Kostic

Wenn Leidenschaft Leiden schafft…

…dann neigt sich wieder einmal eine Saison der Fußball-Bundesliga dem Ende entgegen, und für den Bundesliga-Dino, den HSV, geht es nunmehr seit Jahren nur noch um eins: das nackte Überleben als Erstligist.

Bereits Tage vor dem Spiel wurde mir bei jedem Gedanken an das entscheidende Spiel gegen den VfL Wolfsburg regelrecht flau im Magen. Nun neige ich aufgrund meines Wissens über Mentale Wettkampfeinstellung gewiss nicht dazu, durch die Vorstellung katastrophisierender Szenarien die sprichwörtliche Flinte bereits vor einem Wettkampf ins Korn zu werfen. Im Gegenteil! Sowohl als aktiver Sportler als auch Trainer liebte ich stets diese „ganz engen Kisten“, diese Spiele um „Alles“.  Denn intensiver kann man sich und seinen Sport nicht wahrnehmen. Und am Ende, Erfolg natürlich vorausgesetzt, winkt unbeschreiblicher Lohn, den wohl nur wirklich nachempfinden kann, wer es selbst jemals erlebt hat. Scheinbar hoffnungslos zurückgelegen und am Ende doch gewonnen, einen auf dem Papier klar favorisierten Gegner against all odds bzwungen,  allen Defätisten und Spöttern das Gegenteil bewiesen – das weckt Glücksgefühle, nach denen man süchtig werden kann. Aber ich gestehe, vor dem Spiel des HSV gegen die Wölfe konnte ich nur mit äußerster Anstrengung und dank jahrelanger Übung im Mentalen Training die schlimmsten Szenarien zumindest zeitweilig aus meinem Kopf bannen.

Für sich genommen hätte man das Entscheidungsspiel gegen die Wolfsburger als eine weitere Herausforderung nehmen können. Als eine Aufgabe, deren erfolgreicher Lösung mit dem Klassenerhalt belohnt würde, zumal im Falle einer Niederlage keineswegs der sofortige Abstieg drohte, da bekanntlich noch der „Notausgang“ Relegation als letzte Rettungsmöglichkeit verblieb. Und doch sah ich dem Spiel mit äußerster Besorgnis entgegen. Man kann unter gewissen Umständen, das habe ich unzählige Male im Wettkampfsport selbst erleben dürfen, scheinbar Unmögliches möglich machen. Man kann aber auch sein Glück schlicht überstrapazieren. Oder um es anders zu formulieren: wer Jahr um Jahr wie der HSV mit dem Fegefeuer des Abstiegs spielt, der darf sich einfach nicht wundern, wenn ihm eines Tages die Quittung für sein Missmanagement präsentiert wird. Auch beim 1. FC Köln hat man sich viel zu lange versichert, dass es schon irgendwie gut gehen wird. Bis es eben nicht mehr gut ging und der erste von gleich mehreren Abstiegen folgte.

Natürlich machten die ersten Bilder aus Hamburg, das Spalier der Fans beim Empfang des Mannschaftsbusses, die Fahnen, die Gesänge, Mut. Diese Leidenschaft, diese fast bedingungslose Solidarität mit dem Club, diese Bereitschaft des Publikums, seinen Teil beizutragen, empfand ich als großartig, beispielgebend, ja fast überwältigend. Und doch warnte mich eine innere Stimme vor dem, was kommen könnte: Dass auch die Stimmung bei diesen wahrlich leidensfähigen und treuen Fans rasch umschlagen könnte, sollte sich der Spielverlauf ungünstig aus Sicht der Hamburger entwickeln. Denn Sport, das belegte das gestrige Spiel erneut, ist nicht zwangsläufig gerecht. Nicht immer gewinnt am Ende der bessere. Eine gravierende Fehlentscheidung des Schiedsrichters, ein glücklich abgefälschter Schuss – schon liegst Du im Rückstand, und die Zahl der Spiele, in denen der Ball bei einer Mannschaft hernach trotz klarster Chancen nicht ins Tor wollte, ist bekanntlich legendär.

Mit derartigen Sorgen befasst und einem äußerst flauen Gefühl im Magen machte ich mich gestern auf in die Berliner HSV-Fan-Kneipe, dem Halli Galli 2.0. In weiser Voraussicht betrat ich weit über eine Stunde vor Anpfiff die Kneipe und konnte mir gerade noch einen Sitzplatz mit gutem Blick auf einen der Großbildschirme sichern. Die Fans des HSV sind eben zur Stelle, wenn sich der Verein ihres Herzens (wieder einmal und größtenteils ohne jede Frage selbstverschuldet) in akuter Gefahr befindet. Und an dieser Stelle muss ich hier einen Satz hinzufügen, der mir schon lange auf der Seele brennt:

In meinen Augen ist es eine einzige Schande, was der HSV seinen Fans nunmehr seit fast einem Jahrzehnt zumutet!

Eine Preispolitik, die kaum erkennen lässt, dass man seit Jahren konstant fast schon systematischen Betrug am zahlenden Publikum betreibt, jedenfalls dann, wenn man regelmäßig das Geschehen auf dem Rasen an Kriterien des Spitzenfußballs misst. Fans und Mitglieder, die man jedes Jahr aufs Neue mobilisiert, mobilisieren muss!, auf deren Unterstützung man dringend angewiesen ist, damit ein weiteres Jahr schwerster Versäumnisse (Kaderzusammenstellung) und gravierender Fehlentscheidungen (u.a. Zeitpunkt des Trainerwechsels) gerade noch einmal zu einem halbwegs versöhnlichen Abschluss gebracht werden kann.

Und dann begann das Grauen.

Was der HSV die erste halbe Stunde ablieferte, war schlicht indiskutabel. Harmlos, hilflos, ohne jede Struktur – wenn man von planlos nach vorn gebolzten langen Bälle einmal absieht. Ich fand, man konnte zwar erkennen, dass die Spieler „wollten“, zugleich passte kaum etwas zusammen. Die Abstände (Kompaktheit) waren wieder zu groß, Spieler liefen vom Ball weg (anstatt ihm entgegen zu laufen…), Fehlpässe über kürzeste Distanz zum Gegner, und ein Gomez, der sogar von zwei Verteidigern zunächst kaum in den Griff zu bekommen war. So kam, was schon fast zwangsläufig kommen musste: Der VfL ging nach einer weiteren haarsträubenden Fehlerkette mit 0:1  in Führung. Das war zu diesem Zeitpunkt mehr als verdient, denn was der HSV bis dahin abgeliefert hatte, ist mit dem Begriff Magerkost nur höchst unzureichend beschrieben. Der HSV wirkte auf mich wie ein völlig überforderter Sparringsboxer, der sich in eine viel zu hohe Gewichtsklasse verirrt hatte. Erschütternd.

Zum Glück gehört zur Faszination des Sports, dass ein Wettkampf trotz scheinbarer klarer Unterlegenheit der einen und klarer Überlegenheit der anderen  Partei dennoch „kippen“ kann.

Mit dem wohl ersten halbwegs konstruktiv gestalteten Angriff gelang dem HSV (in der 37. Minute!) der Ausgleichstreffer durch Kostic. Unglaublich. Nichts, aber auch rein gar nichts hatte darauf hingedeutet. Ein Tor aus dem viel zitierten Nichts. Und gerade noch rechtzeitig, um den sich bereits anbahnenden, von mir gefürchteten Stimmungsumschwung beim zahlenden Publikum im Keim zu ersticken. Denn wenn der so sehnlichst erhoffte und dringend benötigte Sieg gelingen sollte, dann konnte dies angesichts der Demonstration Wolfsburger Überlegenheit in der ersten Spielhälfte nur mit Unterstützung der Hamburger Fans gelingen, dies schien eindeutig.

In der zweiten Halbzeit gelang es dem HSV besser, Gomez als designierten Zielspieler Wolfsburger Angriffe abzumelden. Das Spiel gestaltete sich leidlich ausgeglichener, da der HSV zumindest bemüht war, es gelegentlich auch mal mit konstruktivem Fußball zu versuchen anstatt sich ausschließlich auf  (ungenaue) lange, hohe Bälle und die Eroberung des s.g.  zweiten Balls zu fokussieren. Und dennoch. Mit ablaufender Spielzeit wurden die Rufe um mich herum immer lauter, wütender und Verzweiflung machte sich breit. Allen schien bewusst, dass mit Erschöpfung des Auswechselkontingentes der Moment der Entscheidung unweigerlich gekommen war. Hopp oder Topp.

Und dann läuft der famose Kostic in der 87. Minute wieder einem nicht mehr erreichbar scheinenden Ball hinterher, bringt die Flanke und da steht tatsächlich einer, einer von uns, und der macht ihn rein! Luca Waldschmidt, das werde ich dir nie vergessen! Wildfremde Menschen fallen sich in die Arme, es wird gebrüllt, das reinste Freudenchaos, und ich? Mir schossen ehrlich gesagt Tränen der Erleichterung in die Augen, für die ich mich natürlich nicht schäme. Da war es, das 2:1 – die Rettung! Oder doch nicht? Man hat ja schon Pferde vor der Apotheke…

Der Rest ist schnell erzählt. Die vom großartig leitenden Schiedsrichter Gräfe verordnete Nachspielzeit von 4 Minuten war ein einziges Martyrium. Ein einziges bibbern, flehen, bangen. Jede Balleroberung, jeder Befreiungsschlag wurde gefeiert als gelte es die erste Deutsche Meisterschaft nach Jahrzehnten zu feiern. Und schließlich noch Mathenia mit einer weiteren unglaublichen Rettungstat in letzter Minute. Meine Güte, war das knapp! Doch dann kam er endlich, der finale Pfiff. Aus. Ende. Vorbei. Dem Erstligatod zum x-ten Male von der Schippe gesprungen.

Ich hoffe, dass die Verantwortlichen nun endlich, endlich erkannt haben, dass die Mannschaft umgebaut werden muss, denn langsam werde ich zu alt für diese Dramen, zu müde trotz immer neuer Hoffnung vor jeder neuen Saison. Ich bin es leid, vom Verein meines Herzens permanent enttäuscht zu werden, ich hab es satt! Ich erwarte keine Wunder, ich erwarte keine baldige Teilnahme am „Europapokal“. Ich erwarte, dass man ab jetzt vernünftig und kontinuierlich aufbaut. Mehr nicht!

Bei einem Protagonisten möchte ich mich zum Schluss dennoch herzlichst bedanken. Bei unserem Trainer Markus Gisdol. Ich weiß, für manche ist seine „Handschrift“ (noch) nicht erkennbar oder blieb kaum zu entziffern. Für mich ist er ein Glücksgriff. Ohne ihn, dessen bin ich mir sicher, wären wir abgestiegen. Danke!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Weiter auf dem Weg der Besserung. HSV – FC Augsburg 1:0 (0:0)

Im Anschluss an meinen letzten Blogeintrag führte ich via Twitter eine kontroverse Diskussion mit der von mir geschätzten MrsCgn*, die mich kritisch fragte, ob ich die jüngsten Leistungen des HSV  tatsächlich als „erstligareif“ bewerten wolle. Und ich bleibe dabei: Ja, ich will.

Blickt man zurück, so war dem HSV der späten Labbadia- und frühen Gisdol-Ära fast vollständig jede Wettbewerbsfähigkeit abhanden gekommen. In der Abwehr äußerst anfällig und nach vorne ausweislich der damaligen Unfähigkeit auch nur ein eigenes Tor zu erzielen erschreckend harmlos. Dazu gesellte sich die fast durchgängige Abwesenheit jeder Spielkultur. Fruchtloses Ballgeschiebe bis zum unweigerlichen Fehlpass, hoch-und-weit-Gepöhle, wie man es in der Regel nicht einmal in der 2. Liga zu Gesicht bekommt, taktische und andere Undiszipliniertheiten, eine besorgniserregende mentale Anfälligkeit nach Gegentoren – der HSV lag unstrittig sportlich auf der Intensivstation und sein Ableben am Ende dieser Saison als Erstligist schien unausweichlich. Doch mittlerweile sind deutliche Anzeichen für eine fortschreitende Genesung des moribunden Patienten mehr als augenfällig, meine ich.

Dass der HSV in seiner gegenwärtigen Verfassung von dem, was man als Benchmark für aktuellen Spitzenfußball (Stichwort: „Europapokal!“) anzusehen hat, auch weiterhin so weit entfernt bleibt wie eine Kuh vom Fliegen – geschenkt. Dies darf m.E. weder aktuell noch mindestens mittelfristig der Maßstab sein.

Die Erwartungshaltung beeinflusse maßgeblich die (eigene) Wahrnehmung, schrieb ich der MrsCgn im Laufe unserer Diskussion. Und damit wäre ich aus meiner Sicht bei einem schon traditionell zu nennenden Kernproblem des HSV und seines Anhangs.

Nach Platz 10 am Ende der vorangegangenen Saison sollte es auch angesichts erneut erheblicher Investitionen in den Kader dieses Jahr bitteschön tabellarisch weiter nach oben gehen, so war doch die weit verbreitete Stimmungslage. Und der Boulevard nährte diese verständliche Erwartung, denn es wurde u.a. mit Halilovic angeblich sogar ein „Balkan-Messi“ vom großen FC Barcelona verpflichtet. Das klang nach Glanz, das klang nach Glamour. Dass der zweifelsohne hochtalentierte Spieler dort „nur“ der zweiten Mannschaft angehörte (von dort zwischenzeitlich an Gijon ausgeliehen), dass er sich an den körperlich robusteren Stil der Bundesliga erst gewöhnen muss(te), dass er in Hamburg auf ein äußerst unruhiges Umfeld traf, kurz: dass man diesem jungen Spieler mit dieser übergroßen Etikettierung einen Bärendienst erwies, wurde meist vollkommen ignoriert. Das gipfelte in der in meinen Augen vollkommen abstrusen Forderung in gewissen Foren, der erst nach desaströsem Saisonbeginn verpflichtete neue Trainer solle ebenfalls abgelöst werden, da er den vermeintlichen Erlöser Halilovic nicht umgehend zum Stammspieler beförderte.

Ein neuer Spieler funktioniert nicht sofort nach seiner Verpflichtung? Weg mit ihm!, ein Spieler ist mehrfach verletzt? Weg mit ihm!; aus dem Nachwuchs sprudeln 2 1/2 nach seiner Anstellung keine Nachwuchsstars im Dutzend? Peters raus!, ein neuer Trainer startet ohne gemeinsame Vorbereitung mit seiner neuen Mannschaft, die zudem erkennbar vollkommen verunsichert und ohne jedes Selbstvertrauen agiert und ist nicht sofort erfolgreich? Entlassen, aber sofort! – Das ist das Genom dessen, was als angebliches Elbe- oder HSV-Virus fälschlicherweise landauf landab beschrieben wird. Um gleich wieder etwaige Missverständnisse auszuräumen: Es geht mir eben nicht um Geduld um ihrer selbst Willen und/oder bis zum Sanktnimmerleinstag, es geht vielmehr um die unverändert längst gebotene Abkehr von überhöhten Ansprüchen und unrealistischen Erwartungen.

Selbstverständlich darf man von einem Club, der seit Jahren deutlich mehr Geld in seine Mannschaft investiert als so mancher Mitbewerber (Dank Kühne, Otto und anderen. Und ohne es aus eigener Kraft erwirtschaftet zu haben…), besseren Fußball erwarten als schematisch hilfloses Ballgeschiebe (statt zeitgemäßem Spielaufbau), Fehlpässe en gros, unabgestimmte Laufwege, technische Stockfehler in Serie, Umschaltspiel im Zeitlupentempo und sofortige kollektive mentale Zusammenbrüche und Auflösungserscheinungen nach Rückständen. Aber spektakulärer, flüssiger one-touch-Fußball, wie man ihn etwa beim jüngsten Auftritt des BvB bei Real Madrid sehen konnte, verwöhnt nicht nur den Betrachter sondern ist geeignet, die Maßstäbe unmerklich zu verzerren. Widmen wir uns also dem Spiel gegen den FC Augsburg, um die Frage nach der von mir unterstellten Erstligareife am konkreten Beispiel zu beleuchten.

Markus Gisdol schickte zum vierten Mal in Folge zu Spielbeginn die gleiche Mannschaft auf das Feld:

Mathenia – Douglas Santos, Jung, Djourou, Diekmeier – Ostrzolek, Sakai – Kostic (85. Ekdal), Holtby, N. Müller (89. Spahic) – Gregoritsch (67. Wood)

Gleichfalls unverändert blieb die taktische Grundformation (4-2-3-1), wenn auch gewisse Anpassungen an den Gegner erkennbar wurden. So versuchte man, sich der stark mannorientierten Verteidigung der Augsburger durch das Schaffen von Anspieloptionen („Dreiecke“) und eine möglichst schnelle Ballzirkulation zu entziehen. Insbesondere in der ersten Halbzeit stand die Abwehr des HSV hoch. Sofern möglich presste man offensiv und war erkennbar bemüht, möglichst schnell umzuschalten. Dies gelang über weite Strecken gut, auch wenn, das soll hier keineswegs mit Blick auf die oben angesprochene Ausgangsfrage verschwiegen werden, der Ball sich gemessen an höheren Qualitätsansprüchen noch viel zu oft unkontrolliert in der Luft befindet und sich eigene Angriffe daher immer wieder unbestritten auch aus Zufälligkeiten statt sicherem und kontrolliertem Passspiel am Boden entwickeln. One-Touch-Fußball ist das (s.o.) nicht, aber es ist eben auch kein „stoppen, schauen, (zurück)passen“ mehr in dem sattsam bekannten Maße. Die Mannschaft wirkt nun eingespielter und demzufolge beginnen Automatismen sichtbar zu werden (das Schauen nach dem Mitspieler wird weniger). Daher möchte ich es mal so formulieren: Die Mannschaft des HSV entwickelt sich und ihr Spiel vom angesprochenen, sträflich das Tempo verschleppenden Dreischritt zu einem Zwei-Kontakt-Fußball. Und das war höchste Zeit (angesichts der tabellarischen Situation) und überfällig (angesichts der grundsätzlichen Beschleunigung des Sports an sich).

Das Spiel war wie schon gegen den SV Darmstadt 98 hart umkämpft und geprägt von zahlreichen Nickeligkeiten. Die Mannschaft des neuen Augsburger Trainers, Dirk Schuster, kämpfte mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln. Besonders negativ auffällig wurde hier für mich Kohr, der schon früh in der Partie Kostic auf den Schenkel trat und bereits zu diesem Zeitpunkt hätte verwarnt werden müssen. So kam fast, was aus Sicht des HSV zu befürchten war: die Hamburger Mannschaft war sehr ordentlich im Spiel, zeigte eine erneut lobenswerte, da engagiert und geschlossen wirkende Mannschaftsleistung und drohte am Ende dennoch mit leeren Händen dazustehen. Denn  wieder war es Kohr, der erst Holtby bei einem Gegenstoß des HSV klar festhielt, dann mit einem Klammer-/Würgegriff zu Boden brachte und am Ende, nach einem Ellbogenschlag des Hamburgers (beim Versuch, sich aus dem  Würgegriff zu befreien) theatralisch das Gesicht hielt. Schiedsrichter Siebert hat die Aktion, die sich in seinem Rücken abspielte, nicht selbst gesehen, zog aber auf Hinweis seines Linienrichters die Rote für Holtby, während derjenige, der in meinen Augen in dieser Situation mindestens ein klares taktisches Foul begangen hatte, erneut straflos blieb. Dennoch lässt sich über die erste Hälfte bilanzieren, dass allein Gregoritsch (aber keineswegs nur er) die ein oder andere Chance hatte, während die Augsburger offensiv kaum konkret werden konnten.

In der Pause diskutierte ich mit meiner Sitznachbarin, was angesichts der personellen Unterzahl nun taktisch zu unternehmen sei. Wir tendierten beide zu einer defensiveren Spielweise und deswegen zu einer Einwechslung des uns für ein Konterspiel besser geeignet erscheinenden Wood (für Gregoritsch). Aber Gisdol ließ zu meiner Überraschung auch in Unterzahl in der gleichen personellen Besetzung beginnen. Natürlich spielte der HSV nun zunächst ein wenig abwartender, stellte sich aber keineswegs nur hinten rein sondern war weiterhin bemüht, nach vorne zu rücken sofern sich dazu die Gelegenheit bot. Einmal wäre dies dann doch beinahe schief gegangen. Plötzlich fand sich Douglas Santos in einem 1-2-Duell gegen Schmid auf der Außenbahn, während der mitgelaufene Altintop völlig frei war. Aber zum Glück für die Gastgeber geriet letzterer in Rücklage und jagte den Ball völlig frei vor Mathenia stehend über die Querlatte (52.). Für mich die größte und klarste Chance der wenigen echten Torchancen der Gäste.

In der 66. Minute verhängte der Schiedsrichter gegen den bereits zuvor nach einem Foul an Gregoritsch (57.) verwarnten Kohr nach einem weiteren taktischen Foul an Sakai die Ampelkarte. Die Wiederherstellung der personellen Gleichzahl führte postwendend zur Verstärkung der Hamburger Angriffsbemühungen. In diesem Zusammenhang erscheinen mir gleich zwei Kritikpunkte in Richtung der Gäste angebracht:

Kohr wandelte mit seinem Spiel erkennbar auf dünnstem Eis und hätte nach der ersten gelben Karte von Schuster ausgewechselt werden müssen; Für mich unverständlich spielte man trotz zwischenzeitlicher Überzahl unbeirrt zu viele, überhastete, lange Bälle anstatt Ball und dezimierten Gegner laufen zu lassen.

Zwei Minuten nachdem Gregoritsch wie erwartet für Wood Platz machen musste und drei Minuten nach Kohrs Platzverweis war es Nicolai Müller auf Seiten der Hamburger, der sich im Mittelfeld durchsetzten konnte und mit Tempo auf die Abwehr der Gäste zulief. Zwar hatte er noch etwas Pech mit seinem Abschluss und scheiterte am Pfosten, aber Kostic konnte den zurückprallenden Ball schließlich zum 1:0 abstauben (69.).

Auf Seiten der Gastgeber wurden weitere, im Ansatz zum Teil viel versprechende Möglichkeiten etwas leichtfertig vergeben, da z.B. Ostrzolek es versäumte, den Ball rechtzeitig zum mitgelaufenen Mitspieler abzuspielen.

Positiv aufgefallen ist mir u.a. auch Jung, der beispielsweise in der 74. Minute den Gegner ablief und seinen Körper angemessen einzusetzen wusste, was seinen Gegenspieler zu einer weiteren theatralischen Einlage animierte. Aber bei aller angebrachten Kritik an diesen und anderen Versuchen zum winning ugly der Gäste – auch das ist Bundesliga. Und die ist nun mal kein Ponyhof. Halten wir uns also nicht länger als notwendig damit auf sondern genießen für den Augenblick, was noch vor einem Monat fast unvorstellbar schien:

Es steht eine Hamburger Mannschaft auf dem Platz, die diese Bezeichnung tatsächlich verdient. Vier Spiele ungeschlagen, zwei Siege in Serie, es werden wieder Tore geschossen und auch mental scheint diese Mannschaft inzwischen deutlich gereifter.

Fazit: Der HSV gewinnt verdient. Sein Aufwärtstrend dürfte inzwischen nicht mehr zu bestreiten sein. Die Grundlagen für tatsächliche Wettbewerbsfähigkeit, und dies bezeichne ich eben als „erstligareif“, sind endlich wieder erkennbar. Dazu gehört für mich vor allem, dass es der Mannschaft unter Gisdol endlich gelingt, ihr eigenes Spiel in einer Geschwindigkeit zu entwickeln, die im Gegensatz zur Vergangenheit dem jeweiligen Gegner nicht länger alle Zeit der Welt gewährt, sich in Ruhe zu formieren. Maximal 14 Sekunden von der Balleroberung bis zum Abschluss, danach sinkt signifikant die Wahrscheinlichkeit des Torerfolgs – auch das ist eine im Prinzip längst bekannte Benchmark. Natürlich bleibt weiterhin viel, viel Luft nach oben und Raum für berechtigte Kritik. Spitzenfußball ist das noch bei Weitem nicht. Noch arbeitet der HSV zu viel Fußball anstatt ihn zu spielen. Aber dass der Verbleib in der Bundesliga nach (viel zu) langer Zeit wieder absolut realistisch erscheint, das sollte m.E. allen, die es mit den Hamburgern halten, zur Mahnung gereichen. Der HSV muss weg von der jahrelang kultivierten Nibelungentreue für (ehemals) verdiente Spieler, hin zu permanenten Überprüfung, ob die jeweiligen Spieler auch tatsächlich den sich stetig ändernden Anforderungen der Liga in angemessener Zeit (noch) gerecht werden. Daher wäre aktuell auch zu wünschen, dass man zukünftig besonderes Augenmerk auf die Fähigkeit zum Spielaufbau auch und vor allem durch die Innenverteidigung legt. Die Basis sowohl für den Klassenverbleib als auch für Torerfolge wird in der Abwehr gelegt. Wer permanent den Architekten wechselt und damit die Planungen umstößt, wer das Dach eines Hauses zu decken versucht, bevor das Fundament trägt, der bekommt nicht nur statische Probleme.

Schiedsrichter: Siebert (Berlin). Die rote Karte für Holtby war letztlich vertretbar, auch wenn ich diesem abnehme, dass er sich lediglich aus dem Würgegriff befreien wollte. Hätte allerdings Kohr deutlich früher verwarnen müssen (s.o.). Auch dass er für das Foul an Holtby nicht einmal eine Verwarnung aussprach, halte ich für falsch.

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