Gouaida

Ein (hoffentlich) richtungsweisendes Unentschieden. HSV – BMG 1:1 (0:0)

Vor dem Spiel war ich gespannt, ob Joe Zinnbauer den Mut haben würde, die aus meiner Sicht (über)fälligen personellen Veränderungen nach dem Debakel von München nunmehr konsequent umzusetzen. Denn wenn es eines ultimativen Beweises bedurft hätte, dass in den letzten Jahren beim HSV weder das zentral-defensive Mittelfel optimal besetzt gewesen ist, noch die s.g. Führungsspieler tatsächlich ihrer Aufgabe gerecht wurden, dann lieferte den die Rekordniederlage bei den Bayern in aller Schonungslosigkeit. Da auch Zinnbauer gegen den Branchenprimus einige Fehler und Versäumnisse unterlaufen waren, sah vermutlich nicht nur ich beide, Mannschaft und Trainer, in der Pflicht, sich zeitnah zu rehabilitieren.

Unter der Woche, so las ich, ließ Zinnbauer Basics trainieren. Vor allem das kollektive Verschieben. Gut so, dachte ich, denn dass die notwendige Kompaktheit des Teams immer wieder durch elementare Fehler und/oder  Schlafmützigkeit einzelner Spieler aufgehoben wurde, habe ich in der Vergangenheit gleich mehrfach kritisiert. Normalerweise sollte elementares, taktisches Mannschaftsverhalten in der (Sommer-)Vorbereitung trainiert werden. Aber erstens war Zinnbauer da bekanntlich noch gar nicht für die Profis verantwortlich, und zweitens hat sich sein Vorgänger Slomka vermutlich zurecht darauf konzentriert, den eklatanten konditionellen Rückstand der Mannschaft zu beheben, was ihm erkennbar gelungen ist. Wenn eine Mannschaft ihrem Trainer derart deutliche Defizite offenbart (wie in München), dann darf es keine Tabus geben. Dann muss man zur Not zurück zum Verfestigen der Grundlagen, dann muss man auch über den Einsatz von Spielern nachdenken, die man – aus welchen guten Gründen auch immer – kaum mehr auf der Rechnung hatte. Insofern war Zinnbauers Mannschaftsaufstellung für mich absolut nachvollziehbar:

Drobny – Diekmeier, Djourou, Rajkovic, Ostrzolek –  Jiracek, Kacar (85. Westermann) – N. Müller, Stieber, Gouaida (76. Götz) – Olic (25.Rudnevs)

Auffällig hier: Die Rückkehr Kacars nach jahrelanger Pause ins defensive Mittelfeld neben Jiracek; das Fehlen des Kapitäns der Mannschaft,  van der Vaart, und die Bevorzugung von Boban Rajkovic vor Westermann als Partner Djourous in der Innenverteidigung.

Anpfiff: Die unter der Woche gegen Sevilla spielenden Gladbacher legten los wie die sprichwörtliche Feuerwehr. In der 4. Minute hatte Max Kruse nach Vorarbeit von Herrmann das 1:0 auf dem Fuß, verfehlte jedoch knapp das Tor. Nur eine Minute später scheiterte Herrmann  nach Vorarbeit von Korb mit seinem Schuss am rechten Pfosten. Mit anderen Worten: das Spiel hatte kaum begonnen, da hätte es bereits zugunsten der Gäste vom Niederrhein entschieden sein können. Als Anhänger der Heimmannschaft konnte einem Angst und Bange werden. Und ich mag mir gar nicht vorstellen, wie sich die Stimmung im Stadion und nachfolgend im Verein entwickelt hätte, wäre der Fußballgott hier nicht eindeutig auf Seiten des HSV gewesen.

Verständlicherweise benötigte die radikal umgebaute Hamburger Mannschaft einige Minuten, um in das Spiel zu finden. Doch nach ca. zwanzig Minuten lief der Ball zunehmend flüssiger durch die Hamburger Reihen. Gegen den Ball arbeitete man wieder in einem 4-4-1-1/4-4-2 mit Stieber neben/leicht hinter Olic. Jiracek versperrte für die Gäste den Passweg durch das Zentrum, während Kacar meist etwas links versetzt Ostrzolek (LV) und Gouaida (LM) gegen den schnellen Hahn unterstützte. Um es vorweg zu nehmen: Beide, Jiracek und Kacar, lieferten die beste Leistung eines Gespanns im zentralen Mittelfeld, die ich seit Monaten wenn nicht gar seit Jahren beim HSV gesehen habe. Jiracek lief wie der Duracell-Hase dorthin, wo er gebraucht wurde und stopfte unermüdlich die Löcher. Er gewann am Boden wichtige Zweikämpfe, oder antizipierte und unterband Passversuche des Gegners. Kacar eroberte nicht nur die Lufthoheit, was auch zum Gewinn vieler s.g. zweiter Bälle führte, sondern initialisierte durch seine Ruhe am Ball und seine Spielübersicht eine Vielzahl tatsächlich aussichtsreicher Angriffe des HSV.

Bei eigenem Ballbesitz ging der HSV z.T. enormes Risiko gegen die bekannt konterstarken Gladbacher. So verschoben in der 17. Minute sogar beide Innenverteidiger in die gegnerische Hälfte und halfen so, das Mittelfeld zu überladen. „Letzter Mann“ in dieser Szene war Kacar, der sich als einziger Hamburger nahe der Mittellinie in der eigenen Hälfte befand. Das hätte auch ins Auge gehen können, tat es aber nicht. Das lag nicht zuletzt auch daran, dass die einzelnen Mannschaftsteile des HSV endlich – endlich! – homogen zusammenarbeiteten. Meist positionierte sich der HSV zwanzig Meter vor der Mittellinie, wobei sich Olic und Stieber meist auf ein die Angriffe des Gegners leitendes Anlaufen beschränkten. Wurde der Druck der Gäste zu groß, so kehrten beide hinter den Ball und in die eigene Hälfte zurück, um bei der Verteidigungsarbeit zu helfen.

Leider musste Joe Zinnbauer den erneut angeschlagenen Olic frühzeitig vom Feld nehmen. Aber eins darf man seinem Ersatz, Rudnevs, bei aller berechtigten Kritik nie absprechen: In Sachen Fleiß und Kampfbereitschaft braucht sich „Rudi“ vor niemandem zu verstecken. In dieser Hinsicht ersetzte er daher Olic nahtlos.

Eine der wenigen wirklich guten Chancen für den HSV vergab der Lette in der 37. Minute, als er nach gutem Pass von Stieber frei und zentral vor dem Tor stehend am Ball vorbei trat. In der 41. Minute traf Rajkovic eine Ecke von Stieber nicht sauber mit dem Kopf, sodass der Ball letztlich am langen Pfosten vorbei strich.

Nach der Halbzeitpause entwickelte sich zunächst ein ausgeglichenes Spiel ohne ganz große Höhepunkte. Ich hatte dennoch das Gefühl, dass sich das Momentum mit zunehmender Spieldauer nun langsam aber stetig zugunsten des neu formierten HSV verschob. Nicolai Müller kam nun über den linken, der junge Gouaida über den rechten Flügel.

In der 73. Minute unterlief dem Gladbacher Nordtveit ein folgenschwerer Fehler im Spielaufbau. Rudnevs war auf der rechten Außenbahn auf und davon und passte quer zu Stieber. Letzterer schlenzte dann aus halbrechter Position mit dem linken Fuß in bester Robben-Manier unhaltbar ins lange Eck zum 1:0 für die Gastgeber.

Kurz darauf wechselten beide Trainer. Favre brachte Hazard für Hahn und Zinnbauer Götz für Gouaida. Gouaida hat mir erneut gut gefallen, schien aber zu diesem Zeitpunkt mit seinen Kräften am Ende.

Nur drei Minuten später (79.) opferte Favre angesichts der geringen verbleibenden Restspielzeit mit Kramer einen defensiven Mittelfeldspieler und brachte mit Hrgota einen zusätzlichen Offensiven. Dem HSV boten sich nun gleich mehrfach vielversprechende Konterchancen zum dann sicherlich entscheidenden 2:0, die man jedoch alle leider vergab.

In der 85. Minute nahm Zinnbauer Kacar aus dem Spiel und brachte mit Westermann einen weiteren Innenverteidiger. Eine m.E. nachvollziehbare Reaktion. Erstens auf den weiteren Stürmer, zweitens auf die in der Schlussphase vermehrt zu erwartenden langen und hohen Bälle des Gegners.

In der Nachspielzeit (90+1.) stand plötzlich Kruse völlig frei vor dem erneut starken Drobny, schoss diesem jedoch genau in die Arme. Eine Minute später segelte eine Ecke von der rechten Seite in den Hamburger Strafraum. Götz sprang etwas unter dem Ball durch, sodass Hrgota doch noch zum 1:1-Ausgleich ins lange Eck köpfen konnte.

Abpfiff: Der HSV musste sich rehabilitieren und dies ist ihm gelungen. Das Unentschieden ist aufgrund des späten Ausgleichstreffer ärgerlich, aber insgesamt geht die Punkteteilung angesichts der großen Chancen des Gegners in Ordnung.

Gladbach war die reifere Mannschaft, was aber kein Wunder ist, da Favre dort seit Jahren kontinuierlich arbeiten kann. Der HSV unter Zinnbauer steht hier erst am Anfang eines längeren Weges. So gesehen kann Gladbach als Blaupause dafür dienen, was man mit Sachkunde, Kontinuität und Akribie erreichen kann.

Der HSV zeigte sich spielerisch und taktisch eindeutig verbessert. Insgesamt wirkt die Mannschaft in dieser Besetzung, also ohne van der Vaart, homogener. Der Spielaufbau erscheint flüssiger und schneller, wovon vor allem auch Nicolai Müller profitiert. Denn so kommt er häufiger in Situationen, in denen er seine Stärken auch tatsächlich ausspielen kann.

Die ballsicheren, beweglichen, lauffreudigen und spielstarken Stieber – ein Extralob!- und Gouaida scheinen zunehmend besser zu harmonieren und tun der Mannschaft gut.

Entscheidend bleibt für mich jedoch die famose Leistung beider Sechser. Solange Behrami und Diaz ausfallen und sofern beide an diese Leistung in den folgenden Spielen anknüpfen können, sehe ich keine bessere Kombination im Kader. Für mich Grund genug, zu hoffen, dass Zinnbauer auch weiterhin keine Angst vor großen Namen zeigt und seiner Linie konsequent treu bleibt.

Für die Fans van der Vaarts mag dies traurig sein, aber über allem und jedem steht der Verein und nicht das Einzelschicksal eines Spielers, mag er auch noch so sympathisch sein.

Für Zinnbauer wird es nun darauf ankommen, den Prozess der Ablösung von verdienten Spielern wie van der Vaart, Jansen und Westermann geschickt zu moderieren, damit keine unnötige Unruhe im Umfeld entsteht.

Die Zukunft des HSV war allen unbestreitbar noch vorhandenen Unzulänglichkeiten (Torgefahr) zum Trotz zu erahnen. Das ist für mich neben dem reinen Punktgewinn die eigentlich gute Nachricht nach diesem Spiel.

Schiedsrichter: Zwayer (Berlin). Hatte das Spiel jederzeit im Griff. Mir gefiel die unaufgeregte, aber dennoch entschiedene Art, mit der er „Übeltäter“ ansprach und seine Entscheidungen erläuterte.

Auf den Freudenrausch folgt die Katerstimmung. HSV – 1. FC Köln 0:2 (0:0)

Ach, es hätte ja auch zu schön werden können! Erst holt man den Publikumsliebling Olic zurück, dann gelingt ein Auftaktsieg gegen den 1. FC Köln. Resultat: Friede, Freude, Eierkuchen. Tja, hätte, hätte, Fahrradkette. Stattdessen dominiert nun das Gefühl maßloser Enttäuschung, und die üblichen Verdächtigen rund um den HSV üben sich in dem, was sie ohnehin am besten zu können scheinen: Sündenböcke finden. Je nach Gusto ist Trainer Zinnbauer an der Niederlage schuld, da er angeblich völlig falsch gewechselt hat, der Sportdirektor, weil er in der Winterpause keine „Granaten“ an Land gezogen hat, Dietmar Beiersdorfer, weil er die Verantwortung für das große Ganze trägt, oder man wünscht diversen Spielern mit sofortiger Wirkung den Eintritt in den vorzeitigen Ruhestand.

Ich gebe zu, auch ich habe mich auf das Spiel gegen den  FC gefreut, allerdings wich meine Vorfreude zunehmender Skepsis als ich Prognosen las und hörte, in denen nur über die Höhe eines Sieges spekuliert wurde. Ein knapper 1:0-Erfolg gegen eine der besten Auswärtsmannschaften der Liga hätte mir gereicht. Selbst bei einem einfachen Punktgewinn wäre ich je nach Spielverlauf angesichts der komplizierten personellen Ausgangslage zufrieden gewesen.

Lasogga, Nicolai Müller, Beister, Rudnevs und nun noch Olic – auf dem Papier lesen sich die Namen des Hamburger Offensivpersonals gewiss nicht schlecht. In der grauen Realität jedoch hat Lasogga bekanntlich die Rückrundenvorbereitung mit der Mannschaft wieder einmal verletzungsbedingt komplett verpasst. Müller war ebenfalls angeschlagen, Beister muss sich nach einjähriger Pause erst wieder an die normale Wettkampfhärte herantasten, und Rudnevs passt als Konterstürmer nicht so recht ins Konzept einer offensiv-dominanten Spielanlage.

In der grauen Realität sind zudem die Defizite des Offensivpersonals beim HSV lediglich ein Teil des Problems. Genauer: Ein Problem unter vielen anderen. Der in der Hinrunde noch mit Anpassungsproblemen kämpfende Holtby schien im Trainingslager auf gutem Wege, die erhoffte unumstrittene Verstärkung im zentralen Mittelfeld zu werden, wird aber nun einen großen Teil der Rückrunde aufgrund seines Schlüsselbeinbruches nicht zur Verfügung stehen. Die bisher einzig klare Verstärkung der Mannschaft im Vergleich zur vorangegangenen Saison, Valon Behrami, fällt ebenfalls noch wochenlang aus. Und selbst in der zuletzt gut funktionierenden Innenverteidigung musste nach dem Ausfall Clébers umgestellt werden. Mit Rajkovic kam hier erstmalig wieder ein Spieler nach langer Zeit zu einem Pflichtspiel-Einsatz, den von Beister nur unterscheidet, dass er schon etwas weiter ist, auf dem Weg zurück zu seiner Topform. Dass er sein altes Leistungsvermögen noch nicht erreicht hat, dies wurde vor allem im weiteren Verlauf der gestrigen Partie (zweite Halbzeit) schonungslos aufgedeckt.

Joe Zinnbauer war somit vor der Partie nicht zu beneiden, denn die Mannschaft des HSV stellte sich aufgrund der Personallage fast von alleine auf:

Drobny – Götz, Djourou, Rajkovic, Jansen – Westermann – N. Müller (59. Stieber), van der Vaart, Jiracek (72. Lasogga), Gouaida (76. Beister) – Olic

Auffällig ist an dieser Aufstellung zunächst nur, dass Jansen Ostrzolek verdrängt hat. Dass Zinnbauer in dem wichtigen Auftaktspiel dem erfahren Jansen und nicht Ostrzolek-Backup Marcos den Vorzug gab, darf hingegen nicht überraschen. Schließlich musste er schon verletzungsbedingt auch auf Diekmeier verzichten und den talentierten, aber unerfahrenen Götz als Rechtsverteidiger einsetzen. Dass Zinnbauer Lasogga zunächst auf der Bank ließ, halte ich nach der Verpflichtung des topfitten Olic aus den bereits genannten Gründen für selbsterklärend.

Diskutabel obgleich nachvollziehbar bleibt für mich Zinnbauers Entscheidung, Heiko Westermann als Behrami-Ersatz und alleinige „Sechs“ in einem 4-1-4-1 aufzubieten. Durch Westermann gewinnt die Mannschaft zweifellos an Körpergröße im zentral-defensiven Mittelfeld und erhält damit zusätzliche Optionen vor allem im defensiven und offensiven Luftzweikampf, wie sich auch gestern zeigte. Auch besticht „HW4“ stets durch unerschütterlichen Einsatzwillen und ist ein gestandener, erfahrener Bundesligaspieler. Aber Westermann ist und bleibt ein Spieler, bei dem ich sogar im Training (noch unter Slomka) bei einer Pass-Übung mit „Pappkameraden“, also ohne jeden Druck eines Gegenspielers!, immer wieder bemerkenswerte technische Aussetzer beobachten konnte. Auch fehlt es ihm m.E. ein wenig an Dynamik, an Beweglichkeit auf engem Raum, an der Fähigkeit, durch ein gelungenes Dribbling Raum und damit Zeit zu erobern. Westermann, dies war meiner Meinung nach in vergangenen Spielen zur Genüge zu besichtigen, hat seine bestens Spiele immer dann abgeliefert, wenn er sich auf seine Kernkompetenzen als Innenverteidiger beschränken konnte. Und Westermann sah immer dann schlecht aus, wenn er sich, auch weil sich gewisse Kollegen immer wieder feige versteckten!, in Spielfeldzonen locken ließ, in denen sich seine regelmäßig auftretenden Probleme mit der Ballkontrolle fatal auswirkten (- ich werde darauf weiter unten noch einmal zurückkommen).

Spielbeobachtung: Der HSV begann die Partie engagiert. Allerdings verzichtete man nach dem Ausfall des sprintstarken Holtby und ohne Behrami auf ein konsequentes Offensivpressing. Stattdessen zog sich die Heimmannschaft bei gegnerischem Ballbesitz größtenteils bis auf 20 Meter vor die Mittellinie zurück.  Durch das Anlaufen des Gegners sollten dessen Angriffszüge vor allem auf die gewünschte Weise geleitet werden, zugleich stand man dadurch defensiv kompakt(er).

Olic war  in der ersten Halbzeit sehr auffällig und machte deutlich, dass er tatsächlich eine Verstärkung ist. Er wich regelmäßig auf die Flügel aus, half dort punktuell personelle Überzahl zu erzeugen, sodass das Angriffsspiel der Hamburger  hauptsächlich über die Flügel zunächst tatsächlich flüssiger und damit gefährlicher als in der Hinrunde wirkte. Bereits in der siebten Spielminute wäre ihm nach schöner Flanke von Nicolai Müller um ein  Haar sein erster Treffer für den HSV gelungen, als er fünf Meter zentral vor dem Kölner Tor stehend zum Kopfball ansetzte. Leider wurde der Flankenball gerade noch vom Kölner Maroh erwischt, sodass Olic letztlich ins Leere sprang. Aber auch wenn Olic bis zum Ende kein Torerfolg gelingen konnte, so halte ich fest, dass er deutlich gefährlicher wirkte als Lasogga zuletzt.

Nur zwei Minuten später schlug van der Vaart eine Freistoß-Flanke aus dem rechten Halbfeld in den Strafraum der Gäste, wo sich die bereits angesprochene Kopfballstärke Westermanns beinahe ausgezahlt hätte. Doch der gute Horn im Tor der Gäste konnte Westermanns Kopfball spektakulär entschärfen (9.).

Van der Vaart ließ sich vor allem während der ersten dreißig Minuten des Spiels des Öfteren in die Tiefe fallen, um entweder den Spielaufbau selbst zu übernehmen oder als Verbindungsspieler zu fungieren. Leider dürfte es sich inzwischen ligaweit herumgesprochen haben, dass es eben van der Vaart ist, auf dem in Hamburg in diesem Zusammenhang fast alle Hoffnungen ruhen. Konsequenterweise wurde der Niederländer daher sofort von den Kölnern attackiert. Diesem permanenten Gegnerdruck konnte er sich zu Beginn des Spiels einige Male durch seine technischen Fähigkeiten entziehen, im weiteren Verlauf der Partie gelang ihm dies jedoch zunehmend weniger. Problematisch in diesem Zusammenhang wirkten sich hier nicht nur die mangelnde Entlastung aufgrund der fehlenden Kreativität Westermanns aus, sondern auch die Tatsache, dass Jiracek fast durchweg hoch stehend agierte. Es fehlte in meinen Augen an einem fluiden Wechselspiel zwischen den beiden zentralen Spielern der offensiven Viererkette in dieser Hinsicht, was dem Gegner die Vorhersagbarkeit der Hamburger Spielzüge erleichterte.

Der FC kam nach ca. zwanzig Minuten immer besser ins Spiel und hätte in der 24. Minute nach einem kapitalen Stellungsfehler Djourous durch den quirligen Ujah in Führung gehen müssen. Djourou sprang unter einer Flanke hindurch, Ujah kam zentral vor Drobny frei zum Schuss, jedoch konnte Hamburgs Torhüter einen Rückstand für seine Farben per Fußabwehr gerade noch vermeiden.

Insgesamt entwickelte sich in der ersten Hälfte ein ausgeglichenes, temporeiches Spiel mit einigen Torchancen für beide Seiten. Auf Seiten des HSV waren jedoch u.a. auch bereits Abstimmungsprobleme in der neu formierten Innenverteidigung erkennbar, sodass ich schon zur Pause mit einer Punkteteilung zwar nicht glücklich, jedoch zähneknirschend zufrieden gewesen wäre.

Der Trend der ersten Halbzeit setzte sich auch in der zweiten Spielhälfte fort. Zwar gelang es dem HSV zunächst noch das Spiel weitestgehend offen zu gestalten, doch die Kölner wurden immer mutiger und damit auch gefährlicher. Van der Vaart ließ sich nun kaum noch in die Tiefe fallen, was die Probleme der Hamburger im Spielaufbau stetig verschärfte. Der FC neutralisierte nun nicht nur allein van der Vaart, sondern attackierte bereits beide Innenverteidiger und vor allem auch den relativ unerfahrenen Götz beim Spielaufbau. Das Ergebnis war stetig zunehmender Verlust an Spielkultur beim HSV. Der Ball wurde Mal um Mal zu Drobny zurück gespielt, da auch die Abstände zur Offensive zu groß wurden, was die Hamburger Defensiven vor dem riskanten langen Pass regelmäßig zurückschrecken ließ. Mit anderen Worten: das während der ersten zwanzig Minuten der ersten Hälfte zaghaft aufkeimende Pflänzchen Spielkultur wurde zunehmend durch den unter diesen Umständen erzwungenen  „langen Hafer“ von Drobny ersetzt. In dem Maße, in dem der HSV das Fußballspielen mit Betonung auf spielen einstellte, in dem Maße wirkte das Spiel der Gäste eindeutig klarer, strukturierter, gereifter und gefährlicher. Die Hamburger ihrerseits wirkten auf mich in Sachen Lauf- und Passwege z.T. überhastet und konfus.

In der 53. Minute konnte Drobny gerade noch eine Doppelchance der Kölner bravourös vereiteln. Spätestens jetzt hätte ich wohl auf ein 4-2-3-1 mit Doppel-6 umgestellt. Aber als Beobachter habe ich auch leicht reden, denn ich muss das Ergebnis nicht verantworten.

Zinnbauer wechselte in der 59. Minute und brachte Stieber für Müller, der aufgrund seines Trainingsrückstandes verständlicherweise noch nicht ganz konditionell topfit wirkte. Stieber besetzte nun die linke offensive Außenbahn. Gouaida wechselte somit die Seite und ersetzte Müller rechts.

Nur drei Minuten später kam, was einem inzwischen als leidgeprüftem HSV-Anhänger sattsam bekannt vorkommt: Westermann wurde vom auffälligen Peszko attackiert und erlaubte sich einen fatal schlechten Pass zu Rajkovic. Der Kölner Risse erlief den Ball und war auf und davon. Es passt zum HSV, dass es Risse gelang, den ansonsten mehrfach gut haltenden Drobny aus spitzem Winkel zu tunneln. Die Führung für den FC zum 0:1 (62.) – man sah sie förmlich kommen.

Zinnbauer, in dem Bemühen, den Rückstand zu egalisieren, wechselte offensiv und brachte mit Lasogga eine zweite Spitze für Jiracek, also für einen tendenziell defensiveren Mittelfeldspieler. Dadurch wurden jedoch die Probleme der Hausherrn in Sachen klar strukturiert vorgetragener Angriffe weiter verschärft. Mit dem nächsten Wechsel, Beister für Gouaida (76.), wurde endgültig auf die berühmte Brechstange gesetzt. Lange Bälle aus der eigenen Hälfte und hoffen, dass einem der drei Stürmer der Ausgleich gelingen möge. Prompt liefen die Hamburger in einen weiteren Konter der Gäste. Erneut war es Risse, dem nur zwei Minuten später fast eine Kopie des Führungstreffers gelang. Spätestens hier war klar zu sehen, dass Rajkovic, den ich ansonsten nicht schlecht gesehen habe, läuferisch keine Chance hatte, den enteilten Risse zu stellen. Dieses Mal schob dieser den Ball von der rechten Angriffsseite an Drobny vorbei ins lange Eck zum 0:2 (78.). Damit war das Spiel praktisch entschieden. Die Hamburger blieben trotz dreier Stürmer im Grunde harmlos, die Kölner hätten sogar noch das 0:3 erzielen können, wenn nicht gar müssen (90.).

Fazit: Der ersatzgeschwächte HSV zeigte zunächst gute Ansätze, verlor am Ende jedoch mehr als verdient. Einmal mehr wurde deutlich, dass die mangelhafte Torausbeute nur zum Teil den (bisherigen) Stürmern des Kaders anzulasten ist. Ohne Behrami wirkt auch die Defensive unsicherer. Van der Vaart als einziger, erklärter Kreativspieler ist zu wenig, da für jeden Gegner zu leicht zu neutralisieren. Insofern war es zwingend notwendig, dass der Club vor Schließung des Winter-Transferfensters im zentralen Mittelfeld nachbessert. Es bleibt nur zu hoffen, dass mit dem Chilenen Diaz das Element der Spielkultur entscheidend gestärkt wird, obgleich man sicher auch von ihm keine sofortigen Wunder erwarten darf.
Die Hamburger haben den Rückrundenauftakt also eindeutig verpatzt und stehen nun bereits in den nächsten beiden Spielen gehörig unter Erfolgsdruck. Panik oder irgendeine Form von Aktionismus hielte ich für unangemessen und völlig kontraproduktiv. Gleichwohl muss man schnellstmöglich die richtigen Lehren aus dieser Partie ziehen. Meines Erachtens kann dies zum jetzigen Zeitpunkt nur bedeuten: HW4 für Rajkovic zurück in die Innenverteidigung, und  Jiracek und Diaz gemeinsam ins defensive Mittelfeld. Aber das ist am Ende nur meine unmaßgebliche Meinung.

Schiedsrichter: Stark (Ergolding). Ohne Probleme. Die gelbe Karte für van der Vaart halte ich für vertretbar. Allerdings hätte sich der Niederländer auch nicht beschweren dürfen, wenn er für seinen unnötigen Tritt von einem anderen Schiedsrichter vom Platz gestellt worden wäre.