Arslan

Spielbericht: Ost-Delmenhorst – Hamburger SV (100. Derby) 1:0

+++ Ergänzung: Rajkovic hat sich Kreuz- und Innenband im linken Knie gerissen und fällt monatelang aus. Gute Besserung, Boban!; Badelj mit Mittelhandbruch links. Kann u.U. mit Schiene weiterspielen. Auch hier gute Besserung! +++

Aufstellung: Adler – Diekmeier, Djourou, Rajkovic (65. Sobiech), Jansen – Rincon (46. van der Vaart), Badelj, Arslan, Jiracek (79. Zoua) – Calhanoglu, Lasogga.

Schiedrichter: F. Meyer

Spielverlauf: Dutt hatte für manchen überraschend den zuletzt schwachen Lukimya aufgeboten. Dessen starke körperliche Präsenz und robuste Spielweise passte, wie sich erweisen sollte, perfekt als Gegenspieler zu Hamburgs Sturmspitze Lasogga. Gratulation, Herr Dutt, nicht nur zu diesem Schachzug! Lukimya machte ein starkes Spiel und ließ Hamburgs Goalgetter kaum zur Entfaltung kommen. Das Resultat dieser Maßnahme war, dass aus Hamburger Sicht vorne nicht die Bälle wie gewohnt festgemacht werden konnten, sodass torgefährliche Aktionen vor dem Gehäuse der Gastgeber Mangelware blieben. Die Hausherren zeigten sich ihrerseits von Beginn an entschlossen, die Punkte für sich zu gewinnen. Der HSV kämpfte, fand aber oft keine Mittel. Die Abstimmung zwischen Rincon und Diekmeier auf der rechten Seite war nicht immer optimal, und auch auf der linken Außenbahn hatten die zuletzt starken Jiracek und Jansen einige Mühe. So segelten in der ersten Hälfte viel zu häufig die Hereingaben über außen in den Hamburger Strafraum, ohne dass dies zunächst Folgen hatte. Da die Hamburger Abwehr, besonders Diekmeier, im Spielaufbau sofort aggressiv angelaufen wurden, blieb der Hamburger Spielaufbau über weite Strecken mangelhaft. In der 18. Spielminute verlängerte Hunt mit der Hacke einen halbhohen Ball in den Hamburger Strafraum. Junuzovic schaltete am schnellsten und schoss links unten an Adler vorbei ins Tor. 1:0 für den Rivalen. Ärgerlich, aber noch war ja viel Zeit auf der Uhr.
Hamburg versuchte zwar auf den Ausgleich zu drängen, kam aber lediglich über Calhanoglu zu einem sehenswerten Schlenzer ins lange Eck, den der gegenerische Torwart mit Mühe an die Latte des Gehäuses beförderte. Das hätte ein Tor sein können, war es aber eben nicht.
Zur Pause nahm Slomka wie von mir für diesen Fall erwartet Rincon aus dem Spiel und brachte van der Vaart. Die dadurch erzwungene Umstellung, der zunächst als zweite (hängende) Spitze aufgebotene Calhanoglu kam nun vermehrt über die rechte Außenbahn, während van der Vaart dessen Position vorne einnahm, schien zunächst das Hamburger Offensivspiel tatsächlich zu beleben. Zunächst aber musste Schiedsrichter Meyer die Partie in der 48. Minute für mehrere Minuten unterbrechen, weil einige Holzköpfe meinten, sie müssten unbedingt Bengalos abfackeln. Wahnsinn, dass dieser gefährliche Schwachsinn einfach nicht aufhört!
Nach Fortsetzung des Spiel folgte die beste Hamburger Phase. In der 55. Minute hatte Badelj Pech, dass sein Volleyschuss nach Ecke van der Vaarts direkt auf den Torhüter kam und so letztlich problemlos entschärft werden konnte. Es folgte aus Hamburger Sicht der nächste Schock: Der bis dahin erneut engagiert spielende Rajkovic kam in der 65. Spielminute im Zweikampf mit einem Gegenspieler unglücklich auf und musste mit Verdacht auf Bänderverletzung im linken Knie ausgewechselt werden. Drama, Baby, Drama! Ausgerechnet Boban, der gerade nach langer Leidenszeit zurück ins Team gefunden hatte und auf dem Weg zum Stammspieler war! Ich hoffe sehr, dass es vielleicht doch nur eine schwere Bänderdehnung ist und wünsche ihm wirklich alles, alles Gute! Für Boban kam dann Sobiech. Und das war praktisch dann, man muss es leider so deutlich schreiben, fast schon der Genickbruch. Sobiech, ein zweifellos talentierter Innenverteidiger, zeigte sich erneut als Nervenbündel und verschuldete mit seiner ersten Aktion beinahe das zweite Gegentor. Er lief parallel zum eigenen Strafraum mit Ball und verlor diesen leichtfertig gegen Petersen, der den Ball zum eigenen Mann weiter passte. Zum Glück ging der folgende Abschluss haarscharf links am Hamburger Tor vorbei. Ich meine, er hätte sogar den Außenpfosten gestreift. Glück gehabt!
Slomkas Team kämpfte unverdrossen, aber verlegte sich viel zu früh fast ausschließlich auf lange Bälle, denen aber entweder die Genauigkeit fehlte, oder die (wie schon erwähnt) nicht festgemacht werden konnten. Das Mittelfeld erwies sich erneut viel zu häufig als kreatives Vakuum. Einzig von Badelj sah man hin und wieder ordnende Pässe. Das ist schlicht und einfach zu wenig! Arslan des öfteren mit Anspielversuchen in der Hamburger Vorwärtsbewegung, die leicht und einfach abgefangen werden konnten und Konterchancen für den Gegner einleiteten. Auch Calhanoglu und van der Vaart waren kaum zu sehen. Als Slomka dann gezwungenermaßen alles auf eine Karte setzte und Zoua für Jiracek brachte, da war spätestens dann auch die linke Seite offen wie ein Scheunentor. So kann man am Ende noch froh sein, dass es bei einer knappen Niederlage geblieben ist, denn Chancen hatte der Gegner genug, um das Ergebnis auszubauen.

Fazit: So schwer es auch fällt – ein verdienter Sieg für Ost-Delmenhorst im 100. Derby. Aus Hamburger Sicht leistungsmäßig nach zwei Schritten vorwärts (gegen den BvB) mindestens ein großer, großer Schritt zurück. Trotz allen kämpferischen Engagements konnten kaum personelle Überzahlsituationen in Ballnähe erreicht und Zugriff auf das Spiel gewonnen werden. Dies zeigt m.E. auch die bescheidene Anzahl (theoretischer) eigener Torchancen.  Der Ausfall von Rajkovic zerstört für ’s erste alle Hoffnungen auf ein stabiles Innenverteidigergespann beim HSV. So wurden am  Ende vielleicht nicht nur drei Punkte gegen den (bis dahin) unmittelbaren Tabellennachbarn verloren. Bitter, bitter!

Spielbericht: Eintracht Braunschweig – Hamburger SV

Aufstellung: Adler – Diekmeier, Sobiech, Westermann, Jansen – Rincón (62. Calhanoglu), Bouy – John (82. Zoua), van der Vaart (51. Arslan), Ilicevic – Lasogga

Tore: 0:1 (22.) Lasogga; 1:1 (50.) Kumbela; 2:1 (59.) Kumbela; 2:2 (75.) Ilicevic; 3:2 (84.) Kumbela; 4:2 (90+2.) Hochscheid

Schiedrichter: Kircher

Spielverlauf: Trainer Bert van Marwijk hatte sich (für mich etwas überraschend) für Lasse Sobiech als Partner von Westermann in der Innenverteidigung entschieden. Im Mittelfeld sollten die beiden Kämpfertypen Rincon und Bouy abräumen, da mit einem rustikalen Spiel zu rechnen war. Calhanoglu blieb zunächst auf der Bank.

Um es vorweg zu nehmen: wer angesichts des deprimierenden Ergebnisses damit rechnet, ich würde hier die große verbale Keule herausholen, der braucht jetzt gar nicht weiter zu lesen. Das mag ja für Sekundenbruchteile der geschundenen HSV-Seele Erleichterung bringen, hilft aber in dieser Lage niemand. Auch alle Schuldzuweisungen sind m.E. im Augenblick fehl am Platz.  Je bedrohlicher die Lage, desto mehr gilt es, kühlen Kopf zu bewahren, sich nicht von der umsich greifenden Hysterie, der Panik und dem Defätismus anstecken zu lassen. Ihr könnt aber sicher sein, dass ich zu gegebener Zeit schonungslosen Klartext schreiben werde. Im Augenblick gilt: nicht aufgeben, dran bleiben, gemeinsam kämpfen bis es auch rechnerisch nicht mehr möglich ist, die Klasse zu halten! Sollten wir auch rechnerisch abgestiegen sein, dann bleibt noch genügend Zeit für Teer und Federn.

Der HSV begann engagiert und versuchte den Kampf anzunehmen. Man verzichtete endlich weitestgehend auf jedwede Schnörkel im Spiel. Die Bälle wurden meist konsequent geklärt, was allerdings wenig ansehnlich war. Denn den langen Bällen fehlte oft die nötige Präzision. Vorne rackerte unermüdlich Lasogga, der erneut unterstrich, dass er derzeit praktisch nicht zu ersetzen ist. Die Führung des HSVs fiel aus dem Nichts. Jansen mit weitem Einwurf von links auf Lasogga. Dieser traf den Ball mit dem Hinterkopf (Uwe-Seeler-Gedächtniskopfball). Die daraus resultierende Bogenlampe senkte sich hinter dem Torwart der Braunschweiger ins lange Eck. Danach kam der HSV etwas besser ins Spiel. Man könnte auch formulieren: Über den Kampf zu einem kleinen Hauch von Spielkultur, ohne dass ich das Gefühl hatte, dass die Mannschaft mit der Führung im Rücken wirklich befreit aufspielen konnte. Die Angst vor dem groben individuellen Fehler, der zu einem Gegentreffer führt, blieb allgegenwärtig und spürbar.

Fünf Minuten nach Wiederanpfiff passierte es dann: ausgerechet Adler ließ einen Schuss ins rechte Eck  (vom Torschützen gesehen) nach vorne prallen. Der in der Pause eingewechselte Kumbela, Türschützenkönig der letzten Saison des Gegners, hatte keine Mühe mit dem Ausgleich. 1:1 – die kalte Dusche aus hamburger Sicht. Zusätzlich musste auch noch van der Vaart vom Feld. Es kam Arslan. Fast im Gegenzug hatte dann Jansen gleich zweimal die Chance zur erneuten Führung. Leider konnten die Gastgeber den zweiten Ball auf der Linie klären. Pech! Doch es sollte noch schlimmer kommen. In der 59. Minute schossen die Braunschweiger einen Freistoß flach und scharf vor das Hamburger Gehäuse. Kumbela spritzte im Fünfmeter-Raum dazwischen, Rincon kam zu spät und so hatte Kumbela keine Mühe mit dem Torschuss. Der allseits befürchtete Rückstand. Van Marwijk reagierte, nahm mit Rincon einen Sechser vom Feld und brachte den offensiveren Calhanoglu. Dadurch entstanden sofort größere Räume für den Gegner. Zwischen der 66. und 68. Minute klärte Adler gleich mehrfach glänzend, nachdem bspw. Bouy ohne Ball auf der rechten Außenbahn klar langsamer war als sein Gegner (erschreckend!) und ihn daher nicht stoppen konnte. Das Spiel entwickelte sich nun in Richtung eines offenen Schlagabtausches. Der HSV gab weder auf, noch ließ er sich hängen. In der 75. Minute schaltete Ilicevic am schnellsten und schoss den Ball nach konfusen Klärungsversuchen der Braunschweiger im eigenen Strafraum aus halbrechter Position ins lange Eck. Ilicevic‘ Torpremiere in dieser Saison und ein sehenswerter Treffer obendrein. Immerhin, der Ausgleich!

Van Marwijk reagierte erneut und brachte nun Zoua für John. Bei letzterem wechselten Licht und Schatten. Eklatante Fehler (nicht immer konsequent genug in der Rückwärtsbewegung; leichtsinnige Pässe in die Spielfeldmitte bei eigenem Ballbesitz und in der Vorwärtsbewegung) einerseits, aber auch einige gelungene Dribblings, bzw. Pässe und Flanken.

In der 84. Minute verschätzte sich Adler. Er versuchte einen halbhoch in den Strafraum geflankten Freistoß, der sich vom Tor weg drehte, mit einem Arm zu erreichen. Er kam zwar an den Ball, konnte ihn aber nicht entscheidend klären. Diesen Patzer nutzte erneut Kumbela. Erneutes Pech für den HSV, dass weder Lasogga(!) noch Sobiech auf der Linie den Fehler Adlers ausbügeln konnten. 3:2 hinten und nur noch fünf Minuten regulär auf der Uhr. Entsetzen auf hamburger Seite.

Den traurigen Abschluss lieferte die Entstehungsgeschichte des vierten Gegentreffers: Alle rechneten in der Nachspielzeit wohl damit, dass der ballführende Braunschweiger zur Eckfahne laufen würde, um dort auf Zeit zu spielen. Stattdessen spielte er u.a. Westermann im Hamburger Strafraum einen Knoten in die Beine. Pass in die Mitte, Schuss von Hochscheid – Tor. Danke, danke danke. Allerdings sollte man diesen Treffer, auch wenn er kurios zu stande kam, nicht zu hoch hängen. Im  Grunde war das Spiel ob der fortgeschrittenen Spielzeit hier schon verloren.

Fazit: sieben Ligaspiele in Folge verloren. Das „Spiel des Jahres“ (van Marwijk) absolviert, aber wieder keine Punkte erzielt. Schlimm! Jansen deutete nach dem Spiel an, was ich seit Wochen behaupte. Einige Spieler sind mental der Situation offensichtlich nicht gewachsen. Braunschweig hatte seit Saisonbeginn praktisch nichts zu verlieren. Der HSV taumelt der zweiten Liga entgegen. Die Angst, die ersten zu werden, die für das Aussterben des Dinos in der ersten Liga  verantwortlich gemacht werden, lähmt Beine und Köpfe.

Bert van Marwijk und dem Vorstand gehen die Argumente aus. Ich rechne (obwohl ich mich ja jüngst mit meinen Vorhersagen hier mehrfach geirrt habe) damit, dass spätestens morgen im Laufe des Tages personelle Konsequenzen gezogen werden. Ob die gehandelten Slomka oder Jol (oder ein anderer) den notwendigen, entscheidenden Impuls setzen können, wage ich ernsthaft zu bezweifeln. Sicher ist auch der aktuelle Trainer für diese beispiellose Negativserie (mit)verantwortlich. Meines Erachtens, auch wenn sich das für meine Leser unter den Eindrücken der letzten Wochen seltsam und vollkommen unverständlich lesen mag, hat er Vieles dennoch absolut richtig gemacht. Van Marwijk ist z.B. nicht dafür verantwortlich, dass der HSV mit John und Bouy nur zwei Spieler verpflichten konnte, denen es an Spielpraxis und Erfahrung mangelt. Ich fürchte fast, dass vor allem die jungen Spieler durch den Niederländer zwar gefordert und gefördert wurden, dass aber in manchen Fällen, sollte der HSV tatsächlich absteigen müssen, andere die Ernte einfahren werden. Sicher scheint mir dies schon im Falle der beiden im Winter lediglich ausgeliehenen Spieler.

Ein Wort noch zum Schluss: ja, diese Niederlage, gerade weil gegen den unmittelbaren Nachbarn im Tabellenkeller verloren wurde, scheint geeignet, alle noch vorhandenen Hoffnungen auf eine Wende und den Klassenerhalt fahren zu lassen. Da aber die anderen Ergebnisse aus Sicht des HSVs relativ günstig ausgefallen sind, ist noch gar nichts wirklich verloren. Absolut nicht!  Heute heißt es: Wunden lecken. Ab morgen muss es heißen: Jetzt erst recht! Man kann von der verunsicherten und deprimierten Mannschaft nicht verlangen, dass sie allein den Bock umstößt, wenn man selbst nicht einmal im Ansatz bereit ist gegen die defätistischen Stimmen im eigenen Kopf zu kämpfen, sondern sich dem Selbstmitleid ergibt. Dass jeder, der zu dem HSV hält, am liebsten bis zum Saisonende mit der Decke über’m Kopf im Bett bleiben würde, ist absolut verständlich. Nur helfen wird es nichts. Also durchschütteln und vielleicht einmal einen Tag völlig abschalten. Spätestens am Montag aber, egal wer dann Vorstand, Sportdirektor und/oder Trainer ist, müssen wir alle gemeinsam(!) hinter der Mannschaft stehen. Andernfalls, das erschiene mir dann tatsächlich sicher, ist der Abstieg unabwendbar.

+++ EILT Bert van Marwijk bereits entlassen, melden soeben diverse Medien. Er soll sich schon vom Team verabschiedet haben +++