Calhanoglu

Spielbericht: Eintracht Braunschweig – Hamburger SV

Aufstellung: Adler – Diekmeier, Sobiech, Westermann, Jansen – Rincón (62. Calhanoglu), Bouy – John (82. Zoua), van der Vaart (51. Arslan), Ilicevic – Lasogga

Tore: 0:1 (22.) Lasogga; 1:1 (50.) Kumbela; 2:1 (59.) Kumbela; 2:2 (75.) Ilicevic; 3:2 (84.) Kumbela; 4:2 (90+2.) Hochscheid

Schiedrichter: Kircher

Spielverlauf: Trainer Bert van Marwijk hatte sich (für mich etwas überraschend) für Lasse Sobiech als Partner von Westermann in der Innenverteidigung entschieden. Im Mittelfeld sollten die beiden Kämpfertypen Rincon und Bouy abräumen, da mit einem rustikalen Spiel zu rechnen war. Calhanoglu blieb zunächst auf der Bank.

Um es vorweg zu nehmen: wer angesichts des deprimierenden Ergebnisses damit rechnet, ich würde hier die große verbale Keule herausholen, der braucht jetzt gar nicht weiter zu lesen. Das mag ja für Sekundenbruchteile der geschundenen HSV-Seele Erleichterung bringen, hilft aber in dieser Lage niemand. Auch alle Schuldzuweisungen sind m.E. im Augenblick fehl am Platz.  Je bedrohlicher die Lage, desto mehr gilt es, kühlen Kopf zu bewahren, sich nicht von der umsich greifenden Hysterie, der Panik und dem Defätismus anstecken zu lassen. Ihr könnt aber sicher sein, dass ich zu gegebener Zeit schonungslosen Klartext schreiben werde. Im Augenblick gilt: nicht aufgeben, dran bleiben, gemeinsam kämpfen bis es auch rechnerisch nicht mehr möglich ist, die Klasse zu halten! Sollten wir auch rechnerisch abgestiegen sein, dann bleibt noch genügend Zeit für Teer und Federn.

Der HSV begann engagiert und versuchte den Kampf anzunehmen. Man verzichtete endlich weitestgehend auf jedwede Schnörkel im Spiel. Die Bälle wurden meist konsequent geklärt, was allerdings wenig ansehnlich war. Denn den langen Bällen fehlte oft die nötige Präzision. Vorne rackerte unermüdlich Lasogga, der erneut unterstrich, dass er derzeit praktisch nicht zu ersetzen ist. Die Führung des HSVs fiel aus dem Nichts. Jansen mit weitem Einwurf von links auf Lasogga. Dieser traf den Ball mit dem Hinterkopf (Uwe-Seeler-Gedächtniskopfball). Die daraus resultierende Bogenlampe senkte sich hinter dem Torwart der Braunschweiger ins lange Eck. Danach kam der HSV etwas besser ins Spiel. Man könnte auch formulieren: Über den Kampf zu einem kleinen Hauch von Spielkultur, ohne dass ich das Gefühl hatte, dass die Mannschaft mit der Führung im Rücken wirklich befreit aufspielen konnte. Die Angst vor dem groben individuellen Fehler, der zu einem Gegentreffer führt, blieb allgegenwärtig und spürbar.

Fünf Minuten nach Wiederanpfiff passierte es dann: ausgerechet Adler ließ einen Schuss ins rechte Eck  (vom Torschützen gesehen) nach vorne prallen. Der in der Pause eingewechselte Kumbela, Türschützenkönig der letzten Saison des Gegners, hatte keine Mühe mit dem Ausgleich. 1:1 – die kalte Dusche aus hamburger Sicht. Zusätzlich musste auch noch van der Vaart vom Feld. Es kam Arslan. Fast im Gegenzug hatte dann Jansen gleich zweimal die Chance zur erneuten Führung. Leider konnten die Gastgeber den zweiten Ball auf der Linie klären. Pech! Doch es sollte noch schlimmer kommen. In der 59. Minute schossen die Braunschweiger einen Freistoß flach und scharf vor das Hamburger Gehäuse. Kumbela spritzte im Fünfmeter-Raum dazwischen, Rincon kam zu spät und so hatte Kumbela keine Mühe mit dem Torschuss. Der allseits befürchtete Rückstand. Van Marwijk reagierte, nahm mit Rincon einen Sechser vom Feld und brachte den offensiveren Calhanoglu. Dadurch entstanden sofort größere Räume für den Gegner. Zwischen der 66. und 68. Minute klärte Adler gleich mehrfach glänzend, nachdem bspw. Bouy ohne Ball auf der rechten Außenbahn klar langsamer war als sein Gegner (erschreckend!) und ihn daher nicht stoppen konnte. Das Spiel entwickelte sich nun in Richtung eines offenen Schlagabtausches. Der HSV gab weder auf, noch ließ er sich hängen. In der 75. Minute schaltete Ilicevic am schnellsten und schoss den Ball nach konfusen Klärungsversuchen der Braunschweiger im eigenen Strafraum aus halbrechter Position ins lange Eck. Ilicevic‘ Torpremiere in dieser Saison und ein sehenswerter Treffer obendrein. Immerhin, der Ausgleich!

Van Marwijk reagierte erneut und brachte nun Zoua für John. Bei letzterem wechselten Licht und Schatten. Eklatante Fehler (nicht immer konsequent genug in der Rückwärtsbewegung; leichtsinnige Pässe in die Spielfeldmitte bei eigenem Ballbesitz und in der Vorwärtsbewegung) einerseits, aber auch einige gelungene Dribblings, bzw. Pässe und Flanken.

In der 84. Minute verschätzte sich Adler. Er versuchte einen halbhoch in den Strafraum geflankten Freistoß, der sich vom Tor weg drehte, mit einem Arm zu erreichen. Er kam zwar an den Ball, konnte ihn aber nicht entscheidend klären. Diesen Patzer nutzte erneut Kumbela. Erneutes Pech für den HSV, dass weder Lasogga(!) noch Sobiech auf der Linie den Fehler Adlers ausbügeln konnten. 3:2 hinten und nur noch fünf Minuten regulär auf der Uhr. Entsetzen auf hamburger Seite.

Den traurigen Abschluss lieferte die Entstehungsgeschichte des vierten Gegentreffers: Alle rechneten in der Nachspielzeit wohl damit, dass der ballführende Braunschweiger zur Eckfahne laufen würde, um dort auf Zeit zu spielen. Stattdessen spielte er u.a. Westermann im Hamburger Strafraum einen Knoten in die Beine. Pass in die Mitte, Schuss von Hochscheid – Tor. Danke, danke danke. Allerdings sollte man diesen Treffer, auch wenn er kurios zu stande kam, nicht zu hoch hängen. Im  Grunde war das Spiel ob der fortgeschrittenen Spielzeit hier schon verloren.

Fazit: sieben Ligaspiele in Folge verloren. Das „Spiel des Jahres“ (van Marwijk) absolviert, aber wieder keine Punkte erzielt. Schlimm! Jansen deutete nach dem Spiel an, was ich seit Wochen behaupte. Einige Spieler sind mental der Situation offensichtlich nicht gewachsen. Braunschweig hatte seit Saisonbeginn praktisch nichts zu verlieren. Der HSV taumelt der zweiten Liga entgegen. Die Angst, die ersten zu werden, die für das Aussterben des Dinos in der ersten Liga  verantwortlich gemacht werden, lähmt Beine und Köpfe.

Bert van Marwijk und dem Vorstand gehen die Argumente aus. Ich rechne (obwohl ich mich ja jüngst mit meinen Vorhersagen hier mehrfach geirrt habe) damit, dass spätestens morgen im Laufe des Tages personelle Konsequenzen gezogen werden. Ob die gehandelten Slomka oder Jol (oder ein anderer) den notwendigen, entscheidenden Impuls setzen können, wage ich ernsthaft zu bezweifeln. Sicher ist auch der aktuelle Trainer für diese beispiellose Negativserie (mit)verantwortlich. Meines Erachtens, auch wenn sich das für meine Leser unter den Eindrücken der letzten Wochen seltsam und vollkommen unverständlich lesen mag, hat er Vieles dennoch absolut richtig gemacht. Van Marwijk ist z.B. nicht dafür verantwortlich, dass der HSV mit John und Bouy nur zwei Spieler verpflichten konnte, denen es an Spielpraxis und Erfahrung mangelt. Ich fürchte fast, dass vor allem die jungen Spieler durch den Niederländer zwar gefordert und gefördert wurden, dass aber in manchen Fällen, sollte der HSV tatsächlich absteigen müssen, andere die Ernte einfahren werden. Sicher scheint mir dies schon im Falle der beiden im Winter lediglich ausgeliehenen Spieler.

Ein Wort noch zum Schluss: ja, diese Niederlage, gerade weil gegen den unmittelbaren Nachbarn im Tabellenkeller verloren wurde, scheint geeignet, alle noch vorhandenen Hoffnungen auf eine Wende und den Klassenerhalt fahren zu lassen. Da aber die anderen Ergebnisse aus Sicht des HSVs relativ günstig ausgefallen sind, ist noch gar nichts wirklich verloren. Absolut nicht!  Heute heißt es: Wunden lecken. Ab morgen muss es heißen: Jetzt erst recht! Man kann von der verunsicherten und deprimierten Mannschaft nicht verlangen, dass sie allein den Bock umstößt, wenn man selbst nicht einmal im Ansatz bereit ist gegen die defätistischen Stimmen im eigenen Kopf zu kämpfen, sondern sich dem Selbstmitleid ergibt. Dass jeder, der zu dem HSV hält, am liebsten bis zum Saisonende mit der Decke über’m Kopf im Bett bleiben würde, ist absolut verständlich. Nur helfen wird es nichts. Also durchschütteln und vielleicht einmal einen Tag völlig abschalten. Spätestens am Montag aber, egal wer dann Vorstand, Sportdirektor und/oder Trainer ist, müssen wir alle gemeinsam(!) hinter der Mannschaft stehen. Andernfalls, das erschiene mir dann tatsächlich sicher, ist der Abstieg unabwendbar.

+++ EILT Bert van Marwijk bereits entlassen, melden soeben diverse Medien. Er soll sich schon vom Team verabschiedet haben +++

Vorschau: Eintracht Braunschweig – Hamburger SV

Ich habe mehr als 9.000 Würfe in meiner Karriere verfehlt. Ich habe fast 300 Spiele verloren. 26 Mal wurde mir der spielentscheidende Wurf anvertraut… und ich habe verfehlt. Ich habe in meinem Leben wieder und wieder und wieder versagt. Und deswegen bin ich erfolgreich! (Michael Jordan)

Wenn ich an das heutige Spiel denke, dann wird mir flau im Magen. Zu wichtig scheint doch ein Erfolg. Man fragt sich unwillkürlich, gegen wen diese Mannschaft denn überhaupt noch gewinnen will, sollte auch dieses Spiel verloren gehen, nicht wahr? Achtzehnter gegen Siebzehnter – wer hätte das zu Beginn dieser Saison erwartet? Ich gestehe, ich jedenfalls nicht. Ich habe den HSV  im Mittelfeld gesehen, fern ab von den internationalen Plätzen. Daher war ich auch einigermaßen erbost, als Jarchow Platz sechs als Ziel ausrief. Und dies mit der fast rein numerischen Begründung, wer in der letzten Saison siebter geworden sei, der müsse selbstredend höhere Ziele anpeilen. Nein, nein nein! Sport allgemein und Fußball insbesondere ist keine Mathematik, wie wir jetzt erleben müssen. Wer so argumentiert, der offenbart in meinen Augen, dass er die allgemeine sportliche Lage und Leistungsfähigkeit nicht einzuschätzen weiß. Es war doch bereits deutlich unter Fink zu sehen, dass die Mannschaft alles andere als gefestigt wirkte. Zu schematisch ihr (Aufbau-)Spiel, zu störungsanfällig das gesamte Konstrukt. Dazu einige blutjunge Spieler (Tah, Calhanoglu), die in ihre erste Bundesliga-Saison gingen. Da wäre es realistisch gewesen, die Erwartungen klein zu halten, anstatt sie ohne jede Not zu schüren. „Wir sind immer noch im Neuaufbau, haben eine Reihe sehr junger, hochtalentierter, aber eben auch noch unerfahrene Spieler hinzugewonnen und wollen uns zunächst einmal weiter konsolidieren. Lassen Sie uns über konkrete Ziele in ein Paar Monaten reden.“ – das wäre ehrlich und angemessen gewesen. Nicht so in Hamburg. Beim HSV scheint man traditionell zu denken, dass die überwiegend mäßigen Platzierungen der letzten dreißig Jahre allesamt nur zufällige Ausrutscher und bedauerliche Betriebsunfälle gewesen sind. Befeuert und angetrieben vom örtlichen Boulevard, dem es, das ist nicht vorzuwerfen, im Grunde gleichgültig ist, ob der HSV um die Meisterschaft oder den Abstieg spielt, wird fast durchweg die Tabellenspitze anvisiert und den Fans avisiert. Zielsetzungen, die im Grunde meist bereits schon bei ihrer jeweiligen Verkündung reine Makulatur sind.

Also zurück zu meinem (unserem?) flauen Magen. Was passiert, wenn der HSV heute verlieren sollte? STOP! Das ist die falsche Fragestellung! Niemals mit negativen Gedanken im Kopf in den Wettkampf gehen! Sonst braucht man fast gar nicht anzutreten. Es ist völlig normal, dass Befürchtungen und Zweifel aufkommen, aber ein im Bereich „Mentales Training“ kompetenter Sportler hat gelernt, in derartigen Fällen sofort einzugreifen. Aus einem bedrohlichen „Meine Güte! Wenn wir verlieren, dann ist sogar Braunschweig vor uns!“ muss im Kopf sofort ein „heute haben wir die großartige Chance, als erstes die Braunschweiger zu distanzieren“ werden. „Eine Niederlage heute, und wir sind totale Versager!“ muss umgehend positiv umformuliert werden in „heute haben wir die großartige Gelegenheit zu zeigen, dass wir uns für den Verein zerreißen und guten Fußball spielen können“.  Negative Gedanken lähmen und blockieren die eigene Leistungsfähigkeit. Positive Gedanken beflügeln.

Auf geht ’s Hamburg!  Mögen sich die Gremien des Vereins auch noch so sehr blamieren – heute können wir alle, Mannschaft, Trainer und Fans, zeigen, dass wir kämpfen werden. Kämpfen um jeden Ball, um jeden Quadratmeter, um jede Chance. Und sei sie noch so gering! Nehmt die Ängste war. Auch die Angst, erneut zu versagen. Macht Euch bewusst, was da rumort und ggf. destruktiv behindern könnte. Das ist normal, das ist nur menschlich angesichts der Umstände. Aber unternehmt etwas dagegen! Vorher und sofort! Jeder für sich – im Kopf. Und immer wieder neu, auch nach dem Spiel – egal wie es ausgeht! Wenn das gelingt, dann können wir heute einen ersten großen Schritt machen. Gemeinsam, denn nur so geht es! Nur wer aufgibt, wer sich seinen Ängsten kampflos ergibt, der hat schon verloren. Der wird immer versagen – früher oder später. Erzwingen wir stattdessen das Glück, unser Glück!

Wer ihn noch nicht kennt, hier ist der ultimative Soundtrack für die Rückrunde von Elvis: http://www.youtube.com/watch?v=AVsd4vZQPe0