Risse

Auf den Freudenrausch folgt die Katerstimmung. HSV – 1. FC Köln 0:2 (0:0)

Ach, es hätte ja auch zu schön werden können! Erst holt man den Publikumsliebling Olic zurück, dann gelingt ein Auftaktsieg gegen den 1. FC Köln. Resultat: Friede, Freude, Eierkuchen. Tja, hätte, hätte, Fahrradkette. Stattdessen dominiert nun das Gefühl maßloser Enttäuschung, und die üblichen Verdächtigen rund um den HSV üben sich in dem, was sie ohnehin am besten zu können scheinen: Sündenböcke finden. Je nach Gusto ist Trainer Zinnbauer an der Niederlage schuld, da er angeblich völlig falsch gewechselt hat, der Sportdirektor, weil er in der Winterpause keine „Granaten“ an Land gezogen hat, Dietmar Beiersdorfer, weil er die Verantwortung für das große Ganze trägt, oder man wünscht diversen Spielern mit sofortiger Wirkung den Eintritt in den vorzeitigen Ruhestand.

Ich gebe zu, auch ich habe mich auf das Spiel gegen den  FC gefreut, allerdings wich meine Vorfreude zunehmender Skepsis als ich Prognosen las und hörte, in denen nur über die Höhe eines Sieges spekuliert wurde. Ein knapper 1:0-Erfolg gegen eine der besten Auswärtsmannschaften der Liga hätte mir gereicht. Selbst bei einem einfachen Punktgewinn wäre ich je nach Spielverlauf angesichts der komplizierten personellen Ausgangslage zufrieden gewesen.

Lasogga, Nicolai Müller, Beister, Rudnevs und nun noch Olic – auf dem Papier lesen sich die Namen des Hamburger Offensivpersonals gewiss nicht schlecht. In der grauen Realität jedoch hat Lasogga bekanntlich die Rückrundenvorbereitung mit der Mannschaft wieder einmal verletzungsbedingt komplett verpasst. Müller war ebenfalls angeschlagen, Beister muss sich nach einjähriger Pause erst wieder an die normale Wettkampfhärte herantasten, und Rudnevs passt als Konterstürmer nicht so recht ins Konzept einer offensiv-dominanten Spielanlage.

In der grauen Realität sind zudem die Defizite des Offensivpersonals beim HSV lediglich ein Teil des Problems. Genauer: Ein Problem unter vielen anderen. Der in der Hinrunde noch mit Anpassungsproblemen kämpfende Holtby schien im Trainingslager auf gutem Wege, die erhoffte unumstrittene Verstärkung im zentralen Mittelfeld zu werden, wird aber nun einen großen Teil der Rückrunde aufgrund seines Schlüsselbeinbruches nicht zur Verfügung stehen. Die bisher einzig klare Verstärkung der Mannschaft im Vergleich zur vorangegangenen Saison, Valon Behrami, fällt ebenfalls noch wochenlang aus. Und selbst in der zuletzt gut funktionierenden Innenverteidigung musste nach dem Ausfall Clébers umgestellt werden. Mit Rajkovic kam hier erstmalig wieder ein Spieler nach langer Zeit zu einem Pflichtspiel-Einsatz, den von Beister nur unterscheidet, dass er schon etwas weiter ist, auf dem Weg zurück zu seiner Topform. Dass er sein altes Leistungsvermögen noch nicht erreicht hat, dies wurde vor allem im weiteren Verlauf der gestrigen Partie (zweite Halbzeit) schonungslos aufgedeckt.

Joe Zinnbauer war somit vor der Partie nicht zu beneiden, denn die Mannschaft des HSV stellte sich aufgrund der Personallage fast von alleine auf:

Drobny – Götz, Djourou, Rajkovic, Jansen – Westermann – N. Müller (59. Stieber), van der Vaart, Jiracek (72. Lasogga), Gouaida (76. Beister) – Olic

Auffällig ist an dieser Aufstellung zunächst nur, dass Jansen Ostrzolek verdrängt hat. Dass Zinnbauer in dem wichtigen Auftaktspiel dem erfahren Jansen und nicht Ostrzolek-Backup Marcos den Vorzug gab, darf hingegen nicht überraschen. Schließlich musste er schon verletzungsbedingt auch auf Diekmeier verzichten und den talentierten, aber unerfahrenen Götz als Rechtsverteidiger einsetzen. Dass Zinnbauer Lasogga zunächst auf der Bank ließ, halte ich nach der Verpflichtung des topfitten Olic aus den bereits genannten Gründen für selbsterklärend.

Diskutabel obgleich nachvollziehbar bleibt für mich Zinnbauers Entscheidung, Heiko Westermann als Behrami-Ersatz und alleinige „Sechs“ in einem 4-1-4-1 aufzubieten. Durch Westermann gewinnt die Mannschaft zweifellos an Körpergröße im zentral-defensiven Mittelfeld und erhält damit zusätzliche Optionen vor allem im defensiven und offensiven Luftzweikampf, wie sich auch gestern zeigte. Auch besticht „HW4“ stets durch unerschütterlichen Einsatzwillen und ist ein gestandener, erfahrener Bundesligaspieler. Aber Westermann ist und bleibt ein Spieler, bei dem ich sogar im Training (noch unter Slomka) bei einer Pass-Übung mit „Pappkameraden“, also ohne jeden Druck eines Gegenspielers!, immer wieder bemerkenswerte technische Aussetzer beobachten konnte. Auch fehlt es ihm m.E. ein wenig an Dynamik, an Beweglichkeit auf engem Raum, an der Fähigkeit, durch ein gelungenes Dribbling Raum und damit Zeit zu erobern. Westermann, dies war meiner Meinung nach in vergangenen Spielen zur Genüge zu besichtigen, hat seine bestens Spiele immer dann abgeliefert, wenn er sich auf seine Kernkompetenzen als Innenverteidiger beschränken konnte. Und Westermann sah immer dann schlecht aus, wenn er sich, auch weil sich gewisse Kollegen immer wieder feige versteckten!, in Spielfeldzonen locken ließ, in denen sich seine regelmäßig auftretenden Probleme mit der Ballkontrolle fatal auswirkten (- ich werde darauf weiter unten noch einmal zurückkommen).

Spielbeobachtung: Der HSV begann die Partie engagiert. Allerdings verzichtete man nach dem Ausfall des sprintstarken Holtby und ohne Behrami auf ein konsequentes Offensivpressing. Stattdessen zog sich die Heimmannschaft bei gegnerischem Ballbesitz größtenteils bis auf 20 Meter vor die Mittellinie zurück.  Durch das Anlaufen des Gegners sollten dessen Angriffszüge vor allem auf die gewünschte Weise geleitet werden, zugleich stand man dadurch defensiv kompakt(er).

Olic war  in der ersten Halbzeit sehr auffällig und machte deutlich, dass er tatsächlich eine Verstärkung ist. Er wich regelmäßig auf die Flügel aus, half dort punktuell personelle Überzahl zu erzeugen, sodass das Angriffsspiel der Hamburger  hauptsächlich über die Flügel zunächst tatsächlich flüssiger und damit gefährlicher als in der Hinrunde wirkte. Bereits in der siebten Spielminute wäre ihm nach schöner Flanke von Nicolai Müller um ein  Haar sein erster Treffer für den HSV gelungen, als er fünf Meter zentral vor dem Kölner Tor stehend zum Kopfball ansetzte. Leider wurde der Flankenball gerade noch vom Kölner Maroh erwischt, sodass Olic letztlich ins Leere sprang. Aber auch wenn Olic bis zum Ende kein Torerfolg gelingen konnte, so halte ich fest, dass er deutlich gefährlicher wirkte als Lasogga zuletzt.

Nur zwei Minuten später schlug van der Vaart eine Freistoß-Flanke aus dem rechten Halbfeld in den Strafraum der Gäste, wo sich die bereits angesprochene Kopfballstärke Westermanns beinahe ausgezahlt hätte. Doch der gute Horn im Tor der Gäste konnte Westermanns Kopfball spektakulär entschärfen (9.).

Van der Vaart ließ sich vor allem während der ersten dreißig Minuten des Spiels des Öfteren in die Tiefe fallen, um entweder den Spielaufbau selbst zu übernehmen oder als Verbindungsspieler zu fungieren. Leider dürfte es sich inzwischen ligaweit herumgesprochen haben, dass es eben van der Vaart ist, auf dem in Hamburg in diesem Zusammenhang fast alle Hoffnungen ruhen. Konsequenterweise wurde der Niederländer daher sofort von den Kölnern attackiert. Diesem permanenten Gegnerdruck konnte er sich zu Beginn des Spiels einige Male durch seine technischen Fähigkeiten entziehen, im weiteren Verlauf der Partie gelang ihm dies jedoch zunehmend weniger. Problematisch in diesem Zusammenhang wirkten sich hier nicht nur die mangelnde Entlastung aufgrund der fehlenden Kreativität Westermanns aus, sondern auch die Tatsache, dass Jiracek fast durchweg hoch stehend agierte. Es fehlte in meinen Augen an einem fluiden Wechselspiel zwischen den beiden zentralen Spielern der offensiven Viererkette in dieser Hinsicht, was dem Gegner die Vorhersagbarkeit der Hamburger Spielzüge erleichterte.

Der FC kam nach ca. zwanzig Minuten immer besser ins Spiel und hätte in der 24. Minute nach einem kapitalen Stellungsfehler Djourous durch den quirligen Ujah in Führung gehen müssen. Djourou sprang unter einer Flanke hindurch, Ujah kam zentral vor Drobny frei zum Schuss, jedoch konnte Hamburgs Torhüter einen Rückstand für seine Farben per Fußabwehr gerade noch vermeiden.

Insgesamt entwickelte sich in der ersten Hälfte ein ausgeglichenes, temporeiches Spiel mit einigen Torchancen für beide Seiten. Auf Seiten des HSV waren jedoch u.a. auch bereits Abstimmungsprobleme in der neu formierten Innenverteidigung erkennbar, sodass ich schon zur Pause mit einer Punkteteilung zwar nicht glücklich, jedoch zähneknirschend zufrieden gewesen wäre.

Der Trend der ersten Halbzeit setzte sich auch in der zweiten Spielhälfte fort. Zwar gelang es dem HSV zunächst noch das Spiel weitestgehend offen zu gestalten, doch die Kölner wurden immer mutiger und damit auch gefährlicher. Van der Vaart ließ sich nun kaum noch in die Tiefe fallen, was die Probleme der Hamburger im Spielaufbau stetig verschärfte. Der FC neutralisierte nun nicht nur allein van der Vaart, sondern attackierte bereits beide Innenverteidiger und vor allem auch den relativ unerfahrenen Götz beim Spielaufbau. Das Ergebnis war stetig zunehmender Verlust an Spielkultur beim HSV. Der Ball wurde Mal um Mal zu Drobny zurück gespielt, da auch die Abstände zur Offensive zu groß wurden, was die Hamburger Defensiven vor dem riskanten langen Pass regelmäßig zurückschrecken ließ. Mit anderen Worten: das während der ersten zwanzig Minuten der ersten Hälfte zaghaft aufkeimende Pflänzchen Spielkultur wurde zunehmend durch den unter diesen Umständen erzwungenen  „langen Hafer“ von Drobny ersetzt. In dem Maße, in dem der HSV das Fußballspielen mit Betonung auf spielen einstellte, in dem Maße wirkte das Spiel der Gäste eindeutig klarer, strukturierter, gereifter und gefährlicher. Die Hamburger ihrerseits wirkten auf mich in Sachen Lauf- und Passwege z.T. überhastet und konfus.

In der 53. Minute konnte Drobny gerade noch eine Doppelchance der Kölner bravourös vereiteln. Spätestens jetzt hätte ich wohl auf ein 4-2-3-1 mit Doppel-6 umgestellt. Aber als Beobachter habe ich auch leicht reden, denn ich muss das Ergebnis nicht verantworten.

Zinnbauer wechselte in der 59. Minute und brachte Stieber für Müller, der aufgrund seines Trainingsrückstandes verständlicherweise noch nicht ganz konditionell topfit wirkte. Stieber besetzte nun die linke offensive Außenbahn. Gouaida wechselte somit die Seite und ersetzte Müller rechts.

Nur drei Minuten später kam, was einem inzwischen als leidgeprüftem HSV-Anhänger sattsam bekannt vorkommt: Westermann wurde vom auffälligen Peszko attackiert und erlaubte sich einen fatal schlechten Pass zu Rajkovic. Der Kölner Risse erlief den Ball und war auf und davon. Es passt zum HSV, dass es Risse gelang, den ansonsten mehrfach gut haltenden Drobny aus spitzem Winkel zu tunneln. Die Führung für den FC zum 0:1 (62.) – man sah sie förmlich kommen.

Zinnbauer, in dem Bemühen, den Rückstand zu egalisieren, wechselte offensiv und brachte mit Lasogga eine zweite Spitze für Jiracek, also für einen tendenziell defensiveren Mittelfeldspieler. Dadurch wurden jedoch die Probleme der Hausherrn in Sachen klar strukturiert vorgetragener Angriffe weiter verschärft. Mit dem nächsten Wechsel, Beister für Gouaida (76.), wurde endgültig auf die berühmte Brechstange gesetzt. Lange Bälle aus der eigenen Hälfte und hoffen, dass einem der drei Stürmer der Ausgleich gelingen möge. Prompt liefen die Hamburger in einen weiteren Konter der Gäste. Erneut war es Risse, dem nur zwei Minuten später fast eine Kopie des Führungstreffers gelang. Spätestens hier war klar zu sehen, dass Rajkovic, den ich ansonsten nicht schlecht gesehen habe, läuferisch keine Chance hatte, den enteilten Risse zu stellen. Dieses Mal schob dieser den Ball von der rechten Angriffsseite an Drobny vorbei ins lange Eck zum 0:2 (78.). Damit war das Spiel praktisch entschieden. Die Hamburger blieben trotz dreier Stürmer im Grunde harmlos, die Kölner hätten sogar noch das 0:3 erzielen können, wenn nicht gar müssen (90.).

Fazit: Der ersatzgeschwächte HSV zeigte zunächst gute Ansätze, verlor am Ende jedoch mehr als verdient. Einmal mehr wurde deutlich, dass die mangelhafte Torausbeute nur zum Teil den (bisherigen) Stürmern des Kaders anzulasten ist. Ohne Behrami wirkt auch die Defensive unsicherer. Van der Vaart als einziger, erklärter Kreativspieler ist zu wenig, da für jeden Gegner zu leicht zu neutralisieren. Insofern war es zwingend notwendig, dass der Club vor Schließung des Winter-Transferfensters im zentralen Mittelfeld nachbessert. Es bleibt nur zu hoffen, dass mit dem Chilenen Diaz das Element der Spielkultur entscheidend gestärkt wird, obgleich man sicher auch von ihm keine sofortigen Wunder erwarten darf.
Die Hamburger haben den Rückrundenauftakt also eindeutig verpatzt und stehen nun bereits in den nächsten beiden Spielen gehörig unter Erfolgsdruck. Panik oder irgendeine Form von Aktionismus hielte ich für unangemessen und völlig kontraproduktiv. Gleichwohl muss man schnellstmöglich die richtigen Lehren aus dieser Partie ziehen. Meines Erachtens kann dies zum jetzigen Zeitpunkt nur bedeuten: HW4 für Rajkovic zurück in die Innenverteidigung, und  Jiracek und Diaz gemeinsam ins defensive Mittelfeld. Aber das ist am Ende nur meine unmaßgebliche Meinung.

Schiedsrichter: Stark (Ergolding). Ohne Probleme. Die gelbe Karte für van der Vaart halte ich für vertretbar. Allerdings hätte sich der Niederländer auch nicht beschweren dürfen, wenn er für seinen unnötigen Tritt von einem anderen Schiedsrichter vom Platz gestellt worden wäre.

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Besser als befürchtet, schlechter als erhofft: 1. FC Köln – HSV 0:0

Anders als von mir in meiner Vorschau zum Spiel vermutet, suchte man die Namen Ostrzolek und Rudnevs vergeblich in der Startaufstellung der Hamburger. Ilicevic hatte offenbar nur aus Gründen der Vorsorge mit dem Mannschaftstraining für einen Tag ausgesetzt und war einsatzfähig. Dass Jiracek seinen Platz als Linksverteidiger verlieren würde, konnte nicht überraschen. Zum einen dürfte er nach der Verpflichtung Ostrzoleks nur noch dritte Wahl auf dieser Position sein, zum anderen war seine Leistung dort im Pokal gegen Cottbus als nicht überzeugend zu bewerten.

Arslan (statt Rudnevs) hatte sich hingegen mit einer starken Leistung nach seiner Einwechselung gegen Cottbus einen Platz in der Startelf verdient.  Offenbar wollte HSV-Slomka jedoch auch nicht auf Badelj verzichten, sodass Tolgay eben jenen Platz auf der offensiven rechten Außenbahn einnahm, von dem ich im Vorfeld vermutet hatte, dass dort vermutlich Rudnevs spielen würde. Um es vorweg zu nehmen: Arslan erledigte seine Aufgaben auf der für ihn eher ungewohnten Position durchaus zufriedenstellend. Erneut blieb also Valon Behrami der einzige Neuzugang beim HSV, der es in die Startelf schaffte:

Adler -Diekmeier, Djourou, Westermann, Jansen – Behrami, Badelj, Arslan, Ilicevic – van der Vaart – Lasogga

Spiel: Im Wesentlichen richtig lag ich mit meiner Ankündigung, dass beide Mannschaften in ähnlichen Systeme auftreten. Der 1. FC Köln begann in einem klaren 4-2-3-1 mit Ujah als einziger Spitze und Osako zentral dahinter. Der HSV agierte in der gewohnten fluiden, asymmetrischen Mischung aus 4-2-3-1/4-4-1-1 und 4-4-2.

Beide Mannschaften waren zu Beginn des Spieles zunächst einmal darum bemüht, ins Spiel zu finden und ein schnelles Gegentor zu vermeiden. Für meinen Geschmack spielte vor allem der FC zu Beginn zu ängstlich, sodass sich der HSV mit zunehmender Spieldauer ein optisches Übergewicht erspielen konnte. Verdienter Lohn waren einige Torchancen (10.; 23.; 45.), die jedoch aus unterschiedlichen Gründen allesamt vergeben wurden.

Die Mannschaft fand bei Ballverlust sehr schnell wieder zu einer guten Grundordnung. Die Räume wurden gut verengt, mögliche Passwege blockiert, sodass man die Gastgeber oft zu langen, hohen und prinzipiell leicht zu verteidigenden Bällen beim Spielaufbau zwang.

Auf der neu formierten rechten Seite harmonierten Diekmeier und  der vor allem zu Beginn sehr agile Arslan gut, allerdings mangelte es Diekmeiers Flanken fast durchweg an Präzision. Auf dem andern Flügel  beschränkte sich Jansen zunächst auf die Defensive, und Ilicevic machte auf mich den Eindruck, als hätte er doch einige Mühe, um in die Partie zu finden.

Defensiv stand der HSV in der ersten Halbzeit also erfreulich sicher, offensiv fehlte meist nur die letzte Präzision beim letzten Pass zum Torerfolg. Mit anderen Worten: die erste Hälfte ging ohne Wirkungstreffer aber mit einem Punktsieg an den Hamburger Sportverein, bei dem sich Behrami wie erhofft zur zentralen Gestalt im defensiven Mittelfeld entwickelt.

In der zweiten Hälfte wurde das Spiel deutlich lebhafter, da nun auch die Kölner etwas schneller, direkter und mutiger spielten. Kurz nach Wiederanpfiff vergab Ilicevic die Riesenchance zum Führungstreffer, als er völlig unbedrängt zum Kopfball kam. Zwar mangelte es seinem Kopfball nicht an der nötigen Wucht, jedoch köpfte er zu unplatziert genau in die Arme von Horn im  Tor der Gastgeber (48.). Nur eine Minute später tauchte wieder Ilicevic allein halblinks im Strafraum der Kölner auf, aber statt selbst abzuschließen, wollte er noch einmal quer und zurück zum mitgelaufenen van der Vaart legen, was nicht gelang. Ich behaupte: In Topform und mit dem nötigen Glück macht Ivo aus beiden Chancen je ein Tor. So aber blieb es beim torlosen Remis.

Auf der Gegenseite ließ sich die Hamburger Innenverteidigung von einem gelupften Pass auf Ujah überraschen. Doch zum Glück für den HSV konnte Ujah, der ansonsten offensiv wenig zu sehen war, den Kopfball ebenfalls nicht gut platzieren. Auch hier landet der Ball zentral in den Armen des Torhüters (51.).

In der 77. Minute scheiterte Risse mit einem fulminanten Schuss aus spitzem Winkel an Adler, der den Ball nur mit Mühe parieren konnte. So blieb es letztlich bei einer verdienten Punkteteilung.

Schiedsrichter: Wolfgang Stark. Souverän. Hatte die Partie jederzeit im Griff.

Fazit: Halve Hahn oder Franzbrötchen? – beides. Die erste Halbzeit ging aus meiner Sicht klar an den HSV, der es aber versäumte, seine Chancen in Tore umzumünzen. In der zweiten Halbzeit spielte Köln, mutiger, direkter und damit schneller. Da sah die Abwehr der Hamburger des Öfteren wackelig aus.

Was hat gefallen?

Für beide Vereine bedeutet die Punkteteilung, dass man ordentlich in die Saison gefunden hat. Beide Mannschaften sollten daher mit dem Unentschieden leben können, auch wenn für beide mehr möglich gewesen ist.

Die Kölner müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie einen möglichen Sieg durch mangelnde Zielstrebigkeit vor allem im ersten Durchgang nicht verdient hatten. Eine Partie ohne Gegentreffer, zumal  auswärts, ist aus Sicht des Hamburger Sportvereins derzeit noch per se als Erfolg zu werten.

Die Abstimmung zwischen Behrami und Badelj erschien mir leicht verbessert. Adler spielte dieses Mal gewohnt sicher und konzentriert. Arslan zeigte auf der ungewohnten Außenbahn erneut eine ansprechende Leistung.

Erfreulich auch, dass mit van der Vaart, Behrami und Badelj gleich drei Spieler mehr als 12km liefen. Auch dies deutet darauf hin, dass die Mannschaft konditionell besser gerüstet in die Saison startet.

Was muss besser werden?

Wer so viele Standards (wie der HSV) schießt, der darf daraus durchaus auch mal ein Tor erzielen. Bei Diekmeier hatte ich gleich mehrfach den Eindruck, dass er nicht den Kopf hoch nimmt und schaut, bevor er flankt. Aus meiner Sicht stimmten hier Aufwand und Ertrag (noch) überhaupt nicht.

Als die Kölner in der letzten halben Stunde schneller und mutiger spielten, fehlte es beim HSV zu oft an Präzision beim Umschaltspiel. Viel zu oft wurden gerade eroberte Bälle durch schlampige Pässe zu schnell wieder verschenkt. Das ansonsten sicher wirkende Innenverteidigergespann, Djourou/Westermann, erreichte da seine Belastungsgrenze und wirkte plötzlich unsicher. Bei (nur) 40 Prozent gewonnenen Zweikämpfen für Badelj erscheint das Zweikampfverhalten im zentral-defensiven Mittelfeld ausbaufähig.

Sowohl Lasogga als auch Ilicevic erscheinen noch deutlich entfernt von ihrer Bestform, was angesichts der Verletzungshistorie beider Spieler aber nachvollziehbar ist.

Und sonst so?

Im  DFB-Pokal wurde dem HSV für die zweite Runde ein Heimspiel und als Gast der Branchenprimus, der FC Bayern München, zugelost. Natürlich hätte man sich ein leichteres Los vorstellen können. Wenn man aber den Pokal gewinnen will, dann muss man im Regelfall früher oder später ohnehin gegen die normalerweise übermächtig erscheinenden Bayern antreten. Wenn der HSV im direkten Vergleich eine (kleine) Chance besitzt, dann jetzt zu Saisonbeginn, da die Bayern noch erkennbar weit entfernt von ihrer Topform spielen. Zudem dürfte diese Partie live im Free-TV übertragen werden, was dem unverändert finanziell  klammen HSV einige Zusatzeinnahmen bescheren sollte. Sollte für den HSV, was natürlich angesichts des Gegners keine Überraschung wäre, danach der Pokalwettbewerb beendet sein, so kann sich die Mannschaft auf das Kerngeschäft Bundesliga konzentrieren, was mit Blick auf die vorangegangene Horrorsaison sicher auch nicht von Nachteil sein muss. Umgekehrt könnte ein überraschender Erfolg gegen die Bayern mental weiter die nötige Sicherheit und das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit der Mannschaft stärken. Sofern sich der HSV also zu Hause nicht gerade abschlachten lässt, überwiegt für mich daher die Chance bei diesem Los.