BVB

Fußballberichterstattung ohne tatsächlichen Mehrwert für die Konsumenten

Man hat es dieser Tage nicht leicht als Fußball-Fan. Wer wüsste das nicht besser, als die Fans des akut vom Abstieg bedrohten Hamburger Sportvereins. Auch mir geht es so, dass ich mit den kleinen Teufelchen in meinem Kopf zu kämpfen habe, die beständig auf die schwindenen Chancen pochen und den Niedergang beschwören. Dennoch bemühe ich mich, Ansatzpunkte zu entdecken, die einen Klassenverbleib möglich machen. Das hat übrigens nichts mit notorischem Schönreden zu tun, sondern mit erlebter Wettkampf-Erfahrung und fachlichem Wissen.

Ich wollte hier ursprünglich bis zur Vorschau auf das kommende Spiel gegen Leverkusen die Klappe halten. Denn wer braucht schon Artikel oder Interviews, deren hauptsächliches Anliegen das Füllen von Seiten und die Generierung von Klicks sind? Ich nicht. Zum Glück. Infotainment zum Fußball mit dem Schwerpunkt Entertainment, man denke nur an Formate wie den Doppelpass auf Sport1, gibt es bereits mehr als genug. Sie sind Teil der Vermarktungsmaschinerie rund um diesen Sport.

Uli Potofski, ein von mir geschätzter Moderator, sagte neulich auf die Frage, ob Sportjournalisten in den vergangenen Jahren unterwürfiger geworden seien:

„Wir Journalisten verkaufen die Ware Fußball. Wer das bestreitet, ist naiv. Auch klar: Niemand würde die Ware, von dessen Verkauf er lebt, ständig schlechtreden. Es ist daher nur die logische Folge, dass es auch im Sportjournalismus teils bedenkliche Entwicklungen gibt. An der einen oder anderen Stelle müsste man den soziologischen Hintergund intensiver untersuchen, denn der ist defintiv nicht derart positiv, wie wir alle tun.“ (Das ganze Interview gibt es hier: http://www.dwdl.de/nachrichten/45269/ulli_potofski_die_poebler_tun_mir_leid/page_1.html)

Nun ist es grundsätzlich verständlich, dass man als Journalist nicht den Ast absägt, auf dem man selber sitzt, also das „Produkt Fußball“ schlechtmacht. Ein steter Quell des Ärgernisses bleibt für mich jedoch, wenn ich mich als Konsument beständig an der Nase herumgeführt und betrogen sehe. Vom Sportfachjournalismus erwarte ich als Leser, Zuhörer oder Zuschauer einen Mehrwert, nicht offensichtliche Selbstinszenierung, Pseudo-Skandälchen zum Zwecke der Auflagensteigerung oder gar übelste Stammtisch-Plattitüden.

Nur drei Beispiele aus den letzten Tagen:

1. der SPEGEL-Autor, Peter Ahrens, fabulierte unter der Überschrift „das war’s dann wohl“ (http://www.spiegel.de/sport/fussball/hsv-hamburg-vor-abstieg-aus-bundesliga-a-961627.html), die Anhänger des Vereins sollten sich mit dem Abstieg abfinden. Seine Begründung basiert im Wesentlichen auf der Lektüre der Tabelle und dem Restprogramm. Und sie gipfelt in der Behauptung:

„Die Trainerwechsel von Thorsten Fink über Bert van Marwijk zu Mirko Slomka haben wenig bis gar keine Wirkung gezeigt. Das Team hat direkt nach dem Wechsel zunächst wie ein Reanimierter agiert, der unvermittelt wieder Körperreaktionen zeigt. Danach aber ist die Mannschaft rasch in ihr gewohntes Siechtum verfallen.“

Nun hat jeder ein Recht auf eine eigene Meinung. Und selbstverständlich kann man die Aussichten auf den Klassenerhalt pessimistisch einschätzen. Als Leser wünschte ich mir jedoch, dass mir ein Fachjournalist eine Expertise vorlegt, die auf mehr beruht als auf seinem persönlichen Gefühl, Erfassung des Tabellenplatzes und der Übernahme der Papierform der Gegner im Restprogramm. Die Tabelle und die Namen der noch ausstehenden Gegner lesen – das kann der Leser allein. Wo ist also der Mehrwert? Abgesehen davon haben sich diverse Details, sowohl was das mannschaftliche Verhalten als auch die Leistungsentwicklung einzelner Spieler angeht, sehr wohl verändert (Ich erspare mir hier eine genaue Begründung. Wer hier mehr wissen will, der kann im Archiv nachschlagen.). Was sich nicht wesentlich verändert hat, das ist wohl wahr, ist die Tatsache, dass es bisher nicht gelungen ist, die Abstiegsränge zu verlassen. Aber noch einmal: Tabellen lesen konnte ich schon als Schulkind…

2. Ebenfalls der SPIEGEL kommt Ende März, mithin gegen Ende der Saison(!), mit einer Statistik um die Ecke, die u.a. dem HSV und dem VfB Stuttgart eine annähernd Fifty-fifty-Chance zur Frage des Klassenverbleibs einräumt. Grundgütiger! Wer hätte das zu diesem Zeitpunkt der Saison gedacht?! Empirische Aussagen ohne jeden tatsächlichen Erkenntnisgehalt. Nachzulesen hier: http://www.spiegel.de/sport/fussball/bundesliga-statistik-hamburger-sv-und-vfb-stuttgart-im-abstiegskampf-a-961114.html

3. Wer die Nachberichterstattung gestern Abend im ZDF zum Spiel Real Madrid – BvB nicht verfolgt hat: Da fragte der Moderator, Jochen Breyer, den mit 0:3 unterlegenen Trainer des BvBs, Jürgen Klopp, ob die Dortmunder damit nun ausgeschieden seien. Ja, Wahnsinn, super Frage! Das, genau das wollte ich schon immer bei derartigen Ergebnissen wissen! Was soll ein Trainer darauf antworten? Etwa: „klar, die Sache ist gelaufen. Wir streichen die Segel und treten zum Rückspiel gar nicht mehr an.“?
Als Zuschauer hätte mich interessiert, ob Klopp trotz den enttäuschenden und wenig Mut machenden Ergebnisses dennoch Ansatzpunkte sieht, die Hoffnung machen, um „against all odds“ das Blatt zu drehen. So aber kam es zum wohl kalkulierten „Aufreger“. Das Gespräch war rasch beendet. Moderator Breyer und Experte Kahn spielten noch ein wenig Pingpong. Und ich als Konsument verabschiedete mich aus der Sendung: Gute Nacht, ZDF, schlaft auch ihr schön (weiter)! Der TAGESSPIEGEL hat das Ganze treffend kommentiert: http://www.tagesspiegel.de/medien/real-madrid-borussia-dortmund-jochen-breyer-gegen-juergen-klopp-trash-talk-statt-analyse/9709686.html

Nun ist der SPIEGEL wahrlich nicht die Referenzquelle Nummer eins für Fußballberichterstattung. Aber es stimmt doch sehr bedenklich, dass immer mehr etablierte Medien, und zu denen gehört auch das Magazin aus Hamburg zweifellos, eine Form der Pseudo-Berichterstattung pflegen, deren substanzieller Gehalt gen Null tendiert. Ein weiteres unschönes Beispiel in diesem Zusammenhang ist in jedem Jahr auch das Sonderheft vom KICKER zu Saisonbeginn. Lange vor Transferschluss werden Prognosen für die Vereine veröffentlicht, die meist schon zum Verkaufsstart das Papier nicht wert sind, auf dem sie geschrieben wurden. Warum? Weil inzwischen oft wichtige Transfers, die die Chancen der Vereine maßgeblich beeinflussen, erst gegen Ende der Transferperiode erfolgen. Eine seriöse Vorhersage ohne Einbeziehung relevanter Faktoren ist daher schlicht nicht möglich. Mit anderen Worten: Auch hier Pseudo-Expertise ohne tatsächlichen Mehrwert für den Konsumenten – wenn man von der beigelegten Stecktabelle einmal absieht.

Und da fragt sich mancher, warum die „Käufer“ zu den meist kostenfreien Online-Angeboten abwandern… Am Ende ist es eben so: die Bereitschaft, für etwas zu bezahlen, ist auch an die Qualität geknüpft. Wer mir beständig eine Karosse ohne Motor anpreist, dem kaufe ich kein Auto ab. So gesehen mag das die Branche bekümmern, aber gesellschaftlich ist das vielleicht ein ermutigendes Zeichen. Ganz so dämlich, wie manche in der Medienbranche offenbar meinen, sind die Konsumenten dann doch nicht.

Erste Eindrücke von Slomka und kurze Vorschau auf HSV – BVB

So, nun ist es also Slomka tatsächlich geworden. Es erwartet ihn eine Aufgabe, um die man ihn weiß Gott nicht beneiden möchte sollte. Immerhin steht einiges auf dem Spiel. Wer möchte schon als Trainer mit einem Abstieg des Hamburger Sportvereins in Verbindung gebracht werden?!

Ich werde diesen Trainer genau so unterstützen, wie ich es im Grunde mit allen seinen Vorgängern gehalten habe. Das hat zunächst grundsätzliche Gründe:
1. mache ich mir permanent bewusst, dass ich nicht in der Verantwortung stehe;
2. lassen sich die Dinge nur mit äußerster Vorsicht von außen seriös beurteilen;
3. auch wenn ich mich regelmäßig fortbilde, so bin ich mir meiner Wissenslücken im Fußball stets bewusst;
4. Weiß ich aus eigener Erfahrung, dass ein Trainer größte Probleme bekommt, wenn das Umfeld nicht stimmt…
Wenn ich nicht irre, dann bin ich nur einmal (bei Veh) von diesen Leitsätzen abgewichen und habe geharrnischte Kritik geübt. Grundsätzlich aber bemühe ich mich, mögliche Gedankengänge des jeweiligen Trainers zu dechiffrieren und auf ihre jeweilige Plausibilität zu überprüfen. Die meisten Fehlerbehauptungen andernorts belegen aus meiner Sicht in Wahrheit nichts – außer Unkenntnis und Unvermögen der Urheber. So zum Beispiel die oft gelesene Behauptung, es sei keine „Handschrift“ erkennbar.

Slomka erfüllt zunächst einmal eine Anforderung, die ich für diese (und andere!) Stellen beim HSV für unerlässlich halte: Er ist rhetorisch versiert und eloquent (Ich werde mich in den nächsten Tagen einmal mit Leitsätzen einer Vereinskultur auseinandersetzen, wie sie mir zukünftig für den HSV vorschweben.). Dieses Auftreten, insbesondere diese Fähigkeit erscheint mir bei einem Trainer in der Medienstadt Hamburg absolut unerlässlich. Wer will schon zum tausendsten Male ein „Ggombliment an die Mannschaft“ hören, wenn Spiel und Leistung keineswegs berauschend gewesen sind?

Slomka scheint auch bereit zu sein, wirklich alle Steine umzudrehen, wie ich es unlängst im Zusammenhang mit personellen Besetzungen gefordert habe. Jedenfalls scheint mir u.a. sein Umgang mit Tesche und Rajkovic darauf hinzudeuten.

Weniger begeisternd fand ich, dass er die Notwendigkeit einer Arbeit im psychologischen Bereich ausdrücklich bestritten hat. Gleichwohl ist zu beobachten, dass er ziemlich geschickt genau dort (auch) ansetzt, in dem er z.B. die grundsätzliche Qualität von Spielern und Mannschaft lobte und behauptete, es seien nur kleinere Veränderungen notwendig. Tatsächlich stützt er so das Selbstvertrauen und begegnet mit Zuversicht einem zunehmend zwischen Resignation und Panik changierenden hamburger Umfeld. Mich stört hier also allein die Tatsache, dass er etwas leugnet, was er dennoch zu betreiben scheint. Allerdings ist könnte es angesichts des Konservatismus und der Rückständigkeit des Fußballs durchaus schlau klüger sein, jede Erwähnung des Psychologischen zu vermeiden.

Slomka stand zumindest bei Hannover 96 für Konterfußball. Es wird also spannend, ob und wenn ja wie er das mit unserer Mannschaft ebenfalls hinbekommt. Wenn ich an die Flut der Gegentore denke, dann scheint es zumindest einen Versuch wert. Gespannt wäre ich auch gewesen, wie er die Kreativitätsdefizite im Offensivspiel angeht. Da aber sowohl van der Vaart als auch Ilicevic derzeit verletzt sind, hat er zur Zeit nur eingeschränkte Möglichkeiten. Man wird also die nächsten Wochen abwarten müssen.

Skeptisch bin ich allerdings (noch), was die zukünftige läuferische Entwicklung der Mannschaft unter Slomka betrifft. Herr Kind deutete ja öffentlich an, dass man in Hannover zuletzt gerade in diesem Punkt unzufrieden gewesen sei. Aber derartige Zweifel sind im Moment unwichtig. Es zählt allein, den Abstieg zu vermeiden!

Wer da unserer Mannschaft als nächster Gegner mit dem BVB vor der Brust steht, das dürfte jeder wissen. Aber hey! Wir haben die schon einmal geschlagen, als niemand damit rechnete. Wichtig erscheint mir zunächst, dass man den absoluten Willen der Mannschaft erkennen kann. Wie heißt es so schön: über den Kampf zum Spiel! – dann ist u.U. eine Überraschung tatsächlich möglich. Im Sinne meines vorherigen Blogs gilt also: Glauben wir dran!

Auch wenn Trainer wechseln – Soundtrack für die Rückrunde bleibt Elvis 2014, „unabsteigbar“.