Tah

Ausblick auf Hamburger SV – 1.FC Nürnberg

Am morgigen Sonntag empfängt der HSV die ebenfalls akut abstiegsbedrohten Clubberer aus Nürnberg. Nürnberg steht tabellarisch in unmittelbarer Nähe, sodass der HSV bei einem Heimsieg an ihnen vorbeiziehen könnte. Höchste Zeit also, um sich mit der Situation hüben wie drüben näher zu beschäftigen.

In Nürnberg hat man ebenfalls bereits in der Hinrunde den Trainer gewechselt und sich für den in Deutschland weitestgehend unbekannten Gertjan Verbeek entschieden. Verbeek hatte zuvor in den Niederlanden u.a. beim AZ Alkmaar gute Arbeit geleistet und nachgewiesen, dass er auch mit geringeren finanziellen Mitteln eine erfolgreiche Mannschaft formen kann. Dennoch waren seine ersten Spiele mit den Franken zunächst alles andere als sonderlich erfolgreich. Man kann sich leicht vorstellen, welche Unruhe beim HSV ausgebrochen wäre, natürlich stets begleitet und befeuert vom allgegenwärtigen Boulevard, hätte ein als vermeintlicher Retter geholter neuer Trainer wochenlang keinen Sieg einfahren können. „Falscher Trainer!“, „kennt die Bundesliga nicht“ oder schlicht „bundesligauntauglich“ wäre wohl (vor)schnell geurteilt worden. Nicht so im Frankenland. Dort blieb man ruhig und besonnen und wurde schließlich mit vier Siegen in Folge zum Rückrundenstart belohnt. Vier Siege in Folge – etwas, an das wir uns in Hamburg kaum noch erinnern können… Zuletzt gab es für den FCN jedoch zwei Niederlagen: Zunächst verlor man 3:0 auswärts gegen den BvB, was angesichts des ungleich besseren Kaders der Borussen als immer im Bereich des Möglichen zu bewerten ist. Dann folgte eine 0:2 Niederlage zu Hause gegen Werder, die deutlich mehr geschmerzt haben dürfte.
Wenn wir in Hamburg Verletzungspech beklagen, so sollten wir auch sehen, dass unser morgiger Gegner ebenfalls einige Ausfälle zu beklagen hat. So fehlen Stürmer Ginczek (Kreuzbandriss), auf der rechten Außenbahn Gebhardt (Beckenschiefstand), auf der „6“ der Japaner Hasebe (Meniskusriss), Rechtsverteidiger Chandler (Außenmeniskuseinriss) und Abwehrchef Per Nilsson (Muskelfaserriss). Angesichts des verbleibenden Kaders ist also auch hier der Trainer keineswegs zu beneiden.

Aus taktischer Sicht variiert das Nürnberger Spiel – je nach dem, ob man zu Hause oder auswärts antreten muss. Während Verbeek im eigenen Stadion mit einem 4-2-3-1 agieren lässt, trat man zuletzt auswärts in einem 4-1-4-1 an. Letzteres übrigens ein System, das im Feldhockey längst ein alter, bewährter Hut ist, das aber erst vor einigen Jahren vom Fußball adaptiert wurde. Das nur zur Innovationskraft des (deutschen) Fußballs.

Ich erwarte die Franken also in einem 4-1-4-1 und denke, sie werden überfallartig mit schnellem Konterspiel zum Erfolg kommen wollen. Achten sollte man von Hamburger Seite auf Kiyotake und Feulner, die das Nürnberger Spiel aus dem Mittelfeld ankurbeln. Und natürlich gilt es, den brandgefährlichen Stürmer Drmic in Schach zu halten.

Beim HSV fallen unverändert u.a. Rajkovic, Jansen (Außenbandanriss Sprunggelenk mit Kapselverletzung; fraglich derzeit, ob er in der Rückrunde überhaupt noch einmal spielen wird), Beister und Torjäger Lasogga (ungeklärte muskuläre Probleme) aus. Dafür sind Jiracek und van der Vaart wohl wieder einsatzfähig. Die personellen Möglichkeiten für Slomka werden also etwas vielfältiger.

Im Anbetracht der deutlichen Belebung des Angriffsspiel der Hamburger nach der Einwechselung Tesches und der damit einhergehenden taktischen Umstellung (Rincon raus, Calhanoglu vermehrt über die rechte Außenbahn), rechne ich erneut damit, dass Tesche wieder ein ernsthafte Option für Slomka ist. Da Mancienne gegen Frankfurt eine sehr ordentliche Leistung gezeigt hat, würde mich eine Umstellung in der Innverteidigung überraschen. Mein Tipp also: Mancienne bleibt drin und Tah auf der Bank. Beide Personalien sind in meinen Augen ein Schlag ins Gesicht all jener, die in Hamburg nur zu gerne über Spieler der eigenen Mannschaft herfallen. Eines von vielen Grundübeln beim HSV, an dem der Hamburger Boulevard in meinen Augen eine gerütteltes Maß an Mitschuld trägt, auch wenn der Verein zweifellos vor allem selbst für seine sportliche und finanzielle Misere verantwortlich bleibt. Was Tahs Versetzung auf die Bank angeht, so sollte man meines Erachtens den Ball schön flach halten. Jonathan hat nachhaltig bewiesen, dass er ein sehr großes Talent ist. Nicht umsonst hat er als gerade einmal achtzehnjähriger fast eine komplette Halbserie gespielt. Jetzt aber rückt für ihn das Abitur immer näher. Ganz schön viel, was da auf den jungen Mann einprasselt. Und deswegen ist es mindestens nachvollziehbar, dass Slomka dem etwas älteren und routinierteren Mancienne momentan den Vorzug gibt. Statt also hier neue Baustellen zu eröffnen, sollte wir uns freuen, dass mit Tah eine Alternative auf der Bank sitzt, die man bedenkenlos im Falle eines Falles hineinschmeißen kann. Seine Zeit wird kommen. Spätestens in der nächsten Saison.

Ein letztes Wort zu den verbleibenden „Endspielen“ und den Hochrechnungen, wie viele Punkte man aus ihnen holen müsse: Jeder kann die Tabelle lesen. Es bringt also rein gar nichts, wenn man den allein dadurch schon allzeit gegenwärtigen Druck durch das Nachdenken über völlig „ungelegte Eier“ zusätzlich erhöht. Das raubt letztlich Energie und Konzentration, die dann nicht dafür zur Verfügung steht, was jetzt wirklich wichtig ist: Jetzt steht Nürnberg vor der Tür und niemand anderes! Und jetzt ist wichtig, dass die Mannschaft an die Leistungen aus den Spielen gegen Dortmund und Frankfurt anknüpft. Teamgeist, Hilfsbereitschaft untereinander, Kampf um jeden Meter und jeden Ball, taktische Disziplin, und es gilt, leichtfertige Ballverluste in der eigenen Vorwärtsbewegung zu vermeiden! Wenn das gelingt, wenn die Mannschaft auch spielerisch sich noch ein wenig steigern kann, dann muss einem grundsätzlich vor keinem Gegner bange sein. Dann hat man auch noch nach den drei Spielen gegen unmittelbare Konkurrenten alle Chancen, um weitere Punkte zu holen. Es gilt also, sich zu fokussieren auf das, was wirklich „real“ ansteht, anstatt seine Kräfte mit „irrealen“ was-wäre-wenn-Szenarien sinnlos zu verpulvern. Letzteres ist allein Aufgabe des (Sport)Vorstandes, der natürlich für jedes denkbare Szenario gewappnet sein muss. Im Wettkampf ist eine solche Denke aber kontraproduktiv, da grundsätzlich fast niemals zielführend.

Vorschau: Eintracht Braunschweig – Hamburger SV

Ich habe mehr als 9.000 Würfe in meiner Karriere verfehlt. Ich habe fast 300 Spiele verloren. 26 Mal wurde mir der spielentscheidende Wurf anvertraut… und ich habe verfehlt. Ich habe in meinem Leben wieder und wieder und wieder versagt. Und deswegen bin ich erfolgreich! (Michael Jordan)

Wenn ich an das heutige Spiel denke, dann wird mir flau im Magen. Zu wichtig scheint doch ein Erfolg. Man fragt sich unwillkürlich, gegen wen diese Mannschaft denn überhaupt noch gewinnen will, sollte auch dieses Spiel verloren gehen, nicht wahr? Achtzehnter gegen Siebzehnter – wer hätte das zu Beginn dieser Saison erwartet? Ich gestehe, ich jedenfalls nicht. Ich habe den HSV  im Mittelfeld gesehen, fern ab von den internationalen Plätzen. Daher war ich auch einigermaßen erbost, als Jarchow Platz sechs als Ziel ausrief. Und dies mit der fast rein numerischen Begründung, wer in der letzten Saison siebter geworden sei, der müsse selbstredend höhere Ziele anpeilen. Nein, nein nein! Sport allgemein und Fußball insbesondere ist keine Mathematik, wie wir jetzt erleben müssen. Wer so argumentiert, der offenbart in meinen Augen, dass er die allgemeine sportliche Lage und Leistungsfähigkeit nicht einzuschätzen weiß. Es war doch bereits deutlich unter Fink zu sehen, dass die Mannschaft alles andere als gefestigt wirkte. Zu schematisch ihr (Aufbau-)Spiel, zu störungsanfällig das gesamte Konstrukt. Dazu einige blutjunge Spieler (Tah, Calhanoglu), die in ihre erste Bundesliga-Saison gingen. Da wäre es realistisch gewesen, die Erwartungen klein zu halten, anstatt sie ohne jede Not zu schüren. „Wir sind immer noch im Neuaufbau, haben eine Reihe sehr junger, hochtalentierter, aber eben auch noch unerfahrene Spieler hinzugewonnen und wollen uns zunächst einmal weiter konsolidieren. Lassen Sie uns über konkrete Ziele in ein Paar Monaten reden.“ – das wäre ehrlich und angemessen gewesen. Nicht so in Hamburg. Beim HSV scheint man traditionell zu denken, dass die überwiegend mäßigen Platzierungen der letzten dreißig Jahre allesamt nur zufällige Ausrutscher und bedauerliche Betriebsunfälle gewesen sind. Befeuert und angetrieben vom örtlichen Boulevard, dem es, das ist nicht vorzuwerfen, im Grunde gleichgültig ist, ob der HSV um die Meisterschaft oder den Abstieg spielt, wird fast durchweg die Tabellenspitze anvisiert und den Fans avisiert. Zielsetzungen, die im Grunde meist bereits schon bei ihrer jeweiligen Verkündung reine Makulatur sind.

Also zurück zu meinem (unserem?) flauen Magen. Was passiert, wenn der HSV heute verlieren sollte? STOP! Das ist die falsche Fragestellung! Niemals mit negativen Gedanken im Kopf in den Wettkampf gehen! Sonst braucht man fast gar nicht anzutreten. Es ist völlig normal, dass Befürchtungen und Zweifel aufkommen, aber ein im Bereich „Mentales Training“ kompetenter Sportler hat gelernt, in derartigen Fällen sofort einzugreifen. Aus einem bedrohlichen „Meine Güte! Wenn wir verlieren, dann ist sogar Braunschweig vor uns!“ muss im Kopf sofort ein „heute haben wir die großartige Chance, als erstes die Braunschweiger zu distanzieren“ werden. „Eine Niederlage heute, und wir sind totale Versager!“ muss umgehend positiv umformuliert werden in „heute haben wir die großartige Gelegenheit zu zeigen, dass wir uns für den Verein zerreißen und guten Fußball spielen können“.  Negative Gedanken lähmen und blockieren die eigene Leistungsfähigkeit. Positive Gedanken beflügeln.

Auf geht ’s Hamburg!  Mögen sich die Gremien des Vereins auch noch so sehr blamieren – heute können wir alle, Mannschaft, Trainer und Fans, zeigen, dass wir kämpfen werden. Kämpfen um jeden Ball, um jeden Quadratmeter, um jede Chance. Und sei sie noch so gering! Nehmt die Ängste war. Auch die Angst, erneut zu versagen. Macht Euch bewusst, was da rumort und ggf. destruktiv behindern könnte. Das ist normal, das ist nur menschlich angesichts der Umstände. Aber unternehmt etwas dagegen! Vorher und sofort! Jeder für sich – im Kopf. Und immer wieder neu, auch nach dem Spiel – egal wie es ausgeht! Wenn das gelingt, dann können wir heute einen ersten großen Schritt machen. Gemeinsam, denn nur so geht es! Nur wer aufgibt, wer sich seinen Ängsten kampflos ergibt, der hat schon verloren. Der wird immer versagen – früher oder später. Erzwingen wir stattdessen das Glück, unser Glück!

Wer ihn noch nicht kennt, hier ist der ultimative Soundtrack für die Rückrunde von Elvis: http://www.youtube.com/watch?v=AVsd4vZQPe0