Monat: Juli 2014

„Gauchogate“ – Ein Kommentar

+++ Hinweis: Im Text schreibe ich von „Normalisierung“. Dies könnte ggf. zu Missverständnissen führen. Diese von mir behauptete Normalisierung bezieht sich darauf, dass ich das scheinbare Nichtvorhandensein bestimmter Phänomene zu Zeiten der beiden politischen Blöcke als trügerisch und daher unnormal i.S.v. künstlich bewerte. +++

Da ist es wieder, das Bild des chauvinistischen, des hässlichen Deutschen.  Siegestrunken tanzten einige Spieler der deutschen Mannschaft auf der Bühne der Fanmeile vor dem Brandenburger Tor. Das allein wäre keine Meldung wert gewesen, doch sie besangen eine behauptete Differenz im Gang zwischen den im Finale der WM unterlegenen Argentiniern  und den Deutschen. „So geh’n Gauchos, die Gauchos geh’n so“ schmetterten sie, während sie sich mit gebeugtem Oberkörper und schleppenden Schritten bewegten. Im zweiten Teil ihres Gesanges („so geh’n die Deutschen“) gingen sie dann aufrecht, rissen die Arme nach oben und sprangend hüpfend über die Bühne. Schlimm, ganz schlimm. Oder etwa doch nicht?

Prompt schrieben diverse deutsche Leitmedien vom „Gauchogate“. Die Mannschaft, so las man, habe ein „gigantisches Eigentor “ (FAZ) geschossen. Die taz wusste gar von einer „kriegergleichen Überhöhung des eigenen Selbst“ zu berichten und der TAGESSPIEGEL fragte besorgt, ob es auch das sei, was von der Weltmeisterschaft in den Köpfen vieler Menschen außerhalb Deutschlands hängen bliebe.

Ich gestehe, ich fand diesen Tanz nicht witzig. Ich fand ihn überflüssig. Das hätte man sich sparen können, kein Zweifel.

Grotesk fand ich jedoch, was mancher Kommentator vor allem in den sozialen Medien festgestellt haben wollte. Die deutschen Spieler hätten sich hier „rassistisch“ über klein gewachsene Argentinier lustig gemacht, die sie mit ihrer Einlage angeblich als „Nichtskönner“ diffamiert hätten.

Alter Schwede, lasst mal die Kirche im Dorf! [Anm. des Lektors: Uh, das Skandinaviengate ante  portas]

Ja, Deutschland hat aufgrund seiner jüngeren Geschichte eine besondere politische Verantwortung. Und ja, ich finde es gut, wenn man sich auch und gerade in Deutschland kritisch selbst beäugt. Eine Selbstüberhöhung des Deutsch-Nationalen verbietet uns nicht nur die Nazi-Zeit, sondern auch die beschämende politische Kontinuität der Brandanschläge von Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen und der Mordtaten des braunen Terrors der NSU.

Was aber hat das mit dieser Tanz- und Gesangseinlage zu tun?!

Ein Verlierer verlässt den Ort seiner Niederlage oft „geknickt“ und eben nicht mit stolzgeschwellter Brust aufrecht gehend. Die gesungene Behauptung ist für mich daher eine rein deskriptiv gemeinte. Für alles andere, darüber hinausgehende, fehlt es an tatsächlichen Anhaltspunkten.

Der klein gewachsene Argentinier? Der wurde tatsächlich nicht besungen. Der Nichtskönner, den gab es nur in der Fantasie bestimmter Betrachter. Rassismus? Ich glaub, es hackt! Ein Spieler mit albanischen Wurzeln, ein Spieler mit türkischem Familienhintergrund, ein Spieler mit ghanaischem Elternteil – sie alle haben sich für die deutsche Nationalmannschaft entschieden, sind selbstverständlicher Teil des Teams und des Erfolges. Und die sollen jetzt im Sinne eines „Deutschland, Deutschland über alles“ verdächtig sein? Absurd!

Ja, wir haben unverändert auch ein Rassismus-Problem in Deutschland. Gerade in den Fußballstadien. Wer kennt sie nicht, diese dumpfen Affenlaute, mit denen dunkelhäutige Spieler bis heute verhöhnt werden?! Homophobie, Rassismus – all dies ist bis heute gegenwärtig. Es ist daher nicht nur wichtig, wachsam zu sein, sondern sogar notwendig, an der Auflösung dumpfer Vorurteile weiter und mit Nachdruck zu arbeiten.

Aber, auch das ist Realität, Chauvinismus, Rassismus und Homophobie sind und waren nie ein rein deutsches Phänomen. Und um etwaigen Unterstellungen hier gleich den Boden zu entziehen: damit soll weder die fortdauernde besondere Verantwortung Deutschlands relativiert, oder gar die in deutschem Namen begangenen Untaten exkulpiert werden.  Gemeint ist hier: Auch in Frankreich, Italien, Österreich, Ungarn, sogar in den traditionell als liberal geltenden  Niederlanden – überall buhlen rechte Demagogen z.T. leider überaus erfolgreich an Resentiments anknüpfend um die Gunst der Wähler. Von den offen faschistischen Bewegungen  (keineswegs nur in Weißrussland und Russland) ganz zu schweigen.

Ich befürchte, diese Entwicklung ist Teil eines Normalisierungsprozesses. Was zu Zeiten der beiden politischen Blöcke (mehr oder minder) unter dem Deckel gehalten wurde, nur scheinbar nicht existierte, wird in einer pluralistischen, demokratischen Gesellschaft eben sichtbar. Die sich für den Einzelnen z.T. bis ins Unerträgliche zuspitzende Wirtschaftkrise in Teilen Europas, die mit der fortschreitenden Globalisierung verbundene Unübersichtlichkeit der politischen Verhältnisse befeuert offenbar länderübergreifend Ängste vor dem Verlust. Dem Verlust von Arbeitsplätzen etwa oder gar einer nationalen Identität.

Nun wird in Deutschland gejubelt. Offen werden längst wieder die Nationalfarben zur Schau gestellt. Etwas, was aus durchaus guten Gründen lange Zeit undenkbar schien. Aber schwarz-rot-gold – das steht m.E. heute in erster Linie für ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Und zu diesem Gemeinschaftsgefühl gehören heute auch Spieler wie Mustafi, Özil und Boateng. Dies dürfte m.E. inzwischen Konsenz in der Mitte und Mehrheit dieses Landes sein. Zum Glück.

Deutschland, jedenfalls erlebe ich es so, ist weiter auf einem höchst komplizierten Weg, eine seiner selbst tatsächlich angemessen selbstbewusste politische Rolle zu finden. Die Schwierigkeiten im Umgang mit der Massenbespitzelung durch internationale und nationale Geheimdienste, die nicht einmal vor politischen „Freunden“ und führenden Repräsentanten dieses Staates halt machte, künden davon.

Aber auch eine überbordende Political Correctness, die jederzeit mit der Faschismus-Keule daherkommt (dass dieser Vorwurf der Mannschaft dann doch nicht gemacht wurde, hat mich fast gewundert) ist für mich Ausdruck von etwas Unnormalen. Dieses Bemühen ums super korrekt sein, führt,  die USA lassen grüßen, am Ende zur Inhaftierung von Schulkindern aufgrund angeblicher sexueller Übergriffe (nach einem Küßchen unter Kindern im Grundschulalter).

Deutschland hat, wer wollte das bestreiten?!, mit vielen gesellschaftlichen Problemen und Widersprüchen zu kämpfen. Stellvertretend sei erneut auf die unverändert auch vorhandenene Fremdenfeindlichkeit, die Homophie, die Korruption oder die in Teilen im moralischen Sinne Verkommenheit der politischen und wirtschaftlichen Elite hingewiesen. Es bleibt unzweifelhaft viel zu tun.

Gerade deswegen geht mir dieses Oberlehrerhafte, dieser Anspruch, jederzeit auch moralisch Weltspitze zu sein, mit dem hier eine vergleichsweise Petitesse hochgejazzt wird,  auf die Nerven.

Ja, diese Tanz-und Gesangseinlage hätte man sich besser erspart. An den höchsten Maßstäben sportlicher Fairness gemessen kann man sie als unbedacht (im Sinne von nicht ausreichend durchdacht), unnötig oder auch dumm bezeichnen. Aber Hand auf ’s Herz! Wer der einschlägigen Kommentatoren hat noch nie etwas gesagt oder getan, was unter einem  hoch moralischen Blickwinkel zweifelhaft erscheint? Da hat eine Mannschaft über viele Jahre auf das höchste sportliche Ziel hingearbeitet, hat nach dessen Erreichen ausgelassen und vermutlich auch mit dem einen oder anderen Glas Alkohol gefeiert. Dann klettern sie übernächtigt aus dem Flieger. Offenbar hatte sich jede Gruppe (der Spieler) einen eigenen Gag einfallen lassen. Der hier fragliche ging daneben. So what?!

Wer daraus einen Schaden für das Renomee dieses ganzen Landes oder auch nur dieser Mannschaft ableiten will, der nimmt sich, dieses Land und sogar diesen sportlichen Erfolg viel zu wichtig. Denn durch den Weltmeistertitel für eine Fußballmannschaft ändert sich an den wirklichen Problemen, die dieses Land unübersehbar hat, rein gar nichts.

Eine goldene Generation gewinnt den vierten Stern und mehr: Deutschland – Argentinien 1:0 n.V. (0:0)

Deutschland gegen Argentinien – zum insgesamt dritten Mal nach 1986 und 1990 bestritten die Mannschaften beider Länder ein Finale um die Fußball-Weltmeisterschaft.

Geblendet von einem in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Spiel der deutschen Elf gegen den diesjährigen WM-Gastgeber Brasilien, konnte man im Vorfeld des Finales den Eindruck gewinnen, als sei das Endspiel eine reine Formalie, an deren Ende es nur einen Gewinner geben könne: die deutsche Mannschaft.

Ich gebe zu, je klarer und eindeutiger die Vorhersagen in „‚Schland“ ausfielen, desto skeptischer blickte ich dem Finale entgegen. Denn es gibt einen schmalen Grat zwischen begründeter Zuversicht und einem überzogenen Optimismus, der den Erfolg als im Grunde selbstverständlich betrachtet. Bisweilen schien es mir, als würde mancher hierzulande das Fell des Bären bereits verteilen, den man noch gar nicht erlegt hatte.  Ich ertappte mich daher schon bei der Frage, wen man wohl im Falle einer Niederlage als Sündenbock für die enttäuschte Erwartungshaltung einer ganzen Nation ausgucken würde. Nur gut, dass Löw, Schweinsteiger und Lahm im Vorfeld der Partie darauf hinwiesen, dass der eigene, furios herausgespielte Sieg im Halbfinale gegen den Gastgeber Brasilien als Muster ohne Wert zu sehen war.  Dieses Spiel ist bekanntlich in jeder Hinsicht absolut außergewöhnlich verlaufen. Man durfte daher mit begründeter  Zuversicht auf den Gewinn des Titels in das Finale gehen, aber Respekt vor dem Gegner dort,  Argentinien,  war absolut angebracht. Die Papierform nützt einem gar nichts, wenn man das eigene Leistungsvermögen nicht auf den Platz bringt. Und das, erfahrene Wettkampfsportler wissen das, gelingt eben nicht immer.

Bundestrainer Löw hatte offenbar ursprünglich die Absicht, mit derselben Mannschaft gegen die Albiceleste anzutreten , die bereits im Viertel- und im Halbfinale aufgelaufen war. Doch nach dem Aufwärmen meldete Khedira eine Verhärtung der Wadenmuskulatur, sodass Löw kurzfristig den jungen Kramer für die Startelf nominierte. Was für eine Karriere! Als Ersatz des Ersatzes (Gündogan und die Benders fielen ja aus) im letzen Moment  in den Kader gerutscht und dann ein Einsatz von Beginn an in einem WM-Finale. Ich gebe zu, den Ausfall Khediras sah ich im Vorfeld als deutliche Schwächung der deutschen Mannschaft. Aber, dies sei hier vorweggenommen, Kramer machte seine Sache gut.

Das deutsche Team begann also in der folgenden Aufstellung: Neuer – Lahm, Boateng, Hummels, Höwedes – Schweinsteiger, Kramer (31. Schürrle), Müller, Kroos, Özil (120. Mertesacker) – Klose (88. Götze)

Auf Seiten Argentiniens konnte Trainer Sabella fast aus dem Vollen schöpfen. Lediglich di Maria stand wie erwartet nicht zur Verfügung.

Das Spiel: Die deutsche Mannschaft begann das Spiel mit einer ähnlichen Ausrichtung, wie bereits gegen Brasilien. Schweinsteiger agierte bei eigenem Ballbesitz im Zentrum als defensivster Mittelfeldspieler, während Kroos und Kramer deutlich offensiver spielten und die eigene Offensive unterstützten. Die Albiceleste stand bei Ballbesitz der Deutschen mit zwei gut organisierten Viererketten z.T. tief in der eigenen Hälfte und lauerte dort auf Konter. Aus taktischer Sicht könnte man also von einem 4-3-3/4-2-3-1 der Deutschen gegen ein 4-4-2/-4-4-1-1 der Argentinier sprechen.

Es entwickelte sich eine hart umkämpfte Partie. Die Argentinier überließen Deutschland über weite Strecken die Spielgestaltung. Sie vertrauten einerseits auf ihre von Mascherano gut organisierte Defensive, andererseits auf die Fähigkeiten ihres Ausnahmespielers Messi in der Offensive.

Die deutsche Mannschaft rückte bei eigenem Ballbesitz weit nach vorn, was aber auch an der grundsätzlich defensiven Grundausrichtung der Argentinier lag.

Auch wenn Messi, das darf man getrost vorwegnehmen, am Ende kein Tor erzielte, so konnte man u.a. in der 8. Spielminute sehen, über welche außergewöhnlichen Fähigkeiten Messi verfügt. Selbst mit Ball war er von dem gewiss nicht langsamen Hummels auf der rechten  Außenbahn kaum einzuholen. Als Hummels glaubte, er habe ihn gestellt, beschleunigte Messi plötzlich erneut und  zog mühelos an Hummels vorbei. Zum Glück für die deutsche Elf fand sein folgender diagonaler Rückpass keinen Abnehmer.

Deutschland zeigte in meinen Augen spielerisch den größeren Variantenreichtum, konnte sich jedoch lange Zeit nicht im entscheidenden letzten Drittel durchsetzen, da der letzte Pass von der engmaschigen argentinischen Verteidigung meist abgefangen wurde. Wie im Grunde angesichts der Bedeutung der Partie nicht anders zu erwarten, gingen beide Mannschaften in der Defensive kompromisslos zur Sache.

In der 16. Minute erwischte es den bis zu diesem Zeitpunkt erfreulich selbstbewusst spielenden Kramer, der von zwei Argentiniern in die Zange genommen wurde und dabei von der Schulter eines Kontrahenten am Kopf getroffen wurde. Zunächst schien es, als könne er weiterspielen.

Bei Ballverlust der deutschen Elf sollte wohl vor allem Kroos Schweinsteiger im defensiven Mittelfeld unterstützen. In der 21. Spielminute wäre das beinahe ins Auge gegangen. Kroos wollte einen hohen Ball offenbar zu Neuer zurückköpfen, übersah aber den grundsätzlich im Abseits befindlichen Higuain. Da aber der Ball vom Gegner kam, stand der argentinische Angreifer eben nicht im Abseits, sondern erhielt so eine erstklassige Vorlage. Higuain vergab jedoch diese große Chance zur Führung überhastet. Mir schien auch bei den folgenden Torchancen der Albiceleste, dass die Argentinier aus Respekt vor dem eindeutig besten Torhüter des Turniers, Manuel Neuer, es besonders genau machen wollten. Dabei ging ihnen jene Selbstverständlichkeit verloren, mit denen man am ehesten Torchancen nutzt. Nicht umsonst heißt es, ein Stürmer solle vor dem Torschuss nicht denken.

Interessant fand ich, dass immer wieder ein oder mehrere Argentinier aus der offensiveren Viererkette herausschoben, um insbesondere die deutschen Kreativspieler, Schweinsteiger, Kroos und Özil aggressiv anzulaufen und bei der Entwicklung des deutschen Spiels zu stören. Das erinnerte an das taktische Konzept der Algerier, die der deutschen Mannschaft bekanntlich erhebliche Mühe bereitet hatten.

In der 31. Minute musste Kramer dann doch mit Verdacht auf Gehirnerschütterung vom Feld genommen werden. Löw wechselte wohl auch aufgrund der erkennbar defensiven Ausrichtung der Albiceleste offensiv und brachte Schürrle. Dieser besetzte zunächst die linke offensive Außenbahn, während Özil nun vermehrt von dort ins offensive Zentrum rückte.

Zeitweilig konnte man den Eindruck gewinnen, als verlöre die deutsche Elf aufgrund des Defensivkonzepts der Argentinier und auch aufgrund der erneuten Umstellung die Kontrolle über das Spiel. Die Deutschen spielten gefälliger, die Südamerikaner wirkten jedoch torgefährlicher.

Wer im Vorfeld der Partie lediglich über die Höhe eines deutschen Sieges spekuliert hatte, der sah sich gegen Ende der ersten Halbzeit (hoffentlich) eines besseren belehrt. Die Albiceleste war ein über weite Strecken des Spiels ebenbürtiger Gegner.

In der Nachspielzeit (45+2.) hatte Deutschland seine beste Torchance. Nach einem Eckball von Kroos traf Höwedes jedoch per Kopf leider nur den rechten Pfosten. So ging es mit einem torlosen Unentschieden in die Pause.

Kurz nach Wiederanpfiff vergab Messi eine weitere große Torchance für Argentinien. Aus halblinker Position und 8 Metern wollte auch er es zu genau machen und verfehlte das lange Eck. Aber auch wenn Messi kein Tor gelingen sollte, so bleibt hier festzuhalten, dass er mindestens im Vergleich mit seinem Widersacher aus Portugal, Christiano Ronaldo, deutlich mehr Akzente setzen konnte.

Die Begegnung  wurde mit zunehmender Spieldauer ruppiger. Argentinien suchte nach Balleroberung immer wieder Messi, aber vor allem Boateng erwies sich in der deutschen Defensive als Fels in der Brandung. Sein Partner, Hummels, wirkte bereits gegen Ende der regulären Spielzeit als sei er mit seinen Kräften am Ende. Er stand oft als letzter Mann vor Neuer und beschränkte sich zunehmend auf das Nötigste, während vor allem Boateng durch seine Schnelligkeit glänzte und viele Duelle gegen die Argentinier für sich entschied. Für mich das beste Spiel, das ich von dem m.E. oft zu Unrecht als Bruder Leichtfuß bezeichneten Boateng im Trikot der Nationalmannschaft bisher gesehen habe. Bravo, Jérôme!

In der 82. Minute zeigte Özil einmal mehr, warum der Bundestrainer unbeirrt an ihm festgehalten hat. Von der rechten Außenbahn kommend lief er zur Grundlinie und legte den Ball diagonal gewollt(!) zu dem an der Strafraumgrenze aufgetauchten Kroos zurück. Leider verfehlte dessen Schuss das von Romero gehütete Gehäuse der Argentinier.

So blieb es auch nach Ablauf der regulären Spielzeit beim Unentschieden. Kurz zuvor verließ Klose das Feld und wurde von Götze ersetzt.

Spätestens mit Beginn der Verlängerung und schwindenden Kräften auf beiden Seiten wurden die Zweikämpfe noch hitziger. Beide Mannschaften glichen zwei angeschlagenen Boxern, die sich mit äußerster Entschlossenheit einen Abnutzungskampf lieferten. Schweinsteiger bekam dies auf deutscher Seite am deutlichsten zu spüren, erwies sich jedoch als wirklicher Führungsspieler. Wer ihn je als „Chefchen“ verspottet hat, der sollte spätestens nach diesem Spiel Abbitte leisten. Großartig, wie er sich nach jedem Foul immer wieder aufrappelte und seine Mannschaft dirigierte. Zu hören und zu sehen auch bei den kurzen Pausen vor und während der Verlängerung.

In der 7. Minute der Verlängerung verschätzte sich Hummels bei einem hohen Ball der Argentinier. So kam der in seinem Rücken lauernde Palacio an den Ball. Doch wieder einmal kam Neuer aus dem Tor, verkürzte den Winkel und machte sich groß, sodass es Palacio mit einem Heber versuchte, der knapp links das deutsche Tor verfehlte.

Die das Spiel entscheidende Szene ereignete sich in der 113. Minute: Der unermüdliche Schürrle konnte sich auf der linken Außenbahn durchsetzen. Seine halbhohe Flanke erreichte Götze. Dieser nahm den Ball im Lauf mit der Brust an und vollstreckte volley zum 1:0 für Deutschland. Ich gebe zu, dass ich gerade Götze diesen Treffer gegönnt habe. Denn was man in den vergangenen Tagen und Wochen an Schmähkritik über ihn (und Özil) lesen musste, hatte in meinen Augen mit einer sachgerechten Kritik zunehmend nichts mehr zu tun. Sicher hat Götze bei dieser Weltmeisterschaft nicht seine Bestform erreicht. Er ist und bleibt aber ein Spieler mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, wie man es gerade auch bei diesem Tor beobachten konnte. Einige heutige Kommentatoren sollten sich mal an den Rumpelfußball der Vor-Deisler-Ära erinnern. Vielleicht können sie dann die überragende Technik und den Spielwitz würdigen, den Spieler wie Kroos, Özil und Götze regelmäßig zeigen.

Obwohl die Albiceleste versuchte, doch noch den Ausgleich zu erreichen, konnte sie die deutsche Mannschaft in der verbleibenden Restspielzeit kaum noch ernsthaft in Verlegenheit bringen. Am Ende pfiff Schiedsrichter Rizzoli ein packendes Duell zweier Mannschaften ab, die beide zurecht im Finale standen.

Schiedsrichter: Nicola Rizzoli (Italien). Ließ das Spiel laufen und war erkennbar darum bemüht, die Gemüter zu beruhigen. Einige grobe Fehlentscheidungen (u.a. keine Verwarnung nach eindeutigen taktischen Fouls; keine Verwarnung nach Einsatz der Arme im Luftkampf). Für mich nach seinen bisherigen Leistungen im Turnier keinesfalls der beste Schiedsrichter des Turniers. Zeigte die schwächste Leistung aller Akteure auf dem Platz.

Fazit: Die deutsche Auswahl gewinnt als erste europäische Mannschaft überhaupt den Weltmeistertitel auf einem anderen Kontinent. Der Brasilianer Ronaldo kommentierte sinngemäß für das brasilianische Fernsehen, die Deutschen hätten vorgeführt, dass man ein Team haben müsse und sich nicht (nur) auf Einzelkönner beschränken dürfe. Das scheint mir absolut korrekt. Die deutsche Mannschaft hatte die beste, ausgeglichenste Mischung aus überragendem Können des Einzelnen und hervorragendem Teamgeist. Der verdiente Lohn ist nun der lang ersehnte vierte Stern. Herzlichen Glückwunsch!

Respekt auch vor der Albiceleste, die der deutschen Auswahl alles abverlangte. Eine tolle Leistung, die den deutschen Sieg noch wertvoller erscheinen lässt.

Um diesen großartigen Erfolg angemessen würdigen zu können, sollte man sich an die Zeit vor Klinsmann und Löw erinnern. Der deutsche Fußball war ausweislich seines vorzeitigen Ausscheidens bei Turnieren (aber auch des Abschneidens seiner Mannschaften in der CL) damals nicht mehr konkurrenzfähig. Dank der Visionen und der Kompromisslosigkeit Klinsmanns und der ebenso akribischen, nicht minder unbeirrten Arbeit Löws, konnte der Rückstand inzwischen nicht nur wettgemacht werden, sondern diese Mannschaft konnte diese Arbeit sogar mit dem Titel krönen.

Löw hat, allen Kritikern zum Trotz, an seinem Plan festgehalten. Seine Idee mit Lahm auf der Sechs war angesichts der zu Beginn des Turniers mangelnden Fitness von Khedira und Schweinsteiger ebenso richtig, wie es die spätere Versetzung Lahms auf die Position des rechten Außenverteidigers gewesen ist. Vergessen wir nicht, dass mit Reus, Gündogan, den beiden Benders aber auch Badstuber Spieler ausfielen, die bei normalem Verlauf Kandidaten für die Stammelf gewesen wären. Vergessen wir nicht, dass im Vorfeld einige wichtige Spieler lange mit Verletzungen ausfielen. Der Titelgewinn wurde diesem Trainer keineswegs geschenkt. Letztlich hat sich auch die (überwiegende) Besetzung der Abwehr mit gelernten Innenverteidigern als richtig erwiesen. Was einem Höwedes spielerisch an offensivem  Möglichkeiten abgehen mag, machte er bei den bei dieser WM enorm wichtigen Standards wieder wett.

Diese ganze deutsche Delegation hat nicht nur spielerisch überzeugt, sondern durch ihr angenehm zurückhaltendes, zuweilen gar demütiges öffentliches Auftreten sicher nicht nur Respekt sondern auch viele Sympathien in der Welt gewonnen. Auch dazu kann man nur gratulieren.

Im Hinblick auf die kommenden Jahre wird keiner, auch das empfinde ich als außerordentlich wohltuend, von einer angeblichen Unbesiegbarkeit des Teams firlefranzen. Dennoch muss einem im Hinblick auf die Zukunft, ich erwähnte ja bereits einige Spieler, die leider nicht zur Verfügung standen, nicht bange sein. Weiter Talente rücken zudem nach. Nur einer wie Klose, der ist derzeit noch nicht in Sicht. Aber wer weiß – möglicherweise entwickelt sich zukünftig auch beim HSV der eine oder andere Spieler.

An der Generation Lahm/Schweinsteiger wurde lange in Deutschland gezweifelt. Nach einem rein deutschen CL-Finale im letzten Jahr und dem Gewinn dieser Weltmeisterschaft sollte nun endgültig feststehen, dass Deutschland über diese goldene Generation froh und auf sie stolz sein darf.