Bittencourt

Neue Spieler ergeben noch keine neue Mannschaft. Der HSV unterliegt Hannover 96 mit 0:2 (0:2)

Er hat es also wirklich getan. HSV-Trainer Slomka hat gegen Hannover nicht nur zahlreiche neue Feldspieler eingesetzt, sondern auch einen Wechsel auf der Torhüter-Position vorgenommen. Jaroslav Drobny ersetzte  René Adler.

Dass Slomka im Vorfeld der Partie verbal auch den Druck auf  Adler erhöhte, konnte ich grundsätzlich nachvollziehen. Weder waren dessen Leistungen zuletzt derart überragend, dass man ihn von jeder Kritik ausklammern musste, noch funktionierte die Mannschaft des HSV. Und der Torhüter ist natürlich Teil dieser Mannschaft. So gesehen muss man einem Trainer zubilligen, dass er auch seinen Stammtorhüter nachdrücklich an die Gültigkeit des Leistungsprinzips erinnert, zumal wenn man einen Drobny als Alternative in seinem Kader weiß. Einerseits.

Andererseits sprachen m.E. gleich mehrere Argumente gegen einen Torwart-Wechsel – bei allem Respekt vor Drobny. Sicher, dieser hatte einen großen Anteil daran, dass der HSV die Relegation schadlos überstehen konnte. Aber gegen Köln hatte Adler seinen Kasten „sauber“ gehalten. Von den drei Gegentreffern gegen Paderborn mag ein Torhüter in Bestform den einen oder anderen verhindern – letztlich haben diese Niederlage m.M.n. jedoch  andere zu verantworten.

Es war ja vor der Partie bekannt, dass die Viererkette in der Abwehr durch den erstmaligen Einsatz von Cléber und Ostrzolek umgebaut werden würde. Schon aufgrund dieser Tatsache musste man damit rechnen, dass es in der Abwehr zu Abstimmungsproblemen kommen könnte. Das fragile Gebilde der Defensive dann auch noch durch den Einsatz eines neuen Torhüters zu belasten – mir erschließt sich dies auch mit einer Nacht des Überschlafens nicht. Auch wenn, das sei betont, Drobny zweifellos keine Schuld an der erneuten Niederlage in Hannover trifft.

Slomka äußerte in diesem Zusammenhang, er habe diese Entscheidung zunächst nur für diese eine Partie getroffen. Für mich verliert sie dadurch zusätzlich an Plausibilität. Denn Torhüter benötigen einen besonderen Rückhalt, damit sie gute Leistungen bringen können. Ein permanentes Wechselspiel auf dieser Position hat sich meines Wissens nach noch nie leistungsfördernd  ausgewirkt. Zumal es zudem die Feinabstimmung zwischen dem jeweiligen Torhüter und den Abwehrspielern zusätzlich erschwert. Wenn Slomka Drobny für dessen gute Trainingsleistungen belohnen wollte, dann hätte er dies durch dessen Einsatz im DFB-Pokal gegen die Bayern schon in Kürze ebenfalls zum Ausdruck bringen können. Vor allem hätte ein solcher Einsatz im Pokal nicht die mediale Aufmerksamkeit erregt, die den HSV nun unweigerlich die nächsten Wochen begleiten wird.

Diese ganze Angelegenheit ist auch nicht mit jenen Torhüterwechseln zu vergleichen, die Slomka auf seinen bisherigen Stationen vorgenommen hat. Denn anders als etwa Neuer seinerzeit bei Schalke, ist der gute Drobny kein Torwart mit Perspektive. Schon dessen chronische Knieprobleme sprechen für diese Annahme. Ich will nicht soweit gehen und hier von einem Fehler des Trainers schreiben. Möglicherweise gab es für ihn ja andere Gründe, die ihn zu dieser Entscheidung bewogen haben. Bei mir bleibt jedoch ein Unbehagen.

Auch einen Startelf-Einsatz von Nicolai Müller sah ich im Vorfeld der Partie kritisch. Hier fühle ich mich nachträglich bestätigt. Von einer großen, vergebenen  Torchance abgesehen, habe ich ihn jedenfalls kaum wahrgenommen. Dass Müller sich bestenfalls spielfähig, aber deutlich von seiner Bestform entfernt präsentieren würde, damit musste man aufgrund der Vorgeschichte rechnen. Auch ohne einen Müller (von Anfang an) standen bereits zahlreiche neue Spieler in der Startformation. Dass einer derart neu formierten Mannschaft die notwendigen Automatismen, die Abstimmung untereinander fehlen würde – auch das war zu erwarten. Aber wer aus dem Rathaus kommt…

Sei es, wie es sei. Slomka setzte auf folgende Aufstellung gegen Hannover 96: Drobny – Diekmeier, Djourou, Cléber, Ostrzolek (60. Jiracek) – Behrami (78. Arslan), Holtby, Green (46. Rudnevs), Müller, Stieber – Lasogga

Spiel: Hannover trat, wie von mir im Vorbericht als Variante bereits angedacht, mit Arthur Sobiech als zweiter Spitze neben Joselu in einem 4-4-2 an. Kiyotake rutschte aus dem Zentrum auf die linke offensive Außenbahn. Nur dass Albornoz Pander als Linksverteidiger ersetzen könnte, hatte ich bei meinen Gedankenspielen übersehen.

Beim HSV spielte Müller zentral-offensiv, da ja bekanntlich van der Vaart verletzungsbedingt ersetzt werden musste. Auf der rechten offensiven Außenbahn spielte erstmalig Green, während auf der anderen Seite Stieber den kurzfristig als verletzt gemeldeten Ilicevic ersetzen sollte.

Holtby, der wohl neben, bzw. leicht vor Behrami im Zentrum spielen sollte, also auf der s.g. sechs oder acht, spielte mindestens in der ersten Halbzeit tatsächlich mehr im Achter- oder Zehnerraum. So ähnelte die taktische Formation des HSV zeitweilig mehr einem 4-1-4-1, als einem 4-2-3-1 mit eindeutiger Doppel-Sechs, was sich aber möglicherweise auch auf den relativ frühen Rückstand zurückführen lässt.

Schon zu Beginn der Partie war zu spüren, dass auf Hamburger Seite eine vollkommen neu formierte Mannschaft auf dem Platz stand. Bevor sich diese Mannschaft auch nur ansatzweise finden konnte, hätte sie beinahe schon nach drei Minuten mit 0:2 zurückgelegen. Joselu verfehlte sowohl in der zweiten als auch in der dritten Minute bereits denkbar knapp das Tor.

So  dauerte es bis zur 13. Minute. Auf der rechten Hamburger Abwehrseite wurde auf Albornoz keinerlei Druck ausgeübt. Der bedankte sich mit einer guten Flanke in den HSV-Strafraum. Dort musste der eher kleingewachsenen Ostrzolek (1,78m) ins Kopfballduell gegen Andreasen (1,88m) und war wie zu erwarten chancenlos. Das 1:0 – unhaltbar für Drobny. Hier stimmte die komplette Zuordnung in der neu formierten HSV-Defensive nicht.

Nur elf Minuten später klaffte im defensiven Zentrum des HSV, sowohl im Mittelfeld als auch in der Abwehr, erneut eine große Deckungslücke. Am Ende konnte Hannovers Sobiech den Ball in einem Gewühl über die Linie stochern. Das 2:0 in der 24. Minute, und einmal mehr Tristesse pur aus Sicht aller Hamburger.

Die größte Chance des HSV zu einem Treffer ergab sich in der 35. Minute: Erst verpasste Lasogga einen Querpass von Müller, dann wurde der folgende Schussversuch von Green geblockt. Den Nachschuss aus der Distanz setzte dann Holtby knapp neben das Tor von „96“.

Bemerkenswert fand ich noch eine Szene in der Nachspielzeit der ersten Hälfte. Nach einem Foul von Bittencourt kam es zu einer Rudelbildung, bei der von Seiten des HSV Cléber und vor allem Hannovers Marcelo beteiligt waren. Die von Schiedsrichter Schmidt nachfolgend verhängte Gelbe Karte haben wohl die meisten Zuschauer daher Marcelo zugeordnet. Tatsächlich aber, wie sich später zur allgemeinen Verwunderung herausstellte, verwarnte Schmidt Bittencourt.

Slomka reagierte zur Pause auf den Zwei-Tore-Rückstand und brachte Rudnevs. Für ihn musste Green den Platz verlassen.

Kurz nach Wiederanpfiff stand plötzlich Müller allein vor Zieler, verfehlte aber mit seinem Schuss aus ca. 12 Metern knapp das Tor (47.). Was für eine Chance! Die kann, die muss man normalerweise nutzen.

Insgesamt wirkte das Spiel nun etwas ausgeglichener. Hannover war mit der deutlichen Führung im Rücken verständlicherweise nicht mehr gezwungen, konsequent offensiv zu spielen; bei der neu formierten HSV-Elf griffen nun die sprichwörtlichen Rädchen etwas besser in einander.

In der 63. Minute konnte Drobny mit einer  tollen Flugparade einen fulminanten Schuss von Hannovers Schulz gerade noch um den Pfosten drehen. Auf der Gegenseite flankte kurz darauf Stieber auf Rudnevs, der den schwer zu verarbeitenden Ball aber rechts neben Zielers Tor setzte (66.).

Es folgte Teil zwei der Gelbe-Karten-Konfusion. Als Marcelo in der 69. Minute den gelben Karton sah, da dachten wohl die meisten, dies sei bereits die zweite. Also gelb-rot und Platzverweis. Aber wie schon erwähnt, es war dann doch die erste Verwarnung. Marcelo blieb also auf dem Platz und Hannover vollzählig.

Den Schlusspunkt der Partie setzte Rudnevs für den HSV, der nach schöner Flanke von Holtby an die Querlatte des gegnerischen Gehäuses köpfte (90.). Leider sprang der Ball von dort klar vor die Torlinie, also kein Tor.

Schiedsrichter: Schmidt (Stuttgart). Mit einigen strittigen Entscheidungen. Unverständliche Gelbe Karte gegen Bittencourt, als eigentlich Marcelo Gelb sehen muss. Die spätere Verwarnung für Marcelo hätte m.E. Gelb-Rot und Platzverweis zur Folge haben müssen.

Fazit: Der Sieg von Hannover 96 geht vollkommen in Ordnung, auch wenn der HSV die eine oder andere Gelegenheit zum Torerfolg besaß.

Der Unterschied zwischen beiden Mannschaften bestand zunächst in der Tatsache, dass „96“ mit einer eingespielten und selbstbewussten Mannschaft antrat. Korkut setzte zuletzt auf eine klare Stammformation, die er lediglich moderat veränderte. Inbesondere der gesamte Defensivverbund, Torhüter, Abwehr und defensives Mittelfeld, spielte in den letzten Partien nahezu unverändert, aber auch Bittencourt und Joselu standen bislang in jeder Begegnung auf dem Platz. Es daher leicht nachvollziehbar, dass die Entwicklung der  Mannschaft Hannovers im Vergleich zum HSV deutlich fortgeschritten ist.

Beim HSV beginnt in meinen Augen mit dem Spiel in Hannover eine andere Zeitrechnung. Dass eine annähernd komplett neue  Mannschaft einige Zeit benötigt, damit sie sich als homogen funktionierende Einheit präsentiert, müsste im Grunde selbstverständlich sein. Leider, das ist die Kehrseite des medialen Hypes rund um den Profifußball, interessiert das offenbar zunehmend niemanden. Bereits am dritten Spieltag wird das Wort „Krise“ bemüht.  Man schaue derzeit nach Stuttgart, Schalke, Berlin oder eben Hamburg.

Gelegentlich gewinnt man den Eindruck, als erschöpfe sich der traditionelle Sportjournalismus in den ewig gleichen Ritualen. Man betrachte nur einmal die höchst oberflächlichen Fragen, die den Trainern gewöhnlich auf den PKs  gestellt werden. Tatsächliche Sachkunde, ein tieferes Verständnis der Materie, sucht man in der Regel vergeblich in den Fragen. Stattdessen werden mehr oder minder sinnlose Statistiken bemüht, nach des Trainers Einschätzung zur Frisur seines Spielers X gefragt, oder man fragt eben, ob Trainer Y meint, dass er am kommenden Samstag noch immer auf der Bank seines Vereins sitzen wird.

Slomka und die sportliche Leitung des HSV haben sich unter dem Eindruck einer einmal mehr miserablen Leistung der alten Formation zu einem radikalen Neuanfang mit neuen Spielern entschlossen. Nun bleibt nichts, als dieser neu formierten Mannschaft ein Mindestmaß an Zeit zu gewähren, damit sich die Spieler tatsächlich auch als Mannschaft finden können. Wer glaubt, dies sei allein durch das gemeinsame Training gewährleistet, der verkennt den Unterschied zwischen Training und Wettkampfsituation. Realistisch erscheint mir die Annahme, dass dieser Prozess mehrere Wochen wenn nicht gar bis zur Winterpause benötigt, bevor man tatsächlich einigermaßen verlässliche Aussagen über das Leistungsvermögen des neu gestalteten Kaders treffen kann. Mich interessiert daher ab sofort weniger, was an den ersten beiden Spieltagen geschehen ist. Noch weniger interessiert mich die saisonübergreifende Statistik, mit der die üblichen Medien „vorrechnen“, wie viele Spiele der HSV nun  schon ohne Sieg geblieben ist. Was für mich zählt, ist seit gestern die Entwicklung der kommenden Wochen und Monate.

Bedauerlicherweise wird man die beiden kommenden Gegner, Bayern und M’Gladbach, als klar favorisiert im Vergleich mit dem HSV sehen müssen. Zwei weitere Niederlagen sind also leicht vorstellbar. Für mich besteht aber zu diesem frühen Zeitpunkt in der Saison kein Anlass zu Pessimismus oder gar Aktionismus. Man schaue bspw. Richtung SC Freiburg. Dort sah man in der letzten Saison lange wie ein sicherer Absteiger aus, widerstand jedoch allem Krisen-Gerede und jeglicher medial befeuerten Trainer-Diskussion. Warum? Nicht zu letzt, weil man in Freiburg zum Glück realistisch blieb. Am Ende landeten die Freiburger bekanntlich auf einem Platz, den auch der HSV in dieser Saison anstrebt, nämlich im Mittelfeld fernab jeder Abstiegsgefahr.

Natürlich ist Slomka wie jeder andere Trainer auch an Erfolgen zu messen. Schließlich ist er es, der die Mannschaft trainiert und aufstellt. Gleichwohl ist die Arbeit eines Trainers nur ein Teil dessen, was den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage, zwischen Erfolg und Misserfolg ausmacht. Pfosten, Latte oder Tor – dazwischen liegen mitunter Zentimeter. Diese Zentimeter lassen sich m.E. nur schwer als Beleg für gute oder weniger gute Arbeit eines Trainers heranziehen. Am Ende sind sie jedoch Teil medial verbreiteter „Statistiken“, die vermeintlich belegen, was der Konsument ohnehin bereits zu wissen glaubte: Trainer X erreicht seine Mannschaft nicht mehr. Dabei, das dürfte inzwischen hinlänglich belegt sein, führt die Mehrzahl aller Trainerwechsel keineswegs zu einer Leistungsverbesserung:

Der niederländische Ökonom Bas ter Weel fand heraus, dass die Leistung des typischen Vereins dramatisch abnimmt, bis sie in der Woche vor der Trainerentlassung nur noch 50 Prozent des Potenzials erreicht. Ab dem vierten Spiel unter dem neuen Trainer liegt die Leistung im Schnitt aber dann wieder bei 95 Prozent, die Fans sind zufrieden, im Vorstand klopft man sich auf die Schulter. Neue Besen kehren anscheinend gut. Doch auch diese schöne Theorie wird leider von der Realität umgegrätscht. Mit der Zeit pendeln sich die Leistungen wieder am Mittelwert ein: ter Weel verglich die Daten der Clubs, die ihren Trainer entließen, mit denen, die ähnlich schlecht spielten, den Trainer aber nicht auf die Straße setzten. Interessanterweise erholten sich die Leistungen dieser Kontrollgruppe auch ohne Trainerwechsel – mindestens genauso stark wie die der Vereine, die den Coach feuerten. Die Ergebnisse korrigieren sich nach einer Zeit von selbst, weil verletzte Spieler wieder spielen, Schüsse nicht mehr am Pfosten landen, das Glück zurückkehrt. Statistisch gesagt: Es gibt eine Regression zur Mitte. Die Entlassung eines Trainers ist kein Allheilmittel, sondern eine teure Illusion. (Chris Anderson im Zeit-Magazin : http://www.zeit.de/zeit-magazin/2014/35/fussball-fragen-spieler-antworten/seite-2)

Oft genug scheint mir nur das Prinzip Hoffnung zu regieren, wenn eine öffentliche Trainer-Diskussion beginnt. Dass Fans so reagieren, verstehe ich durchaus. Eine sportliche Leitung aber, die darf sich in ihren Entscheidungen nicht von Emotionen treiben lassen, egal wie nachvollziehbar sie auch erscheinen mögen.

Natürlich, bisher ist wenig zu sehen von einer neuen Spielidee unter Slomka. Bisher aber musste er auch weitestgehend mit unverändertem Personal spielen lassen. Das war, das sei mit Nachdruck in Erinnerung gerufen, mehr oder minder der Kader, an dem vor ihm bereits Fink und van Marwijk gescheitert sind. Alle Behauptungen, mit einem Thomas Tuchel etwa würde zwingend alles besser beim HSV, fußen, bei allem Respekt vor Tuchel, überwiegend auf dem Prinzip Hoffnung. Diejenigen, die z.B. Tuchel jetzt zunehmend vehement fordern, sind übrigens oft genug identisch mit denjenigen, die vor Monaten ganz sicher zu wissen glaubten, dass Magath ein Erfolgsgarant sei. Wer es mit den Fakten statt dem Glauben hält, der schaue hingegen mal, wenn er/sie es nicht ohnehin weiß,  wo sich Fulham FC derzeit befindet…

Neue Spieler bilden nicht sofort eine neue, funktionierende Mannschaft. Ausnahmen bestätigen hier nur die Regel. Das gilt auch für den HSV. Entscheidend bleibt für mich in den nächsten Wochen also, ob Fortschritte im Gesamtprozess erkennbar sind. Ansätze dafür meine ich gesehen zu haben. Stieber hatte einige gute Aktionen, gleiches gilt auch für Holtby. Müller ließ zumindest bei seiner großen Torchance erahnen, wozu er mit etwas mehr Spielpraxis in der Lage ist. Zwischen Cléber und Djourou stimmte unter Druck gelegentlich noch nicht die Abstimmung, aber auch das wird sich sicherlich mit mehr gemeinsamer Spielpraxis verbessern. Für einen ersten Einsatz fand ich Clébers Auftritt jedenfalls durchaus in Ordnung. Green, so schien mir, braucht möglicherweise noch etwas länger, um sich vollständig zu akklimatisieren, aber da könnte ich mich auch irren. Überhaupt ist es m.E. viel zu früh für definitive Einschätzungen. Soweit es mich betrifft, gilt dies auch für die Trainerfrage.

Eins sollte sich jedoch tunlichst nicht wiederholen, und das ist ein vollkommen blutleerer Auftritt wie gegen den SC Paderborn. Aber auch in Sachen Einsatzwillen meine ich gegen Hannover 96 eine andere Mannschaft gesehen zu haben. Auch wenn es aus Fan-Sicht angesichts fortwährender Enttäuschungen inzwischen fast als Zumutung erscheint – Geduld bleibt weiterhin gefragt in Hamburg.

Anschauungsunterricht vom kleinen Bruder: Hannover 96 – HSV 2:1 (1:0)

Langsam fällt es selbst mir schwer, positiv zu bleiben. Zu ernüchternd war das, was die Mannschaft des Hamburger Sportvereins gestern gegen Hannover 96 bot. Während ich zunehmend konsterniert das Geschehen auf dem Rasen verfolgte, schoss mir durch den Kopf: ohne Herz und Hirn kann man nicht gewinnen! Zu diesem Zeitpunkt stand es noch 1:1. Dann kam Rudnevs und sorgte dafür, dass der HSV am Ende vollkommen verdient verlor. Denn bis dahin hatte der kleine dem großen Bruder Anschauungsunterricht in Sachen Abstiegskampf und Fußball gegeben.

Der HSV begann wie erwartet mit der folgenden Aufstellung:

Adler – Diekmeier, Djourou, Mancienne, Westermann(17. Ilicevic) – Calhanoglu, Rincon, Arslan (88. John), Jiracek – van der Vaart (46. Maggio) – Zoua

Spielverlauf:
Hannovers Trainer Korkut ließ den ball- und kombinationssicheren Bittencourt neben Ya Konan beginnen. Rudnevs blieb daher zunächst auf der Bank. Für mich eine von mehreren taktischen Maßnahmen beider Trainer, die den Spielverlauf entscheidend beinflussten. Hannover erwischte vom Anpfiff an den besseren Start in die Partie. Bereits in der 2. Minute ließ sich Westermann an der Außenlinie von Stindl den Ball abluchsen. Der folgende Fernschuss von Andreasen verfehlte jedoch das Hamburger Tor. Nur eine Minute später ging aus Hamburger Sicht erneut der Ball auf der Außenbahn verloren. Dieses Mal war es Stindl, dessen Schuss knapp am rechten Pfosten vorbei (3.) ins Toraus ging. Spätestens jetzt hätten die Hamburger hellwach und gewarnt sein müssen! Der HSV aber, vermutlich in dem Bemühen, auswärts abgeklärt und souverän zu agieren, spielte naiv, pomadig und – das schlimmste von allem – hirnlos. Hannover presste zunächst erst im Mittelfeld, dort jedoch konsequent. Einmal mehr trat zu Tage, dass das Zentrum des HSVs spielerische und taktische Defizite aufweist. Die Hamburger versuchten, wie gewohnt über die Außen ihr Spiel nach vorne zu tragen und liefen dort den von Korkut glänzend eingestellten Leinestädtern in die Falle. Immmer wieder gelang es den Gastgebern dort, den Ball durch entschlossenes Zweikampfverhalten und/oder personelle Überzahl zu erobern und schnell umzuschalten. Die beiden eigenen beweglichen Spitzen beschäftigten die Hamburger Innenverteidigung. Da auch das Mittelfeld der Gäste entschlossen nachrückte und sich an den Angriffsbemühungen beteiligte, liefen Rincon und Arslan von Anfang an der Musik hinterher. Der nominell rechts außen aufgebotene Stindl konnte immer wieder und wieder ungestört einrücken und zum Torabschluss kommen. In der 6. Spielminute hätte es eigentlich schon so weit sein müssen: Im defensiven Hamburger Mittelfeld klaffte ein riesiges Loch, durch das die Hannoveraner mit Tempo auf Hamburgs Viererkette zu liefen. Doch Stindls Fernschuss aus zentraler Position (ca. 20m) ging noch knapp am rechten Pfosten vorbei. Ein, wie sich zeigen sollte, letzter Warnschuss, den die Hamburger ebenfalls ignorierten. Drei Minuten später stand wieder Stindl völlig frei. Aus halb linker Position und acht Meter vor dem Gästetor kam er zu einem Kopfball, den er neben dem kurzen Pfosten im Tor unterbrachte. 1:0 für die Hausherrn. Stindl, Stindl, Stindel! Die Hamburger bekamen ihn während der kompletten ersten Spielhälfte überhaupt nicht in den Griff. Er allein hätte, etwas mehr Schussglück vorausgesetzt, den großen HSV schon zur Halbzeit hoffnungslos in Rückstand schießen können.

Kein Spiel des Hamburger Sportvereins ohne Hiobsbotschaften: Da Jansen noch nicht fit ist und daher nicht auf der Bank war, musste der aushilfsweise links verteidigenden Westermann bereits in der 17. Minute verletzungsbedingt ausgetauscht und durch den ebenfalls noch nicht völlig beschwerdefreien Ilicevic ersetzt werden. Jiracek rückte auf der linken Seite eine Position nach hinten und übernahm die Rolle Westermanns.

In der 25. Minute prüfte erneut Stindl Hamburgs Torhüter Adler, der aber zur Ecke klären konnte. Als der folgende Eckstoß in den Strafraum der Hamburger segelte, kam Ya Konan zum Kopfball Richtung langes Eck, doch van der Vaart konnte auf der Linie klären. Sechs Minuten später, in der 31. Spielminute, verlor Ilicevic durch gutes Pressing der Hannoveraner den Ball. Die „96er“ liefen in Überzahl (4 gegen 3) auf das Tor der Hamburger zu. Dieses Mal scheiterte Bittencourt mit seinem Schuss denkbar knapp am  Pfosten des Hamburger Gehäuses. Glück, Glück, Glück aus Sicht der Hamburger! Der HSV wirkte angesichts der erstklassigen taktischen Einstellung des kleinen Brudervereins über weite Strecken der ersten Spielhälfte hilflos und überfordert. Zumal die Gastgeber mit fortschreitender Spielzeit nun ihr Pressing weiter nach vorne verlagerten und schon das Aufbauspiel des HSVs durch entschlossenes Anlaufen der Innenverteidiger störten. Bei Ballbesitz versuchte der HSV daher meist, mit hohen Chip-Bällen Zoua zu erreichen, oder spielte prinzipiell leicht zu verteidigende, hohe und lange Bälle. Gepflegtes Passspiel? Fehlanzeige – Grausam! So blieb es erneut Stindl überlassen, den Schlusspunkt für diese Halbzeit zu setzen. Nach einer schönen Kombination der Hannoveraner über Hamburgs linke Abwehrseite konnte jedoch Adler Stindls Schuss mit Mühe entschärfen. Mancienne klärte dann endgültig.

Fazit zur Pause: Es spielte nur „96“. Van der Vaart war bis auf seine Rettungstat, man muss es dieses Mal so deutlich feststellen, ein Totalausfall. Echte Torchancen für den HSV gab es nicht, dafür eine Vielzahl davon für die Gastgeber. Bei konsequenter Chancennutzung durch die Hannoveraner hätte schon zur Halbzeitpause ein Debakel für die Gäste notiert werden müssen. So aber blieb es zunächst bei einer hochverdienten, jedoch denkbar knappen 1:0-Führung für die Gastgeber.

Slomka nahm den enttäuschenden Hamburger Kapitän zur Halbzeit aus der Partie und brachte Nachwuchsstürmer Maggio. Dieser besetzte nun die Sturmspitze, während Zoua vor allem auf den rechten Flügel auswich. Taktisch entprach das über weite Strecken der zweiten Hälfte einem 4-1-4-1, da wahlweise auch einer der beiden hamburger Sechser die Außenbahn mitunterstützte. Maggio  war kaum auf dem Feld, da hatte er für Hamburgs Offensive bereits mehr bewirkt als van der Vaart zuvor. Er wirkte deutlich schneller, spritziger und entschlossener. So bedrängte er kurz nach Wiederanpfiff Hannovers Linksverteidiger Pander, dem prompt zentral vor dem eigenen Strafraum ein Handspiel unterlief. In den linken Rand der Mauer der „96er“ schmuggelten sich drei Hamburger. Calhanoglu lief zum fälligen Freistoß an, die drei Hamburger machten den Weg frei, und der Ball zappelte neben dem linken Pfosten im Netz der Gastgeber. Ein uralter Freistoßtrick, den die Brasilianer bereits 1974 bei der WM in der damaligen Bundesrepublik  gezeigt haben. Meiner Meinung nach ein klarer Abwehrfehler, an dem der für die Positionierung der Mauer zuständige hannoveraner Torhüter Zieler durchaus mindestens mitbeteiligt war. Das 1:1 in der 47. Spielminute, und der Spielverlauf war vollkommen auf den Kopf gestellt.
In der Folge gelang es dem HSV durch die veränderte taktische Ausrichtung zunächst etwas besser, personelle Unterzahlsituationen vor allem auf den Flügeln zu vermeiden. Dann aber zeigten sich sattsam bekannte Schwächen: Hannover konnte in die Räume hinter die offensive Viererkette der Hamburger stoßen, in der nun ohnehin oft nur ein einziger Sechser stand und sich einer personellen Überzahl ausgesetzt sah. Das war auch deswegen für die Gastgeber einfach, weil die Hamburger – wieder einmal! Wie oft noch?! – vollkommen hirnlos (im Sinne fehlender taktischer und spielerischer Intelligenz) agierten. Die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen wurden viel, viel zu groß! Bei Ballgewinn bemühten sich die Offensivspieler nach vorne, während die Defensive nur unzureichend nachschob, um den dahinter liegenden Raum zu verdichten. Zeitweilig, so meine ich es gesehen zu haben, lagen sechzig, siebzig Meter zwischen den Mannschaftsteilen. Das hatte nichts, aber auch rein gar nichts mehr mit der viel zitierten und unerlässlichen Kompaktheit zu tun. Es ist ja gut und schön, wenn man die Außen personell besser besetzt, aber wer dahinter, gerade in einem 4-1-4-1, dem Gegner riesige Räume anbietet, der handelt schon sträflich naiv. Und dann ist noch etwas schärfstens zu kritisieren: Wenn man schon erkennbar einen schlechteren Tag erwischt hat und denkbar glücklich und im Grunde vollkommen unverdient zum Ausgleich kommt, dann muss man zur Not mit einem Punkt zufrieden sein und wenigstens dessen Gewinn sicherstellen! Nicht so aber die aktuelle Mannschaft des Hamburger Sportvereins. Da will man, prinzipiell durchaus lobenswert, unbedingt das Siegtor erzielen und läuft dann naiv in die Konter. So kam, was im Grunde kommen musste: Hannover 96 hatte sich nach ca. einer Viertelstunde besser auf die neue taktische Ausrichtung eingestellt und übernahm wieder zunehmend das Kommando. Ebenfalls zu bemängeln aus hamburger Sicht ist eine Vielzahl an Standards, die man zuließ. Foulspiele, die den Gastgebern Freistöße ermöglichten, sind z.T. auch Indiz dafür, dass man wiederholt einen Schritt zu spät kam, weil eben die Abstände oft gar nicht mehr stimmten. Auch hier bleibt zu resümieren: Zum Glück für den HSV blieben die Standards des Gegners oft ungefährlich. An einem anderen Tag hätte allein diese Unzahl an gegnerischen Standards den Verlust der Partie zur Folgen haben können.
In der 83. Spielminute brachte Korkut Rudnevs für Pander. Eine Maßnahme, die sich schon wenig später auszahlen sollte. Die Hamburger verloren in der Vorwärtsbewegung im Mittelfeld nicht nur den Ball, sondern danach fünf (5!) Zweikämpfe in Folge gegen Andreasen und den bereits oft erwähnten, besten Mann auf dem Platz, Hannovers Kapitän Stindl. Rudnevs Schuss konnte in allerhöchster Not noch von Djourou von der Linie gekratzt werden. Da dies aber unkontrolliert erfolgte, hatte Ya Konan anschließend keine Mühe, zum 2:1 für die Gastgeber abzustauben.
Slomka blieb angesichts der geringen Restspielzeit und der personellen Lage gar nichts anderes mehr übrig und brachte John für Arslan (88.). Die letzten Möglichkeiten gehörten jedoch den Gastgebern. Erst machte Adler eine Doppelchance (89.) zunichte (Schuss von Andreasen, Nachschuss von Ya Konan), dann scheiterte erneut Ya Konan mit einem strammen Schuss aus ca. 17 Metern, den Adler mit Mühe über die Latte lenken konnte (90+1.). Danach erlöste der Schiedsrichter die Hamburger mit dem Schlusspfiff.

Fazit: Ein hochverdienter Sieg des kleineren Bruders, darüber kann es keine geteilten Meinungen geben. Ein Punktgewinn für den großen HSV lag zwar im Bereich des Möglichen und wäre sehr, sehr wichtig gewesen, so aber steht man einmal mehr mit leeren Händen da. Das ist bitter, lässt aber die Defizite schonungslos hervortreten. Hannover war in allen Bereichen überlegen: Entschlossenheit in der Zweikampfführung, mannschaftliche Geschlossenheit, taktische Disziplin und Spielintelligenz. Wenn Calhanoglu nach Abpfiff davon sprach, dass die Mannschaft daraus lernen müsse, dann sei drauf hingewiesen, dass die Zeit abläuft, in der man Grundtugenden noch erlernen kann. Der kleine Bruder hat dem größeren mehr als eine Lektion erteilt. Wenn die Mannschaft des  Hamburger Sportvereins es jetzt nicht begriffen hat, dann steigt sie ab.

4-4-2, 4-2-3-1, 4-2-4-0 oder 4-1-4-1 – taktische Systeme sind, das zeigte auch dieses Spiel, wichtig und ggf. spielentscheidend. Zugleich aber gibt es die klaren Formationen im Grunde oft nur so lange das Spiel ruht, bzw. das Tempo nicht beschleunigt wird. Danach entstehen situativ andere Formationen. Egal in welcher Formation man sich gerade befindet – die Kompaktheit ist das A und O! Wer kompakt bleibt, der hat kürzere Weg zum Ball und bessere Chancen auf personelle Überzahl und Ballgewinne.
Van der Vaart, egal ob das nun wieder eine echte oder taktische Verletzung ist, ähnelt immer mehr einem anderen personellen Missverständnis. Vor Jahren holte man einen Jörg Albertz, der bei seiner ersten Station in Hamburg überzeugt hatte, mit großen Erwartungen zurück. Resultat: „Ali“ Albertz war dem Tempo der Bundesliga nicht mehr gewachsen. „Raffa“ ist nicht vorzuwerfen, dass man ihn in Hamburg fälschlich für einen Spielmacher hielt. Und seine kämpferische Einstellung halte ich für tadellos. Angesichts seiner anhaltenden Formschwäche und seiner läuferischen Unterlegenheit (Geschwindigkeit)  wird er aber zunehmend zum Problem. Jedenfalls dann, wenn er nicht wirklich vollkommen fit ist.
Es fehlen dem HSV vor allem im Defensiven Mittelfeld Spieler, die z.B. auch verbal wachrütteln, organisieren und so sicherstellen, dass in einem derartigen Spiel die Mannnschaft nicht auseinanderfällt. Rincon, Badelj, Arslan – alles tadellose Jungs, aber keiner dabei, der erkennbar Kommandos gibt. Slomka hat durch seine taktische Umstellung dazu beigetragen, dass die zweite Spielhälfte etwas besser lief und ein Debakel verhindert werden konnte. Von einer Bundesliga-Mannschaft muss man aber erwarten dürfen, dass sie irgendwann Grundlektionen verinnerlicht und nicht immer wieder dieselben Kardinalfehler begeht. Auf dem Platz stehen die Spieler, nicht der Trainer!
Zum Glück für den Hamburger Sportverein sind die Ergebnisse der ebenfalls gegen den Abstieg spielenden Konkurrenz einigermaßen glücklich günstig ausgefallen. So bleibt man auf dem Relegationsplatz und hat weiter alle Möglichkeiten, zumindest den Relegationsplatz am Ende zu belegen. Da aber die verbleibenden Spieler immer weniger werden, steigt auch der Erfolgsdruck. Ich bleibe dabei, dass u.a. Slomkas psychologische Arbeit über alle Zweifel erhaben ist und daher sich noch als großes Plus erweisen könnte. Die taktischen und individuellen Defizite der Mannschaft sind personell, z.T. auch durch nachvollziehbare Reifungsprozesse, bedingt. Slomka ist ja inzwischen der dritte Trainer in dieser Saison, der sich damit konfrontiert sieht und dies abzustellen versucht. Die Mannschaft ist nun gefordert, nachzuweisen, dass sie tatsächlich die Lektion gelernt hat. Viele Chancen bleiben ihr nicht mehr.

Schiedsrichter: Hartmann (Wangen). Übersah, dass Rudnevs knapp im Abseits stand. Der Siegtreffer für die „96er“ hätte also gar nicht fallen dürfen. Dennoch sollte man als Hamburger keinesfalls die Schiedsrichterleistung als Grund für eine grundsätzlich mehr als verdiente Niederlage anführen.

DAS RESTPROGRAMM

13. Hannover 96 (32 Pkt; -17):
Eintracht Frankfurt (A)
VfB Stuttgart (H)
1. FC Nürnberg (A)
SC Freiburg (H)

14. SC Freiburg  (32 Pkt; -17):
Borussia M’Gladbach (H)
VfL Wolfsburg (A)
FC Schalke 04 (H)
Hannover 96 (A)

15. VfB Stuttgart (28 Pkt; -13):
Schalke 04 (H)
Hannover 96 (A)
VfL Wolfsburg (H)
Bayern München (A)

16. Hamburger Sportverein (27 Pkt; -16):
VfL Wolfburg (H)
FC Augsburg (A)
Bayern München (H)
1. FSV Mainz 05 (A)

17. 1.FC Nürnberg (26 Pkt; -23)
Bayer Leverkusen (H)
1. FSV Mainz 05 (A)
Hannover 96 (H)
FC Schalke 04 (A)

18. Eintracht Braunschweig (25 Pkt; -24):
Bayern München (H)
Hertha BSC (A)
FC Augsburg (H)
1899 Hoffenheim (A)