Kortmann

Felix Hamburg! – Polemik zur Absage Magaths

So, nun ist es also raus: Sie kommen nicht zum HSV, Herr Magath, genauer, Sie stehen nicht mehr zur Verfügung. Na, endlich! Mir fällt ein Stein vom Herzen!

Ich verfolge Ihren Weg schon lange. Erstmals sah ich Sie, da liefen Sie noch in kurzen Hosen durch das Mittelfeld des Hamburger Sportvereins. Von der Tribüne waren Sie leicht auszumachen. Dunkle Haare und ein breiter Oberkörper, der seinesgleichen suchte. So lenkten Sie das Spiel der Mannschaft, und ich habe Sie dafür respektiert. Geliebt habe ich Sie nie. Nur einmal hätte ich Sie vor Freude umarmen wollen. Das war in jener Nacht, als Sie uns in Athen in den Olymp des Fußballs schossen. Aber das war Exstase, das zählt nicht. Geliebt habe ich stets andere. Sie habe ich aber mindestens verteidigt. Zum Beispiel, wenn jemand damals von der Südtribüne brüllte: „Happel, nehm endlich den verdammten Neger raus!“ und Hartwig nicht gemeint war. Sie waren schließlich einer der unseren.

Auch an Ihre erste Zeit als Sportdirektor des Vereins erinnere ich mich. Schon damals hatte der Verein ein Faible für Berufsanfänger auf Schlüsselpositionen. Mir kam Ihre damalige Verpflichtung spanisch vor. Aber was wusste denn schon ich, damals?! Damals zehrten Sie bei mir noch vom Glanz des ehemaligen Spielers. Dieser Lack jedoch ist längst ab.

Zweifellos, Sie haben auch als Trainer Großes geleistet. Unbestreitbar. Das zweimalige Double mit Bayern etwa oder gar die Meisterschaft mit dem VFL Wolfsburg. Respekt! Aber nach und nach erschien Ihnen das Traineramt allein nicht ausreichend. Club-Manager nach englischem Vorbild wollten Sie sein, ein Alleinherrscher. Nachvollziehbar. Ich wollte mir auch nicht von inkompetenten Amateuren ins Handwerk pfuschen lassen. Einerseits. Anderseits finde ich, man muss die Menschen mitnehmen, man muss sie überzeugen und um sie werben. Sie aber verordnen Gefolgschaft. Wer Ihnen nicht folgt, der fliegt. Das scheint eine Konsequenz zu sein, die Sie aus Ihren Lebenserfahrungen gezogen haben. So ist nun einmal professioneller Fußball, würden Sie vermutlich sagen. Kein Platz für Sentimentalitäten.

Sie konnten als Spieler bei den Besten lernen. Zebec und Happel. Beide erfolgreich. Bei beiden bestand wohl nie ein Zweifel, wer das Sagen hat. Aber, mit Verlaub, der eine war ein schwerst kranker Alkoholiker, der seinen Preis gezahlt hat. Vom Anderen ist u.v.m. überliefert, dass er den Mannschaftsrat zusammenrief, ihn debattieren ließ, um dann dessen Vorschläge als vermeintlich gewonnene, eigene Überzeugung und Entscheidung zu übernehmen. Hrubesch lacht darüber heute noch, wenn er das erzählt.

Sie waren und sind stets unnahbar geblieben. Jedenfalls für die Allermeisten. Das ist nicht schlimm. Es ist sogar nachvollziehbar, wenn man sich durchweg in einer Branche bewegt, die man mit „Haifischen“ in Verbindung bringt. Aber offensichtlich geht Professionalität im Fußball bei aller Härte des Geschäfts auch anders. Nicht nur in München wird das behauptet. Auch in Dortmund beschäftigen sie Menschenfänger, keine Autokraten.

Sie, Herr Magath, besetzen die Sehnsucht des deutschen Michels nach dem einen starken Mann. Für mich allein schon ein Grund, Sie suspekt zu finden. Das Verlangen nach starken Männern nimmt sprunghaft zu in einer Krise. Und der HSV befindet sich in einer ernsten Krise, wer würde das bestreiten?!

Nicht nur, aber auch auf Schalke haben Sie ein hässliches Gesicht gezeigt. Spieler scheinen Ihnen beliebige Austausch- und Manövriermasse zu sein. Fans und deren Nöte? Vermutlich lächeln Sie über unsereinen. Alles ahnungslose Amateure. Also griffen Sie sogar in die Fanarbeit des FC Schalke ein. Ein Fehler, wie Sie wohl bald nachträglich erkannt haben. Denn schlau sind Sie durchaus. Also begannen Sie damit, sich via Facebook an das Volk zu wenden. Verzeihen Sie, wenn ich das als rein taktisches Manöver, als nüchtern kalkuliert einschätze. Fans, das unterstelle ich, sind für Sie Kunden. Sie sind die notwendigen Bauern, das Fußvolk in Ihrem Spiel. Sie haben aus Schalke gelernt. Aber mir scheint, mehr notgedrungen als aus wirklicher Überzeugung.

Nun haben Sie vor Monaten damit begonnen, immer wieder geschickt anzudeuten , dass Ihnen eine Rückkehr zum HSV vorstellbar erscheine. In der Debatte um die Strukturveränderung schlugen Sie sich auf die Seite der Ausgliederungsverhinderer. Jedenfalls ließen sich Ihre Aussagen so interpretieren. (Wen wundert es da noch, dass u.a. Hunke Sie nun installieren wollte?!) Irritierend aber auch bezeichnend fand ich, dass sich praktisch alle ’83er für HSVPlus engagierten, oder sich wenigstens positiv dazu äußerten. Nur Sie, Sie spielten ihr ganz eigenes Spiel.

Professioneller Sport ist harte Arbeit. Für reine Gefühlsduselei ist da kein Platz. So weit so gut. Aber Ihre Devise scheint mir: Peitsche, Peitsche, Peitsche und nur ausnahmsweise Zucker. Negative Verstärkung. Mit Angst und Strafe ein erwünschtes Verhalten fördern. Aus meiner Sicht ein zynisches Menschenbild, Ihr Bild. Ganz nebenbei bedient es die niedersten Triebe des Pöbels. Endlich einer, der überbezahlte Söldner stellvertretend abstraft. Gratuliere. Denn Sie, der Sie Spieler wie x-beliebige Schachfiguren austauschen, verhindern damit auch, dass sich Spieler mit einem Verein identifizieren können. Sie beförden genau jenes Söldnertum, dass Sie stellvertetend sanktionieren sollen, ginge es allein nach der Masse.

Wenn ich mit Menschen arbeite, dann setze ich vor allem auf die Überzeugungskraft der besseren Argumente, auf Autorität, die aus überlegenem Wissen oder Können resultiert und auf Positive Verstärkung. Ein Lob hier und da kann Wunder wirken. Wenn ich etwas nicht weiß, und das kommt oft genug vor, so höre ich zu und lasse mich eines Besseren belehren.  Man kann nie alles wissen. Und keiner ist unfehlbar – schon gar nicht ich.

Natürlich, das kenn ich wohl, muss man gelegentlich hart durchgreifen. Sonst kann einem eine Gruppe auch mal aus dem Ruder laufen. Glauben Sie mir, Sie wollten nicht in der Nähe sein, wenn ich mich dazu gezwungen sehe. Dass ich dennoch einen grundsätzlich kooperativen Führungsstil bevorzuge, mag daran liegen, dass ich aus meiner Biografie andere Schlüsse gezogen habe, ziehen konnte. Ich versuche destruktiven Zynismus zu vermeiden, auch wenn mein Menschenbild alles andere als romantisch ist. Und es mag daran liegen, dass ich zwar den Erfolg will, ihm aber nicht um jeden (menschlichen) Preis nachjage.

Nun hat man Sie zum zweiten Mal nach Hamburg bestellt und ergebnislos warten lassen. Daraus haben Sie die fällige Konsequenz gezogen. Wieder einmal. Das hätte ich mir auch nicht bieten lassen. Aber Sie müssen natürlich die angeblich Schuldigen via Facebook benennen. „Mimimi, an mir hat es ja nicht gelegen, die da sind ’s gewesen!“ – das ist der selbstgerechte und peinliche Subtext Ihrer Erklärung, Herr Magath. Größe, so schrieb ich hier unlängst, erweist sich in der Niederlage. Größe, so füge ich heute hinzu, erweist man auch dann, indem man beim Geliebten, der einen verschmähte, nicht kleinlich nachkartet. Schon gar nicht, wenn der ohnehin bereits am Boden liegt. Schweigen, das sollten gerade Sie doch wissen, ist oft klüger.

So kommen Sie also nicht zum HSV, und ich bin froh darüber! Natürlich bin auch ich der Meinung, dass der Abstieg verhindert werden muss. Mag sein, sie hätten mit Ihren Methoden dieses Ziel sogar erreicht. Aber die lange Liste der HSV-Trainer und ihre jeweilige Verweildauer in den letzten Jahren beweisen, dass die Probleme des Vereins tiefer liegen. Ich möchte den Kompetenzmangel kooperativ und im Team behoben sehen. Ich möchte nicht, dass sich der Verein einer Person praktisch ausliefert. Auch und schon gar nicht Ihnen. Denn dieser Verein braucht, da stimme ich Olaf Kortmann zu, endlich eine stimmige, überzeugende Idee, wer oder was er sein will. Dazu gehörte für mich auch, dass man endlich damit beginnt, sich hanseatisch zu verhalten. Ich habe längst genug vom Denver Clan an der Elbe. Ich bin für nüchterne Analyse. Auch ein Trochowski oder Jarolim hätten bei mir nie Erbhöfe gehabt, denn der Fußball entwickelt sich weiter. Wer da zurückbleibt, der hat bereits verloren. Aber es ist etwas grundsätzlich anderes, wenn man nach ein, zwei oder drei Jahren entscheidet, dass eine Trennung besser für alle Beteiligten wäre, oder ob man beständig und inflationär heuert und feuert.

Persönlich wünsche ich Ihnen alles Gute. Dem HSV wünsche ich, dass das Kapitel Magath mit Ihrer aktuellen Absage geschlossen wird. Und da ich nicht erwarten darf, dass Sie Ihre Haltung grundlegend ändern werden, auch endgültig geschlossen bleibt. In meinen Augen ist das Scheitern Ihrer Verpflichtung ein Glück und keine Last.

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Bert van Marwijk – (noch) der richtige Trainer für den HSV?

Das ist die Frage, die die Gemüter all jener erregt, die es mit dem Hamburger SV halten. Abgesichts der tabellarischen Talfahrt scheint die Antwort einfach: weg mit ihm!  Jeder Trainer wird vor allem an Ergebnissen gemessen. Dem HSV fehlen Punkte, eindeutig. Die Mannschaft ist auf einen direkten Abstiegsplatz abgerutscht und sie bot, wie z.B. in der zweiten Hälfte gegen die TSG Hoffenheim, erschreckende Leistungen. Die Punkteausbeute unter diesem Trainer unterbietet sogar den bereits wenig berauschenden Quotienten seines Vorgängers. Seit Tagen feuert der Boulevard aus allen Rohren. Dieser Trainer sei faul, liest man. Unbelehrbar sei er auch, und er habe, der Gipfel aller Behauptungen, gravierende fachliche Defizite. Doch ist das so (einfach)?

Die Ära van Marwijks begann mit einem temporären sportlichen Aufschwung. „Europapokal!, Europapokal!“ sang mancher, der heute z.T. auf übelste und niederträchtigste Art am Trainerstuhl sägt. Da wurde dem Niederländer sogar verziehen, dass er im Hotel wohnte und keinerlei Anstalten machte, sich wenigstens eine Wohnung zu mieten. Auch seine regelmäßigen Fahrten zu seiner Familie waren kein Thema. Doch wer kennt sie nicht, die vermeintlich längst beigelegten Konflikte, die im Streitfall plötzlich wieder hervorgeholt, aufgewärmt und als angeblich schlagende Argumente für die Defizite des Anderen ins Feld geführt werden? Nichts scheint sich doch gebessert zu haben. Die Mannschaft auf Platz 17 und an der zu Beginn bejubelten Handschrift wird nun gezweifelt. Die Heimfahrten gelten jetzt als Ausdruck mangelnder Führungsstärke, das Hotelzimmer als Beleg mangelnder Identifikation mit dem Verein und, schlimmer noch, mit der Stadt. Sein entschiedenes Auftreten, seine klaren Ansichten belegen nun angeblich seine Unbelehrbarkeit.

Eindeutig ist, dass sich Bert van Marwijk von niemandem auf der Nase herumtanzen lässt. So drohte er bereits in den ersten Pressekonferenzen jedem mit Rauswurf, der negativ sei. Auch den anwesenden Damen und Herren Meinungsmachern beschied er kühl, dass er entscheidet, was gemacht und wie es gemacht wird. Ein Vorgehen, das ich in Hamburg für längst überfällig halte, das aber einem permanenten Tanz auf der Rasierklinge gleichkommt. Denn so einer wird auf Dauer nur im Erfolg geduldet, geliebt wird er nie. Es gibt in und rund um den HSV zu viele, viel zu viele, die mitreden wollen. Und all die, die so lange ruhig gestellt waren, so lange der Erfolg anhielt, fühlen sich im Falle des Misserfolgs berufen, ihr Urteil  abzugeben. Im Grunde ist es stets dasselbe: Der Erfolg hat immer viele Väter, der Misserfolg nur einen.

Um die Arbeit und Eignung eines Trainers tatsächlich und umfassend selbst beurteilen zu können, wären eine Reihe von Kriterien zu erfüllen. Als da wären: eigene, im engeren Sinne sportfachliche  Qualifikation (Trainingsmethodik, Taktik); regelmäßige, eigene Anwesenheit beim Training; Zugang zum Allerheiligsten, dem Kabinentrakt; fundierte sportpsychologische Kenntnisse; solide Ausbildung im Umgang mit statistischen Daten; gute brancheninterne Vernetzung und, last but not least!, ein permanenter Blick auf die finanziellen Rahmenbedingungen des jeweiligen Vereins. Und am Ende sind dann auch die unter ihm erzielten Punkte zu berücksichtigen. Diese Kriterien sind alle mit einander verknüpft, in Beziehung zu bringen und zu gewichten. Um es möglichst kurz zu halten: Jeder hat ein Recht auf seine eigene Meinung, aber von mir geschätzte mehr als 95 Prozent aller Kritiker, die Experten der Sportredaktionen eingeschlossen, erfüllen mindestens eins (oder gleich mehrere) der genannten Kriterien eindeutig nicht. Auch ich nicht. Und das erschwert die eigene Meinungsbildung.

Ich möchte hier zwei Aspekte anreißen, die derzeit heiß diskutiert werden: Den Fitnesszustand der Mannschaft, angeblich belegt durch Tracking-Daten. Stichwort: zu lasches, falsches Training. Und etwas, von dem ich befürchte, dass es diesem Trainer am Ende den Kopf kosten wird.

1. Laufleistung, Fitness und Spielausgang

Es kann gar nicht bestritten werden, dass Fußball ein Laufspiel ist. Das ist eine Phrase. Seit aber die s.g. Tracking-Daten veröffentlich werden, meint halb Deutschland, es sei  zu einer Analyse des Fitnesszustandes einer Mannschaft oder zur Beurteilung des Trainings (und damit des Trainers), das der Laufleistung zugrunde liegt, qualifiziert. Mit zum Teil erstaunlicher Akribie werden Rangfolgen erstellt, Mittelwerte errechnet und dann leichtfertig weitreichende Schlüsse gezogen.

Eine s.g. Korrelation, liebe Leute, ist ein wie auch immer gearteter Zusammenhang zwischen einem Merkmal und einem (oder mehreren) anderen. Da Fußball (auch) ein Laufspiel ist, steht das Laufen zweifellos in einer Beziehung zu diversen, anderen Parametern, auch zum Ergebnis oder zur Fitness. Das korreliert mit einander. Aus dem allgemeinen Merkmal Laufleistung, auch wenn man es aufschlüsselt in Gesamtdistanz, intensive Läufe und Sprints, meint nur der Laie schlussfolgern zu dürfen, dass hier ein kausaler Zusammenhang bestünde. Frei nach dem Motto: weil das Taining unter van Marwijk zu lasch ist, laufen die Spieler weniger. Und weil die HSV-Spieler weniger laufen, darum steht der HSV auf Platz 17. Das ist mit Verlaub Statistik für Milchmädchen. Auf ähnlichem küchenpsychologischem Niveau angesiedelt wie die Behauptung, weil es den Spielern des HSVs an Charakter fehle, deswegen verlören sie die Spiele. Ebenfalls ähnlich gelagert wäre die Annahme, dass man aus der Anzahl der veröffentlichten und/oder öffentlich zugänglichen Trainingseinheiten gesichert schlussfolgern könne, was Trainer und Mannschaft so den lieben langen Tag treiben.

Nicht nur Ottmar Hitzfeld beklagte bereits vor inzwischen einigen Jahren, dass er als Bundesligatrainer deutlich mehr als 60 Prozent seiner Zeit mit administrativen Aufgaben, mit Presse- und Sponsorenterminen etc. pp. verbringen müsse, was ihn bei seiner Kernaufgabe, der Arbeit mit den Spielern oder der Mannschaft, behindere und einschränke. Das ist der Preis, den die Trainer heute für die permanent zunehmende Professionalisierung des Sports, auch für ihre hohen Gehälter zu zahlen haben. Es ist im Grunde albern: nur weil man einen Ausschnitt aus der Arbeit eines Trainers wahrnimmt, wird behauptet, man könne dessen gesamtes Leistungsbild beurteilen. Fast möchte man sarkastisch rufen: Schließt doch beide Augen, dann seht ihr noch mehr!

Sicher ist Olaf Kortmanns Argumentation nachvollziehbar, dass es rein sportlich u.U. klüger gewesen wäre, hätte man die Mannschaft unter hiesigen klimatischen Bedingungen an das Spiel gegen Schalke herangeführt. Denn grundsätzlich und unbestreitbar gilt: Das Training sollte größtmöglich der realen Wettkampfsituation ähneln. Er übersieht hier m.E. jedoch zweierlei:

a.) Der HSV hatte bereits einige verletzte Spieler und die Personaldecke der ersten Mannschaft, sieht man von den abzugebenden Spielern ab, ist dünn. Training auf gefrorenem oder seifigem Boden birgt unbestreitbar ein höheres Verletzungsrisiko. Auch aus diesem Grunde zieht es keineswegs nur den HSV sondern viele, viele Profi-Mannschaften für die Rückrundenvorbereitung in wärmere Gefilde.

b.) Der HSV ist an Verträge gebunden, die mutmaßlich mit einigem zeitlichen Vorlauf geschlossen wurden. Und der HSV benötigt inzwischen jeden Cent! Ob es angesichts der zunehmend komplizierter werdenen tabellarisch/sportlichen Situation überhaupt möglich gewesen wäre, aus diesen Verträgen auszusteigen, um wie von Kortmann gefordert, die ursprünglich geplante Vorbereitung umzustellen, das kann er m.E. ebenso wenig wie wir beurteilen.

Damit bin ich bei dem zweiten Aspekt: van Marwijk äußerte unlängst während einer PK beiläufig, dass er sich nicht zu (weiteren) neuen Spielern äußern wolle, dass er darüber gar nicht nachdenken wolle, da die Situation sei, wie sie nun einmal sei. Und er würde ansonsten nur schlechte Laune bekommen. Meines Erachtens zeigt sich hier, dass er sich in einer Mischung aus Loyalität, Pragmatismus und Fatalismus mit den Gegebenheiten beim HSV auseinandersetzt. Nicht die schlechteste Einstellung, finde ich.

Es ist wohlfeil, permanent nach neuem Personal zu rufen, wenn man selbst nie den Kopf hinhalten muss. Diejenigen, die gestern den finanziellen Abgrund behaupteten, die dann ungerührt neues Personal forderten, obwohl das alte noch auf der Payroll stand, die dann heute erneut über die finanzielle Lage barmen um morgen wieder, und dieses Mal gleich mehrere(!) Führungsspieler zu fordern, sind übermorgen die, die den Lizenzentzug bejammern und Köpfe rollen sehen wollen. Allerdings nie ihren eigenen. Selbstverständlich ist (fast) alles teurer als der Abstieg. Aber auch das bleibt unbestreitbar und wahr: Geld, das man nicht hat, das kann man, jedenfalls auf Dauer, nicht ausgeben.

Mich erinnert van Marwijk in diesem Zusammenhang an Lucien Favre in seiner letzen Saison bei Hertha BSC. Zu Beginn  der damaligen Spielzeit hieß es, Hertha müsse dringend sparen. Favre, ebenfalls pragmatisch und loyal, verzichtete auf Verstärkungen. Dann geriet er mit der Mannschaft in Abstiegsgefahr und wurde gefeuert. Seinem Nachfolger, Funkel, gewährte man dann 2,5 Millionen Euro für Verstärkungen. Ich behaupte, wäre Favre egoistischer gewesen, hätte man bereits ihm dieses Geld zu Saisonbeginn zur Verfügung gestellt, viele weiteren Dinge, die übrigens dann noch teurer wurden, wären der Hertha erspart geblieben.

Alles, was ich bisher von van Marwijk hörte, hatte Hand und Fuß. Und in meinen Augen hat er eine gewisse Klasse, z.B. im Umgang mit den z.T. ehrabschneidenden Vorwürfen der letzen Tage und Wochen, bewiesen. Auch wenn er sich zum Beispiel hartnäckig weigert, Interna preiszugeben, oder sich vor Tah oder andere Spieler stellt. Wenn dieser Mann sagt, alle Fitnesswerte seien im grünen Bereich, dann glaube ich ihm das. Das Gegenteil könnte man nur dann begründet behaupten, wenn einem selbst die Werte zugänglich wären. Meines Wissens ist aber kein Kritiker im Besitz dieser Daten. Und es lässt sich begründet vermuten, dass es ihnen, selbst wenn sie sie hätten, an der Qualifikation (s.o.) mangelt, um sie sachgerecht zu interpretieren.

Kurz zu seinen Trainingsinhalten, soweit sie (mir) zugänglich sind: Offenbar setzt Bert van Marwijk viel auf Spiel- und Passformen mit Ball. Ich halte das für grundsätzlich ebenso richtig, wie ich es für richtig halte, dass er sich öffentlich als Trainer vor einzelne Spieler, bzw. diese junge Mannschaft stellt. Was intern passiert oder passieren sollte, das steht auf einem anderen Blatt. Dieses ist aber (s.o.) von Außenstehenden im Grunde nicht seriös zu beurteilen. Neben technisch-taktischen Defiziten verorte ich das derzeitige Hauptproblem der Mannschaft im mentalen Bereich. Nur so sind die wiederholten Blackouts zu erklären, oder die haarsträubenden technischen und taktischen Fehler. Niemand wird mich davon überzeugen, dass diese im Grunde talentierte Mannschaft, die zudem systematisch z.B. das Passen trainiert, das Fußballspielen vollkommen verlernt hat. Fehlpässe, wie sie vor allem während der gesamten zweiten Hälfte gegen Hoffenheim gespielt wurden, sind anders einfach nicht zu erklären. Selbst wenn man behaupten wollte, einmal Training sei zu wenig, zweimal sei besser – deswegen spielt man als Profi nicht serienweise Bälle aus vier, fünf Metern am Kollegen vorbei.

Allerdings, das ist die normative Kraft des Faktischen, ist es müßig, ob wir für oder gegen diesen Trainer argumentieren. Am Ende zählen auch die Punkte. Nur im Leistungsnachwuchsbereich kann man sich davon zugunsten der individuellen Ausbildung seiner Talente bis zu einem gewissen Grad abkoppeln. Aber selbst dort gilt: Jeder Verein muss bestrebt sein, die höchste Liga zu erreichen und auch zu halten. Es steht daher zu vermuten, dass man, sollten nicht bald Punkte gesammelt werden, in einem Akt völliger Verzweiflung die letzte Patrone verfeuert. Dann aber wäre keineswegs bewiesen, dass van Marwijk ein fauler, schlechter Trainer ist. Dann wäre nur ein weiteres Bauernopfer für den Jahrzehnte währenden Kompetenzmangel im und rund um den Hamburger SV gefunden.