Chandler

Der HSV macht einen Schritt in die richtige Richtung, unterliegt jedoch dennoch Eintracht Frankfurt mit 1:2 (0:1)

Ausgehend von meinen bisherigen Beobachtungen zu den taktischen Veränderungen beim HSV unter Zinnbauers Leitung, die bisher überwiegend das defensive Spiel der Mannschaft betrafen, interessierte mich vor dem Spiel gegen die Eintracht aus Frankfurt zweierlei:

1.) konnte das Defensivverhalten weiter stabilisiert werden?
2.) verbessert sich das Angriffsspiel, ohne dass dies zu Lasten der Abwehrarbeit geht?

Unmittelbar vor dem Spiel überraschte mich die Nachricht, dass der Trainer des HSV die Abwehr umstellen würde. Ich hatte damit ehrlich gesagt nicht gerechnet. Zinnbauer vertraute also der folgenden Aufstellung:

Drobny – Westermann, Djourou, Cléber, Ostrzolek – Behrami, Arslan (86. Rudnevs), N.Müller (90. Diekmeier), Holtby (86. Jiracek), Stieber – Lasogga

Cléber spielte ergo als linker Innenverteidiger und Partner für Djourou, und Westermann ersetzte Diekmeier auf der defensiven rechten Außenbahn. Zinnbauer sagte nach dem Spiel dazu, dass die Analyse ergeben habe, dass der HSV bei Zweikämpfen in der Luft etwas unterlegen gewesen sei, was man durch die Hereinnahme Clébers korrigieren wollte.

Spiel: Der HSV begann erneut offensiv und übernahm wie schon gegen Gladbach zunächst die Spielgestaltung. Frankfurt zog sich relativ weit zurück. Für mich etwas überraschend verzichtete man darauf, die neu formierte HSV-Abwehr im Spielaufbau früh zu pressen, wie es die Gegner in der jüngeren Vergangenheit meist getan hatten. Stattdessen positionierten sich alle Spieler der Gäste hinter dem Ball in der eigenen Hälfte. Selbst im Mittelfeld presste man nur ganz gelegentlich. Offenbar hatte Schaaf, um die Probleme des HSV im letzten, dem Angriffsdrittel wissend, die Parole ausgegeben, mögliche Passwege des Gegners vor dem Strafraum konsequent zu blockieren. So verteidigten die Gäste meist eher passiv und erweiterten ihre defensive Viererkette im Bedarfsfall zu einer Fünfer- oder gelegentlich sogar Sechserkette. Die verbleibenden Spieler sicherten vornehmlich den zentralen Raum davor und sollten offenbar aus der eigenen Hälfte im Gegenzug etwaige Konter starten. So verfingen sich die Angriffe der Hausherrn meist in der engmaschigen Verteidigung der Gäste im zentralen Raum vor dem Strafraum, oder das Angriffsspiel der Hamburger wurde durch die taktische Ausrichtung der Gäste auf die Flügel abgeleitet. Leider, auch dies stelle ich inzwischen zum wiederholten Male fest, fehlt es dem HSV bei Flanken und Standards unverändert an der notwendigen Präzision.

Cléber war m.E. mindestens während der ersten Halbzeit eine gewisse Nervosität anzumerken. Dies sah man u.a. zu Beginn der Partie, als ihm in unbedrängter Position ein Zuspiel auf Djourou vollkommen verunglückte. Allerdings zeigte Cléber, wie von Zinnbauer erhofft, seine Stärke bei Kopfbällen. So hatte er nach einem Eckstoß für den HSV mit seinem nachfolgenden Kopfball etwas Pech, da dieser leider zu mittig auf das Tor kam und dort mühelos von der neuen Frankfurter Nummer eins, Felix Wiedwald, gehalten werden konnte.

Der HSV hatte während der ersten Spielhälfte ein deutliches optisches Übergewicht, ohne dass daraus tatsächliche Torchancen  resultierten.  Für mich einmal mehr negativ auffällig war hier Tolgay Arslan, der sich wiederholt in Dribblings verzettelte, die meist prompt zum Ballverlust führten. Auch gelungene Pässe in die Schnittstellen der Frankfurter Abwehr suchte man bei ihm einmal mehr vergeblich. Womit ich bei einer Ursache für die bisherige Erfolglosigkeit der Mannschaft vor dem Tor wäre. Arslan ist sicher nicht dafür allein verantwortlich, aber es muss doch verstärkt kritisch festgestellt werden, dass er es in der letzten Saison (2013/14) bei 32 Einsätzen auf nur ein einziges Tor und, dies wiegt m.E. fast noch schwerer, auf nur drei Assists brachte. So gut er mir auch schon des Öfteren vor allem in der Rückwärtsbewegung gefallen hat – dass der Mann nach vorne kaum etwas tatsächlich Produktives bewegt, darauf deuten auch diese ernüchternden Zahlen. Es ist sicher etwas unfair, ihn mit Holtby zu vergleichen, schon allein weil dieser positionsbedingt weiter vorne spielt, aber Holtby hat allein in der zweiten Spielhälfte mehr erfolgreiche, offensive Schnittstellenpässe gespielt, als m.E. Arslan in allen bisherigen Spielen dieser Saison zusammengerechnet. Ich ziehe daraus den Schluss, dass Arslan, sollte er sich nicht bald ganz gewaltig steigern, in dem Moment aus der Mannschaft raus ist, in dem van der Vaart wieder auflaufen kann, da dann Holtby seinen Platz neben Behrami einnehmen dürfte.

In der 44. Spielminute verlor Westermann den Ball in der Vorwärtsbewegung. Der folgende Diagonalball der Frankfurter erreichte Chandler auf der rechten Außenbahn. Stieber, der Richtung Mitte eingerückt war, da sich das Spielgeschehen ja ursprünglich auf dem anderen Flügel abspielte, stand im Halbfeld und reagierte für meinen Geschmack etwas spät. So erhielt er keinen Zugriff auf Chandler, der sofort mit Tempo auf der Außenbahn nach vorne stürmte. Beide Sechser konnten in diesem Augenblick positionsbedingt nicht helfen.  Linksverteidiger Ostrzolek stand m.E. viel zu weit weg (von Stieber) und wich immer weiter zurück, statt den heranstürmenden Chandler zu stellen. Im Ergebnis wurde daher absolut kein Druck auf Chandler ausgeübt. Dieser passte den Ball scharf quer zur Torlinie. Cléber trat in der Laufbewegung über den Ball. Dieser erreichte Seferovic, der am langen Pfosten lauerte und sofort gegen die Laufrichtung von Djourou und Drobny abschloss.  Es passte zum unglücklichen Auftritt Clébers, dass er den Torschuss um ein Haar auf der Torlinie noch geklärt hätte, letztlich aber dem Ball nicht mehr die entscheidende Richtungsänderung geben konnte. Meiner Meinung nach trifft Cléber hier sicherlich eine Teilschuld am Gegentor, allein verantwortlich ist er aber keinesfalls. Vielmehr hat man es hier mit einer ganzen Kette von Fehlern zu tun. Meiner Meinung nach hat hier auch die gesamte Raumaufteilung nicht gestimmt. Sei es, wie es sei – der HSV lag einmal mehr mit 0:1 zurück.

Beinahe wäre der Mannschaft noch innerhalb der ersten Halbzeit der Ausgleich gelungen. Aber Behrami setzte in der Nachspielzeit (45+1.) nach schöner Flanke vom linken Flügel einen fulminanten Kopfball knapp neben das Frankfurter Gehäuse. Es blieb also bei der Führung der Gäste zur Pause.

Um es vorwegzunehmen: Mein „Man of the Match“ war Holtby, der vor allem in der zweiten Halbzeit stark spielte. Die 53. Minute sah einen bemerkenswert guten Pass Westermanns in die Schnittstelle zwischen Innenverteidigung und Linksverteidiger der Frankfurter. Leider wurde der dadurch frei gespielte Holtby etwas zu weit durch den aus seinem Tor herausstürmenden Wiedwald nach rechts abgedrängt, sodass sein Torschuss aus spitzem Winkel letztlich nur das Seitennetz des Tores traf.

In der 58. Minute konnte man dann Holtbys Handlungsschnelligkeit, gute Technik und sein Spielverständnis beobachten. Einen halbhohen Ball vor dem Frankfurter Strafraum passte er sofort durch die Schnittstelle der Gäste-Abwehr zu Nicolai Müller. Dem war es schließlich vorbehalten, die Torflaute des HSV zu beenden. Mit etwas Glück rutschte sein Schuss unter Wiedwald hindurch zum 1:1 ins Netz.

Wiedwald, der erstmalig den verletzten Trapp im Tor vertrat, wirkte auf mich keineswegs immer sicher. Dies konnte man auch in der 76. Minute beobachten, als Anderson und er nach dem in Fußballerkreisen durchaus bekannten Motto verfuhren: Nimm Du ihn, ich hab ihn sicher…! Als Folge dieser Uneinigkeit kam der offensiv pressende Lasogga an den Ball. Leider war dessen Schuss mit der Pike zu harmlos, sodass ihn der junge Frankfurter Torhüter dann letztlich doch mühelos entschärfen konnte.

In der Schlussphase der Partie wechselte Zinnbauer gleich drei Mal. Jiracek führte sich zunächst durch eine großartige Grätsche ein, als er einen stürmenden Frankfurter gerade noch entscheidend behinderte. Leider unterlief ihm dann kurz darauf in der Schlussminute ein hartes und auch unnötiges Foul, als er dreißig Meter vor dem eigenen Tor mit gestrecktem Bein in einen Frankfurter Spieler rutschte. Den folgenden Freistoß aus leicht nach links versetzter Position jagte der eingewechselte Piazon ins rechte obere Eck des Hamburger Tores, also ins Dreiangel der s.g. Torwartseite. Man muss hier zu Drobnys Gunsten die inzwischen für den Torwart grundsätzlich schwer zu berechnenden Flugkurven moderner Bälle berücksichtigen. Gänzlich unhaltbar schien mir dieser zweifellos wunderschöne Treffer (90.), der zugleich den Sieg für die Gäste bedeutete, jedoch nicht zu sein.

Schiedsrichter: Florian Meyer (Burgdorf). Einige „enge“ Entscheidungen könnte man auch anders treffen. War aber gewiss nicht schuld an der Niederlage.

Fazit: Der HSV verliert diese Partie gegen keineswegs unschlagbare Frankfurter schon allein aufgrund des späten Siegtreffers unglücklich.

Gegen Gladbach am Mittwoch gaben die Hamburger 14 Torschüsse ab, verfehlten jedoch ganze 13 mal das Gehäuse. Mit anderen Worten: Gladbachs Torwart Sommer musste am Mittwoch nur einen einzigen Schuss tatsächlich parieren. Die meisten Torschussversuche dieser vorangegangenen Partie wurden zudem außerhalb des Strafraums abgegeben, was statistisch betrachtet die Wahrscheinlichkeit eines daraus resultierenden Treffers signifikant senkt. Mit anderen Worten: Gegen Gladbach war es dem HSV fast gar nicht gelungen, in den Strafraum des Gegners einzudringen, um dort zu klaren Torchancen zu kommen.

Gegen die Frankfurter Eintracht erschien mir das Offensivspiel vor allem während der zweiten Spielhälfte deutlich verbessert. Wenn man das vom HSV erzielte Tor  einrechnet, wurden erneut 14 Torschüsse abgegeben, von denen immerhin sechs tatsächlich auf das Tor gingen (fünf gehaltene Schüsse). Auch gelang es deutlich häufiger innerhalb des Strafraums zum Abschluss zu kommen, was auf eine bessere Qualität der eigenen Torchancen hindeutet. Dies ist natürlich absolut kein Beweis für ein konstant verbessertes Offensivspiel der Hamburger, jedoch eine interessante Momentaufnahme.

Die Hamburger Mannschaft  muss sich jedoch erneut vorwerfen lassen, dass sie vor allem in der ersten Spielhälfte viel zu selten konkret und präzise spielte, sodass aus rein optischer Überlegenheit nichts Zählbares resultierte. Im Gegenteil! Durch eine ganze Fehlerkette geriet man sogar in Rückstand.

Unverändert, aber das erscheint mir zum jetzigen Zeitpunkt noch normal und nicht vorzuwerfen, sind auch Abstimmungsprobleme bei Pass- und Laufwegen zu beobachten. Bis hier die Fehlerquote deutlich gesenkt werden kann, dies benötigt schlicht Zeit. Wer glaubt, dies ginge quasi auf Knopfdruck und über Nacht, der irrt. Schwer.

Erfreulich erscheint mir, dass sich die Form der beiden noch mit konditionellen Rückständen behafteten Spieler, Müller und Lasogga, stetig zu verbessern scheint,  auch wenn hier weiter Luft nach oben verbleibt. Auch Stieber und Ostrzolek harmonieren zunehmend besser und zeigten ansteigende Form. Holtby war  sehr präsent. Im Zusammenspiel mit einem van der Vaart könnte da nach dessen Rückkehr etwas entstehen.

Insgesamt meine ich, dass der HSV, so seltsam sich das nach dieser erneuten Niederlage für den einen oder anderen lesen mag, leistungsmäßig einen weiteren Schritt in die richtige Richtung gemacht hat. Daher kann ich jener medialen Berichterstattung, die schon von einem Verpuffen des Trainerwechsels wissen will, rein gar nichts abgewinnen. Rein tabellarisch, bzw. wenn man allein aufgrund von Ergebnissen urteilt, mag dies stimmen. Doch eine Analyse, die auch nur ansatzweise diese Bezeichnung verdient, benötigt dann doch etwas mehr, als die Fähigkeit, die Tabelle und die Spiel-Ergebnisse lesen zu können.

Ein Kompliment an das Hamburger Publikum: Die Mannschaft wurde allen diesbezüglichen Zweifeln zum Trotz lautstark unterstützt. Dass man trotz der Niederlage nach dem Schlusspfiff der Mannschaft sogar Beifall zollte, bestärkt mich in der Hoffnung, dass man wenigstens mittelfristig auch weiterhin Geduld haben wird.

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Ausblick auf Hamburger SV – 1.FC Nürnberg

Am morgigen Sonntag empfängt der HSV die ebenfalls akut abstiegsbedrohten Clubberer aus Nürnberg. Nürnberg steht tabellarisch in unmittelbarer Nähe, sodass der HSV bei einem Heimsieg an ihnen vorbeiziehen könnte. Höchste Zeit also, um sich mit der Situation hüben wie drüben näher zu beschäftigen.

In Nürnberg hat man ebenfalls bereits in der Hinrunde den Trainer gewechselt und sich für den in Deutschland weitestgehend unbekannten Gertjan Verbeek entschieden. Verbeek hatte zuvor in den Niederlanden u.a. beim AZ Alkmaar gute Arbeit geleistet und nachgewiesen, dass er auch mit geringeren finanziellen Mitteln eine erfolgreiche Mannschaft formen kann. Dennoch waren seine ersten Spiele mit den Franken zunächst alles andere als sonderlich erfolgreich. Man kann sich leicht vorstellen, welche Unruhe beim HSV ausgebrochen wäre, natürlich stets begleitet und befeuert vom allgegenwärtigen Boulevard, hätte ein als vermeintlicher Retter geholter neuer Trainer wochenlang keinen Sieg einfahren können. „Falscher Trainer!“, „kennt die Bundesliga nicht“ oder schlicht „bundesligauntauglich“ wäre wohl (vor)schnell geurteilt worden. Nicht so im Frankenland. Dort blieb man ruhig und besonnen und wurde schließlich mit vier Siegen in Folge zum Rückrundenstart belohnt. Vier Siege in Folge – etwas, an das wir uns in Hamburg kaum noch erinnern können… Zuletzt gab es für den FCN jedoch zwei Niederlagen: Zunächst verlor man 3:0 auswärts gegen den BvB, was angesichts des ungleich besseren Kaders der Borussen als immer im Bereich des Möglichen zu bewerten ist. Dann folgte eine 0:2 Niederlage zu Hause gegen Werder, die deutlich mehr geschmerzt haben dürfte.
Wenn wir in Hamburg Verletzungspech beklagen, so sollten wir auch sehen, dass unser morgiger Gegner ebenfalls einige Ausfälle zu beklagen hat. So fehlen Stürmer Ginczek (Kreuzbandriss), auf der rechten Außenbahn Gebhardt (Beckenschiefstand), auf der „6“ der Japaner Hasebe (Meniskusriss), Rechtsverteidiger Chandler (Außenmeniskuseinriss) und Abwehrchef Per Nilsson (Muskelfaserriss). Angesichts des verbleibenden Kaders ist also auch hier der Trainer keineswegs zu beneiden.

Aus taktischer Sicht variiert das Nürnberger Spiel – je nach dem, ob man zu Hause oder auswärts antreten muss. Während Verbeek im eigenen Stadion mit einem 4-2-3-1 agieren lässt, trat man zuletzt auswärts in einem 4-1-4-1 an. Letzteres übrigens ein System, das im Feldhockey längst ein alter, bewährter Hut ist, das aber erst vor einigen Jahren vom Fußball adaptiert wurde. Das nur zur Innovationskraft des (deutschen) Fußballs.

Ich erwarte die Franken also in einem 4-1-4-1 und denke, sie werden überfallartig mit schnellem Konterspiel zum Erfolg kommen wollen. Achten sollte man von Hamburger Seite auf Kiyotake und Feulner, die das Nürnberger Spiel aus dem Mittelfeld ankurbeln. Und natürlich gilt es, den brandgefährlichen Stürmer Drmic in Schach zu halten.

Beim HSV fallen unverändert u.a. Rajkovic, Jansen (Außenbandanriss Sprunggelenk mit Kapselverletzung; fraglich derzeit, ob er in der Rückrunde überhaupt noch einmal spielen wird), Beister und Torjäger Lasogga (ungeklärte muskuläre Probleme) aus. Dafür sind Jiracek und van der Vaart wohl wieder einsatzfähig. Die personellen Möglichkeiten für Slomka werden also etwas vielfältiger.

Im Anbetracht der deutlichen Belebung des Angriffsspiel der Hamburger nach der Einwechselung Tesches und der damit einhergehenden taktischen Umstellung (Rincon raus, Calhanoglu vermehrt über die rechte Außenbahn), rechne ich erneut damit, dass Tesche wieder ein ernsthafte Option für Slomka ist. Da Mancienne gegen Frankfurt eine sehr ordentliche Leistung gezeigt hat, würde mich eine Umstellung in der Innverteidigung überraschen. Mein Tipp also: Mancienne bleibt drin und Tah auf der Bank. Beide Personalien sind in meinen Augen ein Schlag ins Gesicht all jener, die in Hamburg nur zu gerne über Spieler der eigenen Mannschaft herfallen. Eines von vielen Grundübeln beim HSV, an dem der Hamburger Boulevard in meinen Augen eine gerütteltes Maß an Mitschuld trägt, auch wenn der Verein zweifellos vor allem selbst für seine sportliche und finanzielle Misere verantwortlich bleibt. Was Tahs Versetzung auf die Bank angeht, so sollte man meines Erachtens den Ball schön flach halten. Jonathan hat nachhaltig bewiesen, dass er ein sehr großes Talent ist. Nicht umsonst hat er als gerade einmal achtzehnjähriger fast eine komplette Halbserie gespielt. Jetzt aber rückt für ihn das Abitur immer näher. Ganz schön viel, was da auf den jungen Mann einprasselt. Und deswegen ist es mindestens nachvollziehbar, dass Slomka dem etwas älteren und routinierteren Mancienne momentan den Vorzug gibt. Statt also hier neue Baustellen zu eröffnen, sollte wir uns freuen, dass mit Tah eine Alternative auf der Bank sitzt, die man bedenkenlos im Falle eines Falles hineinschmeißen kann. Seine Zeit wird kommen. Spätestens in der nächsten Saison.

Ein letztes Wort zu den verbleibenden „Endspielen“ und den Hochrechnungen, wie viele Punkte man aus ihnen holen müsse: Jeder kann die Tabelle lesen. Es bringt also rein gar nichts, wenn man den allein dadurch schon allzeit gegenwärtigen Druck durch das Nachdenken über völlig „ungelegte Eier“ zusätzlich erhöht. Das raubt letztlich Energie und Konzentration, die dann nicht dafür zur Verfügung steht, was jetzt wirklich wichtig ist: Jetzt steht Nürnberg vor der Tür und niemand anderes! Und jetzt ist wichtig, dass die Mannschaft an die Leistungen aus den Spielen gegen Dortmund und Frankfurt anknüpft. Teamgeist, Hilfsbereitschaft untereinander, Kampf um jeden Meter und jeden Ball, taktische Disziplin, und es gilt, leichtfertige Ballverluste in der eigenen Vorwärtsbewegung zu vermeiden! Wenn das gelingt, wenn die Mannschaft auch spielerisch sich noch ein wenig steigern kann, dann muss einem grundsätzlich vor keinem Gegner bange sein. Dann hat man auch noch nach den drei Spielen gegen unmittelbare Konkurrenten alle Chancen, um weitere Punkte zu holen. Es gilt also, sich zu fokussieren auf das, was wirklich „real“ ansteht, anstatt seine Kräfte mit „irrealen“ was-wäre-wenn-Szenarien sinnlos zu verpulvern. Letzteres ist allein Aufgabe des (Sport)Vorstandes, der natürlich für jedes denkbare Szenario gewappnet sein muss. Im Wettkampf ist eine solche Denke aber kontraproduktiv, da grundsätzlich fast niemals zielführend.