VfL Wolfsburg

Verdiente Niederlage gegen einen in fast allen Belangen überlegenen Gegner: VfL Wolfsburg – HSV 2:0 (1:0)

Nach Hoffenheim und Gladbach wurde in letzter Zeit der VfL Wolfsburg als einer der Vereine in den Medien hervorgehoben, die angeblich in dieser Saison den FC Bayern „jagen“. Angesichts des bereits erneut stattlichen Punktepolsters der Münchener wirkt dies auf mich zum jetzigen Zeitpunkt sowohl alarmierend als auch unfreiwillig komisch. Alarmierend, weil bei dieser Aufzählung der BvB fehlt, der meiner Meinung nach normalerweise stärker als die drei genannten Vereine einzuschätzen ist. Auch wenn sich die Dortmunder momentan wohl nur in einer temporären sportlichen Krise befinden dürften und man jederzeit damit rechnen muss, dass sie eine Siegesserie starten können, so dürften sie sich angesichts ihres Punkte-Rückstandes bereits jetzt aus dem Rennen um die diesjährige Meisterschaft endgültig verabschiedet haben. Bei allem Respekt vor der hervorragenden Arbeit in Hoffenheim, Mönchengladbach und Wolfsburg – der Bundesliga droht erneut, dass die wichtigste Entscheidung, die zum Titel, weit vorfristig, nämlich bereits kurz nach Beginn der Rückrunde fällt. Die drei Verfolger, zu denen eben auch der VfL zu rechnen ist, werden den Serienmeister aus Bayern am Ende der Saison wahrscheinlich nur noch mit dem Fernglas erkennen können. Diese „Jagd“, darin sehe ich die Komik, dürfte dann doch eher in einem Hinterherhecheln münden.

Ungeachtet ihrer mutmaßlichen Chancenlosigkeit auf den Titelgewinn sollte man anerkennen, dass der VfL Wolfsburg zu eben jenen Vereinen gehört, die am HSV in den letzten Jahren vorbeigezogen sind. Demzufolge war der HSV für mich vor der Partie der klare Außenseiter, denn es ist beeindruckend, was in Wolfsburg entstanden ist:

Im Tor der Wölfe steht mit Benaglio ein überdurchschnittlicher Torhüter. Naldo davor gehört im Kopfballspiel zum besten, was die Liga zu bieten hat. Behrami mag als kampfstarker Zerstörer im defensiven Mittelfeld des HSV derzeit unersetzlich erscheinen, hat aber m.E. gegenüber einem Luiz Gustavo nicht nur spielerisch deutliche Nachteile. Neben dem Brasilianer in Diensten des VfL spielte gestern Joshua Guilavogui. Der französische Nationalspieler hat laut Transfermarkt.de einen Marktwert von 10 Millionen Euro. Als Alternative steht Hecking der junge Malanda (20) zur Verfügung, dessen Marktwert an gleicher Stelle mit 7 Millionen Euro angegeben wird. Auch wenn die Marktwerte der Spieler auf Transfermarkt.de als fiktiv anzusehen sind und keineswegs mit den real am Markt zu erlösenden Summen im Transferfall verwechselt werden sollten, können sie als ein Indiz für Qualität dienen. Vergleicht man die drei wertvollsten defensiven Mittelfeldspieler beider Mannschaften, so ergibt sich folgendes Bild:

Gustavo (22 Mio), Guilavogui (10 Mio) und Malanda (7 Mio) bringen es zusammen auf einen fiktiven Marktwert von 39 Millionen Euro. Dem steht beim HSV mit dem bereits fast unersetzlichen Behrami (6 Mio) nur ein gestandener Spieler entgegen. Kacar (750 tsd) spielt offenbar auch in dieser Saison praktisch keine Rolle, Matti Steinmann (150 tsd.) und Gideon Jung (200 tsd) sind Talente, die ihr Leistungsvermögen auf Bundesliganiveau erst noch dauerhaft nachweisen müssen. Selbst wenn man Arslan (2,5 Mio) und Jiracek (2 Mio) dem defensiven Mittelfeld des HSV zuschlägt, stehen den 39 Millionen auf Wolfsburger Seite gerade einmal 10,5 Millionen Euro an Marktwerten auf Hamburger Seite gegenüber.

Prunkstück der Niedersachsen bleibt aber die Offensive, in welcher der auch in Hamburg bestens bekannte Olic als vorderste Spitze trotz Knorpelschaden im Knie unermüdlich wirbelt. Während in Hamburg Lasogga an gleicher Position praktisch gesetzt und ohne Konkurrenz ist, verfügt der VfL mit Bast Dost und Bendtner über tatsächliche Alternativen. Für  das offensive Mittelfeld stehen Wölfe-Trainer Hecking zudem hochbegabte wie Kevin de Bruyne und Maximilian Arnold zur Verfügung. Auch Perisic und Hunt sind Spieler, die ihre Qualität in der Liga längst nachgewiesen haben.

Aus all dem lässt sich meiner Meinung nach sowohl individuell-qualitativ als auch strukturell (Alternativen je Position) ableiten, warum der VfL Wolfsburg auch ohne jede Berücksichtigung ihrer derzeitigen Erfolgsserie bereits theoretisch deutlich stärker als der HSV einzuschätzen war.

HSV-Trainer Zinnbauer hatte nach dem hart erkämpften Sieg gegen ebenfalls favorisierte Leverkusener keine Veranlassung, die Mannschaft zu verändern und vertraute daher erstmals einer unveränderten Aufstellung:

Drobny – Diekmeier, Djourou, Westermann, Ostrzolek – Behrami – N. Müller (79. Green), van der Vaart (79. Nafiu), Holtby, Jansen (70. Stieber) – Lasogga

Das Spiel: Der HSV begann das Spiel erneut in jenem Hybrid-System aus 4-1-4-1 und 4-2-3-1, in welchem gegen Leverkusen gewonnen werden konnte. Allerdings standen die Hamburger zu Beginn der Partie tiefer, ließen die Gastgeber im ersten Drittel meist ungestört agieren und beschränkten sich auf ein Mittelfeldpressing. Den Spielverlauf in der ersten Viertelstunde deutete ich als von Zinnbauer vorgegebene taktische Marschroute: aus einer kompakten, stabilen Defensive wenn möglich nach vorne spielen.

Bei Ballbesitz des HSV konnte man einige Änderungen bemerken, die ich derart ausgeprägt seit Zinnbauers Amtsantritt bisher noch nicht gesehen habe. Das erinnerte mich zeitweilig an den Fußball unter Fink. Behrami kippte als Sechser im Spielaufbau zwischen die beiden weit auseinander geschobenen Innenverteidiger. In die dadurch drohende Lücke im zentral-defensiven Mittelfeld ließ sich meist van der Vaart zurückfallen, um als Schaltstation zur Offensive zu fungieren. Bei Ballverlust zogen sich bis auf Lasogga zunächst alle Hamburger hinter den Ball zurück. Daraus ergab sich eine personelle Überzahl in der Defensive, die das Zentrum geschlossen hielt. Gleichzeitig verschob die Hamburger Mannschaft, wie schon mehrfach unter Zinnbauer gesehen, stark in Richtung des ballnahen Flügels. Insgesamt wurde das Spiel der Wolfsburger durch den HSV auf die Außenbahnen gelenkt.

Offenbar hatte Hecking etwas sehr ähnliches von Seiten des HSV erwartet und seine Mannschaft bestens eingestellt. Der ungemein präsente, lauffreudige de Bruyne, aber auch Aaron Hunt tauchten immer wieder auf den Flügeln auf und sorgten dafür, dass die Wolfsburger zeitweilig die Außenbahnen personell erfolgreich überladen konnten. Dieser Effekt wurde zusätzlich durch sehr schnelle und präzise Spielverlagerungen begünstigt und verstärkt, denn die ballnah stark verschobenen Hamburger benötigten naturgemäß einige Sekunden, um auf die jeweils andere Seite kollektiv zu verschieben und dem Ball zu folgen. Aus beidem, den variablen Laufwegen von de Bruyne und Hunt sowie den zügigen Seitenwechseln der Wolfsburger (oftmals über Gustavo oder Guilavogui), folgte,  dass beide Hamburger Außenverteidiger schnell unter Druck standen und bereits früh mit dem gelben Karton verwarnt wurden (18. Diekmeier; 21. Ostrzolek). Ich fand das schon fast lehrbuchreif, wie die Wolfsburger auf die Spielanlage des HSV reagierten. Respekt. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass der HSV den Gastgebern in der ersten Halbzeit dennoch kaum klare Torchancen ermöglichte.

Ärgerlich fand ich die vielen, schnellen Ballverluste, die dem HSV nach Balleroberung unterliefen. Dafür gab es aus meiner Sicht gleich mehrere Gründe:

1. Die Wolfsburger störten immer wieder bereits den Spielaufbau ihrer Gäste, was zu überhasteten, ungenauen Zuspielen der Hamburger führte;
2. Die dadurch provozierten langen, hohen Bälle aus der Abwehr konnten durch Lasogga kaum festgemacht werden. Zwar kämpfte Hamburgs Sturmspitze gewohnt verbissen, jedoch waren seine Ablagen dieses Mal erschreckend schwach, da entweder falsch temperiert oder viel zu ungenau.
3. Der VfL dominierte dank seiner qualitativen Überlegenheit im defensiven Mittelfeld (s.o.) die Spielfeldmitte. Auch körperlich (1, 87 m, Luiz Gustavo; 1,88 m, Guilavogui) war man dort dem HSV überlegen, was für mich auch ein Grund ist, warum die Gastgeber die klare Mehrzahl der s.g. zweiten Bälle eroberten.

In der 27. Minute kam es zu einem folgenschweren Missverständnis zwischen Behrami und Drobny, was zu einem durch Behrami unnötig verursachten Eckstoß für die Gastgeber führte. Den folgenden Eckball konnten die Hamburger noch aus dem Strafraum befördern, jedoch kam de Bruyne aus ca. 26 Metern und zentraler Position zum Abschluss. Der Schuss hätte wohl das Tor verfehlt, doch Olic erwies sich einmal mehr als reaktionsschnell und gab dem Ball die entscheidende Richtungsänderung zur 1:0-Führung für die Gastgeber.

Der HSV war in Sachen Offensive harmlos. Jansen wirkte auf mich zu steif und technisch limitiert, um sich auf engstem Raum erfolgreich durchsetzen zu können. Holtby mühte sich, konnte aber erneut keine Überraschungsmomente kreieren. Und auch Müller kam nicht zum Zuge, da entweder schon der Spielaufbau des HSV zu lange dauerte, oder den Pässen die Genauigkeit fehlte (s.o. Lasoggas Ablagen).

In der 63. Minute bekam der HSV einen Freistoß am rechten Sechzehner-Eck der Wölfe zugesprochen. Van der Vaarts Freistoß verfing sich in der Mauer und leitete den Konter der Gastgeber ein. Bemerkenswert hier: Behrami konnte ohne Ball den ballführenden de Bruyne nicht einholen. De Bruyne sprintete siebzig Meter über das Feld. Ostrzolek, der sah, dass Behrami nicht an den Ball kommen würde, rückte heraus, um den jungen Belgier zu stellen, doch dieser passte genau im richtigen Moment und präzise auf die andere Seite zu Hunt. Der Ex-Bremer „wackelte“ dann Drobny aus und vollstreckte ins kurze Eck zum 2:0. Beides, Geschwindigkeit, Timing und Präzision de Bruynes einerseits und die Routine Hunts beim Torschuss andererseits, belegt ebenfalls die Qualität des Wolfsburger Personals.

Ich hatte den Eindruck, dass der HSV nach dem 2:0 den Glauben an eine Wende mehrheitlich verloren hatte. Zinnbauer reagierte folgerichtig durch Auswechselungen, ohne dass dies tatsächlich zu Verbesserungen führte. Auch in diesem Zusammenhang lässt sich feststellen, dass der Wolfsburger Kader derzeit als eindeutig stärker einzuschätzen ist. Hecking konnte mit Arnold und Bendtner nachgewiesene Qualität einwechseln, Zinnbauer muss sich meist, ohne dass ich damit den Spielern zu nahe treten möchte, mit Talenten wie bspw. Nafiu oder Green behelfen.

Stieber vergab aus meiner Sicht die vielleicht größte Torchance des HSV (wenn man von den Kopfbällen Westermanns in der 50. und Lasoggas in der 59. Minute absieht), als er nach einem furiosen Lauf Diekmeiers entlang der Außenlinie in der 83. Minute relativ unbedrängt zentral vor dem gegnerischen Strafraum den Ball deutlich über das Tor schoss. Es blieb daher beim ungefährdeten Sieg der Heimmannschaft.

Schiedsrichter: Kircher (Rottenburg). Hatte keine nennenswerten Probleme mit der Leitung der Partie.

Fazit: Zwar kann man, der HSV hat es erst jüngst gegen Leverkusen erneut bewiesen, auch gegen eindeutig favorisierte Gegner punkten, dennoch wird sich im Regelfall der Favorit durchsetzen. So erfreulich die Punkte gegen Bayern, Dortmund, Hoffenheim und Leverkusen auch sein mögen – realistischerweise muss man m.E. zum jetzigen Zeitpunkt immer auch damit rechnen, dass es ggf. heftige Niederlagen setzt. Es dauert, bis sich eine neuformierte Mannschaft wie die der Hamburger endgültig gefunden hat. Es braucht Zeit, bis die taktischen Vorgaben Zinnbauers derart verinnerlicht worden sind, dass sie unter Wettkampfdruck stabil abgerufen werden können. So gesehen  bin ich bei den Spielen gegen grundsätzlich stärker einzuschätzende Mannschaften derzeit noch damit zufrieden, wenn sich der HSV mit einer respektablen Leistung aus der Affäre zieht. Etwaige Punkte aus Begegnungen gegen Favoriten sind für mich Bonus. Die tatsächlich entscheidenden Spiele sind für mich jene, in denen es gegen Gegner geht, die sich in Reichweite der Hamburger befinden, z.B. schon am nächsten Spieltag beim Aufeinandertreffen mit Bremen. Im Übrigen ist dies für mich auch der Grund, warum ich die Niederlage in Berlin besonders ärgerlich fand.

Nach dem elften Spieltag der vorangegangenen Saison hatte der HSV 12 Punkte und ein Torverhältnis von 23:24. Derzeit steht er unverändert bei 9 Punkten und einem Torverhältnis von 4:14. Das zeigt für mich zweierlei:

1. Was die defensive Stabilität betrifft, so scheint man auf dem richtigen Weg. Hier eine deutliche Verbesserung zu erzielen, war nach den abenteuerlich vielen Gegentoren der Vorsaison (75!) zwingend notwendig;
2. Die weniger kassierten Gegentore gehen (noch?) zu Lasten der schon in der abgelaufenen Saison keineswegs überzeugenden offensiven Durchschlagskraft. Nur vier eigene Treffer sind ein besorgniserregend niedriger Wert. Harmloser als der HSV spielt offensiv derzeit keine andere Mannschaft der Liga.

Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive gewinnt Meisterschaften, heißt es. So gesehen verstehe ich, dass Zinnbauer zunächst um eine stabile defensive Grundordnung bemüht ist. Allerdings müsste nun langsam auch das Offensivspiel verbessert werden. Denn die vielen leichtfertigen Ballverluste in der Offensive verhindern nicht nur etwaige Torerfolge, sondern bewirken zudem, dass man die Abwehr nicht ausreichend entlastet. Auch für das Selbstvertrauen der Spieler wäre es hilfreich, wenn man mal zu mehreren, klar herausgespielten Toren käme. Wenn eine Mannschaft nach elf Spielen nur vier eigene Tore erzielen konnte, woher soll der Glauben an eine Wende nach einem Rückstand kommen?

Ich habe versucht, hier die Qualität des VfL herauszuarbeiten. Diese belegt für mich eben einmal mehr, wie sehr der HSV sportlich im Vergleich zur Konkurrenz in Rückstand geraten ist. Machen wir uns nichts vor! Auch wenn ich mit Blick auf den Klassenerhalt unverändert zuversichtlich bleibe – diese Saison, vielleicht gilt dies sogar für die nächste Spielzeit noch weit mehr, wird schwierig. Der HSV hat nicht das Geld, um massiv personell nachzubessern. Man muss eigene Talente gerade im Hinblick auf die Tatsache entwickeln, dass vermutlich am Ende dieser Spielzeit ein Großteil jener etablierten Profis, deren Verträge am Ende der Saison auslaufen, den Verein verlassen werden. Talententwicklung benötigt jedoch Zeit. Bei aller Freude über die Siegesserie der U23 darf nicht übersehen werden, dass Spieler wie Steinmann, Nafiu, Ahmet Arslan etc. nicht nur eine, sondern gleich mehrere Klassen tiefer spielen.

Die Verantwortlichen des HSV sind angesichts  der unverändert prekären finanziellen Lage des Clubs nicht zu beneiden. Der eingeschlagene Weg erscheint weitestgehend alternativlos. Die Überlegenheit der Konkurrenten ist auch Folge systematischer, kontinuierlicher Arbeit ihrer jeweiligen sportlichen Leitung.

Dem HSV und Zinnbauer bleibt zu wünschen, dass man vor allem gegen Gegner „auf Augenhöhe“ bis zur Winterpause die wirklich wichtigen Punkte holt. Der VfL Wolfsburg gehört derzeit nicht dazu.

Was man als Hamburger von den Augsburgern lernen kann: FC Augsburg – HSV

Wir nähern uns bekanntlich dem Saisonfinale. Und es ist keine Frage, aus Sicht des Hamburger Sportvereins ist dies bereits jetzt, obwohl die Saison ja noch gar nicht beendet ist, einmal mehr eine absolut enttäuschende Spielzeit.

Zu Beginn der Runde hatte bekanntlich Hamburgs Vorstandsvorsitzender, Carl Edgar Jarchow, Platz 6 und damit die Teilnahme am internationalen Geschäft als Saisonziel ausgegeben.  Im gleichen Atemzug fabulierte er von einer angeblichen Augenhöhe seines Vereins mit dem FC Schalke 04. Spötter fragten schon damals, ob er vielleicht die Hühneraugen der Knappen meinte. Aber so ist das eben beim HSV in den letzten Jahrzehnten fast durchweg: man schwelgt vor jeder Spielzeit in Größenfantasien, kündigt Großes an und am Ende der Saison heißt es einmal mehr: Denkste, Püppi!

Platz 16, das ist die raue Wirklichkeit. Zehn Plätze hinter der von Jarchow propagierten Zielstellung. Und als wäre das noch nicht schlimm genug – als Anhänger des Vereins muss man sich größte Sorgen machen, ob wenigstens dieser Platz, der zur Relegation berechtigt, gehalten werden kann. Als Verantwortlichem kann einem gar nicht deutlicher vor Augen geführt werden, dass man mit seiner Einschätzung zur sportlichen Leistungsfähigkeit kolossal falsch gelegen hat.  Auch aus finanzieller Sicht könnten Anspruch und Wirklichkeit nicht weiter auseinander liegen. Der FC Schalke baut seit Jahren seine exorbitanten Verbindlichkeiten ab. Herr Jarchow hingegen verantwortet einen inzwischen katastrophalen Anstieg des Negativen Eigenkapitals beim HSV. Einmal mehr dürfte die angestrebte schwarze Null deutlichst verfehlt werden. Und hätte man nicht zwischenzeitlich Spieler unter Marktwert verschleudert (z.B. Aogo), hätte man nicht die für das Campus-Projekt eingesammelten Gelder prinzipiell zweckentfremdet, der HSV wäre wohl spätestens in diesem Monat nicht mehr in der Lage gewesen, die Gehälter für seine Angestellten zu bezahlen. Dass Hamburgs Vorstandsvorsitzender dem Vernehmen nach davon ausgeht, dass er das Amt auch zukünftig bekleiden darf – eine Randnotiz, die einen kaum noch verwundern kann. Notorische Selbstüberschätzung, desaströse Leistungsbilanzen – all das hat schließlich auch Tradition, beim abgewirtschafteten Hamburger Sportverein. Doch ich schweife ab, denn im Augenblick muss alle Konzentration dem Sportlichen gelten. Und hier könnte das Ziel nicht klarer zu definieren sein: Die Mannschaft muss in der Ersten Bundesliga bleiben.

Der kommende Gegner, der FC Augsburg, spielt vergleichweise eine starke Saison. Derzeit steht man auf dem achten Platz. Im Hintergrund arbeitet  Sportdirektor Stefan Reuter erfreulich unaufgeregt mit einem durchaus übersichtlichen Etat, während der Luhukay-Nachfolger, Trainer Markus Weinzierl, seiner Mannschaft einen klaren Spielstil eingeimpft hat, den man als relativ erfolgreich würdigen muss. Denn bei derzeit 43 Punkten ist für den FC Augsburg längst Gewissheit, was beim HSV noch höchst zweifelhaft erscheint: der FCA wird auch in der nächsten Saison der höchsten deutschen Spielklasse angehören. Auch wenn man das internationale Geschäft am Ende wohl verfehlen wird, so dürfte diese Spielzeit bereits jetzt als eine der erfolgreichsten in die Annalen der Bayern eingehen.

In der taktischen Grundformation lässt Weinzierl den FCA mit einem 4-4-1-1 gegen den Ball arbeiten. Vorderste Spitze spielte zuletzt meist Sascha Mölders. Alternativ stünde hier Raul Bobadilla zur Verfügung, der im Hinspiel den 0:1-Siegtreffer für die damaligen Gäste erzielen konnte. Hinter dem Stürmer fungiert gewöhnlich Halil Altintop als eine Art Neuneinhalber. Linksaußen spielen  Tobias Werner oder der vom VfB Stuttgart vor der Saison verpflichtete junge Österreicher Holzhauser. Mit dem im Winter ablösefrei hinzugeholten Esswein steht eine weitere Alternative als Linksaußen zur Verfügung. Da Esswein jedoch Rechtsfuß ist, kann er  grundsätzlich auch auf der rechten Außenbahn spielen. Dort spielt gewöhnlich jedoch eine der Entdeckungen dieser Saison, der schnelle, beidfüßige André Hahn. Angesichts der fortwährenden Verletzungsprobleme bei Gomez und Klose würde es mich nicht wundern, sollte Hahn den Sprung in den endgültigen Kader Löws für die WM in Brasilien schaffen. Sei es, wie es sei – nach dieser Spielzeit wechselt Hahn zur Borussia aus M’Gladbach. Und da Favre als mehr als sorgsam im Umgang mit Spielerverpflichtungen bekannt ist, darf man dies getrost als Anzeichen für Qualität werten.
Im zentral-defensiven Mittelfeld der Augsburger ragt spielerisch Daniel Baier heraus, der so etwas wie das bayrische Pendant zu Hamburgs Milan Badelj darstellt. Daneben spielt der zweiundzwanzigjährige Kevin Vogt. Mit 1,94 m (laut Transfermarkt.de) bringt er in den Bereich des defensiven Mittelfeldes eine imposante Größe auf das Feld neben dem mit 1,75 m doch eher klein gewachsenen Baier. Ein Detail, das man auf Hamburger  Seite seit Jahren sträflich missachtet hat. Denn mindestens beim Duo Arslan und Rincon fehlt es u.a. deutlich an Zentimetern, wenn es gilt, Kopfbälle zu erobern. Zuletzt gleich mehrfach und folgenreich zu beobachten… Angeblich ist der HSV an Vogt interessiert. Man darf gespannt sein, ob sich dies bewahrheitet und seine Verpflichtung gelingt. Ebenfalls interessiert soll der HSV auch an Augsburgs Linksverteidiger, Matthias Ostrzolek, sein. Ich werte dies als weiteres Indiz dafür, dass  Marcel Jansen den HSV zum Saisonende verlassen wird. Erstens dürfte Jansen vor dem letzten großen Vertrag seiner Karriere stehen. Zweitens wird er sportlich höhere Ziele anstreben, als sie mit dem HSV in den nächsten Jahren realistisch zu erreichen sind. Drittens muss der HSV bekanntlich sparen, sparen und noch einmal sparen.

Was die taktische Grundformation (s.o.) und deren Umsetzung angeht, so könnten die Spieler des Hamburger Sportvereins beim FCA Anschauungsunterricht nehmen. Im Gegensatz zum HSV zeichnet sich die Mannschaft der Augsburger durch ein hohes Maß an Kompaktheit aus. Bei Ballbesitz des Gegners besetzt man zunächst den zentralen Raum im Mittelfeld, blockiert also für den Gegner nach Möglichkeit den kürzestens Weg zum eigenen Tor. Dann presst man kollektiv(!) offensiv. Während die beiden Spitzen bereits den gegnerischen Spielaufbau durch dessen Innenverteidiger stören, bleiben die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen, bzw. zwischen den Kettengliedern eng. Der Gegner findet also kaum Räume im Zentrum und wird systematisch zu langen Bällen über die Außenbahnen genötigt. Dies hat zwei grundsätzliche Vorteile aus Sicht der Augsburger:

1.) ist für den Gegner der Weg über außen zum Tor länger, was dem FCA prinzipiell Zeit verschafft, um etwaige Lücken zentral vor dem eigenen Tor doch noch schließen zu können;
2.) sind lange, hohe Bälle des Gegners immer leichter zu verteidigen.

Sind die Augsburger einmal nicht in der Lage, den Ball durch ihr Offensivpressing zu erobern, so zieht sich die Mannschaft geschlossen(!) zurück und verdichtet vor dem eigenen Strafraum noch weiter die Räume. Das so ein taktisches Verhalten durchaus von Erfolg gekrönt sein kann, ist  hinlänglich bekannt und konnte zuletzt auch wieder beim Spiel Real Madrid gegen den FC Bayern (1:0) beobachtet werden. Es half den Bayern bekanntlich wenig, dass sie regelmäßig tief in die Hälfte des Gegners vordrangen und dort meist im Ballbesitz waren.

Aus Sicht des Hamburger Sportvereins ist also zu erwarten, dass man wie zuletzt auch gegen den VfL Wolfsburg schon beim Spielaufbau gestört wird. Für den HSV wird es einmal mehr darauf ankommen, das richtige Maß zwischen Offensive und Defensive zu finden. Doch egal wie man dieses eminent wichtige Spiel auch angeht, man sollte tunlichst als Mannschaft kompakt bleiben. Der FC Augsburg hat bei vier Punkten Rückstand nur noch theoretisch die Chance, auf Platz sieben zu klettern und ins internationale Geschäft einzuziehen. Nach unten geht für die Mannschaft ohnehin nichts mehr. Der HSV hingegen müsste im Grunde mit dem Mute der Verzweiflung um eine seiner allerletzten Chancen kämpfen.

Slomka ist ja mit der Mannschaft vorzeitig angereist, um die Mannnschaft noch einmal auf diese Partie einzustimmen. Hoffen wir, dass es hilft. Anlass zur Hoffnung gibt mir, dass vermutlich sowohl Badelj als auch Jansen wieder zur Verfügung stehen und spielen können. Nicht zur Verfügung stehen Djourou und van der Vaart, die aber angeblich Mitte der nächsten Woche  wieder mit der Mannschaft trainieren können.

Wäre ich der Trainer des Hamburger Sportvereins (was ich natürlich nicht bin!), ich würde die folgende Aufstellung ins Auge fassen:

Adler – Diekmeier, Westermann, Mancienne, Jansen (Jiracek) –  Tesche, Badelj, Demirbay (Rincon), Ilicevic – Calhanoglu – Zoua

Bei Arslan habe ich nach dem letzten Spiel Zweifel, ob er tatsächlich verstanden hat, was ohne wenn und aber gefordert ist. Aber natürlich ist Slomka näher an der Mannschaft. Ein Einsatz von Demirbay wäre sicher ein Risiko, da der Junge über wenig Erfahrung verfügt, könnte aber u.a. auch jenen Schuss Unbekümmertheit bringen, ohne den man verkrampft. Letztlich muss der Trainer entscheiden, ob er dieses Risiko einzugehen bereit ist. Wenn also die Entscheidung gegen Kerem fiele, dann wäre für mich, der ich das alles aus der Ferne beobachte, Rincon die Alternative. Mag man Tomas auch einen Mangel an Kreativität bescheinigen – einen derart eklatanten Mangel an Kampfgeist, wie man ihn bei Arslan zuletzt beobachten musste, hat man bei ihm in all seinen Jahren beim HSV nie gesehen.

Gelingt dem HSV eine Kopie der Augsburger Spielanlage, spielt er von Anfang an engagiert, konzentriert und kompakt, dann ist trotz angeblichem Auswärtsfluch sogar eine erfolgreiche Revanche für die Niederlage gegen denselben Gegner absolut im Bereich des Möglichen.

DAS RESTPROGRAMM

15. VfB Stuttgart (32 Pkt; -11):
VfL Wolfsburg (H)
Bayern München (A)

16. Hamburger Sportverein (27 Pkt; -18):
FC Augsburg (A)
Bayern München (H)
1. FSV Mainz 05 (A)

17. 1.FC Nürnberg (26 Pkt; -28)
Hannover 96 (H)
FC Schalke 04 (A)

18. Eintracht Braunschweig (25 Pkt; -28):
FC Augsburg (H)
1899 Hoffenheim (A)