Cardoso

Aus Hamburg geht man niemals ganz

Nun ist er also weg. Gestern gab die Fußball-AG des HSV bekannt, dass Dietmar Beiersdorfer als Vorstandsvorsitzender der AG abgelöst und zeitnah durch Heribert Bruchhagen ersetzt wird. Zugleich wird Beiersdorfer auch das zuletzt von ihm ebenfalls übernommene Amt des Sportdirektors abgeben, denn Bruchhagen soll dem Vernehmen nach auch einen neuen Sportdirektor mitbringen.

In meinen Augen ist die Freistellung Beiersdorfer unzweifelhaft richtig, kommt jedoch zum falschen Zeitpunkt, da viel zu spät. Spätestens nachdem der Vorsitzende des Aufsichtsrates der Hamburger Fußball-AG und Kühne-Intimus, Karl Gernandt, Beiersdorfer öffentlich in einer Weise angezählt hatte, wie man es selten erlebt, war klar, dass Beiersdorfer Tage als leitender Angestellter der AG gezählt waren.

Der Aufsichtsrat, so Gernandt seinerzeit sinngemäß, berate den Vorstand intensivst dabei, die Verpflichtung des vom Vorstand zu suchenden neuen Sportdirektors professioneller zu gestalten. Wer sich die Aussage Gernandts  auf der Zunge zergehen ließ, der schmeckte vermutlich sofort das hier öffentlich verspritzte Gift. Denn hinter der hier vorgeblichen Hilfestellung durch den AR verbarg sich nichts anders als eine vernichtende Wertung. Dem hochbezahlten Profi Beiersdorfer wurde hier nämlich im Subtext öffentlich zweierlei attestiert:

  1. dass man ihm alleine nicht länger vertraute und daher „Beratungsbedarf“ sah;
  2. dass er (mindestens) bei der Bewältigung einer seiner Kernaufgaben nach Ansicht des Aufsichtsrates eben nicht mit der gebotenen Professionalität vorgegangen ist.

In der Tat wirkte die von Beiersdorfer zu verantwortende Suche des HSV nach einem neuen Sportdirektor zunehmend grotesk und peinlich. Gefühlt ein halbes Dutzend Kandidaten wurde letztlich ergebnislos kontaktiert, auch wenn Beiersdorfer fast schon trotzig betonte, es habe nur in einem Fall, nämlich mit Christian Hochstätter und dem VfL Bochum, tatsächlich konkrete Verhandlungen gegeben, die letztlich an der Höhe der Ablöseforderung Bochums gescheitert seien. Das mag so stimmen, dennoch war der öffentliche Eindruck, den Beiersdorfers (nennen wir es) „Sondierungen“ hinterließen, verheerend. Praktisch jeder kontaktierte Kandidat behauptete nachträglich öffentlich, er habe den Hamburgern abgesagt, während Beiersdorfer Mal um Mal ebenfalls öffentlich dementierte und seinerseits wahlweise behauptete, man habe lediglich gesprochen aber nie konkret verhandelt, oder es sei der HSV gewesen, der seinerseits dem Kandidaten abgesagt habe.

Wie es sich tatsächlich verhalten hat, dies wissen nur die jeweils Beteiligten. Aber nicht nur hier wurde eine große Schwäche Beiersdorfers zum wiederholten Male augenfällig:

Kommunikation gehört nun einmal nicht zu seinen ausgewiesenen Stärken. In Einzel- oder Kleingruppengesprächen wirkt seine etwas unbeholfene, linkische Art durchaus sympathisch und gewinnend, als Vorstandsvorsitzender eines Bundesligaunternehmens, das sich Woche für Woche im grellen Licht medialer Dauerbeobachtung behaupten muss, wirkte er schon kurz nach seinem von vielen Vorschusslorbeeren begleiteten Amtsantritt aus der Zeit gefallen und deplatziert.

Man mag ihm wie jedem anderen Menschen auch zubilligen, dass es bei Gesprächen auch zu Missverständnissen kommen kann. Wenn sich aber nach praktisch jeder Kontaktaufnahme der kontaktierte Kandidat irritiert zeigt, wenn jedes Mal am Ende öffentlich Aussage gegen Aussage steht, dann spricht vieles dafür, dass es erhebliche kommunikative Defizite auf Seiten des (einen) Senders und eben nicht auf den Seiten der Empfänger gibt.

Bereits zu seinem Amtsantritt, nach dem damaligen Votum der Mitglieder für die Ausgliederung und für die Ziele der Initiative HSVPlus, irritierte der Vorstandsvorsitzende, indem er öffentlich kundtat, er sei „wohl zu naiv“ gewesen, um sich vorstellen zu können, dass ein Treffen der neu gewählten Funktionsträger ausgerechnet im Hamburger Firmensitz von Kühne & Nagel derartiges Aufsehen erregen könnte. Bereits damals fragte ich mich, auf welchem offenbar weit entfernten Planeten er seinen Urlaub verbracht haben mochte, denn auch wenn letztlich die überwältigende Mehrheit der Mitgliederschaft auch für Anteilsverkäufe votiert hatte, so hätte ihm klar sein müssen, welch fatales Signal hier mindestens an jenen Teil der Mitglieder gesendet wurde, der sich ernsthaft um die Selbstbestimmung des HSV mit Blick auf den unterstellten Einfluss insbesondere Klaus-Michael Kühnes sorgte. Zwar wurde Beiersdorfer seinerzeit nicht müde zu wiederholen, dass auch zukünftig alle Entscheidungen ausschließlich  und allein vom HSV und durch ihn getroffen würden, aber den Vorwurf, ohne jede Not ohnehin vorhandene Ängste der Mitglieder aufgrund mangelnder Umsicht befeuert zu haben, den musste er sich bereits damals gefallen lassen.

Als nach längerer Vorlaufzeit Peter Knäbel auf einer PK des HSV als dessen neuer Sportdirektor vorgestellt wurde, antworte Beiersdorfer auf die Frage, warum sich diese Verpflichtung verzögert habe, Knäbel sei eben noch mit der Erstellung einer  s.g. Weltstandsanalyse zum Fußball für den Schweizer Verband beschäftigt gewesen, die er erst habe abschließen wollen. Und dann offenbarte er erstaunliches: er persönlich, so Beiersdorfer, habe gar nicht gewusst, dass es so etwas gäbe und dass man derartiges machen könne. Man mag diese Offenheit und Ehrlichkeit schätzen, zugleich aber waren spätestens ab diesem Zeitpunkt auch Zweifel an seiner sportlichen Expertise angebracht. Im Klartext: die Möglichkeit einer methodisch-systematischen Analyse dessen, was sich in dem von ihm zu verantwortenden Kerngeschäft, dem Fußball, in der Welt entwickelt, war ihm vorher unbekannt. Derartige Wissenslücken darf man vermutlich nur im Fußball offenbaren. In jeder anderen leistungsorientierten Sportart dürfte dies bei Bewerbungsgesprächen für leitende Funktionen den sofortigen Abbruch der Gespräche zur Folge haben.

Vor diesem Hintergrund kann es kaum noch verwundern, dass er als Nachfolger des für dominanten und ballbesitzorientierten Fußball stehenden Trainers Fink (Cardoso und van Marwijk sind hier aus diversen Gründen zu vernachlässigen) mit Slomka einen Trainer holte, der als ausgewiesener Anhänger eines ganz anderen Ansatzes nämlich des Konterfußballs galt. Diesem wiederum folgte mit dem relativ unerfahrenen  Joe Zinnbauer ein Trainer, der wieder mehr zur offensiv-dominanten Spielweise tendierte. Schon damals schien mir die Frage berechtigt, ob der HSV unter Leitung Beiersdorfers je eine schlüssige Vorstellung von dem Fußball würde entwickeln können, den man perspektivisch in Hamburg spielen lassen wollte.

Zu diesen fachlich-inhaltlichen Schwächen gesellte sich Beiersdorfers fatale Neigung zum zögern und zaudern. Zur Kernaufgabe von Vorständen, von CEOs, gehört es nun einmal, Entscheidungen zu treffen. Auch und gerade unter Druck. Aber Beiersdorfer verpasste sowohl bei Slomka als auch bei Labbadia jeweils den richtigen Zeitpunkt, um sich von einem Trainer zu trennen, in dessen Arbeit er offensichtlich längst das Vertrauen verloren hatte. Stattdessen nahm er billigend in Kauf, dass der jeweilige Nachfolger ohne gemeinsame Vorbereitung mit der Mannschaft ins Rennen geschickt wurde.

Dass er es vor der Saison und offenbar trotz ausdrücklich durch Labbadia angemeldetem Bedarf versäumt hat, den Kader im äußerst dünn besetzten Defensivbereich zu verstärken, ist ebenfalls ihm anzulasten. Dies wirkt auf mich besonders ärgerlich, denn u.a. das Beispiel VfB Stuttgart hätte ausreichen müssen, um vor einer Überbetonung des Offensivpersonals zulasten der Verpflichtung defensiver Spielern ausreichend gewarnt zu sein.Verletzungen und Sperren sind im Laufe einer Saison nicht zu vermeiden. Dies ist bei einer Kaderzusammenstellung im Vorfeld auch immer zu berücksichtigen. Auch daran lässt sich umsichtige Planung erkennen. Dass bereits der Ausfall von zwei, drei Spielern Trainer Markus Gisdol zu personellen Experimenten mit ungewissem Ausgang förmlich nötigte, legt die eklatanten konzeptionellen Versäumnisse Beiersdorfers  vor der aktuellen Saison ebenfalls schonungslos offen.

Es gibt daher eine Vielzahl an Gründen, welche die nun erfolgte Abberufung Beiersdorfers  geboten erscheinen lassen.

Und dennoch.

Beiersdorfers Name wird untrennbar mit der erfolgreichsten Periode der jüngeren HSV-Historie verbunden bleiben. Seinerzeit im Gespann mit Bernd Hoffmann und Katja Kraus arbeitend hat er überwiegend gute, z.T sehr gute Transfers getätigt, auch wenn bereits auch damals nicht alles Gold war, was zu glänzen schien.

Das Scheitern Beiersdorfers als Vorstandsvorsitzender habe ich von Anfang an erwartet. Genugtuung oder gar Freude über seine Ablösung vermag ich jedoch nicht zu empfinden. Die Trennung erscheint mir schmerzlich, da ich ihm das Herzblut abnehme, mit dem er sich stets zum HSV bekannt hat. Sie erscheint mit zugleich aber auch als eine notwendige Korrektur im Dienste des HSV. Hätte sich Beiersdorfer allein und mit ganzer Kraft auf das Amt des Sportdirektors konzentrieren und beschränken können und wollen – wer weiß, ob die Geschichte nicht einen anderen Ausgang gehabt hätte. So bleibt mir nur an dieser Stelle zu schreiben: Danke für alles, Herr Beiersdorfer!

Dem Aufsichtsrat der AG  ist in diesem Zusammenhang anzulasten, dass man einen verdienten und loyalen Mitarbeiter über Wochen in einem unerträglichen Schwebezustand hängen ließ, nachdem man ihn bereits öffentlich (s.o.) längst demontiert hatte. Ganz nebenbei hat man zum wiederholten Male zugelassen, dass dem HSV praktisch das Heft des Handelns aus der Hand genommen wurde, da sich wichtige Personalentscheidungen gerade in dieser stark medial beachteten Branche niemals über Wochen unter Verschluss halten lassen.

Abschließend einige Sätze zum bevorstehenden Amtsantritt Heribert Bruchhagens.

Ich habe Verständnis für die verbreitete Skepsis, die diese Personalie begleitet. Er stünde für eine der schlimmsten Perioden der HSV-Geschichte, las ich. Übersehen wird hier m.E., dass er ’92-’95 als Manager mit operativ-sportlichen Aufgaben und bei schon damals knappen Kassen beim HSV arbeitete und eben nicht als Vorstandsvorsitzender.

Seine Erfahrung und seine gute Vernetzung in Richtung DFL könnten zu einem Gewinn für den HSV werden. Im finanziellen Bereich dürfte seine bereits in Hamburg und nachfolgend jahrelang in Frankfurt nachgewiesene Solidität dafür bürgen, dass zukünftig sparsamer beim HSV gewirtschaftet werden wird, was ich nur begrüßen könnte.

Auch wenn ihm manche die vier Abstiege der Eintracht während seiner Frankfurter Zeit anlasten wollen, so lässt sich m.E. nicht bestreiten, dass er aus dem einstigen Skandal-Verein, der launischen Diva vom Main, einen seriösen Club geformt hat. Und der HSV ist leider bis auf Weiteres, wenn wir vielleicht von den Münchener Löwen absehen, der Club mit dem unverändert höchsten Skandal-Potenzial der Liga.

Niemals geht man so ganz, sagt man in Hamburg. Das galt (und gilt?) für Beiersdorfer, das gilt eben jetzt für Bruchhagen.

Nachsatz: ich habe den Einstieg dieses Blogs nachträglich korrigiert, da der Eindruck entstehen konnte, der personelle Wechsel sei noch nicht fix.

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Vor dem Spiel gegen den SC Paderborn 07

Jedes Jahr das gleiche Spiel. Je näher das Ende der Transferperiode rückt, desto mehr brodelt die Gerüchteküche. So auch beim HSV.

Jacques Zoua weilt in der Türkei. Angeblich steht die obligatorische sportmedizinische Untersuchung unmittelbar bevor – ein sicheres Indiz für einen bevorstehenden Wechsel. Dem Vernehmen nach soll Zoua für ein Jahr an den türkischen Erstligisten Kayseri Erciyesspor ausgeliehen werden. Ich hielte dies, sofern der Transfer zustandekommt, für eine gute Entscheidung, da Zoua sowohl im Sturmzentrum als auch auf der rechten Außenbahn beim HSV derzeit wohl bestenfalls nur die dritte Wahl wäre.

Ebenfalls vor einer Ausleihe steht dem Vernehmen nach Kerem Demirbay, der sich wohl für eine Jahr dem 1. FC Kaiserslautern anschließen soll. Nach dem Transfer von Valon Behrami und nachdem sich abzuzeichnen scheint, dass weder van der Vaart noch Badelj den Verein verlassen werden, halte ich auch hier eine Ausleihe für absolut sinnvoll. Demirbay konnte zwar bei seinen bisherigen Einsätzen im Trikot der Rothosen durchaus sein Talent andeuten, hat aber verletzungsbedingt im letzten Jahr kaum Spielpraxis sammeln können. Umso wichtiger  erscheint mir für seine Entwicklung, dass er nun endlich regelmäßig spielt. Etwas, was beim HSV angesichts der derzeitigen Konkurrenzsituation im Mittelfeld unwahrscheinlich ist, jedenfalls sofern Badelj, an dem gerüchteweise immer mal wieder andere Vereine Interesse bekundet haben sollen, den HSV nicht doch noch kurzfristig verlässt. Aber selbst im Falle eines Abgangs des Kroaten böte der Kader für Slomka auch ohne Demirbay ausreichend viele Alternativen.

Für den meisten Wirbel sorgt die angedachte einjährige Ausleihe von Jonathan Tah, den sich viele für diese Saison bereits als Stammspieler in der Innenverteidigung der Hamburger gewünscht haben. Ich habe durchaus Verständnis für die Kritik an diesen Gedankenspielen (meines Wissens gibt es bisher jedoch noch kein Angebot für Tah). Die Angst, hier könnte ein großes Talent vergrault werden, muss vor dem Hintergrund des wenig rühmlichen Umgangs des Vereins mit seinen größten Talenten in den letzten Jahren gesehen werden. Nachdem man sich aus unterschiedlichen Gründen bspw. von Sam, Son oder Öztunali getrennt hat, sind die verbreiteten Zweifel an der Nachwucharbeit des Clubs für mich grundsätzlich nachvollziehbar. Gleichwohl gilt, was Beiersdorfer (oder war es Peters?) sagte: Ein Verbleib Tahs in dieser Saison erscheint nur dann sinnvoll, wenn Tah mindestens erster Ersatz für einen der beiden Stammverteidiger in dieser Spielzeit wäre. Mit dem sich zusehends stabilisierenden Djourou, dem neuen Brasilianer Cléber, einem Westermann und einem Kacar im Kader kann man aber daran begründet ernsthaft zweifeln. Vergessen wir nicht, dass Tah bei allem unbestrittenen Talent noch sehr, sehr jung ist. Und dies wäre er mit dann gerade einmal 20 Jahren auch noch  bei seiner Rückkehr. Sollte Tah also die Chance haben, als Stammspieler bei einem anderen Erst- oder ambitionierten Zweitligisten regelmäßig Spielpraxis zu sammeln, dann ist das aus meiner Sicht für seine Entwicklung deutlich besser als noch unterklassiger in der Regionalliga für die U23 aufzulaufen.

Ob Lewis Holtby auf den letzten Drücker doch noch zum HSV kommt – wir werden es abwarten müssen. Sollten nicht doch noch  Badelj oder van der Vaart kurzfristig abgegeben werden und den Etat entlasten, kann ich mir derzeit einen kurzfristigen Transfer Holtbys zum HSV kaum vorstellen. Allein schon aus finanziellen Gründen. Ich vermute aber, dass seine Verpflichtung  evtl. im Winter, spätestens aber im nächsten Sommer angedacht sein könnte. Schon allein mit Blick auf die dann auslaufenden Verträge beim HSV. Denn das ist für mich das Schöne beim HSV nach dem Amtsantritt von Beiersdorfer und Peters: endlich hat man wieder den Eindruck, dass im Club perspektivisch-konzeptionell auch – aber nicht nur! – am Kader gearbeitet wird.

Womit ich bei den diversen Veränderungen im Nachwuchsbereich des Clubs wäre. Im Detail nachzulesen auf HSV.de: http://www.hsv.de/nachwuchs/meldungen/august-2014/neue-ausrichtung-in-der-ausbildung-und-im-campus-bau/

Ich will hier nicht jeden Punkt kommentieren, meine aber, dass auch hier die Entschlossenheit der Verantwortlichen sehr deutlich wird, den zwischenzeitlich leider entstandenen Rückstand zur Konkurrenz zu verringern. Das alte Konzept mag für Trainingskiebitze oder andere Besucher attraktiver gewesen sein. Ich finde aber, dass man bspw. Ticketing, Merchandising oder Gastronomie auch andernorts unterbringen kann.  So gesehen favorisiere ich die neue Planung, da hier noch mehr das Sportliche im Vordergrund steht. Die räumliche Zusammenführung von Profis und dem Nachwuchs, die Einführung eines regelmäßigen, alle zwei Wochen stattfindenden Elite-Trainings mit nach beiden Seiten offener „Drehtür“ für Talente, die Installation von Stefan Wächter als leitender Torwarttrainer im Nachwuchs, Schünemanns im Athletikbereich, die Einbindung Cardosos als Techniktrainer für Offensivspieler, oder die Rückkehr Patrick Rahmens jetzt als Cheftrainer des gesamten Nachwuchsleistungsbereichs, das hat in meinen Augen Hand und Fuß. Zum einen wird die angestrebte,  alle Altersstufen übergreifende, einheitliche Spiel-Philosophie nun sowohl durch die Struktur als auch das übergeordnet verantwortliche Personal gestützt und vorangetrieben. Zum anderen glaube ich, dass es sowohl aus Gründen der Motivation als auch der Identifikation mit dem Club wichtig ist, wenn der Nachwuchs möglichst nah am Profibereich dran ist. Hier gilt als Grundsatz: Fordern und fördern. Und dazu gehört für mich auch, dass die Talente die oft zitierte Durchlässigkeit unmittelbar erleben können. Getreu dem Motto: Wer besonders positiv auffällt, der wird eben auch durch besondere Maßnahmen, z.B durch den Zugang zur zwölfköpfigen Elite-Trainingsgruppe, belohnt. Allerdings wird es mehrere Jahre dauern, Bernhard Peters sprach in diesem Zusammenhang von drei bis vier, bis sich diese Neuausrichtung hoffentlich auszuzahlen beginnt.

Nach dem ordentlichen  Auftakt auswärts gegen Köln folgt nun am morgigen Samstag die Heimpremiere für den HSV gegen den zweiten Aufsteiger, den SC Paderborn. Erfreulich finde ich, dass das Stadion trotz der absolut enttäuschenden  letzten Saison vermutlich annähernd ausverkauft sein wird. Und das gegen den vermutlich größten Außenseiter der diesjährigen Spielzeit. Gespannt bin ich zunächst, ob und wie sich der Rückzug der CFHH auf die Stimmung im Stadion auswirken wird. Ehrlich gesagt, ich mache mir da allerdings wenig Sorgen, denn so sehr ich die Arbeit der Ultras beim basteln ihrer oft wirklich sehenswerten Choreos grundsätzlich respektiere – ich habe diesen nervtötenden Dauersingsang nie gemocht. Ich bekenne mich klar zur situativen, spielbezogenen Anfeuerung, welche die Mannschaft gerade dann gezielt lautstark unterstützt, wenn sie dies offensichtlich gerade besonders benötigt. Zudem sehe ich es grundsätzlich mit Argwohn, wenn Menschen blindlings nachbrüllen, was ein s.g. „Capo“ vorgibt. Auch gehe ich schon viel zu lange zum Fußball, habe Höhen und noch viel mehr Tiefen mit dem HSV durchlebt, um von einem Teen oder Twen irgendwelche Vorgaben oder gar Belehrungen als Fan zu benötigen. Das bemüht elitäre Selbstverständnis der Ultras war und wird mir immer fremd bleiben. Gleiches gilt für mich im Übrigen für jene Eventfans, die bei Häppchen und Drinks das Spiel in ihren Logen nur als Beilage konsumieren. Beides ist nicht mein Ding.

Was André Breitenreiter aus dem kleinen Provinzverein Paderborn gemacht hat, verdient höchsten Respekt. Ich habe die Mannschaft in der letzten Saison u.a. gegen den FC St.Pauli gesehen und war beeindruckt. Aber die erste Liga ist ein ganz anderer Schnack. Ähnlich wie Braunschweig in der letzten Spielzeit dürfte der SC heuer als mutmaßlich erster Anwärter auf den Abstieg gelten. Letztlich, man mag das beklagen oder nüchtern akzeptieren, entwickelt sich die Bundesliga ähnlich wie schon die Championsleague zu einer mehr oder minder geschlossenen Gesellschaft mit klar verteilten Rollen. Ein Aufsteiger mit einem Minietat von 15 Millionen „darf“ da mal hineinschnuppern – auf lange Sicht ist er niemals wettbewerbsfähig. Geld schießt oder verhindert zwar unmittelbar keine Tore, doch es erhöht deutlich die Wahrscheinlichkeit auf einen erfolgreichen Saisonverlauf. Allerdings, auch das ist ein Teil der Wahrheit, die man gerade als Hamburger in der letzten Saison bemerken konnte, bietet (relativ) mehr Geld keine Garantie auf Erfolg. Entscheidend bleibt, wie man mit seine Ressourcen umgeht (Womit in gewisser Weise auch der Bogen zu den oben angesprochenen strukturellen und personellen Veränderungen beim HSV geschlagen wäre.). Ich erwarte, dass die Paderborner, wie schon vor ihnen die Braunschweiger, für die eine oder andere Überraschung sorgen werden. Dennoch wäre alles andere als der direkte Abstieg eine tatsächliche Sensation.

Breitenreiter lässt seinen SC in einem 4-4-2, bzw. 4-4-1-1 antreten. Ähnlich wie van der Vaart beim HSV spielt der bewegliche Kachunga mal leicht hinter, mal auf gleicher Höhe mit der einzigen klaren Spitze. Nach dem Ausfall von Saglik, der mich in seiner Zeit beim FC St. Pauli selten überzeugen konnte, dürfte ganz vorne erneut der lange Stefan Kutschke (1,94m) auflaufen.

Überhaupt handelt es sich beim SC Paderborn 07, wen wundert es bei dem geringen Etat?, um eine Mannschaft der Namenlosen. Ganz offensichtlich konnten die Ostwestfalen der Versuchung widerstehen und waren bemüht, ihre Mannschaft sinnvoll und im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten angemessen zu verstärken. Die größte Stärke und vermutlich auch einzige Chance der Truppe im Hinblick auf einen Klassenerhalt dürfte vermutlich in der mannschaftlichen Geschlossenheit zu sehen sein. Als absoluter Underdog hat sie im Grunde nichts zu verlieren, sondern kann gegen jeden Gegner unbelastet auftreten. Spannend wird, ob Verein und Mannschaft ebenso wie die Braunschweiger zuvor die Ruhe bewahren, wenn sich Niederlage an Niederlage reihen sollte. Zum Auftakt erkämpfte man im heimischen Stadion immerhin mit dem 2:2 eine respektable Punkteteilung gegen Mainz, wobei die Mainzer erst in allerletzter Minute durch einen Foulelfmeter ausgleichen konnten. Auch wenn für mich gar kein Zweifel besteht, dass der HSV auf dem Papier den eindeutig besseren Kader als die Gäste besitzt – der HSV sollte gewarnt sein. Gerade für den HSV besteht kein Anlass zu Hochmut. Im Gegenteil! Für den HSV geht es bis auf Weiteres auch darum, verlorengegangenes Vertrauen bei seinen Anhängern zurückzugewinnen. Wer also glaubt, dass man die Paderborner quasi im Vorbeigehen aus dem Stadion fegen wird, der könnte eine böse Überraschung erleben. Psychologisch betrachtet sehe ich den HSV gar im Nachteil, da man gegen den krassen Außenseiter zu Hause wenig zu gewinnen, aber viel (Kredit) zu verlieren hat.

Nachdem man gegen Köln zu null spielen konnte, gehe ich davon aus, dass Slomka derselben Startelf wie gegen Köln vertrauen wird. Hoffen wir also auf ein erfolgreiches erstes Heimspiel und feuern die Mannschaft an!