N. Müller

Der HSV unterliegt auswärts bei Hertha BSC verdient mit 3:0 (0:0)

Es hätte ja auch zu schön werden können. Am Freitagabend, so wurde mir via Twitter zugeraunt, trafen sich bereits die angereisten auswärtigen Mitglieder des HSV-Fanclubs, der Sitzkissenfraktion Auswärts, in Friedrichshain, was ich als Charlottenburger, einem seltenen Moment geistiger Klarheit folgend, ignorierte. Ich nahm also abends nicht die transsibirische U-Bahn in den Osten der Stadt, sondern blieb stattdessen brav zu Hause. Schließlich stand bereits am nächsten Morgen ein gemeinsamer Brunch auf dem Plan (Danke für die Einladung!). Am nächsten Morgen bestieg ich daher ausgeruht den Polarexpress, der mich wider Erwarten pünktlich – Berliner kennen ihre S-Bahn und wissen, was ich meine –  in Richtung Prenzlauer Berg beförderte. Der Veranstaltungsort, Treff25, war nicht schwer zu finden, liegt er doch genau gegenüber der Berliner HSV-Fan-Kneipe, dem Dubliner. Vor Ort gab es ein überaus reichhaltiges Büffet, allerdings, so schien es mir, laborierte der eine oder andere zu dieser unchristlich frühen Stunde (11 Uhr) noch an den Nachwirkungen seiner vorangegangenen nächtlichen Streifzüge… Aber die Sitzkissenfraktionäre können eben feiern. Und so soll es ja auch sein.

Gut gestärkt ging es nach dem Brunch für mich geschwind zurück gen Heimat, wo bereits die unerbrittliche MrsCgn nebst Gatten, K1 und zwei weiteren Kindern wartete. Gemeinsam fuhren wir dann optimistisch und gut gelaunt zum Olympiastadion. Der Zugang ins Innere verlief äußerst zügig und reibungslos, allerdings stolperten wir gleich hinter der Eingangskontrolle fast in eine handfeste Auseinandersetzung zweier Herren, die unter Ernährung offensichtlich den übermäßigen Konsum von Gerstensaft verstanden hatten. Ich erwähne dies nur, weil es zu den unschönen Begleitumständen eines Stadionbesuchs zählen kann, gerade wenn man sich in Begleitung von Kindern befindet. Aber dank Ordnungsdienst und Polizei wurde die Rauferei sofort unterbunden. Das darf man bei aller sicher oft angebrachten Kritik im Zusammenhang mit der Thematik Sicherheit in und um die Stadien auch einmal lobend erwähnen, finde ich.

Im Stadion nahmen wir unsere Plätze auf der Tribüne unweit des prall gefüllten Gästeblockes ein. Auch um uns herum saßen weitere „HSVer“, die uns mit versierten Kommentaren erheiterten:

„Wer ist denn die 7 bei uns?“
„Das ist Jansen.“
„Das hätte ich jetzt auch gesagt“.

Es geht doch nichts über profunde Kenntnisse des aktuellen Kaders der eigenen Mannschaft.

HSV-Trainer Zinnbauer überraschte einmal mehr und ließ Holtby zu Beginn auf der Bank. Für ihn spielte eben jene Nummer Sieben. Die Aufstellung las sich daher wie folgt:

Drobny – Götz, Djourou, Westermann, Ostrzolek – Arslan (46. Holtby), Behrami, N. Müller, van der Vaart (66. Green), Jansen – Lasogga (74. Nafiu)

Der HSV kam zunächst gut ins Spiel. Die ersten 15 Minuten gehörten eindeutig der Auswärtsmannschaft. Leider war es dann bereits vorbei mit jeder Herrlichkeit aus Sicht des HSV-Anhangs. Zunehmend übernahm Hertha die Spielkontrolle, bei der bereits in der ersten, noch torlosen Halbzeit der auch in Hamburg bekannte Änis Ben-Hatira zu gefallen wusste.

Die Berliner variierten geschickt zwischen Mittelfeld- und Offensivpressing und kamen zu zahlreichen Balleroberungen. Vor allem in der ersten Halbzeit meinte ich zu sehen, dass sie ihr Spiel meist über ihre rechte Seite entwickelten, wo Ostrzolek des Öfteren seine liebe Müh‘ und Not zu haben schien, um die Berliner Angriffe über seine Seite zu stoppen. Ich hatte allerdings den Eindruck, dass er auch durch seine Kollegen (hier vor allem Jansen und Arslan) nur unzureichend unterstützt und abgesichert wurde.

Der HSV seinerseits verfiel bei eigenem Ballbesitz in ein leider bekanntes Muster: Die Angreifer bewegten sich vorne zu wenig und verharrten viel zu häufig im Deckungsschatten der Berliner Defensive. Die Folgen waren:

1. abgefangene Pässe in der Vorwärtsbewegung, die schnelle Gegenstöße des Gegners ermöglichten;
2. Zunehmende Unruhe, Unsicherheit und Ideenlosigkeit spätestens im Übergang ins s.g. letzte Drittel, die sich dann in der zweiten Halbzeit schon auf den Übergang zwischen erstem und zweiten Drittel, also zunehmend in Richtung jener Spielfeldzone ausdehnte, in welcher der Spielaufbau erfolgt;
3. Stetig zunehmender Anteil langer, hoher Bälle von Drobny.

Lasogga konnte kaum hohe Bälle festmachen. Der prinzipiell gefährliche Nicolai Müller wurde durch die taktisch von Luhukay bestens eingestellten Herthaner erfolgreich neutralisiert und trat kaum in Erscheinung. Bei van der Vaart waren in einem Laufduell mit Skjelbred deutliche läuferische Defizite zu bemerken. Auch er wurde von den Herthanern praktisch abgemeldet. Da der HSV meiner Erinnerung nach auch im gesamten Spiel nicht zu einer einzigen, nennenswerten Freistoßchance kam, deren Nutzung ja grundsätzlich als eine Stärke van der Vaarts anzunehmen ist, fehlten für mich angesichts dieser schwachen Leistung van der Vaarts wesentliche Gründe, die seinen Einsatz rechtfertigten. Aber wenn man aus dem Rathaus kommt…

Bereits in der ersten Halbzeit sah man diverse Kopfballstafetten zwischen beiden Mannschaften im Mittelfeld, die am Ende mehrheitlich zugunsten der Hausherren verliefen. Mit anderen Worten: Der HSV spielte zu wenig Fußball. In der zweiten Halbzeit sollte sich dieser negative Trend fortsetzen. Auch der Halbzeitwechsel Zinnbauers von Arslan zu Holtby, eine moderat offensivere Ausrichtung der Mannschaft, sollte daran nichts ändern.

In der 58. Minute prüfte Ndjeng mit einen Distanzschuss die Bruchsicherheit der Querlatte des HSV-Tores. Eine Minute später hatte Jansen aus ca. 10 Metern und halblinker Position die große Chance, den Führungstreffer zu erzielen. Warum ihm dies letztlich misslang, bzw. warum Kraft im Tor der Berliner diese Chance vereiteln konnte, ließ sich aufgrund meiner Entfernung zum Ort des Geschehens (andere Stadionseite) nicht beurteilen. Fast im direkten Gegenzug  wurde der HSV von den Gastgebern klassisch ausgekontert. Nach einer sehenswerten Kombination landete der Ball am Ende beim starken Ben-Hatira, der Drobny keine Abwehrchance ließ. Das 1:0 in der 59. Minute.

Anders noch als zuvor gegen die TSG Hoffenheim fand der HSV dieses Mal keine Mittel, um die Wende herbeizuführen. Zunehmend wirkte das Spiel der Mannschaft auf mich in einer Weise hilflos, wie man es unter Zinnbauer bisher nicht sah. Man bekam keinen Zugriff in den Zweikämpfen, verlor die zweiten Bälle und konnte, wie bereits erwähnt, auch keine Freistoßchancen in Strafraumnähe herausarbeiten. Letzteres belegt ebenfalls die defensiv erstklassige Leistung der Gastgeber.

Die HSV-Abwehr stand hoch, aber da man den Ball in der gegnerischen Hälfte kaum  behaupten konnte, lief man regelmäßig den schnellen Gegenstößen der Hertha hinterher. Nun zeigte sich meines Erachtens auch, warum Zinnbauer vor der Partie dem Hype des Hamburger Boulevards um Götz mit der Bemerkung begegnete, dass für ihn im Normalfall Diekmeier klar vor dem jungen Rechtsverteidiger-Talent stünde. Es wäre gewiss verfehlt, Ashton Götz die Schuld für die Niederlage zu geben, aber man sah doch in einigen Situationen, dass er noch einige Zeit benötigt, um in der ersten Bundesliga vollends anzukommen.

Als Zinnbauer gerade den schwachen van der Vaart für Green auswechseln wollte, drückte Heitinga nach einem konfusen Defensivverhalten der Hamburger Abwehr den Ball zum 2:0 über die Linie (66.). Im Grunde war das Spiel zu diesem Zeitpunkt bereits entschieden, denn dem HSV fehlte weiterhin jegliche Mittel.

Ins Bild passte, dass Zinnbauer Lasogga ausgerechnet in Berlin vorzeitig vom Feld holte, ohne dass eine Verletzung dies erzwang. Für Hamburgs Wandstürmer kam der junge Nafiu zu seinem Bundesligadebüt. Ich interpretiere dies als Versuchs Zinnbauers, dem schnellen Nicolai Müller zwei weitere, schnelle und  bewegliche Leute an die Seite zu stellen, um so die sicher wirkende Abwehr der Herthaner vielleicht doch noch zu überlisten. Ich gestehe, wäre ich an Zinnbauers Stelle gewesen, ich hätte stattdessen mit Nafiu gegen Müller eins zu eins gewechselt, denn von Müller war außer der Anfangsphase praktisch nichts zu sehen. Aber damit will ich keineswegs Zinnbauers Entscheidung kritisieren, sondern nur meine andere Bewertung zum Ausdruck bringen.

Der Treffer zum 3:0 (erneut durch Ben-Hatira) in der 85. Minute ist aufgrund der taktischen Ausgangslage, bzw. der geringen verbleibenden Restspielzeit nur noch ein Fall für die Statistik.

Fazit: Am Ende verlor der HSV auch in der Höhe mehr als verdient. Aus meiner Sicht war das der erste, eindeutige Rückschritt unter Leitung des neuen Cheftrainers. Das muss man nicht dramatisieren, ist gleichwohl aber eben exakt so zu benennen.

Schiedsrichter: Kinhöfer (Herne). Hatte einige enge Entscheidungen zu treffen. Aufgrund meiner meist (zu) großen Entfernung zum Ort des Geschehens werde ich mich jedoch hüten, ihm Fehlentscheidungen zu unterstellen, zumal ich bisher keine Fernsehbilder der Partie sehen konnte. An der Niederlage war er gewiss nicht schuld.

Nach dem Spiel fuhr ich gemeinsam mit meiner Begleitung zurück nach Hause, wo sich dann unsere Wege trennten. Ich machte mich dann erneut auf den Weg, um gemeinsam mit den Sitzkissenfraktionären die Wunden zu lecken. Denn in diesem Fall galt tatsächlich: geteiltes Leid, ist halbes Leid. Am Ende wurde die Nacht lang, feucht und sogar ein wenig fröhlich. Der Tag nahm also ein versöhnliches Ende, auch wenn das Fernbleiben des Sitzkissenfraktionärs und Quoten-Krefelders unter den Lesern dieses Blogs,  Cosmo aka GroteRuetze (Twitter), schärfstens zu missbilligen bleibt.

Auf dieser Leistung lässt sich aufbauen. HSV – FC Bayern München 0:0

Jede Aussage eines Trainers gegenüber den Medien hat gleich mehrere Adressaten: Da wäre zunächst natürlich die interessierte Öffentlichkeit, der man einen möglichst positiven Eindruck von sich und seiner Arbeit vermitteln möchte. Dann wären da die Vorgesetzten, die mit Argusaugen darüber wachen, welches Bild ihr Trainer von sich, seiner Arbeit und dem Verein zeichnet. Und schließlich wären da noch die Spieler, die sehr genau darauf achten, was ihr Trainer öffentlich über die Mannschaftsleistung und nicht zu letzt über sie persönlich äußert. Es lohnt daher, einige Äußerungen Zinnbauers aus den vergangenen Tagen genauer zu betrachten.

So sagte Zinnbauer z.B. auf seiner Antritts-PK, er habe der von ihm zuletzt betreuten U23 zum Abschied gesagt, seine Beförderung zum Cheftrainer der Bundesligamannschaft sei nicht nur ein Glücksfall für ihn persönlich, sondern sei auch gut für sie. Denn zukünftig wüssten sie einen Cheftrainer „ganz oben“, der jeden einzelnen von ihnen tatsächlich kennen und einschätzen könne. Später antwortete er auf eine entsprechende Frage, dass er, sollte es bei der Bundesligamannschaft nicht funktionieren, „kein Pardon“ kenne und nicht zögern würde, die betreffenden Profis  durch entsprechende U23-Spieler zu ersetzen. Er erhöhte also den Leistungsdruck im Bundesliga-Kader und setzte gleichzeitig Anreize für den Nachwuchs, nunmehr unter ihrem neuen Trainer, Daniel Petrowsky, keinesfalls nachzulassen, wodurch er seinem Nachfolger zweifellos den Einstieg erleichtert haben dürfte. Man erinnere sich in diesem Zusammenhang nur an das Negativ-Beispiel Beckenbauer, der seinem Nachfolger bei der Nationalmannschaft, Berti Vogts, seinerzeit ein regelrechtes Kuckucksei ins Nest legte, indem er öffentlich in der ihm eigenen Art firlefranzte, dass die von ihm übergebene Mannschaft „auf Jahre hinaus unschlagbar“ sein werde.

Bereits in der zweiten, der von ihm bei den Profis geleiteten Trainingseinheiten demonstrierte Zinnbauer dann, dass er bei den von ihm angekündigten Konsequenzen auch nicht vor großen Namen zurückschreckt. Als mit Behrami  einer der vorgesehenen Führungsspieler der Mannschaft wiederholt einige Übungen erkennbar nicht mit vollem Einsatz absolvierte, durfte er sich den Rest des Trainings für diesen Tag von außen anschauen. In diesem Kontext muss man m.E. das Extra-Lob sehen, dass Zinnbauer nach der Partie gegen die Bayern an Behrami verteilte. Behrami hatte zweifellos ein gutes Spiel gemacht, ein besonderes Lob hat sich gestern aber, ginge es nach mir, ein anderer verdient (Dazu später mehr). Um bei Behrami zu bleiben – die Botschaft Zinnbauers erschien mir eindeutig: Wer  im Training voll mitzieht, wer gut spielt, der darf mit seiner Anerkennung, seiner Wertschätzung rechnen. Wer sich jedoch hängen lässt, für den brechen ggf. schwere Zeiten an. Da Behrami derzeit im Grunde alternativlos im Kader erscheint, macht es für mich aus Sicht des Trainers und vor dem Hintergrund der angesprochenen Disziplinierungsmaßnahme dennoch Sinn, ihn nach dem Spiel explizit öffentlich positiv hervorzuheben. Denn wer als Trainer nur Druck ausübt und ausschließlich negativ kritisiert, der wird m.E. auf längere Sicht keinen Erfolg haben.

In diesem Kontext passt ins Bild, dass Zinnbauer nach dem Spiel auch nicht vergaß, seinen Vorgänger, Mirko Slomka, für den nunmehr guten konditionellen Zustand der Mannschaft ausdrücklich zu loben. Dies, wie auch Zinnbauers Hinweis zur U23, dass er dort selbst ja weder Tore geschossen noch verhindert habe, deutet für mich darauf hin, dass er nicht nur um eine faire Beurteilung bemüht ist, sondern sich auch zugleich als Teil eines Teams sieht. Dies ist natürlich nur ein erster, flüchtiger Eindruck und sollte zum jetzigen Zeitpunkt nicht überbewertet werden, dennoch möchte ich dies nicht unerwähnt lassen. Denn es dürfte nicht wenige geben, die u.a. mangelhafte Teamarbeit als eine wesentliche Ursache für die Misserfolge der Vergangenheit ausgemacht haben wollen.

Im Grunde war zu erwarten, dass Zinnbauer angesichts der Kürze der ihm zur Verfügung stehenden Zeit die zuletzt überzogen wirkenden personellen Veränderungen Slomkas gegen Hannover teilweise zurücknehmen würde. So ersetzte Westermann Cléber, und auch Arslan kehrte in die Startaufstellung zurück:

Drobny – Diekmeier, Djourou, Westermann, Ostrzolek – Behrami, Arslan (67. Jiracek), N. Müller (87. Steinmann), Holtby, Stieber – Lasogga (76. Green)

In der Torwartfrage gab es auch meiner Meinung nach keinen triftigen Grund, nun erneut die Rolle rückwärts zu vollziehen. Zum einen war Drobnys Leistung gegen Hannover nicht ursächlich für die Niederlage, zum anderen wäre Adler endgültig „verbrannt“, wären ihm gegen die Bayern Fehler dergestalt unterlaufen, wie man sie leider in der letzten Saison eindeutig zu oft von ihm gesehen hat. So bitter das für Adler im Augenblick auch sein mag – er wird nun wohl mindestens bis zur Winterpause warten müssen. Es sei denn, Drobny schwächelt mehrfach. Im Mannschaftssport, so ist das nun einmal, steht der Erfolg eines Teams über etwaigen sportlichen Einzelschicksalen.

Das Spiel: Obwohl die Mannschaftsaufstellung der Hamburger als taktisches System ein 4-2-3-1 mit einer klaren Doppel-Sechs durch Behrami und Arslan suggerierte, konnte man bereits nach wenigen Minuten eine andere taktische Formation bemerken. Tatsächlich agierte man gegen den Ball mit einem grundsätzlich offensiv orientierten 4-4-2. Vor allem Holtby presste während der ersten Halbzeit im Verbund mit der nominell einzigen Hamburger Spitze, Lasogga, sehr hoch, während sich Arslan und Behrami meist dahinter in eine vordere Viererkette mit Stieber und Nicolai Müller einreihten. Auch die defensive Viererkette schob – endlich, endlich! – weit genug heraus, sodass kaum jene gefährlich freien Räume zwischen den Ketten entstanden, die ich hier im Blog in der Vergangenheit oft kritisiert habe. Da sich die Mannschaft des HSV zeitgleich auch ballorientiert seitlich deutlicher verschob, als dies m.M.n. in der Vergangenheit der Fall gewesen ist, wurden gleich drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen:

1.) Der Spielaufbau der Bayern konnte des Öfteren entscheidend gestört werden, sodass sie häufiger zu langen, prinzipiell leichter zu verteidigenden Bällen gezwungen wurden;
2.) In Ballnähe erreichte der HSV vermehrt eine personelle Überzahl, was auch die Zweikampfführung gegen individuell überlegene Bayern-Spieler erleichterte;
3.) Das Zentrum des Spiels wurde durch die Hamburger meist erfolgreich geschlossen, sodass der Gegner sein Spiel mit dem grundsätzlich längeren Weg über die jeweils freie Außenbahn entwickeln musste.

Nicht unbemerkt soll zudem bleiben, dass sich der HSV tatsächlich aggressiv in der Zweikampfführung zeigte. Im Ergebnis standen am Ende der ersten Spielhälfte nur zwei Torschüsse (20. Minute, Pizarro, weit über das Tor) der Bayern und eine einzige Parade Drobnys (33., nach Schuss von Bernat) zu Buche. Und das gegen die zuvor hoch favorisierten Bayern!

Man darf es wohl durchaus auch als Kompliment für den HSV werten, dass Guardiola, der die Bayern zunächst in einem offensiven 3-4-3 auf das Feld schickte, im Verlauf der Partie nicht nur in der Abwehr auf eine Viererkette umstellte, sondern mit den zu Beginn noch geschonten Xabi Alonso, Götze und Lewandowski drei Hochkaräter brachte, die den Sieg für seine Mannschaft erzwingen sollten. Denn es dürfte eher ungewöhnlich sein, dass ein Trainer bereits in der 66. Minute seine letzte Auswechselmöglichkeit ausschöpft.

Tatsächlich spielten die Bayern während des zweiten Durchgangs flüssiger und zielgerichteter. Zunächst aber hatte Nicolai Müller in der 48. Minute tatsächlich eine Torchance für den HSV. Er spitzelte den Ball erfolgreich aus halblinker Position an dem aus seinem Tor geeilten Neuer vorbei. Leider verfehlte sein Schuss mit dem rechten Fuß knapp das Tor.

In der 53. Minute rettete Drobny seine Mannschaft vor dem Rückstand, als er mit den Beinen einen Schuss von Lahm nach Vorarbeit von Rafinha parierte. Zu diesem Zeitpunkt die bis dato wohl größte Torchance für die Bayern.

Die Bayern bauten nun vermehrt ihr Spiel über ihre rechte Seite auf, um hernach auf die linke Seite zu verlagern. Aber Diekmeier und Nicolai Müller waren meist zur Stelle, um etwaige Lücken rechtzeitig zu schließen.

Um auf meine Bemerkung im Zusammenhang mit Behrami zurückzukommen: Neben Behrami verdienen m.E. besonders der defensiv enorm fleißige Holtby, aber vor allem der oft gescholtene Heiko Westermann ein Extra-Lob. Westermann spielte auf Seiten des HSV einfach überragend. Nicht ein „Wackler“, 89 Prozent gewonnene Zweikämpfe und 67 Prozent angekommene Pässe belegen dies. Ich denke, man konnte sehen, dass Westermann durchaus sehr, sehr wertvoll sein kann, wenn er sich in einer taktisch funktionierenden Mannschaft auf seine Kernkompetenzen konzentrieren kann. Denn seine allseits bekannten Stockfehler resultierten oft genug auch daraus, dass sich andere Spieler der Mannschaft in der Vergangenheit viel zu oft versteckt haben. So wurde Westermann oft genug dafür bestraft, dass er einer der wenigen war, die durchweg Verantwortung übernahmen, während andere nach dem Motto verfuhren: hier hast Du den Ball – viel Glück damit!

Djourou zeigte eine durchaus ordentliche Leistung, zerstörte aber letztlich ein wenig den positiven Gesamteindruck, als er kurz vor Spielende (88.) einen eklatanten Fehler bei der Ballannahme produzierte und so Thomas Müller zu einem Torschuss einlud, den dieser zum Glück für den HSV knapp neben das Tor setzte. So blieb es letztlich beim torlosen Remis.

In der Nachspielzeit (90+4.) vertändelte der wieder einmal weit aus seinem Tor geeilte Manuel Neuer den Ball fast auf Höhe der Mittellinie und blockte dort absichtlich einen Schuss der Hamburger mit der Hand. Der folgende Torschuss von Ostrzolek verfehlte das von Neuer verlassene Tor. Der Treffer hätte aber ohnehin nicht gezählt, da Schiedsrichter Dingert bereits das Handspiel gepfiffen hatte.

Schiedsrichter: Dingert (Lebecksmühle): Bot für einen so jungen Schiedsrichter in einer vor allem von Hamburger Seite aggressiv geführten Partie eine gute Leistung. Die gelbe Karte für Neuer geht vollkommen in Ordnung, da nicht jedes Handspiel eines Torwarts außerhalb seines Strafraums zum Feldverweis führt. Maßgebend ist hier, ob der Torhüter eine klare, eindeutige Torchance für den Gegner verhindert. Davon kann beim besten Willen aufgrund der seitlich versetzen Position von Schütze und Ball und der Entfernung zum Tor (fast Mittellinie!) keine Rede sein.

Fazit: Der HSV, so möchte ich es formulieren, hat dem zuvor übermächtig erscheinenden Gegner aus München aufgrund einer engagierten und taktisch disziplinierten Mannschaftsleistung durchaus verdient den einen Punkt abgerungen. Endlich blieb man über weite Strecken des Spiels als Mannschaft kompakt und konnte vermehrt auch jene Dreiecksbildungen auf den Positionen beobachten, die zuvor viel zu oft schmerzlich vermisst wurden. Ich stimme Heiko Westermann zu, der nach dem Spiel von der besten Mannschaftsleistung des HSV sprach, seit er in Hamburg sei.

Defensiv war das eine großartige Leistung der Hamburger Mannschaft, auch wenn offensiv kaum etwas ging. Mit zunehmender Spielzeit auffälliger wurde hier, dass Lasogga, obgleich gewohnt fleißig und einsatzwillig wirkend, läuferisch unverändert schwerfällig agiert. Hier bleibt zu hoffen, dass es Zinnbauer in den kommenden Wochen gelingt, Lasoggas Form mittelfristig durch dosierte Belastungen in Training und Wettkampf zu verbessern.

Dieses Spiel ist aus Hamburger Sicht als erster Schritt in die richtige Richtung zu bewerten. Noch aber ist das allenfalls ein sehr erfreulicher Achtungserfolg, den man zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht überbewerten sollte. Ob das dieses Mal deutlich verbesserte taktische Verhalten der ganzen Mannschaft nachhaltig zu beobachten sein wird, das bleibt abzuwarten. Schon das nächste Spiel gegen M’Gladbach wird hier weitere, hoffentlich erfreuliche Erkenntnisse liefern.

Interessant wird zu beobachten sein, wie Zinnbauer zukünftig den von ihm angekündigten offensiv-dominanten Fußball mit diesem Kader des HSV umsetzen will. Die Bayern, Zinnbauer sagte dies auf der PK vor dem Spiel bereits, waren hierfür der falsche Gegner. Perspektivisch könnte ich mir vorstellen, dass sich das Spiel des HSV in den kommenden Wochen und Monaten stärker zu einem 4-1-4-1 entwickelt, aber auch das muss man letztlich abwarten.

Übersehen wir nicht, dass die Mannschaft immer noch kein einziges Tor geschossen hat und bisher auch unverändert kein Spiel gewinnen konnte.  Gestern könnte ein Grundstein gelegt worden sein, mehr aber noch nicht. Eins scheint mir eindeutig: Sollte die Mannschaft kontinuierlich an die gestrige Leistung anknüpfen können, dann wird sie mit dem Abstieg in dieser Saison nichts zu tun haben. Zu Euphorie besteht also unverändert kein Anlass, wohl aber zu Zuversicht.

Festhalten möchte ich zum Schluss, dass Zinnbauer der erste Trainer beim HSV ist, der Jiracek endlich dort einsetzte, wo er m.E. ohnehin hingehört: als Alternative zu Arslan und Pendant von Behrami im Zentrum. Der Wechsel für den zuvor bereits  gelbverwarnten Arslan machte für mich daher doppelt Sinn. Auch dass er mit Matti Steinmann (1,88m) eine echte „Kante“ debütieren ließ, als es den Anschein hatte, dem HSV fehle nach der Auswechselung Lasoggas etwas die körperliche Wucht, fand ich durchaus nachvollziehbar. Eins ist Zinnbauer jedenfalls bereits gelungen: ich bin sehr gespannt, ob sich die Mannschaft in diesem rasanten Tempo tatsächlich weiter unter seiner Leitung entwickelt. Zu wünschen wäre es.