Tuchel

Erstens kommt es anders…

…und zweitens als man denkt. Nachdem die schlimmste Saison des Hamburger Sportvereins mit viel, viel Glück  nicht den im Grunde hochverdienten Abstieg zur Folge hatte, nachdem seine Mitglieder die Ausgliederung des Profifußballs in eine AG mit überwältigender Mehrheit beschlossen hatten, da wollte ich mir ursprünglich nur eine Schreibpause für wenige Tage zur Erholung gönnen. Denn auch wenn ich mich bemühe, Fußballspiele und das Drumherum sachlich, nüchtern zu bewerten – der HSV in den Niederungen der Zweiten Liga? Unvorstellbar. Und doch möglich, wie die letzte Saison mit Nachdruck aufgezeigt hat. Das zehrte auch an meinen Nerven. Da Der Vierte Mann vor allem von Fans des Hamburger Sportvereins gelesen wird, werdet Ihr wissen, was ich meine. Und dann klingelt morgens um halbvier das Telefon. Wer nicht gerade einen Anruf aus Übersee erwartet, der weiß sofort, dass irgendwo „die Hütte brennt“. Und zwar lichterloh. Was dann gefragt ist, das dürften wohl die meisten (hoffentlich!) wissen. Wie das mit „Großbränden“ so ist – nicht jeder ist umgehend zu löschen. Manchmal dauert es Tage und Wochen, weil das Feuer in den Ruinen an immer neuen Stellen erneut aufflackert. Inzwischen ist die Lage zum Glück unter Kontrolle, aber ich war danach endgültig „urlaubsreif“. Das zur Erklärung für all diejenigen, die hier, wie ich durchaus bemerkt habe, fast täglich geschaut haben, ob es Neues gibt. Diese Treue meiner Leser hat mich doch überrascht und sehr gefreut. Vielen Dank für Eure Geduld!  Ich werte das als (weiteren) Fingerzeig, dass die rund siebzig Artikel, die ich hier seit Start des Blogs veröffentlicht habe, ganz so schlecht nicht gewesen sein können. Dafür sprach (bis zu meiner Schreibpause) auch der Trend bei den Zugriffszahlen, der kontinuierlich nach oben zeigte. Da WordPress auch eine Weltkarte zur Verfügung stellt, anhand derer man als Betreiber feststellen kann, aus welchen Ländern die Zugriffe erfolgen, weiß ich inzwischen, dass Der Vierte Mann auch regelmäßige Leser außerhalb Deutschlands findet. Auch dafür möchte ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken! Unglaublich, wo überall der HSV Interesse findet!  Dieser Zuspruch ermutigt mich zusätzlich, das Projekt fortzuführen. Zugleich sehe ich darin Ansporn und Verpflichtung, an weiteren Verbesserungen zu arbeiten. Versprochen!

Was nun die bundesligafreie Zeit, also die nähere Zukunft des Blogs angeht, so werde ich versuchen, vor allem die Spiele der Deutschen Nationalmannschaft (und ausgewählter anderer Teams) zu sehen und nachfolgend hier kommentieren. Spätestens mit Beginn der neuen Saison wird dann der HSV wieder das Hauptthema sein.

Wer sich erhofft hatte, dass beim HSV mit dem Ausgliederungsbeschluss umgehend Ruhe einkehre, der sah sich möglicherweise zuletzt getäuscht. Fast täglich wurde eine neue Sau durch das Dorf getrieben. Zunächst kommentierte Karl Gernandt den Transfer von Zoltan Stieber (Herzlich Willkommen!) zum HSV im KICKER wenig euphorisch („hätten wir so nicht getätigt“), sogar von einem „Transferverbot für Kreuzer“ war zu lesen. Danach begann das lange Warten auf Beiersdorfer, den zukünftig starken Mann des Vereins. Wie inzwischen längst bekannt sein dürfte, konnte zwischenzeitlich nicht nur dessen Vertrag mit St. Petersburg aufgelöst werden, sondern „Didi“ hat beim HSV unterschrieben (Willkommen zurück!). Nun, so vermeldet es der Boulevard, steht angeblich Trainer Slomka auf der Kippe…

Wenig verwunderlich, dass das anhaltende mediale Getöse rund um den Verein kritisiert wurde. Mancher stellte bereits die Frage, was in Sachen öffentlicher Darstellung denn nun besser geworden sei. Zwischen den Zeilen wurde sogar der Vorwurf der Doppelmoral erhoben. Frei nach dem Motto: Was bei Ertel, Hunke und Co kritisiert wurde, das machen die neuen Herren gar nicht anders.

Gemach! Ich meine, es ist doch Folgendes zu beachten:

1.) mit der Entscheidung für die AG ist ein tiefgreifender Paradigmenwechsel beim Hamburger Sportverein verbunden;
2.) fehlte bis vor wenigen Tagen die Unterschrift Beiersdorfers, also desjenigen, der zukünftig die Hauptverantwortung tragen wird;
3.) Offiziell sind die neuen Leute erst ab dem 1. Juli im Amt.

Aus Punkt eins folgt, und das ist sinngemäß die Kernaussage von Gernandt gewesen, dass tatsächlich jeder Stein umgedreht wird. Es kann daher nicht überraschen, dass Transfers aber auch Schlüsselpersonalien (Jarchow, Kreuzer, Slomka) kritisch unter die Lupe genommen werden. Schließlich sind die neuen Leute nicht gewählt worden, damit die Dinge so bleiben, wie sie in der Vergangenheit waren. Im Gegenteil! Schon bald wird die neue Führungsriege ohnehin an ihren Worten gemessen werden. Es daher in meinen Augen vollkommen legitim, dass man alles und jeden zunächst unter einen gewissen Vorbehalt stellt. Bei der schon epischen Geduld rund um den Verein (Achtung, Sarkasmus!) weiß man doch heute schon, dass es im Misserfolgsfall kräftig auf die Mütze geben wird. Wer da jetzt nicht sorgfältig prüft, mit wem er zukünftig zusammenarbeiten möchte, der wird auch dafür später  unweigerlich und völlig zurecht in Haftung genommen werden.

Aus Punkt zwei folgt(e), dass die Hauptperson noch gar nicht an Bord gegangen war. Und aus dem dritten, formalen Grund ist zu folgern, dass man de jure nicht so kann, wie man möglicherweise möchte.

Es hat schon seine Gründe, warum man üblicherweise neuen Amtsinhabern 100 Tage Schonzeit gewährt. Die 100 Tage beginnen in meinen Augen erst am 1. Juli. Denn erst dann können die neuen Entscheider tatsächlich uneingeschränkt wirken. Daraus wiederum leite ich ab, dass ein erstes, vorsichtiges Fazit frühestens Anfang/Mitte Oktober zu ziehen ist. Das gebietet in meinen Augen schlicht die Fairness. Sicher kann man die Auffassung vertreten, dass das mediale Echo auf das Interview von Karl Gernandt vorhersehbar gewesen sei, sicher kann man sich über die daraus resultierenden Schlagzeilen und die damit verbundene Unruhe ärgern, aber die Kernaussage, man sei schließlich nicht gewählt worden, um dort anzuknüpfen, wo andere aufgehört hätten, die ist in jeder Hinsicht korrekt.

Dass man den Transfer Stiebers „so nicht eingefädelt“ hätte, diese Aussage Gernandts halte ich zwar inhatlich für völlig ligitim, aber dennoch für ungeschickt. Auch wenn sich das „so nicht“ letztendlich nur auf die Form, bzw. die Rahmenbedingungen des Transfers beziehen sollte – es entstand der ungute Eindruck, dass der Spieler von den zukünftig Verantwortlichen des Vereins gar nicht gewollt gewesen sei. Das hätte man vermeiden können, bzw. so dies denn zutreffen sollte, nicht publik machen müssen. Aber auch wenn man bei Karl Gernandt davon ausgehen kann, dass er gewiss bedenkt, was,  wie und wem er etwas sagt, so muss man auch so jemandem eine gewisse Zeit einräumen, um sich in den spezifischen Gegebenheiten des Fußballgeschäfts tatsächlich zurechtzufinden. Bei großen Unternehmen reagiert ggf. die Börse durch unverzügliche Kursveränderungen der Aktien auf Äußerungen von Unternehmensvorständen, beim Fußball der Boulevard. Das ist in meinen Augen schon ein Unterschied. Denn der Boulevard, der strickt sich seine Geschichten notfalls selbst. Da wird jede Mücke zum Elefanten aufgeblasen, notfalls setzt man ein Fragezeichen hinter Überschriften, die dem Leser einen Inhalt suggerieren sollen!, den der nachfolgende Artkel mitnichten liefert.

Sicher, auch mir geht es so, dass ich gespannt darauf warte, wie es denn nun konkret weitergeht beim HSV. Was wird aus Jarchow, Kreuzer und Slomka? Gelingt wider Erwarten doch die Verpflichtung von Lasogga, oder welche Verstärkungen für die Offensive kommen? Wie verändert sich das Mittelfeld, welche Defensiv-Spieler (IVs; Jansen) werden abgegeben? Fragen über Fragen. Aber auch wenn Neugier und Ungeduld noch so groß sind – es macht keinen Sinn, Bewertungen auf der Grundlage von Spekulationen (Slomka vs. Tuchel) vorzunehmen. Wer so etwas lesen möchte, dem sei  schon jetzt spöttisch das Sonderheft des KICKERs zur kommenden Saison zum Kauf empfohlen. Üblicherweise wird dies weit vor Schließung der Transferliste veröffentlicht. Es berücksichtigt daher im Regelfall entscheidende Spielertransfers nicht, beinhaltet gleichwohl aber dezidierte Prognosen zum Abschneiden der Teams. Das kann man in meinen Augen mit einem Arzt vergleichen, der nach bloßer Inaugenscheinnahme einen Knochenbruch  diagnostiziert, ggf. Gips und Krücken verschreibt und mehrere Wochen Ausfallzeit attestiert, aber nie ein Röntgenbild gesehen hat. Und bei dessen Diagnosen man Jahr für Jahr feststellen muss, dass sich der Knochenbruch am Ende als eine zwar schmerzhafte, aber letztlich deutlich harmlosere Prellung herausstellt.

Üben wir uns also zunächst und bis auf Weiteres in Geduld! Auch wenn ich mich bekanntlich klar und eindeutig für HSVPlus ausgesprochen habe, so werde ich auch zukünftig Kritik äußern, so ich sie tatsächlich für angebracht halte. Aber, wie ich oben bereits ausführte, nicht vor Ablauf der 100-Tage-Schonfrist. Zudem meine ich mindestens erahnen zu können, welche Herkulesaufgabe für die neuen Macher tatsächlich zu bewältigen ist. Ich rechne daher ohnehin damit, dass sich manche Veränderungen, auch wenn sie sofort auf den Weg gebracht werden sollten, erst mit noch (deutlich) längerer Verzögerung auswirken werden. Em Ende kommt es eben doch oft anders, als man vorher dachte.

Verhaltene Freude und gedämpfter Optimismus: 1. FSV Mainz 05 – Hamburger SV 3:2 (1:1)

Wöchentlich grüßt das Murmeltier. Der HSV spielt, der HSV verliert und profitiert am Ende dennoch, weil die Mitkonkurrenten ebenfalls verlieren. Selten habe ich nach einer Niederlage der Hamburger in derart viele entspannte Gesichter seiner Anhänger geschaut. Dafür dürfte es zwei Gründe gegeben haben:

1.) war zu diesem Zeitpunkt längst bekannt, dass der HSV die Relegationsspiele erreicht hatte,
2.) hat die Mannschaft über weite Strecken eine wirklich gute Leistung geboten.

Wäre jedoch einem der Konkurrenten aus Nürnberg oder Braunschweig ein Sieg gelungen, hätten sie den HSV doch noch vom vorerst rettenden 16. Platz verdrängen können, der Katzenjammer wäre nach dieser Leistung der Hamburger zurecht groß gewesen. Doch der Reihe nach.

HSV-Trainer Slomka vertraute in Mainz der folgenden Aufstellung:
Adler – Diekmeier, Westermann, Mancienne, Jiracek – Rincon, Tesche (74. Arslan), Badelj, Calhanoglu – van der Vaart (83. Jansen)  – Lasogga (67. Ilicevic)

Diese Formation war im Grunde logisch und zu erwarten, dürfte sie doch zum jetzigen Zeitpunkt mit zum Besten gehören, was der HSV überhaupt aufbieten kann. Jiracek für Jansen, Westermann anstelle von Djourou – das sind Fragen, die man unter anderem unter dem Gesichtspunkt der Fitnesszustände betrachten kann. Wie überaus wichtig Lasogga für die Mannschaft der Hamburger ist, muss man nicht näher ausführen. Mit ihm gewinnt die Mannschaft, das zeigte sich gestern erneut, sofort eine ganz andere Qualität. Hinter dem für alle und jeden Offensichtlichen möchte ich aber erneut auf einen Spieler hinweisen, mit dem in Hamburg eigentlich niemand mehr gerechnet hat. Die Rede ist von Robert Tesche.

Tesche wurde einst auf Betreiben des damaligen Trainers, Bruno Labbadia, verpflichtet. Und im Grunde, daran dürfte Tesche ein gerütteltes Maß an Mitschuld tragen, hat kaum jemand verstanden, warum. Oft, viel zu oft klaffte bei ihm eine riesige Lücke zwischen teils überragenden Trainingsleistungen und, zumindest daran gemessen, enttäuschenden Darbietungen in den folgenden Spielen. Derzeit aber, das muss man nach der gestrigen Partie unterstreichen, darf sich der HSV glücklich schätzen, einen Tesche zu haben. Arslan oder Tesche – beide verfügen unbestreitbar über großes Talent. Der entscheidende Unterschied derzeit (sic!) ist für mich jedoch: Tesche spielt wie ein gestandener Bundesligaspieler, Arslan wie ein Talent.

Spielbericht: Hatte ich vor der Partie mit grundsätzlich offensiven Mainzern und einem HSV gerechnet, der vor allem um defensive Stabilität bemüht sein würde, so schien mindestens die erste Spielhälfte das Gegenteil zu belegen. Der HSV legte los wie die sprichwörtliche Feuerwehr. Vom Anpfiff an wurde gerannt, gekämpft, und es wurden Torchancen erspielt. So verpasste der einschussbereite Rincon noch innerhalb der ersten Spielminute eine Flanke von Calhanoglu, weil der aufmerksame Mainzer Torwart, Karius, gerade noch die Hand dazwischen bekam. Überhaupt muss ich Rincon loben. Eigentlich kein Außenbahnspieler, weder offensiv noch defensiv, stellt er sich seit Wochen in den Dienst der Mannschaft und erledigt die ihm gestellte Aufgabe meist zuverlässig. Was ihn schon immer auszeichnete, sein unbändiger Kampfeswille, war auch gestern zu sehen. Er rannte vor allem in der ersten Halbzeit, als ginge es um sein Leben und schloss viele, viele Lücken. Einfach großartig. Auch ein Grund, warum die Mainzer zunächst kaum ins Spiel fanden. Der HSV knüpfte nahtlos an die über weite Strecken taktisch gute Leistung in der Vorwoche gegen die übermächtigen Bayern an. Man stand kompakt, die Abstände stimmten, und der ganzen Mannnschaft war anzumerken, dass sie tatsächlich begriffen hat, was die Stunde geschlagen hat.

Der HSV wäre nicht der HSV, jedenfalls nicht in dieser Saison, wenn er nicht immer mal wieder einen riesigen „Bock“ schießt. Es ist unfassbar! Da spielt mindestens in der ersten Halbzeit nur eine Mannschaft, nämlich die des Hamburger Sportvereins, und wer  geht in Führung? Der Gegner. Es segelte eine harmlose Flanke in den Hamburger Strafraum und Westermann, immerhin zum erweiterten Kreis der Nationalmannschaft gehörend, will innerhalb des eigenen Fünfmeterraums, d.h. in unmittelbarer Nähe zum eigenen Tor!, den Ball mit der Brust zu Adler legen. Der Mainzer Soto ließ sich nicht lange bitten, spritzte dazwischen und hatte keine Mühe, den Ball im Hamburger Gehäuse unterzubringen. Das 1:0 (7.). Adler, Westermann, Jansen – dass der HSV in dieser Saison gegen den Abstieg spielt, ist auch darauf zurückzuführen, dass auch den namhaftesten Leistungsträgern regelmäßig schwere Patzer unterlaufen.

Zum Glück für den HSV verfügt er (noch) über Pierre-Michel Lasogga. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie der HSV in der nächsten Saison ohne ihn auskommen soll. Denn dass der Mann vom HSV nicht zu halten ist, davon muss man leider ausgehen. Aber noch spielt er ja für Hamburg. Der HSV ließ sich durch den Rückstand nicht beirren. Man stand weiter kompakt, antizipierte oder erkämpfte eine Vielzahl an Bällen, erzeugte oft Überzahl in Ballnähe und zeigte durchaus sehenswerte Spielzüge. Lasogga beschäftigte oft mehr als einen Mainzer,  ließ dennoch meist geschickt Bälle zum eigenen Mann prallen und sorgte so mit dafür, dass die Mittelfeldspieler, angetrieben vom überaus spielfreudigen van der Vaart, Raum und Zeit fanden, um geplante Spielzüge aufzuziehen. So wurden auch beide Außenverteidiger, Jiracek und Diekmeier, immer wieder ins eigene Spiel miteinbezogen, bzw. fanden den Weg an die gegnerische Grundlinie, um von dort Flanken in den Strafraum der Gastgeber zu schlagen. Einer dieser Spielzüge endete bei van der Vaart, der aus halblinker Position und etwas außerhalb des Mainzer Sechzehners stehend abzog. Der ansonsten gute Karius ließ den Ball nach vorne prallen. Lassoga bedankte sich und staubte  mit dem Kopf ab. Der bereits zu diesem Zeitpunkt hochverdiente Ausgleich zum 1:1 (12.).

Fortan spielte in der ersten Halbzeit nur noch der HSV. Von Mainz war offensiv praktisch nichts mehr zu sehen. Und damit komme ich zu meiner Bemerkung zurück, dass es schien, als habe mich die Hamburger Mannschaft Lügen strafen wollen. Denn tatsächlich waren die Hamburger sehr wohl, dass belegt das kompakte Mannschaftsverhalten, um defensive Stabilität bemüht. Die Vielzahl an Tormöglichkeiten, die man vor allem in der ersten Spielhälfte herausspielen konnte,  waren logische Folge eben dieser defensiven Kompaktheit. Ich schrieb es hier vor Wochen: wer defensiv kompakt bleibt, egal ob man das Spiel geschlossen nach vorne oder nach hinten verlagert, der verdichtet nicht nur die Räume für den Gegner, sondern der hat die kürzeren Wege zum Ball, die besseren Möglichkeiten, in Ballnähe eigene personelle Überzahl zu erzeugen, und damit auch die besseren Chancen, das Spielgerät zu erobern. Wer dann auch noch zusätzlich die Zuspielversuche des Gegners gut antizipiert, erwischt diesen oft in seiner Vorwärtsbewegung und damit eben auch in defensiver Unordnung. Die letztendliche Folge all dessen sind dann Möglichkeiten zum eigenen Torerfolg. Defensivspiel, das gilt heute mehr denn je, beginnt vorne. Hinter der ballorientierten aggressiven Spielweise des BvBs etwa liegt auch ein defensiver Grundgedanke: wer den Ball schnell zurückerobert, der verhindert eben nicht nur, dass der Gegner zu eigenen Chancen kommt, sondern der schafft sich gleichzeitig seine eigenen Möglichkeiten.

In der 22. Minute stand Tesche völlig frei, etwa 9 bis 10 Meter vor dem Mainzer Gehäuse.  Leider konnte er den den Flankenball nicht ausreichend mit der Stirn drücken. So setzte er den Kopfball leider knapp über das Tor. Nur zwei Minuten später hätte van der Vaart von der rechten Hamburger Angriffsseite mit seinem bekannt starken linken Fuß um ein Haar einen Eckstoß direkt ins Mainzer Tor gezirkelt. Leider stand am langen Pfosten ein Mainzer und konnte den Ball auf der Linie klären (24.). Nur eine Minute später warf Diekmeier einen langen Einwurf in den Strafraum der Mainzer. Tesche leitete den Ball per Kopf weiter zu van der Vaart, aber dessen Kopfball konnte Karius letztlich mühelos halten (25.). Wieder nur zwei Minuten später zirkelte erneut van der Vaart einen Freistoß mit Schnitt in Richtung Tor der Mainzer, aber wieder war es Karius, der in höchster Not vor dem  am langen Pfosten einschussbereiten Mancienne klären konnte (27.). In der 32. Minute flankte dann Jiracek von der linken Außenbahn. Lasogga kam aus ca. 6 Metern zum Kopfball, konnte aber ebenfalls den Ball nicht drücken und setzte ihn über das Tor. Auch die letzte nennenswerte Szene der ersten Halbzeit gehörte dem HSV: Tesche passte scharf von der rechten Seite in den Mainzer Strafraum, wo erneut Lasogga den Ball am langen Pfosten denkbar knapp verpasste (38.).

Wenn bei einem derartigen Spiel beim Spielstand von 1:1 nach dreißig Minuten bereits Gesänge der HSV-Fans angestimmt werden („Niemals zweite Liga! Niemals, niemals!“), dann zum einen, weil man die Spielstände der Konkurrenten kannte, zum anderen, weil wirklich für jeden Zuschauer erkennbar war, dass die gesamte Mannschaft der Hamburger ohne jeden Abstrich „wollte“. Ich jedenfalls war zur Halbzeit hochzufrieden, machte mir aber Sorgen, ob die Kräfte reichen würden. Denn man kennt das ja: eine Mannschaft macht das Spiel, vergibt Chance um Chance und am Ende triumphiert der Gegner. Und so kann man der Mannnschaft des HSVs nur einen Vorwurf machen: sie hätte zur Pause mindestens mit einem, wenn nicht gar mit zwei Toren führen müssen.

Zu Beginn der zweiten Hälfte kamen zunächst die Mainzer wie ausgewechselt aus der Kabine. Kurz nach Wiederanpfiff zeigten sie ihren bis dahin schönsten Spielzug. Zum Glück für den HSV setzten sie den Abschluss aus ca. 20 Metern knapp neben das Hamburger Tor (47.). Kurz darauf zog der Mainzer Geis aus 22 Metern ab, aber Adler konnte den Ball über die Querlatte pfausten (49.). Nicht nur in dieser Drangperiode der Mainzer fand ich Mancienne sehr stark. Obwohl nicht sonderlich groß gewachsen, ist er defensiv im Kopfball kaum zu schlagen. Zudem antizipiert er oft sehr gut die gegnerischen Zuspiele und ist so meist einen Schritt früher als der jeweilige Stürmer am Ball. Dass man ihn (auch), wie geschehen, beim HSV vom Hof jagen wollte (oder will?) ist mir unverständlich.

Nach einer Viertelstunde bekam der HSV die Partie zunächst wieder in den Griff. So kam dieses Mal Calhanoglu völlig frei aus 6 Metern zum Kopfball. Hakan machte im Grunde fast alles richtig, denn er setzte den Kopfball erkennbar entgegengesetzt zur Laufrichtung des Torwartes. Leider verfehlte auch dieser Kopfball knapp das Tor (61.).

In der 65. Spielminute drehte sich der Südkoreaner Koo an der linken Seitenauslinie (aus Mainzer Sicht) um Rincon herum und konnte diesem enteilen. Hier mag eine Rolle gespielt haben, dass Rincon unbedingt eine gelbe Karte vermeiden wollte (oder sollte!), da er ansonsten für die Relegationsspiele gesperrt gewesen wäre. Jedenfalls passte Koo mustergültig zurück an die Strafraumgrenze der Hamburger, wo der starke Mainzer Malli frei stand. Dieser hatte keine Mühe, Adler zu überwinden. Sein Flachschuss rauschte neben dem kurzen Pfosten ins Hamburger Gehäuse zur Führung für die Gastgeber. Das 2:1.

Zwei Minuten später nahm Slomka Lasogga vom Feld, der ja bekanntermaßen wochenlang verletzt gewesen ist, und brachte Ilicevic. Man hatte also nun annäherend die Formation auf dem Feld, die gegen die Bayern gespielt hatte. Auf Hamburger Seite nahm jedoch die mannschaftliche Geschlossenheit nun zunehmend ab. Das mag zum einen an dem unglaublichen kämpferischen und läuferischen Aufwand gelegen haben, den die Mannschaft vor allem in der ersten Halbzeit betrieben hat, und der nun seinen Tribut forderte. Zum anderen spielte die Mannschaft zu viele ungenaue lange Bälle, die postwendend von den Mainzern abgefangen werden konnten. In Folge dessen eröffneten sich die bekannten Löcher zu den Offensivspielern, die bei nachlassenden Kräften nicht mehr schnell genug zurückkamen. Eine Minute später konnte Westermann in höchster Not den Torschuss eines Mainzers am Hamburger Fünfmeterraum gerade noch verhindern, indem er diesen am Rande des Erlaubten aus dem Tritt brachte (68.).

Das Spiel verlief nun eine Weile ohne weitere Höhepunkte. Der HSV war zunächst nicht mehr in der Lage, kontrollierte, planvolle Angriffszüge zu spielen. Zumal nun die Mainzer mit der eigenen Führung im Rücken kaum Räume für ein schnelles, vertikales Konterspiel des HSVs  über den eingewechselten Ilicevic anboten. Wer genau aufgepasst hat, der konnte erkennen, dass sich der für Tesche eingewechselte Arslan in einer Situation erneut wieder zu spät vom Ball getrennt hat. In der 83. Minute, auch das Folge des sich auflösenden Hamburger Mannschaftsverbundes, konnte Okazaki vom rechten Flügel ungestört mit Tempo auf die Hamburger Defensive zulaufen. Der Japaner hatte dabei den Vorteil, dass er agierte, während Mancienne nur (auf ihn) reagieren konnte. Gegen einen technisch starken Angreifer sieht fast jeder Verteidiger der Welt in solchen Situationen schlecht aus. Jiracek kam zu spät und so konnte der Mainzer Stürmer auch noch Adler ausgucken. Er lupfte den Ball an Adler vorbei zum vorentscheidenden 3:1 ins Netz der Gäste (82.).

Der Schlusspunkt der Partie, der allerdings nur noch für die Statistik von Belang ist, war dem HSV vorbehalten. Jiracek flankte von links außen. Ilicevic sprang der Ball an den Arm, was aber für das Schiedsrichtergespann aufgrund der Gesamtsituation kaum zu erkennen gewesen sein dürfte. Der Ball fiel jedenfalls vor Ivos Füße. Und so hatte er keine Mühe, ihn aus 6 Metern neben dem rechten Pfosten im Tor unterzubringen. Das 3:2.

Schiedsrichter: Kinhöfer leitete die Partie im Großen und Ganzen sicher. Grenzwertig war Westermanns Zweikampfverhalten im eigenen Strafraum (68.). Klar irregulär, jedoch aufgrund der Positionierung des Gespanns und der Spieler schwer zu erkennen, war der Anschlusstreffer der Hamburger.

Fazit: Die Mainzer freuten sich über den Einzug in  das internationale Geschäft (Glückwunsch!), müssen sich jedoch wohl um einen neuen Trainer kümmern, da Tuchel seinen Vertrag (bis 2015) in Mainz nicht mehr erfüllen möchte. Insofern dürfte dort die Freude getrübt sein. Der HSV verliert erneut, bleibt aber auf dem zunächst rettenden Platz 16, was allein schon für Erleichterung in Hamburg sorgt, auch wenn die ursprünglichen Zielsetzungen mehr als deutlich verfehlt wurden. Klassenziel war zuletzt nur noch die Vermeidung des Abstiegs. Wer während des Jahres zu oft ungenügende Leistungen bringt, der wird normalerweise nicht versetzt. Jämmerliche 27 Punkte als Saisonausbeute hätten normalerweise zwingend zum direkten Abstieg des Hamburger Sportvereins aus der ersten Liga führen müssen. Aber zum Glück für den HSV, anders kann man es in dieser Saison nicht bewerten, waren zwei Mannschaften noch schlechter als die Hamburger.
Unverständlich bleibt mir, dass eine Profimannschaft der Bundesliga erst unmittelbar kurz vor dem endgültigen Toreschluss zu begreifen scheint, dass man auf dem Spielfeld jederzeit als Mannschaft agieren muss. Dazu gehört, dass jeder einzelne Spieler, gerade wenn kein dominanter Taktgeber im Mittelfeld vorhanden ist, fortwährend die Abstände überprüft und ggf. zur kollektiven Ordnung beiträgt.
HSV-Trainer Slomka ist nicht zu beneiden. Ohne den Wandstürmer Lasogga fehlt es, jedenfalls wenn man nicht kontern kann, vorne an Durchschlagskraft. Dazu gesellen sich unverändert regelmäßig schwerste Aussetzer der Spieler, die der Mannschaft eigentlich ein stabiles Gerüst verleihen müssten. Geradezu grotesk wirkt, dass mit Mancienne (und zuvor Rajkovic) und Tesche ausgerechnet Spieler den Karren mit aus dem Dreck ziehen sollen, mit denen man als Verein zuvor auf beschämende Weise umgesprungen ist.
Im Hinblick auf die nun folgenden Relegationsspiele weckt vor allem die Rückkehr von Lasogga Hoffnungen. Aber die letzten beiden Spiele der Hamburger haben auch gezeigt, dass nicht nur die Moral der Mannschaft absolut intakt erscheint, sondern dass sie grundsätzlich endlich auch um die absolut unverzichtbare Kompaktheit bemüht ist. Während ich diese Zeilen schreibe, steht der Gegner noch nicht fest. Eins scheint mir aber sicher: Bringt die Mannschaft in beiden Spielen nicht eine ähnliche Leistung wie zuletzt, so könnte es sowohl gegen Fürth als auch gegen Paderborn doch noch ein böses Erwachen geben. Schützenhilfe durch die Konkurrenz gibt es ab sofort bekanntlich nicht mehr.
Es überwiegt also auch bei mir nach dieser Niederlage verhaltene Freude, dass der direkte Abstieg vermieden werden konnte, auch wenn die krassen individuellen Fehler, mit denen man sich regelmäßig um den Lohn bringt, ein stetes Ärgernis bleiben. Und ich sehe den beiden kommenden Endspielen mit gedämpftem Optimismus entgegen. Der HSV muss nicht, der HSV darf dank äußerst günstiger Umstände nachsitzen. Es liegt allein an ihm, ob er diese letzte Chance nutzen kann.

Nachtrag: Der 1. FC Köln und der SC Paderborn 07 steigen in die Erste Bundesliga auf. Herzlichen Glückwunsch! Gegner des Hamburger Sportvereins in der Relegation ist somit die SpVgg Greuther Fürth.