Zinnbauer

Alles wie gehabt und doch anders: Der HSV unterliegt bei Borussia M’gladbach mit 1:0 (1:0)

Wie mich das inzwischen nervt! Der HSV spielt auswärts, schießt wieder kein Tor und geht am Ende einmal mehr als Verlierer vom Platz. Nach dem Abpfiff schleichst Du, der Beobachter, nach Hause, kämpfst erneut mit deiner Frustration und möchtest alles, nur nicht über diesen Fußball schreiben. Jedenfalls dann nicht, wenn man sich ursprünglich einmal vorgenommen hatte, sich damit differenzierend auseinanderzusetzen.

Meine emotionale Verfassung verlangt, das spüre ich von Woche zu Woche deutlicher, zunehmend nach Erlösung und drängt mich, einem kleinen, auf meiner Schulter sitzenden Teufelchen gleichend, zu schärfster Kritik. Mein Verstand und meine eigenen Erfahrungen im Wettkampf-Sport aber raten mir, diesem Verlangen keinesfalls nachzugeben. Zum einen gibt es für meinen Geschmack schon mehr als genug HSV-Foren, in denen grundsätzlich nach Herzens Lust gepöbelt wird, zum anderen wäre damit niemandem gedient. Jedenfalls mir nicht.

Sicher, für einen kurzen Moment verspürte auch ich möglicherweise eine gewisse Erleichterung. Aber am Ende bleibt ohnehin alles, wie es ist. Nichts würde sich tatsächlich zum positiven ändern. Der HSV spielt, wie er eben derzeit spielt. Oder glaubt jemand wirklich, der Mannschaft wäre damit gedient, würde man ihr den Rücken kehren, sie in Blogs und Foren niedermachen, oder sie im Stadion ausbuhen? Ich nicht. Das sind für mich allenfalls Wege, um als Zuschauer mit dem Gefühl eigener Ohnmacht umzugehen. Insofern mag einem solchen Verhalten ein konstruktives Element innewohnen. Für jeden einzelnen persönlich. Der Mannschaft aber, und hier schließe ich das Trainerteam mit ein, wäre damit nicht geholfen. Davon bleibe ich fest überzeugt.

Nach der zumindest defensiv durchaus überzeugenden Leistung des HSV gegen die Bayern gab es keinen Anlass, das Team personell zu verändern. Joe Zinnbauer vertraute also gegen Gladbach auf eine unveränderte Aufstellung:

Drobny – Diekmeier (90. Götz), Djourou, Westermann, Ostrzolek – Behrami, Arslan (79. Rudnevs), N. Müller, Holtby, Stieber (73. Cigerci) – Lasogga

Am Wochenende hatte ich mir zur Einstimmung auf den Auftritt des HSV das Gladbacher Spiel in Köln angesehen. Den Kölnern war es dort gelungen, in der Rückwärtsbewegung schnell hinter den Ball zu kommen. Vor dem eigenen Strafraum verdichteten sie die Räume derart geschickt, dass die Gäste aus Gladbach kaum Möglichkeiten für ihr flexibles Pass- und Kombinationsspiel vorfanden und demzufolge im Spielverlauf auch zu relativ wenig Torchancen kamen. Mit etwas Glück und mehr Konzentration bei ihren Kontern, fand ich,  hätten die Kölner dieses Spiel durchaus gewinnen können. Da auch Zinnbauer dieses Spiel vor Ort verfolgt hatte, war ich gespannt, ob er taktisch ähnlich agieren lassen würde, oder ob er bereits gegen Gladbach damit beginnen würde, jene dominant-offensive Ausrichtung zu verfolgen, die ihm seinen eigenen Worten zufolge mittel und langfristig vorschwebt. Für beides, der Konzentration und weiteren Perfektionierung des Defensivverhaltens des HSV, und der Etablierung des zukünftig vorgesehenen offensiven Konzepts, ließen sich m.E. trifftige Argumente finden.

Spiel: Die Frage nach der taktischen Ausrichtung des HSV ließ sich schnell beantworten. Der HSV begann stark und trat zunächst offensiv und im Stil einer Heimmannschaft auf. Die Gladbacher wurden zunächst durchweg in die Rückwärtsbewegung gedrängt, und der HSV dominierte das Spiel.

Meist waren es Holtby und/oder Lasogga, die ca. 25-30 Meter vor dem gegnerischen Gehäuse den jeweils ballführenden Gladbacher anliefen, um so den Spielaufbau der Gastgeber zu stören, bzw. deren Spiel zu lenken. Da die HSV-Defensive erneut weit genug hinausschob, wodurch die Räume im Mittelfeld ausreichend verengt werden konnten, und man zudem auch giftig in die Zweikämpfe ging, erspielte man sich zunächst ein deutliches optisches Übergewicht.  Bereits in der 12. Spielminute kam man so zur bis dahin vierten Ecke. Die Angriffe der Hamburger liefen zunächst vor allem über den eigenen rechten Flügel, wo Hazard, der sein Startelf-Debüt bei Gladbach gab, und Dominguez zunächst Schwerstarbeit zu verrichten hatten. Wenn es etwas aus Hamburger Sicht zu kritisieren gab, dann, dass sowohl den Flanken aus dem Spiel heraus als auch den Eckstößen die nötige Präzision fehlte.

Dann kam, was einem als leidgeprüften Anhänger des HSV inzwischen sattsam bekannt vorkommt: Eine Flanke segelte in den Strafraum des HSV. Djourou stand schlecht und hatte für einen kurzen Moment Kruse in seinem Rücken aus den Augen verloren. Kruse nahm den Ball volley und scheiterte zunächst am rechten Torpfosten, hatte aber im Nachsetzen keine Mühe, den zurückspringenden Ball im Tor unterzubringen. Das 1:0 für die Borussia (25.) fiel aus bis dahin heiterem Himmel aus Hamburger Sicht. Und plötzlich war es vorbei, mit aller Herrlichkeit – fast, als hätte man dem HSV den sprichwörtlichen Stecker gezogen.

Nur drei Minuten später kam Raffael am Eck des Fünfmeter-Raums vor Drobny zum Abschluss, aber der Tscheche konnte das 2:0 gerade noch verhindern (28.).

Die Abstände zwischen den Kettengliedern der Hamburger wurden nun größer, und den Gladbacher gelang es zunehmend besser, sich dem Hamburger Pressingdruck zu entziehen. Bekanntlich ist Favre ein Anhänger des gepflegten Flachpasses. Und nun sah man, wie sich seine Mannschaft durch zwei, drei kontrollierte Pässe aus Drucksituationen befreite, um dann das Spiel mit einem raumgreifenden Zuspiel auf die jeweils freie Seite des Feldes zu verlagern. Hahn, Kruse und Raffael sind bekanntlich schnell, flexibel und technisch stark. Einmal (meist auf der Außenbahn) von ihren Kollegen frei gespielt, brachten sie die Abwehr des HSV zunehmend in Bedrängnis. So hatte auch Hahn in der 32. Minute auf Flanke von Kruse die Möglichkeit, die Gladbacher Führung weiter auszubauen, aber sein Kopfball verfehlte das Hamburger Tor.

Die beste Tor-Chance der ersten Spielhälfte für den HSV hatte wohl Stieber (39.), den ein langes Zuspiel von Holtby erreichte, der aber viel zu lange mit dem Abschluss zögerte. Auf dem vom Dauerregen nassen Rasen hätte er m.E. sofort von der Strafraumgrenze abschließen müssen. So konnte die Gladbacher Abwehr  diese Chance vereiteln.

Ich erspare mir (und Euch) eine detaillierte Nacherzählung der zweiten Spielhälfte. Gladbach hatte durchaus noch weitere, gute Möglichkeiten (u.a. 50. Kruse; 61. Raffael; 86. Hermann), um ein weiteres Tor zu erzielen und den Sieg damit letztlich ungefährdet nach Hause zu fahren. Der Treffer wollte ihnen jedoch nicht gelingen, sodass sie dann doch bis zum Schluss um die drei Punkte ein wenig bangen mussten.

Dem HSV fehlte es mit zunehmender Spielzeit an Tempo und Präzision, um eigene erfolgversprechende Tor-Chancen erspielen zu können. Oft wurde umständlich hinten herum gespielt, was zwar die Gefahr eines eigenen Ballverlustes in der Vorwärtsbewegung minimierte, aber den Gladbachern eben auch ausreichend Zeit verschaffte, die eigenen Reihen zu ordnen. Dies führte dann dazu, dass der HSV kaum noch Lücken im Defensivverbund des Gegners vorfand.

Ein anderes Manko waren viel zu viele unpräzise Pässe der Hamburger, die von den Gastgebern vor allem in der zweiten Spielhälfte mühelos abgefangen werden konnten. Hier sah man m.E., dass das Spielverständnis untereinander auf Hamburger Seite noch stark verbesserungswürdig ist. Gelungene Kombinationen? Fehlanzeige.

Und wenn spielerisch nichts geht, auch das kennt man inzwischen als HSV-Anhänger zur Genüge, dann kommen die hohen, langen Bälle, mit denen man Lasogga zu erreichen versucht. Leider ist Lasogga zur Zeit der einzige, der zumindest theoretisch Torgefahr ausstrahlt. Das ist dann relativ leicht für jede Abwehr zu verteidigen, zumal sich Lasogga bekanntlich unverändert nicht in Bestform befindet, befinden kann. Erfolgreiche Pässe in die Schnittstellen der gegnerischen Abwehrkette, insbesondere aus dem Halbfeld, suchte man aus Hamburger Sicht meist vergebens. Vor allem auch von Arslan, das zeigt seine saisonübergeifende Statistik, muss (und wird hoffentlich!) einfach mehr kommen – zumal wenn Holtby situativ auf den Flügel ausweicht.

Beinahe wäre der HSV, dies soll nicht unterschlagen werden, durch den eingewechselten Rudnevs doch noch zum Ausgleich gekommen. Rudnevs blockte in der Nachspielzeit einen Passversuch der Gladbacher Abwehr und konnte in den Strafraum eindringen. Da der Ball aber aufsprang, konnte sein Schussversuch im letzten Moment von Jaschke (?) Xhaka ebenfalls geblockt werden.

Am Ende ist noch festzuhalten, dass Zinnbauer nach Steinmann (gegen Bayern) nun auch Cigerci und Götz zu ersten Bundesligaminuten verhalf.

Schiedsrichter: Aytekin (Oberasbach). Ein, zwei zweifelhafte Abseitsentscheidungen. Ansonsten befriedigend.

Fazit: Der HSV begann stark, verlor aber am Ende verdient, da man nach 25 Minuten das Fußballspielen (mit Betonung auf spielen) zunehmend einstellte.

Das veränderte taktische Konzept Zinnbauers, u.a. Pressing, aggressive Zweikampfführung und Verschiebung der Mannschaftsteile,  war erneut zu sehen. Unverändert fehlt es aber in der Vorwärtsbewegung und bei eigenem Ballbesitz an stabilen Lösungen.

Der HSV muss sich vorwerfen lassen, dass er  aus seiner Drangphase zu Beginn der Partie nichts Zählbares mitnehmen konnte.

Nach dem Rückstand verlor die Mannschaft aus meiner Sicht ein wenig den Faden. Die Eingespieltheit des favre’schen Spielkonzepts erwies sich gegen den noch relativ frischen, neuen Ansatz Zinnbauers als überlegen.

Es bleibt zu hoffen, dass es Zinnbauer gelingt, der Mannschaft auch offensiv Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen (Zum Teil wird sich manches aber auch in dem Maße verbessern, in dem die Integration der neuen Spieler auf Seiten der Hamburger fortschreitet.). Desweiteren wäre zu hoffen, dass es der Mannschaft  gelingt, mal mit einem „dreckigen“ Tor in Führung zu gehen.

Wer gehofft hat, dass mit Zinnbauer ein Messias in Hamburg vom Himmel gefallen ist, der die zahlreichen Defizite quasi über Nacht abstellen kann, dürfte sich nun eines besseren belehrt sehen.

Natürlich wäre es schön, wenn es gelänge, ein ganzes Spiel ohne Defensiv-Fehler (Djourou) zu bestreiten. Aber gänzlich wird sich dies auf Dauer nie erreichen lassen. So bleibt für mich derzeit das Hauptübel, dass dem HSV ohne einen Lasogga in Bestform unverändert fast jede Torgefährlichkeit abgeht. Einmal in Ballbesitz gehen der Mannschaft die Bälle viel zu leicht verloren, ohne dass daraus Konstruktives entsteht.

Ich würde mir wünschen, dass man den Prozess, in dem sich die Mannschaft m.E. derzeit befindet, weiter unterstützt, selbst wenn es auch gegen Frankfurt noch nicht zu einem Sieg reichen sollte. Und auch wenn es, ich schrieb dies ja bereits eingangs, zunehmend eine arge Geduldsprobe wird. Entscheidend ist zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison, das generell Fortschritte zu erkennen sind. Und Letztere konnte man in Gladbach erkennen, wenn auch (stabil) leider nur für eine knappe halbe Stunde. Der Misserfolg bleibt also dem HSV treu, und dennoch meine ich Ansätze zu positiven Veränderungen erkennen zu können.

Auf dieser Leistung lässt sich aufbauen. HSV – FC Bayern München 0:0

Jede Aussage eines Trainers gegenüber den Medien hat gleich mehrere Adressaten: Da wäre zunächst natürlich die interessierte Öffentlichkeit, der man einen möglichst positiven Eindruck von sich und seiner Arbeit vermitteln möchte. Dann wären da die Vorgesetzten, die mit Argusaugen darüber wachen, welches Bild ihr Trainer von sich, seiner Arbeit und dem Verein zeichnet. Und schließlich wären da noch die Spieler, die sehr genau darauf achten, was ihr Trainer öffentlich über die Mannschaftsleistung und nicht zu letzt über sie persönlich äußert. Es lohnt daher, einige Äußerungen Zinnbauers aus den vergangenen Tagen genauer zu betrachten.

So sagte Zinnbauer z.B. auf seiner Antritts-PK, er habe der von ihm zuletzt betreuten U23 zum Abschied gesagt, seine Beförderung zum Cheftrainer der Bundesligamannschaft sei nicht nur ein Glücksfall für ihn persönlich, sondern sei auch gut für sie. Denn zukünftig wüssten sie einen Cheftrainer „ganz oben“, der jeden einzelnen von ihnen tatsächlich kennen und einschätzen könne. Später antwortete er auf eine entsprechende Frage, dass er, sollte es bei der Bundesligamannschaft nicht funktionieren, „kein Pardon“ kenne und nicht zögern würde, die betreffenden Profis  durch entsprechende U23-Spieler zu ersetzen. Er erhöhte also den Leistungsdruck im Bundesliga-Kader und setzte gleichzeitig Anreize für den Nachwuchs, nunmehr unter ihrem neuen Trainer, Daniel Petrowsky, keinesfalls nachzulassen, wodurch er seinem Nachfolger zweifellos den Einstieg erleichtert haben dürfte. Man erinnere sich in diesem Zusammenhang nur an das Negativ-Beispiel Beckenbauer, der seinem Nachfolger bei der Nationalmannschaft, Berti Vogts, seinerzeit ein regelrechtes Kuckucksei ins Nest legte, indem er öffentlich in der ihm eigenen Art firlefranzte, dass die von ihm übergebene Mannschaft „auf Jahre hinaus unschlagbar“ sein werde.

Bereits in der zweiten, der von ihm bei den Profis geleiteten Trainingseinheiten demonstrierte Zinnbauer dann, dass er bei den von ihm angekündigten Konsequenzen auch nicht vor großen Namen zurückschreckt. Als mit Behrami  einer der vorgesehenen Führungsspieler der Mannschaft wiederholt einige Übungen erkennbar nicht mit vollem Einsatz absolvierte, durfte er sich den Rest des Trainings für diesen Tag von außen anschauen. In diesem Kontext muss man m.E. das Extra-Lob sehen, dass Zinnbauer nach der Partie gegen die Bayern an Behrami verteilte. Behrami hatte zweifellos ein gutes Spiel gemacht, ein besonderes Lob hat sich gestern aber, ginge es nach mir, ein anderer verdient (Dazu später mehr). Um bei Behrami zu bleiben – die Botschaft Zinnbauers erschien mir eindeutig: Wer  im Training voll mitzieht, wer gut spielt, der darf mit seiner Anerkennung, seiner Wertschätzung rechnen. Wer sich jedoch hängen lässt, für den brechen ggf. schwere Zeiten an. Da Behrami derzeit im Grunde alternativlos im Kader erscheint, macht es für mich aus Sicht des Trainers und vor dem Hintergrund der angesprochenen Disziplinierungsmaßnahme dennoch Sinn, ihn nach dem Spiel explizit öffentlich positiv hervorzuheben. Denn wer als Trainer nur Druck ausübt und ausschließlich negativ kritisiert, der wird m.E. auf längere Sicht keinen Erfolg haben.

In diesem Kontext passt ins Bild, dass Zinnbauer nach dem Spiel auch nicht vergaß, seinen Vorgänger, Mirko Slomka, für den nunmehr guten konditionellen Zustand der Mannschaft ausdrücklich zu loben. Dies, wie auch Zinnbauers Hinweis zur U23, dass er dort selbst ja weder Tore geschossen noch verhindert habe, deutet für mich darauf hin, dass er nicht nur um eine faire Beurteilung bemüht ist, sondern sich auch zugleich als Teil eines Teams sieht. Dies ist natürlich nur ein erster, flüchtiger Eindruck und sollte zum jetzigen Zeitpunkt nicht überbewertet werden, dennoch möchte ich dies nicht unerwähnt lassen. Denn es dürfte nicht wenige geben, die u.a. mangelhafte Teamarbeit als eine wesentliche Ursache für die Misserfolge der Vergangenheit ausgemacht haben wollen.

Im Grunde war zu erwarten, dass Zinnbauer angesichts der Kürze der ihm zur Verfügung stehenden Zeit die zuletzt überzogen wirkenden personellen Veränderungen Slomkas gegen Hannover teilweise zurücknehmen würde. So ersetzte Westermann Cléber, und auch Arslan kehrte in die Startaufstellung zurück:

Drobny – Diekmeier, Djourou, Westermann, Ostrzolek – Behrami, Arslan (67. Jiracek), N. Müller (87. Steinmann), Holtby, Stieber – Lasogga (76. Green)

In der Torwartfrage gab es auch meiner Meinung nach keinen triftigen Grund, nun erneut die Rolle rückwärts zu vollziehen. Zum einen war Drobnys Leistung gegen Hannover nicht ursächlich für die Niederlage, zum anderen wäre Adler endgültig „verbrannt“, wären ihm gegen die Bayern Fehler dergestalt unterlaufen, wie man sie leider in der letzten Saison eindeutig zu oft von ihm gesehen hat. So bitter das für Adler im Augenblick auch sein mag – er wird nun wohl mindestens bis zur Winterpause warten müssen. Es sei denn, Drobny schwächelt mehrfach. Im Mannschaftssport, so ist das nun einmal, steht der Erfolg eines Teams über etwaigen sportlichen Einzelschicksalen.

Das Spiel: Obwohl die Mannschaftsaufstellung der Hamburger als taktisches System ein 4-2-3-1 mit einer klaren Doppel-Sechs durch Behrami und Arslan suggerierte, konnte man bereits nach wenigen Minuten eine andere taktische Formation bemerken. Tatsächlich agierte man gegen den Ball mit einem grundsätzlich offensiv orientierten 4-4-2. Vor allem Holtby presste während der ersten Halbzeit im Verbund mit der nominell einzigen Hamburger Spitze, Lasogga, sehr hoch, während sich Arslan und Behrami meist dahinter in eine vordere Viererkette mit Stieber und Nicolai Müller einreihten. Auch die defensive Viererkette schob – endlich, endlich! – weit genug heraus, sodass kaum jene gefährlich freien Räume zwischen den Ketten entstanden, die ich hier im Blog in der Vergangenheit oft kritisiert habe. Da sich die Mannschaft des HSV zeitgleich auch ballorientiert seitlich deutlicher verschob, als dies m.M.n. in der Vergangenheit der Fall gewesen ist, wurden gleich drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen:

1.) Der Spielaufbau der Bayern konnte des Öfteren entscheidend gestört werden, sodass sie häufiger zu langen, prinzipiell leichter zu verteidigenden Bällen gezwungen wurden;
2.) In Ballnähe erreichte der HSV vermehrt eine personelle Überzahl, was auch die Zweikampfführung gegen individuell überlegene Bayern-Spieler erleichterte;
3.) Das Zentrum des Spiels wurde durch die Hamburger meist erfolgreich geschlossen, sodass der Gegner sein Spiel mit dem grundsätzlich längeren Weg über die jeweils freie Außenbahn entwickeln musste.

Nicht unbemerkt soll zudem bleiben, dass sich der HSV tatsächlich aggressiv in der Zweikampfführung zeigte. Im Ergebnis standen am Ende der ersten Spielhälfte nur zwei Torschüsse (20. Minute, Pizarro, weit über das Tor) der Bayern und eine einzige Parade Drobnys (33., nach Schuss von Bernat) zu Buche. Und das gegen die zuvor hoch favorisierten Bayern!

Man darf es wohl durchaus auch als Kompliment für den HSV werten, dass Guardiola, der die Bayern zunächst in einem offensiven 3-4-3 auf das Feld schickte, im Verlauf der Partie nicht nur in der Abwehr auf eine Viererkette umstellte, sondern mit den zu Beginn noch geschonten Xabi Alonso, Götze und Lewandowski drei Hochkaräter brachte, die den Sieg für seine Mannschaft erzwingen sollten. Denn es dürfte eher ungewöhnlich sein, dass ein Trainer bereits in der 66. Minute seine letzte Auswechselmöglichkeit ausschöpft.

Tatsächlich spielten die Bayern während des zweiten Durchgangs flüssiger und zielgerichteter. Zunächst aber hatte Nicolai Müller in der 48. Minute tatsächlich eine Torchance für den HSV. Er spitzelte den Ball erfolgreich aus halblinker Position an dem aus seinem Tor geeilten Neuer vorbei. Leider verfehlte sein Schuss mit dem rechten Fuß knapp das Tor.

In der 53. Minute rettete Drobny seine Mannschaft vor dem Rückstand, als er mit den Beinen einen Schuss von Lahm nach Vorarbeit von Rafinha parierte. Zu diesem Zeitpunkt die bis dato wohl größte Torchance für die Bayern.

Die Bayern bauten nun vermehrt ihr Spiel über ihre rechte Seite auf, um hernach auf die linke Seite zu verlagern. Aber Diekmeier und Nicolai Müller waren meist zur Stelle, um etwaige Lücken rechtzeitig zu schließen.

Um auf meine Bemerkung im Zusammenhang mit Behrami zurückzukommen: Neben Behrami verdienen m.E. besonders der defensiv enorm fleißige Holtby, aber vor allem der oft gescholtene Heiko Westermann ein Extra-Lob. Westermann spielte auf Seiten des HSV einfach überragend. Nicht ein „Wackler“, 89 Prozent gewonnene Zweikämpfe und 67 Prozent angekommene Pässe belegen dies. Ich denke, man konnte sehen, dass Westermann durchaus sehr, sehr wertvoll sein kann, wenn er sich in einer taktisch funktionierenden Mannschaft auf seine Kernkompetenzen konzentrieren kann. Denn seine allseits bekannten Stockfehler resultierten oft genug auch daraus, dass sich andere Spieler der Mannschaft in der Vergangenheit viel zu oft versteckt haben. So wurde Westermann oft genug dafür bestraft, dass er einer der wenigen war, die durchweg Verantwortung übernahmen, während andere nach dem Motto verfuhren: hier hast Du den Ball – viel Glück damit!

Djourou zeigte eine durchaus ordentliche Leistung, zerstörte aber letztlich ein wenig den positiven Gesamteindruck, als er kurz vor Spielende (88.) einen eklatanten Fehler bei der Ballannahme produzierte und so Thomas Müller zu einem Torschuss einlud, den dieser zum Glück für den HSV knapp neben das Tor setzte. So blieb es letztlich beim torlosen Remis.

In der Nachspielzeit (90+4.) vertändelte der wieder einmal weit aus seinem Tor geeilte Manuel Neuer den Ball fast auf Höhe der Mittellinie und blockte dort absichtlich einen Schuss der Hamburger mit der Hand. Der folgende Torschuss von Ostrzolek verfehlte das von Neuer verlassene Tor. Der Treffer hätte aber ohnehin nicht gezählt, da Schiedsrichter Dingert bereits das Handspiel gepfiffen hatte.

Schiedsrichter: Dingert (Lebecksmühle): Bot für einen so jungen Schiedsrichter in einer vor allem von Hamburger Seite aggressiv geführten Partie eine gute Leistung. Die gelbe Karte für Neuer geht vollkommen in Ordnung, da nicht jedes Handspiel eines Torwarts außerhalb seines Strafraums zum Feldverweis führt. Maßgebend ist hier, ob der Torhüter eine klare, eindeutige Torchance für den Gegner verhindert. Davon kann beim besten Willen aufgrund der seitlich versetzen Position von Schütze und Ball und der Entfernung zum Tor (fast Mittellinie!) keine Rede sein.

Fazit: Der HSV, so möchte ich es formulieren, hat dem zuvor übermächtig erscheinenden Gegner aus München aufgrund einer engagierten und taktisch disziplinierten Mannschaftsleistung durchaus verdient den einen Punkt abgerungen. Endlich blieb man über weite Strecken des Spiels als Mannschaft kompakt und konnte vermehrt auch jene Dreiecksbildungen auf den Positionen beobachten, die zuvor viel zu oft schmerzlich vermisst wurden. Ich stimme Heiko Westermann zu, der nach dem Spiel von der besten Mannschaftsleistung des HSV sprach, seit er in Hamburg sei.

Defensiv war das eine großartige Leistung der Hamburger Mannschaft, auch wenn offensiv kaum etwas ging. Mit zunehmender Spielzeit auffälliger wurde hier, dass Lasogga, obgleich gewohnt fleißig und einsatzwillig wirkend, läuferisch unverändert schwerfällig agiert. Hier bleibt zu hoffen, dass es Zinnbauer in den kommenden Wochen gelingt, Lasoggas Form mittelfristig durch dosierte Belastungen in Training und Wettkampf zu verbessern.

Dieses Spiel ist aus Hamburger Sicht als erster Schritt in die richtige Richtung zu bewerten. Noch aber ist das allenfalls ein sehr erfreulicher Achtungserfolg, den man zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht überbewerten sollte. Ob das dieses Mal deutlich verbesserte taktische Verhalten der ganzen Mannschaft nachhaltig zu beobachten sein wird, das bleibt abzuwarten. Schon das nächste Spiel gegen M’Gladbach wird hier weitere, hoffentlich erfreuliche Erkenntnisse liefern.

Interessant wird zu beobachten sein, wie Zinnbauer zukünftig den von ihm angekündigten offensiv-dominanten Fußball mit diesem Kader des HSV umsetzen will. Die Bayern, Zinnbauer sagte dies auf der PK vor dem Spiel bereits, waren hierfür der falsche Gegner. Perspektivisch könnte ich mir vorstellen, dass sich das Spiel des HSV in den kommenden Wochen und Monaten stärker zu einem 4-1-4-1 entwickelt, aber auch das muss man letztlich abwarten.

Übersehen wir nicht, dass die Mannschaft immer noch kein einziges Tor geschossen hat und bisher auch unverändert kein Spiel gewinnen konnte.  Gestern könnte ein Grundstein gelegt worden sein, mehr aber noch nicht. Eins scheint mir eindeutig: Sollte die Mannschaft kontinuierlich an die gestrige Leistung anknüpfen können, dann wird sie mit dem Abstieg in dieser Saison nichts zu tun haben. Zu Euphorie besteht also unverändert kein Anlass, wohl aber zu Zuversicht.

Festhalten möchte ich zum Schluss, dass Zinnbauer der erste Trainer beim HSV ist, der Jiracek endlich dort einsetzte, wo er m.E. ohnehin hingehört: als Alternative zu Arslan und Pendant von Behrami im Zentrum. Der Wechsel für den zuvor bereits  gelbverwarnten Arslan machte für mich daher doppelt Sinn. Auch dass er mit Matti Steinmann (1,88m) eine echte „Kante“ debütieren ließ, als es den Anschein hatte, dem HSV fehle nach der Auswechselung Lasoggas etwas die körperliche Wucht, fand ich durchaus nachvollziehbar. Eins ist Zinnbauer jedenfalls bereits gelungen: ich bin sehr gespannt, ob sich die Mannschaft in diesem rasanten Tempo tatsächlich weiter unter seiner Leitung entwickelt. Zu wünschen wäre es.