Jansen

Auswärtssieg dank der Ungeliebten. FSV Mainz 05 – HSV 1:2 (0:1)

Da ich das Spiel gegen den FC Augsburg nur in einer Zusammenfassung sehen konnte, habe ich bewusst darauf verzichtet, dieses Spiel hier zu kommentieren. Ein Heimsieg erschien zum damaligen Zeitpunkt fast schon als die letzte Chance für den HSV, sofern man doch noch auf den Klassenerhalt hoffen wollte. Zu ernüchternd und desillusionierend hatten die Spiele des HSV unter Interimstrainer Knäbel gewirkt. Ich registrierte also abends hocherfreut das Ergebnis und nahm einigermaßen überrascht zur Kenntnis, dass die bis dato beängstigend harmlose Abteilung Attacke gegen den FCA immerhin dreimal treffen konnte. Bewerten konnte und wollte ich dies aus naheliegenden Gründen aber nicht.

Vor dem nachfolgenden Spiel, in diesem Fall gegen den FSV, war ich einigermaßen skeptisch. Zu oft hat man von Verantwortlichen und Spielern in den letzten Jahren gehört und gelesen, dass man um die große Chance wüsste, dass man nun nachlegen wolle usw. usf. Auf die letzten Jahre bezogen entpuppte sich das dann in aller Regel als hohle Phrase, ja mitunter folgte gerade dann eine erschütternd schwache, enttäuschende Leistung. Fehlende Konstanz auf allen Ebenen, das ist (war?) schließlich eines der wesentlichen Merkmale des HSV.

Labbadia setzte gegen die Mainzer fast auf dieselbe Startelf wie gegen den FCA:

Adler – Westermann, Djourou, Rajkovic, Ostrzolek – N.Müller (39. Jansen), van der Vaart, Kacar, Ilicevic (77. Stieber), Olic (83. Rudnevs) – Lasogga.

Einzige Änderung zur Vorwoche: Nicolai Müller ersetzte Stieber auf der rechten Außenbahn. Ein Schachzug, den ich mehr als plausibel fand. Denn oft sind Spieler in Partien gegen ihren ehemaligen Verein besonders motiviert. Auch der HSV kann ein Klagelied darüber singen. Wenn ich nur daran denke, wie oft uns der ehemalige HSVer und längst Frankfurter Alex Meier abgeschossen hat…

Interessant fand ich die neue Rolle, die Labbadia für den oft enttäuschenden, da viel zu häufig verletzt ausgefallenen Ilicevic gefunden hat. Ivo zentral-offensiv im Mittelfeld als Alternative für den zuletzt gewiss nicht schlechten Stieber – für mich eine etwas überraschende Maßnahme. Weniger überraschend, dass Labbadia – endlich, endlich! – Kacar wieder im defensiven Mittelfeld das Vertrauen schenkte. Für mich war kaum nachvollziehbar, warum man den spielstärksten gelernten Sechser der Mannschaft draußen ließ, während doch ganz offensichtlich war, dass der Mannschaft zuletzt beim Einsatz eines reinen Zerstörers wie Behrami die so eminent wichtigen kreativen Impulse nach vorne fast gänzlich fehlten.

Auch van der Vaart, nominell als zweiter Sechser aufgeboten, spielte deutlich offensiver, wenn ich nicht irre. Umständliches, schematisches Ballabholen als abkippender Sechser, das scheint unter dem neuen Trainer zum Glück der Vergangenheit anzugehören. Raffa sah ich durchweg eher als Achter mit Zug nach vorne agieren, wodurch seine Fähigkeiten deutlich besser zur Geltung kommen.

Die erste Halbzeit ist schnell zusammengefasst: Der HSV spielte diszipliniert, stand defensiv relativ sicher und gewährte den optisch überlegenen Gastgebern nur wenige Torchancen. Auch wenn den Hamburgern nicht alles gelang, so war bereits nach zwanzig Minuten eindeutig zu erkennen, dass Labbadias Maßnahmen das Offensivspiel deutlich verbessern konnten. Kacar stopfte unermüdlich Löcher und war stets dort, wo er gebraucht wurde. Van der Vaart spielte nicht länger den Solisten, hinter dem sich mancher seiner Kollegen in der Vergangenheit versteckte. Und Ilicevic spielte als „Zehner“ als wäre dies seit Jahren seine angestammte Rolle beim HSV. Auch Lasogga wurde mehrfach gut ins Spiel einbezogen und konnte dank seiner Statur mehrfach für seine Farben den Ball gut behaupten. Mit anderen Worten: die Mannschaft spielte deutlich flüssiger und schneller, wovon jeder einzelne Spieler und im Resultat eben auch die Mannschaft selbst profitierte.

Die zunächst bemerkenswerteste Szene des Spiels war die fürchterliche Verletzung des Mainzer Soto nach einem unglücklich verlaufenen Zweikampf mit van der Vaart. Bekanntlich neigt van der Vaart gelegentlich zu überhartem Spiel, in diesem Fall jedoch bewerte ich die schlimme Verletzung als Unfallfolge, wie sie leider bei einem Kampf- und Kontaktsport wie dem Fußball immer wieder vorkommt. An dieser Stelle möchte ich dennoch nicht versäumen, dem Kolumbianer in Diensten des FSV eine rasche und hoffentlich vollständige Genesung zu wünschen.

Der Führungstreffer für den HSV fiel dennoch aus heiterem Himmel, denn außer vielversprechenden Ansätzen hatte der HSV zunächst keine wirklich klaren Torchancen. Westermann wollte eigentlich flanken, der Ball wurde jedoch vom Mainzer Baumgartlinger per Kopf zu einer Bogenlampe abgefälscht, die sich unhaltbar für Karius ins linke obere Eck des Mainzer Tores senkte (37.).

Zwei Minuten später musste Labbadia den angeschlagenen Müller aus dem Spiel nehmen. Doch statt des von mir erwarteten Stieber brachte er den defensiv stärkeren Jansen (39.). Als Folge dieser Wechsels spielte Olic nun auf der rechten Außenbahn, während „Cello“ den freie Platz vor Ostrzolek einnahm. Jansen hatte nach schöner Vorarbeit von Ilicevic (ließ den Ball passieren) in der 45. Minute die große Chance zum 0:2, schoss aber zu sehr „auf Mann“, sodass Karius parieren konnte.

Ähnlich erging es Kacar in der zweiten Spielhälfte, der nach einer Ecke frei zum Kopfball kam, aber ebenfalls den Ball nicht gut genug platzieren konnte (55.).

Die größte Mainzer Torchance vergab Koo, dessen Schuss nach feinem Zuspiel von Okazaki Adler mit äußerster Mühe gerade noch an den Außenpfosten lenkte (69).

Aus dem besten, da gerade lehrbuchreif vorgetragenen Angriff der Mainzer folgte der zu diesem Zeitpunkt keineswegs unverdiente Ausgleich. Der für Soto eingewechselte Malli vollendete eine sehenswerte Kombination über den rechten Mainzer Flügel zum 1:1 (76.).

Labbadia reagiert umgehend auf den veränderten Spielstand und brachte für Ilicevic den frischen Stieber (77.). Dennoch wäre Mainz beinahe der Führungstreffer gelungen. Doch den sehenswerten Freistoß von Geis konnte der sehr sicher wirkende Adler im Tor des HSV zum Glück gerade noch entschärfen (83.).

Erneut nahm Labbadia einen eins zu eins Wechsel vor und brachte Rudnevs für den gewohnt fleißigen Olic.

Als ich mich schon gerade mit einer Punkteteilung anfreunden wollte und überlegte, ob ein Punkt in Mainz nun als ausreichend oder doch zu wenig zu bewerten wäre, gelang Kacar der von Hamburger Anhang frenetisch bejubelte Siegtreffer. Nach einer Ecke des HSV von dessen rechter Angriffsseite traf Kacar den Ball bei seinem ersten Schussversuch nicht richtig, dennoch konnten  konnten die Mainzer den Ball nicht klären. So kam letztlich Kacar erneut zum Schuss und dieses Mal machte er es besser. Karius konnte seinen Flachschuss knapp neben dem rechten Pfosten nicht mehr erreichen  (87.)

Für den letzten Höhepunkt des Spiels sorgte Schiedsrichter Sippel, der Brosinski als s.g. „letztem Mann“ die Rote Karte nach einem Foul an Rudnevs zeigte.

Fazit: Der HSV hat nun zweimal hintereinander gewonnen und ist auf Platz 14 in der Tabelle geklettert. Dennoch bleibt die tabellarische Lage unverändert ernst. Erfreulich erscheint mir aus Hamburger Sicht zweierlei:

1. Der HSV erscheint unter Labbadia offensiv endlich wieder wettbewerbsfähig zu sein; 2. Der HSV kann Stand heute aus eigener Kraft den Abstieg verhindern und ist nicht auf fremde Hilfe angewiesen.

Bereits die nächsten beiden Spiele gegen den SC Freiburg (H) und den VfB Stuttgart (A) werden wohl zeigen, wohin die Reise des Dinos geht. Besonders freut mich die gute Leistung von Kacar und Westermann. Oft unsachlich kritisiert, übelst geschmäht und auch vom Verein keineswegs immer gut behandelt (Kacar), haben sie einen wesentlichen Beitrag zu diesem wichtigen Auswärtssieg geleistet. Das sollte der eine oder die andere vielleicht einfach einmal anerkennen…

Schiedsrichter: Peter Sippel (München). Unauffällig. Die Rote gegen Brosinski bleibt für mich diskutabel. Ich hielt die Entscheidung für zu hart.

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Replik zur aufkommenden Trainerdebatte

Der geschätzte Sven von den Zwergenwerken  hat einen lesenswerten Beitrag über die Trainerdiskussion (http://zwergenwerke.blogspot.de/2015/02/trainerdiskussion.html) geschrieben, den ich dort zu kommentieren begann. Als mein Entwurf eines Kommentars länger und länger wurde, habe ich mich  dazu entschlossen, meine Antwort hier zu veröffentlichen. Los geht ’s:

Ich stimme Christians Kommentar zu. Die inzwischen oft hinterfragte und geforderte „Handschrift“ eines Trainers wird von vielen Kommentatoren mit erzielten Siegen verwechselt. Gewinnt die Mannschaft, hat der Trainer – angeblich! – alles richtig gemacht. Dann hinterfragt auch keiner, warum die Spieler x,y,z spielten, und warum diese oder jene auf der Bank saßen. Und es vermisst übrigens auch kaum einer eine „Handschrift“. Dann wird gewöhnlich höchtens gemault, dass die Mannschaft keinen „schönen“ Fußball spielt.

Verliert die Mannschaft, dann meint jeder zu wissen, dass doch der Grundsatz gilt: „never change a winning team“. Völlig absurd wird es, wenn man nun allein aufgrund des Resultats die angeblich „zu vielen“ und „zu häufigen“ Wechsel Zinnbauers anprangert, aber gleichzeitig Thomas Tuchel -ausgerechnet den! – als Erlöser zum HSV sehnt. Eben jenen Trainer, der sich für jeden Gegner ggf. eine eigene, maßgeschneiderte Aufstellung einfallen lässt und deswegen auch nach Siegen seiner Mannschaften regelmäßig fünf, sechs Veränderungen vornimmt. Gerade Tuchel ignoriert das, was man aktuell Zinnbauer nach dieser Klatsche vorwirft. Aber da der Wundertrainer (noch) nicht beim HSV arbeitet, wird er als Erlöser gesehen, der ganz bestimmt über das Wasser wandeln kann. Das eint ihn im Übrigen mit vielen Spielern, die (noch) nicht für den HSV gespielt haben. Die sind angeblich auch alle tausendmal besser als die angeblich „bundesligauntauglichen“ beim aktuellen HSV. Es ist so oberflächlich, naiv und öde, weil sich diese Geschichte immer und immer wieder wiederholt: Kommen die, die (noch) nicht beim HSV sind, dann nach Hamburg und die Mannschaft gewinnt nicht plötzlich in Serie, dann wird gemutmaßt, der Effekt des Trainerwechsels sei bereits verpufft, dann werden die verwöhnten Jung-Millionäre durch die Verlockungen der Großstadt Hamburg angeblich alle schlechter. Auch Tuchel würde dann als angeblicher Fehler vorgeworfen, was ihn als Trainer im Grunde seit Jahren auszeichnet. Neben vielen anderen Eigenschaften.

Da Diekmeier ausfiel, war Götz statt des erfahreneren aber hüftsteifen Westermann aufgrund der schnellen, beweglichen Außen der Bayern m.E. mindestens nachvollziehbar. Marcos statt Ostrzolek kann man aus dem Rathaus kommend natürlich als Trainer-Fehler leicht anprangern, nur wäre auch ein Ostrzolek von Robben vorgeführt worden, wäre er so von den auf seiner Seite als Sechser spielenden und daher zuständigen vdV und Vordermann Jansen im Stich gelassen worden. Dann hätten wir eben „nur“ 6 oder 7 zu 0 verloren.

Ob Rajkovic oder Westermann, ob Cléber oder der liebe Gott persönlich als zweiter IV gespielt hätte, glaubt jemand ernsthaft, das sei der Grund für die Höhe der Niederlage gewesen? Ich nicht! Die Abwehr ist Teil einer Mannschaft und sieht immer schlecht aus, wenn sie allein gelassen wird.

Ob ein oder zwei Stürmer, das bleibt zweifellos diskutabel. Aber auch diese Frage kann nicht ernsthaft das Rekorddebakel erklären. In der 21. Minute fiel das 1:0, unmittelbar darauf ein (irreguläres) 2:0 (23.). Genau eine weitere Minute später kam Nicolai Müller für Olic. Und spätestens ab diesem Zeitpunkt, also beim Stand von 2:0, wurde im 4-2-3-1, also nur  noch mit einem Stürmer gespielt. Es verbietet sich daher, die dann immerhin noch folgenden 6 (sechs!) Gegentreffer einer zwei Stürmer-Aufstellung anzulasten.

Der Knackpunkt ist in meinen Augen das längst bekannte, wiederholte Versagen angeblicher Führungsspieler. Das ist aber auch eine Frage der Persönlichkeit der Spieler, auf die jeder Trainer, egal ob Joe Zinnbauer,  Tuchel oder meinetwegen Guardiola, nur einen arg begrenzten Einfluss hat. Da hilft nur: endlich aussortieren im Sommer. Und bei den Neuverpflichtungen auch und vor allem auf eben diesen Punkt größten Wert legen.

Dass die Mannschaft des HSV kaum echte Führungsspieler besitzt, die gerade dann vorangehen, wenn es nicht läuft, dieses Defizit ist inzwischen jedoch alt, uralt. Jansen, vdV, Westermann sind in meinen Augen honorige Spieler, die sich auch nach Pleiten den Medien stellen. Leider kennzeichnet dies allein noch keine echten Führungsspieler.

Entscheidender ist auch, was ich inzwischen als „vdV-Falle“ des HSV bezeichnen möchte. Vorne, also in der Offensive, hat er nicht überzeugend gespielt. Dann hat man händeringend für ihn eine andere Verwendung im zentral-defensiven Mittelfeld gesucht und behauptet, er könne dort spielen. Kann er durchaus auch! – mit einem Zerstörer neben sich und gegen schwächere Gegner.

Man stelle sich alternativ aber einmal vor, Joe Zinnbauer würde van der Vaart auf die Bank setzen und die Mannschaft dennoch verlieren. Raffa ist offenbar im Kollegenkreis als Authorität akzeptiert und das johlende Volk auf den Tribünen und der allgegenwärtige Boulevard „wüssten“ dann, dass es selbstverständlich ein unverzeilicher Fehler des Trainers gewesen sei, auf Raffa zu verzichten. Was hätten wir in einer ohnehin schwierigen sportlichen Situation für ein andauerendes,  öffentliches Theater in den nächsten Monaten?!

Als Coaching-Fehler Zinnbauers empfinde ich dennoch den zu späten Wechsel Jiracek/vdV angesichts dessen, was vdV bis dahin abgeliefert hatte. Im Grunde hätte man aber auch Jansen rausnehmen müssen. Doch der ist gelernter LV und war damit defensiv prinzipiell stärker als die Alternativen auf der Bank einzuschätzen. Da verstehe ich Joe Zinnbauers Zögern absolut. Später konnte er ihn nicht mehr herausnehmen, weil das Wechselkontingent bereits ausgeschöpft war.

Natürlich hat auch Zinnbauer seinen Anteil an der Rekord-Niederlage, dies will ich gar nicht in Abrede stellen. Betrachtet man jedoch seine Arbeit über die letzten Monate im Detail, dann hat er – ungeachtet der Frage, ob der HSV Grottenfußball spielt, ob er gewinnt oder verliert – eine klare, in aller Regel absolut nachvollziehbare „Handschrift“. Wenn jemand die nicht zu erkennen vermag, dann belegt das m.E. eine Leseschwäche des Betrachters und nicht, dass diese nicht vorhanden wäre.

Wir müssen in Hamburg endlich weg von der Schnappatmung nach Niederlagen, fallen sie auch noch so heftig aus. Weg vom kurzsichtigen Aktionismus, der uns  neben anderen gravierenden Fehlern auch dahin geführt hat, wo wir jetzt stehen. Wir müssen uns endlich eingestehen, wo wir längst gelandet sind, nämlich unten und ohne jeden kurzfristigen(!) Anspruch auf „Europa“. Die tatsächliche Wende zum Besseren, die wird es nur mit mehreren(!) erfolgreichen Sommer-Transferperioden und Kontinuität bei einer erst zu etablierenden, einheitlichen Spielphilosophie geben. Wer etwas anders glaubt, der lebt im Märchenland.