Slomka

Es bleibt noch viel zu tun: FC Energie Cottbus – HSV 1:4 i.E.

Die Fußballweltmeisterschaft ist schon wieder nur eine schöne Erinnerung. Nach der vermutlich längsten Saisonvorbereitung der Vereinsgeschichte und der Verpflichtung von vier neuen Spielern (Matthias Ostrzolek, Valon Behrami, Nicolai Müller, Zoltán Stieber) durfte man gespannt sein, wie sich die Mannschaft des Hamburger Sportvereins in ihrem ersten Pflichtspiel präsentieren würde.

Die vorangegangenen Auftritte gegen Wolfsburg, M’Gladbach und Lazio Rom waren aus meiner Sicht Muster (fast) ohne Wert, da Trainer bei Testspielen gewöhnlich viel experimentieren, was sich regelmäßig u.a. in zahlreichen Personalwechseln widerspiegelt. Wer und wie lange jemand in diesen Tests zum Einsatz kommt, das ist nicht zuletzt auch eine Frage der körperlichen Verfassung zum Zeitpunkt „X“ und lässt nur sehr bedingt Rückschlüsse auf die spätere Stammformation in den Pflichtspielen zu. Einer von mehreren Gründen, warum ich in den letzten Wochen diese Spiele hier nicht kommentiert habe. Erkennbar war m.E. jedoch, dass die Mannschaft diese Spielzeit körperlich in einer anderen, besseren Verfassung bestreiten wird, was angesichts von gleich drei Trainingslagern allerdings auch nicht überraschen konnte.

In den Tests war gelegentlich auch schon zu erahnen, dass die Verantwortlichen mehr Tempo in das Spiel der Mannschaft bringen woll(t)en. Gerade die drei Neuzugänge, Ostrzolek, Stieber und Müller müssen in diesem Zusammenhang genannt werden. Zudem erhöht sich durch ihre Verpflichtung der Konkurrenzdruck im Kader, was ich nur begrüßen kann. Linksverteidiger Ostrzolek wird Druck auf Jansen und Jiracek ausüben, Müller wird hoffentlich im ROM den leider dauerverletzten Beister adäquat ersetzen (was die Einsatzchancen für Zoua nicht gerade verbessern dürfte), und mit dem nominellen Linksaußen Stieber (alternativ: Jansen) im Nacken muss nun auch Ilicevic endlich „liefern“. In das defensive Mittelfeld soll Valon Behrami jene Qualitäten einbringen, die dort nicht erst seit letzter Saison viel zu oft schmerzlich vermisst wurden: Führungsqualitäten, klare Pässe und kompromissloses Zweikampfverhalten. Schaut man sich die personellen Alternativen und die Restvertragslaufzeiten an, dann ist m.E. zu erwarten, dass noch der eine oder andere bisherige Stammspieler abgegeben werden wird. Mich würde jedenfalls ein Abgang von Badelj, Jiracek oder Jansen nicht überraschen.

Neben Beister und Rajkovic dürfte wohl Kacar der zur Zeit größte Pechvogel sein. Schien es lange Zeit, als sei er neben Djourou als zweiter Innenverteidiger so gut wie gesetzt und hätte Westermann erfolgreich verdrängt, so wird man nach seiner Verletzung endgültig einen weiteren, neuen Innenverteidiger holen. Das dürfte auch die zukünftige sportliche Perspektive Westermanns beim HSV erheblich beeinflussen. Wenn der Anschein nicht trügt, so könnten auch hier die Zeichen auf Abschied stehen. Ich schätze Charakter und Polyvalenz von HW4, glaube aber derzeit, dass dieses Kapitel spätestens mit Ablauf seines Vertrages im nächsten Sommer geschlossen wird.

Für das gestrige Pokalspiel standen Mirko Slomka jedenfalls weder Kacar, Stieber oder Müller zur Verfügung.  Von den Neuverpflichtungen schaffte es einzig Behrami in die Startelf. Ostrzolek, obwohl fit, hatte nur wenige Trainingseinheiten zusammen mit der Mannschaft absolviert, sodass er lediglich als Ersatzspieler auf dem Spielberichtsbogen auftauchte. Slomka vertraute also folgender Aufstellung: Adler – Diekmeier, Djourou, Westermann, Jiracek (46. Lasogga) – Badelj (61. Arslan), Behrami, Ilicevic (115. Zoua), van der Vaart, Jansen – Rudnevs

Spiel: Der HSV begann die Partie in dem bekannten  4-2-3-1 mit Rudnevs als einziger Spitze.

In die defensive Viererkette rückte nach der Verletzung Kacars, dem Abgang von Mancienne und Sobiech und dem fortdauernden Ausfall von Rajkovic fast zwangsläufig Westermann als zweiter Innenverteidiger neben Djourou. Hier galt also: Business as usual…

Ilicevic bespielte ungewohnterweise die rechte offensive Außenbahn. Dies war vermutlich der Tatsache geschuldet, dass Beister-Ersatz Nicolai Müller noch mit Adduktorenproblemen ausfiel. Die linke offensive Außenbahn bespielte Jansen, dem wiederum Jiracek als Linksverteidiger den Rücken frei halten sollte. Ich gebe zu, mich hat diese Aufstellung zunächst doch ein wenig überrascht, da ich Ilicevic, obwohl er Rechtsfuß ist,  auf der rechten (statt der linken) Außenbahn schwächer sehe. Slomka wird wohl, so vermute ich, nicht zuletzt hier die Geschwindigkeit favorisiert haben, was angesichts der Ausfälle auf dieser Seite für Ilicevic (und bspw. gegen Zoua) gesprochen haben dürfte. Mit dem durchaus eingespielten Gespann Jiracek/Jansen sollte zudem wohl auch das kämpferische Element gestärkt werden. Dies wäre m.E. eine im Vorfeld einer auswärts ausgetragenen Pokalpartie plausible Begründung für diese Personalauswahl.

Die beiden Sechser, Behrami und Badelj, schoben bei eigenem Ballbesitz relativ weit auseinander, wodurch das eigene Spiel vermutlich einerseits mehr Breite erhalten sollte, andererseits auf dem ballnahen Flügel eine weitere, zusätzliche Anspielstation/Absicherung erzeugt werden sollte. Ich hatte jedoch den Eindruck, dass Behrami grundsätzlich etwas häufiger als Badelj zentraler positioniert blieb, was man wohl auch als Fingerzeig für die zukünftige Führungsrolle des Schweizers werten könnte, die man sich von Seiten der Verantwortlichen von ihm allem Anschein nach verspricht.

Der HSV begann die Partie konzentriert, entwickelte jedoch enttäuschend wenig Ideen im Spielaufbau. Auch das für die kommende Saison favorisierte schnelle Umschaltspiel war kaum zu sehen. Immer wieder verfing man sich in der vielbeinigen Defensive der clever und engagiert verteidigenden Cottbusser.

In der 10. Spielminute wollte Westermann per Kopf auf Adler zurücklegen, doch der Ball geriet deutlich zu kurz. Jiracek sah vermutlich Adler aus seinem Gehäuse kommen und wollte den einlaufenden Cottbusser Angreifer wohl nur blocken. Adler kam jedoch zu spät an den Ball und rammte zuerst den Cottbusser Spieler (statt den Ball zu spielen). Der Angreifer ging zu Boden, und Schiedsrichter Kinhöfer zeigte folgerichtig auf den Punkt. Zeitz verwandelte den folgenden Strafstoß sicher. Das 1:0 für die Gastgeber, und der HSV durfte mal wieder einem Rückstand hinterherlaufen. Wie bereits geschrieben: Business as usual.

Aus meiner Sicht blieb dies leider nicht die einzige Unsicherheit Adlers, denn im weiteren Verlauf zeigte er auch zweimal haarsträubende Pässe bei der Spieleröffnung (mit dem Fuß), die beide direkt und problemlos vom Gegner abgefangen werden konnten. Hatte ich bei den vorangegangenen Testspielen noch die Hoffnung, er hätte zur Glanzform früherer Tage zurückgefunden, so war dies ein klarer Rückschritt. Daran können auch zwei später von ihm gehaltene Elfmeter nichts ändern, zumal mindestens der erste ganz, ganz schwach geschossen wurde.

Zur Pause reagierte Slomka und wechselte vom offensiv fast völlig wirkungslosen  4-2-3-1 auf ein 4-4-1-1 (mit flacher vier). Jansen gab nun wie gewohnt den Linksverteidiger für den ausgewechselten Jiracek; Ilicevic kehrte auf seine angestammte linke offensive Außenbahn zurück, während Rudnevs die nun verwaiste offensive rechte Planstelle besetzte. Ganz vorne, wie gehabt, spielte nun Lasogga vor dem leicht dahinter und um ihn herumspielenden van der Vaart. Der HSV kam zwar nach Wiederanpfiff etwas besser ins Spiel, ohne jedoch den ganz großen Druck auf das gegnerische Gehäuse erzeugen zu können. Es konnte daher nicht überraschen, dass HSV-Trainer Slomka in der 61. Spielminute den wenig überzeugend aufspielenden Badelj durch den offensiveren Arslan ersetzte. Arslan, da ich ihn ja häufig kritisiert habe, will ich das hier ausdrücklich festhalten, zeigte eine wirklich starke Leistung. Für mich zeigte er neben Djourou und van der Vaart die beste Leistung auf Seiten der Hamburger. Er war erkennbar darum bemüht, mit klugen raumöffnenden oder -nutzenden Pässen seine Mitspieler in Szene zu setzen, oder durch eigene Aktionen defensiv und offensiv Akzente zu setzen. Das hat mir wirklich  gefallen!

Der HSV spielte nun zunächst deutlich überlegen und kam folgerichtig zum verdienten Ausgleichstreffer. In der 70. Minute trat der ebenfalls deutlich formverbesserte van der Vaart einen guten Eckstoß. Westermann köpfte den Ball unhaltbar für Müller im Tor der Lausitzer ins Netz. Das 1:1.

Drei Minuten später hatte der HSV sogar die Chance zur Führung. Nach erneut starkem Pass von Arslan konnte Lasogga jedoch den Ball nicht über den Torwart lupfen. Die Nachschusschance für Ilicevic ist ob des dann doch arg spitz gewordenen Winkels m.E. nur ein Fall für die Statistik.

Eindeutige, weitere Torchancen waren nicht zu verzeichnen, sodass die Partie in die Verlängerung ging.

In der 96. Minute unterstrich van der Vaart seine gute Frühform und schoss sehenswert einen direkten Freistoß aus halbrechter Position über die Mauer der Gastgeber ins Netz. Die 1:2-Führung für den HSV.

Die Hamburger versäumten es nun, den sprichwörtlichen Sack zuzumachen. Statt weiter konsequent offensiv Druck auszuüben zog man sich unverständlicherweise zu sehr zurück. Eigene Unsicherheiten bei der Ballannahme und -verarbeitung (Behrami!) taten ein Übriges. So kamen die Lausitzer zunehmend stärker auf. Verdienter Lohn ihrer Bemühungen und Ausdruck einer durchaus starken Leistung (für einen Drittligisten mit fast vollständig neuer Mannschaft) war der erneute Ausgleich in der 105. Minute. Hier ließ sich praktisch die gesamte Hamburger Abwehr  (Djourou, Diekmeier und Westermann) düpieren.

Kurz vor Ablauf der Verlängerung brachte Slomka noch Zoua für Ilicevic. Zoua nahm  wie gewohnt den Platz auf der rechten offensiven Außenbahn ein, während Rudnevs nun auf die Ilicevic-Position auf dem linken Flügel rückte. Dieser Wechsel wirkte sich aber nicht mehr spielentscheidend aus. Es blieb also beim 2:2.

Nach Ablauf der Verlängerung musste daher das Elfmeterschießen über Ausscheiden oder Weiterkommen entscheiden. Hamburgs Schützen, van der Vaart, Djourou, Jansen und Rudnevs, verwandelten alle absolut sicher. Schon der erste Schütze der Cottbusser jedoch, Pawela, scheiterte mit einem äußerst schwach geschossenen Elfmeter an Adler. Den musste ein Bundesligatorhüter m.E. halten, daher kein Sonderlob für Adler an dieser Stelle. Beim insgesamt dritten Elfmeter für die Gastgeber (von Michel) ahnte Adler erneut die richtige Ecke und hatte zudem das Glück, dass der Cottbusser Michel den Ball halbhoch und damit dankbar für jeden Torhüter schoss.

Schiedsrichter: Thorsten Kinhöfer (Herne). Ohne größere Fehler.

Fazit: Der HSV setzte sich am Ende nach keineswegs überzeugender Leistung im Elfmeterschießen durch und zieht in die nächste Runde des DFB-Pokals ein. Kompliment an den Trainer des FC Energie, Krämer, und seine Mannschaft für eine starke Leistung.

Für HSV-Trainer Mirko Slomka bleibt viel zu tun. Nach wie vor ist das Aufbauspiel stark verbesserungswürdig. Jiracek wird es schwer haben, ins Team zu finden, sobald sich Ostrzolek mit der Mannschaft eingespielt hat, sofern Jansen beim HSV bleibt.

Westermann wie gehabt mit Licht und Schatten. Behrami ist in dieser Verfassung noch nicht überzeugend, obgleich man seine Qualitäten durchaus des Öfteren aufblitzen sieht.

Rudnevs zeigte auf beiden Außenbahnen  eine ansprechende Leistung und scheint für Slomka hinter Nicolai Müller hier die erste Alternative zu sein.  Die Einsatzchancen für Zoua dürften daher, Stand gestern, überschaubar sein.

Bei Stieber, auch wenn er gestern gar nicht spielte, schien mir bei seinen bisherigen Einsätzen noch die Bindung zur Mannschaft zu fehlen.

Selbst mit einem Lasogga, der verletzungsbedingt noch nicht in Topform sein konnte, erhielt das Angriffsspiel des HSVs sofort eine andere Qualität. Anders formuliert: es fehlt bisher unverändert eine wirklich überzeugende Alternative. Allerdings könnte sich die gesamte Spielanlage des Hamburger Sportvereins entscheidend verändern, sobald man die schnellen neuen Leute erfolgreich integriert hat, sodass dann auch ein Rudnevs besser zur Geltung kommen könnte.

Man wird abwarten müssen, ob und wie sich der Kader bis zum Ablauf der Transferperiode verändern wird. Auch wird man den Neuen einige Wochen einräumen müssen, bis sie endgültig ins Team integriert sind. Auch wenn  spielerisch/taktisch und personell noch diverse Baustellen vorhanden sind, so gehe ich davon aus, dass sich vor allem Ostrzolek, Behrami und Müller als tatsächliche Verstärkungen erweisen werden. Entscheidend wird m.E. sein, dass man zu Saisonbeginn einige Erfolgserlebnisse sammelt, damit dieser Integrationsprozess einigermaßen störungsfrei vollzogen werden kann und man nicht frühzeitig unter (medialen) Druck gerät. Sollte dies gelingen, dann halte ich am Ende eine Platzierung rund um den zehnten Platz herum für durchaus möglich. Für eine deutlich bessere Platzierung werden weitere Umbauten im Kader, also weitere Transferperioden notwendig sein. Demut, Geduld und Realismus bleiben also aus hamburger Sicht unverändert gefragt. Selbst in dem Fall, dass der Saisonstart überraschend positiv verlaufen sollte.

Erstens kommt es anders…

…und zweitens als man denkt. Nachdem die schlimmste Saison des Hamburger Sportvereins mit viel, viel Glück  nicht den im Grunde hochverdienten Abstieg zur Folge hatte, nachdem seine Mitglieder die Ausgliederung des Profifußballs in eine AG mit überwältigender Mehrheit beschlossen hatten, da wollte ich mir ursprünglich nur eine Schreibpause für wenige Tage zur Erholung gönnen. Denn auch wenn ich mich bemühe, Fußballspiele und das Drumherum sachlich, nüchtern zu bewerten – der HSV in den Niederungen der Zweiten Liga? Unvorstellbar. Und doch möglich, wie die letzte Saison mit Nachdruck aufgezeigt hat. Das zehrte auch an meinen Nerven. Da Der Vierte Mann vor allem von Fans des Hamburger Sportvereins gelesen wird, werdet Ihr wissen, was ich meine. Und dann klingelt morgens um halbvier das Telefon. Wer nicht gerade einen Anruf aus Übersee erwartet, der weiß sofort, dass irgendwo „die Hütte brennt“. Und zwar lichterloh. Was dann gefragt ist, das dürften wohl die meisten (hoffentlich!) wissen. Wie das mit „Großbränden“ so ist – nicht jeder ist umgehend zu löschen. Manchmal dauert es Tage und Wochen, weil das Feuer in den Ruinen an immer neuen Stellen erneut aufflackert. Inzwischen ist die Lage zum Glück unter Kontrolle, aber ich war danach endgültig „urlaubsreif“. Das zur Erklärung für all diejenigen, die hier, wie ich durchaus bemerkt habe, fast täglich geschaut haben, ob es Neues gibt. Diese Treue meiner Leser hat mich doch überrascht und sehr gefreut. Vielen Dank für Eure Geduld!  Ich werte das als (weiteren) Fingerzeig, dass die rund siebzig Artikel, die ich hier seit Start des Blogs veröffentlicht habe, ganz so schlecht nicht gewesen sein können. Dafür sprach (bis zu meiner Schreibpause) auch der Trend bei den Zugriffszahlen, der kontinuierlich nach oben zeigte. Da WordPress auch eine Weltkarte zur Verfügung stellt, anhand derer man als Betreiber feststellen kann, aus welchen Ländern die Zugriffe erfolgen, weiß ich inzwischen, dass Der Vierte Mann auch regelmäßige Leser außerhalb Deutschlands findet. Auch dafür möchte ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken! Unglaublich, wo überall der HSV Interesse findet!  Dieser Zuspruch ermutigt mich zusätzlich, das Projekt fortzuführen. Zugleich sehe ich darin Ansporn und Verpflichtung, an weiteren Verbesserungen zu arbeiten. Versprochen!

Was nun die bundesligafreie Zeit, also die nähere Zukunft des Blogs angeht, so werde ich versuchen, vor allem die Spiele der Deutschen Nationalmannschaft (und ausgewählter anderer Teams) zu sehen und nachfolgend hier kommentieren. Spätestens mit Beginn der neuen Saison wird dann der HSV wieder das Hauptthema sein.

Wer sich erhofft hatte, dass beim HSV mit dem Ausgliederungsbeschluss umgehend Ruhe einkehre, der sah sich möglicherweise zuletzt getäuscht. Fast täglich wurde eine neue Sau durch das Dorf getrieben. Zunächst kommentierte Karl Gernandt den Transfer von Zoltan Stieber (Herzlich Willkommen!) zum HSV im KICKER wenig euphorisch („hätten wir so nicht getätigt“), sogar von einem „Transferverbot für Kreuzer“ war zu lesen. Danach begann das lange Warten auf Beiersdorfer, den zukünftig starken Mann des Vereins. Wie inzwischen längst bekannt sein dürfte, konnte zwischenzeitlich nicht nur dessen Vertrag mit St. Petersburg aufgelöst werden, sondern „Didi“ hat beim HSV unterschrieben (Willkommen zurück!). Nun, so vermeldet es der Boulevard, steht angeblich Trainer Slomka auf der Kippe…

Wenig verwunderlich, dass das anhaltende mediale Getöse rund um den Verein kritisiert wurde. Mancher stellte bereits die Frage, was in Sachen öffentlicher Darstellung denn nun besser geworden sei. Zwischen den Zeilen wurde sogar der Vorwurf der Doppelmoral erhoben. Frei nach dem Motto: Was bei Ertel, Hunke und Co kritisiert wurde, das machen die neuen Herren gar nicht anders.

Gemach! Ich meine, es ist doch Folgendes zu beachten:

1.) mit der Entscheidung für die AG ist ein tiefgreifender Paradigmenwechsel beim Hamburger Sportverein verbunden;
2.) fehlte bis vor wenigen Tagen die Unterschrift Beiersdorfers, also desjenigen, der zukünftig die Hauptverantwortung tragen wird;
3.) Offiziell sind die neuen Leute erst ab dem 1. Juli im Amt.

Aus Punkt eins folgt, und das ist sinngemäß die Kernaussage von Gernandt gewesen, dass tatsächlich jeder Stein umgedreht wird. Es kann daher nicht überraschen, dass Transfers aber auch Schlüsselpersonalien (Jarchow, Kreuzer, Slomka) kritisch unter die Lupe genommen werden. Schließlich sind die neuen Leute nicht gewählt worden, damit die Dinge so bleiben, wie sie in der Vergangenheit waren. Im Gegenteil! Schon bald wird die neue Führungsriege ohnehin an ihren Worten gemessen werden. Es daher in meinen Augen vollkommen legitim, dass man alles und jeden zunächst unter einen gewissen Vorbehalt stellt. Bei der schon epischen Geduld rund um den Verein (Achtung, Sarkasmus!) weiß man doch heute schon, dass es im Misserfolgsfall kräftig auf die Mütze geben wird. Wer da jetzt nicht sorgfältig prüft, mit wem er zukünftig zusammenarbeiten möchte, der wird auch dafür später  unweigerlich und völlig zurecht in Haftung genommen werden.

Aus Punkt zwei folgt(e), dass die Hauptperson noch gar nicht an Bord gegangen war. Und aus dem dritten, formalen Grund ist zu folgern, dass man de jure nicht so kann, wie man möglicherweise möchte.

Es hat schon seine Gründe, warum man üblicherweise neuen Amtsinhabern 100 Tage Schonzeit gewährt. Die 100 Tage beginnen in meinen Augen erst am 1. Juli. Denn erst dann können die neuen Entscheider tatsächlich uneingeschränkt wirken. Daraus wiederum leite ich ab, dass ein erstes, vorsichtiges Fazit frühestens Anfang/Mitte Oktober zu ziehen ist. Das gebietet in meinen Augen schlicht die Fairness. Sicher kann man die Auffassung vertreten, dass das mediale Echo auf das Interview von Karl Gernandt vorhersehbar gewesen sei, sicher kann man sich über die daraus resultierenden Schlagzeilen und die damit verbundene Unruhe ärgern, aber die Kernaussage, man sei schließlich nicht gewählt worden, um dort anzuknüpfen, wo andere aufgehört hätten, die ist in jeder Hinsicht korrekt.

Dass man den Transfer Stiebers „so nicht eingefädelt“ hätte, diese Aussage Gernandts halte ich zwar inhatlich für völlig ligitim, aber dennoch für ungeschickt. Auch wenn sich das „so nicht“ letztendlich nur auf die Form, bzw. die Rahmenbedingungen des Transfers beziehen sollte – es entstand der ungute Eindruck, dass der Spieler von den zukünftig Verantwortlichen des Vereins gar nicht gewollt gewesen sei. Das hätte man vermeiden können, bzw. so dies denn zutreffen sollte, nicht publik machen müssen. Aber auch wenn man bei Karl Gernandt davon ausgehen kann, dass er gewiss bedenkt, was,  wie und wem er etwas sagt, so muss man auch so jemandem eine gewisse Zeit einräumen, um sich in den spezifischen Gegebenheiten des Fußballgeschäfts tatsächlich zurechtzufinden. Bei großen Unternehmen reagiert ggf. die Börse durch unverzügliche Kursveränderungen der Aktien auf Äußerungen von Unternehmensvorständen, beim Fußball der Boulevard. Das ist in meinen Augen schon ein Unterschied. Denn der Boulevard, der strickt sich seine Geschichten notfalls selbst. Da wird jede Mücke zum Elefanten aufgeblasen, notfalls setzt man ein Fragezeichen hinter Überschriften, die dem Leser einen Inhalt suggerieren sollen!, den der nachfolgende Artkel mitnichten liefert.

Sicher, auch mir geht es so, dass ich gespannt darauf warte, wie es denn nun konkret weitergeht beim HSV. Was wird aus Jarchow, Kreuzer und Slomka? Gelingt wider Erwarten doch die Verpflichtung von Lasogga, oder welche Verstärkungen für die Offensive kommen? Wie verändert sich das Mittelfeld, welche Defensiv-Spieler (IVs; Jansen) werden abgegeben? Fragen über Fragen. Aber auch wenn Neugier und Ungeduld noch so groß sind – es macht keinen Sinn, Bewertungen auf der Grundlage von Spekulationen (Slomka vs. Tuchel) vorzunehmen. Wer so etwas lesen möchte, dem sei  schon jetzt spöttisch das Sonderheft des KICKERs zur kommenden Saison zum Kauf empfohlen. Üblicherweise wird dies weit vor Schließung der Transferliste veröffentlicht. Es berücksichtigt daher im Regelfall entscheidende Spielertransfers nicht, beinhaltet gleichwohl aber dezidierte Prognosen zum Abschneiden der Teams. Das kann man in meinen Augen mit einem Arzt vergleichen, der nach bloßer Inaugenscheinnahme einen Knochenbruch  diagnostiziert, ggf. Gips und Krücken verschreibt und mehrere Wochen Ausfallzeit attestiert, aber nie ein Röntgenbild gesehen hat. Und bei dessen Diagnosen man Jahr für Jahr feststellen muss, dass sich der Knochenbruch am Ende als eine zwar schmerzhafte, aber letztlich deutlich harmlosere Prellung herausstellt.

Üben wir uns also zunächst und bis auf Weiteres in Geduld! Auch wenn ich mich bekanntlich klar und eindeutig für HSVPlus ausgesprochen habe, so werde ich auch zukünftig Kritik äußern, so ich sie tatsächlich für angebracht halte. Aber, wie ich oben bereits ausführte, nicht vor Ablauf der 100-Tage-Schonfrist. Zudem meine ich mindestens erahnen zu können, welche Herkulesaufgabe für die neuen Macher tatsächlich zu bewältigen ist. Ich rechne daher ohnehin damit, dass sich manche Veränderungen, auch wenn sie sofort auf den Weg gebracht werden sollten, erst mit noch (deutlich) längerer Verzögerung auswirken werden. Em Ende kommt es eben doch oft anders, als man vorher dachte.