Nach einer taktisch reifen Leistung im Achtelfinale: USA – Deutschland 0:1 (0:0)

Ich gebe zu, ich bin nicht gerade davon begeistert, dass Jogi Löw in den bisherigen Spielen eine defensive Viererkette mit gleich vier gelernten Innenverteidigern aufgeboten hat. Es entspricht einfach nicht meiner Vorstellung vom modernen Fußball. Ich respektiere die Entscheidung Löws, zumal ihm der bisherige Erfolg recht zu geben scheint, aber mir ist es grundsätzlich lieber, wenn eine Mannschaft mit gelernten (auch offensiv starken) Außenverteidigern antritt. Löw argumentierte, dass die umfunktionierten Innenverteidiger aufgrund ihrer Stammposition im Verein eher darauf achten würden, dass das Zentrum geschlossen bleibt. Dieser Gedanke ist zweifellos nachvollziehbar, jedoch bin ich der Meinung, dass hier zugunsten des geschlossenen Zentrums offensives Potenzial geopfert wird. Ich aber sehe gerne offensiven Fußball, auch wenn ich mich an einer taktisch disziplinierten Defensive durchaus erfreuen kann. Allerdings weiß ich aus eigener Erfahrung, dass Turniere kaum Fehler verzeihen, sofern man am Ende erfolgreich sein möchte. Und mir ist natürlich bewusst, dass nicht ich sondern Löw den Kopf hinhalten muss, wenn die Mannschaft nicht die Erwartungen erfüllt. Insofern gilt in diesem Zusammenang für mich: Verständnis ja, Begeisterung nein.

Eher schon kann ich mich mit der s.g. Falschen Neun anfreunden, zumal wenn sie so hervorragend interpretiert wird, wie dies Müller im ersten Gruppenspiel gegen Portugal gelang. Aber auch hier ist es so, dass mir ein klassischer Stürmer lieber wäre. Allerdings nicht jeder. Ein Kießling, gewiss ein überdurchschnittlich treffsicherer, überdurchschnittlicher Stürmer, ist m.E. zurecht nicht nominiert worden. Dies ist in meinen Augen auch keine Kritik an seiner generellen Qualität, sondern eine Entscheidung für eine bestimmte Spielphilosophie, in die er nicht hineinpasst. Kießling ist schnell und unbestreitbar abschlussstark. Qualitäten, die ihn für ein Konterspiel Leverkusener Prägung prädestinieren. Die Nationalmannschaft (unter Löw) spielt jedoch einen anderen Fußball. Der ist m.E. näher am Ballbesitzfußball van Gaals (zu Bayern-Zeiten) oder an dem Fußball Guardiolas orientiert, in welchem polyvalente Spieler tendenziell jede Position je nach Erfordernis (aufgrund der Spielsituation) bespielen müssen, was in der Konsequenz mindestens die Aufweichung fester Rollenzuteilungen zur Folge hat. In beiden Philosophien aber braucht man pass- und spielstarke „Stürmer“. Und genau hier liegen die Vorzüge des von Löw nominierten Offensivpersonals und die Nachteile z.B. eines Kießlings. Dennoch wäre mir ein klarer Stürmer lieber, schrieb ich. Und damit meine ich einen wie Klose. Leider, und darin liegt bei dieser WM die Krux, ist der gute Miroslav inzwischen bekanntlich nicht mehr der Jüngste. Daher reicht es wohl einfach nicht für volle neunzig Minuten (mehrfach hintereinander). Aber wäre Klose noch jünger, er wäre bei mir fast gesetzt. Denn er ist ball- und passsicher und ausgesprochen mannschaftsdienlich. Und dennoch besitzt er die klassischen Stürmertugenden: Er hat das Näschen für die Torgefahr, ist nervenstark im Abschluss, kann mit dem Rücken zum Tor den Ball behaupten und ist zudem kopfballstark, also jederzeit ein ernstzunehmender Abnehmer für hohe Bälle von außen. Womit sich der Kreis zu meiner oben angesprochenen Vorliebe für gelernte Außenverteidiger in gewisser Weise schließt. Zudem ist gerade bei dieser WM zu beobachten, dass viele Tore aus Standards erzielt werden. Was mich wiederum schlussfolgern lässt, dass hohe Bälle (und damit die Verwerter derselben) auch im modernen Fußball weiterhin von Bedeutung sind (und bleiben).

Löw steht in meinen Augen bei dieser WM vor der Herausforderung, dass der Fußball, den er wohl grundsätzlich favorisiert, schon aufgrund der klimatischen Bedingungen zu kräfteraubend erscheint, will man ihn über mehrere Partien in relativ kurzer Zeit (wie bei einem Turnier üblich) zeigen. Dazu gesellen sich die Tatsache, dass die reguläre Saison für die Spitzenspieler außerordentlich lang und kräfteraubend ist und der Umstand, dass die Deutsche Elf bereits mit einigen angeschlagenen, bzw. nicht völlig ausgeruhten (Lahm) und topfitten Spielern (Khedira, Schweinsteiger) anreiste, was ein Job-Sharing vor allem im Defensiven Mittelfeld nahelegt.

Sei es, wie es sei – Löw wählte gegen die kampfstarken USA die folgende Aufstellung: Neuer – Boateng, Mertesacker, Hummels, Höwedes –  Lahm, Schweinsteiger (76. Götze), Kroos, Özil (89. Schürrle), Podolski (46. Klose) – Müller

Spielverlauf: die Deutsche Elf kam gut in das Spiel. Das lag auch daran, dass sich die von Jürgen Klinsmann gecoachten USA zunächst auf die Defensive und hier auf das Blockieren möglicher Passwege für Deutschland beschränkten. Nominell in einem 4-2-3-1 agierend, waren die Nordamerikaner erkennbar um Kompaktheit bemüht und wollten ganz offensichtlich über Konter (Neu-Fußballdeutsch: schnelles Umschaltspiel) ihrerseits zu einem Torerfolg kommen. Mit anderen  Worten: sie überließen über weite Strecken der erste Spielhälfte der deutschen Nationalmannschaft einen Großteil des Feldes und die alleinige Spielgestaltung.

Die deutsche Abwehr stand demzufolge meist sehr hoch (fast an der Mittellinie). Sehr schnell wurde eins augenfällig: Während der auch offensiv sehr aktive rechte Außenverteidiger Deutschlands, Boateng, sich immer wieder in das eigene Angriffsspiel einzuschalten versuchte, beschränkte sich sein Pendant auf der linken defensiven Seite, Höwedes, fast ausschließlich auf seine defensiven Aufgaben. Resultat war eine deutliche Asymmetrie bei den deutschen Angriffsbemühungen über die Flügel. Während gerade zu Beginn fast jeder Spielzug eine scharfe Hereingabe Boatengs in den Strafraum der USA beinhaltete (die meist denkbar knapp vom zentral vor dem gegnerischen Tor  lauernden Müller verpasst wurde), kam Podolski über die linke Seite nur selten zum Zuge, was z.T. aber auch an der mangelnden Unterstützung u.a. durch Höwedes gelegen haben könnte.

Auffällig im deutschen Spiel der ersten Hälfte war für mich Schweinsteiger, der immer wieder intelligente Pässe oder Laufwege zeigte. Auch Özil zeigte sich, meist auf dem von ihm eher ungeliebten rechten Flügel agierend, in aufsteigender Form. Boateng war offensiv sehr aktiv, wirkte jedoch bei der Wahrnehmung seiner defensiven Aufgaben gelegentlich nicht ganz konzentriert. Zudem fehlte seinen langen Bälle mehrfach die nötige Präzision.

Die deutsche Elf erspielte sich zwar die eindeutige Feldüberlegenheit und ein kleines  Chancenplus (wenn man die wirklich klaren Torchancen betrachtet), jedoch fehlte die ganz, ganz große Torgefahr. Löw reagierte früh und entschied sich, den  fast wirkungslosen Podolski auszuwechseln. Für ihn kam der einzige klassische Stürmer des Kaders (s.o.), Klose. Dieser übernahm nun die Position der vordersten Spitze, während sich Müller in die offensive Dreierkette dahinter einreihte. Da das Personal der Dreierkette fortan munter auf den Positionen rochierte, wirkte die Abwehr der Amerikaner nun deutlich unsicherer.

In der 55. Spielminute war es dann soweit. Nach einer von der deutschen Elf kurz ausgeführten Ecke von rechts flankte der ansonsten unauffällige Kroos an den Fünfmeterraum. Mertesackers Kopfball konnte Howard im Tor der US-Boys gerade nach parieren, aber er ließ den Ball nach vorne prallen. Müller kam aus halblinker Position an der Strafraumgrenze zum Nachschuss und schlenzte den Ball überlegt ins lange Eck. Der erhoffte Führungstreffer aus deutscher Sicht.

In der Folge verflachte das Spiel deutlich. Die deutsche Elf dominierte das Spiel, beschränkte sich jedoch mit zunehmender Spieldauer auf die Verwaltung der Führung. Die USA blieben trotz mehrfacher Personalwechsel Klinsmanns im Grunde harmlos. Angesichts des Zwischenstandes in der parallel stattfindenden Partie Portugal-Ghana (Endstand 2:1) muss man Verständnis dafür haben, dass die deutsche Mannschaft mit dem Führungstreffer im Rücken offensiv nicht mehr höheres Risiko eingehen wollte. Safety first schien da die verständliche Devise. Dennoch ist zu bemängeln, dass eine Vielzahl an im Ansatz vielversprechenden Möglichkeiten durch schlecht getimte Flanken oder ungenaue Pässe verschenkt wurden. Dies mag aber auch zu einem Teil dem durch den Dauerregen glitschigen Rasen geschuldet gewesen sein.

Die beste Torchance für die USA ergab sich, und das ist bezeichnend für den Spielverlauf, in der Nachspielzeit. In der  93. Minute konnte Kapitän Lahm den Torschuss der Amerikaner nach einem Konter über ihre rechte Angriffsseite gerade noch blocken. Er rettete damit seiner Mannschaft endgültig den Sieg und krönte seine eigene, dieses Mal wieder tadellose Leistung.

Schiedsrichter: Ravshan Irmatov (Usbekistan). Bevorzugte m.E. gelegentlich die deutsche Elf, ohne damit jedoch spielentscheidend einzugreifen.

Fazit: Ich bin mir nicht sicher, ob Klinsmann seiner Mannnschaft mit der eher passiven, defensiven Ausrichtung wirklich einen Gefallen getan hat. Immerhin aber, das muss man ja auch anerkennen, hat auch seine Mannschaft die Vorrunde nun erfolgreich überstanden.

Erneut zeigt sich, dass Löw über eine Vielzahl an Alternativen verfügt. Schweinsteiger (statt Khedira) ordnete zusammen mit Lahm das Spiel und hatte einige hübsche Ideen. Es zeigte sich auch wieder, dass sich u.a. durch Klose das Angriffsspiel entscheidend variieren lässt, auch wenn er selbst dieses Mal leer ausging.
Auch wenn Höwedes defensiv seine Aufgabe durchaus ordentlich gelöst hat, so würde ich mir mindestens auf dieser Position mehr Mut zum Risiko, mehr Engagement nach vorn wünschen. Spielerisch mag die Mannschaft in der zweiten Hälfte einiges schuldig geblieben sein. Aus taktischer Sicht hat sie jedoch durchaus clever agiert. Die Verwaltung von Minimalvorsprüngen ist ja normalerweise eine der Stärken, die man nicht den deutschen sondern den italienischen Mannschaften nachsagt. So gesehen war das eine reife Leistung  der  deutschen Elf.

Die deutsche Mannschaft beendet also die Vorrunde als Gruppensieger und hat das Achtelfinale erreicht. Glückwunsch! Beide wahrscheinlichen Gegner dort, Russland oder Algerien, erscheinen nach den bisherigen Eindrücken als durchaus lösbare Aufgaben.

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5 Kommentare

  1. Deine Beurteilungen teile ich zum größten Teil. Bezogen auf Höwedes sehe ich es doch etwas anders. Er ist m.E. einfach zu langsam. Ein typischer Innenverteidiger eben. Bereits im Spiel gegen Ghana wurde er sehr oft überlaufen und gegen USA ähnlich. Ich finde, Löw sollte es doch mal mit mit dem Dortmunder versuchen.
    Müller kam mir schon immer wie ein Wahnsinniger vor. Nun hat er es selbst zugegeben, er trainiert wahnsinnig 🙂 .

  2. Zunächst einmal, Trapper, ein klasse Spielbericht, vielen Dank!. Ich stimme dem vollen Umfangs zu. Ich glaube, genau so hatten oldiehamburg und – im Anschluß an ihn – auch ich uns das vorgestellt. Nicht die Darstellungen der einzelnen Szenen sondern mehr eine Bewertung des gesamten Spielverlaufs, einschließlich Aufstellung, gewählter Taktik, etc.

    Betr. Höwedes sehe ich eigentlich keinen Unterschied zwischen der Bewertung von oldiehamburg, die ich teile, und Deiner. Wir sind m.E. gleichermaßen skeptisch ggü. dieser Art von Aufstellung mit 4 gelernten Innenverteidigern. Während es Boateng – als früher gesetzter und gelernter Außenverteidiger – gelingt, sich wie ein klassischer Außenverteidiger auch offensiv einzubringen und lediglich die Präzision seiner Flanken bemängelt werden kann, sehe ich Höwedes als DIE Schwachstelle in der klassischen Defensive. Es ist daher auch kein Zufall, daß alle 3 bisherigen Gegner unsere linke Seite als hauptsächliche Angriffsseite ausgemacht und entsprechend gespielt haben.

    Wenn Höwedes offensiv wird, ist er einfach zu langsam in der Rückwärtsbewegung und benötigt daher dringend die Absicherung durch den Mittelfeldspieler auf seiner Seite. Wenn er – in Erkenntnis der Gefahr des Auskonterns – überwiegend defensiv bleibt, fehlt er vorn zur Unterstützung der linken Seite. M.E. war dies auch der Hauptgrund, warum Podolski keinen Zugang zum Spiel fand. Er bekam vorn (ein wenig überzeichnet dargestellt) keine Unterstützung durch Höwedes und ließ diesen dann ebenso konsequent hinten allein. Wir hatten m.E. Glück, daß es Fabian Johnson in diesem Spiel – im Unterschied z.B. zu dem gegen Portugal – nicht gelang, hieraus mehr Kapital zu schlagen.

    Gegen Kaliber wie vor allem Karim Benzema in seiner derzeitigen Topform, aber auch Olivier Giroud und Valbuena – ohne jetzt das Spiel gegen Algerien schon abhaken zu wollen – kann das m.E. aber zur echten Achillesferse werden. Von daher würde ich mir sehr wünschen, Löw würde schon zum Spiel gegen Algerien einmal Durm die Chance geben, damit sich dieser unter WM-Bedingungen dort schon einmal Sicherheit verschaffen kann.

    Ansonsten hat das Spiel gezeigt, wie sehr auch Lahm – und mit ihm die ganz Mannschaft – von der Einsetzung eines Schweinsteigers profitiert. Er macht seine fehlende Grundschnelligkeit durch ein sehr gutes Spielverständnis meist locker wieder wett. Daher hatten die Deutschen ein deutlich kompakteres Mittelfeld als noch in den Spielen davor. Er und Klose scheinen auch mir unverzichtbar, so lange sie eben jeweils durchhalten.

  3. @oldiehamburg, Detzer ’72
    Es freut mich, wenn dieser Artikel schon eher Eure Erwartungen erfüllt. Das gibt mir doch eine gewisse Orientierung, in welche Richtung sich die Dinge hier entwickeln sollten. Ich finde übrigens, dass es mit Sicherheit noch besser geht. Das ist aber für den Moment nicht wichtig. Wichtig war mir, zu signalisieren, dass ich meine Leser und ihre Kritik ernstnehme. Wenn das rübergekommen ist, dann reicht mir das für den Augenblick. Alles andere wird sich schon bei Zeiten finden.

    1. @Trapper, mir kommt es nicht darauf an, dass Du schreibst was und wie ich es für OK halte. Ich wollte nur darauf hinweisen, dass Du m.E. viel Mühe und Zeit investiert hast um etwas zu schreiben was jeder Deiner Leser selbst gesehen hat oder aber bereits einen oder zwei Tage zuvor an anderer Stelle nachlesen konnte. Ich glaube einfach, dass Deine Leser eher lesen möchten welche Schlussfolgeren Du ziehst um sie mit ihren Überlegungen zu vergleichen und auch um neue, andere Denkanstöße zu bekommen. Jeder hat seine eigene Art Dinge zu sehen, zu verarbeiten und Schlussfolgerungen zu ziehen. Eine Diskussion ist im Internet kaum möglich, Meinungen oder Erkenntnisse miteinander zu teilen, dadurch Denkanstöße zu bekommen oder zu geben, das erweitert gar manchen Horizont.
      Trotzdem, Danke dafür, dass Du Dir Gedanken gemacht hast und uns entgegen kommst.

  4. @oldiehamburg
    Für mein Gedankenmachen musst Du mir nicht danken. Denn dass ich mich bemühe, mich selbst auch kritisch mit meinen Artikeln auseinanderzusetzen, das halte ich für selbstverständlich. Ich sehe es auch nicht als ein „Entgegenkommen“ meinerseits – das empfände ich fast als herablassend, wenn ich es so sehen würde – sondern als ein „gemeinsam im Dialog sein“, oder als einen Prozess (der Entwicklung), in dem ihr eben durch Eure Anmerkungen mitwirkt. Ich habe also zu danken!

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