Ilicevic

Dem Dino droht der direkte Abstieg: FC Augsburg – HSV 3:1 (3:1)

Ich hätte große Lust, an dieser Stelle jetzt eine gnadenlose Abrechnung mit all den vielen, vielen Einzelpersonen und Fraktionen zu beginnen, die m.E. für den  inzwischen galoppierenden Niedergang des Hamburger Sportereins verantwortlich sind. Ich werde dieses prall gefüllte, große Fass jedoch nicht aufmachen. Noch nicht. Aber der Zeitpunkt, an dem abgerechnet wird, rückt näher. Wenigstens zwei Spieltage jedoch werde ich versuchen, mich allein auf die sportliche Situation zu beschränken, denn alles andere wäre zum jetzigen Zeitpunkt für den Verein kontraproduktiv. Davon bin ich und bleibe ich überzeugt.

Spielverlauf und Resultat eines Fußballspiels sind von vielen, vielen Dingen abhängig. Ich denke, das gestrige Spiel hat einige dieser Faktoren sehr deutlich zu Tage treten lassen. Normalerweise schreibe ich einen ausführlichen Spielbericht vor allem für diejenigen unter Euch, die das Spiel nicht mit eigenen Augen verfolgen konnten. Das würde ich mir heute nur zu gern ersparen, denn es zwingt mich jedes Mal, das trostlose Gekicke der Mannschaft meines Herzens erneut minutiös zu durchleiden. Aber mag es mir auch schwerfallen, so werden vielleicht einige der Faktoren erkennbar, die zum Ergebnis beitrugen. Und das erscheint mir als Kontrapunkt in der allgemeinen Berichterstattung über den HSV wichtig. Will uns der Boulevard in seinen s.g. Expertisen doch beständig nach Niederlagen einreden, es habe hauptsächlich an der richtigen Einstellung gemangelt. Dieses Spiel hat jedoch einmal  mehr schonungslos offengelegt, dass Erklärungsversuche deutlich differenzierter ausfallen müssen. Es ist eben nicht die mangelhafte Einstellung der Profis, jedenfalls nicht hauptsächlich oder allein, die den Dino in höchst akute Abstiegsgefahr gebracht hat.

Die Mannschaft war, ich erwähnte dies in meiner Vorschau, vorzeitig nach Augsburg gereist. Zum einen wollte man tatsächlich ausgeruht in dieses eminent wichtige Spiel gehen, zum anderen wollte man sich fokussieren und als Team noch enger zusammenrücken. Vor Ort fand dann noch eine Trainingseinheit statt. Als Resultat schickte Mirko Slomka die folgende Mannschaft ins Rennen gegen die Augsburger:

Aufstellung: Adler – Diekmeier, Westermann, Mancienne, Jansen (69. Jiracek) – Rincon, Badelj (75. Demirbay), Arslan, Ilicevic – Calhanoglu – Maggio (61. Zoua)

Spielbericht: Kaum noch ein Spiel des Hamburger Sportvereins, bei dem der Betrachter nicht bereits kurz nach dem Anpfiff ein ungutes déja vu erleben würde. Das Spiel war gerade einmal sechs Minuten alt, da lag der HSV bereits 0:1 zurück. Wieder einmal. Hatte ich im Vorbericht die Augsburger Kompaktheit gepriesen und als Vorbild für den HSV ausgegeben, so war Hamburgs linke Seite zum ersten aber keineswegs zum letzten Mal offen wie ein Scheunentor. Der schnelle Hahn marschierte über den Flügel und passte scharf nach innen auf Höhe der Strafraumgrenze. Dort rutschten mehrere Hamburger Spieler auf dem seifigen Rasen aus. Augsburgs Altintop erwies sich jedoch als standfest und kam fast unbedrängt in zentraler Position vor dem Gäste-Tor zum Schuss. Adler war chancenlos. Das 1:0 (6.) für die Hausherrn.

In der 16. Minute schoss Hahn Hamburgs Mancienne aus kürzester Distanz im Hamburger Strafraum den Ball an die Hand. Schiedsrichter Welz verweigerte zurecht den Elfmeterpfiff.

Das erste wirkliche Ausrufezeichen aus Hamburger Sicht war in der 18. Spielminute zu notieren. Ilicevic zog endlich einmal efolgreich vom linken Flügel nach innen und wurde von Augsburgs Innenverteidiger, Callsen-Bracker, vier Meter vor der Strafraumgrenze und mittig zum Tor gefoult. Calhanoglu hob den folgenden Freistoß sehenswert über die Mauer. Leider erwies sich Hitz im Tor der Gastgeber als sicherer Rückhalt. Er tauchte blitzschnell in die Ecke und konnte den Ball gerade noch parieren. Der HSV war trotz des erneut frühen Rückstandes gut im Spiel. Die Mannschaft wirkte durchaus willig und engagiert. Man gewann fast 60 Prozent der Zweikämpfe und erreichte ein optisches Übergewicht. Das sah zunächst gar nicht schlecht aus. Leider fehlten klar herausgespielte Torchancen. So kam man, wenn überhaupt, nur mit Fernschüssen zum Abschluss, die jedoch letztendlich ungefährlich blieben.

In der 25.  Minute flankte Calhanoglu einen Freistoß von links in den Augsburger Strafraum. Der aufgerückte Westermann kam im Fünfmeter-Raum, bedrängt von einem Augsburger, an den Ball, schob diesen jedoch knapp am rechten Pfosten vorbei. Sechs Minuten später (31.) herrschte erneut Alarm im Strafraum der Gastgeber. Leider traf Badelj den hüfthohen und daher schwer zu nehmenden Ball nicht richtig. Nur eine Minute später war erneut die linke Abwehrseite des HSVs offen. Hahn marschierte erneut und passte dann scharf aus dem Lauf nach innen. Dieses Mal war Badelj nicht schnell genug zurückgeeilt. Altintop kam wieder fast unbedrängt aus neun Metern zentral vor Adler zum Schuss – das 2:0 für den FCA als logische Konsequenz. Spätestens jetzt sah ich mich in meiner Befürchtung bestätigt,  die ich hier an gleicher Stelle in der Vorschau ganz bewusst unterschlagen hatte. Beide zuletzt verletzten Spieler, Jansen und Badelj, waren zwar spielfähig, wirkten jedoch alles andere als wirklich fit. Dass HSV-Trainer Slomka sie dennoch meinte bringen zu müssen, zeigt, wie dünn die Personaldecke des Vereins inzwischen ist. Im Grunde stellt sich die Mannschaft fast von alleine auf.

Wenn von Hamburger Seite etwas offensiv ging, dann meist über die rechte Seite. Dort mühte sich Rincon im Zusammenspiel mit Diekmeier redlich auf einer für ihn sicher suboptimalen Position. Hier wurde aber auch ein weiteres Manko deutlich: Diekmeier konnte gefühlt fünfzehn Flanken von rechts nach innen schlagen, aber diese segelten in aller Regel vollkommen ungefährlich an Freund und „Feind“ vorbei. Das lag aber nur zum Teil daran, dass sie einfach ganz schlecht, da zu hoch und/oder zu lang, geschlagen waren. Slomka hatte sich nach wohl durchaus überzeugenden Trainingsleistungen für Maggio (statt Zoua) als Sturmspitze entschieden. Der junge Nachwuchsspieler lief viel, aber Training und realer Wettkampf sind zwei Paar Schuhe. Er blieb blass und konnte zu keiner Zeit nennenswert in Erscheinung treten. Auch hier kein Vorwurf meinerseits an Slomka, denn ob ein Nachwuchsspieler wirklich unter Wettkampfbedingungen funktioniert, das kann man nur herausfinden, wenn man ihm ein gewisses Vertrauen schenkt. Es fehlte den Flanken also an Qualität und an einem Abnehmer.

In der 35. Minute kam Arslan nach schöner Einzelleistung aus 25 Metern zum Abschluss. Aber auch der Ball rauschte über das Gehäuse der Gastgeber. Es war in meinen Augen Tolgays beste Szene. Im weiteren Spielverlauf fiel er allenfalls durch umständliches und schlampiges Pass-Spiel auf. Womit ich beim nächsten Faktor wäre: der eine Sechser (Badelj) nicht im Vollbesitz seiner Kräfte und verletzungsbedingt mit fehlendem Spielrhythmus, der andere mit großen Leistungsschwankungen.

Einmal mehr durfte sich der überragende Hahn auf Augsburger Seite ungestört von Hamburgs Defensive in Szene setzen. In der 42. Minute kam er aus halbrechter Position und ca. 20 Metern frei zum Abschluss. Der Ball kam auf den kurzen Pfosten. Dort stand Adler und wollte den Schuss mit beiden Armen abwehren, boxte sich den Ball jedoch neben den Posten ins eigene Netz. Das 3:0 für den FC Augsburg. Für einen Bundesligatorhüter, zumal einen Nationalspieler, ein kapitaler Fehler. Und leider ist es inzwischen wohl der siebte folgenschwere Fehler,  der René in dieser Spielzeit unterläuft. Auch hier lässt sich eine Feststellung treffen: In der letzten Saison war es ein überragender Adler, der dem HSV viele Punkte fast im Alleingang gesichert hat. Das hat über viele, bereits damals im Prinzip  vorhandene und erkennbare Defizite hinweggetäuscht. Ohne einen famosen Adler in Bestform jedoch treten diese Defizite nun jedoch schonungslos zu Tage.

Kurz vor der Pause dann ein kleiner Hoffnungsschimmer aus Sicht der HSV-Anhänger. Calhanoglu flankte einen Freistoß für den HSV wieder vom linken Flügel mit Schnitt zum Tor. Dem erneut aufgerückte Westermann fiel der Ball auf die Schulter. Von dort wurde er für Hintz unhaltbar in lange Eck abgefälscht. Der Anschlusstreffer zum 3:1 in der 44. Minute.

Zur Halbzeit habe ich mir das folgende Zwischenfazit notiert: entscheidende Pässe des HSVs werden zu ungenau, z.T. in den Rücken des Mitspielers, gespielt. Dadurch gehen immer wieder Tempo und Spielfluss verloren, was dem Gegner die wenigen Sekunden verschafft, die er benötigt, um etwaige defensive Lücken zu schließen. Torgefahr entsteht, wenn überhaupt!, allein durch Calhanoglu. Ilicevics Spielweise ähnelt der des bayrischen Robben, erreicht aber nicht ansatzweise dessen Qualität. Absolut vorhersehbar zieht er an der Strafraumgrenze vom linken Flügel nach innen und verliert spätestens dann fast immer den Ball.

Den Spielbericht der zweiten Halbzeit versuche ich kurz zu halten, da ohehin keine weiteren Tore fielen. Bemerkenswert erscheint mir eine Szene aus der 60. Minute: Es gab einen Eckstoß für Augsburg von links (aus Hamburger Sicht). Alle Hamburger versammelten sich in Erwartung einer Flanke rund um den eigenen Fünfmeter-Raum. Am linken Strafraumeck stand ein Augsburger mutterseelenallein. Unglaublich! Dieser wurde dann vom Eckenschützen – Überraschung! – angepielt und konnte kontrolliert, da nicht unter Druck gesetzt, flanken. Adler kam raus und wollte klären, wurde aber vom eigenen Mann, Westermann, behindert. Am Ende hatte das keine Folgen. Sicher kommen derartige Szenen immer mal wieder vor (Torhüter vom eigenen Mann behindert), in der Gesamtansicht steht diese Szene jedoch für mich sinnbildlich für das zum Teil groteske Defensivverhalten des HSVs.

Eine Minute später, also in der 61., hatte der HSV einen Eckstoß von der linken Seite. Calhanoglu (wer sonst?!) flankte, Westermann köpfte (wer sonst?!), aber verfehlte erneut das Tor der Gastgeber (was sonst?!). Der Ball strich knapp am rechten Pfosten vorbei ins Toraus. Das ist übrigens bereits die vorletzte Torchance gewesen, die ich für den HSV notiert habe…
Praktisch im Gegenzug konnte Adler einen sehenswerten Fernschuss mit Mühe gerade noch parieren. Eine Minute später setzte der starke Altintop einen Kopfball denkbar knapp links neben das Tor der Hamburger.

Der eingewechselte Zoua belebte ein wenig das Hamburger Spiel, da er erkennbar um Spielfluss bemüht war. Aber einmal mehr konnte das Hamburger Mittelfeld, allen voran die beiden Sechser (s.o.), spielerisch nicht überzeugen. Wo die Augsburger als Mannschaft kombinierten, da zeigten der HSV Stückwerk. Immer wieder wurde umständlich der Ball auf den anderen Fuß gelegt, bzw. mussten schlecht gespielte Pässe der Mitspieler erst mühsam unter Kontrolle gebracht werden. Das war ganz, ganz schwach. Und dann ist es eben auch nicht ausreichend, wenn man unbedingt „will“, was sich u.a. aus der positiven Zweikampfquote für den HSV (56% gewonnen) ablesen lässt.

In der noch verbleibenden halben Stunde spielte im Grunde nur noch der FCA. Ich verzichte darauf, alle Torchancen aufzuzählen, die Adler noch parierte, oder die der FCA anderweitig verschenkte. Zeitweise, ich muss das so deutlich schreiben, war das mehr als ein Klassenunterschied zwischen beiden Kontrahenten. Die Augsburger konnten sich den HSV in aller Ruhe zurecht legen und hätten im Grunde noch mehr als zwei weitere Tore erzielen können, wenn nicht gar müssen!

Zwei Szenen noch und dann ist dieser Bericht des Grauens überstanden:
In der 81. Minute ließ sich der ansonsten tadellose Mancienne als letzter Mann vom eingewechselten Südkoreaner, Dong-Won Ji, viel zu leicht übertölpeln. Ein zweifellos kapitaler Bock, der nicht verschwiegen werden soll, der aber zum Glück folgenlos blieb, da Adler einmal mehr seine Klasse im 1:1 unter Beweis stellte.
In der Nachspielzeit (90+1.) zog Rincon mit dem Vollspann volley ab, doch Hitz im Tor der Gastgeber war einmal mehr auf dem Posten und konnte diesen Schuss, der wahrlich einen Treffer verdient gehabt hätte, gerade noch über die Latte des Tores lenken. Kurz darauf erlöste Schiedsrichter Welz alle, denen der HSV am Herzen liegt.

Schiedsrichter: Welz (Wiesbaden). Hatte alles im Griff. Schlichtete nach Schubser von Rincon an die Brust eines Gegenspielers (der daraufhin umfiel) ohne Karte. Gut.

Fazit: Den Sieg des FC Augsburg kann ich nur als hochverdient bezeichnen. Beeindruckend, was Trainer Markus Weinzierl in dieser Saison mit seiner Mannschaft leistet.
„Er/sie war stets bemüht, den Anforderungen gerecht zu werden….“ – man kennt diese Formel aus dem Zeugnisjargon. Gemeint ist, dass der Bewertete letztlich nicht die Qualität besitzt, um die geforderte Leistung tatsächlich zu erbringen. Ich denke, dies traf mindestens in diesem Spiel auf den HSV zu. Die Mannschaft wollte, aber es fehlt(e) an Qualität.
Adler, auch wenn er ansonsten gut hält, immer wieder mit schlimmen Fehlern. Jansen und Badelj nur spielfähig aber nicht wirklich fit – das ist insbesondere bei Jansen, der sehr von seiner Physis, seiner Dynamik lebt, ein schweres Problem. Der für ihn eingewechselte Jiracek wirkte deutlich spritziger. Aber wenn man aus dem Rathaus kommt…
Arslan erneut, vor allem in der letzten halben Stunde, oft nur mit Alibi-Pässen oder schlampigen Zuspielen. Diekmeier mit überwiegend schlechten Flanken, die zudem keinen Abnehmer finden konnten, da auch falsch gelaufen wurde. Torgefahr entsteht im Grunde nur durch Calhanoglu. Das ist für jeden Gegner überaus leicht zu erkennen und daher zu wenig.
Nach dieser Niederlage muss man größte Zweifel haben, ob der HSV überhaupt den Notausgang Relegation erreicht. Nächste Woche dürfte es in dieser Verfassung für den FC Bayern auch in Hamburg ein Kinderspiel werden. Alles andere als die nächste, deutliche Niederlage wäre schon fast ein Wunder. So muss man hoffen, dass die Konkurrenz nicht schon nächste Woche vorbeizieht. Aber selbst wenn man dies dann am letzten Spieltag gegen Mainz 05 theoretisch noch korrigieren könnte – das, was der HSV derzeit abliefert, ist nicht erstligareif. Das ist die bittere Wahrheit. Natürlich hoffe (auch) ich bis zum Schluss, dass der Gang in die Zweitklassigkeit doch noch vermieden werden kann. Wenn der Abstiegsfall jedoch eintreten sollte, dann ist das objektiv gesehen ein Folge zahlreicher eigener schwerer Mängel und Versäumnisse. Zwar stehen die Spieler auf dem Feld, aber diese Mannschaft ist nur das vorläufige Endprodukt kapitaler Fehleinschätzungen, die zum Teil über viele, viele Jahre zurückreichen. So gesehen wäre ein Abstieg keine Überraschung, sondern die mehr als verdiente Quittung.

 

DAS RESTPROGRAMM

15. VfB Stuttgart (32 Pkt; -11):
VfL Wolfsburg (H)
Bayern München (A)

16. Hamburger Sportverein (27 Pkt; -20):
Bayern München (H)
1. FSV Mainz 05 (A)

17. 1.FC Nürnberg (26 Pkt; -28)
Hannover 96 (H)
FC Schalke 04 (A)

18. Eintracht Braunschweig (25 Pkt; -28):
FC Augsburg (H)
1899 Hoffenheim (A)

Letzte Ausfahrt Relegation: HSV – VfL Wolfsburg 1:3 (0:2)

Ich gestehe, es macht mir im Augenblick keinen Spaß. Immer wieder die gleichen Fehler, immer wieder eine neue Enttäuschung, immer geringer die Chancen, die Klasse zu halten. Und dann sitzt Du am Morgen nach dem Spiel am Schreibtisch, hast den Anspruch, keinen oberflächlichen Dreck unter ’s Volk zu bringen, versuchst, zu einer halbwegs sinnvollen, sachlichen Einschätzung des Gesehenen zu kommen und hast doch mehr als genug mit den eigenen Gefühlen zu kämpfen…

In diesen Monaten gibt es wohl keinen Spieltag, an dem es keine neuen Hiobsbotschaften für den HSV zu verkraften gibt. Am Samstagmorgen meldete sich Innenverteidiger Tah krank (Erkältung) und war demzufolge nicht im Kader. Unmittelbar vor dem Spiel dann der nächste Schock: Djourou hatte muskuläre Probleme (Zerrung) und konnte ebenfalls nicht auflaufen. Slomka musste also die inzwischen eingespielte Innenverteidigung umbauen. Und das gegen die Wolfsburger, deren Prunkstück die Offensive ist.

Der HSV begann daher mit folgender Aufstellung:

Adler – Diekmeier, Westermann, Mancienne, Jiracek – Tesche, Rincon (74. Demirbay), Arslan (56. John), Ilicevic (86. Maggio) – Calhanoglu – Zoua

Allzweckwaffe Westermann übernahm die Position des Innenverteidigers neben Mancienne. Der gelernte Mittelfeldspieler, Jiracek,  verteidigte dafür links außen. Auf der rechten Außenbahn durfte Tesche beginnen, da Calhanoglu van der Vaarts Position im Zentrum hinter Zoua einnehmen sollte. Man darf daher getrost vom letzten Aufgebot des Hamburger Sportvereins schreiben, dass Slomka zur Verfügung stand.

Spielbericht: Es kam, wie es fast kommen musste: die diversen Umstellungen hatten ihren Preis. Kaum hatte die Partie begonnen, verlor Arslan den Ball leichtfertig in der Vorwärtsbewegung. Das „Leder“ kam zu Gustavo, der vertikal einen lehrbuchreifen Pass in die Schnittstelle zwischen den beiden hamburger Innenverteidigern spielte, die nicht schnell genug einrücken konnten. In die Gasse sprintete Perisic und lief praktisch unbedrängt in zentraler Position Richtung Hamburger Gehäuse. Adler stand aus mir unerfindlichen Gründen irgendwo im Nirgendwo, d.h. weit vor seinem Tor. Perisic hatte die frei Auswahl: Adler umspielen, überlupfen oder abschließen. Perisic schloss sofort ab, Hamburgs Torhüter ohne Chance – schon stand es 0:1. Die kalte Dusche in der dritten Spielminute.

Der Hamburger Mannschaft merkte man an, dass sie so noch nie zusammengespielt hatte. Immer wieder kam es zu Missverständnissen, die jeden Elan zusammenbrechen ließen. Der VfL verteidigte clever. Mal begann man seine Attacken auf die ballführenden Hamburger erst zwanzig Meter vor der Mittellinie, dann wieder presste man sehr offensiv schon am Strafraum der Hamburger, was den Spielaufbau durch die Innenverteidigung der Gastgeber fast vollständig verhinderte. So war es Adler, der immer wieder gesucht werden musste, und der dann lange Bälle spielte. Dennoch kam der HSV zu (Halb-)Chancen. In der 16. Minute fiel Ilicevic in zentraler Position eine unfreiwillige Kopfballvorlage eines Wolfburgers vor die Füße. Leider traf er den Ball nicht sauber, und so verfehlte sein Schuss knapp rechts das Tor der Wölfe. Eine Minute später kam Ivo nach Freistoßflanke Calhanoglus halblinks im Strafraum der Gäste erneut zum Schuss, verfehlte das Tor dieses Mal jedoch deutlich (17.).

In der 31. war ein erneuter Abstimmungsfehler in der Hamburger Hintermannschaft zu notieren. Ein langer und hoher Ball der Gäste führte zu einem verlorenen Kopfballduell im defensiven Mittelfeld – schon stand wieder ein Wolfsburger völlig frei zentral vor dem Hamburger Tor und vor Adler. Dieses Mal war es der starke De Bruyne, dessen Schuss Adler jedoch in höchster Not mit dem Fuß(!) über die Latte lenken konnte.

Nach etwas mehr als einer halben Stunde befand der Co-Kommentator bei SKY, Effenberg, dass die Hamburger Defensive nicht entschlossen aufrücke, wenn vorne von den eigenen Leute gepresst würde. Daher würden sich die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen zu sehr vergrößern, was zur Folge habe, dass man bei Ballverlust nur mit sechs, sieben Spielern verteidige. Und in der Tat! Es raubt einem als dem HSV zugeneigten Beobachter schon den letzten Nerv, wenn man wieder und wieder dieselben Kardinalfehler beobachtet. Gedanklich dürfte dieses Problem mühellos zu erfassen sein. Wenn sich der Fehler dennoch hartnäckig wiederholt, dann muss es m.E. eine Frage des Selbstvertrauens sein. Hier könnte man einen Teufelskreis unterstellen: Viele und z.T. schnelle Gegentore führen zu der Angst, ggf. überlaufen zu werden und noch mehr Tore zu kassieren. Also steht man hinten tief(er), während sich für die Gegner im Rücken der offensiv pressenden vorderen Leute riesige Räume auftun. Die Gegner können dort dann kontrolliert spielen, da von Hamburger Seite kein Druck mehr auf den ballführenden Spieler ausgeübt werden kann. Die Folge sind dann noch mehr Gegentore und noch weniger Selbstvertrauen.

Kurz vor der Pause dann der nächste Nackenschlag für die Gastgeber. Eine Szene, die mir endgültig die Zornesröte ins Gesicht trieb: Arslan lief mit Ball in gleich zwei Wolfsburger Spieler, was zum Ballverlust führt. Dabei ging Tolgay zu Boden und blieb demonstrativ liegen, so als müsse der Schiedsrichter dann automatisch  Freistoß zugunsten des HSVs pfeifen. Sippel aber erkannte auf kein Foul und ließ weiterspielen. Arslan aber, statt sofort aufzustehen und dem Ball hinterherzujagen, stand in aller Seelenruhe auf, dass er nicht  auch noch seine Frisur gerichtet hat, fehlte noch!, und trabte dann in Richtung des eigenen Strafraums. Die Wolfsburger dachten aber nicht daran, darauf zu warten, dass Herr Arslan als defensiver Mittelfeldspieler geruhte, ihnen das Leben schwer zu machen – welch eine Überraschung! Der Ball wanderte zügig auf den rechten Flügel (vom Hamburger Tor aus gesehen), wo weder der rausgerückte Westermann noch Tesche Zugriff erhielten. Durch einen einfache Pass in die Schnittstelle der äußeren Kettenglieder der Hamburger Verteidigung stand De Bruyne plötzlich erneut völlig frei in halblinker (aus seiner Sicht) Position innerhalb des Hamburger Strafraums. Er ließ sich nicht lange bitten und schoss an Adler vorbei ins lange Eck – 0:2. (42.).

Zur Halbzeit gab es, verständlich!, Pfiffe des konsternierten Publikums. Ich hatte den Eindruck, das Vieles im Hamburger Spiel improvisiert wirkte, als Folge des bereits angesprochenen fehlenden Selbstvertrauens, mangelnder Spielpraxis (Tesche), bzw. der erzwungenen Umstellungen  (Abstimmungsprobleme).

Nach der Pause kamen die Hausherrn erkennbar aggressiver aus der Kabine (warum nicht gleich so?!). Dennoch folgte der nächste Nackenschlag. In der 49. Spielminute segelte eine Wolfsburger Ecke von links in den Stafraum. In der Mitte hatte ein kleingewachsener Hamburger gegen den „Funkturm“ Naldo die Leiter zu Hause vergessen (falsche Zuordnung). Naldo köpfte in Richtung des Fünfmeter-Raumes, wo Olic aus vier Metern keine große Mühe hatte, abzustauben. Westermann kam einen halben Schritt zu spät, um noch entscheidend eingreifen zu können. 0:3 – es schien sich ein Debakel anzudeuten.

In der 51. Spielminute dann ein Lebenszeichen des HSVs. Einen fulminanten Schuss des zuletzt immer engagierten Calhanoglus aus 16-17 Metern konnte der Benaglio-Vertreter, Grün, im Tor der Gäste gerade noch über die Latte lenken. Eine Minute später scheiterte Westermann, bedrängt vom eigenen Mann, Zoua, mit einem Kopfball. Der Ball verfehlte klar das obere Eck am kurzen Pfosten des Gästetores.

Slomka nahm den dieses Mal indisponierten Arslan in der 56. Minute vom Feld und brachte John. Da John Flügelspieler ist, rückte Tesche nun nach innen in die Zentrale. Eine Maßnahme, die sich umgehend auszahlen sollte. Tesche leitete sehenswert einen Angriff ein, der am Ende bei Ilicevic endete. Ilicevic stand in halblinker Position innerhalb des Wolfsburger Strafraums und schoss im Fallen ins lange Eck des Gästetores – der Anschlusstreffer zum 1:3 in der 58. Spielminute.

Der HSV kam nun, angetrieben von Tesche, besser ins Spiel. Man war plötzlich bissiger und aggressiver und zeigte klarere Spielzüge. Auch das zwischenzeitlich erschreckend emotionslose Hamburger Publikum erwachte aus der Schockstarre. So konnte man das Spiel eine Weile ausgeglichener gestalten, ohne jedoch zu ganz klaren Torchancen zu kommen, leider.

In der 73. Minute zog dann der starke Gustavo vom rechten Strafraum-Eck der Hamburger ab und scheiterte am langen Pfosten denkbar knapp.

Es war erneut Tesche, der in der 78. Spielminute zu Zoua durchsteckte. Dieser passte zu dem gerade eingewechselten Demirbay. War es die Aufregung bei seinem Bundesligadebüt oder die Überraschung, so frei zum Schuss zu kommen? – Kerem traf leider den Ball völlig falsch, und so segelte sein Schussversuch Richtung Eckfahne. Schade.

Langsam lief dem HSV die Zeit davon. Die Folgen sind in solchen Fällen immer gleich. Die im Rückstand befindliche Mannschaft muss öffnen und mehr Risiko gehen. Es häuften sich nun die Chancen für die Gäste. So scheiterte erneut Gustavo mit einem sehenswerten Vollspann-Schuss aus gut und gerne 35 Metern an der Latte des Hamburger Tores (82.). Unmittelbar darauf stand Olic völlig frei vor Adler. Hamburgs Torhüter, bis auf den erste Gegentreffer erneut absolut tadellos, machte sich ganz lang und konnte den Schuss von Olic gerade noch um den Pfosten drehen.

In der 90. Minute schickte Schiedsrichter Sippel den bereits gelbverwarnten Gustavo nach absichtlichem Handspiel mit der Ampelkarte vom Feld, doch auch die daraus resultierende Überzahl führte in der verbleibenden  Restspielzeit zu keiner Ergebnisänderung mehr.

Schiedsrichter: Sippel (München). Kam mit wenig Karten aus. Ließ viel laufen. Im Zweifel für den Schiedsrichter, also ordentliche Spielleitung.

Fazit: Freiburg und Hannover  dürften mit jeweils 35 Punkten gerettet sein. Sollte der VfB Stuttgart heute Abend gegen Schalke 04 gewinnen, dann dürfte auch Platz 15 als Ziel für den HSV illusorisch sein. Aber selbst wenn den Stuttgartern der Befreiungsschlag gegen die Knappen missglücken sollte – der HSV wird in dieser Form Mühe haben, überhaupt den zur Relegation berechtigenden Platz 16 zu verteidigen. Wenn man realistisch ist, dann wird das schwer genug. Ein Selbstgänger wäre eine Relegation, egal gegen wen!, nicht.
Hoffnung macht mir, dass nächste Woche Badelj zurück sein dürfte. Eventuell, wer weiß das schon?!, steht auch Jansen wieder zur Verfügung.
Tesche, ohne ihn in den Himmel loben zu wollen, hat unter diesen Umständen (wenig eigene Spielpraxis, verunsicherte Mannschaft, „letztes Aufgebot“) eine befriedigende Leistung gezeigt. Fußball ist und bleibt Mannschaftssport. Einer allein kann in aller Regel wenig bewirken. Wer nach diesem Spiel besinnungslos und fast vollkommen undifferenziert fast jedem Spieler die Spielnote 5 oder schlechter verpasst, der offenbart einmal mehr, dass er weder fachlich Details erkennt, noch komplexe Zusammenhänge im Sport intellektuell bewältigt.
Meine Hoffnung ist also, dass es dem HSV gelingt, sich in die Relegation zu retten. Und dort soll uns ja auch wieder Lasogga zur Verfügung stehen. Es könnte also, gerade kurz vor dem endgültigen Toreschluss, dazu kommen, dass der HSV dann tatsächlich wieder in Bestbesetzung antreten kann. Aber um diese Relegation überhaupt erreichen zu können, muss der HSV endlich, endlich sein größtes Manko abstellen. Das Zauberwort heißt: Kompaktheit (s.o., auch Effenbergs Kommentar bei SKY). Mit anderen Worten: die Relegation bleibt die realistische Option. Allerdings ist es wohl die letzte Ausfahrt vor dem direkten Weg in die Zweitklassigkeit.

P.s. Nach dem Spiel meinten einige Hamburger (ca. 70), sie müsste vor dem Stadion randalieren. Unter anderem wurde mit Absperrgittern geworfen. Man versuchte wohl, die Geschäftsstelle zu stürmen. Ich habe zwar  grundsätzlich Verständnis dafür, dass man total frustriert, enttäuscht und sogar verärgert ist, halte ein solches Verhalten jedoch für eine absolute Schande. Das nützt niemandem, außer diesen Chaoten mit ihrer mangelhaften Affektkontrolle selbst. Denen geht es nicht um den HSV, sondern der HSV ist hier nur Mittel zum Zweck: um sich zu produzieren und den eigenen emotionalen Überdruck abzulassen. Da es aber grundsätzlich immer (und überall) Menschen gibt, deren Affektkontrolle schwach und schwächer ist, wird man dieses Problem leider nie vollständig in den Griff bekommen. Ich würde mir wünschen, dass die speziell geschulten Greiftrupps der Polizei dieser Leute habhaft werden, damit man ihnen unverzüglich die Kosten ihrer Aktionen in Rechnung stellen kann. Nur das dürfte den einen oder anderen zur Vernunft bringen.

 

DAS RESTPROGRAMM

15. VfB Stuttgart (31 Pkt; -11):
Hannover 96 (A)
VfL Wolfsburg (H)
Bayern München (A)

16. Hamburger Sportverein (27 Pkt; -18):
FC Augsburg (A)
Bayern München (H)
1. FSV Mainz 05 (A)

17. 1.FC Nürnberg (26 Pkt; -26)
1. FSV Mainz 05 (A)
Hannover 96 (H)
FC Schalke 04 (A)

18. Eintracht Braunschweig (25 Pkt; -26):
Hertha BSC (A)
FC Augsburg (H)
1899 Hoffenheim (A)