van Drongelen

Nur der HSV, trotz alledem!

Die gestrige 1:5 Niederlage gegen den SV Sandhausen war eine ganz bittere Pille, die auch ich erst verdauen muss. Heute Morgen las ich beim Durchstöbern von Twitter, die Tanja (@fschmidt77) sei so sauer, dass sie sogar gebloggt hat (www.Raute22c.de). Dies brachte mich auf die Idee, mein selbstverordnetes Schweigen auf diesem Blog ebenfalls ausnahmsweise zu brechen.

Ich weiß nicht, was mich mehr getroffen hat. Die Art und Weise, wie der HSV zum gefühlt x-ten Mal ein Entscheidungsspiel verloren hat, oder die verbalen Entgleisungen sogar von Fans, die ich ansonsten als besonnen und vernünftig erlebe. Bitter.

Wie immer nach solchen Niederlagen feiert der Pauschalvorwurf der mangelhaften Einstellung fröhliche Urständ. Es fehle der Wille, es sei kein Wollen erkennbar, war schon während der 1. Halbzeit zu lesen. Wohl dem, der mit einer derart monokausalen Begründung meint, ein komplexes Geschehen tatsächlich erklären zu können. Warum Fans immer wieder zu diesem oberflächlichen Vorwurf greifen um Niederlagen zu verarbeiten, dazu habe ich bereits in einem älteren Beitrag gebloggt. Und vieles, was ich dort zum Thema schrieb, erscheint mir unverändert aktuell: https://viertermann.com/2019/11/30/auswartskrise-und-einstellungsmangel-vom-sinn-und-unsinn-von-erklarungen/

Doch nun zur aktuellen Niederlage gegen den SVS.
Hecking hatte seine Mannschaft zum zweiten Mal in Folge zu Beginn des Spiels mit einem 3-5-2 ins Spiel geschickt. Ewerton als zentraler IV in einer Dreierkette sollte zusätzliche Lufthoheit bringen, den zuletzt hakenden Spielaufbau aus der Verteidigung beleben und seinen beiden Nebenleuten jene Sicherheit vermitteln, die vor allem van Drongelen in den letzten Wochen leider arg vermissen ließ. Und ich fand, dass tatsächlich die Passrotation und -schärfe innerhalb der Defensive in den ersten 10 Minuten der Partie erkennbar verbessert aussah. Der Ball lief zunächst gepflegt durch die eigenen Reihen. Je tiefer die Ballstaffetten dann jedoch ins Mittelfeld vorgetragen wurden, um so umständlicher und unpräziser wurde gespielt. Das ganze glich dort eher einem Trainingsspiel. Freilaufen, passen, freilaufen, passen – ohne je wirklich torgefährlich zu werden. Im Gegenteil! Es schlichen sich zunehmend Fehler ins Passspiel, die den lauernden Sandhausenern das schnelle Umschalten erlaubten. Dabei bleibe ich aber bei meiner gestrigen Behauptung, dass auch in dieser insgesamt schwachen ersten Halbzeit es nicht am fehlenden Willen der Spieler gelegen hat. Also woran lag es dann? Die Antwort darauf ist vielschichtiger als ein simples „die wollten nicht wirklich“. Also hier mein Versuch einer Antwort:

Die Dechiffrierung der Mannschaft

Bereits im Winter habe ich in einem längeren Podcast in der HSVKloenstuv darauf hingewiesen, dass spätestens ab dem 12. Spieltag das Spielsystem des HSV durch die Konkurrenz hinreichend durchschaut worden ist. Und ich sagte dort ausdrücklich voraus, dass alle Gegner in der Rückrunde sich der Mittel bedienen würden, die sich bis dato als erfolgversprechend aus ihrer Sicht herauskristallisiert hatten. Und hier ist an erster Stelle die mannorientierte Deckung der Schlüsselspieler zu nennen, sowie deren robuste Bekämpfung. Vereinfacht gesagt: Man nehme Fein als Sechser aus dem Spiel, stelle die Passwege zu Hunt und Dudziak zu und schaffe durch hohe eigene Laufbereitschaft personelle Überzahl vor allem auf dem mit Leibold und Kittel meist besetzten, gefährlicheren linken HSV-Angriffsflügel (Dazu gesellte sich nach der Corona-Pause als neues Element nur die Deckung von Pohjanpalo als einzig wirklich torgefährlichem Stürmer). Dies gepaart mit regelmäßig gezieltem Druck auf beide Innenverteidiger blockierte regelmäßig nicht nur den Spielfluss einer ansonsten überlegenen HSV-Mannschaft sondern sorgt zusätzlich dafür, dass deren Gesamtgebilde immer wackeliger und unsicherer wurde.

Auf das gestrige Spiel bezogen hätte also der wütende Einstellungskritiker durchaus erkennen können, dass sich auch der SVS im Grunde an diese taktische Marschrichtung hielt. Fein stand immer ein Gegner auf den Füßen, und auch Dudziak oder Hunt wurden teilweise bis in die Hälfte des HSV von ihren Gegenspielern verfolgt, so sie sich denn fallen ließen, um dort als Anspielstation für die zunehmend ratloser und ideenloser agierenden Innenverteidiger zu dienen. Wurden die Mittelfeldpieler in dieser Situation angespielt, ergaben sich daraus prinzipiell nur zwei Möglichkeiten: Entweder ließen sie den Ball sofort wieder zurückprallen, dann wurde gar kein Raumgewinn erzielt, oder sie mussten sich unter Gegnerdruck erst mit Ball Richtung Sandhausener Tor drehen, was nicht nur Tempo aus fast jeder Aktion nahm sondern auch die permanente Gefahr des Ballverlustes barg. Je weiter dieser „Zerrüttungsprozess“ der HSV-Spielanlage durch die Sandhausener fortschritt desto häufiger sah man lange Bälle aus der Innenverteidigung um das blockierte Mittelfeld zu überbrücken (, denen dann aber regelmäßig die notwendige Präzision fehlte, was postwendend zu Gegenangriffen führte).

Die Formtiefs

Auch wenn die Mannschaft des HSV körperlich zweifelsohne da aufgrund der Laufleistungsdaten nachweisbar unter Hecking jederzeit fit war, so haben in der Rückrunde einige Spieler nicht mehr die Form gehabt, die sie noch in der Hinrunde hatten. An erster Stelle ist hier Adrian Fein zu nennen, dem die Anpassung seines Spiels an die robuste Manndeckung durch einen Bewacher in der kompletten Rückrunde nicht gelungen ist;

Auch bei Leibold, der unbestreitbar einer der besten Transfers des letzten Sommers ist, schlichen sich zuletzt zunehmend vermeidbare Fehler ins Spiel, die zu Ballverlusten und Gegenangriffen führten. Auch gestern war er m.E. deutlich von seiner Hinrundenform entfernt;

Jatta wirkte nach seinem Fasten im Ramadan fast als hätte man ihm den Stecker gezogen. Seine Antritte sah man zuletzt selten, was aber auch der Tatsache geschuldet ist, dass er aus den bereits oben genannten Gründen kaum je seine Stärke im Laufspiel ausspielen konnte (Gleiches gilt zum Teil für Vagnoman, der als RV in den letzten Spielen oft erst dann angespielt wurde, wenn er schon fast zugestellt war, sodass er seine Stärken nicht mehr entfalten konnte).

Und das sind beileibe nicht alle Spieler, auf die ich hier eingehen könnte. Nur stichwortartig sei hier ergänzend angeführt, dass es mich wenig überrascht, wenn Spieler mit langer Verletzungshistorie (Ewerton, Gyamerah, Kittel, Vagnoman) nicht konstant in Topform performen. Auch das ist keine Frage des Willens oder Wollens, wenn man sich ein wenig auskennt.

Mentales

Ausnahmsweise möchte ich an dieser Stelle kurz Julian Pollerbeck loben, der auf mich nach seiner Rückkehr ins Tor mental stabil wirkte, seine Vorzüge gegenüber Heuer-Fernandes in der Spieleröffnung unterstrich und der vor allem bei hohen Bällen jederzeit einen absolut sicheren Eindruck hinterließ. Auch Hunt wäre hier m.E. zu loben, der keineswegs wie manche ätzen, „nur zwei gute Spiele“ abgeliefert hat. Bei 0:2 zur Ausführung eines Elfmeters in einer derartigen Situation anzutreten und ihn dann derart zu verwandeln, dafür braucht es mentale Stärke, Verantwortungsgefühl und die Bereitschaft voranzugehen. Insgesamt aber habe ich den Eindruck, dass unter anderem auch der Mangel an Handlungsgeschwindigkeit und -sicherheit bei einigen Spielern des noch aktuellen Kaders zu wünschen übrig ließ. Womit ich bei Qualitätsmängeln wäre, die z.T. auch im mentalen Bereich zu verorten sind.

Qualitätsmängel

Wenn ich eben Handlungsgeschwindigkeit und -sicherheit kritisierte, dann gilt das vor allem für Rick van Drongelen. Er (aber auch Letschert) benötigt viel zu lange, um vertikale Passoptionen zu erkennen und selbst wenn er sie erkennt, dann fehlt den Pässen die Präzision und Schärfe. Dazu agiert er bei seinen Vorstößen mit Ball wie Westermann 2.0. Der Ballverlust ist praktisch eingepreist oder aber, das ist die häufigere Variante, seine Vorstöße verpuffen im großen Nichts und führen bestenfalls zum Rückpass auf seinen jeweiligen Partner in der Innenverteidigung. Dazu gesellen sich immer wieder eklatante Stellungsfehler. Auch gestern wieder hätte er den Führungstreffer für Sandhausen verhindern können, wenn er vor und nicht hinter dem Mann gewesen wäre. Dazu kommt sein für einen ausgebildeten Innenverteidiger eher schwaches Kopfballspiel. Sowohl offensiv als auch defensiv. Natürlich ist mir klar, dass er immer noch ein junger Spieler ist, andererseits gebe ich zu bedenken, dass er inzwischen auf ein halben Jahr 1. Bundesliga und zwei komplette Spielzeiten in der zweiten Liga zurückblickt, ohnedass eine wirkliche Entwicklung erkennbar ist. Auch bei einem Harnik muss ich mich fragen, ob die Qualität noch ausreicht, wenn man in die 1. Liga aufsteigen wollte, der Spieler aber klarste Torchancen wie auch gestern wieder auslässt. An dieser Stelle möchte ich kurz darauf hinweisen, dass jedem Wettkampf in der Regel ein Momentum innewohnt, das mal auf die eine mal auf die andere Seite kippt (kippen kann). Wenn eine Mannschaft also nicht in Führung geht, weil bspw. die Chancen nicht genutzt werden, dann baut dies gewöhnlich irgendwann den Gegner auf, denn es gibt ihm Sicherheit. Auch das ist ein kleiner Teil eines Erklärungsansatzes, der über die simplifizierende Behauptung eines angeblich fehlenden Wollens hinausreicht. Insgesamt wird man sich sowohl in Sachen Lufthoheit in der Innenverteidung als auch in der Frage des Spielaufbaus Gedanken machen müssen. Es fehlt meines Erachtens auch eine robuste und strategisch-defensiv denkende Alternative zum Spielertypus eines Adrian Feins.

Auch das man sich nach einer verunglückten Kopfballablage in der gegnerischen Hälfte auskontern lässt, ist für mich ein Indiz für individualtaktisches Fehlverhalten, nicht für fehlende Leistungsbereitschaft. Im Gegenteil bin ich der Meinung, dass man nach der z.T. verletzungsbedingten Systemumstellung nach der Pause erkennen konnte, dass die Mannschaft auch bei einem 0:2 durchaus „wollte“. Der mentale Genickbruch erfolgte mit dem vom gerade erst eingewechselten jungen Vagnoman unglücklich verursachten Elfmeter für Sandhausen, der dann zum 1:3 führte. Das war aber bereits in der 84. Spielminute! Ich lese aus der ab diesem Zeitpunkt erkennbaren Resignation einen indirekten Beleg dafür, wie tatsächlich mental angeschlagen das Team durch die Misserfolgserlebnisse der vergangenen Wochen schon vor dem Spiel gewesen ist. Mentale Angeschlagenheit verhindert aber Spitzenleistung. Wer etwas anderes behauptet, oder sich gar zu der Behauptung versteigt, Spitzenleistung sei nur eine Frage des Wollens, der dokumtiert allein seine größtmögliche Ahnungslosigkeit von Sport- und Wettkampfpsychologie.

Damit sind übrigens keineswegs auch nur annähernd alle Gesichtspunkte erörtert, die Ansatzpunkte liefern, um das gestrige Geschehen in Zusammenhängen und differenziert zu betrachten und verständlich zu machen. Wer denoch meint, er müsse mit dem Verein brechen oder etwa zum Verzicht auf den Kauf einer Dauerkarte rät, mag dies machen, meine Welt ist das nicht und wird es nicht werden.

Ich bin einfach sehr traurig, weil mein Herzensverein ein weiteres Mal eine Chance verpasst hat. Die Detailanalyse der Gründe überlasse ich den Verantwortlichen, denn die sind allemal kompetenter (und vor allem näher dran!) als ich oder gar jene Kritiker, deren größte nachweisbare sportlichen Erfolge das Erklimmen von Sitzmöbeln sind. Obgleich ich sehr wohl die Unzufriedenheit verstehe, die manchen zu seinen Aussagen veranlasst. Der HSV bleibt ligaunabhängig ein reiner Weltverein, wie uns die @GroteRuetze auf Twitter regelmäßig ins Gedächtnis ruft. Und deswegen gilt für mich: Nur der HSV! – trotz alledem.

ps.1: Gute Besserung, Rick!

ps.2: Glückwunsch an Ambrosius zu seinem Einsatz. Eine Fliege macht zwar noch lange keinen Sommer, aber das sah schon sehr gut aus. Weiter so!

ps.3: Glückwunsch an den FC Heidenheim für eine tolle Saison, ganz egal wie die Relegation auch ausgehen mag.

Hinweis: ich musste die letzten Absätze nach der Erstveröffentlichung aus dem Gedächtnis neu schreiben, da beim nachträglichen Beheben eines Formatierungsfehlers das Ende des Textes verloren ging.

Auswärtskrise und Einstellungsmängel – vom Sinn und Unsinn von Erklärungen

Kurz vorweg: Eigentlich wollte ich hier nichts mehr bloggen, aber die gestrige Niederlage des HSV beim VfL Osnabrück (2:1) befeuert augenscheinlich eine Debatte, die bereits in den letzten Wochen vor allem vom Hamburger Boulevard erkennbar angeheizt wurde. Und das macht mich so zornig, dass ich mich hier dann doch zu Wort melde.

Der HSV hat also angeblich eine „Auswärtskrise“. Zur Erinnerung: die Erfinder dieses reinen Welterklärungsversuches sind genau jene Sportjournalistendittsches, die regelmäßig bei den PKs des HSV im geistigen Bademantel lümmeln und vornehmlich durch drei ewig gleiche Fragen an Dieter Hecking auffallen:

  1. Wie ist die Personallage?
  2. Wie erwarten Sie den Gegner?
  3. Was sagt Ihr Lieblingsitaliener? (Ersatzweise eine andere menschelnde Frage)

Eine nicht minder populäre Erklärung nach Niederlagen ist die Behauptung, die Spieler seien eben abgehoben und überheblich, oder sie seien einfach nicht mit der richtigen Einstellung zu Werke gegangen.

Kurz zusammengefasst: Die beiden populärsten Erklärungsversuche für ausbleibende Erfolgserlebnisse sind also mit großem Abstand unterstellte:

  1. Einstellungsmängel
  2. Auswärtskrisen (ersatzweise auch Heimkrisen, aber derzeit aus Gründen nicht in Mode)

Bevor ich jeweils auf diese Behauptungen eingehe, erscheint es mir sinnvoll, auf ein grundsätzliches psychologisches Phänomen aufmerksam zu machen: Der Mensch sucht von Natur aus beständig nach Antworten für das ihm Unerklärbare. Das ist die Grundlage unseres Lernens, dadurch begreifen wir die Welt, das ist der Motor jeglichen Fortschritts. Es gibt aber auch noch einen anderen Grund, warum wir möglichst schnell nach Antworten verlangen. Denn etwas, das für uns von Bedeutung ist, das wir aber nicht erklären können, erscheint chaotisch. Chaos aber löst in uns Menschen Unruhe und Angst aus, sodass wir im Allgemeinen dazu tendieren, möglichst schnell das Chaotische zu ordnen. Denn so wird es übersichtlicher und somit begreifbar. Und Ordnung, die Monks unter uns wissen ein Lied davon zu singen, reduziert Angst.

Was ich mit diesen grundsätzlichen Hinweisen erklären möchte, ist, dass es nur zu menschlich ist, auf eine grundsätzlich offene Fragestellung möglichst schnell Antworten finden zu wollen, mögen sie bei näherer Betrachtung auch noch so wenig zu überzeugen. Allein Antworten zu haben beruhigt. Dieses Prinzip machen sich übrigens derzeit die Populisten weltweit zu nutze: Sie liefern ihren Anhängern simpelste Antworten für eine komplexe und für viele Menschen beängstigend komplizierte Welt.

Der Einstellungsmangel eines oder gleich mehrerer Spieler ist ein bemerkenswert populäres Erklärungsmodell, welches nach Niederlagen nur zu gern herangezogen wird. Ich will keineswegs bestreiten, dass es ihn tatsächlich gibt. Zugleich möchte ich aber mit Nachdruck darauf aufmerksam machen, dass die weitaus meisten Kommentatoren diesen Vorwurf allein auf Ferndiagnosen gründen, da sie mit den Spieler persönlich nie gesprochen haben. So bleiben alle anderen denkbaren Gründe für das beobachtete Leistungsbild unbekannt und unberücksichtigt. Der Spieler wirkte auf den Beobachter überheblich also ist er es. Es bedarf nicht viel Mühe, um darauf zu kommen, dass es aber vielfältige Gründe gaben mag. Und dass der äußere Anschein sehr wohl trügerisch ist. Entscheidend bleibt: ich suche eine Antwort, der Einstellungsmangel scheint sie zu liefern, Deckel drauf, aus die Maus.

Die statistischen Untersuchungen zum angeblichen Heimvorteil oder den angeblich deutlich schwierigeren Auswärtsspielen im Profifußball zeigen eines sehr deutlich: In den letzten Jahren nimmt die Wahrscheinlichkeit, mit welcher eine Mannschaft auch auswärts erfolgreich ist, beständig zu. Wenn es gar keine Rolle mehr spielen würde, wo eine Mannschaft auftritt, dann müsste die Erfolgswahrscheinlichkeit für beide Mannschaften annähernd ausgeglichen (50/50) sein. Tatsächlich zeigt die letzte mir bekannte Statistik, dass Mannschaften, die auswärts antreten müssen, gegenwärtig bereits zu ca. 44% erfolgreich sind (mit steigender Tendenz in den letzten Jahren!). Dies bedeutet zweierlei: Wir alle sind in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass Auswärtsspiele deutlich schwierigen sind und haben dies als vermeintlich gesichertes Wissen abgespeichert. Tatsächlich aber wird es im Fußball für den Spielausgang zunehmend völlig irrelevant, wo die Mannschaft spielen muss. Und es bedeutet für Fans auch, dass sie ihre Vorstellung vom eigenen Beitrag zum Erfolg ihrer Mannschaft vermutlich überschätzen. Denn wenn es zunehmend gar keine Rolle mehr spielt, ob ein ausverkauftes Heimstadion oder eine deutlich geringer besuchte Auswärtsfankurve supporten, ist das die naheliegende logische Schlussfolgerung. Was allerdings keineswegs ausschließt, dass der Support der Fans in ganz engen Matches eben doch das Zünglein an der Waage sein kann.

Dies alles vorangestellt wage ich die Behauptung, der HSV hat keine „Auswärtskrise“, auch wenn er zuletzt überwiegend auswärts Punkte liegengeließ sondern schlimmstenfalls eine Ergebniskrise. Wobei hier immer noch sowohl die gute Tabellenplatzierung als auch der bisher erzielte Punkteschnitt ausweisen, dass es sich gegenwärtig lediglich um eine leichte Delle und keine tatsächliche Krise handelt.

Wobei ich bei den aus meiner Sicht tatsächlichen Gründen für die beobachteten Leistungen angekommen wäre. Mit fortschreitendem Verlauf einer Saison steht den Analysten der Vereine immer mehr Datenmaterial zur Verfügung, um Stärken und Schwächen der Gegner auszuwerten und darauf aufbauend eine erfolgreiche eigene Strategie zu entwickeln. Auf den HSV bezogen heißt das Folgendes:

Es dürfte längst unstrittig sein, dass der Kader wenig überraschend angesichts des Etats individuell mit zum Besten gehört, was die 2. Liga derzeit zu bieten hat. Gleiches gilt für das spielerische Potenzial des Teams. Lässt der Gegner den HSV spielen, ist er in der Regel chancenlos. Es gilt, dies daher mit allen Mitteln zu verhindern. Zu beoachten war bislang, dass sich der HSV gegen aggressive Mannschaften deutlich schwerer tat. Insbesondere dann, wenn ein ruhiger Spielaufbau durch seine beiden Innenverteidiger und den Schlüsselumschaltspieler Adrian Fein sofort durch Anlaufen und/oder körperliche Härte unterbunden werden kann. Hier nur ein kleiner Hinweis: Hat jemand in den letzten Wochen noch einmal jenen einen formidablen langen Ball von van Drogelen auf Harnik gesehen? Nein? Warum wohl nicht?

Von kaum geringerer Bedeutung für die jeweiligen Gegner ist die bestmögliche Bekämpfung von Leibold als Vorlagengeber und Kittel als Torschützen. Einen annähernd vollständig einsatzbereiten Kader vorausgesetzt, ist dieses Unterfangen nur schwer möglich. Denn mit dem zwischenzeitlich rot gesperrten Jatta wäre dann noch einer der schnellsten Spieler der Liga ebenfalls zu beachten, und mit einem gesunden Hinterseer könnte Harnik wieder auf die rechte Außenbahn ausweichen. Oder mit einem gesunden Hunt stünde neben Kittel ein weiterer zudem erfahrener Kreativspieler und Standardschütze auf dem Platz, den man tunlichst als Gegner auch nicht aus den Augen verlieren sollte.

Wäre, wäre, Fahrradkette. Jatta gesperrt, Hunt verletzt oder krank, Hinterseer verletzt und von den beiden leider langzeitverletzten etatmäßigen rechten Außenverteidigern ganz zu schweigen. So spielt notgedrungen Narey derzeit dort, und er macht seine Sache so schlecht nicht!, aber es sei doch darauf hingewiesen, dass eben dieser Narey zum Saisonauftakt nur noch ein Ergänzungsspieler gewesen ist.

Im Ergebnis sollte es dann zwischenzeitlich im Sturm u.a. ein Bobby Wood richten, der nicht nur seit mehr als einem halben Jahr kaum Spielpraxis hatte sondern dessen letztes Tor und damit Erfolgserlebnis gefühlt in die Zeit des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges fällt. Dass so ein Spieler nicht gerade vor Selbstvertrauen strotzt, dürfte unschwer nachvollziehbar sein. Zudem ist er ein gänzlich andere Stürmertyp als Hinterseer. Wood ist vor allem ein Konterstürmer, der HSV tendiert aber zu einer spielerisch dominaten Spielweise, die den jeweiligen Gegner in dessen Hälfte einschnürt und dadurch die dort verbleibenden Räume verengt. Nicht gerade das ideale Arbeitsumfeld für einen Wood.

Es fallen daher aus meiner Sicht drei Dinge zusammen: die besseren Gegenmaßnahmen der Gegner, die sich durch die personellen Ausfälle verengende taktischen Alternativen für Hecking, und ein Stürmer, der seit Jahren auf der Suche nach seiner Form ist und nicht so recht in die grundsätzliche Ausrichtung der Spielanlage des HSV passt.

Und von dem allem abgesehen ist es menschlich und völlig normal, dass auch Profispieler nicht in jedem Spiel ihren Bestform erreichen sondern auch einmal einen schwächeren Tag erwischen. Und (für mich) ebenfalls normal ist, dass der Faktor Zufall für den Spielausgang eine tatsächliche größere Rolle spielt, als allgemein angenommen wird. Das s.g. „Spielglück“ kann dich in Führung bringen oder in Rückstand geraten lassen. Nicht nur, dass sich dadurch die taktische Ausgangslage erkennbar verschiebt, statistisch lässt sich klar nachweisen, dass dadurch das wahrscheinliche Endergebnis einer Partie maßgeblich (mit)bestimmt wird.

Statt also zu vorschnellen und medial populären Schlagworten wie Auswärtskrise oder Einstellungsmängel zu greifen, stelle ich nüchtern fest, dass die Ergebnisse zuletzt schwächer waren, aber dass es dafür durchaus eine Vielzahl anderer Gründe gibt. Es gibt keinen tatsächlichen Grund, von einer Krise zu reden, es sei denn, man will Groschenblätter verkaufen.