupt, nur mit Fernschüssen zum Abschluss, die jedoch letztendlich ungefährlich blieben.

In der 25.  Minute flankte Calhanoglu einen Freistoß von links in den Augsburger Strafraum. Der aufgerückte Westermann kam im Fünfmeter-Raum, bedrängt von einem Augsburger, an den Ball, schob diesen jedoch knapp am rechten Pfosten vorbei. Sechs Minuten später (31.) herrschte erneut Alarm im Strafraum der Gastgeber. Leider traf Badelj den hüfthohen und daher schwer zu nehmenden Ball nicht richtig. Nur eine Minute später war erneut die linke Abwehrseite des HSVs offen. Hahn marschierte erneut und passte dann scharf aus dem Lauf nach innen. Dieses Mal war Badelj nicht schnell genug zurückgeeilt. Altintop kam wieder fast unbedrängt aus neun Metern zentral vor Adler zum Schuss – das 2:0 für den FCA als logische Konsequenz. Spätestens jetzt sah ich mich in meiner Befürchtung bestätigt,  die ich hier an gleicher Stelle in der Vorschau ganz bewusst unterschlagen hatte. Beide zuletzt verletzten Spieler, Jansen und Badelj, waren zwar spielfähig, wirkten jedoch alles andere als wirklich fit. Dass HSV-Trainer Slomka sie dennoch meinte bringen zu müssen, zeigt, wie dünn die Personaldecke des Vereins inzwischen ist. Im Grunde stellt sich die Mannschaft fast von alleine auf.

Wenn von Hamburger Seite etwas offensiv ging, dann meist über die rechte Seite. Dort mühte sich Rincon im Zusammenspiel mit Diekmeier redlich auf einer für ihn sicher suboptimalen Position. Hier wurde aber auch ein weiteres Manko deutlich: Diekmeier konnte gefühlt fünfzehn Flanken von rechts nach innen schlagen, aber diese segelten in aller Regel vollkommen ungefährlich an Freund und „Feind“ vorbei. Das lag aber nur zum Teil daran, dass sie einfach ganz schlecht, da zu hoch und/oder zu lang, geschlagen waren. Slomka hatte sich nach wohl durchaus überzeugenden Trainingsleistungen für Maggio (statt Zoua) als Sturmspitze entschieden. Der junge Nachwuchsspieler lief viel, aber Training und realer Wettkampf sind zwei Paar Schuhe. Er blieb blass und konnte zu keiner Zeit nennenswert in Erscheinung treten. Auch hier kein Vorwurf meinerseits an Slomka, denn ob ein Nachwuchsspieler wirklich unter Wettkampfbedingungen funktioniert, das kann man nur herausfinden, wenn man ihm ein gewisses Vertrauen schenkt. Es fehlte den Flanken also an Qualität und an einem Abnehmer.

In der 35. Minute kam Arslan nach schöner Einzelleistung aus 25 Metern zum Abschluss. Aber auch der Ball rauschte über das Gehäuse der Gastgeber. Es war in meinen Augen Tolgays beste Szene. Im weiteren Spielverlauf fiel er allenfalls durch umständliches und schlampiges Pass-Spiel auf. Womit ich beim nächsten Faktor wäre: der eine Sechser (Badelj) nicht im Vollbesitz seiner Kräfte und verletzungsbedingt mit fehlendem Spielrhythmus, der andere mit großen Leistungsschwankungen.

Einmal mehr durfte sich der überragende Hahn auf Augsburger Seite ungestört von Hamburgs Defensive in Szene setzen. In der 42. Minute kam er aus halbrechter Position und ca. 20 Metern frei zum Abschluss. Der Ball kam auf den kurzen Pfosten. Dort stand Adler und wollte den Schuss mit beiden Armen abwehren, boxte sich den Ball jedoch neben den Posten ins eigene Netz. Das 3:0 für den FC Augsburg. Für einen Bundesligatorhüter, zumal einen Nationalspieler, ein kapitaler Fehler. Und leider ist es inzwischen wohl der siebte folgenschwere Fehler,  der René in dieser Spielzeit unterläuft. Auch hier lässt sich eine Feststellung treffen: In der letzten Saison war es ein überragender Adler, der dem HSV viele Punkte fast im Alleingang gesichert hat. Das hat über viele, bereits damals im Prinzip  vorhandene und erkennbare Defizite hinweggetäuscht. Ohne einen famosen Adler in Bestform jedoch treten diese Defizite nun jedoch schonungslos zu Tage.

Kurz vor der Pause dann ein kleiner Hoffnungsschimmer aus Sicht der HSV-Anhänger. Calhanoglu flankte einen Freistoß für den HSV wieder vom linken Flügel mit Schnitt zum Tor. Dem erneut aufgerückte Westermann fiel der Ball auf die Schulter. Von dort wurde er für Hintz unhaltbar in lange Eck abgefälscht. Der Anschlusstreffer zum 3:1 in der 44. Minute.

Zur Halbzeit habe ich mir das folgende Zwischenfazit notiert: entscheidende Pässe des HSVs werden zu ungenau, z.T. in den Rücken des Mitspielers, gespielt. Dadurch gehen immer wieder Tempo und Spielfluss verloren, was dem Gegner die wenigen Sekunden verschafft, die er benötigt, um etwaige defensive Lücken zu schließen. Torgefahr entsteht, wenn überhaupt!, allein durch Calhanoglu. Ilicevics Spielweise ähnelt der des bayrischen Robben, erreicht aber nicht ansatzweise dessen Qualität. Absolut vorhersehbar zieht er an der Strafraumgrenze vom linken Flügel nach innen und verliert spätestens dann fast immer den Ball.

Den Spielbericht der zweiten Halbzeit versuche ich kurz zu halten, da ohehin keine weiteren Tore fielen. Bemerkenswert erscheint mir eine Szene aus der 60. Minute: Es gab einen Eckstoß für Augsburg von links (aus Hamburger Sicht). Alle Hamburger versammelten sich in Erwartung einer Flanke rund um den eigenen Fünfmeter-Raum. Am linken Strafraumeck stand ein Augsburger mutterseelenallein. Unglaublich! Dieser wurde dann vom Eckenschützen – Überraschung! – angepielt und konnte kontrolliert, da nicht unter Druck gesetzt, flanken. Adler kam raus und wollte klären, wurde aber vom eigenen Mann, Westermann, behindert. Am Ende hatte das keine Folgen. Sicher kommen derartige Szenen immer mal wieder vor (Torhüter vom eigenen Mann behindert), in der Gesamtansicht steht diese Szene jedoch für mich sinnbildlich für das zum Teil groteske Defensivverhalten des HSVs.

Eine Minute später, also in der 61., hatte der HSV einen Eckstoß von der linken Seite. Calhanoglu (wer sonst?!) flankte, Westermann köpfte (wer sonst?!), aber verfehlte erneut das Tor der Gastgeber (was sonst?!). Der Ball strich knapp am rechten Pfosten vorbei ins Toraus. Das ist übrigens bereits die vorletzte Torchance gewesen, die ich für den HSV notiert habe…
Praktisch im Gegenzug konnte Adler einen sehenswerten Fernschuss mit Mühe gerade noch parieren. Eine Minute später setzte der starke Altintop einen Kopfball denkbar knapp links neben das Tor der Hamburger.

Der eingewechselte Zoua belebte ein wenig das Hamburger Spiel, da er erkennbar um Spielfluss bemüht war. Aber einmal mehr konnte das Hamburger Mittelfeld, allen voran die beiden Sechser (s.o.), spielerisch nicht überzeugen. Wo die Augsburger als Mannschaft kombinierten, da zeigten der HSV Stückwerk. Immer wieder wurde umständlich der Ball auf den anderen Fuß gelegt, bzw. mussten schlecht gespielte Pässe der Mitspieler erst mühsam unter Kontrolle gebracht werden. Das war ganz, ganz schwach. Und dann ist es eben auch nicht ausreichend, wenn man unbedingt „will“, was sich u.a. aus der positiven Zweikampfquote für den HSV (56% gewonnen) ablesen lässt.

In der noch verbleibenden halben Stunde spielte im Grunde nur noch der FCA. Ich verzichte darauf, alle Torchancen aufzuzählen, die Adler noch parierte, oder die der FCA anderweitig verschenkte. Zeitweise, ich muss das so deutlich schreiben, war das mehr als ein Klassenunterschied zwischen beiden Kontrahenten. Die Augsburger konnten sich den HSV in aller Ruhe zurecht legen und hätten im Grunde noch mehr als zwei weitere Tore erzielen können, wenn nicht gar müssen!

Zwei Szenen noch und dann ist dieser Bericht des Grauens überstanden:
In der 81. Minute ließ sich der ansonsten tadellose Mancienne als letzter Mann vom eingewechselten Südkoreaner, Dong-Won Ji, viel zu leicht übertölpeln. Ein zweifellos kapitaler Bock, der nicht verschwiegen werden soll, der aber zum Glück folgenlos blieb, da Adler einmal mehr seine Klasse im 1:1 unter Beweis stellte.
In der Nachspielzeit (90+1.) zog Rincon mit dem Vollspann volley ab, doch Hitz im Tor der Gastgeber war einmal mehr auf dem Posten und konnte diesen Schuss, der wahrlich einen Treffer verdient gehabt hätte, gerade noch über die Latte des Tores lenken. Kurz darauf erlöste Schiedsrichter Welz alle, denen der HSV am Herzen liegt.

Schiedsrichter: Welz (Wiesbaden). Hatte alles im Griff. Schlichtete nach Schubser von Rincon an die Brust eines Gegenspielers (der daraufhin umfiel) ohne Karte. Gut.

Fazit: Den Sieg des FC Augsburg kann ich nur als hochverdient bezeichnen. Beeindruckend, was Trainer Markus Weinzierl in dieser Saison mit seiner Mannschaft leistet.
„Er/sie war stets bemüht, den Anforderungen gerecht zu werden….“ – man kennt diese Formel aus dem Zeugnisjargon. Gemeint ist, dass der Bewertete letztlich nicht die Qualität besitzt, um die geforderte Leistung tatsächlich zu erbringen. Ich denke, dies traf mindestens in diesem Spiel auf den HSV zu. Die Mannschaft wollte, aber es fehlt(e) an Qualität.
Adler, auch wenn er ansonsten gut hält, immer wieder mit schlimmen Fehlern. Jansen und Badelj nur spielfähig aber nicht wirklich fit – das ist insbesondere bei Jansen, der sehr von seiner Physis, seiner Dynamik lebt, ein schweres Problem. Der für ihn eingewechselte Jiracek wirkte deutlich spritziger. Aber wenn man aus dem Rathaus kommt…
Arslan erneut, vor allem in der letzten halben Stunde, oft nur mit Alibi-Pässen oder schlampigen Zuspielen. Diekmeier mit überwiegend schlechten Flanken, die zudem keinen Abnehmer finden konnten, da auch falsch gelaufen wurde. Torgefahr entsteht im Grunde nur durch Calhanoglu. Das ist für jeden Gegner überaus leicht zu erkennen und daher zu wenig.
Nach dieser Niederlage muss man größte Zweifel haben, ob der HSV überhaupt den Notausgang Relegation erreicht. Nächste Woche dürfte es in dieser Verfassung für den FC Bayern auch in Hamburg ein Kinderspiel werden. Alles andere als die nächste, deutliche Niederlage wäre schon fast ein Wunder. So muss man hoffen, dass die Konkurrenz nicht schon nächste Woche vorbeizieht. Aber selbst wenn man dies dann am letzten Spieltag gegen Mainz 05 theoretisch noch korrigieren könnte – das, was der HSV derzeit abliefert, ist nicht erstligareif. Das ist die bittere Wahrheit. Natürlich hoffe (auch) ich bis zum Schluss, dass der Gang in die Zweitklassigkeit doch noch vermieden werden kann. Wenn der Abstiegsfall jedoch eintreten sollte, dann ist das objektiv gesehen ein Folge zahlreicher eigener schwerer Mängel und Versäumnisse. Zwar stehen die Spieler auf dem Feld, aber diese Mannschaft ist nur das vorläufige Endprodukt kapitaler Fehleinschätzungen, die zum Teil über viele, viele Jahre zurückreichen. So gesehen wäre ein Abstieg keine Überraschung, sondern die mehr als verdiente Quittung.

 

DAS RESTPROGRAMM

15. VfB Stuttgart (32 Pkt; -11):
VfL Wolfsburg (H)
Bayern München (A)

16. Hamburger Sportverein (27 Pkt; -20):
Bayern München (H)
1. FSV Mainz 05 (A)

17. 1.FC Nürnberg (26 Pkt; -28)
Hannover 96 (H)
FC Schalke 04 (A)

18. Eintracht Braunschweig (25 Pkt; -28):
FC Augsburg (H)
1899 Hoffenheim (A)